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Literarische Kommunikation und politische Existenz- Plinius der Jüngere und die römische Aristokratie

Page, Sven

Abstract

Pliny the Younger was, as well as most other members of the aristocracy of the early and high Roman Empire, a very politically active fi gure. Th is political existence was expressed through literary communication, which was, however, no compensation for an assumed depolitization of the ordo senatorius, but rather a means to an end for the political goals of the aristocracy. In Pliny’s letters, we can witness this literary communication. It is apparent how he used the epistolographic literature in connection with his social network to further his career, promote friends, infl uence political decisions and propagate fundamental values and moral standards. Literature and politics were therefore inseparably connected to each other.

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37 Literarische Kommunikation und politische Existenz – Plinius der Jüngere und die römische Aristokratie Sven Page Technische Universität Darmstadt Zusammenfassung: Plinius der Jüngere war ebenso wie die meisten anderen Mitglieder der römischen Aristokratie in der frühen und hohen Kaiserzeit politisch höchst aktiv. Ausdruck fand diese politische Existenz in einer literarischen Kommunikation, die allerdings kein Ersatz für die vermeintliche Entpolitisierung der Senatoren war, sondern den politischen Zielen der Aristokratie als Mittel zum Zweck diente. In den plinianischen Briefen kann man diese literarische Kommunikation gut nachvollziehen. Es ist deutlich zu erkennen, wie Plinius mit Hilfe seines sozialen Netzwerkes die epistolographische Literatur dazu nutzte, selbst Karriere zu machen, Freunde zu fördern, Einfl uss auf politische Entscheidungen zu nehmen und grundsätzliche Werte– und Moralvorstellungen zu propagieren. Literatur und Politik waren somit untrennbar miteinander verbunden. Stichworte: Plinius der Jüngere, Literarische Kommunikation, politische Existenz, Entpolitisierung, soziales Netzwerk Abstract: Pliny the Younger was, as well as most other members of the aristocracy of the early and high Roman Empire, a very politically active fi gure. Th is political existence was expressed through literary communication, which was, however, no compensation for an assumed depolitization of the ordo senatorius, but rather a means to an end for the political goals of the aristocracy. In Pliny’s letters, we can witness this literary communication. It is apparent how he used the epistolographic literature in connection with his social network to further his career, promote friends, infl uence political decisions and propagate fundamental values and moral standards. Literature and politics were therefore inseparably connected to each other. Sven Page Literarische Kommunikation und politische Existenz – Plinius der Jüngere und die römische Aristokratie 38 Schrift ist für die Menschen des modernen europäischen Staates etwas ganz Gewöhnliches.* Tagein, tagaus kommen wir nicht umhin, uns in zahllosen Situationen dieses Kommunikationsmediums zu bedienen, um mit unserer Umwelt in Interaktion zu treten. Für die Menschen der römischen Antike, insbesondere für deren aristokratische Führungsschicht, triff t dies in einem ungleich stärkeren Maße zu. Schrift bildet dabei aber nicht nur die Grundlage vielfältiger Formen von Literatur, sondern ist zugleich auch die unabdingbare Voraussetzung für jene Form der epistolographischen Verständigung, die ich hier an einem Fallbeispiel untersuchen und im Folgenden als literarische Kommunikation bezeichnen werde. Sie bildet dabei – dies werde ich am Beispiel der Politik näher erläutern – das Kommunikationsmittel der Antike schlechthin. Um genau verstehen zu können, wie intensiv und wofür die literarische Kommunikation in einem politischen Kontext einsetzbar ist, betrachte ich einen nicht mehr ganz jungen römischen Senator, der am Ende seiner beeindruckenden politischen Karriere in kaiserlichem Sonderauftrag den Finanzhaushalt der Provinz Pontus und Bithynien sanieren sollte. Er hatte zuvor die klassische Laufbahn der römischen Aristokratie – den cursus honorum – mustergültig durchlaufen und es dabei bis zum Konsulat und einigen konsularen Ämtern gebracht. Der Name dieses strebsamen römischen Aristokraten ist C. Plinius Caecilius Secundus, den man Plinius den Jüngeren nennt.1 Die Karriere dieses Mannes ist höchst beeindruckend, aber sie ist natürlich nicht einzigartig. Tausende von Grabund Ehreninschriften aus dem gesamten römischen Imperium belegen ähnliche Karrieren,2 die allesamt nach ei- * Für fruchtbare Diskussionen, kritische Hinweise und weiterführende Denkanstöße danke ich besonders Michael Stahl, Ursula Frühwein, Christiane Kunst, Frauke Hutmacher, Eike Faber und Peter Eich. 1. Für die Quellenzitate aus dem Werk des jüngeren Plinius verwende ich: C. Plinius Caecilius Secundus. Sämtliche Briefe. Lateinisch / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Heribert Philips und Marion Giebel, Stuttgart, 1998. 2. Beispielhaft herausgegriff en seien nur einmal CIL III 551, CIL V 6974, CIL III 14147,5, CIL X 6225, CIL XIV 3608, für Tacitus wahrscheinlich: CIL VI 1574. Für zahlreiche weitere Beispiele vgl. Alföldy, Geza: Die Rolle des Einzelnen in der Gesellschaft des Römischen Kaiserreiches. Erwartungen und Wertmaßstäbe (= Sitzungsbericht der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Abh. 8), Heidelberg, 1980, passim; Eck, Werner: Der Senator und die Öff entlichkeit. Oder: Wie beeindruckt man das Publikum? – In: Ders / Heil, Matthäus (Hrsg.): Senatores populi Romani. Realität und mediale Präsentation einer Führungsschicht (= Heidelberger Althistorische Beiträge und Epigraphische Studien, Bd. 40), Stuttgart, 2005, S. 1 – 18, hier: passim; Pausch, Dennis: Biographie und Bildungskultur. Personendarstellungen bei Keywords: Pliny the Younger, literary communication, political existence, depolitization, social network POTESTAS. Revista del Grupo Europeo de Investigación Histórica, No 2 2009 ISSN: 1888-9867 - pp. 37-56 39 nem einheitlichen Muster verlaufen,3 aber dennoch individuelle Züge tragen. Für Plinius den Jüngeren – und das macht ihn für Historiker überhaupt erst so interessant – ist der Karriereverlauf nicht nur nahezu komplett erhalten und inschriftlich bezeugt,4 sondern wird durch das vollständig überlieferte und umfangreiche Briefcorpus in zehn Büchern derart ergänzt, dass wir heute ein genaueres Bild der Person Plinius in gesellschaftlicher, politischer und kultureller Hinsicht zeichnen können als für die meisten seiner Zeitgenossen. Es fällt jedoch auf, dass dieses Bild häufi g sehr negativ konnotiert ist. Plinius wird schnell als eitel, auf seine Selbstdarstellung versessen, ruhmsüchtig oder auch ganz schlicht als minderwertig, uninteressant und unbedeutend abgetan.5 Dies liegt unter anderem daran, dass der Blickwinkel, unter dem Plinius und seine Werke untersucht werden, häufi g ein philologischer ist.6 In seiner literarischen Qualität jedoch kann Plinius kaum mit den Autoren des republikanischen Roms mithalten: „Dass sich der Platz des jüngeren Plinius im Abteil der 2. Klasse der römischen Literaturgeschichte befi ndet, ist allgemeines Urteil.