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Erasmus-Erfahrungsberichte. Eine textlinguistische Analyse mit Anmerkungen für den DaF-Unterricht

Bies, Andrea

Abstract

In this article exchange student testimonials (Erasmus Programme) are examined as text types. In this context function, structure, topics and selected linguistic features of the texts are focused. Analysis shows that the majority of the examined exchange student testimonials demonstrate many common features with advice giving texts. Regarding content, culture comparing topics are found as characteristic elements, and on the linguistic level, a frequent occurrence of elements of conceptual orality. These texts can therefore become relevant authentic teaching materials, as they are able to enhance knowledge of everyday language use and intercultural skills. Thus, the article concludes with didactic notes.

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Linguistik online 91, 4/18 − http://dx.doi.org/10.13092/lo.91.4395 CC by 3.0 Erasmus-Erfahrungsberichte. Eine textlinguistische Analyse mit didaktischen Anmerkungen für den DaF-Unterricht Andrea Bies (Granada) Abstract In this article exchange student testimonials (Erasmus Programme) are examined as text types. In this context function, structure, topics and selected linguistic features of the texts are focused. Analysis shows that the majority of the examined exchange student testimonials demonstrate many common features with advice giving texts. Regarding content, culture comparing topics are found as characteristic elements, and on the linguistic level, a frequent occurrence of elements of conceptual orality. These texts can therefore become relevant authentic teaching materials, as they are able to enhance knowledge of everyday language use and intercultural skills. Thus, the article concludes with didactic notes. 1 Einleitung Im Jahr 2015 nutzten allein in Deutschland rund 38’000 Studierende das Erasmus-Programm, um einen Teil ihres Studiums im Ausland zu verbringen (DAAD 2016: 56). Nach Abschluss des Aufenthalts sind die Studierenden dazu verpflichtet, einen Erfahrungsbericht abzugeben. Diese Erfahrungsberichte stehen dann oftmals (und nach Einverständniserklärung der Verfasser) auf den Webseiten der International Offices der Universitäten zum Download bereit. Es existiert also hier ein öffentlich zugänglicher Fundus von niedergeschriebener Auslandsund Fremdkulturerfahrung, der bislang von der Forschung und Fremdsprachendidaktik nicht genutzt wird. Einzig Müller-Jacquier (2007) widmet sich Texten, welche Auslandsaufenthalte beruflicher oder schulischer Art bewerten, wobei sein Fokus auf der Konstruktion von Fremdheit in diesen Erfahrungsberichten liegt. In diesem Artikel soll der ErasmusErfahrungsbericht als eine spezifische Ausprägung der Textsorte Erfahrungsbericht etabliert und beschrieben werden. Bisher wurden Erfahrungsberichte als Textsorte noch nicht analysiert. Rolf (1993: 185) listet sie in seiner Sammlung von Textsorten auf, jedoch trifft seine kurze Beschreibung auf Erasmus-Erfahrungsberichte nicht zu, wenn er sie assertiven Texten zuordnet, die sich nicht durch „auf eine vom Textproduzenten zumindest ,mitgemachte‘ Veranstaltung, sondern bloß von außen, in der Rolle eines Beobachters wahrgenommene Ereignisse und Handlungen anderer“ auszeichnen. In einer Fußnote zur Textsorte Erfahrungsbericht bestätigt er dies nochmals, indem er sie als „nicht (primär) auf eine eigene Tätigkeit bezogen, sondern mehr auf das, was dem Textproduzenten zugestoßen ist“ (ibd.) beschreibt. Dies mag für Erfahrungsberichte im medizinischen Bereich vielleicht zutreffen (bspw. Erfah- Linguistik online 91, 4/18 ISSN 1615-3014 42 rungsberichte über eine Therapie), aber nicht für einen Auslandsaufenthalt, dem man nicht beobachtend beiwohnen kann, sondern den man selbst aktiv unternimmt. Es liegt somit auf der Hand, dass eine Textsorte je nach kommunikativer Situation ganz eigene Ausprägungen erhält. Und Erasmus-Berichte stellen nicht die einzigen Erfahrungsberichte aus der Fremde dar. Man denke an Mobilitätsprogramme für Praktikanten, Professoren, Lehrer, Doktoranden, Famulanten etc. Die Eingrenzung auf das Mobilitätsprogramm Erasmus homogenisiert die Autorenund Zielgruppe in großem Maße, sodass hier Erfahrungen von Studenten für Studenten präsentiert werden, die etwa gleich alt sind und in einer ganz spezifischen Sprache miteinander kommunizieren. So wird hier nicht nur eine erste Analyse der Textsorte Erfahrungsbericht präsentiert, sondern auch ersichtlich, warum die sprachliche und inhaltliche Beschäftigung mit dieser spezifischen Textsorte Erasmus-Erfahrungsbericht im Fremdsprachen-Unterricht