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1 Carmen Mellado Blanco Universität Santiago de Compostela Wenn modifizierte Sprichwörter zu Mustern werden. Eine korpusbasierte Studie am Beispiel von Reden ist Silber, Schweigen ist Gold 1 Wir möchten in der Regel etwas bewirken, wenn wir sprechen, also sprachlich handeln – und mit Phrasemen scheint das irgendwie leichter zu sein – vielleicht weil wir indirekt bleiben können, indem wir etwas anderes sagen, was wir meinen und natürlich davon ausgehen, dass das Gemeinte vom Hörer verstanden wird. (Schafroth 2013: 186) Abstract Untersuchungsgegenstad der vorliegenden Arbeit ist die korpusbasierte Analyse der Musterhaftigkeit der Sprichwörter auf textueller Ebene. Nach einem Überblick über die Musterterminologie der deutschsprachigen Sprichwortforschung (vgl. Termini wie Strukturmodelle, Topikmuster, Sprichwortmuster, idiomatic pattern) wird die wichtige Differenzierung zwischen Modellen der Synthese und der Analyse bei Parömien diskutiert und ihre wichtigste Charakteristik erläutert. Der Nutzwert der korpusgestützten Studien für die Bestimmung von Sprichwortmustern soll des Weiteren im Korpus Sketch Engine (SkE) (deTenTen 2013) anhand des Sprichwortes Reden ist Silber, Schweigen ist Gold auf der Basis von rekurrenten Modifikationen veranschaulicht werden. Dank der gewonnenen Ergebnisse aus verschiedenen gezielten Suchanfragen werden produktive bzw. weniger produktive Modelle formuliert und dabei erklärt, in welchem Maβe die herkömmliche Botschaft ('Es ist ratsamer zu schweigen als zu reden') in den variierten Belegen und in den Mustern erhalten bleibt. Zum Schluss wird das mit 21% der Gesamtbelege bewährte Sprichwortmuster [Reden ist Silber, X ist Gold] einer genaueren Analyse unterzogen und die Vielfalt der lexikalischen Aktualisierungen des Slots X aus onomasiologischer Perspektive gezeigt. 1. Einführung: Abwandlungen von Sprichwörtern und Musterhaftigkeit Die Ideen der Rekurrenz bestimmter Bausstrukturen bei Parömien und der Assoziation zwischen solcher Baumodelle und einer allgemeinen abstrakten Bedeutung finden sich schon bei Röhrich/Mieder (1977: 62) und Mieder (1999: 5). Diese Autoren sprechen in ihrer Theorie – in Anlehnung an skandinavische Autoren – von «Strukturmodellen», wie folgende: <Erst A, dann B> (z.B. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen), <Lieber A als B> (z.B. Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach). Strukturmodelle dieser Art können ihrerseits 1 Diese Arbeit ist im Rahmen des vom spanischen Ministerium für Wirtschaft und Wettbewerbsfähigkeit finanzierten Forschungsprojekts FFI2013-45769-P Combinaciones fraseológicas del alemán de estructura [PREP. + SUST.]: patrones sintagmáticos, descripción lexicográfica y correspondencias en español (http://www.usc.es/frasespal/web/) entstanden.
2 produktiv werden und die Grundlage für neue Sprichwörter oder Sprichwortvarianten bilden (Röhrich/Mieder 1977:62). Der so beschriebene Modellcharakter vieler Parömien erinnert nach Lewandowska (2008) – auf semantischer Ebene – an Permjakovs Theorie der tiefensemantischen «Modelle» (1968) bzw. an die logisch-semantischen Universalien («Invarianten»), die aus einer mehrsprachigen Perspektive die Basis für das Verständnis und den Gebrauch von Sprichwörtern abgeben (vgl. Grzybek 2000). Die erwähnte Kategorie der Strukturmodelle erscheint in der deutschen Phraseologieforschung unter einer anderen Terminologie weiterhin bei Feilke (1996: 242), der die sogenannten «Topik-Muster» – neben den textuellen strukturierenden Mustern (z.B. Wenn ich X richtig verstehe, …) und den sozial strukturierenden Mustern (z.B. Es lebe X!) – als Bestandteil der «syntaktischen Ausdrucksmodelle mit primär