“7 Betrachtet man hingegen auch die politische Existenz des Plinius und wertet seine Briefe unter historischen Fragestellungen aus, so zeigt sich ein deutlich diff erenzierteres Bild:8 Wir erkennen in Plinius dann neben dem wohlhabenden Großgrundbesitzer und fürsorglichen Patron nicht nur den begeisterten Literaten und siegreichen Anwalt vor Gericht, sondern eben auch den engen Vertrauten mehrerer Kaiser und höchst aktiven Politiker, für den sein Agieren Plinius dem Jüngeren, Gellius und Sueton (= Millennium-Studien zur Kultur und Geschichte des ersten Jahrtausends n. Chr., Bd. 4), Berlin u.a., 2004, S. 11. 3. Der cursus honorum war in der Kaiserzeit stark standardisiert und zeichnete sich insbesondere – und das schon in der Republik – durch einen häufi gen Wechsel von zivilen und militärischen Ämtern aus. Vgl. Gizewski, Christian: s.v. cursus honorum – In: DNP 3 (1997), S.243 – 245; vgl. auch grundlegend und mit zahlreichen Beispielen versehen: Beck, Hans: Karriere und Hierarchie. Die römische Aristokratie und die Anfänge des cursus honorum in der mittleren Republik. Berlin, 2005, passim. 4. Vgl. CIL V, 5262; vgl. weiterhin PIR² P 0492. 5. Vgl. stellvertretend für viele andere Untersuchungen: Beutel, Frank: Vergangenheit als Politik. Neue Aspekte im Werk des jüngeren Plinius (= Studien zur klassischen Philologie, Bd. 121), Frankfurt am Main, 2000, S. 130f.; Peter, Hermann: Der Brief in der römischen Literatur. Literaturgeschichtliche Untersuchungen und Zusammenfassungen, Leipzig, 1901, S. 113f.; vgl. weiterhin Radice, Betty: A fresh approach to Pliny´s letters – In: G&R 9 (1962), Heft 2, S. 160 – 168, hier: S. 160, die auch die andere Seite darstellt; Krasser, Helmut: Claros colere viros oder über engagierte Bewunderung. Zum Selbstverständnis des jüngeren Plinius – In: Philologus 137 (1993), S. 62 – 71, hier: S. 62f.; Sherwin-White, Adrian N.: Pliny, the man and his letters – In: G&R 16 (1969), Heft 1, S. 76 – 90, hier: S. 81; Offermann, Helmut: Plinius naiv? – In: Patzer, Andreas (Hrsg.): Apophoreta für Uvo Hölscher zum 60. Geburtstag. Bonn 1975, S. 122 – 144; einige Bemerkungen auch bei Ludolph, Matthias: Epistolographie und Selbstdarstellung. Untersuchungen zu den Paradebriefen Plinius des Jüngeren (= Classica Monacensia. Münchener Studien zur klassischen Philologie, Bd. 17), Tübingen, 1997, S. 11ff . 6. Vgl. beispielhaft hierfür: Beutel: Vergangenheit (wie Anm. 5), S. 130. 7. Krasser: Bewunderung (wie Anm. 5), S. 62. Krasser fasst die Meinungen nur bündig zusammen, wohingegen er selbst diese Position nicht vertritt. 8. Vgl. hierzu auch Beutel: Vergangenheit (wie Anm. 5), S. 11. Sven Page Literarische Kommunikation und politische Existenz – Plinius der Jüngere und die römische Aristokratie 40 im Zentrum der Macht untrennbar mit seiner literarischen Betätigung verbunden war.9 Im Hinblick auf die politische Existenz eines römischen Senators ist diese Auff assung nicht der einzige Erklärungsansatz in der Altertumswissenschaft. Im Gegenteil: In zahlreichen Untersuchungen lässt sich vielmehr die Th ese fi nden, dass die Politik im Leben von Plinius und seinen Zeitgenossen eine allenfalls noch sekundäre Rolle gespielt hat.10 Ich skizziere im Folgenden kurz die gedanklichen Schritte, durch die man zu einer solchen Position gelangt. Mit dem Ende der Republik und der Begründung des römischen Kaiserreiches durch Augustus fanden im gesamten Reich tiefgreifende Umwälzungen auf gesellschaftlicher und politischer Ebene statt. Obwohl alle Schichten der Gesellschaft von dieser Entwicklung erfasst wurden, traf dies in besonderem Maße auf die Elite des Reiches zu. Die fortan in rechtlich fi xierten Ständen (ordo senatorius, ordo equester, ordo decurionum) organisierte Oberschicht hatte sich dabei nicht nur mit ihrer physischen Erschöpfung durch die jahrzehntelangen Bürgerkriege, sondern – so die überwiegend vertretene Th ese – auch mit einer spürbaren politischen Entmachtung auseinanderzusetzen. Zwar waren sowohl die Senatsaristokratie als auch in abgeschwächtem Maße die Ritter immer noch an allen wesentlichen und zentralen Ereignissen in Rom und im Reich beteiligt, ihre Stellung als die diese Ereignisse allein bestimmenden Gruppen hatten sie allerdings eingebüßt.11 Fortan war es der Kaiser, der den neuen Mittelpunkt des politischen und gesellschaftlichen Lebens darstellte. Nur noch er triumphierte bei erfolgreichen militärischen Unternehmen, denn alle Schlachten wurden in seinem Namen geschlagen, und dementsprechend fi el auch nur noch ihm der Ruhm bei Siegen zu.12 Er allein war der oberste Patron aller Reichsbewohner und insbe9. Vgl. Ebda., S. 265. 10. Vgl. stellvertretend hierfür: Mommsen, Theodor: Römische Kaisergeschichte. Nach den Vorlesungsmitschriften von Sebastian und Paul Hensel 1882/86 (hrsg. v. Barbara und Alexander Demandt), München, 1992, S. 140f.; Dahlheim, Werner: Geschichte der römischen Kaiserzeit (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 3), München, 2003, S. 40ff .; Bleicken, Jochen: Verfassungsund Sozialgeschichte des Römischen Kaiserreiches, Bd. 1., Paderborn u.a., 1989 (11978), S. 280ff .; etwas undeutlicher bei Bengtson, Hermann: Römische Geschichte. Republik und Kaiserzeit bis 284 n. Chr., München, 1985 (11973), S. 224ff .; Stein-Hölkeskamp, Elke: Vom homo politicus zum homo literatus. Lebensziele und Lebensideale der römischen Elite von Cicero bis zum jüngeren Plinius – In: Hölkeskamp, Karl-Joachim u.a. (Hrsg.): Sinn (in) der Antike. Orientierungssysteme, Leitbilder und Wertkonzepte im Altertum, Mainz, 2003, S. 315 – 334, hier: S. 317f.; Vogt-Spira, Gregor: Die Selbstinszenierung des jüngeren Plinius im Diskurs der literarischen Imitatio – In: Castagna, Luigi / Lefèvre, Eckhard (Hrsg.): Plinius der Jüngere und seine Zeit (= Beiträge zur Altertumskunde, Bd. 187), Leipzig, 2003, S. 51 – 65, hier: S. 63; in abgeschwächter Form und beide Seiten berücksichtigend auch bei Leppin, Hartmut: Die Laus Pisonis als Zeugnis senatorischer Mentalität – In: Klio 74 (1992), S. 221 – 236, hier: S. 223. 