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Paradigmatik der deutschen Adjektive in der Großen lexikalischen Datenbank Deutsch

Vachková Marie

Abstract

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Paradigmatik der deutschen Adjektive in der Großen lexikalischen Datenbank Deutsch-Tschechisch1 Marie Vachková (Prag) ABSTRACT Der Artikel geht von der neueren Forschung im Bereich der Antonymie aus (Jones et al. 2012) und plädiert für eine breitere Auffassung der Gegensätzlichkeit für die lexikographischen Zwecke. Die lexikalisch-semantischen Relationen sollten im Wörterbuch auf der Ebene der Parole dargestellt werden, um dem Benutzer mindestens einen Teil der großen Vielfalt an semantischen Kontrasten zu bieten. Zur Auswahl der Belege dient außer der Kookkurrenzanalyse auch die Internetsuche, bei der syntaktische Konstruktionen, die auf Antonympaaren basieren, ermittelt werden. Ebenfalls auf der Ebene der Wortbildung sollten ins Wörterbuch nicht nur die automatisierten, formalen Regularitäten auf der Systemebene eingehen: Diese sollten durch authentische Kontrastpaare ergänzt werden. SCHLÜSSELWÖRTER: Antonymie, Gegensätzlichkeit, Kookkurrenzanalyse, Konstruktionen, Wortbildung, Lexikographie ABSTRACT The article focusing on the latest research in antonymy (Jones et al. 2012) proposes to see this lexical-semantic relation in its broader sense (oppositeness) because this view meets the needs of lexicographers who aim at a more realistic description of a variety of semantic contrasts on the parole level. The text points out issues concerning lexical selection methods on the paradigmatic level with the help of the cooccurrence analysis. Examples of web search strings which help to elicit constructions containing antonym pairs are given. These ways show an urgent need to describe antonymy in constructions which emerge in authentic language usage, not on the systemic level (langue) only. The author emphasizes that exemplifying antonymy should be rethought in the domain of word-formation: formal regularities prevail on the system level only; however, the usage shows antonymy pairs with a wide range of possible contrasts. KEYWORDS antonymy, oppositeness, cooccurrence analysis, constructions, word-formation, lexicography 1. EINFÜHRUNG Die Bearbeitung der adjektivischen Einträge in der Lexikalischen Datenbank Deutsch-Tschechisch (bzw. im Großen Akademischen Wörterbuch Deutsch-Tsche1 Dieser Text entstand zum Teil auf der Grundlage des Referats vom 17. 9. 2014 für die Konferenz Korpusová lingvistika Praha 2014. OPEN ACCESS 104 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2015 chisch, GAWDT2) fußt auf korpusanalytischen Methoden.3 Der vorliegende Aufsatz präsentiert eine Zusammenfassung von Reflexionen zur Einbeziehung der paradigmatischen Relationen (vor allem der Antonyme) in GAWDT-Einträge. In den heutigen Datenbanken werden in zunehmendem Maße umfassende Informationen in deren effektiver Verlinkung angestrebt, was u. a. die lexikalisch-semantischen Beziehungen hervortreten lässt (vgl. Müller-Spitzer 2007). Diese Zielsetzung ist leichter im Falle der monolingualen Lexikographie zu erreichen, die Reflexionen zu bilingualen Datenbanken stehen noch an. Im Folgenden werden Auswahlprozeduren sowie Bearbeitung der Paradigmatik vor dem Hintergrund der neueren Forschungsergebnisse präsentiert. In Abschnitten 1 bis 3 werden die theoretischen Vorgaben behandelt, unter 4 und 5 die Voraussetzungen der neuen lexikographischen Praxis angedeutet. Die Erfahrungen aus der Werkstatt des GAWDT werden unter 6 zusammengefasst. 