Zu den Absurditäten der Lesart acceptis prioribus litteris amplius quadraginta mansit im Brief des M. Caelius Rufus vom 20. September50 (Cicero, ad Fam. VIII, 12,4)
Abstract
Böhm, Richard Gregor
Full text
ZU DEN ABSURDITATEN DER LESART ACCEPTIS PRZORZBUS LZTTERZS AMPLZUS QUADRAGZNTA MANSZT IM BRIEF DES M. CAELIUS RUFUS VOM 20. SEPTEMBER 50 (CICER0,AD FAM. VIII, 12,4) Richard Gregor Bohm ZUSAMMENFASSUNG Wenn unter den normalen Bedingungen (= scriptura continua und Abbreviatur) der Uberlieferung gerade lange (und selbstverstandliche) Worter als überliefert angenommen werden sollen, wie z. B. bei QUADRAGINTA. so ist immer Vorsicht und Kontrolle geboten. 4. Conturbat NE mora serui HUIUS qui tibi litteras attulit; nam acceptis PRIORIBUS litteris amplius QUADRAGINTA mansit. Quid tibi scribam nescio. Scis DOMITIO DIEM TUMORAE EST EXPECTO ualde et quam primum uidere cupio. A te peto ut meas iniurias proinde doleas ut me existimas et dolere et ulcisci tuas solere. Aus dem langeren Brief des M. Caelius Rufus an Cicero zitieren wir hier nur den allerletzten (vierten) Abschnitt, und auch damit zitieren wir zu viel, denn nur ein enziger Satz davon wird im Grunde genommen Gegenstand der vorliegenden Abhandlung. Dies geschieht nur deshalb, damit auch der der Sache ferner stehende Leser sieht, dap er nicht, was bei aus dem Text gerissenen einzelnen Aussagen ofter passiert, auf eine falsche Spur geschickt wird. Aber man sieht jetzt, dab auch dieser vierte Abschnitt bei quid tibi scribam nescio ganz anderen Dingen gewidmet ist, so dap wir die ganze zweite Halfte auper acht lassen konnen. Das ist bei dem mit conturbat beginnenden ersten Satz doch anders, denn hier beginnt schon was Thema des zweiten Satzes werden wird. Aber der erste Satz ist -und
das an mehreren Stellenfalsch überliefert und zudem schlecht ediert . In den über fünfhundert Jahren der Erforschung der Korrespondenz Ciceros, die editio princeps stammt namlich aus dem Jahre 1467, ist namlich immer wieder conturbat me mora usw. gelesen warden, aber die einzige Handschrift, der cod. M(ediceus 49,9) hatte bekanntlich NE, und aus einem ausgeschriebenen oder (auf M) abgekürzten me hatte kein geistig gesunder Librarius -das waren in der Regel Berufsschreiberein ausgeschriebenes oder (auf N) abgekürztes ne gemacht. Die auch heute favorisierte Lesart me ist falsch und mup abgelehnt werden. Da wir wissen, was hier gemeint war konnen wir ohne weiteres annehmen, dap das fragliche Wort in der noch intakten Vorlage des cod. M abgekürzt war, und die Abbreviatur war dort wohl noch markiert, aber mipverstandlich, nicht eindeutig. Der Librarius, auf den der Fehler zurückgeht, las N als Abkürzung fur n(e)' und schrieb dann aus, das N war aber fur n(os) zu lesen2. Unser Caelius konnte es sich leisten mit einem Pluralis (modestiae) zu kommen, weil durch das falsche Verhalten des Sklaven in der Rolle eines Briefboten auch andere benachteiligt waren, nicht zuletzt Cicero selbst, denn er bekommt einen nicht unwichtigen Brief dadurch um einiges spater. Der erste Satz ist wie gesagt an mehreren Stellen falsch überliefert, und wir meinen jetzt in dem Wortlaut unserer Editionen den Ausdruck mora serui huius oder (noch besser) serui huius qui tibi litteras attulit. Diese Art entspricht n i c h t dem damaligen Sprachgebrauch und sie dient auch kaum der hier erforderlichen Deutlichkeit oder Unmipverstandlichkeit. Dap der Satz hatte anders, unmipverstandlich lauten müssen, zeigen unsere Übersetzer. H. Kasten (MünZu N = ne s. W. Studemund, Gaii Institutionum commentarii quattuor, Codicis Veronensis denuo collati Apographum, Leipzig 1874,280: NQ = neque; W. M. Lindsay, Notae Latinae, Cambridge 1915,327: N = ne, SIN = sine, PORTION = portione, DOMIN = domine; D. Bains, A Supplementto rNotae Latinaes, Cambridge 1936, 52: N = ne; A. Cappelli, Lexicon abbreviaturarum, Mailand '1961, 232: NC = nec, 235: NGA = negotia, 240: NQ = neque, 34: BN = bene, 355: SN = sine, U. Fr. Kopp, Lexicon Tironianum. Nachdruck aus Kopps apalaeographia critica,, von 1817 mit Nachwort und einem Alphabetum Tironianum von B. Bischoff, Osnabrück 1965, 235: N(e) = ne, 239: N(e)C = nec, N(e)BLa = nebula, 351: SNe = sane, 286: P(e)N(e) = pene. ZU N = nos s. Lindsay, 146, Bains, 26: NT = noster, Cappelli, 434: ANN = annos, 230: N = nos, Kopp, 237: (r)N = noster, 123: EN os = annos.