11. Vgl. beispielhaft Stein-Hölkeskamp: Lebensziele (wie Anm. 10), S. 318. 12. Ausnahmen gab es wie bei jeder Regel selbstverständlich auch hier, sie waren jedoch immer als besondere Gunsterweise des Kaisers an nahestehende und loyale Untergebene (und zunehmend nur noch Mitglieder der kaiserlichen Familie) zu verstehen und der Logik der Sache POTESTAS. Revista del Grupo Europeo de Investigación Histórica, No 2 2009 ISSN: 1888-9867 - pp. 37-56 41 sondere des Militärs – die Zeiten, als mehrere Aristokraten selbstherrlich über riesige Heeresklientel verfügen konnten, waren für immer vorbei – und er allein entschied über Fortsetzung oder abruptes Ende der politischen Karriere. Seine überragende auctoritas, die sich darin zeigte, dass sein sozialer Status für alle anderen unerreichbar und seinen Worten und Wünschen zugleich eine gewaltige moralische und gesellschaftliche Durchsetzungskraft verliehen wurde, ließ jeglicher politischen Opposition gegen ihn eine allenfalls noch marginale Bedeutung zukommen. Für die Elite des Reiches und insbesondere für die Senatoren in Rom bedeutete diese Entwicklung auf einen Schlag die Auslöschung oder doch zumindest massive Einschränkung wesentlicher Identifi kationsparameter mit der res publica.13 Mit dem Ende des alten Systems, in dem sich diese Führungsschicht durch ihre individuellen Leistungen für den Staat14 und eine gemeinsame Handlungsmaxime in Form des mos maiorum defi nierte,15 und der Ablösung durch ein neues System, stellt sich die Frage, wie die Elite der Republik in der Ordnung des Prinzipats ihre neue Position bestimmte. Im Erklärungsmodell der Entpolitisierungsthese wird angenommen, dass sich mit Beginn der Kaiserzeit die klassischen Bewährungsund Tätigkeitsfelder der römischen Führungsschicht verschoben hätten.16 Die Übermacht des Kaisers in gesellschaftlicher, politischer und militärischer Hinsicht scheine herausragende individuelle Leistungen nicht mehr zugelassen und damit den Weg zum Erwerb von dignitas auf der einen und die Erschaff ung neuer exempla für die Nachfahren als Garant der eigenen Unsterblichkeit auf der anderen Seite zumindest stark eingeschränkt zu haben. Als Kompensation für diesen Verlust wird daher das Aufkommen einer Bildungskultur im ersten und zweiten Jahrhundert n. Chr. postuliert, die nach eben selten. Festzuhalten bleibt, dass der siegreiche Feldherr nicht mehr wie noch in der Republik selbstverständlich in den Genuss eines Triumphzuges kam, sondern in der Kaiserzeit zusätzlich zu seinen militärischen Fähigkeiten auch noch seine Loyalität unter Beweis stellen musste. 13. Vgl. zu der absoluten Ausrichtung der republikanischen Elite auf die Politik: Scholz, Peter: Der Senat und die Intellektualisierung der Politik. Einige Bemerkungen zur Krise der traditionellen Erziehung in der späten römischen Republik – In: Kretschmann, Carsten / Pahl, Henning / Scholz, Peter (Hrsg.): Wissen in der Krise. Institutionen des Wissens im gesellschaftlichen Wandel, Berlin, 2004, S. 17; Beck: Karriere und Hierarchie (wie Anm. 3), passim. Indirekt auch bei Alföldy: Rolle des Einzelnen (wie Anm. 2), S. 25; Christes, Johannes: Bildung und Gesellschaft, Darmstadt, 1975, S. 131ff . und 191; vgl. zum auctoritasBegriff : Stahl, Michael: Auctoritas und Charisma. Die Bedeutung des Persönlichen in der Herrschaft des Augustus – In: Potestas 1 (2008), S. 23 – 34. 14. Vgl. Scholz: Intellektualisierung (wie Anm. 13), S. 18; Leppin: Die Laus Pisonis (wie Anm. 10), S. 223; Ders.: Atticus. Zum Wertewandel in der späten römischen Republik – In: Spielvogel, Jörg (Hrsg.): Res publica reperta. Zur Verfassung und Gesellschaft der römischen Republik und des frühen Prinzipats. Festschrift für Jochen Bleicken zum 75. Geburtstag, Stuttgart, 2002, S. 192 – 202, hier: S. 196. 15. Vgl. Scholz: Intellektualisierung (wie Anm. 13), S. 25; Alföldy: Rolle des Einzelnen (wie Anm. 2), S. 13 und 42. 16. Vgl. Pausch: Biographie (wie Anm. 2), S. 13 und 61; vgl. für die Einschränkung der politischen Möglichkeiten auch Beutel: Vergangenheit (wie Anm. 5), S. 249f. Sven Page Literarische Kommunikation und politische Existenz – Plinius der Jüngere und die römische Aristokratie 42 sich am deutlichsten in der Öff nung der Aristokratie für griechisches Gedankengut und ihrer Hinwendung zur Literatur greifen lassen soll.17 Dieses Primat der Bildung hätte dann in Kombination mit einem bewussten Hinausdrängen aus sensiblen Bereichen des neuen politischen Systems durch den Kaiser, ein enttäuschtes Abwenden der Senatoren von den für sie ehemals maßgeblichen, nun aber nicht mehr länger attraktiven Bereichen der Politik und des Militärs bedingt.18 Als Ausgleich für die Entpolitisierung hätten sich die Senatoren der 17. Vgl. Scholz: Intellektualisierung (wie Anm. 13), S. 20f.; Mratschek-Halfmann, Sigrid: Divites et praepotentes. Reichtum und soziale Stellung in der Literatur der Prinzipatszeit, Stuttgart, 1993, S. 14f., 19 und 30; Pausch: Biographie (wie Anm. 2), S. 4ff .; Eich, Armin: Politische Literatur in der römischen Gesellschaft. Studien zum Verhältnis von politischer und literarischer Öff entlichkeit in der späten Republik und frühen Kaiserzeit (= Passauer historische Forschungen, Bd. 11), Köln u.a., 2000, S. 70ff .; Christes: Bildung (wie Anm. 13), S. 201 und 231; Ders.: Der Gebildete im republikanischen Rom im Spannungsfeld von negotium und otium. Mit besonderer Berücksichtigung Ciceros – In: Keck, Rudolf W. / Wiersing, Erhard / Wittstadt, Klaus (Hrsg.): Literaten, Kleriker, Gebildete. Zur Geschichte der Gebildeten im vormodernen Europa, Köln u.a., 1996, S. 111 – 131, hier: S. 118. 