pragmatischer Prägung» konzipiert. Der Klasse der Topikmuster subsumiert er «alle Formen von Ausdrucksschemata für Sprichwörter, Stereotype, Gemeinplätze etc.», wie <Lieber A als B>; <Wer A, der B>. Eine weitere Perspektive der Modellierung und Modellhaftigkeit der Parömien bieten Steyer (2010, 2012, 2013) und Ďurčo/Steyer/Hein (2015) unter dem Begriff Sprichwortmuster. Steyer (2013) versteht unter Sprichwortmustern «Einheiten, die aus festen lexikalischen SWKomponenten und variablen Slots bestehen. Unabhängig von der Natur der Slotbesetzungen und dem Grad der Polysemie bleibt die Sprichwörtlichkeit erhalten». Bei dieser Autorin entspricht das Konzept des Sprichwortmusters – im Gegensatz zu den oberen Beispielen der Strukturmodelle – eher den Modellen der Synthese und nicht der Analyse 2 . Demzufolge sind die Okkurrenzen des Sprichwortmusters <Es ist noch kein SUB vom Himmel gefallen> Es ist noch kein Redner vom Himmel gefallen oder Es ist noch kein Star vom Himmel gefallen keine lexikalisierten Einheiten, sondern kreative Variationen eines in der Sprache etablierten Sprichworts (Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen). Festzuhalten ist allerdings, dass sowohl die textuellen Realisierungen der Modelle der Synthese (z.B. von <Es ist noch kein SUB vom Himmel gefallen>: Es ist noch kein Groβmeister vom Himmel gefallen) als auch die sprichwörtlichen Vertreter der Modelle der Analyse (z.B. von <Lieber A als B>: Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach) unter sich ein Kontinuum darstellen und sich beide Kategorien in Folge der graduellen Prototypikalität der Slotbesetzungen verwischen können. In diesem Zusammenhang kann die Korpuslinguistik von groβem Nutzen sein. So Ďurčo/Steyer/Hein (2015: 88): 2 Nach Fleischer (1997: 194) geht es bei Modellen der Analyse um die Typisierung vorhandener Phraseologismen, die «bei der Bildung neuer Verbindungen Modellwirkung ausüben können». Nach diesem Autor bilden sie syntaktisch-semantische Konstruktionsgerüste, bei denen die lexikalische Füllung nur geringe Variationsmöglichkeiten zulässt.
3 Mit Hilfe der Korpusanalyse ist es nun möglich, anhand empirischer Massendaten zu rekonstruieren, welche Inhalte prototypisch in bestimmte Muster und Modelle gegossen werden und welche nur okkasionelle Bildungen sind. Ein weiterer wichtiger Begriff für die Theorie der Musterhaftigkeit ist bei Mieder (2010: 194) anzutreffen. Dieser bekannte Parömiologe bezieht sich auf die «Strukturformel» (z.B. <Man soll X nicht vor Y loben>) als Abstraktion von in den Texten aufgefundenen «Antisprichwörtern» 3 von einem bestimmten Sprichwort (Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben). Die als Okkasionalismen entstandenen Antisprichwörter können sich in der Sprache verfestigen und verschiedene Lexikalisierungsgrade aufweisen. Vom Terminus Strukturformel macht ebenso Steyer (2013) Gebrauch, aber mit einer anderen Bedeutung. Strukturformeln sind bei dieser Autorin abstraktere Bauformen wie z.B. <Wo X ist, ist Y> 4 , die sowohl etablierte Sprichwörter mit prototypischen Füllern (Wo Licht ist, ist auch Schatten; Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg) als auch kreative Variationen (z.B. Wo in Wald ist, ist auch ein Reh), also «nicht-sprichwörtliche Realisierungen», umfasst 5 . Die aktuelle phraseologische korpusgestützte Forschung des Deutschen hat bis dato ihr Augenmerk besonders auf Modelle der Synthese mit satzgliedwertigem bzw. satzwertigem Charakter (Phrasem-Konstruktionen 6 ) gerichtet, während sich die korpusbasierte Analyse von parömiologischen Mustern auf Satzebene von wenigen Autoren durchgeführt wird (vgl. Steyer 2010, 2012, 2013; Ďurčo/Steyer/Hein 2015). Die Konstruktionsgrammatik kann unter dem Einsatz