Martin Bermeister: Václav Havels Reden. Aspekte einer holistischen Rhetorik. Stuttgart: ibidem, 2017, 373 Seiten. Daniel Kaiser: Václav Havel. Der Präsident 1990–2003. Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2017, 379 Seiten, zahlreiche Abbildungen.
Abstract
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Full text
162 BRÜCKEN 27/1 wichtigere Akteur. Im engeren Sinne, da seine Ansichten sich als zutreffender und operabler zeigten als diejenigen Fechners. Im weiteren Sinne, weil er durch seine phänomenologische Psychologie Denker wie Husserl, Freud, Masaryk und Heidegger beeinflusste. Für die Böhmischen Länder gewann Brentano besondere Bedeutung, da nach seinem erzwungenen Weggang von Wien die deutsche Universität in Prag durch Anton Marty, Carl Stumpf oder Oscar Kraus zum Hort der Brentanisten in Österreich wurde, deren ebenfalls nicht konfliktfreier Einfluss auf das Prager Geistesleben in den autobiographischen Schriften von Max Brod bestens dokumentiert ist. Die hier vorliegende Edition jedenfalls gewährt einen tiefen Einblick in die Atmo‑ sphäre wissenschaftlichen Austauschs im 19. Jahrhundert und die neue wissenschaft‑ liche Disziplin Psychologie in statu nasciendi. Martin Bermeister: Václav Havels Reden. Aspekte einer holistischen Rhetorik. Stuttgart: ibidem, 2017, 373 Seiten. Daniel Kaiser: Václav Havel. Der Präsident 1990–2003. Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2017, 379 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Wolf ‑Georg Zaddach– HfM Weimar/Friedrich ‑Schiller ‑Universität Jena Václav Havel (1936–2011), der jüngst von der Tschechischen Republik posthum als Widerstandskämpfer gegen den Kommunismus geehrt wurde, gilt zweifelsohne als einer der schillerndsten europäischen Politiker nach dem Zusammenbruch des Kom‑ munismus. Die American Philosophical Society beschreibt Havel, deren Mitglied er 1995 wurde, als „one of the worldʾs shining lights in the struggle for truth and freedom“ und einen lebenden Beweis für den bemerkenswerten Einfluss Intellektueller auf politische Systeme und Entwicklungen. 1 Havel, der als Dissident in der sozialistischen Tschechoslowakei die existentielle Bedrohung der Diktatur erfuhr und aktiv an der Samtenen Revolution mitwirkte, prägte insbesondere in der Zeit von 1990 bis 2003 als Präsident der sich herausbildenden Tschechischen Republik die Entwicklungen seines Landes. Gerade das Bild des durch Künste und Philosophie geschulten Intellektuellen‑ Politikers kann dabei bisweilen mythisch erhöhte Züge annehmen. Das jedenfalls, so könnte man die Grundintention verstehen, ist der kritische Ausgangspunkt von Václav Havel. Der Präsident 1990–2003, eine Übersetzung des tschechischen Originals Prezident. Václav Havel 1990–2003 des einflussreichen tschechischen Journalisten Da‑ niel Kaiser von 2014. Das Buch ist in zehn Kapitel mit jeweils speziellem Themenfokus unterteilt. So kann man sich zum etwa Themenkomplex „Slowakei“ (Kap. 4) oder „Deutschland: Eine Lektion in Sachen Realpolitik“ (Kap. 6) vertiefend informieren. Während der überwiegende Teil der Kapitel sich entsprechenden Sachthemen widmet, 1 URL: https://search.amphilsoc.org/memhist/search?creator=V%C3%A1clav+Havel & title=&subject =&subdiv=&mem=&year=&year ‑max=&dead=&keyword=&smode=advanced [Stand/ 07.04.2020])
