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FACULTADE DE FILOLOXÍA TRABALLO DE FIN DE GRAO Tropenkoller. Episode aus dem deutschen Kolonialleben von Frieda von Bülow. Ästhetisch-formale Merkmale und ideologische Dimension der Literatur des deutschen Kolonialismus. Grao en Linguas e Literaturas Modernas: Mención en Alemán Ano académico: 2021-2022 Autora: Mariña Ferreiro Vilariño Titora: Dolors Sabaté Planes
FACULTADE DE FILOLOXÍA TRABALLO DE FIN DE GRAO Tropenkoller. Episode aus dem deutschen Kolonialleben von Frieda von Bülow. Ästhetisch-formale Merkmale und ideologische Dimension der Literatur des deutschen Kolonialismus. Grao en Linguas e Literaturas Modernas: Itinerario en Alemán Ano académico: 2021-2022 Autora: Mariña Ferreiro Vilariño Titora: Dolors Sabaté Planes
Tropenkoller. Episode aus dem deutschen Kolonialleben von Frieda von Bülow. Ästhetisch-formale Merkmale und ideologische Dimension der Literatur des deutschen Kolonialismus. Tropenkoller. Episode aus dem deutschen Kolonialleben de Frieda von Bülow. Características estético-formales e dimensión ideolóxica da literatura do colonialismo alemán. Tropenkoller. Episode aus dem deutschen Kolonialleben de Frieda von Bülow. Características estético-formales y dimensión ideológica de la literatura del colonialismo alemán. Tropenkoller. Episode aus dem deutschen Kolonialleben by Frieda von Bülow. Aesthetic-formal characteristics and ideological dimension of the literature of German colonialism.
Zusammenfassung Ziel dieser Arbeit ist es, die literarische Darstellung des deutschen Kolonialismus am Beispiel von Frieda von Bülows Tropenkoller. Episode aus dem deutschen Kolonialleben zu untersuchen. Bülow, die als „Begründer der deutschen Kolonialliteratur“ gilt, schrieb den von kolonialistischer Propaganda geprägten Roman im Jahr 1896. Wir wollen zunächst die ästhetisch-formalen Merkmale des Werks analysieren und dann untersuchen, wie rassistisches Gedankengut im Text wiedergegeben wird. Einerseits wollen wir über die Einordnung des Werkes in eine bestimmte literarische Gattung nachdenken. Andererseits möchten wir die ideologische Dimension des Werkes unter Berücksichtigung der seinerzeit veröffentlichten rassentheoretischen Postulate behandelt. Unserer Ansicht nach beteiligt sich Bülow an rassistischen Diskursen, die die Subalternität des afrikanischen Kontinents aufrechterhalten. Wir glauben auch, dass das Werk eine geschlechtsspezifische Lektüre der kolonialen Erfahrung zulässt. Schlüsselwörter: Frieda von Bülow, deutscher Kolonialismus, Frauen, Rasse, Alteritätserfahrung
Declaración de orixinalidade do traballo Eu, Mariña Ferreiro Vilariño, con DNI 46095301N, estudante do Grao en Linguas e Literaturas Modernas na Facultade de Filoloxía da Universidade de Santiago de Compostela, como autora deste Traballo de Fin de Grao que ten por título: Tropenkoller. Episode aus dem deutschen Kolonialleben von Frieda von Bülow. Ästhetisch-formale Merkmale und ideologische Dimension der Literatur des deutschen Kolonialismus. DECLARO QUE Son a única autora do traballo presentado para a súa corrección, sendo este un documento orixinal e non publicado con anterioridade por outros autores. A totalidade das fontes empregadas na súa redacción figuran debidamente citadas no mesmo. Son responsable dos seus contidos e elaboración e non incorro en plaxio. En Santiago de Compostela, a 22 de xullo de 2022 Asdo. Mariña Ferreiro Vilariño
Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung .............................................................................................................................. 8 2. Frieda von Bülow im Rahmen des deutschen Kolonialismus ............................................. 10 2.1. Die deustche Kolonialerfahrung im Kaiserreich ......................................................... 10 2.1.1 Die Kolonie Deutch-Ostafrika................................................................................... 13 2.2. Wer war Frieda von Bülow? ....................................................................................... 14 2.3. Der Kolonialroman als literarische Verarbeitung des Eurozentrismus ....................... 17 3. Tropenkoller: ein Beispiel des Kolonialromans .................................................................. 20 3.1. Das Primitive vs. das Zivilisierte ................................................................................ 21 3.2. Afrikaner vs. Europäer ................................................................................................ 25 3.3. Sprache und Hierarchie ............................................................................................... 29 4. Ideologische Dimension der Literatur des deutschen Kolonialismus am Beispiel von Tropenkoller ................................................................................................................................ 32 4.1. Rassendiskurs in Tropenkoller .................................................................................... 33 4.1.1. Die Zone des Seins: die deutschen Pioniere als Akteure des Kolonisierungsprozesses ..................................................................................................... 34 4.1.2. Die Zone des Nicht-Seins: die Kolonisierten als Opfer des Kolonisierungsprozesses ..................................................................................................... 36 4.1.3. Extraktivismus als Form des Kolonisierungsprozesses ............................................ 38 4.2. Der eurozentrische Blick der Kolonisatorin ................................................................ 40 5. Fazit ..................................................................................................................................... 43 6. Literaturverzeichnis ............................................................................................................. 45
8 1. Einleitung Die Grundidee dieser Bachelorarbeit entspringt einer persönlichen Reflexion darüber, wie Literatur manchmal Realitäten widerspiegeln kann, die zeigen, wie ideologische Macht in der Gesellschaft operiert. Beispiele für dieses ideologische Potenzial der Literatur finden sich etwa im Theater der Aufklärung, in der Literatur der Nachromantik, in vielen Werken der Weimarer Zeit oder in einem Großteil der deutschsprachigen Literatur nach 1945. In diesem Zusammenhang erscheint uns eine ästhetisch-formale Analyse interessant, die die ideologische Dimension der Literatur des Kolonialismus berücksichtigt. In diesem Hinblick könnte man die Frage nach der Rolle einer kolonialen Weltanschauung als Vorläuferphänomen des Nationalsozialismus stellen. Das Hauptziel dieser Arbeit besteht daher darin, ein repräsentatives Werk der Kolonialliteratur daraufhin zu analysieren, inwieweit es als ideologischer Vorläufer des Nationalsozialismus gelten kann. Unser Interesse an der deutschen Kolonialliteratur hat auch einen anderen Grund. In Anbetracht unserer Kenntnisse der portugiesischen Literatur und Kultur ist bereits ein Hintergrundwissen über die portugiesische Kolonialgeschichte vorhanden, das für zukünftige vergleichende Studien besonders nützlich sein kann. Die Tatsache, dass der portugiesische Kolonialismus eine religiöse Dimension aufweist, die im deutschen Kolonialismus, der als zivilisatorisches Werk der Vernunft verstanden wurde, nicht so präsent ist, stellt ein besonders spannendes Thema für spätere Forschungen dar. Für eine Analyse der ideologischen Dimension der Literatur des deutschen Kolonialismus eignen sich unseres Erachtens die neuen postkolonialistischen Forschungen, insbesondere die von Ramon Grosfoguel, auf die wir später noch zurückkommen werden. Aus dieser postkolonialen Perspektive, die darauf abzielt, eurozentrische Interpretationen der Realität zu entlarven, soll das Werk Tropenkoller. Episode aus dem deutschen Kolonialleben, von Frida von Büllow gelesen werden. Aufgrund ihrer Reiseberichte und vor allem ihrer späteren Romane gilt Frieda von Bülow als die „Begründerin der deutschen Kolonialliteratur‟. Heute wird ihr Werk jedoch weitgehend ignoriert und ihre Person kaum gewürdigt. Tropenkoller. Episode aus dem deutschen Kolonialleben, ihr am breitesten rezipierter Roman, öffnet die Tür zu ihren Erfahrungen in der ostafrikanischen Kolonie des damaligen Deutschen Reiches. Aus diesem Grund haben wir in unserer Arbeit angehalten, einen kurzen Überblick über den
9 deutschen Kolonialismus zu geben, ein wenig bekanntes Phänomen der deutschen Geschichte, ohne das es unzureichend ist, den späteren Aufstieg des Nationalsozialismus zu verstehen. Zusätzliche Ziele dieser Arbeit lauten wie folgt. Erstens die Verortung Frieda von Bülows im deutschen historischen und literarischen Kontext. Zweitens die Analyse des Werks, mit Fokus auf die ästhetisch-formalen Merkmale und das Konzept des Eurozentrismus. Fanons Begriffe „Zone des Seins“ und „Zone des Nicht-Seins“, die auch von Grosfoguel verwendet werden, sollen in diesem Zusammenhang untersucht werden Als „Zone des Seins“ bzw, „Zone des Nicht-Seins“ werden zwei gegensätzliche ontologisch-existentielle Zonen verstanden, die metaphorisch die Räume darstellen, in denen das Menschliche und das Untermenschliche im logozentrischen westlichen Denksystem angesiedelt sind. Ein weiterer Punkt, den wir im Zusammenhang mit dem Eurozentrismus des kolonialen Projekts erörtern werden, ist der so genannte Extraktivismus, eine Form der Ausbeutung von Natur und Wissen aus eurozentrischer Perspektive, die auch im Roman vorkommt. Schließlich wird die Aufdeckung der ideologischen Dimension der deutschen Kolonialliteratur am Beispiel dieses Werks gesucht. Das Konzept des Eurozentrismus spielt in den postkolonialen Studien eine zentrale Rolle. Der Eurozentrismus impliziert eine Art und Weise, dem Anderen zu begegnen und die Welt auf der Grundlage des vom Logozentrismus übernommenen binären Paradigmas zu sehen, in dem die patriarchale weiße Vernunft eine zentrale Position einnimmt. Diese Art, die Wirklichkeit zu sehen, wurde in der Aufklärung als einzig gültige Episteme für die Interpretation des Weltsystems festgeschrieben. Grosfoguel zufolge beruht die westliche Zivilisation auf einem, wie er es nennt, „kolonialen, patriarchalischen, westlich-zentrischen und christlich-zentrischen Weltsystem“, das die Kultur, das Wissen und die Erkenntnistheorie des Westens privilegiert und den Rest unterdrückt hat. So wird auch heute noch die globale Dynamik in ihrer Gesamtheit durch eurozentrisches Denken bestimmt. Grosfoguel schlägt eine „dekoloniale Wende“ vor, die eine effektive erkenntnistheoretische Dekolonisierung bewirkt und die universalistischen und ahistorischen Deformationen des Eurozentrismus korrigiert. Andererseits ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Grosfoguel mit einem sehr viel weiter gefassten Begriff von Rassismus arbeitet, als wir es gewohnt sind, da er viele Varianten umfasst, die über die Hautfarbe hinausgehen.