der Methoden der Korpusanalyse auf die Forschung der Musterhaftigkeit der Phraseologie sehr positiv einwirken (vgl. Schafroth 2014; Benigni u.a.), wie Burger (2015: 54) in der fünften Auflage seiner Monografie Phraseologie. Eine Einführung am Beispiel des Deutschen nachweist. In diesem Referenzwerk sei weiterhin zu begrüβen, dass Muster 7 zum ersten Mal ein eigenes Kapitel als Phrasem-Subklasse in der allgmeinen Klassifizierung 3 Das «Antisprichwort» ist ein von Mieder geprägter Terminus, der sich auf Abwandlungen und Erweiterungen von bekannten Sprichwörtern beziehen, die gegen diese formuliert sind (Mieder 1985). So bei Litovkina/Mieder (2006: 5): «Wolfgang Mieder has coined the term <Antisprichwort> (anti-proverb) for such deliberate proverb innovations (alterations, parodies, transformations, variations, wisecracks, fractured proverbs [...]». Antisprichwörter werden hier weiter als «reactions to traditional proverbs» aufgefasst (s. Litovkina/Mieder 2006: 5). 4 Der Abstraktionsgrad der Korpusabfrage bestimmt die Ergebnisse vor. So kann die Strukturformel [Wo X ist, ist Y] unterschiedliche Aktualisierungen wie Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg (bei einer Suchanfrage mit indefinitem Artikel) oder Wo Licht ist, ist auch Schatten (bei einer Suchanfrage ohne Artikel) ergeben. 5 Daraus lässt sich schlussfolgern, dass der Begriff Strukturformel bei Steyer (2013) auf beide Modelle der Synthese und der Analyse Bezug nimmt. 6 Dieser von Dobrovol’skij (2011) in Anlehnung an die angelsächsische Konstruktionenforschung geprägte Terminus entspricht im weiteren Sinne den Modellbildungen (in der Terminologie von Černyseva 1975, Häusermann 1977 und Burger 2015 5 ) bzw. den Phraseoschablonen (nach Fleischer 1997). 7 Muster umfassen in dieser Klassifizierung: Modellbildungen (von X zu X: von Stadt zu Stadt), Paarformeln (fix und fertig), komparative Phraseme, Funktionsverbgefüge und «weitere Muster» (korpusbasierend) wie idiomatische Sätze und Sprichwortmuster. Den letzten Terminus übernimmt Burger von Steyer (2013).
4 bekommen. «Sprichwortmustern» bzw. «Strukturformeln» wird ein Platz unter der Subgruppe «weitere Muster» eingeräumt. Eine weitere interessante Erscheinung der Musterhaftigkeit unter den Sprichwörtern ist diejenige der idiomatischen Konstruktionen auf interlingualer Ebene. Für diesen Terminus lehnen wir uns an Piirainens neues Projekt Widespread idiomatic and formulaic Constructions 8 an, unter denen Untersuchungsgegenständen die Inventarisierung und Beschreibung von idiomatic patterns in mehreren europäischen Sprachen zählen. Bei den idiomatischen Konstruktionen sind in der Regel nur die funktionalen Wörter lexikalisch spezifiziert, während die übrigen Slots unspezifiziert bleiben. Ein wichtiger Punkt bei dieser Art Musterhaftigkeit ist es, dass die lexikalisch unspezifizierten Leerstellen konstitutive Elemente von Frames oder Szenarien darstellen müssen, weshalb sie nur indirekt beschrieben werden können. Ein Beispiel für eine idiomatische Konstruktion wäre [(to live/be/…) like X in Y], wobei X = ein Tier und Y = sein Lieblingsessen ist. Die Bedeutung der idiomatischen Konstruktion wäre '(to live/be/…) in abundance' und einige der interlingualen Instanzen sind: - im Englischen (to be) like a bee in clover/(to be) like a pig in clover - im Deutschen leben wie die Made im Speck - im Französischen vivre comme un coq en pâte (wörtlich 'leben wie ein Huhn in Leberpastete') - im Tschechischen žít jako prase v žitĕ (wörtlich 'leben wie das Schwein im Roggen') Nach dem obigen Überblick über einige Ansichten der Musterhaftigkeit in der Parömiologie wird im folgenden Kapitel das Sprichwort Reden ist Silber, Schweigen ist Gold unter die Lupe genommen und sein Modifikationsbzw. Musterpotenzial anhand der Korpusbelege im Korpus Sketch Engine (SkE) (deTenTen 2013) erörtert. 