äußerst nutzbringend ist: Die Lerner der Fremdsprache, meist selbst Studierende, bekommen einen Einblick in die reale Kommunikation von gleichaltrigen Studierenden in der Zielsprache. Diese können ihnen selbst bei einem Auslandsaufenthalt höchst nützlich sein. Einige didaktische Implikationen runden daher den Beitrag ab. 2 Textsortenanalyse Definiert man mit Brinker (2005: 138, 143) Textsorten als konventionalisierte komplexe Muster sprachlicher Kommunikation, die aufgrund kommunikativer Bedürfnisse entstanden sind, muss bei der Textanalyse die Textfunktion an erster Stelle stehen. Diesem Ansatz folgen auch Fandrych/Thurmair (2011) bei ihrer Textsortenanalyse. Sie betonen, dass die Textfunktion einen wesentlichen Einfluss auf Struktur und sprachliche Ausgestaltung hat (ibd.: 29). Daher ist die Textfunktion in ihrem Analyseraster immer der Ausgangspunkt der Analyse, während sie andere relevante Kriterien induktiv entwickeln (ibd.: 33). Ich folge mit meiner Analyse diesem Ansatz, der zunächst Kommunikationssituation und Textfunktion(en) beschreibt und dann Textstruktur sowie sprachliche und inhaltliche Merkmale. Bei der Auswahl lasse ich mich wie Fandrych/Thurmair (ibd.: 34) von der Relevanz für die Textfunktion ebenso leiten wie von der Frequenz der Befunde. Für die Studie wurden 55 Erasmus-Erfahrungsberichte des Ziellandes Spanien1 gesichtet, die auf den Webseiten von universitären International Offices zur Verfügung stehen und im Zeitraum 2007–2015 verfasst wurden. Der größte Teil stammt von der Universität Halle, weitere Berichte von den Universitäten Göttingen, Bayreuth und Hamburg. Dabei nahmen die Berichte der letztgenannten Universitäten eine Kontrollfunktion ein: Da sich die Studierenden vermutlich in Inhalt und Stil an den Berichten ihrer Vorgänger orientieren, sollte damit ausgeschlossen werden, dass es sich bei den gefundenen Merkmalen um einen universitätsgebundenen Stil handelt. Die Beschränkung auf Spanien (oder ein anderes Zielland) ist sinnvoll, wenn man regionalorientiert DaF unterrichtet (siehe dazu Kapitel 3). Die Erasmus-Berichte sind zum Teil sehr umfangreich und umfassen bis zu 20 Seiten. Für eine repräsentative Analyse ist das Korpus dennoch zu klein, aber es konnten die zentralen Textsortenkonventionen und typischen Merkmale auf einer empirischen Basis herausgearbeitet werden. In einem ersten Schritt wurden dazu alle Berichte auf häufig vorkommende Strukturen untersucht. Dabei wurde recht schnell eine unterschiedliche Gestaltung der Berichte erkennbar. Rund ein Drittel 1 Spanien ist seit vielen Jahren das beliebteste Erasmus-Zielland der deutschen Studierenden (DAAD 2016: 57). Andrea Bies: Erasmus-Erfahrungsberichte ISSN 1615-3014 43 der Berichte besteht vorwiegend aus einer komprimierenden Nacherzählung der Ereignisse (hierbei handelt es sich auch um die kürzesten Berichte, z. T. nur drei Seiten), ein weiteres Drittel ist vorwiegend als Ratgebertext zum Auslandsaufenthalt gestaltet, und das letzte Drittel stellt eine Mischform aus beiden dar. Für die weitere Analyse wurden vor allem die Mischform und die dominierend beratenden Texte genauer in den Blick genommen, da sie mehr gemeinsame Merkmale aufweisen als die dominierend erzählenden Texte. Des Weiteren fanden sich natürlich auch stark abweichende Gestaltungen, die zwar den Gestaltungsspielraum der Textsorte illustrieren, aber für eine Beschreibung typischer Merkmale einer Textsorte nicht dienen können.2 2.1 Kommunikationssituation und Textfunktion Als Bericht gehört die Textsorte Erfahrungsbericht zur Textsortenklasse der Informationstexte (Brinker 2005: 145). Erfahrungsberichte werden in den verschiedensten Bereichen der Alltagswelt verfasst und umfassen damit verschiedene Themen, Inhalte und Gruppenzugehörigkeiten genauso wie unterschiedliche Kommunikationsformen. Da sich diese unterschiedlichen Zugehörigkeiten und Entstehungskontexte auf eine Textsorte stark auswirken (man denke z. B. an Erfahrungsberichte im medizinischen Bereich, in der Ausbildung oder über technische Geräte), kann der Erasmus-Erfahrungsbericht als Textsortenvariante des Erfahrungsberichts klassifiziert werden. Der Kommunikationsbereich von Erasmus-Erfahrungsberichten ist die Hochschule. Die Erfahrung über einen Studien-Auslandsaufenthalt wird von Absolventen verschriftlicht3 und über die Webseiten der Universitäten öffentlich zugänglich gemacht, wodurch eine öffentliche Kommunikationssituation entsteht. Die Textproduzenten bleiben meist nicht anonym – im Fall der Berichte der Universität Halle sind die Namen der Verfasser immer angegeben, an anderen Hochschulen wie z. B. Hamburg und Bayreuth ist die Angabe des Verfassers nicht immer gegeben.4 Die Textrezipienten