2. MULTIDIMENSIONALE STRUKTUR DES WORTSCHATZES UND DAS WÖRTERBUCH Das Streben nach einer systemisch orientierten lexikographischen Beschreibung fußt erstens auf den Reflexionen der letzten Jahrzehnte, vgl. Apresjan 1992: Current dictionary definitions are one-layer structures in the sense that all the meaning components included in them are, so to say, on a par with one another. Yet in the semantic research of the last two or three decades lexical meaning has been demonstrated to be a complex multilayer structure, with such logically distinct layers of meaning as presuppositions and assertions, modal frames and frames of reference (observation), strong and weak (optional, implicational) elements in the assertive parts, motivations of speech acts and so on. They are different in that they react differently to other semantic units occurring in the same proposition, for example, to negation and antonyms [hervorgehoben von M.V.], to quantifiers and evaluative words and so on. AIl these layers of meaning should be done full justice to in the lexicographic portrait of a lexeme. Apresjan 1992, vgl. http://www.euralex.org/proceedings-toc/euralex_1992–1, 15. 5. 2015/ 2 Obwohl das GAWDT (ein langzeitiges Forschungsprojekt des Instituts für germanische Studien an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität in Prag) in der Form einer kontinuierlich ausgebauten Datenbank vorliegt, wird das Projekt intern weiterhin „Wörterbuch» genannt. 3 Ziel der lexikographischen Arbeiten sowie primäres Output der Datenbank ist das Große akademische Wörterbuch Deutsch-Tschechisch mit etwa 130.000 Lemmata. Als Adressat gilt der gebildete Benutzer, Übersetzer sowohl literarischer als auch Gebrauchsbzw. Fachtexte. Zu den kurzfristigen Zielen zählen terminologische Sammlungen (s. Literatur) in der Form von kleineren Spezialwörterbüchern. Die lexikographische bzw. terminographische Tätigkeit geht Hand in Hand mit Korpusrecherchen in Kooperation mit dem Institut für Deutsche Sprache in Mannheim (Dipl.-Ing. Cyril Belica) und der metalexikographischen Forschung (s. Literaturverzeichnis). MARIE VACHKOVá 105 Zweitens wird in den letzten Jahren im Rahmen der korpusbasierten lexikologischen Forschung den Opposita bzw. Antonymen4 Aufmerksamkeit geschenkt: Die naiven Vorstellungen von der Binarität der Gegensätze (vgl. dazu Čermák 2010, 268ff.) können den Korpusrecherchen nicht mehr standhalten, die lexikographischen Gesichtspunkte werden jedoch eher spärlich reflektiert (vgl. den methodologisch wertvollen Aufsatz von Paradis und Willners 2006). Die Vielfalt der älteren Auffassungen kann heute mit den neuen korpusanalytischen und kognitiven Zugängen konfrontiert werden (vgl. die Titel in der Sekundärliteratur, v. a. Fellbaum 1995, Marková 2012, Belica 2011, inter alia), was die Lexikographen zum Umdenken deren Praxis einladen sollte: Antonymie stellt eine der grundlegenden Organisationsstrukturen des mentalen Lexikons dar.5 Ihre Kookkurrenz in identischen Kontexten und gegenseitige Aus4 Der Begriff Antonym wird bei Agricola — Agricola 1992 (Vorwort von Christiane Agricola als Oberbegriff für (binäre) Gegensätzlichkeit verwendet: Christiane Agricola befürwortet die Kategorien Konversivität, Komplementarität, Antonymie im eigentlichen Sinn, fakultative Gegensatzpaare. Die Autorin des Artikels plädiert für eine weite Auffassung der Antonymie, die aus lexikographischer Sicht praktischer ist: Mit dem Terminus Oppositum wird eine breite Skala von Gegensätzlichkeitsrelationen angedeutet, die bei der korpuslinguistischen Untersuchung belegt werden können. Anderseits ist der Terminus Antonymie in der Sekundärliteratur der Gegenwart zu Hause und in der Werkstatt des GAWDT schon usualisiert: Die Redaktion fast den Terminus Antonym im weiten Sinn auf. Vgl. dazu auch Jones 2002, 1f. und seinen treffenden Kommentar zu Schwierigkeiten mit dem terminologischen Gebrauch: „Often, ‘antonymy’ is thought of as being the correct linguistic term for ‘opposites’, as ‘parentheses’ is simply a technical name for ‘brackets’. However, this is not entirely true. Some