16 Ich habe geglaubt, ich würde nie wieder etwas schreiben, oder zeichnen oder schön finden, weil es doch alles immer in Beziehung auf sie war. Das Schreiben ist mir aber jetzt mehr Bedürfnis als zuvor. Ich weiß es wohl, warum. Könnt‟ ich ihr an Kraft und Klarheit, an Wahrheit und Mut immer näher kommen (von Bülow, 1884) 6 . Mit dem Tod der Schwester verlor sie eine ihrer engsten Vertrauten. Ihr Wille und ihre Stärke offenbaren sich in ihren Tagebucheinträgen: „Ich hab‘ manchmal Lust, mit allem zu brechen, was mir das Fehlen des Liebsten predigt, mich unter ganz fremde Menschen und in starke Aktion zu begeben. Solange das Leben noch dauert, will ich nicht Sklave sein, sondern Herr“ 7 . Frieda suchte daraufhin nach einem neuen Sinn im Leben und fand ihn von Hammerstein zufolge in ihrem Engagement für das koloniale Projekt. Für sie war das Bekenntnis zur kolonialen und nationalistischen Ideologie nicht nur eine politische Position, sondern ein echtes ethisches und moralisches Gebot (Wildenthal, 2001:55). Die Begegnung mit Carl Peters im Jahr 1885 ermutigte Frieda, ihren Bruder davon zu überzeugen, sich für die koloniale Bewegung zu engagieren. Daraufhin meldete sie sich als Krankenschwester. Ab diesem Zeitpunkt entwickelte sich eine engere Beziehung zwischen Peters und von Bülow, die durch ihre gemeinsamen Prinzipien, aber auch durch eine sentimentale Annäherung motiviert war. Angeregt durch die Kolonialbegeisterung gründete Frieda von Bülow im Oktober 1886 den Deutschnationalen Frauenbund für die Krankenpflege in den Kolonien mit dem Ziel, Mittel für den Bau einer Krankenstation in den neuen Gebieten an der ostafrikanischen Küste zu sammeln. Insgesamt unternahm Frieda von Bülow zwei Reisen nach Deutsch-Ostafrika. Während der ersten, 1887, erkrankte sie an Malaria und musste nach Hause zurückkehren. Vor ihrer zweiten Reise starb ihr Bruder Albrecht im Kampf am Fuße des Kilimandscharo und ein weiterer ihrer Brüder beging Selbstmord. Die zweite Reise, die 1893 stattfand, war aber im Allgemeinen ein dramatischeres und einsameres Erlebnis, da sie allein in Afrika war. Nach der zweiten Rückkehr aus Afrika zog sich sie aus dem öffentlichen und aktivistischen Leben zurück und konzentrierte sich ganz auf das Schreiben. Ihre Freundschaften u.a. mit Lou-Andreas-Salomé, Sophia Goudstikker und Rainer Maria 6 von Bülow, Frieda. Tagebucheintrag, Januar 1884, Gardone, Italien, zitiert in S. Hoechstetter. Frieda Freiin von Bülow. Ein Lebensbild. Dresden: Carl Reißner, 1910, S. 91-92. 7 von Bülow, Frieda. Tagebucheintrag, April 1884, Milano, zitiert in S. Hoechstetter. Frieda Freiin von Bülow. Ein Lebensbild. Dresden: Carl Reißner, 1910, S. 102. Interessant ist in diesem Kontext die Verwendung des Nomens „Herr“ anstelle der weiblichen Form „Herrin“.
17 Rilke wurden bereits in ihrer Biographie festgehalten (Hoechstetter, 1910:190-191). Schwer erkrankt, starb sie 1909 in Jena. Frieda von Büllow ist zweifellos die bekannteste Schriftstellerin der deutschen Kolonialbewegung vor dem Ersten Weltkrieg und wurde zur Begründerin des deutschen Kolonialromans. Nach der Einigung Deutschlands 1871 wurde die nationale und koloniale Frage zur Grundlage der deutschen Identität. Im Kontext der Expansionsbewegungen zeigen die Schriften von Frauen die Legitimität der Kolonien und wie der weibliche Imperialismus durch ihre Beteiligung an der Migration in die Kolonien zum kolonialen Profil der jungen Nation beitrug (Romuald Valentin, 2018: 90). Ein Beweis für den Erfolg von Bülow ist der von Josefine Burda verfasste Todesanzeige, in der ihr Vermächtnis gewürdigt und ihr Werk verherrlicht wird: Viel zu früh für die, die sie liebten, die aus ihren Werken Trost und Erbauung geschöpft, zu früh für die deutsche Literatur, der sie ganz neue, bisher noch unbekannte Pfade gewiesen. Sie war eine Bahnbrecherin auf dem Gebiete moderner deutscher Erzählungskunst. Dem patriotischen Roman hat sie neue Bahnen geöffnet und alle Fragen der Weltpolitik in kluger und feinsinniger Weise zu lösen versucht. (...) Eine fremde Welt, Bilder aus fernen, lichtgekrönten Zonen entrollte sie vor unserm staunenden Blick. In farbenprächtigen Schilderungen führte sie uns ein in die Gebiete des jungen deutschen Kolonialbesitzes, in ihr geliebtes Deutsch-Ostafrika! (Burda, 1909:183) Trotz ihrer Popularität zu ihrer Zeit gibt es jedoch nur wenige Studien, die sich mit ihrer Figur befassen. Nach der Veröffentlichung ihrer Biografie verschwanden sowohl die Werke als auch die Person Frieda von Bülows vollständig aus dem literaturgeschichtlichen Kanon, um erst Jahrzehnte später in Fachstudien wieder aufzutauchen, die sich erneut mit der deutschen Kolonialzeit beschäftigen. Wie man sich leicht vorstellen kann, war das Porträt, das dabei entstand, nicht eines der lobenswertesten (Ottavio, 2019: 166). Am Ende des 20. Jahrhunderts offenbarte die Untersuchung ihres Werks eine zutiefst rassistische, antisemitische und nationalistische Denkweise. 2.3. Der Kolonialroman als literarische Verarbeitung des Eurozentrismus Der Begriff „Kolonialliteratur“ umfasst Texte, die nicht nur während der begrenzten kolonialen historischen Phase, sondern auch in den Jahren unmittelbar davor und danach geschrieben wurden und sich mit der Thematik der Kolonien beschäftigen. Der Kolonialroman ist eine künstlerische und literarische Verarbeitung des eurozentrischen Weltbildes. Die eurozentrische Perspektive über die Realität spiegelt ein
18 epistemologisches System wider, das durch die Logik des weißen heterosexuellen Patriarchats geregelt wird. Im Mittelpunkt des eurozentrischen Denkens steht die Vernunft im klassischen Sinne. Aus einer eurozentrischen Perspektive die koloniale Welt zu betrachten und zu reproduzieren, bedeutet, die besetzten Gebiete und ihre Bewohner als unzivilisiert darzustellen. In diesem Kontext der Ungleichheit zwischen den Menschen entwickelt sich die Alteritätserfahrung der Pioniere in Afrika. Der Eurozentrismus, der in den Werken zum Ausdruck kommt, ist genau die Grundlage der kolonialen Literatur. Darüberhinaus belegt Tropenkoller, dass die Aristokratie, immer noch die soziale Macht innehat. Das eurozentrische Episteme, das die patriarchalische Vernunft verehrt und auf dem die Prinzipien der Logozentrismus beruhen, wird zum universellen Paradigma der Welterkenntnis. Dieser eurozentrische Blick annulliert dann jede Kultur und Identität, die dieser Idee fremd ist, was man als Epistemizid bezeichnen kann (Grosfoguel, 2013). Die Abwertung anderen Wissenssysteme und anderer Weltanschauungen macht den Eurozentrismus zum universellen Paradigma. Lara fasst zusammen: „Tenemos así que, “el hombre occidental y su herramienta de conocimiento -la razónse deifican, y en su unión sagrada, se vuelven intangibles, transhistóricos, meta-culturales y por tanto, universales”“ (Lara, 2018 zitiert in Aguilar, 2018:13). Das koloniale Literaturphänomen brachte eine unverhältnismäßig große Zahl von Texten aller Art und Qualität hervor, die in den Literaturbetrieb und in die Wohnungen der deutschen Bürger eindrangen. Jedoch war die Produktion von Romanen quantitativ viel geringer als die von Fachtexten über die Entdeckungsund Besatzungsphase. Die koloniale Literatur erhält oft eine wissenschaftliche (oder eher pseudowissenschaftliche) Dimension. Ziel ist es, das Leben in den Kolonien genau zu analysieren und die einheimische Bevölkerung zum Gegenstand der Untersuchung zu machen. Bei dieser positivistischen Vorgehensweise die koloniale Welt zu beschreiben, wird ein ungleiches Verhältnis zwischen Kolonisatoren und Kolonisierte vorausgesetzt. In diesem ungleichen Verhältnis spielt die Alteritätserfahrung der europäischen Pioniere in der neuen Welt eine entscheidende Rolle. Kolonisatoren entdecken eine Realität, als ob diese Realität nicht bereits vor ihnen existiert hätte und beschreiben sie aus einem eurozentrischen Standpunkt, ohne den Kolonisierten eine Stimme zu geben. Laut Sandra Richter (2019) werden in dieser wissenschaftlich orientierten Kolonialliteratur u. a. folgende Themen behandelt: „der sozialdarwinistische Kampf aller Menschen und Mächte gegen alle;