sind Studierende, die einen Auslandsaufenthalt absolvieren möchten. Damit werden also hier Texte von Studierenden für Studierende geschrieben, was Auswirkungen auf den Stil der Berichte hat: Die Zugehörigkeit zur gleichen Altersgruppe und zur gleichen Bildungsinstitution begünstigt einen informellen Schreibstil. Die Funktion dieser Berichte wird von den Institutionen selbst beschrieben. So schreibt die Hochschule Halle: „Die Erfahrungsberichte ehemaliger ERASMUS-Studenten liefern Informationen aus erster Hand. Sie bieten die Möglichkeit, wirkliche Insider-Infos bereits vor dem Aufenthalt zu erfahren“ (MLU Halle-Wittenberg s. a.). Auf dem Deckblatt der Berichte wird die Textfunktion Informieren nochmals wiederholt. Diese Funktion wird auch in den Texten selbst häufig von den Textproduzenten thematisiert und um die instruierende Funktion ergänzt: Der Text soll nicht nur informieren, sondern auch helfen und Tipps geben, womit die Textfunktion Instruieren relevant wird. Diese textfunktionsspezifischen Metakommentare 2 Als abweichendes Beispiel sei die Textgestaltung in zwei Abschnitten genannt, welche mit „Dinge, die neu sein werden“ und „Dinge, die du lieben wirst“ betitelt sind und stichwortartig abgehandelt werden. 3 Die Erfahrungsweitergabe kann auch mündlich erfolgen, bspw. im Rahmen von ErasmusInformationsveranstaltungen. Zur mündlichen Weitergabe von Auslandserfahrungen in Unternehmen siehe Hormuth (2009). 4 Die anonyme oder nicht-anonyme Autorenschaft hat Konsequenzen für den Inhalt des Berichts: Die hier gesichteten anonymen Berichte waren auch mit negativen Erfahrungen verbunden und kritischer als die nichtanonymen (vgl. dazu auch Kap. 2.3.4). Linguistik online 91, 4/18 ISSN 1615-3014 44 sind vor allem in der Einleitung und am Ende der Erasmus-Erfahrungsberichte häufig zu finden: 1) Hi, ich bin Fritz und ich freue mich, dass du meinen Erfahrungsbericht liest. Ich hoffe, er hilft dir beim Planen deines Auslandsjahres weiter! 2) Ich hoffe, ich konnte einen kleinen Einblick in mein ERASMUS-Jahr in Spanien geben und vielleicht ist der eine oder andere Tipp hilfreich. Die nächsten Metakommentare beinhalten auch das Handlungsziel der Texte. Die Texte sollen helfen, die Wahl des Studienortes zu erleichtern und Fehler zu verhindern: 3) Er [der Erfahrungsbericht] soll euch lediglich einen Einblick in die Möglichkeiten bieten, die dieser wundervolle Ort für euch bereit hält und euch gleichzeitig die Entscheidung für Spanien und vor allem für Sevilla erleichtern. 4) Vielleicht könnt Ihr dahingehend von meinem Bericht profitieren, indem ihr die von mir gemachten Fehler einfach umgeht. Dass die dominanten Textfunktionen von Erasmus-Erfahrungsberichten Informieren und Instruieren sind, wird auch am institutionell vorgegebenen Gliederungsvorschlag deutlich, der im nächsten Abschnitt behandelt wird. 2.2 Textstruktur Die Struktur der Erfahrungsberichte richtet sich inhaltlich meist nach dem Gliederungsvorschlag, der von der Universität Halle auf dem Deckblatt der Berichte angegeben ist.5 Dieser Gliederungsvorschlag beinhaltet: 1. Formalitäten (vor der Abreise, Einschreibung, Versicherung, Papiere) 2. Unterkunft (Wohnheim oder privat, Preis, Qualität, Tipps) 3. Lehrangebot, Kurswahl, fachliche Betreuung an der Gasthochschule 4. Anerkennung der im Ausland erbrachten Studienleistungen an der LMU 5. Sonstiges: Wertung, Kritik, Schwierigkeiten, Namen und Adressen von wichtigen Ansprechpartnern Nahezu alle gesichteten Berichte modifizieren und/oder erweitern dieses Spektrum jedoch. Die Berichte beginnen mit einer Überschrift, meist Städtenamen, Titeln wie Mein Jahr in (Stadt), dem Namen der Textsorte selbst, Liedzeilen (Sevilla tiene un color especial) oder Mottos (Wenn dir Donosti nicht gefällt, gefällt dir keine Stadt der Welt). Dabei sind die Überschriften graphisch hervorgehoben, manchmal auch ausgefallen gestaltet. Nicht selten werden diese Überschriften von einem Foto begleitet, wie überhaupt Fotos von Landschaften oder Städten in fast allen Berichten und auf mehreren Seiten zu finden sind. Nachfolgend steht meist eine Einleitung. Bei diesen Einleitungstexten kann es sich um verschiedene Texte handeln. Häufig sind Orientierungstexte, wie sie auch in Reiseführern zu finden sind (Fandrych/Thurmair 2011: 55–58). Laut Fandrych/Thurmair (ibd.: 55) beinhalten diese Texte Orientierungswissen über die wesentlichen Merkmale und Attraktionen des Ziel5 Diese optionalen oder obligatorisch vorgegebenen Inhalte für Erasmus-Erfahrungsberichte sind auf allen Webseiten der Universitäten im Bereich Erasmus zu finden. Andrea Bies: Erasmus-Erfahrungsberichte ISSN 1615-3014 45 lands sowie für die Reiseplanung; außerdem sollen sie