linguists, such as Lyons (1977) and Cruse (1986), apply the label of ‘antonymy’ to pairs such as heavy/light, new/old and fast/slow, but do not accept that pairs such as alive/dead, false/true and female/male are antonymous. This creates a problem as both sets of pairs would be readily identified as ‘opposites’ by any native speaker of English. I propose to resolve this problem by using the term ‘antonymy’ in its broader sense, referring to any pair of words which could be intuitively recognised as ‘opposites’. This semantic tension between ‘antonyms’ and ‘opposites’ may partly account for the tendency of commentators to shy away from recognising the status held by the phenomenon in language. For example, Lyons is wary of the word ‘antonymy’ because it is ‘hardly more precise in the usage of most authors than the word oppositeness which it replaces’ (1977: 270) and Simpson is equally cautious about what he refers to as a ‘catch-all category’ (1997: 72). But this instinct to reject a general term needs to be examined. Whilst it is true that antonymy encompasses a multitude of relationships, each slightly different from the next, it is equally true that all established ‘opposites’ in English share something in common. Any native speaker would immediately identify the ‘opposite’ of words such as cold, legal and above without feeling the need to distinguish between gradable antonymy, complementarity and converseness. (Hervorgehoben von M.V.) To deny the status of antonymy to any familiar pair of ‘opposites’ seems counter-intuitive and likely to obscure the underlying uniformity of all such word pairs.“ (Vgl. auch die Einführung in Vachková/Šemelík/Kloudová 2014). 5 „The category of antonymy is geared to the boundaries of the category by virtue of the necessary and sufficient conditions for a pair to be antonyms. On this definition, antonyms are meanings that are used in binary opposition through a construal of comparison. Bi- 106 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2015 tauschbarkeit wegen ihres identischen semantischen Bezugs und starker Kohäsion (unabgesehen von deren syntaktischen Strukturen) (vgl. Fellbaum 1995) lässt sie ihre Charakteristika mit den Synonymen teilen. Typische syntaktische Strukturen (Konstruktionen) deuten wieder von der Verquickung der paradigmatischen und syntagmatischen Relationen, wie von Murphy 2006 in Bezug auf Antonyme, bei Storjohann in Bezug auf Synonyme (vgl Storjohann 2010,69) festgestellt wird. Neuerdings thematisieren die lexikographische Umsetzung der Konstruktionsgrammatik Croft und Sutton (Erscheinungsjahr 2016). 3. QUELLEN UND SELEKTION Datenbankstrukturen, die die Darstellung der „complex multilayer structure“ der Semantik eines Lemmas6 anstreben, stellen hohe Ansprüche an die Selektion des Korpusmaterials, bei der sich ein Zusammenspiel von Introspektionen bzw. Entscheidungsstrategien sowie dem linguistischen Vorwissen ereignet.7 Dass die intuitive Wahl eher den empirisch begründeten Lösungen weichen sollte, betrifft dann alle Ebenen der lexikographischen Beschreibung.8 Der Rückgriff auf bestehende lexinarity is a bounded configuration in conceptual space, i.e. a phenomenological construct, which through dimensional alignment and comparison is used and understood as opposition. It has thereby been theoretically accommodated and explained within LOC [Lexical meaning as ontologies and construals, M.V.]