Eine Geschichte der Trampbewegung für das neue Jahrhundert KRŠKO, Jan, Jan MAREŠ, Jan POHUNEK, Jan RANDÁK und Jan ŠPRINGL. Český tramping v časech formování a rozmachu [Die tschechische Trampbewegung in Zeiten von Formierung und Aufschwung]. Praha: Academia, 2019
Abstract
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Full text
Eine Geschichte der Trampbewegung für das neue Jahrhundert KRŠKO, Jan, Jan MAREŠ, Jan POHUNEK, Jan RANDÁK und Jan ŠPRINGL. Český tramping včasech formování arozmachu [die tschechische trampbewegung in zeiten von formierung und aufschwung]. Praha: academia 2019, S.238. Das Tramping als Art der Freizeitbeschäftigung hat im tschechischen (bzw. tschechoslowakischen) Umfeld bereits mehr als einhundert Jahre seinen Platz— und in den letzten Jahren widmen diesem Phänomen auch Wissenschaftler ihre Aufmerksamkeit— Soziologen, Ethnologen und auch Historiker. Das Forschungsprojekt „Die Trampbewegung in den böhmischen Ländern in den Jahren 1918 bis 1989: Subkultur in Interaktion mit Staat und Gesellschaft“, das am Institut für böhmische/tschechische Geschichte der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität bearbeitet wird, hat fünf wissenschaftliche Mitarbeiter (durchweg Historiker) zusammengeführt, die in den letzten drei Jahren in Fachperiodika und Medien für die breite Öffentlichkeit Teilergebnisse ihrer Forschungen veröffentlichen. Da im Anschluss an die Konferenz „Die Subkultur der Trampbewegung im Lichte der wissenschaftlichen Forschung“, die Ende April 2017 stattfand, kein Konferenzband herausgegeben wurde, ist die rezensierte Publikation das erste Buch, das aus der Zusammenarbeit dieses Historikerkollektivs hervorgegangen ist. Das Buch ruft auf den ersten Blick Zweifel hervor— erstens durch seine zeitliche Begrenzung, denn wenn in der bisher veröffentlichten Literatur die Trampbewegung breiter behandelt wurde, so befassten sich diese Publikationen gerade mit der Entstehung und dem Schicksal der Bewegung in der ersten tschechoslowakischen Republik. Zweitens dann durch die Befürchtung, ob nicht fünf Autoren auf nur 200 Seiten Text der Konsistenz nicht abträglich sind. Nach dem Lesen des Buches ist klar, dass sie Befürchtungen bezüglich des bearbeiteten Zeitraums der 20-er und 30-er Jahre des 20.Jahrhunderts völlig unbegründet sind— die Autoren fassen bereits bekannte Tatsachen und Fakten aus der Literatur zusammen, bereichern sie um Zitate aus Zeitdokumenten und bieten neue Sichtweisen an. Neben diese Informationen bringen sie dann neue Erkenntnisse, die aus ihren eigenen Forschungen stammen— in einem gewissen Sinne ist es schade, dass das Buch in der populärwissenschaftlichen Edition První republika [Die Erste Republik] erscheint und über keinen Anmerkungsapparat verfügt. Nicht wenige Interessierte wird es grämen und auch Forscher, die sich mit diesem Thema beschäftigen, wird es ärgern, dass Verweise auf die Quelle der neuen Informationen fehlen. Hoffnungen dieser Art richten sich auf eine geplante Publikation des bearbeiteten Forschungsprojekts— eine Kollektivmonografie, die die Trampbewegung zwischen 1918 und 1989 beschreibt (wenn für die Abhandlung eines Teils zum entsprechenden Zeitraum das Material genutzt wird, das in dem rezensierten Buch vorgelegt wurde). Noch ein Gedanke zu den Quellen: die Publikation stützt sich auf eine imposante Quellenbasis, Fachliteratur und populärwissenschaftliche Literatur, Druckerzeugnisse und Periodika aus der damaligen Zeit, dahinter stehen Forschungsarbeiten Jiří Nenička