18. Vgl. Stein-Hölkeskamp: Lebensziele (wie Anm. 10), S. 322f.; Schmal, Stephan: Cato, Sallust und Tacitus. Politik und Geschichtsschreibung im republikanischen und kaiserzeitlichen Rom – In: Goltz, Andreas / Luther, Andreas / SchlangeSchöningen, Heinrich (Hrsg.): Gelehrte in der Antike. Alexander Demandt zum 65. Geburtstag, Köln u.a., 2002, S. 87 – 103, hier: S. 96f.; Ludolph: Epistolographie und Selbstdarstellung (wie Anm. 5), S. 39; die Argumente hält in abgeschwächter Form Bütler, Hans-Peter: Die geistige Welt des jüngeren Plinius. Studien zur Thematik seiner Briefe., Heidelberg, 1970, S. 23 und 51 fest; vgl. für ein scheinbar ähnliches Phänomen in der Republik: Scholz: Intellektualisierung (wie Anm. 13), S. 25 (vgl. diametral dazu Tac. ann. 14,20,4ff und Tac. ann. 14,15,1ff., wo unter anderem die Dichtung als Grund für den allgemeinen Niedergang angegeben wird). Einige Untersuchungen zu Plinius dem Jüngeren gehen darüber hinaus sogar davon aus, dass die römischen Aristokraten nicht nur ein grundsätzliches Desinteresse am Kaiserreich besessen hätten, sondern zusätzlich auch von einer starken Sehnsucht nach der Republik ergriffen waren (vgl. Döpp, Siegmar: Ne omnia apud priores meliora. Autoren des frühen Prinzipats über die eigene Zeit – In: RhM 132 (1989), S. 73 – 101, S. 94; Ludolph: Epistolographie und Selbstdarstellung (wie Anm. 5), S. 55, 88, 114 und 162; etwas indirekter Radicke, Jan: Die Selbstdarstellung des Plinius in seinen Briefen – In: Hermes 125 (1997), S. 447 – 469, hier: S. 464f.; Beutel: Vergangenheit (wie Anm. 5), S. 240f., der selbst nicht dieser Auffassung ist, aber die Debatte mit weiterer Literatur schildert). Fast allen liegt dabei eine entsprechende Interpretation von einigen Bemerkungen des Plinius zugrunde. So z.B.: „Außerdem bot sich mir kein Stoff, mehr zu schreiben. Denn meine Lage ist nicht dieselbe wie die des M. Tullius, auf dessen Beispiel Du mich hinweist. […] es bot sich ihm in reichem Maße eine seiner Begabung entsprechende Fülle von vielfältigen, bedeuteten Ereignissen.“ (Plin. ep. 9,2,1-2, vgl. auch Plin. ep. 3,20,10). Der vermeintliche Mangel an politisch nennenswerten Ereignissen, über die sich Plinius hier im Vergleich mit den deutlich turbulenteren Tagen der späten Republik beschwert, macht aber meines Erachtens noch keine Republiksehnsucht aus. Der Begriff „Mangel“ ist vielleicht auch etwas unglücklich gewählt – Plinius selbst verwendet ihn nicht („Praeterea nec materia plura scribendi dabatur“; ebda.). Zwar konstatiert Morello, Ruth: Pliny and the art of saying nothing – In: Arethusa 36 (2003), S. 187 – 209 ein solch generelles Defizit an (politischen) Themen und Döpp: Autoren des frühen Prinzipats (wie Anm. 18), passim einen allgemeinen Verfall des literarischen (und kulturellen) Lebens, beide halten jedoch gleichzeitig fest, dass sowohl Plinius, als auch seine Zeitgenossen in hohem POTESTAS. Revista del Grupo Europeo de Investigación Histórica, No 2 2009 ISSN: 1888-9867 - pp. 37-56 43 Literatur und Bildung als neuem Bewährungsfeld zugewandt, um dort nach der erhoff ten dignitas und der sich daraus ergebenden Chance auf wenigstens literarische Unsterblichkeit zu streben.19 Diese Ansicht war lange Zeit bestimmend in der Forschung.20 Das liegt unter anderem daran, dass die Entpolitisierungsthese in ihrem Kern ein richtiges Phänomen zu erfassen versucht und dabei vieles auf den ersten Blick zu erklären vermag: Die Veränderung der politischen Bedingungen seit Augustus, das Abwandern einiger enttäuschter Senatoren aus dem engeren Umfeld der Macht,21 der Bedeutungszuwachs der Bildung u.v.m. sind für uns tatsächlich in der frühen und hohen Kaiserzeit ersichtlich. Die tiefergehenden politischen und gesellschaftlichen Konstellationen der fraglichen Epoche lassen sich jedoch meines Erachtens mit obigem Erklärungsmodell nur eingeschränkt darstellen. Ich werde daher im Folgenden einige Argumente anführen, weshalb die Th ese der Entpolitisierung neu überdacht werden sollte. Ich greife die für mein Th ema bedeutungsvollsten Aspekte heraus:22 Unter Anwendung eines Absolutheitsanspruchs führt die Entpolitisierungsthese unMaße produktiv waren (vgl. Morello: Art of saying nothing (wie Anm. 18), S. 209; Döpp: Autoren des frühen Prinzipats (wie Anm. 18), S. 97ff.). Aus dem literarischen Bekenntnis des Plinius zu seinem Vorbild Cicero (vgl. Anm. 86) wird ein politisches Bekenntnis zur Republik gefolgert (vgl. Ludolph: Epistolographie und Selbstdarstellung (wie Anm. 5), S. 114). Meines Erachtens muss hierbei jedoch deutlicher betont werden, dass das Kaiserreich bei Plinius‘ Geburt schon beinahe ein Jahrhundert politische Realität war und selbst sein Onkel und Adoptivvater Plinius der Ältere die Republik nur noch vom Hörensagen kannte. Beide sind im Kaiserreich aufgewachsen, erzogen und (aus-)gebildet worden, sodass es mir sehr unwahrscheinlich erscheint, dass sie in ihrem geistigen Denken einem politischen System verschrieben waren, welches sie selbst niemals kennengelernt hatten. Ähnliche Gedankengänge finden sich bei Beutel: Vergangenheit (wie Anm. 5), S. 160 und 197; Bütler: Geistige Welt (wie Anm. 18), S. 146; Hammond, Mason: Pliny the Younger´s view on government – In: HSPh 49 (1938), S. 115 – 140, hier: S. 121f. und S. 136; Sherwin-White: Pliny (wie Anm. 5), S. 84; Halfmann, Helmut: O homines ad servitutem paratos! Zum Verhältnis von Monarchie und Aristokratie im kaiserzeitlichen Rom – In: Spielvogel, Jörg (Hrsg.): Res publica reperta. Zur Verfassung und Gesellschaft der römischen Republik und des frühen Prinzipats. Festschrift für Jochen Bleicken zum 75. Geburtstag, Stuttgart, 2002, S. 227 - 244, hier: S. 228ff. 19. Vgl. stellvertretend und sehr markant: Ludolph: Epistolographie und Selbstdarstellung (wie Anm. 5), passim, besonders S. 142. 20. Vgl. Anm. 10. 21. Vgl. zum Phänomen des Abwanderns allgemein: Leppin: Atticus (wie Anm. 14), passim; Schmal: Cato, Sallust und Tacitus (wie Anm. 18), S. 87f. mit Beispielen – und dem Hinweis, dass es sich hierbei um Ausnahmen handelt (S. 91ff .) 