2. Das Sprichwort Reden ist Silber, Schweigen ist Gold 2.1 Inhaltliche und formelle Merkmale Die bekannte Parömie Reden ist Silber, Schweigen ist Gold weist die Grundbedeutung 'in bestimmten Situationen ist es ratsamer zu schweigen als zu reden' (vgl. die Definition in der Sprichwortplattform http://www.sprichwort-plattform.org/) auf und beruht auf den 8 Es handelt sich um eine Fortsetzung ihres vorigen Projekts Widespread Idioms in Europe and Beyond (Online: http://www.widespread-idioms.uni-trier.de/)
5 Präsuppositionen 9 'Gold ist wertvoll'/'Silber ist weniger wertvoll als Gold' und auf dem Analogieschluss 10 'Wenn Reden Gold ist und wenn Schweigen Silber ist, dann ist Reden besser/wertvoller als Schweigen'. Die Modifikationen des Attributs unter den Formeln [Reden ist X, Schweigen ist Gold], [Reden ist Silber, Schweigen ist Y] bzw. [Reden ist X, Schweigen ist Y] (wobei X≠Silber und Y≠Gold) haben zum Zweck, die moralische Weisheit über die Vorteile des Schweigens zu relativieren, zu verstärken oder zu negieren (s. weiter unten). Die illokutiven Funktionen der Parömie Reden ist Silber, Schweigen ist Gold sind in den untersuchten Korpusbelegen KRITIK, AUFFORDERUNG, WARNUNG, RATSCHLAG, BELEHRUNG, RECHTFERTIGUNG und ZURECHTWEISUNG. Anhand dieses Beispiels sehen wir, dass sich Parömien – als Subgruppe der Phraseme – zum Ausdruck illokutionärer Kraft besonders gut eignen, wie Schafroth (2013: 186) zutreffend anmerkt (s. Zitat am Anfang des Beitrags). Die formale und logisch-semantische Struktur des Sprichworts Reden ist Silber, Schweigen ist Gold entspricht dem «Topos des Mehr oder Minder» als Aspekttopos (Wirrer 1999: 424 und Wirrer 2007), oder dem sogenannten «Konsequenztopos», «der eine Abwägung positiver und negativer Handlungen unter dem Aspekt von Wahrscheinlichkeit und Relevanz vorsieht » (Kindt 2002: 281). Nach Kindt ließen sich «Regularitäten über positive oder negative Konsequenzen bestimmter Handlungen » immer in Argumentationen nach dem Muster des Konsequenztopos einbauen, wie auch bei unserem Untersuchungsgegenstand der Fall ist. In der Parömie Reden ist Silber, Schweigen ist Gold wird der Abwägungsprozess bei den Alternativhandlungen (Reden oder Schweigen) explizit thematisiert und vor die Konzequenzen von der einer bzw. der anderen Handlung gewarnt. Die Äußerung ist assertiv, wie bei den meisten Konsequenztopoi. Drohungen und Erpressungen als direktive Sprechakttypen machen in der Tat oft Gebrauch vom Konsequenztopos, «indem einer Person X von einer Person Y gravierende negative Konsequenzen für den Fall angekündigt werden, dass X eine bestimmte Handlung H durchführt bzw. unterlässt» (Kindt 2002: 284). 9 Diese Präsupposition basiert auf unserer Weltkenntnis bzw. der Kultursymbolik der Edelmetalle Gold und Silber. In unserem Kulturkreis wird beiden Metallen ein hoher Wert zugeschrieben und sie sind symbolisch mit 'Reichtum' verbunden (vgl. das Phrasem mit einem goldenen/silbernen Löffel im Mund geboren sein: 'reich geboren sein', DUDEN 11). Gold und Silber verfügen allerdings in ihrer Symbolhaftigkeit nicht über den gleichen Wert, sondern befinden sich jeweils auf einer imaginären Wertskala 'gut-weniger gut'. 10 «Analogie» wird laut Coenen (2002: 31) definiert als «ein symmetrisches Verhältnis zwischen zwei sprachlich beschriebenen Gegenständen, nicht etwa zwei Bedeutungen oder sprachlichen Ausdrücken. Das Verhältnis der Analogie besteht zwischen zwei beschriebenen Gegenständen genau dann, wenn für die Gegenstände ein gemeinsamer Beschreibungsinhalt gilt. Wo die Beschreibung (a)I und (b)I gelten, sind die Gegenstände a und b einander analog».