chen 1959, 1976~) scheint vergessen zu haben, dap litterae fur Brief ein Plurale tantum darstellt, so dap es, wenn nichts weiter gesagt worden ist, nur fur e i n e n Brief stehen kann, kann erstaunlicherweise übersetzen tcMich beunruhigt die Bummelei dieses Sklaven, der Dir d i e B r i e fe bringt,). Das wird (oder war) auch in der Ausgabe von L.-A. Constans und J. Bayet (Paris 1962~) um nichts besser: <<Je suis trb fiiché du retard de l'esclave qui t'apporte les lettresn. Das wird bei D. R. Shackleton Bailey Cambridge 1977) in einer Hinsicht besser, denn Sh. Bailey übersetzt (in der Reihe Penguin Books 1978) t<I am much put out by the delay of this slave who is bringing you my 1 e t t e r>>, aber sein lateinischer Text liegt dann fa 1 s c h. Dabei nehmen wir Sh. Bailey natürlich nicht übel, dap er dort so ein ccmy, letter nicht hat, sondern weil man bei seinem Text nicht weip, un wessen Brief, um welchen Brief es da geht. Ganz egal ist das -was den Sprachgebrauch anbelangtleider nicht, und zwar aus ganz wichtigen Gründen. Der Sklave, der hier den Postboten spielt, kommt namlich aus dem Haushalt des Cicero. Er macht sich grundsatzlich nur deshalb auf den Weg zu seinem Herrn im Nahen Osten, weil aus dem Hause des Cicero ein Brief an Cicero zu befordern war. Caelius' Brief war dann im besten Fall nur der zweite Brief. Wir sagen im besten Fall, denn Cicero ist auf dem Heimweg und alle, die ihm gut gesonnen waren, hatten die Pflicht, ihm eine gute Fahrt zu wünschen, ihm obuiam ireper litteras (und auf dem Boden Italiens auch personlich). Diese Pflicht hatte auch seine erwachsene Tochter Tullia empfunden und wohl auch schon der künftige Brautigam: P. Cornelius Dolabella. Der Briefbote hatte also wohl eine ganze Menge Briefe zu schleppen, und Caelius, der über ein besseres Latinum verfügt als Kasten, hatte hier auf epistulm umsteigen müssen, damit der Plural richtig zum Ausdruck kommt. Meint er -Caeliusnur e i n e n Brief und dann natürlich den seinen, dann mupte er (nicht nur wegen des Plurale tantum litteras) unbedingt prazisieren. Auf der anderen Seite mufite Caelius auch bei dem Wort seruus prazisieren, einfach weil das so üblich war. Cicero selbst wird in einer vergleichbaren Situation entweder 2.B. Acastus sagen oder seruus meus3. Nennt Caelius also den Sklaven nicht bei dessen Namen, Vgl. dazu Cicero, ad Fam. XIV,5,1 de naue exeuntibus nobis Acastus cum litteris praesto fuit; V,20,2,10 accepi librum a meo semo scriba; ad Att. VI,9,1,2 accepi ab Acasto seruo meo statim tuas litteras.