eine „positive Grundeinstellung“ bezüglich des Reiseziels schaffen, was sie in die Nähe von Werbetexten rückt. In den ErasmusBerichten im Korpus zeigen die Orientierungstexte die gleichen Merkmale. Während einige auch für ihre Stadt „werben“, weisen andere auch Merkmale von Hintergrundtexten (ibd.: 62– 63) auf, die meist historischer Natur sind. Der folgende Ausschnitt ist ein Beispiel für einen werbenden Orientierungstext: 5) Córdoba ist eine wundervolle Stadt, in ihrer Verschlafenheit zauberhaft und voller Kultur. Historisch, geprägt von jüdischer, arabischer und christlicher Geschichte. Die Straßen und Plätze, die kleinen verwinkelten, nachts von warmem Licht erleuchteten Gassen, inspirieren ungemein, um kreativ zu werden. Es ist großartig, einfach ein paar Stunden auf der Corredera in der Sonne zu sitzen, zu zeichnen und einer Gruppe mit Flamenco-Musik zu lauschen. Das nächste Beispiel zeigt die Vermischung von Orientierungstext und historischer Hintergrundinformation: 6) Der zwischen den letzten Ausläufern der Pyrenäen und dem Golf von Biskaya gelegene traditionelle Badeort zählt zwar nur etwa 190.000 Einwohner, gehört aber aufgrund seines kulturellen Reichtums, seiner architektonischen Vielfalt und Naturnähe neben Madrid und Barcelona zu den teuersten Städten Spaniens. Und damit sind wir schon an einem problematischen Punkt angelangt: Gehört San Sebastián überhaupt zu Spanien? San Sebastián befindet sich in der comunidad autónoma „País Vasco“. Das Baskenland ist jedoch nicht nur sozusagen ein Bundesland mit gewissen Sonderrechten, sondern darüber hinaus auch und vor allem eine ganz einzigartige Sprachund Kulturgemeinschaft, welche sich zudem weit in den Süden Frankreichs hinein erstreckt. Nach jahrzehntelanger Unterdrückung durch die faschistische Diktatur General Francos bemühen sich die „spanischen“ Basken seit den 70er Jahren um Rückgewinnung ihrer kulturellen Identität. Sehr häufig dient auch die Angabe von Gründen für ein Erasmus-Jahr und das Procedere bis zur Akzeptanz des Platzes als Einleitungstext. Diese Variante ist in den narrativ gestalteten Berichten die häufigste Art der Einleitung: 7) Ende Januar entschied ich mich, mich für ein Erasmusstipendium zu bewerben und im Ausland zu studieren. Da ich Soziologie und Erziehungswissenschaften im Doppelbachelor studiere, musste ich mich für einen Studiengang entscheiden und da ich für zwei Semester nach Spanien gehen wollte um mein Spanisch aufzufrischen, fiel meine Wahl auf Soziologie. Ich bewarb mich bei meinem Fachkoordinator für ein ganzes Jahr, gab aufgrund des Studienangebotes und des Klimas als erste Wahl die Universitat de València an, [...]. Im März erhielt ich schon die Zusage für València, bei der ich mich bis zum Ende Juni online bewerben musste und angenommen wurde. Nachfolgend stehen organisatorische Aufgaben vor der Abreise (Formalitäten, Versicherung), die Anreise, die Wohnungssuche und die Formalitäten an der Universität am Zielort, häufig wird auch dem Thema Handy und Internet ein eigener Abschnitt gewidmet. Anschließend wird das Thema Freizeit abgehandelt, hier vor allem die Teilthemen Reisen in Spanien und Ausgehen. Hier weicht die Struktur aller Berichte vom Gliederungsvorschlag der Universität Halle ab, welche diese Teilbereiche nicht vorsieht. Unter der Rubrik Sonstiges werden häufig Linguistik online 91, 4/18 ISSN 1615-3014 46 kulturelle Unterschiede angeführt (siehe Kapitel 2.3.4). Das Vergleichen deutscher und spanischer Verhältnisse ist aber auch sonst eine wiederkehrende thematische Konstante in allen Abschnitten der Berichte. Die eben angeführten Abschnitte nehmen in ihrer sprachlichen und inhaltlichen Gestalt eine Mischform aus Orientierungstexten und Ratgebertexten an. Während die Einleitungen Interesse für den Zielort wecken und von ihm überzeugen sollten, dienen diese als Hilfestellung für die Planung des Aufenthalts und den Aufenthalt selbst. Wie Ratgebertexte in Reiseführern sollen sie versuchen, die Leser mit der wichtigsten praktisch relevanten Information zu versorgen und besonders häufig auftretende Fragen und Problemstellungen, die im weitesten Sinne im Zusammenhang mit der Reise auftreten können, zu antizipieren und in realistischer Weise Lösungsvorschläge und Handlungspläne bereitzustellen. (Fandrych/Thurmair 2011: 63) Anders jedoch als Ratgebertexte in Reiseführern, die laut Fandrych/Thurmair (ibd.: 64) durch ihren unpersönlichen Stil an Instruktionstexte erinnern, richten sich die Ratgebertexte in den Erasmus-Erfahrungsberichten direkt an den Leser. Dabei sind sie mit eigenen Erfahrungen verknüpft. Dadurch kommt es zu einer ganz spezifischen Kombination der Vertextungsstrategien: Narration (8) oder Deskription (9) zur Wiedergabe eigener Erfahrung und Instruktion für Empfehlungen an den Rezipienten: 8) Für die Bewerbung schaute ich einfach auf der Internetseite meiner Fakultät nach was alles einzureichen war. Ich empfehle euch dies frühzeitig zu erledigen, da der Bewerbung Fristen gesetzt sind. 9) Die Mieten sind meist sehr günstig. Eine Wohnung in Meergegend würde ich nicht empfehlen. Am Ende der Berichte stehen häufig Wünsche und Empfehlungen, die mit Appellen (10, 11) sowie abschließenden Bewertungen des Aufenthalts verbunden sein können (12, 13): 10) Ich wünsche dir alles, alles gute für deinen Auslandsaufenthalt. Mach dir nicht so einen Kopf bei der anfänglichen Überforderung. [...] Für mich war die Zeit einer der schönsten in meinem Leben. Das wünsche ich dir auch! 11) Ich rate jedem, diese Möglichkeit zu nutzen. Sei es in Cáceres oder sei es in einer anderen Stadt. NUR MACH ES!!!! 12) Aber alles in allem was es eine tolle und erfahrungsreiche Zeit, die ich nur jedem empfehlen kann! 13) Als Fazit aus meiner Zeit in Vigo kann ich nur sagen, dass es eine geniale Zeit war die ich um nichts missen möchte und ich auch jedem empfehlen kann ein oder besser zwei Semester in Vigo zu studieren. Sehr zahlreich stehen am Ende der Berichte auch Bemerkungen zur Persönlichkeitsentwicklung, wobei hier meist die Bereiche Gelassenheit und Flexibilität (14) sowie Perspektivenerweiterung (15) durch den Aufenthalt eine Rolle spielen: 14) Auch persönlich hat mich das Auslandssemester deutlich weitergebracht. Ich bin deutlich flexibler und bei Dingen, die nicht zu ändern sind, gelassener geworden. Andrea Bies: Erasmus-Erfahrungsberichte ISSN 1615-3014 47 15) Abschließend kann ich sagen, dass dieses Auslandssemester es mir ermöglichte mich persönlich weiter zu entwickeln und eine andere Sichtweise auf Deutschland bzw. Europa einzunehmen. Resümierend kann über die Textstruktur gesagt werden, dass die Studierenden sich in hohem Maße inhaltlich an die vorgegebene Gliederung halten, sie aber durch Vorbemerkungen, Einleitungen und die Themen Beschreibung der Stadt, Reisen in Spanien und Ausgehen sowie ein Resümee, das kulturelle Unterschiede thematisiert, erweitern. In einigen Texten finden sich außerdem Metakommentare zur Textsorte, die sich auf Unsicherheit über die Realisierung der Textsorte (16) oder auf vom Textproduzenten als abweichend von der Textsortenkonvention empfundene Aussagen beziehen (17 und 18): 16) Hier kommt also mein Erfahrungsbericht. Aber wo soll ich anfangen? 17) Zum Abschluss kann ich es mir nicht verkneifen, einige persönliche Empfindungen wiederzugeben, welche auf die Besonderheit des Ortes zurückzuführen sind. 18) Ich möchte in meinem Erfahrungsbericht nicht zu sehr mit Organisatorischem langweilen, sondern nur einige Infos geben, über die ich mich vielleicht im Vorfeld gefreut hätte. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass vereinzelte Erfahrungsberichte erheblich von dem hier dargestellten Muster abweichen, da sie durchgehend narrativ gestaltet sind. Der ErasmusAufenthalt wird als Abenteuerreise inszeniert, der eher einem Reisebericht zuzuordnen ist, wie Beispiel (19) zeigt: 19) Am 12. Februar 2014 ging für mich mein Abenteuer, morgens früh am Flughafen in Düsseldorf, los. Ganz nach spanischer Art und nur halb durchgeplant bin ich nachmittags gelandet. Zuvor hatte ich mir bereits im Internet, mit Hilfe einer Facebook-Gruppe, eine Wohnung gesucht, mir jedoch nur die Adresse aufgeschrieben und wusste nun nicht so recht, wie ich dort hinkommen kann. Mit meinem, anfangs noch sehr gebrochenem Schulspanisch, hab ich mich dann am Flughafen durchgefragt und niemand konnte mir mit der Adresse weiterhelfen. Diese von der Mehrheit abweichenden Texte illustrieren, dass die Textsorte ErasmusErfahrungsbericht einen großen Gestaltungsraum aufweist, da abweichende Vertextungsstrategien nicht sanktioniert werden. 2.3 Sprachliche Merkmale Im Folgenden werden diejenigen sprachlichen Merkmale aufgeführt, die durch ihre Frequenz auffallen, und die somit als textsortenspezifisch und textsortenfunktional einzustufen sind (Fandrych/Thurmair 2011). Vorweg sei gesagt, dass die Texte in großem Maße Merkmale „konzeptioneller Mündlichkeit“ (Koch/Oesterreicher 1985) aufweisen, von denen viele auch im „Parlando“-Konzept von Sieber (1998) beschrieben werden6. Laut Sieber (ibd.: 51–52) zeichnen sich Parlando-Texte u. a. durch folgende Merkmalbündel aus: Unachtsamkeit ge6 Mit dem Terminus „Parlando“ bezeichnet Sieber (1998: 51) „eine bestimmte Art textueller Oberfläche, die sich sowohl in der Wortwahl und auch in der Syntax wie auch in der Textstruktur stark an einer fiktiven Redesituation zu orientieren scheint“. Zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden mit dem Konzept der „konzeptionellen Mündlichkeit“ von Koch/Oesterreicher siehe Dürscheid (2011). Linguistik online 91, 4/18 ISSN 1615-3014 48 genüber korrekter Orthographie und Interpunktion7; Orientierung an einem allgemeinen Wortschatz, aber auch Fachwortschatz und fremdsprachliche Lexeme; direkte Ansprache des Lesers, Teilhabe an seinen Gedankengängen; Darstellung eigener Sichtweisen und Standpunkte; möglichst viele Aspekte statt Vertiefung. Im folgenden Abschnitt werden diese Elemente von Parlando und konzeptioneller Mündlichkeit vorgestellt. 