22. Weitere Aspekte sind: Die Interpretation der Ritter als ein Gegengewicht zu den bewusst aus dem politischen Raum verdrängten Senatoren – und nicht als Ergänzung zu der personenmäßig zu kleinen Gruppe der Senatsaristokratie. Vgl. hierzu: Eck, Werner: Die Ausformung der ritterlichen Administration als Antisenatspolitik? – In: Ders.: Die Verwaltung des römischen Reiches in der Hohen Kaiserzeit, Bd. 1., Basel, 1995, S. 29 – 54; Stein-Hölkeskamp: Lebensziele (wie Anm. 10), S. 318; Christes: Bildung (wie Anm. 13), S. 230f. Darüber hinaus wird aus dem Bedeutungsverlust öff entlicher Wahlen für die politische Karriere auf ein Desinteresse der aristokratischen Patrone an ihren Klienten geschlossen – bei gleichzeitiger Vernachlässigung des anhaltenden und sogar wachsenden Stellenwerts der gesellschaftlichen Sven Page Literarische Kommunikation und politische Existenz – Plinius der Jüngere und die römische Aristokratie 44 ter anderem dazu, dem otium einen klaren Vorrang gegenüber dem negotium zuzusprechen23 – mehr noch: dieses als Alternative zum negotium aufzubauen – und vernachlässigt dabei, dass diese Dichotomie schon immer das senatorische Leben geprägt und dabei vervollständigt hat. Es wird aus den veränderten politischen Bedingungen seit Augustus auf ein breites Desinteresse der Senatsaristokratie an Politik und Militär geschlossen24 – und dabei zugleich übersehen, dass bei Abwanderung von Amtsträgern in großem Stile einige wenige Befehlshaber und Magistrate immer länger in ihren Positionen hätten belassen werden müssen.25 Eine Entwicklung, die in der späten Republik eine krisenhafte Zuspitzung erfuhr und dessen Auswirkungen besonders der junge Octavian bitter hatte erfahren müssen.26 Darüber hinaus folgt aus dieser Th ese, dass die schriftstellerische Betätigung der Aristokratie eine Ausweichexistenz, eine Art innere Emigration gewesen sei27 – dabei bleibt jedoch unbeachtet, dass es von jeher zum Selbstverständnis der römischen Oberschicht Komponente von amicitia und clientela. Vgl. hierzu: Mratschek-Halfmann: Reichtum (wie Anm. 17), S. 17; Döpp: Autoren des frühen Prinzipats (wie Anm. 18), S. 78; Gelzer, Matthias: Die Nobilität der Kaiserzeit – In: Hermes 50 (1915), S. 395 – 415, hier: S. 414. 23. Vgl. Leppin: Die Laus Pisonis (wie Anm. 10), S. 233, der Argumente und Beispiele für beide Seiten vorbringt; Christes: Bildung (wie Anm. 13), S. 190; Ludolph: Epistolographie und Selbstdarstellung (wie Anm. 5), S. 130f. 24. Häufi g ist dies eine Folge der sprachlichen Gleichsetzung der Institution des Senats mit der Gruppe der Senatsaristokratie. Vgl. beispielhaft hierfür: Beutel: Vergangenheit (wie Anm. 5), S. 18; problematisiert wird dieses Th ema bei Eich, Peter: Aristokratie und Monarchie im kaiserzeitlichen Rom – In: Beck, Hans / Scholz, Peter / Walter, Uwe (Hrsg.): Die Macht der Wenigen. Aristokratische Herrschaftspraxis, Kommunikation und edler Lebensstil in Antike und Früher Neuzeit. München 2008, S. 125 – 151, hier: S. 130. Eich hält darüber hinaus auch fest, dass es in der Kaiserzeit zwar zu einem Machtverlust, aber nicht zu einer Entpolitisierung der Aristokratie kam (vgl. Ebda., S. 134ff .). 25. Vgl. für die Notwendigkeit, weiterhin Aristokraten in großem Stil an der Reichsverwaltung zu beteiligen: Leppin: Atticus (wie Anm. 14), S. 201; Gelzer: Nobilität (wie Anm. 22), S. 412f. hat richtig darauf verwiesen, dass durch die augusteischen Reformen der Provinzialverwaltung die ehemals unerschöpfl ichen Geldquellen der Aristokratie (und insbesondere der Nobilität, die er in erster Linie untersucht) versiegten. Ich vermag darin aber kein langsames Absinken der Nobilität in die Bedeutungslosigkeit zu erblicken. 26. Die Reformierung der Armee durch Augustus ist nicht zuletzt eine Konsequenz aus dieser Entwicklung gewesen. 27. Vgl. Pausch: Biographie (wie Anm. 2), S. 10; Lefèvre, Eckhard: Plinius Studien III. Die Villa als geistiger Lebensraum (1,3; 1,24; 2,8; 6,31; 9,36) – In: Gymnasium 94 (1987), S. 247 – 262, hier: S. 252; Christes: Spannungsfeld (wie Anm. 17), S. 124; Ludolph: Epistolographie und Selbstdarstellung (wie Anm. 5), S. 39; Strobel, Karl: Plinius und Domitian. Der willige Helfer eines Unrechtssystems? Zur Problematik historischer Aussagen in den Werken des jüngeren Plinius – In: Castagna, Luigi / Lefèvre, Eckhard (Hrsg.): Plinius der Jüngere und seine Zeit (= Beiträge zur Altertumskunde, Bd. 187), Leipzig, 2003, S. 303 – 314, hier: S. 312. Strobel nennt zwar den Begriff , benutzt ihn aber durchaus anzweifelnd; Leach, Eleanor Winsor: Otium as luxuria. Economy of status in the younger Pliny´s letters – In: Arethusa 36 (2003), S. 147 – 165, hier: S. 164 hält meines Erachtens richtig fest, dass das otium nur dann zum Ort innerer Emigration werde, wenn der Herrscher sich, wie beispielsweise im Falle Domitians, als Tyrann entpuppt. POTESTAS. Revista del Grupo Europeo de Investigación Histórica, No 2 2009 ISSN: 1888-9867 - pp. 37-56 45 gehörte, gebildet zu sein und dieser Bildung durch die Abfassung von Literatur Ausdruck zu verleihen.28 Die Interpretation einer entpolitisierten Existenz wird jedoch weder Plinius dem Jüngeren noch den meisten seiner Zeitgenossen gerecht. Ich vertrete daher die Th ese, dass der römische Senator auch in der Kaiserzeit noch eine hochpolitische Existenz war, und die Literatur – die ich hier nur in ihrer brieflichen Kommunikationsform untersuche – in ebendiesem Kontext bewusst und geschickt einzusetzen vermochte. Ich werde das im Folgenden am Beispiel von Plinius dem Jüngeren demonstrieren. Für den Habitus des römischen Aristokraten ist der Begriff der Leistung konstituierend: Leistung für die res publica, Leistung für die familia, Leistung für die amici, Leistung für die clientes. Leistung in einem politischen Sinne bezeichnet hierbei die Tätigkeit im Staatsdienst, was wiederum in erster Linie bedeutete, Ämter zu übernehmen und auf politisch-staatlicher Ebene in Rom aktiv zu sein.29 Es genügte nicht, einfach nur durch Geburt Mitglied des ordo senatorius zu sein oder sich nach einmaliger Betätigung beispielsweise als senatorischer Militärtribun auf seine Landgüter zurückzuziehen. Dies bekommt zum Beispiel C. Bruttius Praesens in Brief 7,3 sehr deutlich zu spüren, wenn Plinius ihm schreibt, dass aus Lukanien zu stammen zwar „ein triftiger Grund für eine längere Abwesenheit [aus Rom sei], aber nicht für eine dauernde.“30 Und weiter: „Warum also kehrst Du nicht wieder einmal in die Stadt zurück, wo Ansehen (dignitas), Ehre (honor), vornehmere und auch unbedeutendere Freunde Dich erwarten? Wie lange willst Du Dich noch wie ein König fühlen [d.h. auff ühren], wie lange noch wachen, wenn Du willst, und schlafen, solange Du willst? Wie lange noch willst Du keine Senatorenschuhe tragen, wie lange keine Toga […]?“31 28. Vgl. abgeschwächt: Pausch: Biographie (wie Anm. 2), S. 15 und 122; vgl. zur Bildung: Eich: Literatur (wie Anm. 17), S. 64 und 231; Sherwin-White: Pliny (wie Anm. 5), S. 77; Schmal: Cato, Sallust und Tacitus (wie Anm. 18), S. 88f.; Ludolph: Epistolographie und Selbstdarstellung (wie Anm. 5), S 112; Flaig, Egon: Ritualisierte Politik. Zeichen, Gesten und Herrschaft im Alten Rom, Göttingen, 2003, S. 122f.; Christes: Bildung (wie Anm. 13), S. 164. Cato der Ältere, Scipio der Jüngere, Cicero, Vitruv, Vergil, Horaz sind nur einige gewichtige Namen, die in diesen Kontext gehören. Vgl. grundlegend auch: Beck, Hans / Walter, Uwe (Hrsg.): Die frühen römischen Historiker. Bd. 1: Von Fabius Pictor bis Cn. Gellius (= Texte zur Forschung, Bd. 76), Darmstadt, 2001, passim. 