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Sprechgeschwindigkeit als Indikator der perzipierten Sprechflüssigkeit in Deutsch als Fremdsprache

Kovač, Mirjana M.

Abstract

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Full text

Sprechgeschwindigkeit als Indikator der perzipierten Sprechflüssigkeit in Deutsch als Fremdsprache Mirjana M.Kovač (Universität Split) ABSTRACT Speech rate as an indicator of perceived fluency in German as foreign language The aim of this article is to evaluate perceived fluency, which according to research results refers to the impression of the listener that the psycholinguistic processes of language planning and language production work smoothly and efficiently, i.e. that these two processes can be performed by speakers almost simultaneously. The speech rate, as apredictor of perceived fluency, relates to measurable speed of spoken language and is identified as the number of syllables per unit time. Agroup of 14 students of German (L2) at the Faculty of Philosophy in Split took part in this study. The results of the analysis show that the speech rate in the prepared speech is approximately nine percent higher than in the unprepared speech. Based on the data, there is asignificant difference between the assessments of perceived fluency, i.e. the notes for the prepared speech are significantly higher compared to the unprepared speech. The results obtained could be explained by the priming effect and, consequently, the reduced cognitive load. The conclusions of this study are comparable to previous studies, in which the speech rate is mentioned as one of the most important predictors of perceived fluency. KEYWORDS perceived fluency, speech fluency, speech production, speech rate ABSTRACT Das Ziel dieses Beitrags ist die Bewertung von perzipierter Sprechflüssigkeit, die sich laut Forschungsergebnissen auf den Eindruck der Zuhörerinnen bezieht, dass die psycholinguistischen Prozesse der Sprachplanung und der Sprachproduktion reibungslos und effizient funktionieren, d. h. dass diese beiden Prozesse von Sprecherinnen nahezu gleichzeitig ausgeführt werden können. Die Sprechgeschwindigkeit, als Indikator der perzipierten Sprechflüssigkeit, bezieht sich auf die messbare Schnelligkeit gesprochener Sprache und wird als Anzahl der Silben pro Zeiteinheit identifiziert. Eine Gruppe aus 14 Germanistikstudierenden an der Philosophischen Fakultät in Split nahm an dieser Untersuchung teil. Die Sprecherinnen führten zwei unterschiedliche Sprechaufgaben aus. Die Ergebnisse der Analyse zeigen, dass die Sprechgeschwindigkeit in der vorbereiteten Rede ungefähr neun Prozent höher ist als in der unvorbereiteten Rede. Auf Basis der Daten wird festgestellt, dass es einen signifikanten Unterschied zwischen den Bewertungen der perzipierten Sprechflüssigkeit gibt, d. h. die Bewertungen für die vorbereitete Rede sind signifikant größer im Vergleich zur unvorbereiteten Rede. Die erhaltenen Ergebnisse könnten durch den Priming-Effekt1 und folglich die verringerte kognitive Belastung erklärt werden. Die Schlussfolgerungen dieser Untersuchung 1 Sprachproduktionsprozesse werden aufgrund starker Verbindungen zwischen dem konzeptuellen Plan und den lexikalisch-grammatikalischen Formen beschleunigt, die aufgrund der Vertrautheit mit dem Inhalt immer noch einen hohen Grad an assoziativer Aktivierung aufweisen. 