2.3.1 Verwendung von nähesprachlichen Formen Unter diesem Abschnitt möchte ich alle Phänomene zusammenfassen, die der Informalität der Texte Ausdruck verleihen. Dabei handelt es sich um Anredeformen, die Verwendung von Emoticons, Umgangssprache sowie grammatikalische und syntaktische Phänomene. In allen Erfahrungsberichten meines Korpus wird ausnahmslos die Anrede du/ihr verwendet: 20) In der Nähe des Paseos ist auch der ERASMUS-Club La Classica zu finden, in welchem du immer freien Eintritt hast. 21) Um an die Uni zu kommen, müsst ihr mit dem Bus fahren, da sie etwas außerhalb der Stadt liegt. Diese nähesprachliche Anrede ist auf die schon erwähnte gemeinsame Gruppenzugehörigkeit von Textproduzent und Textrezipient als Studierende zurückzuführen. Diese Gemeinsamkeit führt auch manchmal dazu, dass der Leser direkt angesprochen wird: 22) Hi, ich bin Fritz und ich freue mich, dass du meinen Erfahrungsbericht liest. 23) So, so - es soll also nun auch für dich nach Spanien gehen? 24) Du hast dich also entschieden ein Auslandssemester zu machen - Es folgt die große Frage: „Wohin?“ Als nähesprachliche Form wird hier auch die Verwendung von Emoticons8 aufgeführt, die man sonst nur in privater oder informeller Kommunikation wie Emails, SMS, Online-Foren und Chats erwarten würde. Die Emoticons dienen in vielen Fällen der Klarstellung des Aussagegehalts der Sätze. Diese Funktion taucht besonders bei ironischen (25), humorvollen (26) oder übertreibenden (27) Sätzen auf, die missverstanden werden könnten: 25) Fragt einfach dort nach und man wird euch (wenn ihr Glück mit eurem/er Bearbeiter/in habt...) helfen. ;) 26) Oben links erstmal auf Englisch umstellen (das hilft im Nachhinein übrigens nicht, es bleibt fast alles trotzdem auf Spanisch ^^) 27) Aber Vorsicht! Madrid hat magische Kräfte! Du wirst dich in diese Stadt höchstwahrscheinlich sofort verlieben und sie wird dich in ihren Bann ziehenJ In den nächsten Beispielen handelt es sich um eine unterstützende Motivierung: 28) Aber das ist alles zu schaffenJ 7 Da diese Fehler auch in den hier zitierten Beispielen sehr zahlreich sind, wurde für eine bessere Lesbarkeit auf deren Markierung verzichtet. 8 Je nach Textverarbeitungsprogramm erscheinen die Emoticons als Smileys oder Zeichenfolge. Sie werden hier so wiedergegeben, wie sie in den Berichten erscheinen. Andrea Bies: Erasmus-Erfahrungsberichte ISSN 1615-3014 49 29) Damit hast du wohl eine der besten Entscheidungen deines Lebens getroffenJ Auch Wünsche werden mit dem Smiley verstärkt: 30) Viel Glück dabeiJ 31) Also viel Spaß bei eurem eigenen AbenteuerJ Positive Folgen von Handlungsempfehlungen werden ebenfalls mit dem Smiley intensiviert: 32) Ich würde euch empfehlen, euch so schnell wie möglich Gedanken über euer Abreisedatum zu machen. Je eher ihr bucht, um so mehr spart ihrJ 33) Weiterhin habt ihr somit immer einen Ansprechpartner und eine Art Ersatzfamilie in SpanienJ Auch die Lexik der Texte ist stark von der gemeinsamen Gruppenzugehörigkeit geprägt. So finden sich viele umgangssprachliche Lexeme, die laut Fandrych/Thurmair (2011: 299) dem Ausdruck von Informalität, Lockerheit und Sprachwitz dienen sollen. In diesem Bereich dürften vor allem die umgangssprachlichen Ausdrücke des Universitätsalltags für DaF-Lerner mit Studienziel Deutschland von Interesse sein – schließlich sind diese Lexeme Bestandteil des realen Sprachgebrauchs von Studierenden. Gerade sie im DaF-Unterricht zu thematisieren, trägt zur kommunikativen Kompetenz für einen Studienaufenthalt in Deutschland bei. Folgende alltagssprachliche Wörter aus dem Kontext des Universitätsalltags tauchen in den Texten auf: Formalkram, den ganzen Kram und Papierkram für ,Formalitäten’, das Ding (meist auf ,Antrag’ bezogen), Bafög-Leute (,Bafög-Bezieher’), abhaken (,erledigen’), Unizeug (,Hausaufgaben’), Erstie9 (,Student im ersten Semester’), sich reinhängen (,sich Mühe geben’). In den Bereich des Universitätsalltags fallen auch Abkürzungen wie Uni für ,Universität’, Prof für ,Professor’ und Immabescheinigung für ,Immatrikulationsbescheinigung’. Die folgenden Lexeme