29. Vgl. Alföldy: Rolle des Einzelnen (wie Anm. 2), S. 31; Leppin: Atticus (wie Anm. 14), S. 196; Halfmann: Monarchie und Aristokratie (wie Anm. 18), S. 236. Etwas allgemeiner formuliert, aber meines Erachtens nach völlig korrekt, erkennt bereits Hammond, dass die kaiserzeitliche Aristokratie ganz getreu der Reziprozität im Gegenzug für ihre privilegierte Position in Staat und Gesellschaft Leistung erbringen musste. Vgl. Hammond: View on government (wie Anm. 18), S. 131ff .; Eich: Aristokratie und Monarchie (wie Anm. 24), S. 126f.; für die Republik hatte bereits Christes: Bildung (wie Anm. 13), S. 134 denselben Sachverhalt feststellen können. 30. Plin. ep. 7,3,1. 31. Plin. ep. 7,3,2. Sven Page Literarische Kommunikation und politische Existenz – Plinius der Jüngere und die römische Aristokratie 52 gegangene politische Möglichkeiten gewesen sein, denn der intensive Einsatz von Literatur war eben in beiden Lebensbereichen feststellbar: Literatur und Politik waren untrennbar miteinander verbunden.65 Der Grund für das Interesse des Plinius und seiner Zeitgenossen an der Literatur und die Ursache für das Missverständnis der Entpolitisierungstheorie fi ndet sich dann auch in Brief 2,10. Dort erinnert Plinius seinen Freund Octavius Rufus an die Motivation für jegliche literarische Beschäftigung: „Denk an Deine Sterblichkeit, von der Du Dich durch dieses eine Denkmal [d.h. die Publikation von Gedichten] befreien kannst; denn alles übrige ist vergänglich und hinfällig, es stirbt und vergeht ebenso wie die Menschen selbst.“66 Noch deutlicher bekennt Plinius in Brief 3,7: „Aber um so mehr wollen wir das, was von der nichtigen und fl üchtigen Zeit noch übrigbleibt […], durch literarische Studien verlängern, und weil es uns doch verweigert wird, lang zu leben, wollen wir etwas hinterlassen, wodurch wir bezeugen können, dass wir gelebt haben.“67 Die Vergänglichkeit des Lebens, die Angst davor, nach dem Tod dem Vergessen anheim zu fallen – eine Furcht, die für die breite Masse der Bevölkerung erst das Christentum mit dem Gedanken der Unsterblichkeit der Seele lösen konnte – wirkte höchst motivierend und war eine der Hauptantriebskräfte für die Leistungsmaxime der römischen Gesellschaft.68 Wurde früher hierin aber nun gerade der wichtigste Grund erblickt für das Abwenden der Senatoren von der Politik, dem Vorrang des otium vor dem negotium,69 der literarischen Betätigung als Ersatz für die nicht mehr dem dignitas-Erwerb dienliche Politik, so wird dabei ein kleiner, aber sehr folgenreicher Faktor unbeachtet gelassen: Plinius tat genau das nicht. Er wandte sich nicht ausschließlich – noch nicht einmal primär – seinen literarischen Studien zu, sondern blieb weiterhin politisch aktiv, um in Rom und dem Reich Aufgaben für den Kaiser zu erfüllen. 65. Vgl. hierfür auch: Radicke: Selbstdarstellung (wie Anm. 18), S. 455f.; analog hierzu betont Radice: A fresh approach (wie Anm. 5), S. 167, dass Plinius keinerlei romantische Vorstellungen darüber gehabt hat, ein besseres Leben mit seinen literarischen studia auf dem Land (quasi im ewigen otium) einem mit Verpfl ichtungen angefüllten Leben in der Stadt (negotium) vorzuziehen. Im Gegensatz hierzu stellt Schmal: Cato, Sallust und Tacitus (wie Anm. 18), S. 99f. eine auseinanderdriftende Entwicklung von Macht (Politik) und Bildung (Literatur) in der Kaiserzeit fest. 66. Plin. ep. 2,10,4. 67. Plin. ep. 3,7,14. Vgl. hierzu auch Peter: Brief (wie Anm. 5), S. 119f.; Radicke: Selbstdarstellung (wie Anm. 18), S. 453f.; Beutel: Vergangenheit (wie Anm. 5), S. 142; Morello: Art of saying nothing (wie Anm. 18), S 196; Andrews, A. Carleton: Pliny the Younger, conformist – In: CJ 34 (1938), S. 143 – 154, hier: S. 148; Bell: Revision and authenticity (wie Anm. 49), S. 466; Offermann, Helmut: Off enheit oder Maskierung. Plinius – In: Anregung 39 (1993), S. 83 – 92 (Heft 2) und 162 – 171 (Heft 3), hier: S. 86 und 166; Ludolph: Epistolographie und Selbstdarstellung (wie Anm. 5), S. 60ff . und 121. 68. Vgl. Pausch: Biographie (wie Anm. 2), S. 51. 69. Vgl. sehr deutlich bei Lefèvre: Plinius Studien (wie Anm. 27), S. 253ff .; aufgegriff en wird dies von Krasser: Bewunderung (wie Anm. 5), S. 63, der die Idee aber nur als Einstieg benutzt und im Folgenden überhaupt nicht mehr behandelt. POTESTAS. Revista del Grupo Europeo de Investigación Histórica, No 2 2009 ISSN: 1888-9867 - pp. 37-56 53 Plinius zog es vor, seine dignitas im politischen Kontext zu erwerben, und gab damit dem negotium den ihm von jeher zukommenden, vorrangigen Platz gegenüber dem otium.70 Dies können wir deutlich auch in Brief 4,23 lesen: „Denn die erste und mittlere Zeit des Lebens müssen wir dem Vaterland, die letzte uns selbst widmen […].“71 Es bleibt die Frage, weshalb Plinius dann überhaupt davon schreibt, dass ihm die Verpfl ichtungen des negotium wie Fesseln vorkommen und er kaum Zeit für seine literarischen studia im otium hat, wenn er letzten Endes doch seinen Posten hielt und weiterhin Leistung für Kaiser und res publica erbrachte. Die Antwort liegt im Charakter der plinianischen Briefsammlung begründet: Neben den bereits besprochenen Möglichkeiten der kurz-, mitteloder langfristigen Kommunikation können wir das Briefcorpus darüber hinaus eben auch als eine Möglichkeit zur Selbstdarstellung begreifen.72 Stellt Plinius seine Aufgaben und Verpfl ichtungen als so zeitintensiv und vereinnahmend dar (wir dürfen wohl davon ausgehen, dass sie es in seiner Position auch waren), so kann der Leser – selbst dann, wenn er nicht sehr aufmerksam zwischen den Zeilen liest – klar erkennen, dass Plinius ein äußerst wichtiger und gefragter Mann war.73 Ex negativo demonstriert der Senator, Patron und amicus Plinius hier also seine Bedeutung für die politische und gesellschaftliche Ordnung des kaiserzeitlichen Roms.74 Die demonstrative Erfüllung der gesellschaftlichen Normen und die Bekanntmachung dieses Verhaltens in der Öff entlichkeit mit 70. Vgl. Alföldy: Rolle des Einzelnen (wie Anm. 2), S. 39; Bütler: Geistige Welt (wie Anm. 18), S. 54. 71. Plin. ep. 4,23,3. Vgl. hierzu auch andere Formulierungen: „[…] sobald sich eine Gelegenheit ergibt […]“ (1,9,7), „Der Nutzen für meine Freunde und die Rücksicht auf mein Alter lassen mich jedoch noch bleiben und halten mich zurück […]“ (2,14,14), „[…] sobald nur mein Alter erlaubt, zum Rückzug zu blasen.