60 LINGUISTICA PRAGENSIA 1/2021 sind mit früheren Studien vergleichbar, in denen die Sprechgeschwindigkeit als einer der wichtigsten Prädiktoren für die perzipierte Sprechflüssigkeit genannt wird. SCHLÜSSELWÖRTER perzipierte Sprechflüssigkeit, Sprachproduktion, Sprechflüssigkeit, Sprechgeschwindigkeit DOI https://doi.org/10.14712/18059635.2021.1.3 1 EINLEITUNG Die Entwicklung der Sprechflüssigkeit ist das ultimative Kommunikationsziel in einer Fremdsprache und impliziert die Fähigkeit, Sprachkenntnisse in einem Kommunikationsakt zu aktivieren. Sprechflüssigkeit ist im Gegensatz zu anderen Elementen, die zu den Sprachkenntnissen gehören, ein Leistungsphänomen, das auf die effiziente und unproblematische Entfaltung psycholinguistischer Prozesse der Sprachplanung und Sprachleistung hinweist. Daher wird sie als ein wichtiges Feld in der Fremdsprachenforschung erkannt und die verfügbare Literatur bietet uns verschiedene Bewertungsmethoden, um sie zu definieren. Dementsprechend unterscheiden die Forscherinnen zwischen zwei Hauptkonzeptualisierungen, d. h. sie trennen die Sprechflüssigkeit im weiteren von der Sprechflüssigkeit im engeren Sinne ab (vgl. Lennon 2000: 389). Die erste impliziert ein hohes Maß an allgemeiner Sprachbeherrschung, ein Begriff, der am häufigsten von Fremdsprachenlehrerinnen verwendet wird, und daher wird die Sprechflüssigkeit mit einem hohen Maß an Sprachkenntnissen gleichgesetzt. Auf der anderen Seite beinhaltet Sprechflüssigkeit im engeren Sinne eine ausreichende Sprechgeschwindigkeit und fließende Sprache ohne Verzögerungen. In einer Fremdsprache können jedoch die an der Sprachproduktion und der Sprachverarbeitung beteiligten Prozesse (Konzeptualisierung, Formulierung, Artikulation und Selbst-Überwachung (vgl. Levelt 1989: 9)) aufgrund unzureichender Automatisierung, Vokabular und Grammatik, begrenzter Aufmerksamkeitsressourcen und Arbeitsgedächtniskapazität normalerweise nicht parallel ablaufen, was zum langsameren Sprechen führt mit häufigeren Pausen und Zögern, weil die Sprecherinnen zusätzliche Zeit benötigen, um die Rede zu verarbeiten. Daher scheint es ganz natürlich, dass das Sprechen in einer Fremdsprache mehr kognitive Ressourcen und notwendige Planungsphasen erfordert. Mit Sprechflüssigkeit wird der Sprachfluss beschrieben, d. h. wie reibungslos und flüssig sprachliche Äußerungen hervorgebracht werden (vgl. Hoffmann 2014: 60). Nach Segalowitz (2010: 52) bezieht sich die Sprechflüssigkeit auf die Prozeduralisierung und Automatisierung von lexikalischen Abruf, Grammatikund Artikulationsregeln sowie auf die erfolgreiche Bewältigung verschiedener Formen von Verzögerungen, die durch unterschiedliche konzeptionelle Anforderungen verursacht werden. Segalowitz (2010; 2016) unterscheidet zwischen den drei Bereichen, die sich auf die Sprechflüssigkeit beziehen. Der erste Bereich der Sprechflüssigkeit, der ein globales Maß für die Sprechflüssigkeit darstellt, wird als kognitive Sprechflüssigkeit MIRJANA M.KOVAČ 61 bezeichnet. Sie zeige „die Effizienz der Funktionsweise der kognitiven Mechanismen, die der Leistung zugrunde liegen“ (vgl. 2010: 202). Die kognitive Sprechflüssigkeit geht der Äußerungssprechflüssigkeit (engl. utterance fluency) voraus, d. h. sie zeigt auf die Gesamteffizienz der Prozesse, die an der Sprachproduktion beteiligt sind. Die Äußerungssprechflüssigkeit ist mit zeitlichen Variablen wie „Sprechgeschwindigkeit“, „mittlere Äußerungslänge“2, „Phonierungs-Zeit-Verhältnis (Phonierungszeit/Gesamtsprechzeit)“,3 „Artikulationsrate“,4 stille Pausen und dergleichen verbunden (vgl. Kormos und Dénes 2004; Préfontaine 2013; Götz 2013). Daher bezieht sich die