. On this account all members have equal status as antonyms. Categorization by contentful structures, on the other hand, reveals that there is a continuum of very strongly associated word pairs at the one end and at the other end there are word meanings that have no strong lexico-semantic partners. The theoretical implications of the investigation are first and foremost that antonymy is basically a conceptual relation, but some particularly strong couplings indicate that some words may also have lexical correlates. This is a line of investigation that we will have to pursue in more detail. Characteristic of strongly coupled pairings typically get along with a very wide range of meanings and have no strong collocational preferences, they are frequent in language, both individually and in pairs and they profile properties where not more than two possibilities are given due to their configuration into two parts divided by a boundary or two poles of a single scale structure.“ (Paradis — Willners 2011). Es erübrigt sich zu bemerken, dass die neue Erforschung der Gegensätzlichkeit im Rahmen der kognitiv ausgerichteten Linguistik auf empirischen Untersuchungen fußt, die sich nur schrittweise jenen theoretischen Herausforderungen stellen, die eine theoretische Ausgrenzung der relevanten lexikalisch-semantischen Beziehungen anstreben. Mit der Erforschung der Antonymie bzw. Synonymie schöpft sich dieser Bereich bei weitem nicht aus. Zum Prinzip der Gegensätzlichkeit und Differenz vgl. Saussure 1996, 133,160 und besonders die Anm. 242. 6 S. die Ausführungen zu lexikographischen Prozessen mit Computereinsatz bei Carolin Spitzer-Müller 2007. 7 Ein lexikographisches Beispiel kann ein gekürzter oder eingerichteter authentischer Beleg sein. Zur Diskussion vgl. z. B. Schaeder 1981, 108f. Vgl. auch Vachková 2014. 8 Vgl. die Werke von Jones, Paradis und Murphy, s. Literatur. MARIE VACHKOVá 107 kographische Nachschlagewerke und deren Erfassung der Paradigmatik ist auch heutzutage, wo die Analyse der Parole in den Mittelpunkt rückt, immer aktuell und selbstverständlich. Im Falle des GAWDT wurde auf der Basis der einsprachigen sowie Parallelkorpora (CCDB, DeReKo, InterCorp) die Beschreibung der paradigmatischen Achse ebenfalls in Bezug auf die späteren Verlinkungen mit monobzw. deutschsprachigen Internetquellen reflektiert: Die Kookkurrenzanalyse (KA) im Rahmen der CCDB und des weltweit größten Korpus des geschriebenen Deutsch DeReKo (Deutsches Referenzkorpus)9, sowie das Parallelkorpus InterCorp Deutsch-Tschechisch10 bilden mit der theoretischen Literatur (s. Bibliographie) eine Grundlage für die lexikographische Reflexion zusammen mit den vorhandenen digitalisierten Klassikern (Deutsches Universalwörterbuch bzw. der Duden online vgl. unter http://www. duden.de/). Das Angebot der weit gefassten Synonymie in Duden online ist aus der DaF-Perspektive behutsam wahrzunehmen, vgl. den Beispielteil mit dem Synonymangebot bei dem Adjektiv wechselhaft: Beispiele — wechselhaftes Wetter — das Spiel hatte einen sehr wechselhaften Verlauf — in seinen Leistungen, Anschauungen wechselhaft sein Synonyme instabil, schwankend, sprunghaft, unbeständig, veränderlich, wetterwendisch; (gehoben) schwank, unstet; (gehoben abwertend) wankelmütig; (Finanzwesen) volatil Bei der Erwägung einer passenden Synonymwahl erzeugt das großzügige Angebot an Synonymen auf der Seite der DaF-Benutzer relative Unsicherheit hinsichtlich der Kollokabilität. Disambiguierung im Bereich der spezifischen Merkmale wird dadurch ermöglicht, dass jedes Adjektiv als Hyperlink zu dem jeweiligen Wörterbuchartikel (mit dem nächsten Synonymangebot und Beispielteil) angelegt ist. Antonyme werden im Duden online leider nicht angeboten. Nicht nur den Benutzern, sondern auch den Wörterbuchbearbeitern eines bilingualen Wörterbuchs kommt deswegen ein wertvolles Korrektiv gegen unbedachte Entscheidungen abhanden. Die Auswahl der Synonyme in einem Übersetzungswörterbuch hebt sich von der einsprachigen Praxis ab: Sie wird nämlich von den Beispielsätzen bzw. von deren Übersetzungen in Mitleidenschaft gezogen und dadurch erschwert. Es gilt, alle wesentlichen Lesarten durch ausgewählte und eingerichtete Belege zu präsentieren. Ein Angebot an Beispielen bzw. Beispielsätzen und deren tschechischen Gegenstücken schränken in vielen Fällen das Angebot der Synonymie notwendigerweise ein (s. u. 9 Vgl. http://corpora.ids-mannheim.de/ccdb/ (29.3.2015) , zu DeReKo und seiner Struktur vgl. http://www.lrec-conf.org/proceedings/lrec2010/pdf/414_Paper.pdf (29.3. 