“ (3,1,11), „[…] denn auch er [Vestricius Spurinna] hat, solange es ehrenvoll geschehen konnte, seine Pfl ichten erfüllt, seine Ämter ausgeübt, seine Provinzen geführt und durch viel Arbeit sich diese Ruhe verdient.“ (3,1,12). 72. Damit soll nicht die alte philologische Position aufgegriff en werden, bei der das Briefcorpus für den egozentrischen Senator Plinius nur ein Mittel zum Zweck auf dem Weg zu dessen (literarischer) Unsterblichkeit darstellt. Es soll vielmehr festgehalten werden, dass Plinius mit seiner Briefsammlung ein äußerst vielschichtiges Werk geschaff en hat, welches man eben unter verschiedenen Aspekten betrachten kann. Zu Verzerrungen, wie beispielsweise in Anm. 5 dargestellt, kommt es aber nur dann, wenn ein Aspekt völlig isoliert von den anderen betrachtet wird. 73. Vgl. Ludolph: Epistolographie und Selbstdarstellung (wie Anm. 5), S. 113 und 204; Leach: Otium as luxuria (wie Anm. 27), S. 156. 74. Begreift man das Briefcorpus des Plinius als ein reines Selbstdarstellungsmittel, so ist nun leicht nachvollziehbar, dass zahlreiche Darstellungen zu Plinius diesen als manipulativ, falsch und unehrlich darstellen. Vgl. beispielhaft: Offermann: Plinius naiv (wie Anm. 5), S. 127ff .; Ders.: Off enheit oder Maskierung (wie Anm. 67), passim; Ludolph: Epistolographie und Selbstdarstellung (wie Anm. 5), passim aber bes. S. 36, 56 und 91). Dabei bekennt Plinius selbst: „[…] es sei mit meinem Charakter unvereinbar, öff entlich so und insgeheim anders zu handeln.“ (Plin. ep. 5,1,3). Vgl. Strobel: Plinius und Domitian (wie Anm. 27), S. 312 (innere Emigration); Stein-Hölkeskamp: Lebensziele (wie Anm. 10), S. 319. Sven Page Literarische Kommunikation und politische Existenz – Plinius der Jüngere und die römische Aristokratie 54 Hilfe der Publikation seiner Briefe eröff nete dann zugleich auch eine Möglichkeit des dignitas-Erwerbs für ihn. Ich fasse am Ende die wesentlichen Elemente noch einmal zusammen: 1. Die römische Gesellschaft und insbesondere die Aristokratie war eine auf Leistung und Erfolg ausgerichtete Gesellschaft, deren Mitglieder sich auch in der Kaiserzeit einer ständigen Bewährung aussetzen mussten und sich nicht auf bereits erworbenen Ehrungen ausruhen konnten.75 Der Zwang zur Leistung und zum Erfolg war dabei, wollte man seine soziale Position halten oder ausbauen, untrennbar an politische Ämter gekoppelt. Eine ausschließliche oder auch nur primäre literarische Tätigkeit führte nicht zum gleichen Ergebnis.76 2. Das Erreichen politischer Ämter war neben der individuellen Befähigung im Besonderen an persönliche Beziehungen geknüpft, die der einzelne Senator zu höherund niedrigerstehenden Aristokraten unterhielt. Mit Hilfe seines sozialen Netzwerkes, das seinen Ausdruck in erster Linie durch eine literarische Kommunikation innerhalb der römischen Oberschicht erfuhr, defi nierte sich der römische Senator als ein Machtpolitiker im Weberschen Sinne. 3. Der Einsatz der Literatur nahm bei Plinius dem Jüngeren und seinen Zeitgenossen umfangreiche Ausmaße an, blieb dabei aber immer auf ein konkretes Publikum und einen konkreten Anlass bezogen. Die senatorischen Amtsträger waren hierbei dazu in der Lage, Literatur, je nach Bedarf, sowohl für die Beeinfl ussung der kurzund mittelfristigen Politik als auch für längerfristige Interessen einzusetzen. 4. Das vermeintliche Desinteresse der aristokratischen Führungsschicht an der Politik sowie das mutmaßlich als Alternative gewählte Streben nach literarischer Unsterblichkeit im otium beruhen auf einem Trugschluss: otium und negotium sind nicht getrennt voneinander zu betrachten, sondern bilden eine gedankliche und lebenspraktische Einheit.77 Nur in der Verbindung dieser beiden Lebenshälften ist der senatorische Habitus in seiner ganzen Komplexität erfahrund begreifbar. 75. Vgl. beispielhaft hierfür: Bütler: Geistige Welt (wie Anm. 18), S. 55; Christes: Bildung (wie Anm. 13), S. 231 oder auch Halfmann: Monarchie und Aristokratie (wie Anm. 18), S. 236. Christiane Kunst hat mich dankenswerterweise darauf aufmerksam gemacht, dass der Begriff der Leistungsgesellschaft doch zu stark mit modernen Konnotationen belegt ist. Ich verwende ihn daher an dieser Stelle bewusst nicht. Unabhängig von der Problematik der genauen begriffl ichen Rahmung des sozialen Mechanismus bleibt die Ausrichtung auf die Leistung und den sich in Ruhm niederschlagenden Erfolg in allen Bereichen der (republikanischen wie kaiserzeitlichen) aristokratischen Existenz lebensbestimmend. 76. Vgl. Alföldy: Rolle des Einzelnen (wie Anm. 2), S. 41. 77. Vgl. Riggsby: Self and community (wie Anm. 38), S. 80 (etwas allgemeiner: S. 83); Leppin: Die Laus Pisonis (wie Anm. 10), S. 227; dagegen argumentiert: Leach: Otium as luxuria (wie Anm. 27), S. 148, die otium und negotium als zwei strikt voneinander zu trennende Bereiche ansieht. POTESTAS. Revista del Grupo Europeo de Investigación Histórica, No 2 2009 ISSN: 1888-9867 - pp. 37-56 55 5. Die Lebenswelt des römischen Senators war nicht gleichmäßig in zwei Hälften aufgeteilt, vielmehr nahm das negotium eine Vorrangstellung gegenüber dem otium ein.78 Die Politik kam immer noch vor der Literatur. Letztere war Mittel zum Zweck für die Erstgenannte, sowohl zur Beeinfl ussung der Machtverteilung im negotium, als auch zum Erwerb von Ruhm und exempla im otium.79 Literarische Kommunikation stellte ein geeignetes Mittel dar, um in der Politik und Gesellschaft aktiv zu sein und Einfl uss nehmen zu können. Literatur war aber eben nur ein Bewährungsfeld der kaiserzeitlichen Aristokratie.80 Politik und Militär waren weiterhin die klassischen Felder um dignitas zu erwerben, und dorthin strebten auch all jene, welche den sozialen Aufstieg erfolgreich praktizierten – sie suchten keinen Ruhm der literarischen, sondern der politischen und militärischen Art.81 Allerdings hatten sich mit dem Ende der Republik die Rahmenbedingungen für diesen Erwerb verändert. Leistung, die Grundvoraussetzung für jede Erlangung von Ruhm, wurde nunmehr für den Kaiser aufgebracht.82 Dienst für den Kaiser hieß aber, die Aufgaben in der Reichsund Provinzialverwaltung besonders gewissenhaft und diszipliniert zu erfüllen.83 Politische Abenteurer 78. Vgl. Auhagen, Ulrike: Luxus und Gloria. Plinius‘ Hendecasyllabi (Epist. 