dann konnen wir sicher sein, dap dieser vom Standpunkt des Caelius hier eben tuus war. Wir erwarten also has.. . litteras und auf der anderen Seite serui tui. Aber der cod. M(ediceus 49,9) hat das unerwartete und beinah zu nichts passende HUIUS. Fur uns ein Produkt arger Verlesung oder eine miserable Konjektur eines überforderten Librarius. Die noch intakte Vorlage hatte hier wohl TU1 und HAS, aber in scriptura continua: TUIHAS, aus dem ex coniectura HUIUS wurde, aber bei ausgeschriebenen Wortern hatte es einen so gropen Fehler nicht gegeben. Has schrieb man unter Stenographen nur mit H(~)s~. Und HS mupte der Librarius fur einen Fehler halten, weil HS eher Abkürzung fur h(uiu)s war5. Man mup also auch damit rechnen, dap das ganze HUIUS auf HS (aber fur h(a)s) zurückgeht. Unsere Lesart: Conturbat ~(OS)~ mora serui tui h(a)s7 qui tibi litteras attulit. Dazu s. Kopp, 162, aber auch H(a)SLis = hastilis, Il(a)SL = Hasdrubal, H(a)Sta = hasta, 247: NSO = Naso, 385: T(a)S = tas, 403: U(a)S = uas, 326: RS = ras, 296: PSFe = Pasiphae, 214: L(a)Ser = laser, 192: ISO. = Iason, 144: FSG um = fastigium, 85: CS. = Cassius. Dazu s. Lindsay, 37: HS = huius, CS = cuius, Bains, 7: CS = cuius, Cappelli, 65: CS = cuius, 157: Hs = huius, 113: E s = eius, 117: E(s)D = eiusdem. Zum Pluralis modestiae bei Caelius s. Caelius bei Cicero, ad Fam. VIII,3,3,2.8 aliquod ad nos (conscribas) ... nos tibi curae esse; VIII,4,3,12 spero te celeriter et de nobis quod sperasti ... auditurum; VIII,8,2,5 nobis patronis; VIII,10,5,4 si hodeste a nobis recusari non poterit; VIII,1,2,11 cum Romae nos essemus; VIII,16,2,3 si aliquid apud te nos.. . ualemus. Zum Ausdruck vgl. Caelius bei Cicero, ad Fam. VIII,2,2,11 (dedi) ei qui has litteras tibi dedit; VIII,4,3,1 has ego tibi litteras eo maiore misi interuallo quod; VIII,7,1,4 breuiores has litteras ... dedi; VIII,9,2,4 has litteras ... dedi; VIII,10.3.1 ego has litteras ... scripsi; VIII,13,2,12 Hortensius, cum has litteras scripsi, animam agebat; VII116,1,3 has ad te ilico litteras scripsi; Cicero, ad Fam. II,6,1,6 cum has quam primum ad te perferri litteras ... uellemus; V,8,5,1 has litteras ... foederis habituras esse uim; VI,12,3,7 nec dubito quin legente te has litteras confecta iam res futura sit; VII,18,3,4 has litteras scripsi in Pomptino; X,18,4,6 diebus VI11 quibus has litteras dabam; X,23,3,9 quem triduo, cum has dabam litteras, exspectabam; XI,20,4,7 ad has litteras statim mihi rescribe; XII,6,1,1 qui status rerum fuerit tum cum has litteras dedi; XII,16,3,1 cum has litteras dabam; XII1,17,2,5 ante has meas litteras; XIII, 17,3,12 si intellexero has litteras tantum ... apud te pondus habuisse; XIII,35, 2,4 ut intellegat has litteras meas magno sibi usui fuisse; XIII,52,8 ut intellegat has sibi litteras plurimum profuisse; XVI,3,1,4 ex quo loco tibi litteras ante dederamus.. . ~nde.. . proficiscentes.. . has litteras dedimus.
In dem zweiten Satz des vierten Abschnittes liest der cod. M. bekanntlich nam acceptis prioribus litteris amplius quadraginta mansit, aber die Editoren hielten diesen Wortlaut wohl von Anfang an fur nicht richtig, aber sie stiepen sich wohl nur an dem Ausdruck amplius quadraginta, so dürfen wir formulieren, weil nichts fur eventuelle Korrekturen an den sonstigen Teilen der ganzen Lesart spricht. Es gab im Laufe der über fiinf Jahrhunderte nur einen Versuch, die ganze Aussage zu sanieren, und dieser war dilettantisch gemacht worden. Nach Cratander (Basileae 1528), dem noch J. G. Baiter (Zürich 1845) folgen wird, mupte Caelius wohl hinter quadraginta ein dies haben, nach J. C. Orelli (Zürich 1829) vor quadraginta. A. S. Wesenberg (Leipzig 1872) wird dann amplius <dies, quadraginta lesen und diese Lesart (auch Wortstellung also) konsequenterweise dem Orelli zuschreiben und diese Konsequenz beobachten wir erfreulicherweise auch in der Ausgabe von H. Moricca (Turin 1949), auch bei W. S. Watt (Oxford 1982), auch bei A. Cavarzere (Brescia 1983), nicht so Sh. Bailey, der g e g e n Cratander liest, ihn aber fur den Urheber der -sowiesofalschen