6 Der Konsequenztopos gilt als Argumentationsmodell für die Aktualisierungen der oben erwähnten Muster mit einer Attribut-Leerstelle, wobei die Slots X, Y oft als Metallbezeichnungen auftreten. In diesen Fällen bestimmt die Qualität des bezeichneten Metalls den Wert der Kommunikationshandlungen Reden bzw. Schweigen. So kann in den Korpusbelegen der Attribut-Slot X beim Muster [Reden ist X, Schweigen ist Gold] durch Blech, Quacksilber, Blei oder Bronze (Reden ist Blech, Schweigen ist Gold; Reden ist Bronze, Schweigen ist Gold) vertreten sein. In einigen Belegen werden gleichzweitig X und Y [Reden ist X, Schweigen ist Y] (wobei X≠Gold und Y≠Silber) aktualisiert und das Sprichwort kann zusätzliche Erweiterungen als konzeptuelle Steigerungen erfahren (Reden ist Blech, Schweigen ist Silber, Handeln ist Gold) 11 . Dieses Sprichwort wäre aufgrund seiner alten Herkunft 12 (vgl. Röhrich 2004: 1234) und seiner Verbreitung in den europäischen Sprachen (vgl. die Sprichwortplattform unter http://www.sprichwort-plattform.org/ und den Refranero Multilingüe unter https://cvc.cervantes.es/lengua/refranero/ficha.aspx?Par=58895&Lng=5) als «Internationalism» bzw. «Europäism» zu betrachten (vgl. Piirainen 2005, Mellado Blanco 2013). Der hohe Bekanntheitsgrad des Sprichworts begünstigt dessen häufige Abwandlungen 13 unter der Form von Erweiterungen, Reduktionen, Substitutionen oder Kontaminationen 14 . Die das Sprichwort strukturierende binäre Opposition, die zweigliedrige aus zwei Hauptsätzen bestehende Struktur der Parömie sowie der Symbolcharakter der Konstituenten innerhalb einer Wertskala «weniger gut-gut» verstärken ebenso das Modifikationspotenzial dieser Parömie besonders unter der Form der lexikalischen Substitution 15 . Diese Prämissen lassen sich mit aller Deutlichkeit auf der Basis der im Korpus Sketch Engine (SkE) (deTenTen 2013) gewonnenen Ergebnisse nachweisen. Anhand der Korpusbelege der 11 Eine interessante und amüsierende Darstellung der textuellen Modifikationen des Sprichwortes Reden ist Silber, Schweigen ist Gold in der Belletristik und den Medien bietet Mieder (1998: 232-239). 12 Bei dieser Parömie wird arabische Herkunft vermutet (vgl. Röhrich 2004: 1234). In der Bibel findet sich bereits die metaphorische Verwendung vom Reden und dem Edelmetall Silber: «Des Gerechten Zunge ist köstliches Silber; aber der Gottlosen ist wie nichts» (Sprüche 10,20) (vgl. https://www.redensarten-index.de). In lateinischer Form taucht das Sprichwort im 16. Jahrhundert auf und Johann Gottfried Herder übersetzt es 1792 ins Deutsche: «Lerne schweigen, o Freund. Dem Silber gleichet die Rede, aber zu rechter Zeit Schweigen ist lauteres Gold» («Das Schweigen» aus: Zerstreute Blätter, Vierte Sammlung, Erstes Buch). 13 Für Mieder (2010: 201) stehen beide Faktoren (Bekanntheitsgrad bzw. Verbreitung eines Sprichworts) und Modifizierbarkeit im Text in direktem Verhältnis zueinander. 14 Für die Arten der Modifikationen bei Sprichwörtern vgl. Sabban (1998) und Burger (2015). 15 Durch diesen Befund bestätigt sich die Einsicht Ruefs (1995: 32), dass die Art der Modifikationen nicht auf Zufall beruht, sondern sie Ausdruck spezifischer Möglichkeiten sind, die mit dem betreffenden Beispiel vorgegeben sind.
7 durchgeführten Suchanfragen 16 ergeben sich folgende Sprichwortmuster: [X ist Silber, Schweigen ist Gold], [Reden ist X, Schweigen ist Gold], [Reden ist Silber, Y ist Gold] und [Reden ist Silber, Schweigen ist Y] 17 , bei denen das Muster [Reden ist Silber, X ist Gold] (wobei X≠Schweigen) bei Weitem das Produktivste ist. Modifikationen tragen im Allgemeinen zur Vitalität der Sprichwörter in der Sprache bei. Die Vitalität des Sprichwortgebrauchs zeigt sich wesentlich «in einem Strukturund Funktionswandel des Phänomens» (Lewandowska/Antos 2004: 171), das dadurch bedingt ist, dass kanonische Sprichwörter ‒ besonders in den Massenmedien ‒ heute zunehmend «modifiziert, variiert, karikiert oder teilweise als neue bwz. andere Spruchformen erweitert» werden hier stimmt