19 Rassebiologische oder pseudowissenschaftliche Hierarchisierung der Menschen nach Blut, Herkunft und Lebensweise; die Glorifikation des Übermenschen; oder Emanzipatorische Argumente für die deutschen Frauen und Arbeiter auf Kosten der Afrikaner“. 8 Diese Themen sollen eine objektive Erklärung der deutschen Überlegenheit und im weiteren Sinne der europäischen Überlegenheit geben. Die deutsche Kolonialliteratur war immer mit propagandistischen Zwecken verbunden und zielte darauf ab, die Wahrheit von partiellen, lokalen und temporären Subjekten zu erzählen, eine Wahrheit, die dann in die kollektive Vorstellungswelt eingeführt werden sollte. Nach dem Verlust der Kolonien wurde das idealisierte Bild der deutschen kolonial-imperialistischen Ära in der allgemeinen Vorstellung der deutschen Gesellschaft weiter gepflegt. Im Nationalsozialismus setzte sich dieses Phänomen fort, da Kolonialhelden als Vorbilder galten, wie Carl Peters, dessen Karriere verfilmt wurde. Erwähnenswert ist ebenfalls der Fall des Schriftstellers Hans Grimm, der neben seinen kolonialen Werken, wie z. B. Südafrikanische Novellen, 1926 das Buch Volk ohne Raum veröffentlichte. Zeitgleich mit der expansionistischen Politik des Nationalsozialismus wurde es zu einem wegweisenden Werk, in dem Grimm auf das Recht des deutschen Volkes auf Kolonien zur Verteidigung seiner Sprache und Kultur hinweist. Nach dem Aufschwung der Kolonialliteratur übernahm die Reiseliteratur die bereits im Kolonialroman vorhandenen ideologischen Elemente. Reiseberichte wurden eine Form der Propaganda, die eine eurozentrische Sicht der Welt verbreiteten. Auch wenn diese Gattung auf den ersten Blick weniger politisiert zu sein scheint, so hat sie doch auch eine ideologische Grundlage. In der Regel führt die Entwicklung der Handlung in einer ungewohnten räumlichen Umgebung zu dem Versuch, dem Leser die Merkmale eines neuen Milieus zu vermitteln. Der Diskurs der Ungleichheit, der bereits in der Kolonialliteratur vorhanden war, wurde also in den Reiseschriften nach dem Verlust der Kolonialgebiete mehr oder weniger explizit fortgesetzt. So wurden Reiseberichte zu einem Medium der Popularisierung kolonialer Machtpolitik. In dieser Kategorie ist Reisescizzen und Tagebuchblätter aus Deutsch-Ostafrika von Frieda von Bülow zu 8 Von den neuen, die Sandra Richter in Narrating Africa. Eine Open-Space-Ausstellung erwähnt. Die Übrigen: der „Sozialimperialismus“ der europäischen Weltmächte; Futurismus, Vitalismus und Jugendbewegung; Geopolitik: eingebildete Raumnot und ebensolcher Expansionsbedarf; Verschwörungstheorien: contra altes Preußen, der den Kaiser oder gegen alle; Mission und die Klage über den Islam.
20 nennen. Das Werk war einer der ersten Kolonialberichte einer deutschen Frau. Es wurde 1889 veröffentlicht und enthielt Informationen von ihrer ersten Reise in die Ostkolonie. Bemerkenswert ist die weibliche Autorenschaft von Tropenkoller. In der deutschen Geschichtsschreibung wurde die Beteiligung von Frauen an den kolonialen Eroberungen lange Zeit ignoriert. Doch wie bereits in der Biographie von Frieda von Bülow angedeutet, begann sich das deutsche weibliche Bürgertum in den 1880er Jahren für die Kolonien zu interessieren. Zu den Hauptaufgaben einer Frau in den Kolonien gehörten Krankenpflege, Malariaprävention und Hausarbeit. Die Teilnahme am kolonialen Unternehmen ermöglichte es den Frauen, einen potenziellen Raum für ihre Emanzipation zu entdecken. Aus den Erfahrungen dieser Frauen entstanden Reiseund Kolonialromane, in denen das deutsche Überlegenheitsgefühl und die zivilisatorische Mission thematisiert wurden. Insbesondere von Bülows Romane zeigen, dass die weibliche Präsenz in den Kolonien tatsächlich eine Strategie zur Legitimierung der Kolonialund Rassenpolitik war, auch wenn sie vordergründig als einer sehr transgressive Emanzipationsform dargestellt sind (Romuald Valentin, 2018: 89-94). Dies verdeutlicht die Widersprüche, die die Emanzipationsprozesse der Frauen in einigen Fällen mit sich bringen. Bei Frieda äußert sich ihr sozialer Bruch nicht durch einen Bruch der patriarchalischen Schemata. Die Autorin vertritt weiterhin die gleichen Werte, die sie als Individuum einschränken. 3. Tropenkoller: ein Beispiel des Kolonialromans Tropenkoller. Episode aus dem deutschen Kolonialleben war eines der erfolgreichsten Werke von Frieda von Bülow. Der Roman wurde 1896 veröffentlicht, zwei Jahre nach ihrem letzten Aufenthalt in Afrika. Bei näherer Betrachtung des Romans lässt sich das sozialpolitische Paradigma der damaligen Zeit erkennen, denn er spiegelt die Gedanken einer Autorin wider, der zum Teil Vertreterin einer herrschenden Gesellschaftsschicht ist. Tropenkoller ist eine Kolonial-, Reise-, Liebesund Bildungsgeschichte voll von Beobachtungen, die die Schriftstellerin vor Ort machte und ebenso voll von kolonialen subjektiven Vorstellungen und Träumen, die sich auf Afrika beziehen. Es ist nicht möglich, eine feste Handlung in dem Stück festzustellen, sondern eher ein Amalgam aus, wie der Titel metaphorisch andeutet, verschiedenen Episoden. Die Dialoge und die Darstellung des Alltagslebens in den Kolonien haben Vorrang vor der Handlung. Wie bereits bemerkt, die Erzählung des Romans spielt in der fiktiven
21 deutschen Kolonie Satuta. Im Mittelpunkt steht von Bülows Alter Ego Eva, eine starke und unabhängige Figur, die sich dem kolonialen Leben verschrieben hat. In DeutschOstafrika war ihr Handlungsspielraum trotz des nicht immer einfachen Integrationsprozesses gelugener als in Deutschland. Ihr Liebesinteresse gilt Ludwig von Rosen, eine an Carl Peters erinnernde Gestalt mit einem ausgeprägten Sinn für Moral. Von Bülows Afrikaner sind für die Handlung des literarischen Werks kaum relevant. Im Vergleich zu den psychologisch ausgearbeiteten deutschen Figuren werden sie als wiederkehrender Stereotyp dargestellt. Tropenkoller wurde in der als Fin de Siècle bekannten historischen Periode veröffentlicht. Es ist eine Zeit des Wandels, die sich oft in experimentellen literarischen Formen niederschlägt. Jedoch sind Texten zu finden, die diese Voraussetzungen nicht ganzerfüllen: jene Texte, die zu Verkaufsphänomenen wurden, die trotz scheinbar modernen Denkens prokoloniale Handlungen und Politiken förderten (Richter, 2019). Das Werk von Frieda von Bülow kann in die letztgenannte Gruppe eingeordnet werden. Obwohl ihr Werk der historischen Periode der Jahrhundertwende zuzuordnen ist, steht es der realistischen Strömung näher und trägt weitgehend deren Merkmale. Mit dem europäischen realistischen Roman verbindet Tropenkoller eine chronologische Abfolge, detaillierte Beschreibungen und eine externe, allwissende Erzählerinstanz. In diesem Zusammenhang folgte von Bülow diesem Schema, um ihr spezifisches Publikum, in der Regel Angehörige ihrer eigenen sozialen Schicht und andere Frauen, wirksamer zu erreichen. Frieda von Büllows Roman offenbart einen starken literarischen Hintergrund, der ihre Vorlieben, Lektüren und Vorbilder erkennen lässt. 3.1. Das Primitive vs. das Zivilisierte In Tropenkoller gibt von Bülow Beschreibungen und Dialogen den Vorrang und lässt die Handlung des Romans in den Hintergrund treten. Unserer Meinung nach ist dies eine erzählerische Strategie, die ihr zu einer subtileren Darstellung des Fremden verhilft. Durch Beschreibungen kann sie zum Beispiel ihre Begegnung mit einer neuen Welt am besten erklären, indem sie auf eine detailliertere und ausführlichere Weise die neue exotische Welt darstellt. Jede dieser Beschreibungen und Dialoge ist nicht ideologisch neutral, sie versuchen die Überlegenheit des Eurozentrismus zu zeigen. Eine genauere Textanalyse lässt ihre ideologische Kraft definieren.