Äußerungssprechflüssigkeit auf objektive und quantifizierbare phonetische Messungen in der L2.5 Die dritte ist die perzipierte Sprechflüssigkeit oder die so genannte subjektive Meinung (Urteil der Hörerinnen) über die Sprechflüssigkeit des Sprechers. Sie kann mit Lennons (1990: 397) Sicht auf die Sprechflüssigkeit in Verbindung gebracht werden und beschreibt sie als die einzige greifbare Sprechflüssigkeit oder die Sprechflüssigkeit im „Ohr des Hörers“. Eines der Ziele dieses Aufsatzes ist es, einen komprimierten Überblick über die bisherige Forschung der perzipierten Sprechflüssigkeit zu geben, die laut Forscherinnen auf dem Eindruck des Hörers basiert, dass die psycholinguistischen Prozesse der Sprachplanung und Sprachproduktion effizient funktionieren. Obwohl es sich um einen subjektiven Eindruck handelt, weisen zahlreiche Studien darauf hin, dass eine Korrelation mit objektiven Sprechmessungen besteht (vgl. Götz 2013). Die „Sprechgeschwindigkeit“6 wird als einer der besten Parameter für die Beurteilung der Sprechflüssigkeit in einer Fremdsprache angesehen (z. B.Kormos und Dénes 2004: 154). Die Sprechgeschwindigkeit wird als messbare Geschwindigkeit aufgefasst, die in verschiedenen Einheiten (z. B.Laute, Silben, Wörter oder Morpheme pro Sekunde) ausgedrückt werden kann. Die „Sprechzeit“ schließt alle sprachlichen Elemente innerhalb einer Äußerung ein. Im Vergleich zur Sprechgeschwindigkeit in der Muttersprache nimmt die Sprechgeschwindigkeit in einer Fremdsprache ab, aufgrund von Einschränkungen bei der Sprachverarbeitung, Dekodierung und dem Abrufen phonologischer Informationen oder Schwierigkeiten bei der Artikulation oder einer Kombination der oben genannten Gründe (Munro und Derwing 2001). Reitbrecht (2017: 97) bietet einen detaillierten Vergleich verschiedener Studien zu Sprecherinnen in ihrer L1 und ihrer L2 als auch Vergleichskorpora mit L1 und 2 Sprechabschnitte, die ohne Pausen gesprochen werden (vgl. Towell et al. 1996: 91). 3 Das Verhältnis von Phonierungszeit und Gesamtsprechzeit wird als Prozentsatz der Zeit berechnet, die zum Sprechen benötigt wird, als Anteil der Gesamtzeit, die zum Erstellen der Äußerung benötigt wird (vgl. Towell et al. 1996: 91). 4 Die Artikulationsrate ist ein Maß für die Sprechgeschwindigkeit, bei der alle Pausen von der Berechnung ausgeschlossen sind (vgl. Kormos und Dénes 2004: 151). 5 Nach Segalowitz (2010: 2) wird jede Sprache nach der ersten (L1), einschließlich der zweiten, dritten, vierten usw., als L2 bezeichnet. 6 Die Begriffe Sprechrate, Tempo, Geschwindigkeit und Schnelligkeit sollen vorerst synonym gebraucht werden. 62 LINGUISTICA PRAGENSIA 1/2021 L2 Sprecherinnen einer konkreten Sprache. Mittelwertsvergleiche von Sprechund Artikulationsraten in der L1 und L2 zeigen geringere Werte für das Sprechen in der Fremdsprache. Bei der Beurteilung der Sprechgeschwindigkeit wird eine niedrigere Sprechgeschwindigkeit häufig als eines der Hindernisse für die Verständlichkeit des gesprochenen Ausdrucks (Munro und Derwing 2001) und als Quelle von Stereotypen gegenüber Sprecherinnen einer Fremdsprache angeführt (Zuengler 1988). Požgaj Hadži et al. (2012: 98) kommen zu dem Schluss, dass die Sprechflüssigkeit in erster Linie von der Beherrschung der Sprache, aber auch von den kognitiven Fähigkeiten abhängt, d. h. ein komplexerer Diskurs führt zu einer langsameren Sprechgeschwindigkeit. In der Fortsetzung der Arbeit werden die Ergebnisse zu den Unterschieden in der Sprechgeschwindigkeit zwischen der L1 und der L2 bereitgestellt, die