jIří nEnIčka 83 in zwanzig Archivfonds und, was angesichts des unorganisierten Charakters der Trampbewegung oftmals besonders ergiebig ist, privaten Sammlungen. Was die Flüssigkeit des Textes betrifft— diese hat unter den zahlreichen Autoren tatsächlich im ersten Teil des Buches geschadet, der stellenweise so wirkt, als seien zahlreiche Wiederholungen enthalten. Ein Positivum wiederum ist, das man bis auf einen Fall nicht von fehlender Konsistenz sprechen kann— im dritten Kapitel wird einmal als Hauptfaktor, der über die Auswahl eines Ortes für die Tramper entscheidet, die Erschwinglichkeit der Anmietung eines Grundstücks für ein Nachtlager, im gleichen Atemzug jedoch die Erreichbarkeit per Eisenbahn angeführt. Beide Behauptungen werden dann, untermauert von einer begleitenden Erörterung, vom erwähnten individuellen Faktor des Försters relativiert, allgemein betrachtet dann auch von der unzureichenden Berücksichtigung des sog. wilden Trampens, d. h. ohne die Genehmigung, ein Lager aufzuschlagen. Der Gesamteindruck des Buches ist jedoch durchweg positiv, außerdem wird dieser geformt von starken thematischen Kapiteln, die beispielsweise die Beziehung der Tramper und der Jugendorganisationen, die Trampbewegung im Kontext der damaligen Kultur oder den Sportsgeist dieser Bewegung beleuchten. Eines der interessantesten Kapitel des Buches ist das allgemein aufgefasste dritte Kapitel „Trampbewegung und Raum“. Es fasst in geeigneter Weise in der Literatur bereits oft behandelte Seiten und Aspekte der Trampbewegung zusammen (spezifische Terminologie, typische Ziele, materielle Bedingungen der damaligen Zeit etc.), dabei beschränkt man sich jedoch nicht auf ständig wiederholte Beispiele, die bereits aus der Publikation Dějiny trampingu [Geschichte der Trampbewegung] von Bob Hurikán (1940) stammen, sondern stellt neue Themen vor— so gibt es z. B. einen Exkurs zur Trampbewegung in den überwiegend deutschsprachigen Teilen Böhmens, ebenso zur Trampbewegung der Deutschen selbst. Die Autoren sehen dabei die beschriebenen Beziehungen als repräsentativen Ausdruck der sprichwörtlichen „Begegnung und des Ringens“ von Tschechen und Deutschen in einem gemeinsamen Raum. Eindeutig positiv zu werten ist auch, dass der Teil, der der Verbreitung der Trampbewegung gewidmet ist, tatsächlich die gesamte Republik betrachtet. Neben den Bereichen zur Entstehung der Trampbewegung in der Umgebung von Prag erfährt der Leser vom ersten Aufkommen und der späteren Verbreitung der Trampbewegung in den Regionen „von Jasiňa bis Aš“ (in den Intentionen des abgehandelten Stoffs eher „von Aš bis Jasiňa“). Dem Adjektiv „tschechisch“ auf dem Umschlag zum Trotz bringt das Buch so auch Fakten und Interessantes zur Trampbewegung in Mähren, Schlesien, in der Slowakei und in der Karpatenukraine. Besonders interessant in der Teil zur Karpatenukraine, jenem „Tschechoslowakischen Kanada“, das die Autoren der besseren Anschaulichkeit halber um Angaben zur Erschwinglichkeit aus der Sicht der Finanzen sowie zur Erreichbarkeit in Bezug auf Zeit und Eisenbahnnetz für die damaligen Bürger der Tschechoslowakei bereichert haben. Die Tatsache, dass sich Fachleute aus den Reihen der Historiker daran gemacht haben, eine Geschichte der Trampbewegung zu erarbeiten, ist in außergewöhnlicher Weise dem fünften Kapitel „Die Trampbewegung als Politikum“ zuträglich. Aus professioneller Sicht werden hier die Peripetien der neuen Jugendbewegung im Labyrinth der politischen Situation der Ersten Republik beschrieben— vor allem mit