22 Das überwiegende Vorhandensein von beschreibenden Passagen hat in erster Linie eine Wirkung in die zeitliche Dimension. Die Erzählzeit des Romans ist langsam, was sich auf die Länge des Romans auswirkt. Tatsächlich entfaltet sich die karge Handlung auf fast 300 Seiten, was zu einem langsamen Erzähltempo führt. Die Zeitspanne der Erzählung ist kurz und beschränkt sich auf einige Monate. Das Werk hat keine klare Kapitelstruktur und die Erzählung ist eher linear und kontinuierlich. In diesem Sinne trennen einfache Markierungen die Teile allerdings sehr ungleichmäßig. Einige der „Kapitel“ erstrecken sich über mehrere Seiten, während andere nur wenige Absätze lang sind. Es ist zu beachten, dass dieser Aspekt nicht mit der Bedeutung zusammenhängt, die den einzelnen Teilen beigemessen wird. Sowohl der Anfang als auch das Ende sind ziemlich unzusammenhängend. Das Erzähltempo ist auf den ersten Seiten besonders langsam, da der Erzähler versucht, einen detaillierten Überblick über den Kontext zu geben. Die Charaktere werden durch ihre Beziehungen zu der weiblichen Hauptfigur eingeführt und der Raum wird schrittweise dargestellt. Das Ende ist nicht abrupt und lässt sich leicht erschließen. Der Roman hat ein offenes Ende, und obwohl er in gewisser Weise tragisch ist, gibt es am Ende Hoffnung auf eine glückliche Zukunft. Was die historische Zeit anbelangt, so handelt es sich offensichtlich um das späte 19. Jahrhundert. Das wissen wir aus dem Inhalt der Geschichte und aus der Erfahrung der Autorin. Die im Roman erwähnten historischen Ereignisse, wie der Deutsch-Französische Krieg von 1870 bis 1871, sind nicht spezifisch genug, um von einem bestimmten Jahr zu sprechen. Im Gegensatz zur schwachen Ausarbeitung des chronologischen Elements wird die räumliche Dimension durch den erzählerischen Stil und den Zweck des Werks begünstigt. Die Raumschilderung im Roman erfolgt aus einer eurozentrischen Perspektive und betont die Erfahrung des Fremden. Einerseits fallen die präzisen Beschreibungen der Umgebung auf, da der Platz, an dem sich die Handlung abspielt, der Leserschaft des Stücks fremd ist. Auffallend ist die detaillierte und ausführliche Beschreibung der Fauna und Flora der neuen Welt, die manchmal sogar den Eindruck eines enzyklopädischen Textes erweckt, wie im folgenden Abschnitt der Fall: Nur wenige Schritte noch von der vordringenden Flut entfernt, erhebt sich der aus sprödem, rotem Lehm und Sand bestehende Küstenboden ziemlich steil zu etwa dreißig meter Höhe. Wo der Hang von Bäumen und Strauchwerk frei gemacht worden, hat ihn
23 der Tropenregen wild zerrissen. Zwischen den tiefen Klüften und Zacken führt hier und da etwas wie ein Fußpfad vom Strande hinauf (von Bülow, 1896: 1). Rings umher nichts als das monotone Dickicht der Mangrovensümpfe. Darüber fahle Dämmerung. Von Zeit zu Zeit vereinigten sich die Flußarme und dann weitete sich das Gewässer aus, daß es wie ein Waldsee erschien, dann teilte sich der Fluß wieder, ein mit dichtem Baumwuchs bedecktes Inselchen umarmend. Hier hausten Flußpferde und Krokodile (von Bülow, 1896: 209). Diese Art von Fragmenten tragen zur Schaffung eine fremdartige Naturlandschaft bei, die eine völlig subjektive Wahrnehmung zeigt. Was aus einer eurozentrischen Perspektive als exotisch wahrgenommen wird, impliziert auch eine negative moralische Bewertung. Die üppige tropische Natur ist mit Krankheiten und damit auch mit Gefahren für die Siedler verbunden. In diesem Sinne bezieht sich der Erzähler auf den Tropenkoller. So wie das Klima die Ursache für die Existenz einer ungezähmten Vegetation ist, wird es auch als Ursache für Emotionen und Irrationalität im Menschen bezeichnet: „Jene übermäßige Reizbarkeit und Empfindlichkeit, die Sie erschreckt, ist das natürliche Ergebnis gewisser zusammentreffender Einwirkungen, in erster Linie der klimatischen“ (von Bülow, 1896:134). Das Interessanteste an dem räumlichen Aspekt ist, wie er benutzt wird, um ein eurozentrisches Dogma zu reflektieren. Frieda von Bülow stellt der europäischen Landschaft immer wieder die afrikanische Landschaft gegenüber, die sie negativ konnotiert. Trotz ihres Überschwangs wird die Natur der Kolonie nicht idealisiert, sondern als feindlich beschrieben. Der Anblick ist atemberaubend, aber kein optimaler Ort für die menschliche Entwicklung. Unserer Meinung nach zeigen die Landschaftsbeschreibungen, dass es zwei Zugänge zur Natur gibt: Tellurismus und Exotismus. Obwohl das erste Konzept in der deutschen Literaturtheorie selten vorkommt, können wir seine Präsenz bei Tropenkoller feststellen. Der Begriff wird oft definiert als der Einfluss des Landes oder des Bodens einer Region auf ihre Bewohner, sei es auf physischer oder psychologischer Ebene. Auf der einen Seite haben wir also die intrinsische und primäre Beziehung zwischen Menschen und Erde. In dieser Beziehung ist die Erde aktiv und verfügt über die Macht, das menschliche Wesen zu konditionieren. „Jene übermäßige Reizbarkeit und Empfindlichkeit, die Sie erschreckt, ist das natürliche Ergebnis gewisser zusammentreffender Einwirkungen, in erster Linie der klimatischen. Der Bewohner heißer Länder ist immer hitzig; denken Sie an den Spanier, den Sizilianer,
24 den Südfranzosen schon. Aber sein Naturell ist zugleich beweglich und leichtlebig, vielfach sogar sehr oberflächlich. Dagegen ist der Charakter der Nordländer, dem kargen Boden, mit dem er ums Brot zu ringen hat, entsprechend, schwerfällig und ernst. Er ist geneigt, alles wichtig zu nehmen und aus jeder Kleinigkeit eine Kabinettsfrage zu machen. Trifft nun dieser schwere und spröde Nordlandscharakter mit der Erhitzung und nervösen Erregbarkeit eines tropischen Klimas zusammen, so entsteht ein aus fast unvereinbaren Gegensätzen bestehender neuer Charakter. Nicht wahr?“ (von Bülow, 1896:134). Tellurismus ist in dieser vorgeschlagenen Passage ausdrücklich vorhanden. In der Mitte der „Dissertation“ über den Tropenkoller zeichnet Rosen ein Porträt der verschiedenen europäischen Profile, wobei er seine Argumentation auf das Klima (heiße Länder=ist immer hitzig) und die Erde (kargen Boden=schwerfällig und ernst) stützt. Es gab freilich auch einzelne, zumal unter den niederen Beamten, die selbst bei den ersten Anzeichen des Klimafiebers die Flinte ins Korn warfen und nur noch den einen Gedanken hatten: schleunige Flucht nach Europa. Niemand ersuchte in solchen Fällen die Erschreckten zurückzuhalten, denn wer dem Tod ins Angesicht zu sehen nicht aushielt und allzufest davon durchdrungen war, daß ein lebender Hund beneidenswerter sei als ein toter Achill, der war für diese Küste nicht geschaffen (von Bülow, 1896: 86). Aus der Lektüre dieses anderen Ausschnitts können wir zwei Informationen entnehmen: die Härte des fremden Milieus und die Wärme der europäischen Heimat. Der Deutsche ist nicht in der Lage, sich an das feindliche Gebiet anzupassen. Auch hier gibt es jedoch eine Kritik am schwachen Charakter, denn die wirklich Mutigen, die Pioniere und nicht die „niederen Beamten“, können Widrigkeiten überwinden. Andererseits vermittelt uns die schnelle Flucht nach Europa, dass Deutschland ein Zufluchtsort und ein günstiger Raum für Entwicklung und Entfaltung ist. Daraus ergibt sich der Gegensatz Europa/Afrika als Zivilisierte/Primitive. Andererseits wird das Land als unerforschbarer und relativ unerreichbarer Raum dargestellt. Wie in der Kolonialliteratur steht auch im Werk von Frieda von Bülow das Interesse am Exotischen im Mittelpunkt. So tragen die Autoren mit ihren Erzählungen und Beschreibungen zu dem ohnehin schon rätselhaften Bild von Afrika in Europa bei. Die Natur wird als wild und unberührt dargestellt. Es ist ein chaotischer, disharmonischer und ungleichmäßiger Raum. Sie hatten seit einer halben Stunde den Buschwald hinter sich gelassen. Hier trug die Gegend bis zur Küste hin den Charakter einer ungeheuren, wilden, einsamen, sonnendurchglühten Parklandschaft. Einzelne Bäume oder prächtige, von der Natur gebildete Gruppen; hier eine Tamarinde, dort eine feingefiederte Akazie, dann wieder die massigen Mangoriesen mit ihrer dichten,