2015) 10 https://ucnk.ff.cuni.cz/intercorp/ (29. 3. 2015) 108 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2015 Eintrag zu wechselhaft).11 Wie unter 1. angekündigt, werden die nächsten Ausführungen auf die antonymischen Beziehungen fokussiert. 4. ANTONYMIE ALS WEIT GEFASSTE GEGENSÄTZLICHKEIT Die oben erwähnte Studie der Autorinnen Paradis und Willners (2006), die das korpusbasierte Werk Collins COBUILD Advanced Learner’s English dictionary (2003) unter die Lupe nimmt, behandelt drei Fragen, die auch für die Datenbank des GAWDT aktuell sind (obwohl ein Printwörterbuch den Herausforderungen einer Datenbank nicht standhalten kann): Welche Typen von Einträgen werden mit Antonymen versehen? Sagen die Bedeutungen der angeführten antonymischen Paare etwas über das Wesen der Antonymie in der Fremdsprache aus? Sind an den Antonympaaren die Prinzipien ihrer Auswahl ablesbar? (Vgl. Paradis–Willners 2006, 96). Zusammenfassend kann man festhalten, dass die Autorinnen das COBUILD-Wörterbuch mit 110 000 Lemmata und 1 750 Antonympaaren sehr hoch einschätzen. Die meisten Antonympaare sind erwartungsgemäß bei den Adjektiven zu finden.12 Im Großen und Ganzen wird das Werk den Anforderungen des Benutzers im Bereich des Angebots an Antonymen gerecht, die Autorinnen schlagen (auf der Grundlage eigener Untersuchungen) jedoch vor, auch die starke Kohäsion der „co-occurence patterns“ im Korpusmaterial zu berücksichtigen, die auf die Kanonizität der jeweiligen Antonympaare deuten dürfte. Das Ziel eines Lernerwörterbuchs ist es nämlich, dem Benutzer „nativelike links between words and meanings“ beizubringen, zumal Drillübungen zu Antonympaaren Bestandteil der Curricula sind und die Kenntnis der Antonyme zur Erlangung der Textkompetenz beitragen (Paradis–Willners 2006, 96). Die Redaktion des adjektivischen Teils der Datenbank des GAWDT, das ebenfalls didaktische Ziele hat, hat stets vor Augen, dass die Antonymie in den Datenbankinput einbezogen wird: Obwohl die aufgefundenen Antonympaare mithilfe der (in der Geschichte der Sprachwissenschaft einflussreichsten und am meisten verbreiteten) strukturalistischen Nomenklatur (vgl. z. B. Agricola 21992) terminologisch erfasst werden können, nimmt man bei den Korpusrecherchen eine große Vielfalt der Relationen innerhalb der Kategorie Antonymie wahr, zumal das Korpus auf multidimensionale Art und Weise gesichtet wird13. Die Kookkurrenzanalyse liefert Belege wie [das] eingereichte Projekt ist zwar sehr schön, aber viel zu teuer. Er sagt uns zu Oktober-Beginn zwar schöne, aber sehr kühle Witterung voraus Die Halle sei zwar ‚nicht schön, aber sehr zweckmäßig‘. Drei Jahre, die für den Türken „schön, aber auch sehr hart“ waren. usw. 11 Zur Methode der korpusbasierten Synonymenwahl s. näher bei Vachková 2009 und Marková 2012. 12 Für das Englische s. auch die Statistik bei Jones et al. 2012, 4. 13 Belica 2011 MARIE VACHKOVá 109 Diese Befunde deuten auf a. notwendiges Umdenken der Antonymie bzw. der Gegensätzlichkeit für die lexikographischen Zwecke: Die Autorin plädiert dafür, dass alle relevanten Gegensätze, die statistische Relevanz besitzen bzw. bereits fest im Sprachgebrauch verankert sind (als kanonisch gelten), als Kandidaten für die Aufnahme in die Datenbank erwogen werden sollten, unabhängig von der logischen Beziehung, die sie eingehen (vgl. auch Anm. 4.) und b. die Notwendigkeit eines sinnvollen Leitfadens für die Aufnahme der rekurrenten Konstruktionen: Hier besteht noch Nachholbedarf vonseiten einer eingehenden Erfassung der Kollokationsebene und der Konstruktionstypen im Deutschen. 