sind der allgemeinen Umgangssprache von Studierenden zuzuordnen: funzen (,funktionieren’), hinbekommen (,schaffen’), Euronen (,Euro’), zugespammt werden (,Spam-Emails erhalten’), rennen (,gehen’), Perso (,Personalausweis’), Zeugs (,Sachen’), Zweck-WG (,Wohngemeinschaft ohne geteiltes Sozialleben’), WG-Casting (,Vorstellung bei einer WG’), ein absolutes No-Go (,Tabu’), klarkommen (,gut zurechtkommen’), quatschen (,reden’), kein großer Akt (,kein großer Aufwand’), vortrinken und vorglühen (,vor dem Ausgehen Alkohol trinken’), cool (je nach Kontext: ,gelassen’, ,in Ordnung’), ordentlich reinhauen (,Alkoholkonsum, der stark zu Kopfe steigt’), trinkfest (,viel Alkohol vertragen’), LiveSchuppen (,Lokal mit Live-Musik’), krass (je nach Kontext ,extrem gut’ oder ,extrem schlecht’), abhängen (,nichts tun’), einen Bus schnappen (,in einen Bus steigen’), verschlafen (,verpassen’), ab vom Schuss liegen (,sich nicht im Zentrum befinden’), versacken (,an einem Ort hängenbleiben’), nur einen Katzensprung entfernt (,nahe’), für normal Sterbliche (,für normale Leute’), abklappern (,Orte der Reihe nach aufsuchen’), abzocken (,ausnehmen’), verkneifen (,sich eine Äußerung verbieten’), keinen blassen Schimmer haben (,etwas nicht wissen’), kriegen (,bekommen’), aufgeschmissen sein (,sich in einer schwierigen Lage befin9 Diese Form gehört zur i-Ableitung, die laut Betz (2006: 84) Vertraulichkeit suggerieren oder Verachtung implizieren kann. Linguistik online 91, 4/18 ISSN 1615-3014 56 „tatsächlich“ vom deutschen System überzeugter, was er aber als auf einer persönlichen Präferenz („was nicht ganz meinem Geschmack entsprach“) beruhend markiert. In einem weiteren Beispiel kann man ablesen, wie sich der Blick auf das eigene Land und die eigenkulturelle Prägung verändern kann: 87) Viele Dinge, die ich anfangs in Deutschland nicht zu schätzen wusste, fallen mir nun erstaunlich positiv auf. Genannt sei an dieser Stelle die oft so sehr kritisierte Bürokratie. 88) In Spanien wird nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Wenn ich eins relativ schnell gelernt habe, dann dass man sich als Deutscher im Vorfeld immer viel zu viele Gedanken macht. Schließlich seien noch die oft thematisierten Sprachprobleme erwähnt, die sich einerseits auf die noch defizitären Sprachkenntnisse der Studierenden, andererseits auf den realen Sprachgebrauch sowie die Konfrontation mit Dialekten zurückführen lassen: 89) Mit der Sprache generell ist es anfangs die totale Katastrophe und selbst wenn man schon relativ gut und viel Spanisch kann, versteht man so gut wie nix. Der Dialekt ist wirklich extrem und auch die meisten Professoren in der Uni sprechen so wie die Menschen auf der Straße, wobei man ja eher vermutet, dass da etwas besseres Spanisch gesprochen wird. Sehr selten werden negative Resümees gezogen. Entweder widerspricht dies den Konventionen der Textsorte, oder die Erfahrungen sind letztendlich fast immer positiv. Vielleicht ist es auch das mit einer negativen Darstellung verbundene Eingestehen des Scheiterns, das zu rundweg positiven Bewertungen führt. Zwei seltene Beispiele für ein negatives Resümee seien hier vorgestellt: 90) Als Fazit muss ich leider sagen, dass ich einen Erasmus-Aufenthalt nicht weiterempfehlen kann und würde. Ich hab mir von den 5 Monaten einfach viel mehr versprochen, sowohl was die Sprache angeht wie auch Land & Leute. Ich muss nach der Zeit sagen, dass ich total enttäuscht bin wie die Spanier sind. Ich habe sie als sehr arrogant, überheblich und eingebildet kennengelernt und es war unmöglich Kontakt zu ihnen zu knüpfen. 91) Das folgende wird vielleicht nicht jeder gerne lesen. Ich selbst habe vor meiner Abfahrt auch solche Erfahrungsberichte gelesen und hätte mich über eine kritischere Darstellung gefreut. Denn wenn man alles nur positiv darstellt, erweckt man falsche Erwartungen. [...] Sowohl über die Universität von Granada als auch über das Erasmus Büro der Universität Hamburg bin ich sehr enttäuscht. Gerade das erste Beispiel ist äußerst interessant für den Fremdsprachen-Unterricht. Anhand der Analyse des kompletten Erfahrungsberichts kann nach Gründen für diese negative Gesamtbewertung gesucht werden (s. Kapitel 3). Das zweite Resümee ist auch als eine Kritik an der Textsorte Erasmus-Erfahrungsbericht zu verstehen, die laut Verfasserin generell zu positiv gestaltet ist und somit falsche Erwartungen weckt. 