etwas in der Syntax nicht. In den Massenmedien spielen Sprichwörter eine besondere Rolle, indem sie dort in salienten textuellen Positionen wie im Titel oder Schluss erscheinen. Sowohl formale als auch inhaltliche Abwandlungen zeugen also von einer noch starken Präsenz der Sprichwörter im kollektiven Bewusstsein der deutschen Sprachgemeinschaft. Dieses Faktum wurde in der Untersuchung von Grzybek (1991) nachgewiesen, nach der Sprichwörter aufgrund ihres hohen Bekanntheitsgrades in der gesamten Bevölkerung keineswegs ein «sinkendes Kulturgut» darstellen. Nach der Ansicht Mieders (1997: 162) greifen moderne Menschen zu Sprichwörtern, weil sie noch «als symbolische Zeichen wahr und sinnvoll sind, da sie alltägliche Gewohnheiten und Erfahrungen beinhalten». Außer der Kontinuität der Sprichwörter dienen Modifikationen ebenso zur Darstellung der Kreativität und individuellen Originalität des Textverfassers: «Entgegen ihrem Ruf als typische <kollektivische> Sprachformen werden Sprichwörter zunehmend auch zur Selbstdarstellung, zur Unterhaltung, ja zur Erzeugung von Originalität verwendet» (Lewandowska/Antos 2004: 174). In diesem Zusammenhang schreibt Lüger (1999: ff.) Sprichwörtern die «Funktion der Aufmerksamkeitssteuerung» ˗ da sie als Appel an den Rezipienten fungieren ˗ und weiterhin die Funktion der «Selbstdarstellung» zu, weil der Sprecher sich durch die Modifikationen als Schöpfer profilieren will. 16 Ergebnisse aus jeweils den Suchanfragen: <#-1/ ist Silber, [Schweigen ist Gold]>, <Reden ist/ +1#, [Schweigen ist Gold]>, <[Reden ist Silber], #-1/ist Gold>, <[Reden ist Silber], Schweigen ist/+1#> 17 In diesem Beitrag wird auf Muster mit nur einer Leerstelle fokussiert, wenngleich gelegentlich einige Schemata mit zwei Slots berücksichtigt werden. Auβer Acht bleiben formale Modifikationen des Sprichworts, die sich strukturell nicht systematisieren lassen und denen infolgedessen kein Mustercharakter zugeschrieben werden kann. Beispiel: Auf den friesischen Inseln, wo man wahrscheinlich schweigt, weil es keinen Sinn hat, gegen den Sturm anzubrüllen, bleibe ich ein Fremdling. Mag Schweigen Gold sein, ich liebe Silber. Zu Hause fühle ich mich in den Bars von Bologna, in den Cafés von Arezzo, auf dem Markt von Cortona. Vielleicht habe ich deshalb rasch und leicht Italienisch gelernt. (Online: http://chrismon.evangelisch.de/blog/was-ich-notiert-habe/schweigen- %C2%AD-und-nach-der-pause-ein-gespraech-4053).
8 2.2. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold in seiner kanonischen Form Das Sprichwort Reden ist Silber, Schweigen ist Gold erscheint in beinahe zwei Drittel der gesamten Korpusbelege (für die verschiedenen Suchanfragen s. Fuβnote 16) nicht formell modifiziert und wird in seiner kanonischen Form ohne Variation benutzt. In ca. der Hälfte dieser nicht abgewandelten Belege setzt sich der Textverfasser mit der allgemeinen Botschaft des Sprichworts 'Es ist besser zu schweigen als zu reden' nicht auseinander und somit ist die pragmatische Hauptfunktion des Sprichworts ist meistens argumentativ: Der Sprecher verwendet das Sprichwort, um seine eigene Meinung zu untermauern oder eine Äußerung argumentativ abzurunden. Beispiele: (1) Lieber Herr Huber, bei IX stand in einem der ersten Kommentare ein ganz wichtiger Satz: «Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!» Wenn man halbwegs Forenoder Blogerfahrung hat, so hat man es schon inne, wenn man einfach schweigen muss. Auch wenn es einen noch so in den Fingern juckt. (Onine: http://www.lawblog.de/index.php/archives/2006/08/16/cold-call-vom-doktor/) (2) Wenn immer alles vorhersehbar wäre, könnte man den Bayern am Anfang der Saison die Schale geben und müβte den Rest der Saison nicht spielen. Allerdings kann ich zur heutigen Leistung auch nur sagen: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. (Online: http://www.forum-hammer-eisbaeren.de/t981f3-Eisbaeren-vs-Ice-Aliens3.html) In unserer Untersuchung konnte festgestellt werden, dass viele der Korpusbelege, in denen