25 dunkeln, kugeligen Laubkrone. Da wo der steinige Boden nur mit Agaven und dürren Stachelgräsern bestanden war, zeigten sich stets die grotesken Formen der Dumpalme. Zuweilen senkte sich das Terrain zu kleinen Schluchten; auch phantastische Felsbildungen unterbrachen die Ebene. Sumpflachen, die hier und da von den großen Herbstregengüssen zurückgeblieben waren, kündigten sich schon von weitem durch das sie umgebende frische Grün an: üppig aufgeschossener Rhicinus, Zuckerrohr, Bambus und der feinblättrige zierliche Papyrus (von Bülow, 1896: 214-215). Die hier beschriebene Landschaft ist vom Menschen unberührt und damit, so von Bülow, auch von der Rationalität unberührt. Die Afrikaner sind, auch bedingt durch ihren Lebensraum, an den Rand gedrängt, und ihr Mangel an Vernunft entmenschlicht sie. Dieser Text ist nur ein Beispiel für den negativen Wert, den von Bülow der afrikanischen Landschaft beimisst. Die Adjektivierung ist wichtig, die meisten Elemente werden von einem negativen Modifikator begleitet: grotesk, einsam, wild, oder dunkel. Der Exotismus ist jedoch eine eurozentrische Sicht auf das Fremde. In gewisser Weise wird die Realität des Anderen nicht als solche gesehen, sondern einem Prozess der Stereotypisierung unterworfen. Auch die Natur ist ein Hindernis für die Aufgabe der Kolonisierung. Die Pioniere wandeln sie nach europäischem Vorbild um und unterwerfen sie für ihren eigenen Verwendungszweck. Ihre Beschreibungen des Raums scheinen zu dieser Art des eurozentrischen Verständnisses der Welt zu passen. Die Raumbeschreibungen scheinen sich in das Weltverständnis der eurozentrischen Epistemologie einzufügen. 3.2. Afrikaner vs. Europäer Was in der natürlichen Landschaft zu beobachten ist, gilt auch für die Beschreibung der afrikanischen Bevölkerung. Aufgrund der fehlenden Handlung bieten die Figuren ein größeres Potenzial zur Analyse. Obwohl Eva Biron die Protagonistin ist, entsteht ein weites Netz verschiedener Persönlichkeiten, und der Fokus liegt nicht unbedingt immer auf ihrer Figur. Es kommt immer wieder vor, dass die Erzählung der Vergangenheit der Figuren Aufmerksamkeit schenkt und ihnen ganze Abschnitte ohne Evas Teilnahme widmet. Dies ist zum Beispiel bei Ludwig von Rosen, bei Pater Fabricius oder bei Bana Musa, dem „uralten“ Afrikaner, der Fall. Auch die Begegnungen zwischen den männlichen Figuren werden häufig aufgezeichnet und ihre Dialoge wiedergegeben: Bana Musa sah von weitem drei kahlrasierte Schädel leuchten und erkannte daran Lindeberg und seine Mirmidonen, denn diese drei jungen Kaufleute pflegten sich Kühlunh halber den Schädel so blank rasieren zu lassen, wie das Kinn. Ferner saßen da drei Herren von der Borna: Rosen, Beling und Schuler.
32 4. Ideologische Dimension der Literatur des deutschen Kolonialismus am Beispiel von Tropenkoller Der Eurozentrismus ist die Grundlage der kolonialen Literatur und aus dieser Perspektive wird Tropenkoller konzipiert. Die Überzeugung von der Überlegenheit eines solchen Erkenntnissystems gegenüber anderen entspringt dem Willen, andere Sichtweisen der Welt zu beherrschen und zu kontrollieren. Nach Grosfoguel (2012) basiert der Eurozentrismus auf einer Vorstellung von Identität, die unter anderem die Kategorien weiße Rasse und männliches Geschlecht als zentral ansieht. Die Identitäten von Rasse und Geschlecht u.a., die auf anderen Kategorien beruhen, sind aus der eurozentrischen Perspektive subalterne Identitäten. In diesem Kontext der Ungleichheit zwischen Identitäten erklärt Grosfoguel das Phänomen des Rassismus und des Sexismus. Seiner Meinung nach ist der Eurozentrismus dadurch gekennzeichnet, dass er zentrale Identitäten in die Zone des Seins und subalterne oder periphere Identitäten in die Zone des Nicht-Seins einordnet. Dies erklärt, dass zum Beispiel die schwarze Rasse aus der eurozentrischen Perspektive in der Zone des Nicht-Seins verortet ist. Eine solche Episteme hebt jede Identität außerhalb des dominanten Schemas auf. Ein Individuum, das seiner Identität beraubt wird, erleidet einen Prozess der Entmenschlichung, so dass die Kontrolle und der Missbrauch dieses Individuums moralisch gerechtfertigt sind. So wird die Debatte über die Menschlichkeit der einen und die animalischen Eigenschaften der anderen ausgelöst. Afrikaner werden nach den oben genannten Kategorien in die Zone des Nicht-Seins eingeordnet, so dass sie der tierischen Sphäre nahe stehen. Zur Vervollständigung unserer Analyse werden wir daher in diesem dritten Teil die ideologische Dimension der deutschen Kolonialliteratur am Beispiel von Tropenkoller behandeln. Um sich dem ideologischen Aspekt zu nähern, ist es wichtig, die Überlegungen zu erfassen, die zu diesem Phänomen geführt haben. Ausgehend von den Postulaten Grosfoguels werden wir also versuchen, die Auswirkungen des Eurozentrismus zu verstehen. Grosfoguel (2012: 89) führt die Diskussion über die Menschlichkeit des jeweils anderen auf die Eroberung Amerikas im späten fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert zurück. Damals, in einer Welt, in der die Religion das Privileg der Zentralität in der
33 eurozentrischen Episteme genoss, galten die indigenen amerikanischen Völker, die ihre eigenen spirituellen Riten praktizierten, als seelenlos. Dieser religiöse Rassismus wäre somit die erste Form des Rassismus im „modernenkolonialen kapitalistischen/ patriarchalischen westlich-zentrischen/ christlich-zentrischen/ kolonialen kapitalistischen/ patriarchalischen Weltsystem“ 11 gewesen. In dieser Zeit „werden die beiden rassistischen Diskurse eingeführt, die der westliche Imperialismus in den nächsten 450 Jahren der europäischen kolonialen Expansion in der Welt verwendet: der biologische rassistische Diskurs und der kulturalistische rassistische Diskurs“ (Grosfoguel, 2012:91). Eine weitere Äußerung des Ungleichheitsdiskurses des „verwestlichen Weltsystems“, die hier von besonderem Interesse ist, steht im Zusammenhang mit der zentralen Stellung des Patriarchats im eurozentrischen System. Sogar als Frau, die also eine subalterne Position im eurozentrischen Weltbild einnimmt, reproduziert von Büllow patriarchale Muster. In den Kolonien genießt die Autorin die Freiheit, die sich aus der Zugehörigkeit zu den Beherrschten ergibt, und aus dieser Perspektive der Überlegenheit gegenüber den Kolonisierten konzipiert sie Tropenkoller. Von Bülows Erfahrungen als Frau im kolonialen Prozess sowie ihre Darstellung von Pionierinnen und kolonisierten Frauen in ihrer literarischen Produktion sind ein deutliches Beispiel dafür. 4.1. Rassendiskurs in Tropenkoller Wenn Grosfoguel über Rassismus spricht, bezieht er sich auf die Theorien von Fanon. Für ihn ist Rassismus „una jerarquía global de superioridad e inferioridad sobre la línea de lo humano que ha sido políticamente producida y reproducida como estructura de dominación durante siglos por el “sistema imperialista/ occidentalo-céntrico/ cristianocéntrico/ capitalista/ patriarcal/ moderno/ colonial”“ (Grosfoguel, 2011 zitiert in Grosfoguel, 2012:93). Dieses System privilegiert eine ganz bestimmte, machtvolle Elite und hat negative Auswirkungen auf die Mehrheit der Bevölkerung. Rassismus ist in einem Verhältnis der Ungleichheit verwurzelt. Laut Grosfoguel Rassismus beinhaltet ein Überlegenheit-Unterlegenheit-Verhältnis, das von Hautfarbe, ethnischer Zugehörigkeit, Sprache oder Religion abhängt. Die Indikatoren für Ungleichheit können immer unterschiedlich sein. In jedem Kontext entsprechen sie den 11 im Folgenden als das „verwestliche Weltsystem“ bezeichnet.