für das Verständnis der Beziehung zwischen der Sprechgeschwindigkeit und perzipierter Sprechflüssigkeit wichtig sind. Hincks (2005) vergleicht die Sprechgeschwindigkeit von fünf schwedischen Studierenden, die einen Kurs im technischen Englisch besuchen und die verschiedene Inhalte in Englisch und ihrer Muttersprache (Schwedisch) präsentieren. Hincks kommt zu dem Schluss, dass die Probandinnen 20% schneller in ihrer Muttersprache sprechen im Vergleich zum Sprechen auf Englisch (L2). Die Forscherin wirft eine wichtige Frage auf, wie sich die Sprechgeschwindigkeit auf den Erfolg der Präsentation auf Englisch bezieht, da es den Sprecherinnen in der Fremdsprache aus Gründen der vorgesehenen Präsentationszeit nicht gelingt, die beabsichtigte Mitteilung zu vermitteln. Hincks (2010) veröffentlicht eine weitere Studie, in der sie neben der Sprechgeschwindigkeit auch die Auswirkungen einer geringeren Sprechgeschwindigkeit auf die Fähigkeit der Sprecherinnen zur Informationsvermittlung untersucht. Sie stellt fest, dass die Sprechgeschwindigkeit in Englisch um 23% niedriger ist als in Schwedisch und dass der Informationsgehalt von Präsentationen in Englisch erheblich reduziert ist, wobei die Präsentationszeiten für beide Sprachen gleich sind. In einer anderen Forschung analysiert Airey (2010) die Fähigkeit von 21 Studierenden, wissenschaftliche Konzepte in ihrer Muttersprache und in englischer Sprache mündlich zu beschreiben und zu erklären. Sie stellt fest, dass die Studierenden um 45% geringere Sprechgeschwindigkeit und um 33% kürzere mittlere Äußerungslänge in der Fremdsprache aufweisen. Im Gegensatz zu den meisten früheren Arbeiten, in denen Probandinnen die Studierenden sind, untersuchen Thogersen und Airey (2011) die Auswirkungen der Sprechgeschwindigkeit in einer Fremdsprache auf die Vermittlung des Inhalts einer Lehrervorlesung. Sie stellen fest, dass die Lehrerinnen 22% mehr Zeit benötigen, um denselben Inhalt in einer Fremdsprache zu präsentieren als in der Muttersprache. Die niedrigere Sprechgeschwindigkeit ist möglicherweise ein Fall von Publikumsgestaltung (Anpassung) gegenüber den Studierenden. Außerdem sprechen Fremdsprachenlehrerinnen in einer Fremdsprache 23% langsamer und verwenden dabei einen formelleren Stil im Vergleich zu dem Stil in der Muttersprache. Einer der ersten Versuche, eine Reihe messbarer Parameter zu entwickeln, die als Indikatoren für die perzipierte Sprechflüssigkeit dienen könnten, ist eine Studie von Lennon aus dem Jahr 1990. Der Autor weist auf die theoretischen und praktischen MIRJANA M.KOVAČ 63 Vorteile der Entwicklung solcher Variablen hin. Theoretisch sollte die Identifizierung von messbaren Flüssigkeitsmarkern, die die Wahrnehmung der Hörerinnen am meisten beeinflussen, das Verständnis der Entwicklung von Sprachkompetenz verbessern. Die erste umfassende Studie zum Zusammenhang zwischen Messungen der Äußerungssprechflüssigkeit und der perzipierten Sprechflüssigkeit wird von Cucchiarini et al. (2002) an einer respektablen Stichprobe von 57 Sprecherinnen durchgeführt, die Niederländisch als Fremdsprache sprechen. Das Hauptziel ihrer Forschung bestand darin, zu bestimmen, inwieweit objektive Messungen mit der perzipierten Sprechflüssigkeit, d. h. mit den Bewertungen kompetenter Prüferinnen, zusammenhängen, um geeignete Tests für die Beurteilung der Sprachkompetenz zu entwickeln, deren Ergebnisse auf individuellen Variablen basieren würden. Cucchiarini et al. (2002: 2872) deuten darauf hin, dass eine stärkere Korrelation