d as Sprichwort seine kanonische Form intakt bewahrt, in Foren und Blogs vorkommen (s. obige Belege (1) u. (2)). Die Beispiele der erwähnten Textsorten gelten des Weiteren aufgrund ihres spontanen, direkten und dialogischen Sprachstils als gute Vertreter der Nahsprache und der konzeptionellen Mündlichkeit 18 (vgl. Koch/Oesterreicher 1985). Im Web ist der Gebrauch von Phraseologismen im Allgemeinen relativ hoch, wie die Forschung von Kleinberger Günther (2006: 237) bei Idiomen und Parömien in Chats nachweist: «Sie sind (häufig) als Allgemeinplätze allen verständlich, aufschlüsselbar und von 18 Parallelen zwischen den Chats und mündlichen Gesprächen werden in der Arbeit von Beißwenger (2003) konstatiert. Wenngleich die Dialoge in den Foren ‒ anders als bei den Chats ‒ nicht hundertprozentig synchron verlaufen, sind viele Gemeinsamkeiten zwischen beiden Internettextsorten anzumerken. Nach Kleinberger Günther (2006: 229) bestehen Chats mehrheitlich «aus spontan verfassten kurzen schriftlichen Texteinheiten, die in einem meist öffentlich zugänglichen Format erfasst dargestellt sind»; die «konsequente schriftliche Darstellung», «das zugrunde liegende dialogische Prinzip» und die «annährende Gleichzeitigkeitsprinzip bei der Produktion und Rezeption» seien weitere relevante Merkmale dieses modernen Kommunikationsmittels. Darüber hinaus darf man nicht pauschal behaupten, dass in Webtexten nur Phraseologismen autreten, die an die mündliche Kommunikation angelehnt sind. Nach der Untersuchung von Quasthoff/Schmidt/Hallsteinsdóttir (2010: 47) erweisen sich lediglich 54% der im Web erscheinenden Phraseologismen als typisch mündlich, was darauf zurückzuführen sei, dass in dieser Textsorte auch zahlreiche juristische Wendungen und Phraseologismen aus ernsthafter Korrespondenz auftauchen. Nach der empirischen Analyse dieser Autoren unterscheiden sich Zeitungsund Webtexte nach der Frequenz von mündlich geläufigen Phraseologismen kaum voneinander (s. Quasthoff/Schmidt/Hallsteinsdóttir 2010: 47).
9 einer überindividuellen Wertigkeit umgeben, die nicht hinterfragt werden muss». Der typisch expressive Charakter der Phraseologismen und Sprichwörter entspricht in der konzeptionellen Mündlichkeit dem Bedürfinis der Sprecher nach Verringerung der kommunikativen Distanz 19 . Aus der Analyse der Korpusbelege aus Internetforen lässt sich schlussfolgern, dass in den Gebrauchsdomänen Chats und Foren von formalen bzw. semantischen Modifikationen kaum Gebrauch gemacht wird und der Sprecher in der Regel die alttradierte Weisheit der Parömie weder relativiert noch abstreitet. Die argumentative Funktion wird in diesen Fällen durch die Erscheinung von parömiologischen Konnektoren bestätigt, die dazu dienen, Sprichwörter in den Diskurs reibungslos einzuführen und sie darin mit dem Textinhalt zusammenhängend zu verknüpfen. Im gewissen Sinne ersetzen sie u.E. die außersprachlichen Steuerungssignale der mündlichen Kommunikation wie Mimik, Intonation oder Körpersprache, die bei der Verwendung von Sprichwörtern auf mündlicher Ebene unbewusst eingesetzt werden 20 . Auftreten können Konnektoren als Einwortlexeme wie schließlich, doch, denn, feste Phrasen des Typs nach dem Motto, sagt eine Volksweisheit, heißt ein Sprichwort, das Sprichwort hat sich wieder einmal bewahrheitet usw. (vgl. zu den Konnektoren die Arbeiten von Dobrovol'skij/Lûbimovâ 1993; Durčo 2002 und Umurova 2005: 133). In den Korpusbelegen mit der kanonischen Form Reden ist Silber, Schweigen ist Gold kommen als häufigste Konnektoren-Kollokatoren Sprichwort, gilt, Volksmund und Spruch 21 vor. Beispiel: (3) Ein Sprichwort sagt: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold! Durch Schweigen können Informationen in die Tiefe eindringen oder in die Höhe aufsteigen. Es verschaftt eine Ruhepause. In dieser Zeit können Antworten in uns aufsteigen, die wir geschenkt bekommen. (Online: http://www.vonsaba.de/4.html) Die Bewahrung der äuβeren Form ist allerdings keine Garantie für die Bewilligung der alten