34 Kategorien, die die Überlegenheit eines Systems gegenüber einem anderen rechtfertigen können. In Fällen, in denen beide Konfliktgruppen die gleiche Hautfarbe haben, erfolgt der Missbrauch aufgrund von anderen Merkmalen wie zum Beispiel Religion oder Kultur. Unter diesem Gesichtspunkt ist der folgende Block zu sehen, der in drei Abschnitte unterteilt ist: Akteure, Opfer und Formen des Kolonisierungsprozesses. Sie alle werden in Bezug auf ihre Darstellung in der deutschen Kolonialliteratur analysiert, insbesondere im Werk Tropenkoller. 4.1.1. Die Zone des Seins: die deutschen Pioniere als Akteure des Kolonisierungsprozesses Der deutsche Held ist die Verkörperung der eurozentrischen Werte in den Kolonien. Sowohl in der Belletristik als auch in den Kapiteln erscheinen die Protagonisten der Kolonialliteratur als heroische Figuren, die stereotypisiert sind. Sie sind kompromisslos und verfügen über enormen Mut, Ehre, Patriotismus und Loyalität. Sobald sie in der Kolonie ankommen, sind sie nicht mehr nur Individuen, sondern werden zu sichtbaren Symbolen der Nation. In Tropenkoller Udo Biron oder Ludwig von Rosen repräsentieren diesen Charaktertyp. Zwei Haltungen sind für die Beschreibung des Verhaltens der Kolonisten gegenüber den Kolonisierten von zentraler Bedeutung: Paternalismus und der Weiße Retter Komplex. Der von Teju Cole geprägte Begriff „white saviour complex“ beschreibt ein auch heute noch sehr gegenwärtiges Phänomen, bei dem sich Weiße im Zentrum des Weltsystems berufen fühlen, Entwicklungs-, Bildungsoder Hilfsarbeit in Ländern an der Peripherie zu leisten. Dabei schreiben sie sich fälschlicherweise eine große Verantwortung und Fähigkeit zu, die zwar gesellschaftlich unterstützt wird, aber nicht unbedingt der Realität entspricht. In der Regel wollen weiße Retter mit ihrem Engagement „etwas kompensieren“, d.h. sie verfolgen grundsätzlich ethische Motive. Viele sind sich jedoch des historisch verwurzelten und komplexen Problems der weißen Vorherrschaft nicht bewusst. Diese Illusion hält die seit Jahrhunderten bestehenden Machtstrukturen und globalen Ungleichheiten aufrecht und verstärkt sie (Sand, 2019). Sowohl der weiße Retter Komplex als auch der Paternalismus wurzeln in einem eurozentrischen Überlegenheitsgefühl und dem festen Glauben an die Existenz einer minderwertigen Rasse. Diese Weltanschauung und die daraus resultierende zwischenmenschliche Vorgehensweise haben eine beachtenswerte diachrone
35 Weiterentwicklung erfahren, die bis heute in verschiedenen Varianten fortbesteht. So formuliert es Grosfoguel: The imposition of Christianity in order to convert the so-called savages and barbarians in the 16th century, followed by the imposition of “white man’s burden” and “civilizing mission” in the 18th and 19th century, the imposition of the “developmentalist project” in the 20th century and, more recently, the imperial project of military interventions under the rhetoric of “democracy” and “human rights” in the 21st century, have all been imposed by militarism and violence under the rhetoric of modernity of saving the other from its own barbarianisms (Grosfoguel, 2011: 24). Die Intoleranz und die Unmöglichkeit, in außereuropäischen Völkern ein anderes epistemologisches Paradigma zu erkennen, haben zusammen mit vielen anderen politischen und wirtschaftlichen Faktoren jahrhundertelange Missbräuche gerechtfertigt. Im Fall von Tropenkoller könnte man fast sagen, dass Paternalismus das Grundmotiv für die Kolonisierung ist. Der „gute Wille“, diese „primitiveren“ Menschen zu erziehen, war sogar eine Rechtfertigung für körperliche Bestrafung. Ja; der einzelne Herr dem einzelnen Diener gegenüber wird sein Ansehen auch unter erschwerenden Umständen zu wahren wissen, aber die Achtung vor unserer Überlegenheit als Kulturvolk sinkt dabei rapide; ich sage Ihnen, sie sinkt! Wir stehen einmal hier als Vorbilder, und unsere Aufgabe ist neben anderen eine erzieherische (von Bülow, 1896: 192-193). Dieser Auszug, in dem Ludwig von Rosen spricht, bildet ein klares Beispiel für eine supremistische Rede. Rosen, der im Roman als ein Mensch von hohen moralischen Ansprüchen beschrieben wird, kritisiert hier die Abweichungen im Verhalten der Deutschen, die ein schlechtes Beispiel für die Schwarzen darstellen. Für ihn sollten sie, das „richtige“ d.h. starke und disziplinierte Kulturvolk vertreten, das im Gegensatz zu Schwarzen steht. Ludwig von Rosens Diskurs ist an dem Natur-Kultur-Paradigma verankert und entspricht einem rassistischen pseudowissenschaftlichen europäischen Gedankengut, nach dem Europäer und Afrikaner entgegengesetzte Ausprägungen des menschlichen Archetyps sind. Deshalb während Europäer komplexere Organisationsformen immer weiter entwickeln würden, wären die Afrikaner im primitiven Stadium geblieben (Ottavio, 2019:269). In dieser Hinsicht äussert von Bülow in Tropenkoller: „Die Schwarzen kennen mich und glauben mir bis weit ins Innere hinein. Ich werde sie vor den üblen Erfahrungen, die ich selbst gemacht habe, zu schützen suchen. Das ist auch eine Aufgabe (von Bülow, 1896: 211-212)“. Diese Passage zeigt, dass der Subalterne nicht in der Lage ist, für sich selbst zu argumentieren, so dass er die
36 Vermittlung und Repräsentation von Intellektuellen der ersten Welt benötigt (Spivak, 1988: 79). Es ist interessant, wie von Bülow diese eigene Überzeugung auf die Schwarzen überträgt und ihnen das Gefühl gibt, sich mit ihren Unterdrückern wohlzufühlen, sie sogar zu idealisieren. Das deutlichste Beispiel ist das folgende. Nach der Löwenjagd singen die Schwarzen selbst dieses Lied: Erster Chor: „Der Löwe ist wild und seine Kraft ist gewaltig“. Zweiter Chor: „Er hat unsere Brüder gefressen. Ja, uns wollte er fressen. Uns alle wollte er verderben“. Erster Chor: „Da kam der Msungu [Weiße] der Bana mit den Haaren wie Sonne und den Augen von der Farbe des Himmels“. Zweite Chor: „Er hat eine Feuerwaffe und große Kraft in seinem Herzen. Und die Weisheit des weißen Mannes ist größer als die Weisheit des Löwen“. Erster Chor: „Und er schlug den Löwen, den Fresser der Leute, daß er starb“ (von Bülow, 1896: 213). Der Gesang fasst die Dynamik zusammen, die von den Kolonisatoren auf die Kolonisierten ausgeübt wird. Im Angesicht der Gefahr kommt der weiße Mann, um „seine“ Schwarzen zu retten und ihnen die technischen Errungenschaften der zivilisierten Gesellschaft beizubringen („Er hat eine Feuerwaffe“). Das Lied verherrlicht den körperlichen, geistigen und moralischen Aspekt des Deutschen. Im Verlauf des Romans wird auch die germanische Identität definiert. Charaktereigenschaften wie Mut („Udo hatte die Unerschrockenheil des Nordgermanen, dem die Gefahr nicht Grauen erregt, weil er keinen Gedanken an sie verschwendet“ von Bülow, 1896:120) oder Integrität („aber ich bin doch heilig überzeugt, daß kein echter deutscher Bauer [...] die Roheit haben wird, einen müden Fremden, der ein wenig rasten will, mit Schmähworten von seiner Schwelle zu weisen“ von Bülow, 1896:227) werden hervorgehoben. Das Deutschtum ist aber nicht ganz frei von Kritik. Die Kritik am patriotischen Enthusiasmus ist offensichtlich, insbesondere durch Figuren wie Pater Kurt Fabricius, eine Karikatur des patriotischen Fanatikers ohne die Fähigkeit zur Selbstkritik. 4.1.2. Die Zone des Nicht-Seins: die Kolonisierten als Opfer des Kolonisierungsprozesses Zu den subalternen Kolonisierten gehören nicht nur die Kolonisierten selbst, sondern alle Menschen, die nicht im Mittelpunkt des „verwestlichen Weltsystem“ stehen. Die Darstellung der Subalternen in der deutschen Kolonialliteratur ist stark von den