der perzipierten Sprechflüssigkeit mit den folgenden Variablen besteht: Sprechgeschwindigkeit, Phonierungszeit/Gesamtsprechzeit, Anzahl der stillen Pausen pro Minute, Gesamtdauer der stillen Pausen pro Minute und mittlere Äußerungslänge. Auf der anderen Seite besteht kein signifikanter Zusammenhang in Bezug auf die Artikulationsgeschwindigkeit und die mittlere Dauer der stillen Pause. Sie unterstreichen, dass die Sprechgeschwindigkeit ein äußerst wichtiger Parameter ist, da sie beide Komponenten, die Artikulationsrate sowie die Pausen der Sprecherinnen, miteinander verbindet. In ihrer Studie korreliert die Sprechgeschwindigkeit signifikant mit der Bewertung der Sprechflüssigkeit von Muttersprachlern bei Leseaufgaben und bei spontaner Sprache. Derwing et al. (2004) untersuchen, ob die Bewertungen von Sprachkenntnissen auf niedrigerem Niveau in der L2 basierend auf einer Stichprobe von 28 Studierenden mit Messungen der perzipierten Sprechflüssigkeit korrelieren. Sie geben an, dass ein erfolgreicher Prädiktor für die perzipierte Sprechflüssigkeit die „beschnittene“ Sprechgeschwindigkeit7 ist, während das Maß mit der geringsten Korrelation die Anzahl der Wiederholungen pro Sekunde ist. De Jong et al. (2013) sowie Bosker et al. (2013) kommen zur überraschenden Erkenntnis, dass die Bewerterinnen fast genauso empfindlich für Sprechkorrekturen wie für Geschwindigkeitsvariablen sind, obwohl die Korrekturvariablen als Prädiktoren für die perzipierte Sprechflüssigkeit im Vergleich zu Geschwindigkeitsvariablen einen signifikant geringeren Einfluss haben. Kormos und Dénes (2004: 161) sind ebenfalls der Ansicht, dass die Sprechgeschwindigkeit ein guter Prädiktor für die perzipierte Sprechflüssigkeit ist, obwohl sie angeben, dass die mittlere Äußerungslänge ein besserer Prädiktor für die perzipierte Sprechflüssigkeit ist. Ullakonoja (2009) behauptet, dass die Sprechgeschwindigkeit ein besserer Indikator für die perzipierte Sprechflüssigkeit als die Artikulationsgeschwindigkeit in der Fremdsprache ist, da die letztere als Quotient aus der Anzahl der Wörter oder Silben und der Sprechzeit erhalten wird, jedoch ohne Pausen zwischen den Äußerungen, die die perzipierte Sprechflüssigkeit erheblich beeinflussen. Die Sprechgeschwindigkeit ist ein guter Indikator für die Gesamtleistung der 7 Die unbeschnittene Sprechgeschwindigkeit: Gesamtzahl der Silben/Minute; die beschnittene Sprechgeschwindigkeit: Gesamtzahl der produzierten Silben ohne Wiederholungen, Reparaturen und Neustarts/Minute (vgl. Derwing et al. 2004: 672). 64 LINGUISTICA PRAGENSIA 1/2021 Sprecherinnen, mit anderen Worten, je kürzer die Pausen und je länger die Äußerungslänge sind, desto mehr Wörter pro Minute werden produziert (Götz 2013). Préfontaine und Kormos (2016) untersuchen die qualitativen Aspekte der Sprechflüssigkeit. Die Autorinnen führen die Studie an einer Stichprobe von vierzig erwachsenen französischlernenden Schülern durch, um anhand der qualitativen Kommentare der drei Hochschullehrer Faktoren zu ermitteln, die ihre Einschätzung der Sprechflüssigkeit der Befragten stark beeinflussen. Sie finden die folgenden Variablen als die wichtigsten: Sprechgeschwindigkeit, mittlere Äußerungslänge, stille und gefüllte Pausen, lexikalische Vielfalt, Korrekturen, Effizienz/Leichtigkeit bei der Wortwahl, Rhythmus und Prosodie. Die gesammelten qualitativen Daten zeigen, dass die Sprechgeschwindigkeit ein herausragender Prädiktor für die perzipierte Sprechflüssigkeit ist, dass ihre Beziehung jedoch nicht linear