3 Didaktische Anmerkungen und Fazit Die textlinguistische Analyse hat gezeigt, dass es sich bei Erasmus-Erfahrungsberichten um eine Textsortenvariante von Erfahrungsberichten handelt, die sich vor allem durch die beiden Andrea Bies: Erasmus-Erfahrungsberichte ISSN 1615-3014 57 dominierenden Textfunktionen Informieren und Instruieren auszeichnet. Die Vertextungsstrategie folgt dabei meist dem Doppelschritt Beschreiben und Beraten. Die von der Institution vorgeschlagene Textstruktur wird von den Verfassern modifiziert und vor allem um den Themenbereich Freizeit erweitert. Kulturvergleiche stellen vor allem das Abweichende dar, das als positiv oder negativ erfahren wird. Sprachlich zeichnen sich die Texte durch ein hohes Vorkommen von Ratschlägen aus, für deren Realisierung die Textproduzenten viele verschiedene sprachliche Mittel verwenden. Des Weiteren sind die Texte informell gestaltet und weisen Merkmale von Parlando und konzeptioneller Mündlichkeit auf. Erasmus-Erfahrungsberichte können im DaF-Unterricht unter vielen Aspekten behandelt werden. Sie wurden während der Analyse bereits aufgezeigt und sollen hier nochmals zusammenfassend dargestellt werden. Als erster wichtiger Punkt handelt es sich bei diesen Texten um authentisches Unterrichtsmaterial, das leicht zugänglich und aktualisierbar ist. Zudem kann die Auswahl regionalspezifisch erfolgen und somit den Lernern ein Einblick in die Fremdwahrnehmung des eigenen Landes ermöglicht werden. Hier öffnen sich natürlich auch Möglichkeiten der Thematisierung von Critical Incidents (als kritisch erlebte kulturelle Überschneidungssituationen), die mit Hilfe des Analyse-Rasters LAC analysiert werden können.12 Aus sprachlicher Sicht ist dieses authentische Unterrichtsmaterial überaus relevant und höchst interessant für die Lerner, da es viele Elemente der gesprochenen Sprache des Alltags wie Umgangssprache, Elisionen und Gesprächspartikeln enthält. Hinsichtlich der Frage, wie viel authentische Sprache der DaF-Unterricht verträgt, kann die konzeptuelle Mündlichkeit dieser Texte eine Brückenfunktion einnehmen. Erasmus-Erfahrungsberichte sind authentische Texte mit Elementen gesprochener Alltagssprache, durch ihre Medialität der Schriftlichkeit ist aber ihre Rezeption leichter als bei Audio-Texten, auch wenn diese durch Transkripte verschriftlicht werden.13 Natürlich soll das Hören von authentischem Gesprächsmaterial durch ihre Lektüre nicht ersetzt werden, sondern den ersten Schritt bei einer Hinführung zu realem Sprachgebrauch darstellen. Vor allem der Sprachgebrauch von deutschen Studierenden dürfte für DaF-Lerner mit Studienziel Deutschland von Interesse sein. Hier ist nicht nur an die studentische Alltagssprache, sondern auch das spezifische Vokabular des Universitäts-Bereichs zu denken, das en passant mit diesen Texten gelernt werden kann. Ein Problem soll zuletzt aber nicht unerwähnt bleiben: die häufig in den Texten auftauchenden Orthographieund Interpunktionsfehler. Mit diesem Problem muss sich aber jeder auseinandersetzen, der authentische Alltagstexte im Unterricht verwenden möchte. Ich gehe davon aus, dass die Fehlerquote in Erasmus-Erfahrungsberichten immerhin noch geringer ist als bei privaten Emails, Diskussionsforen oder Chats, die neuerdings ebenso als Materialien im DaFUnterricht dienen sollen.14 Ich schlage vor, diese Fehler vor dem Einsatz im Unterricht zu korrigieren. Das Material bleibt dennoch authentischer als das Schriftdeutsch der Lehrwerke. 12 Zum Analyse-Konzept „Linguistic Awareness of Cultures“ (LAC) siehe Müller-Jaquier (1999: 55–98); zu dessen Spezifizierung für den deutsch-spanischen Kontext siehe Bies (2013). 13 Zur Arbeit mit Transkripten im DaF-Unterrichte siehe Liedke (2013) und Bies (2015). 14 Cf. die Beiträge im Sammelband von Imo/Moraldo (2015). Linguistik online 91, 4/18 ISSN 1615-3014 58 Literatur Betz, Ruth (2006): Gesprochensprachliche Elemente in deutschen Zeitungen. Radolfzell: Verlag für Gesprächsforschung. Bies, Andrea (2013): „Critical Incidents-Analyse“. In: Dalipi, Merlinda (ed.): ¡Preparados para Alemania! Interkulturelle Kompetenz für spanische Studierende in Deutschland. Münster, Waxmann: 71–93. Bies, Andrea (2015): „Erstkontakt: Behandlung einer kommunikativen Gattung im DaFUnterricht anhand von Transkripten“. InfoDaF 6: 629–650. Brinker, Klaus (2005): Linguistische Textanalyse. Eine Einführung in Grundbegriffe und Methoden. 6. Auflage. Berlin: Schmidt. (= Grundlagen der Germanistik 29). DAAD (ed.) (2016): Wissenschaft weltoffen 2016. Daten und Fakten zur Internationalität von Forschung und Studium im Ausland. Bielefeld: Bertelsmann. Duden (ed.) (2016): Die Grammatik. 9. Auflage. Berlin: Dudenverlag. (= Duden 4). Dürscheid, Christa (2011): „Parlando, Mündlichkeit und neue Medien“. Schweizerische Zeitung für Bildungswissenschaften 33/2: 175–190. Fandrych, Christian/Thurmair, Maria (2011): Textsorten im Deutschen. Linguistische Analysen aus sprachdidaktischer Sicht. 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