163REZENSIONEN ist das dritte Kapitel als einziges ausschließlich auf eine Person ausgerichtet, dem einstigen Wirtschaftsminister und Ministerpräsidenten sowie Nachfolger Havels auf das Präsidentenamt, Václav Klaus. Folgt man Kaiser, der Klaus nicht nur in dem ihm gewidmeten Kapitel, sondern immer wieder ins Spiel bringt, nahm dieser eine nicht unbedeutende Rolle für die politische Biographie Havels ein. Die Kapitel bilden durch ein detailintensives Nachzeichnen ein umfassendes Bild des Politikers Havel durch eine narrative Beschreibung seines alltäglich ‑politischen Handelns sowie die ihn umgebenden Diskurse und historischen Dispositionen, jeden‑ falls so, wie sie Kaiser eben versteht und interpretiert. So erfahren wir etwa, mit welchem Feingefühl und moralischer Haltung Havel die symbolpolitische Aussöhnung über die Verbrechen des NS ‑Regimes mit der Bundesrepublik Deutschland anging (S. 189ff.). Keineswegs aber wird Havel grundsätzlich als der große Gestalter und Lenker dargestellt, sondern eher kritisch betrachtet, insbesondere ab Mitte der 1990er Jahre, wenn Kaiser eine Entwicklung hin zum „einsamen Präsidenten“ (S. 299) aufgrund individueller Entscheidungen und Fehler Havels nachzeichnet. Der Detailreichtum allerdings kann teilweise ermüden und verlangt von dem Leser auch gewisse Vorkenntnisse ab, etwa hinsichtlich der zahlreich auftretenden Protagonisten, deren Funktionen und Vorgeschichte nicht immer deutlich wird und angesichts des Anspruches als ein Sachbuch auch die allgemeine Zugänglichkeit etwas erschwert. Wiederum kann das Buch durch die vielen dargestellten Verbindungen und Strukturen auch als Gewinn für ein Verständnis der jüngeren Zeitgeschichte der Tschechischen Republik gelesen werden. Die Übersetzung von Silke Klein vermittelt den im Original vorherrschenden nüchternen Ton auf eine gelungene Weise, was zur Qualität dieser Publikation gezählt werden kann, die durch gelegentliche Mängel des Lektorats nicht geschmälert wird. Weiterhin positiv hervorzuheben ist, dass der Band sowohl mit Literaturverzeichnis als auch mit regelmäßigen Referenzen in Form von Fußnoten arbeitet. Ein umfang‑ reiches Personenregister ergänzt den Band. Während Kaisers Zugang ein akteurszentrierter ist, verfolgt Martin Bermeister mit seinem ebenfalls 2017 erschienenen Buch Václav Havels Reden. Aspekte einer ho‑ listischen Rhetorik eine andere Herangehensweise. Die Dissertationsschrift rückt 24 Reden Havels zwischen 1990 und 2002 in den Mittelpunkt und unterzieht sie einer Textanalyse. Diese 24 Reden, die Bermeister zufolge rund 10% aller „präsidialen Re‑ den“ Havels abbilden (S. 9), stellen eine „thematisch, quantitativ, textumfangmäßig, zeitlich, räumlich und intuitiv repräsentative Stichprobe“ dar (S. 10). Näher wird die konkrete Auswahl leider nicht erläutert. Ziel der Analyse sei allerdings keinesfalls eine kleinteilige Sezierung der einzelnen Reden, sondern– und dies kann als durch‑ aus innovative, wenn auch nicht ganz risikofreie Herangehensweise verstanden wer‑ den– vielmehr eine „analytisch ‑synthetischen Textinterpretation“ und dadurch eine „systematischen Untersuchung der Faktoren, die ganzheitliche Strukturen bestimmen“ (S. 9). Im Mittelpunkt steht also die Frage, inwiefern Havels Reden „Merkmale einer holistischen (politischen) Rhetorik“ erkennen lassen. Zunächst erläutert Bermeister die Bedeutung Havels schriftstellerischer und vor allem philosophischer Lehrjahre und Grundlagen (S. 17–52). So verdeutlicht er etwa den Einfluss des Philosophen Josef Ludvik Fischer auf Havels ganzheitliches und holistisches Weltbild, aber etwa auch den der reichen böhmischen bzw. tschechi‑