37 sozialdarwinistischen Doktrinen des 19. Jahrhunderts beeinflusst. Darwins Evolutionstheorie brachte nicht nur einen Wendepunkt in den naturwissenschaftlichen Studien, sondern auch löste eine metaphysische Krise aus. Patrik von zur Mühlen behaupete folgendes in dieser Hinsicht: Der Sozialdarwinismus leitete Phänomene wie Kampf ums Dasein, Konkurrenz, Rentabilität, Überleben der Tüchtigsten und schließlich die Entwicklung der Gesellschaft als Folge aller dieser Faktoren aus der Biologie Darwins ab, somit aus ewigen, naturgesetzlichen Kategorien, die außerhalb des menschlich Disponiblen und Machbaren standen und bei gleichzeitigem Leugnen metaphysischer Ordnungsprinzipien als gesellschaftliche Totalität figurierten (von zur Mühlen, 1977:80). Obwohl der Sozialdarwinismus in seinem Ansatz keine These der Ungleichheit zwischen den menschlichen Rassen enthielt, trug er zur Entwicklung von Rassentheorien bei. Diese Theorien legitimierten die Unterdrückung ganzer ethnischer Gruppen als natürliche Folge der Weltordnung. Auf der Grundlage dieser Postulate wurden Rassenbilder geschaffen, die dazu beitrugen, den Mythos der Überlegenheit der einen oder anderen ethnischen Gruppe zu schaffen. Natürlich findet auch Darwin seinen Platz in Tropenkoller: „Ich bin eben ein Deutscher,“ sagte Rosen einfach. „Übrigens komme ich auch mit dem Verstände zu keinem anderen Resultat. Ich kann hin und her denken, so viel ich will, und ich kann das Recht des Stärkeren wie Darwin, oder das Recht des Starken wie Nietzsche auffassen, so glaube ich immer, daß die Macht, die heute durch das Geld repräsentiert wird, an sich noch keine Kraft ist. [...] Schwache Völker müssen daran in kurzer Zeit zugrunde gehen, lebensstarke, wie das englische, das russische, das deutsche, ahnen die Gefahr mehr oder minder deutlich und geben mehr oder minder energisch Kontredampf. Schließlich muß freilich jedes Naturgesetz seinen Lauf nehmen (von Bülow, 1896:161162). Der Ungleichheitsdiskurs wird hier in den Worten von Rosen ausgedrückt. Er spricht von schwachen und starken Völkern, vom Überleben des Stärkeren und von der natürlichen Selektion. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass sich rassistische Einstellungen nicht nur auf die Hautfarbe beschränken, sondern aus einer Position der Überlegenheit gegenüber dem Anderen heraus entstehen. Zu diesem Schluss kommt Franz Fanon in seiner Revision des Rassismus, eine Revision, die als eine globale Hierarchie von Überund Unterlegenheit entlang der Linie des Menschen definiert (Grosfoguel 2012: 93). Der körperliche Faktor ist, im Gegensatz zu dem, was wir zu denken gewohnt sind, nur eine Ergänzung, die dazu hilft, die Position der Überlegenheit zu rechtfertigen.
38 Neben von Bülows Darstellung der Schwarzen als Primitive, Wilde und Infantilisierte enthält der Roman auch Bilder von Arabern und Indern. In der Tat mussten die Deutschen den Raum in Afrika mit Menschen aus sehr unterschiedlichen Kulturen, nicht nur Schwarzen, teilen. Er war einem verrufenen Sklavenjäger auf die Spur gekommen, einem jener Araberund Negermischlinge, die die Wildheit des eingeborenen Afrikaners mit der Habgier und dem hochfahrenden Sinn des Arabers vereinen und den Schrecken des Landes bilden (von Bülow, 1896: 120). Was werden die Inder toben! Und müssen's noch obendrein heimlich tun, denn offen dürfen sie ihre Spekulationssucht nicht zur Schau tragen, die Ruppsäcke, die Wucherer, die Halsabschneider! (von Bülow, 1896:94). Sehen Sie hier und hier und hier! Diese indischen Halsabschneider haben richtig sofort alle die geplante Straße berührenden Grundstücke in ihren Besitz gebracht. Die Burschen haben verflucht scharfe Witterung (von Bülow, 1896: 92). Das fehlte! Sind die Deutschen darum Schutzherren, um die Greuel dieser Araberbastarde vor ihren Augen geschehen zu lassen und die Hände zu falten? (von Bülow, 1896:122). Im Gegensatz zu den Schwarzen werden die Araber und Inder als bösartige und böswillige Individuen dargestellt, die in Wirklichkeit eine Gefahr darstellen, vor der die wehrlosen Schwarzen geschützt werden müssen. Araber und Inder waren eine handfeste Bedrohung und Konkurrenz auf kommerzieller Ebene, was vielleicht der Grund dafür ist, dass sie anders beschrieben werden im Vergleich zu der schwarzen Bevölkerung. Die untere Stufe in der sozialen Pyramide ist aber den Afrikanern vorbehalten. Sie werden in der Zone des Nicht-Seins verortet und sprachlich als Tiere, Wilde und Untermenschen genannt. 4.1.3. Extraktivismus als Form des Kolonisierungsprozesses Die Formen des Kolonialismus in den kolonisierten Gebieten sind vielfältig. Sie verfolgen jedoch alle dasselbe Ziel: die effektive Kontrolle über ein Gebiet und die Ausnutzung einer überlegenen Position zu ihrem Vorteil. Grosfoguel (2016) arbeitet mit dem Konzept des Extraktivismus, dem er verschiedene Dimensionen zuordnet: epistemischer Extraktivismus, ontologischer Extraktivismus oder wirtschaftlicher Extraktivismus. Der Extraktivismus zielt in erster Linie auf die Verdinglichung der subalternen Realität ab, um sie später auszubeuten. So bezeichnet Grosfoguel den Prozess der Verdinglichung: La cosificación es el proceso de transformar los conocimientos, las formas de existencia humana, las formas de vida no-humana y lo que existe en nuestro entorno ecológico en
39 «objetos» por instrumentalizar, con el propósito de extraerlos y explotarlos para beneficio propio sin importar las consecuencias destructivas que dicha actividad pueda tener sobre otros seres humanos y no-humanos (Grosfoguel, 2016: 126). Unabhängig von seiner Ausrichtung plündert der Extraktivismus materielle oder immaterielle Güter aus, die die Hierarchie zwischen Zentrum und Peripherie verstärken. Alles, was zu einer gegebenen Konstellation gehört, ist anfällig für die Gewinnung und Instrumentalisierung: Rohstoffe, natürliche Ressourcen, Ideen oder Lebensweisen in der Welt. Diese raffinierte Form des Kolonialismus geht weit über eine einfache Auferlegung hinaus, da sie sich fremde Elemente aneignet, sie ihrer Bedeutung beraubt und sie in eurozentrische Logiken integriert. Solche Dynamiken, die die Welt jahrhundertelang beherrscht haben und weiterhin beherrschen, werden sich in der kolonialen Literatur manifestieren, auch wenn sie in einer naturalisierten und positiven Weise reflektiert werden. In der Tat ist es nicht ungewöhnlich, dass viele extraktivistische Praktiken als Mechanismen des Fortschritts gewürdigt werden. Am deutlichsten wird dies bei der umweltzerstörerischen Seite des Kolonialismus. Ökozidaktionen sind das Bild für die Unterwerfung der Natur unter den