Editorial
Abstract
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Full text
Editorial Mit diesem Heft eröffnen die brücken ihren dreißigsten Jahrgang– und gleichzeitig den fünften Jahrgang, in dem sie zweimal jährlich als Zeitschrift erscheinen. Die insgesamt 57 seit dem Doppeljahrgang 2018/19 publizierten wissenschaftlichen Studien und Essays tragen dem programmatischen Konzept und der bisherigen Tradition einer vorrangig germanobohemistisch orientierten, interdisziplinär und thematisch offenen wissenschaftlichen Publikationsplattform Rechnung. Die Bandbreite der Autorinnen und Autoren dieser Beiträge und der weiteren Berichte und Besprechungen nehmen wir als Ausdruck der Anschlussfähigkeit der Theorien-, Methodenund Themenbereiche, die das Profil der brücken prägen– es sind Nachwuchswissenschaftler wie auch etablierte Philologen, Historiker und Kulturwissenschaftler dabei, Beiträger aus den deutschsprachigen Ländern, aus Tschechien und weiteren Ländern von den USA über Belgien bis zu Japan. Seit dem zweiten Heft 2018/19 gelang es zudem, dank Zusammenarbeit mit externen sowie redaktionsinternen Editoren für jede Nummer einen thematischen Schwerpunkt umzusetzen, womit unterschiedliche Perspektiven auf literarische, linguistische, mediävistische, kulturwissenschaftliche und historische Problemfelder angesprochen werden. So wurden in den Heften 2018/19-2 und 2020-1 Populärkulturen im interkulturellen Kontext erörtert, im Heft 2020-2 aktuelle Themen der germanistischen Mediävistik in Tschechien präsentiert, 2021-1 einige an Vladimír Macuras Begriff des Übertragungscharakters (překladovost) der Kulturen anschließende Studien publiziert, mit 2021-2 eine linguistische Nummer zu Tschechisch im deutsch‑ sprachigen Umfeld zusammengestellt, 2022-1 historische und literaturgeschichtliche Studien zum Schwerpunkt Völkisches, ‚rechtes‘ und konservatives Gedankengut in den mitteleuropäischen Kulturen und Literaturen und 2022-2 einige ausgewählte Beiträge aus dem internationalen Workshop Die Moderne(n) der Region. Zum Verhältnis von Zentrum und Peripherie am Beispiel der Böhmischen Länder (19.–21. Mai 2022, WWU Münster) veröffentlicht. In den folgenden Jahrgängen wollen wir dieses Publikationsmodell weiter entwickeln und unsere Beiträgersowie Leserkreise weiter ausbauen. Wir freuen uns sehr über die fortgesetzte Förderung durch die Philosophische Fakultät der Karls -Universität Prag, in deren Verlag die brücken erscheinen, und über die Unterstützung einiger Hefte durch unsere Partner in Weimar/Jena, Münster, Regensburg und durch den Deutsch -tschechischen Zukunftsfonds. Die vorliegende Nummer knüpft thematisch an die vorige an– auch ihre Beiträge gehen auf den genannten Workshop in Münster zurück. Der konzeptionelle Rahmen der darin erforschten Spannungsverhältnisse und Wechselwirkungen von Moderne bzw. Moderne -Auffassungen und Region, zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen deutschund tschechischsprachigen Texten wurde im umfassenden Editorial des letzten Hefts erörtert. Die fünf Studien des Heftes sind in chronologischer Abfolge ihrer Gegenstände geordnet. Zunächst untersucht Václav Petrbok komparativ zwei führende kulturpolitische Zeitschriften Prags aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg– Přehled und Deutsche Arbeit. Dabei geht er diversen Zentrum -Peripherie -Konstellationen in ihren
8BRÜCKEN 30/1 Programmartikeln, Rezensionen und Polemiken nach und zeigt die sehr unterschiedlich verlaufenden Integrationsbestrebungen in Bezug auf die tschechischsprachige und deutschsprachige Intelligenz und Kultur. Jan Budňák analysiert die Konzepte der Provinz und der Moderne in der ‚modernen Revue‘ (so der Untertitel) Die Provinz, identifiziert die utopischen Momente einer (kultur-)politischen Sozialisierung und Solidarisierung und präsentiert die Zeitschrift schließlich als eine spezifische Mischform von bürgerlicher und nachbürgerlicher Moderne. Mit dem Roman OAnně, rusé proletářce [Über Anna, die rote Proletarierin] Ivan Olbrachts setzt sich Ivana Perica im Kontext der Entwicklung der tschechoslowakischen politischen Literatur der Zwischenkriegszeit auseinander. Dabei fokussiert sie auch die im Roman festgehaltenen Geschlechter -Stereotype und weist die damit verbundenen Geschlechter-, Raumund Klassendynamiken im Text nach, die den Rahmen des sozialistischen Realismus sprengen. Štěpán Zbytovský legt die Diskussionen über die ‚sudetendeutsche Literatur‘ und die Position Prags dar, wie sie um 1930 in den Beiträgen der Prager Zeitschrift Die Wahr‑ heit geführt wurden, und setzt diese in den breiteren Kontext der nicht -völkischen Rezeption der Publikationen Josef Nadlers. Schließlich befasst sich Veronika Tuckerová mit der Konstruktion des „alten Prags“ als Lebensund Werkkontext Franz Kafkas in der (populär-)wissenschaftlichen Literatur der 1940er bis 1960er Jahre, wobei sie sich insbesondere auf die Collage aus Texten und Fotos von Emanuel Frynta konzentriert und die politischen sowie tourismusorientierten Instrumentalisierungen des darin konstruierten Prag -Bilds bespricht. Die Essay -Rubrik bietet zwei weitere englischsprachige Beiträge des Themenschwerpunkts. Jindřich Toman betrachtet die bisherige Forschungsdiskussion über vertikal -hierarchische und horizontale Modelle der Avantgarde und argumentiert für eine komplexere Auffassung anhand der Konnexe der Prager Surrealisten, in denen sie sich einmal die Rolle des Zentrums, ein andermal die der Peripherie zuweisen. Ausgehend von Franz Kafkas literarischen Texten, Tagebüchern und Briefen bespricht Veronika Ambros vielfältige Momente des Theatralischen, Gestischen, der Visualität der Texte sowie Zeichnungen Kafkas im Kontext des zeitgenössischen jiddischen Theaters und moderner Bühnenkonzeptionen. Zwei Tagungsberichte und einige Besprechungen runden das Themenheft ab, das einen abwechslungsreichen Einblick in aktuelle literaturwissenschaftliche germanobohemistische Forschung bietet. Die Herausgeber