ist, d. h. dass bei moderaten Sprechtempo8 eine optimale Verständlichkeit erzielt wird. Yu und van Heuven (2017) veröffentlichen eine Arbeit auf dem Gebiet der Übersetzung, in der sie unter anderem untersuchen, ob die perzipierte Sprechflüssigkeit durch Messungen akustischer Größen auf einem Computer vorhergesagt werden kann. Der beste Prädiktor ist die beschnittene Sprechgeschwindigkeit. Andere Variablen, die die perzipierte Sprechflüssigkeit gemäß den Ergebnissen dieser Studie gut vorhersagen, sind die mittlere Äußerungslänge, Phonierungszeit/Gesamtsprechzeit und die unbeschnittene Sprechgeschwindigkeit. Yu und van Heuven (2017) betonen, dass das Sprechtempo als zeitliche Sprechvariable indirekt auf den Grad der Kontrolle der Sprecher über ihr Sprachwissen und die Gesamteffizienz und Automatisierung aller an der Sprachproduktion beteiligten Mechanismen verweist. In ähnlichen Studien zur perzipierten Sprechflüssigkeit stellen Kormos und Dénes (2004) und Götz (2013) ebenfalls fest, dass die Artikulationsgeschwindigkeit nicht mit einem höheren Grad an perzipierter Sprechflüssigkeit verbunden ist, im Gegensatz zur Sprechgeschwindigkeit, die auf eine stärkere Wahrnehmung der Sprechflüssigkeit hinweist. In einer umfangreichen Studie analysiert Sandra Reitbrecht (vgl. 2017: 13) die Fachliteratur zu Zögerungsphänomenen und kommt zu dem Schluss, dass es hinsichtlich der perzipierten Sprechflüssigkeit in Deutsch als Fremdsprache kaum Befunde gibt. In ihrer Forschung wird die Bedeutung der Zögerungssphänomene für den Sprecheffekt in der Fremdsprache Deutsch in einer Sprech-/Rezeptionssituation mit L2-Sprecherinnen und L1-Hörerinnen von Deutsch untersucht. In einem Datenkorpus mit zwölf französischen und zwölf tschechischen Deutschstudierenden ermittelt sie die spezifischen Zögerungsprofile. Es werden drei Aspekte untersucht, nämlich die Beurteilung der Sprecherinnen, die Wahrnehmung störender Merkmale 8 Bei der gesprochenen Sprache unterscheiden wir „mittleres Tempo“, „erhöhtes Tempo“, „deutlich erhöhtes Tempo“ etc. Anna Schwenke (2020, siehe Kap. 2.2) gibt ein moderates Sprechtempo (4,8 bzw. 4,9 Silben pro Sekunde) an. Die übliche Sprechgeschwindigkeit von z. B.Radionachrichten beträgt maximal 5 Silben pro Sekunde. Die Zuhörerinnen brauchen Zeit, um die Informationen zu verstehen. Demensprechend sollte die Sprechgeschwindigkeit variiert werden je nach inhaltlicher Wichtigkeit und Neuigkeit einer Information. MIRJANA M.KOVAČ 65 und die Wahrnehmung des fremden Akzents. Die Ergebnisse ihrer Studie zeigen, dass vor allem hohe Sprechgeschwindigkeit und kürzere Pausen mit einheitlicher positiven Bewertungen verbunden sind (2017:217). Die vorliegende Forschungsarbeit sollte daher mehr Daten zur perzipierten Sprechflüssigkeit in Deutsch als Fremdsprache liefern. Die folgenden Forschungsfragen werden berücksichtigt: i. Gibt es Unterschiede in der Sprechgeschwindigkeit zwischen zwei verschiedenen Sprechaufgaben? ii. Gibt es signifikante Unterschiede in den Bewertungen zwischen den beiden Aufgaben? Die folgenden Hypothesen werden gemäß den gestellten Fragen formuliert: 1. Die Sprechgeschwindigkeit wird in der vorbereiteten Rede signifikant höher sein. Dies geschieht aufgrund der reduzierten Verfahrensanforderungen auf der Konzeptualisierungsebene und durch das Bestehen starker Verbindungen zwischen allen Ebenen der Sprachproduktion, die aufgrund der Vertrautheit mit der vorbereiteten Sprache einen hohen Aktivierungsgrad aufweisen. 