Menschen: das Wilde und ursprünglich Ungezähmte wird beherrscht. Einige Auszüge aus Tropenkoller machen diesen Aspekt sichtbar: Schon von weitem hatte er mit lebhaftem Interesse den Strandarbeiten zugesehen. Hier war reges Leben. Den Küstenhang hatte man angefangen, schluchtartig einzuschneiden, da die Fahrstraße bis zum Strande führen sollte. Aus der hierbei gewonnenen Lehmerde schüttete man einen ins Meer vorspringenden Wall auf, der größeren Fahrzeugen das Anlegen ermöglichen sollte (von Bülow, 1896: 57). Felsgestein war gesprengt worden, Busch gerodet, tausendjährige Affenbrotbaumkolosse und viele alte Palmen gefällt und oft mit vielen Schwierigkeiten aus dem Wege geschafft, Wenn die Europäer aus dem Innern zur Küste kamen, benutzen sie gerne, statt der gewundenen, schmalen Negerpfade, die freigelegte Strecke der Exzelsiorstraße (von Bülow, 1896: 212). Die Passagen bezeichnen die Annäherung an das Territorium aus einem eurozentrischen Epistem. In diesem Fall werden die natürlichen Ressourcen einer Region zum Nutzen der Kolonisten enteignet und als Fortschritt getarnt. Der Wohlstand der deutschen Pioniere hat immer Vorrang, auch wenn dies bedeutet, die Umwelt zu verändern und zu zerstören. Die Kolonisatoren dringen in ein fremdes Paradigma ein und manipulieren es, um die Kolonisierten ihrer Identität zu berauben. Genauso wie sie die Natur missbrauchen,
40 drängen sie sich dem anderen auf territorialer, politischer, sprachlicher, religiöser und kultureller Ebene auf. Dieser Beherrschungsprozess spiegelt sich in der kolonialen Literatur wider, auch wenn sie stets positiv und zivilisatorisch dargestellt wird. Das Endergebnis der extraktivistischen Prozesse ist das Epistemizid. 4.2. Der eurozentrische Blick der Kolonisatorin Westliche Frauen im westlichen Patriarchat genießen ein rassisches Privileg, da sie Zugang zu Ressourcen, Reichtum, Rechten und Macht haben, der unverhältnismäßig größer ist als der von unterdrückten nicht-westlichen Frauen in der Zone des Nicht-Seins. Sowohl Frieda von Bülow als auch und ihre europäischen Frauenfiguren in Tropenkoller gehören zu den Privilegierten. Afrikanische Frauen werden als Subalterne gesehen und dargestellt. Das Geschlecht ist also auch nicht frei vom Einfluss der eurozentrischen Episteme. Bevor wir diese Argumentation fortsetzen, ist es notwendig, das koloniale Phänomen auch aus der Perspektive der Gender Studies zu betrachten. Der Kolonialismus war ein besonders interessantes Moment in der Geschichte der Frauenemanzipation, ein Motiv mit zahlreichen Widersprüchen. Die Ansiedlung in den neuen Gebieten rief von Anfang an Interessen hervor, die im Kern der verschiedenen Gruppen der deutschen Gesellschaft lagen. Proletarische Arbeiter strebten danach, ihr Schicksal zu überwinden und ihr Glück fern der Heimat zu finden; Intellektuelle und Wissenschaftler wurden von der Aussicht auf neue geografische, anthropologische oder botanische Forschungen angezogen; und Unternehmer nutzten die Gelegenheit, ihren Handel durch den Erwerb neuer Rohstoffe für den internationalen Markt zu öffnen. Auch die Frauen suchten ihren Platz in diesem neuen Kontext, wenngleich sich ihre Tätigkeit häufig auf die Arbeit als Krankenschwestern im Dienste ihrer Landsleute beschränkte. Der koloniale Rahmen war oft eine Chance für die Emanzipation der Frauen, aber paradoxerweise auch ihre Beteiligung an den Werten des Patriarchats. Obwohl die Flucht in die Kolonie die Suche nach einer besseren Existenz ermöglichte, war es in Wirklichkeit so, dass die europäische Geschlechterdynamik schließlich auf das besetzte Gebiet fortsetzte Die Arbeit der Frauen war meistens auf den Bereich der Pflege beschränkt. Frauen spielten oft eine wichtige Rolle bei der religiösen Mission und bei der Betreuung, was ein gutes Image der deutschen Leitung schuf und die Besatzung legitimierte. Die Stelle der Frau in der Kolonie beweist also keinen wirklichen Wandel, sondern eher eine Fortsetzung ihrer
41 traditionellen Rolle innerhalb des patriarchalischen Weltsystems. Auf der individuellen Ebene ist jedoch eine positivere Interpretation möglich, denn es wird tatsächlich ein Raum geschaffen, der die Emanzipation unterstützt. Die Reise in die Kolonie, die Anpassung an eine neue Umgebung oder die Erfahrungen in einem fremden Milieu beschleunigen die persönliche Entwicklung und tragen zur Bildung einer eigenständigen Identität bei. Laut Hermes (2017:263) sind es die Beziehungen zwischen deutschen Frauen und deutschen Männern, die Frieda von Bülow als besonders „brisant“ darstellt. Er schreibt: So bemühen sich viele ihrer Heldinnen im ›Schutzgebiet‹ darum, jenes Korsett zu sprengen, in das sie die wilhelminische Gesellschaft eingeschnürt hat (vgl. Eigler 1998). Gleichwohl ist es heikel, Bülows Erzählwerk als Abrechnung mit dem Patriarchat zu lesen (vgl. Berman 1998, 171–194). Denn mit der Zeit unterwerfen sich ihre Frauenfiguren meist doch dem ›starken Geschlecht‹ und finden erst darin – wie Eva Biron – ihre Erfüllung (Hermes, 2017: 263). Der Beitrag der Autorin zum frauenemanzipatorischen Diskurs in dieser Zeit ist daher offen für unterschiedliche Lesarten. Obwohl sie starke und entschlossene weibliche Figuren darstellt, erreichen sie nie eine wirkliche Emanzipation und werden auf die eine oder andere Weise in die männliche Vorherrschaft zurückgedrängt. In Tropenkoller fallen zwei Frauenfiguren auf: Eva Biron und Gräfin Leontine. Erstere genießt ein relativ unabhängiges Leben, das der kolonialen Angelegenheit gewidmet ist; letztere, die Frau des Regenten von Satuta, Albert Waldemar, führt ein Leben, das dem ihres Mannes sehr viel untergeordneter ist. Eva, die ihr Leben und ihre Arbeit in der Kolonie schätzt, findet dort ihr Zuhause und ihren Platz. Wie bereits erwähnt, ist diese Figur ein Alter Ego der Schriftstellerin selbst, die ihr Dasein in den Kolonien zu ihrem Lebensunterhalt machte. Außerdem war es das koloniale Projekt, was ihrem Leben einen Sinn gab; von Bülow war von der Bedeutung der deutschen Präsenz auf afrikanischem Boden überzeugt; sie hatten eine Mission. Leontine ihrerseits fand nie ihren Platz in Satuta, was sich auf ihre Gesundheit auswirkte. Trotz ihrer großen Abhängigkeit von ihrem Mann genießt sie die Bewunderung anderer Männer, wie zum Beispiel von Udo. Die Gräfin lehnt Veränderungen ausdrücklich ab und hält an der Fortschrittsfeindlichkeit fest, weil sie in der Kolonie eine exakte Kopie des deutschen Modells etablieren will. Merkwürdig ist auch, wie von Bülow die beiden Figuren mit völlig gegensätzlichen Aussehen ausstattet, was die unterschiedlichen Charaktere noch deutlicher macht. Die folgende Tabelle versucht anhand von Zitaten aus dem Buch, diese Dynamik der Gegensätze zusammenzufassen:
48 von Hammerstein, Katharina. „Frieda von Bülow“. Fembio, 12. August 2007, www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/frieda-von-buelow. Zugegriffen 17. Juni 2022. von Zur Mühlen, Patrik. Geschichte und Hintergründe. 1. Aufl. Berlin, Bonn-Bad Godesberg, Dietz, 1977. Wildenthal, Lora. German Women for Empire, 1884-1945, Durham, Duke University Press, 2001.