Weisheit seitens des Sprechers 22 . In ungefähr der Hälfte der formell nicht modifizierten 19 Demgegenüber schaffen Werbeslogans und –reklamen gute Beispiele für die konzeptionelle Schriftlichkeit und zeichnen sich durch Planungsaufwand aus (vgl. Koch/Oesterreicher 1985: 21-24). Aus diesem Grund stellen sie einen reichen Nährboden für den kreativen Umgang mit der Sprache und für metasprachliche Reflexionen des Sprechers dar, wie an den Aktualisierungen des Musters [Reden ist Silber, X ist Gold] abzulesen ist. 20 Das Thema der auβersprachlichen Signale und der prosodischen Merkmale der Parömien in der mündlichen Kommunikation bleiben meines Wissens bis dato unerforscht und bilden aus dem Grund ein Forschungsdesiderat. 21 Demgegenüber erscheint auffälligerweise der parömiologische Konnektor nach dem Motto vorwiegend in Korpusbelegen, die formale Modifikationen des Sprichwortes beinhalten. 22 In einigen Belegen bildet das Fragezeichen ein deutliches Indiz für die Relativierung der vermeintlichen Allgemeingültigkeit des Sprichwortes, auch wenn die formelle Struktur und die Konstituenten ansonsten keine Modifikationen erfahren. Beleg: Umfrage: Reden ist Silber – Schweigen ist Gold? Manchmal sind gewisse Themen nur peinlich. Manchmal will man heikle Punkte einfach nicht mehr hören. (Online: http://www.revolutionone.ch/index.php/D/article/232/?list=40).
16 - Enige “Antisprichwörter” im Sinne Mieders (1985) wie z.B. Reden ist Silber, Handeln ist Gold zeigen in unserer Studie aufgrund ihrer Rekurrenz eine gewisse Lexikalisierungstendenz
17 Literatur Wörterbücher und Lexika Mieder, Wolfgang. 1979. Deutsche Sprichwörter und Redensarten. Stuttgart. Röhrich, Wolfgang. 2004. Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. 7. Aufl. Freiburg/Basel/Wien: Herder. Internetquellen DeReKo. Deutches Referenzkorpus, Online: http://www.ids-mannheim.de/cosmas2/ Sprichwortplattform EU-Projekt SprichWort. Datenbank Deutsch, Online: http://www.sprichwort-plattform.org/sp/Sprichwort Refranero Multilingüe del Instituto Cervantes, Online: http://cvc.cervantes.es/lengua/refranero Sketch Engine European Spanish Web 2011 (eseuTenTen11) [en línea], Online: https://the.sketchengine.co.uk Woxikon online Wörterbuch, Online: www.woxikon.de›WörterbuchDeutsch Zeitkorpus des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache (DWGS), Online: http://www.dwds.de Sekundärliteratur Bazil, Vazrik & Piwinger, Manfred. 2009. «Schweigen als Teil der Kommunikation.» In: Bentele, Günter/Piwinger, Manfred/Schönborn, Gregor (Hg.). Kommunikationsmanagement. Köln. Art.-Nr. 5.38.. Beißwenger, Michael. 2003, «Sprachhandlungskoordination im Chat.» Zeitschrift für germanistische Linguistik 31/2, 198-231. Benigni, Valentina u.a. 2015. «How to apply CxG to phraseology: a multilingual research project.» Journal of Social Sciences. Special issue: Phraseodidactics and Construction Grammar(s). Online: http://www.romanistik.hhu.de/fileadmin/redaktion/Fakultaeten/Philosophische_Fa kultaet/Romanistik/Romanistik_4_Sprachwissenschaft/Dateien/RomIV_Publikatio nen/Benigni_et_al_JSS_2015_08_20.pdf Brown, Penelope & Levinson, Stephen C. 1987. Politeness. Some Universals in Language Use. Cambridge. Brunner, Annelen & Steyer, Kathrin. 2007. «Phraseologische und phraseographische Aspekte korpusgesteuerter Empirie.» In: Jesenšek, Vida & Fabčič, Melanija (Hg.). Phraseologie kontrastiv und didaktisch. Maribor, 181-194. Burger, Harald. 2015. Phraseologie. Eine Einführung am Beispiel des Deutschen. 5. erweiterte Aufl. Berlin. Burger, Harald u.a. (Hg.) (2007). Phraseologie. Phraseology. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. Berlin/New York. Černyševa, Irina I. 1975. «Phraseologie.» In: Marija D. Stepanova & Irina I. Černyševa (Hg.). Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache. 2. Aufl., 1986. Moskau, 198-261. Coenen, Hans Georg. 2002. Analogie und Metapher: Grundlegung einer Theorie der bildlichen Rede. Berlin: de Gruyter.
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