2. Die Bewerterinnen werden die vorbereitete Rede aufgrund der erhöhten Sprechgeschwindigkeit als fließender perzipieren. 2 METHODEN DER FORSCHUNG Basierend auf den Schlussfolgerungen aufgabenbasierter Studien wurden zwei Aufgaben ausgewählt, um die Unterschiede in der Sprechgeschwindigkeit sowie die perzipierte Sprechflüssigkeit anhand der Bewertungen von zwei Deutschlehrerinnen zu untersuchen. Die Gruppe von Befragten bestand aus 14 Germanistikstudierenden (12 Studentinnen und 2 Studenten), Durchschnittsalter 19, deren L1 Kroatisch ist, an der Philosophischen Fakultät in Split. Die Aufnahmesituation war so angelegt, dass die Lehrerin die Einverständniserklärung einholte und das Ziel und Verwendung der Aufnahmen darlegte. Die Aufnahmen fanden im Sommersemester 2018 statt. Basierend auf einem Interview, das der Aufnahme vorausging, gaben alle Befragten an, dass sie in der Grundschule und/oder im Gymnasium Deutsch gelernt hatten. Nur eine Befragte lebte fünf Jahre lang im deutschsprachigen Raum. Allerdings wurde kein Test durchgeführt, um die Deutschkenntnisse zu bewerten. Es wurde jedoch erwartet, dass die Studierenden das B1-Niveau als notwendige Voraussetzung für die Einschreibung in das Studienprogramm erreicht haben. Die Befragten wurden gebeten, zwei Sprechaufgaben zu erledigen. Die erste Sprechaufgabe umfasste Inhalte, die in den regulären Vorlesungen und Seminaren der Lehrveranstaltung Einführung in die Rhetorik behandelt wurden (vorbereitete Rede). Es wurde dementsprechend angenommen, dass die Befragten mit den Inhalten der gestellten Fragen vertraut waren und vorbereitet zur Aufnahme kamen. Es wurden Fragen zu verschiedenen Themen gestellt, wie z. B.Sprechfähigkeiten, effektive Methoden zur Verbesserung der Sprechflüssigkeit und dergleichen. Die zweite Aufgabe bestand in der Beantwortung von Fragen zu alltäglichen Aktivitäten (unvorbereitete Rede), wie zum Beispiel Fragen über Familie, Hobbys, das 66 LINGUISTICA PRAGENSIA 1/2021 Studium und dergleichen. Im Vergleich zur ersten Aufgabe sind die Sprecherinnen in der zweiten Aufgabe nicht mit dem Inhalt der Fragen vertraut, aber die Fragen sind so konzipiert, dass die Sprecherinnen mit dem Wortschatz einschließlich hochfrequenter Wörter und formelhafter Ausdrücke relativ vertraut sind. Mit anderen Worten, in der ersten Aufgabe haben die Studierenden über fachliche Themen und in der zweiten Aufgabe über Alltagsthemen gesprochen. In der ersten Aufgabe ging es zwar um ein vorher bekanntes Thema, aber nicht um eine vorbereitete Rede im Sinne eines vorbereiteten kompletten Textes (z. B. in Form eines Referats oder einer Präsentation). Die Probandinnen saßen während der Aufnahme an einem Tisch und das Audioaufnahmegerät stand während der Aufzeichnung vor den Teilnehmerinnen auf dem Tisch. Inhaltliche Informationen wurden erst nach der Durchführung gegeben, um das Sprechverhalten nicht zu beeinflussen. Außerdem wurden sie auch darüber informiert, dass sie während der Aufnahme keine Fragen stellen dürfen. Die Tonaufnahmen wurden in einer sehr informellen Umgebung im Klassenraum der Fakultät durchgeführt. Zwei Deutschlehrerinnen wurden gebeten, die Sprechflüssigkeit der Sprechproben zu beurteilen und ihre allgemeinen Eindrücke davon zu vermitteln, wie flüssig die Reden sind. Eine der Deutschlehrerinnen hat die Studierenden vorher nicht gekannt. Nach dem Anhören der Sprechproben füllten sie einen Fragebogen aus. Die quantitativen und qualitativen Merkmale der Noten waren: 1— sehr stockend, 2— stockend, 3— weder flüssig noch stockend, 4— flüssig und 5— sehr