5. WER SUCHT, DER FINDET Die Methodologie der Eruierung von antonymischen Konstruktionen erfolgt durch formalisierte Suchanfragen.14 Diese umfassen die typischen Konstruktionen, in denen Gegensätze vorkommen. Bei Adjektiven mit großem Lesartenumfang ist die Wahl einer lexikographisch geeigneten Konstruktion anspruchsvoller, zumal sie auch periphere lexikalische Gegensätze unterbringen kann, vgl. eine kleine Probe aus der Suche in WebCorp (http:// bit.ly/1eeWCwM, 20. 5. 2015): (Sie/Eigenname) ist nicht nur schön, sondern auch schlau. (9 020 Treffer, Google-Suche 20. 5. 2015) (Sache) — nicht nur schön, sondern auch nützlich (1 760 Treffer, Google-Suche 20. 5. 2015) (Sie/Eigenname) ist nicht nur schön, sondern auch ganz schön lustig! (324 Treffer, Google-Suche 20. 5. 2015) (Sache, z.B.Terrassenmöbel): Nicht nur schön, sondern auch wetterfest (55 Treffer, Google-Suche 20. 5. 2015) Kleopatra war nicht schön, sondern pummelig (12 Treffer, Google-Suche 20. 5. 2015) Allein die Konstruktion „nicht schön, sondern hässlich“ ergibt 21 100 Treffer (Google-Suche vom 20.5. 2015). In diesem Fall haben wir es mit einem kanonischen Antonympaar zu tun. Die semantisch engeren Adjektive, z. B. schütter, sind einfacher einzugrenzen, vgl. 14 Vgl. die Vorschläge der Suchanfragen (web search strings) bei Jones et al. 2012, 60, die mutatis mutandis im Deutschen anzutreffen sind (X steht für das zu kontrastierende Wort, * für den gesuchten Gegensatz): X and *, alike, from X to *, both X and *, X versus *, either X or*, between X and *, whether X or *, *and X alike*, from* to X, both* and X, *versus X, either * or X, between * and X, whether * or X. c. Die grundlegenden Schwierigkeiten technischer Art, die die Extraktion der Antonyme begleiten, werden hier nicht erörtert. 110 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2015 …auch jung gewesen bin, faltenlos, das Haupthaar nicht schütter, sondern stark blondiert und expressiv toupiert, wie es … Sein buschiges Haar und langer Bart … Und unsere Katze hatte kein schütteres, sondern, weil ihr Vater ein Perserkater war, sehr dichtes, langes Fell. (http://bit.ly/1HDkIh7, 10. 5. 2015) trotz seines hohen Alters waren seine Haare nicht schütter, sondern dicht, füllig… (http://bit.ly/1ErBzMv, 15.5.2015) seine Haare waren nicht mehr schütter, sondern gut frisiert und gepflegt. (http://w.tt/1HEmkEz , 15.5.2015) Die Summe der Konstruktionen lässt eindeutig erkennen, dass nicht nur die erwartbaren Paare (wie schön — hässlich 26 000 Treffer, Google-Suche 20. 5. 2015) aufzunehmen sind, sondern auch notwendige Erforschung des in den Korpora verankerten Usus unumgänglich ist. Im Falle der semantisch vagen Adjektive wie schön können mögliche Gegensatzpaare aus den generierten Kookkurrenzprofilen (weiter nur KP) herausgefiltert werden, vgl. unschön, traurig, scheußlich, schrecklich, schlimm, unwirklich, blöd, schauerlich, ungemütlich, eklig, entsetzlich, unerfreulich, beschissen, düster, trüb, grässlich, ekelhaft, trist, schaurig, unangenehm, doof, furchtbar, peinlich usw. (Vgl. auch Analysen bei Marková 2012, 175ff.) In diesem Zusammenhang ist auch die Wortbildungsantonymie (bzw. -synonymie) zu nennen (sowohl im Bereich der Präfigierung, als auch im Bereich der reihenbildenden Zweitglieder, vgl. z. B. die adjektivischen Privativa -frei, -los usw. und deren Gegensätze -voll, -reich usw.) Die vorliegenden morphematischen Beschreibungen (vgl. Fleischer–Barz 2012) erfassen das System, die konstruktionsgebundenen bzw. kontextuell eingebetteten Gegensatzpaare sind noch zu erforschen. 