84 WISOHIM/ESHP 28 den Agrariern, den Kommunisten und den Faschisten. Erwähnt werden bekannte Themen der sog. politischen und apolitischen Trampbewegung (wenngleich die Autoren eher eine unübliche Vision der politischen und apolitischen Trampbewegung anbieten), vielleicht etwas zu kurz sind die Erwähnung der Internationalen Milizionäre oder das notorisch bekannte „Lex Kubát“ (hier muss vor allem lobend erwähnt werden, dass betont wurde, dass die Verordnung nur auf dem Gebiet Böhmens und nicht im Rest der Republik galt, das wohl anderswo in der Literatur nicht auftaucht). In die Darlegung wurde als damit zusammenhängendes Thema auch die Frage nach dem Grad der Organisiertheit und offiziellen Trampvereinen aufgenommen. Das umfangreichste sechste Kapitel „Trampbewegung und (Pop)Kultur“ versetzt den Leser mitten in die Inspirationsquellen der damaligen Kultur, vor allem also die Abenteuerliteratur und den Film. Es beschränkt sich nicht auf das häufig erwähnte Červené eso [Rot-Ass] und Býčí oko [Stierauge] und nennt auch konkrete Fälle einer Übernahme z. B. von Bezeichnungen für Siedlungen aus beliebten Romanen. Der besseren Anschaulichkeit halber bringen die Autoren dem Leser Realia aus der damaligen Zeit, damalige Kinos, ihre Möglichkeiten hinsichtlich der Kapazität und die Filmzensur näher. Von amerikanischen Western und übersetzten Cowboyromanen leiten sie fließend ins eigene Tramping-Schaffen der 20-er und 30-er Jahre über, von der Taschenbuchedition Rodokaps und weiteren Heftausgaben und eigenen Romanen, beginnend bei Arizona, über das Filmschaffen, die kuriose und bisher selten behandelte Tramping-Theaterbühne bis hin zu einem der ureigensten Züge der gesamten Bewegung— der Tramp-Musik. Am interessantesten sind dabei wohn nicht die Aufzählungen und Charakteristika der einzelnen Kunstwerke, sondern eher die beschriebene Trampkultur in Interaktion mit dem Mainstream. So etablierte sich beispielsweise ein Tramp-Lied, das genauso leicht in den 20-er Jahren am Lagerfeuer entstanden war, in den dreißiger Jahren auf kommerzieller Ebene— in einigen Personen am erwähnten Lagerfeuer ruft es das Gefühl hervor, es sei ihnen von „Bösewichten“ in Plattenfirmen und Orchestern gestohlen worden. Das Kapitel beschränkt sich jedoch nicht nur auf das eigentliche Tramp-Schaffen und vermittelt einen Einblick in ein Werk, das die in Mode kommende, wachsende Bewegung sozusagen von der anderen Seite aufrollt— Lustspiele damaliger Theater, die mit eigenwilligen Gestalten lustiger Waldmänner arbeiteten und Filmversuche von damals, die einen Tramp-Zuschauer ansprechen sollten. Trotz einiger Mängel in der Form ist die vorliegende Publikation von J.Kršek, J.Mareš, J.Pohunek, J.Randák und J.Špringl eines der eindrucksvollsten Werke im Bereich der Geschichte der tschechoslowakischen Trampbewegung, das alle wesentlichen Bereiche der „Formierung und des Aufschwungs“ dieser Massenbewegung (nicht nur) der Jugend betrachtet. Es wird Interessenten aus den Reihen der breiten Öffentlichkeit sowie Studierenden aller Fächer, die sich mit diesem Thema beschäftigen, gute Dienste leisten. Es ihr der Publikation zu wünschen, dass sie im Anmerkungsapparat ihrer Diplomarbeiten in Kürze Hurikáns Geschichte ersetzt. Jiří Nenička