4,14; 5,3 und 7,4) – In: Castagna, Luigi / Lefèvre, Eckhard (Hrsg.): Plinius der Jüngere und seine Zeit (= Beiträge zur Altertumskunde, Bd. 187), Leipzig, 2003, S. 3 – 13, hier: S. 6; indirekt: SteinHölkeskamp: Lebensziele (wie Anm. 10), S. 329. 79. Gegensätzlich argumentiert Lefèvre: Plinius Studien (wie Anm. 27), S. 256, der die Verpfl ichtungen des negotium geradezu als Hindernis für die geistige Inspiration im otium ansieht. 80. Vgl. Radicke: Selbstdarstellung (wie Anm. 18), S. 454; vgl. in einem ersten Schritt auch: Stein-Hölkeskamp: Lebensziele (wie Anm. 10), S. 331. Christes hält in seiner ausführlichen Studie zur antiken Bildung (in welcher die römische Kaiserzeit nur mit einem vergleichsweise kleinen ausblickartigen Kapitel behandelt wird) fest, dass Bildung in der Kaiserzeit zu einem mitbestimmenden Faktor geworden ist (Christes: Bildung (wie Anm. 13), S. 236). Dagegen argumentieren jedoch: Pausch: Biographie (wie Anm. 2), S. 11; Ludolph: Epistolographie und Selbstdarstellung (wie Anm. 5), S. 127ff .; Lefèvre: Plinius Studien (wie Anm. 27), S. 252; Leppin: Die Laus Pisonis (wie Anm. 10), S. 231ff . vertritt die Ansicht, dass Literatur neben Politik und Militär ein aristokratisches Bewährungsfeld darstellt, gesteht dabei aber der Literatur einen deutlichen Vorrang zu; vgl. Flaig: Feindin der Philosophie (wie Anm. 33), S. 125 für weitere, gänzlich andere Felder des Ruhmerwerbs für römische Aristokraten. 81. Vgl. Mratschek-Halfmann: Reichtum (wie Anm. 17), S. 34 und 39; Radicke: Selbstdarstellung (wie Anm. 18), S. 465 verweist zu Recht darauf, dass Plinius seine fehlenden militärischen Leistungen als Mangel empfunden hat. Bei den vermeintlichen fehlenden politischen Leistungen liegt Radicke jedoch meines Erachtens falsch. Vgl. zumindest für das Militär auch: Leppin: Die Laus Pisonis (wie Anm. 10), S. 225 und 228. Unter den Ämtern waren besonders die Statthalterschaften in Provinzen mit mehreren Legionen beliebt. Die Bedeutung des Militärs für den Bereich des negotium betont auch Roller: Dining posture (wie Anm. 64), S. 89. 82. Vgl. Halfmann: Monarchie und Aristokratie (wie Anm. 18), S. 237. 83. Dies entspricht dem Kerngedanken des Patronats: Der Klient (Senator) erfüllt seine Aufgabe besonders gut und dient dadurch dem Patron (Kaiser). Vgl. hierzu: Flaig: Ritualisierte Politik (wie Anm. 28), S. 22; allgemein hierzu: Strobel: Plinius und Domitian (wie Anm. 27), S. 313. Sven Page Literarische Kommunikation und politische Existenz – Plinius der Jüngere und die römische Aristokratie 56 und Einzelgänger wie Marius, Caesar oder der junge Octavian waren im neuen System fehl am Platz. Herausragend zu sein bedeutete für die kaiserzeitliche Aristokratie, mit normalen Mitteln normale Ziele anzustreben und dabei den eigenen Dienst zu perfektionieren.84 Eigene exempla konnte man jetzt durch die Nachahmung bereits erfolgreicher und anerkannter Reichsbeamter erbringen und so der eigenen Unsterblichkeit näher kommen.85 Bei Plinius dem Jüngeren ist dies beispielsweise in der imitatio seines literarischen Vorbildes Cicero oder etwa der Korrespondenz mit Kaiser Trajan deutlich greifbar:86 Plinius strebte die Einzigartigkeit nicht in etwas Neuem an, sondern hielt es ganz so, wie es mehr als 1600 Jahre später Johann Joachim Winckelmann umschrieb: „Der einzige Weg für uns, groß, ja, wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten […].“87 84. Vgl. hierzu grundlegend: Alföldy: Rolle des Einzelnen (wie Anm. 2), S. 22 und 39; Pausch: Biographie (wie Anm. 2), S. 104; Kroll, Wilhelm: Studien zum Verständnis der römischen Literatur. New York u.a. 1978 (11924), S. 139; bereits Andrews: Conformist (wie Anm. 67), S. 149 stellt fest, dass Plinius‘ Neigung zu extravaganten und herausragenden Handlungen nur sehr gering und sein Verhalten allgemein stark vom Hang zur Konformität geprägt ist: „Pliny was dominated by the desire to do what was expected of him in the line of duty; he conformed […] to the expectations of his superiors.“ 85. Vgl. Vogt-Spira: Selbstinszenierung (wie Anm. 10), S. 54; Beutel: Vergangenheit (wie Anm. 5), S. 240; Pausch: Biographie (wie Anm. 2), S. 63f. und 329; Halfmann: Monarchie und Aristokratie (wie Anm. 18), S. 237; Eich: Literatur (wie Anm. 17), S. 239; Peter: Brief (wie Anm. 5), S. 124f.; vgl. auch Radicke: Selbstdarstellung (wie Anm. 18), S. 452, der diesen Aspekt auch im Hinblick auf Plinius den Älteren nachweisen kann und darüber hinaus im Besonderen festhält, dass es eben „keine Schande ist, seinem Onkel [oder allgemeiner: seinem Vorbild] nachzustehen […]“, wenn der Nachgeahmte alle anderen übertriff t. Vgl. auch ebda. S, 456 und 462. 86. Vgl. Manuwald, Gesine: Eine ‚Schule‘ für Novum Comum (Epist. 4,13) – In: Castagna, Luigi / Lefèvre, Eckhard (Hrsg.): Plinius der Jüngere und seine Zeit (= Beiträge zur Altertumskunde, Bd. 187), Leipzig, 2003, S. 203 – 217, hier: S. 205ff .; Eich: Literatur (wie Anm. 17), S. 218; Andrews: Conformist (wie Anm. 67), S. 146f.; Beutel: Vergangenheit (wie Anm. 5), S. 240; Bell: Revision and authenticity (wie Anm. 49), S. 461; Riggsby, Andrew M.: Pliny on Cicero and oratory. Self-fashioning in the public eye – In: AJPh 116 (1995), S. 123 – 135, hier: S. 123; Ders.: Self and community (wie Anm. 38), S. 75; Hanslik: Forschungsbericht (wie Anm. 49), S. 2; Morello: Art of saying nothing (wie Anm. 18), S. 187f. (und S. 204 für die Nachahmung anderer historischer Persönlichkeiten durch Plinius). Morellos Schlussfolgerung kann ich allerdings nicht mehr folgen. Dort argumentiert sie, dass Plinius‘ Nachahmung von Cicero, Plinius dem Älteren oder Tacitus ihm letzten Endes eine Gleichrangigkeit mit den genannten Personen einbringt (vgl. Ebda., S. 208). Ein ähnliches Argument fi ndet sich bei Ludolph: Epistolographie und Selbstdarstellung (wie Anm. 5), z.B. S. 107 und 196. Plinius selbst betont jedoch immer wieder, dass er seine großen Vorbilder nur nachahmen will (vgl. beispielhaft. Plin. ep. 1,2) und dies scheint mir mehr als eine Bescheidenheitsfl oskel zu sein. Vgl. hierzu auch: Hammond: View on government (wie Anm. 18), S. 140; auch Krasser: Bewunderung (wie Anm. 5), S. 69 hält fest, dass es Plinius‘ feste Ansicht sei, dass man „ihn [Cicero] allenfalls partiell nachahmen und lediglich in einzelnen Aspekten mit ihm konkurrieren [könne].“ 87. Winckelmann, Johann Joachim: Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst, Herausgegeben von Ludwig Uhling, Stuttgart, 2007, S. 4. POTESTAS. Revista del Grupo Europeo de Investigación Histórica, No 2 2009 ISSN: 1888-9867 - pp. 37-56