164 BRÜCKEN 27/1 schen humanistischen Philosophietradition. All dies prägte nach Bermeister Havels Ethik und Weltsicht. Daran schließen eine sich auf über 100 Seiten erstreckende inhaltliche Wiedergabe und Erläuterung der 24 Reden an, ergänzt durch Analysen. Hier diskutiert der Autor Aspekte, die er für die einzelnen Reden Havels als cha‑ rakteristisch herausgearbeitet hat, so etwa „globale Verständigung“ oder „inter‑ kulturelle Brücken“. Abschließend wird herausgestellt, inwiefern Havels Rhetorik als holistisch aufgefasst werden kann. Hier kommt der Autor u.a. zu dem Ergebnis, dass Havel „eine auf das Weltganze ausgerichtete Verantwortung“ intendiert (S.324) und letztlich eine ganzheitliche Eloquenz und „holistische Rhetorizität“ (S. 337) entwickelte und pflegte. Die Arbeit bietet eine facetten‑ und detailreiche Analyse der Komplexität und Vielschichtigkeit von Havels Reden. Nicht im Fokus und dadurch vom Autor nur angedeutet stehen dabei die ‚Komplexitäten‘ und Kontingenz der sozialen Praxis im politischen Alltag, in die diese Reden und deren Entstehungsprozesse eingebettet sind und die letztlich auch die Entwicklung einer womöglich holistischen Rhetorik wesentlich beeinflussen. Beide Publikationen zeichnen auf ihre Weise überzeugend ein Bild der „über‑ ragenden Integrationsfigur“, wie der Historiker Andreas Wirsching (Der Preis der Freiheit: Geschichte Europas in unserer Zeit. München: Beck 2012, S. 45) Havel mit Blick auf seine frühe politische Karriere bezeichnet und tragen somit zum Verständnis der komplexen jüngeren europäischen Geschichte bei. Gerade Havels Relevanz und Bei‑ trag für ein gemeinsames Europa, die er tiefsinnig und nachhaltig zu erläutern fähig war, können als wichtige Einsicht in Zeiten anhaltender Debatten um ein geeintes Europa verstanden werden. Alexander Kratochvil: Posttraumatisches Erzählen. Trauma, Literatur, Erinnerung. Berlin: Kadmos, 2019, 254 Seiten und 15 Abb. Steffen Höhne– HfM Weimar/Friedrich ‑Schiller ‑Universität Jena Kulturwissenschaftlich motivierte, erinnerungskulturelle Fragestellungen haben längst die Literaturwissenschaften erreicht und maßgeblich dazu beigetragen, die engeren nationalphilologischen Grenzen zu überschreiten. Dass dies gerade in einer Region von hoher Relevanz ist, die durch Multilingualität und ‑kulturalität geprägt war und ist wie der ostmitteleuropäische Raum, dürfte außer Frage stehen, zumal gerade hier lange tabuisierte Themen, z. B. Zwangskollektivierung und Vertreibung, mittlerweile offensiv von der Literatur aufgegriffen werden. In diesem Rahmen lässt sich der Band von Alexander Kratochvil zum Postraumatischen Erzählen einordnen, der als Textgrundlage einerseits an Varianten von Traumatisierungen durch physische und psychische Gewalt, andererseits auf die unterschiedlichen Spielarten posttrau‑ matischen Erzählens rekurriert. Methodisch unterschieden wird dabei zwischen traumatischem Erinnern und posttraumatischer Erinnerung, die allerdings beide eine „Transposition der Vergangenheit in die Gegenwart“ darstellen (S. 11). Ausgehend von