6. EINARBEITUNG DER GEGENSÄTZE ALS KUNST DES MÖGLICHEN: ZUSAMMENFASSUNG UND METHODOLOGISCHER RAHMEN Falls der Wortgebrauch (parole) im Zentrum der lexikographischen Darstellung steht, bleibt theoretisches Umdenken bei der Wortschatzbetrachtung nicht aus (vgl. Storjohann 2010). In der lexikographischen Praxis gilt es, die vorliegenden Quellen (DUW, bzw. Duden online) durch Korpusuntersuchungen zu korrigieren. a. Durch die am GAWDT bewährte und auf dem Prinzip der Ähnlichkeit beruhende Kontrastierung der KPe15 wurde empirisch nachgewiesen, dass die generier15 Allgemeine Ausführungen in Vachková/Belica 2009, Belica 2011, eingehende Korpusanalysen s. in Marková 2012. Zum Begriff des KP: „Die Gesamtheit aller quantitativen Ergebnisse der Kookkurrenzanalyse zu einem gegebenen Analyseobjekt (einem Lexem, einer Wortverbindung usw.) wird als Kookkurrenzprofil des Objektes bezeichnet und stellt — MARIE VACHKOVá 111 ten KPe Ähnlichkeiten in Parametern ihrer Verwendungskotexte bzw. -kontexte aufweisen, vgl. z.B. bei heiß: warm, schwül, erhitzt, kalt, glühen, erhitzen, aufwärmen, dampfen, wärmen, kühl, kühlen, sieden, lauwarm, erwärmen, feucht, verregnet, verregnen, regnerisch usw. So ist ein großer Teil der Synonyme und Antonyme aus der Sicht der diskursgebundenen Distribution als eine Klasse zu betrachten. b. So wurde die ältere Annahme bekräftigt, dass nicht nur Bedeutungen von isolierten Worteinheiten, sondern größere Entitäten (d. h. die Verwendungsdomänen der konfrontierten Synonyme bzw. Antonyme) in Anspruch genommen werden müssten16 (vgl. oben bei heiß die Domänen Wetter, Temperaturen, Küche usw.). c. Für die praktische lexikographische Arbeit weist diese Tatsache auf die notwendige Verlinkung der in der Datenbank angeführten Antonyme und Synonyme mit der Kookkurrenzdatenbank hin, wodurch die bisherige verflachte lexikographische Darstellung besonders bei der Vielfalt der spezifischen Diskurse (s. das Zitat von Apresjan unter 0.) in erheblichem Maße überwunden werden dürfte. 17 d. Mittels der KA kann man andere Dimensionen des Wortgebrauchs einsehen, weil Paradigmatik und Syntagmatik stets ineinandergreifen: Auf der syntaktischen Ebene gilt es deswegen, rekurrente Konstruktionen zu ermitteln, an denen Antonyme bzw. Synonyme teilhaben. e. Die eben genannten theoretischen Quellen können im Falle des GAWDT zum Teil umgesetzt werden: Die Datenbank hat nicht nur Wortmaterial für die Substitution in Texten zu bieten, sondern auch den Anteil von Synonymen und Antonymen an syntaktischen Konstruktionen zu belegen. Diesen zwei Anforderungen soll im Folgenden nachgegangen werden. Komplikationen und Limite, die durch die Gegenüberstellung der zwei Sprachen gegeben sind, werden einbezogen. f. Die Bearbeitung erfolgt in Schritten, die von dem Angebot der Synonyme bzw. Antonyme ausgehen (KPe in der CCDB, Synonymangebot bei www.duden.online). Zuerst wird das Adjektiv auf seine Synonymik geprüft, mit dem Ziel, die Gebundenheit der Antonyme/Synonyme auf identische Diskurse im Beispielteil des Wörterbuchartikels anzuzeigen: Die lexikographischen Beispiele sollen möglicherweise die Diskurse auseinanderhalten (EKV = Äquivalent, EX = das lexikographische Beispiel, SYN = Synonym, ANT = Antonym) vgl. informell gesagt — ein Kondensat seines Gebrauchs dar. Es erfasst sowohl dominante Wortverbindungsstrukturen wie auch subtile Varianzphänomene im lokalen lexikalischen Kontext des analysierten Objektes, und bietet dadurch eine detaillierte Auskunft über die syntagmatische und paradigmatische Einbettung des Objekts im Sprachgebrauch aus präferenzrelationaler Sicht. “ (Belica 2011, zitiert aus der Version http://corpora.ids-mannheim.de/SemProx.pdf, 20. 5. 2015). 16 Davon ist bereits Filipec 1961 überzeugt, vgl. „Synonyma jsou lexikální jednotky […] se stejnou nebo částečně odlišnou oblastí kontextového užití […].“ (Filipec 1961, 203). Manche Synonyme funktionieren als solche wieder in spezifischen Kontexten (ibidem, 188). 17 Filipec ist sich dieser Schwierigkeit voll bewusst, vgl. seinen Aufsatz zum systemischen Charakter der Antonymie 1994.