flüssig.9 Die Lehrerinnen wurden auch gebeten, Kommentare aufzuschreiben zur Aufführung unter Berücksichtigung der Sprechgeschwindigkeit, Pausen und Zögern, d. h. der Parameter, die zu ihrer Gesamtnote beitrugen. Das PRAAT Script (Boersma und Weenink 2017) wurde verwendet, um die Audioaufnahmen zu analysieren, ein Programm, das Sprechflussvariablen für Forschungszwecke automatisch misst. Préfontaine (2010) verwendet das PRAAT Script, um automatisch das Verhältnis von Phonation und Sprechzeit, die Anzahl der Silben pro Sekunde und andere Sprechvariablen zu messen. Ihre Forschung ist wichtig, weil sie einen der ersten Versuche darstellt, die Sprechgeschwindigkeit automatisch zu messen, um Sprechaufgaben für pädagogische Zwecke zu bewerten. Eine wichtige Schlussfolgerung anderer Studien ist, dass die erhaltenen Ergebnisse auf eine starke Verbindung hinweisen zwischen den PRAAT-Messungen der zeitlichen Sprechflüssigkeit und der perzipierten Sprechflüssigkeit, die auf der Interpretation der Daten durch die Bewerterinnen basiert (vgl. De Jong et al. 2013). Die Sprechgeschwindigkeit wurde in Silben pro Sekunde gemessen. Die Sprechzeit schließt alle sprachlichen Elemente innerhalb einer Äußerung ein. Dazu zählen das Sprechmaterial inklusive der darin enthaltenen Zögerungspausen, Dehnungen und dergleichen. 9 Das Bewertungssystem in Kroatien ist das Gegenteil des deutschen Systems. Im kroatischen System ist 1 die schlechteste Note, während 5 die beste Note ist. MIRJANA M.KOVAČ 67 3 ERGEBNISSE Tabelle 1 zeigt die Sprechgeschwindigkeit für alle Probandinnen. Es ist ersichtlich, dass die Probandinnen in der unvorbereiteten Rede etwa 2,61 Silben und in der vorbereiteten Rede 2,85 Silben pro Sekunde produzieren. Sprecher/in Unvorbereitete Rede Vorbereitete Rede Sprechgesch. [Silben/ Sekunde] Subj. Flϋss.1 Subj. Flϋss.2 Sprechgesch. [Silben/ Sekunde] Subj. Flϋss.1 Subj. Flϋss.2 12,94 3 3 3,46 4 4 23,50 4 4 3,93 5 5 33,00 3 3 2,19 3 3 42,15 1 1 1,71 2 2 53,17 3 4 3,02 3 4 62,95 2 2 2,54 3 3 72,52 2 2 2,97 3 3 82,11 2 2 1,99 4 3 92,64 3 3 2,84 3 3 10 2,46 3 3 3,10 3 3 11 1,98 3 3 2,54 4 4 12 1,94 2 3 2,89 3 4 13 3,44 3 3 3,98 4 4 14 1,79 1 1 2,70 2 3 Mittelwert 2,61 2,50 2,64 2,85 3,29 3,43 Tabelle 1:Sprechgeschwindigkeit und die Bewertungsnoten für jeden Probanden Nach den Ergebnissen des Shapiro-Wilk-Tests (W=0,932, p=0,326), gibt es keine ausreichenden Beweise dafür, dass die Verteilung der Unterschiede zwischen Paaren signifikant von der Normalverteilung abweicht. Daher wird der parametrische t-Test für abhängige Proben verwendet. Der erhaltene p-Wert zeigt an, dass es keinen signifikanten Unterschied in der Sprechgeschwindigkeit zwischen der ersten und der zweiten Aufgabe gibt (t=1,632, df=13, p=0,127). Der erhaltene Unterschied ist statistisch nicht signifikant, was auf die geringe Stichprobengröße (N=14) zurückzuführen sein kann. Die dargestellte Tabelle 1 enthält Auskunft über die Stichprobenparameter, die sich auf die Noten der ersten und zweiten Sprechstichprobe beziehen, die von der ersten Deutschlehrerin begutachtet wurden. Es fällt auf, dass die Durchschnittsnote für die unvorbereitete Rede 2,5 beträgt, während sie für die vorbereitete fast 3,3 beträgt. Das Vorhandensein eines statistisch signifikanten Unterschieds zwischen den Bewertungen der beiden Sprechproben der ersten Lehrerin wurde unter Verwendung des nichtparametrischen Mann-Whitney-U-Tests getestet, für den keine Normalitätsannahme erforderlich ist. Hieraus ergibt sich, dass es einen statistisch