Wortstellung und Lesart halt. Noch anders sieht die Sache jetzt Cavarzere. Er bemüht sich longe lateque nachzuweisen, dap dies hinter quadraginta nicht erst in der Ausgabe von Baiter und dies vor quadraginta sogar schon von der zweiten Hand des cod. Ambr. H 118 inf. hinzugefügt worden war. Doch welchen Sinn soll diese fleipige petitio principii haben? Die fünfzehnhundert Jahre zwischen uns und dem M. Caelius Rufus kann sie um keinen einzigen Tag verkürzen, und e c h t wird keine Lesart oder gar (freche) Texterganzung dadurch, dap sie mittlerweile alt geworden ist. Sie wird hier nicht einmal etwas glaubwürdiger, wenn wir doch sehen, wie dilettantisch hier vorgegangen ist. Wer so ein dies hier fur unentbehrlich und einzig richtig halt mup zuerst sehen, wie er das Wort im Text unterbringt ohne es erst erganzen zu müssen, und dann übrigens nicht einmal v o r, dann wieder hinter quadraginta, denn allein diese Zittrigkeit macht die ganze Sache suspekt. Es kommt hinzu, dap z.B. hinter quadraginta nichts fur einen Ausfall eines dies spricht, hinter amplius müpte man aber eigentlich nicht erganzen, denn amplius liep sich immer auf AMPLI abkürzens und bei US kann man mit gewissem Erfolg fur eine VerleZU den Abkürzungen fur -us s. Studemund, 258f.: B = bus, I = ius, HUI =
sung (ein viel kleinerer Fehler) aus DS fur d(ie)s pladieren9, oder fur eine <<Verbesserung>> ex coniectura. Aber wer einen Text verbessern will, soll das so tun, dap nicht die ganze (philologische) Welt über ihn lacht. Hier ist aber was zum Lachen, nicht nur bei dies, mit dem man nicht weip, wohin, sondern schon bei acceptis prioribus litteris und dann wieder -aber nicht zuletztbei mansit ohne Ortsbezeichnung. Hier fangen wir vielleicht an, denn das mansit ist sozusagen eine tabula rasa unserer Editoren. Kasten, der in entscheidenden Momenten, d.h. wenn er mit seinem lateinischen Text irgendwie nicht fertig werden kann, seinem eigenen Text einfach davonlaufen kann, liest namlich, und das ist fur ihn fast typisch, nur mansit, übersetzen kann er erstaunlicherweise aber richtig <cist er.. . hier gebliebens. Den Franzosen Constans-Bayet papte es offenbar nicht, von einem Deutschen abzuschreiben, also lesen sie mit <cje lui avais remis la premikre i1 y a plus de quarante jours, et i1 part seulernenb ganz falsch. Franzosisch versteht den Satz jetzt, wie nicht anders zu envarten, auch Sh. Bailey: c<After receiving m y earlier letter, he took more than forty days before setting out~, obwohl der Text auch bei ihm und fur ihn . . . amplius . . . mansit hat! Cavarzere war jetzt unsere einzige Hoffnung. Aber die Zeichen fur uns standen schlecht, denn gerade Cavarzere übersetzte schon im ersten Satz al'indugio del10 schiavo che deve recapitarti q u e s t a lettera~, wo doch sein Text fur <<questa)> nichts Gleichwertiges hat! Er wird auch in dem zweiten Satz übersetzen 4nfatti, dopo aver ricevuto la m i a precedente, s'i: fermato per oltre quaranta giorni)). Aber hier stort uns gar nicht mehr das ungerechtfertigte und letzten Endes total falsche ccrnia (lettera)), uns stort das Fehlen von Kastens <<hier>). Fur einen Menschen, der auf Reisen ist oder eine Reise erst unternimmt, stellt sich immer die Frage: wo bleibe ich um zu übernachten. Mansit steht dann, wenn diese Bedeutung des Wortes überhaupt fallig war, neben dem Ort, wo man abstieg. Da das hier zuerst nicht der Fall ist, mufi der ganze Satz wohl falsch sein. Denn wir haben einen huius, M = mus, P = pus, TEMP, U = uus, Lindsay, 381: B = bus, DIEB, T = tus, C = cus, I = ius, usw., Bains, 64: L = lus, D = dus, I = ius, M = mus, Cappelli, 118: EI = eius, 236: NLLI = nullius, A. Felzer, Abréviations latines mkdiévales, LouvainParis '1966, 81: TLLI = Tullius, Kopp, 65: CI(s) = cuius. Zu D = die s. Lindsay, 424: HD = hac die, Cappelli, 86f.: D = die, 158: HD = hac die, Kopp, 90: D(i)es = dies.
Grund, Kasten bei seinem cchier, Recht zu geben. Das fehlende Wort kann man sich an einem andern Ort als unmittelbar v o r mansit gar nicht vorstellen, also hinter QUADRAGINTA, oder noch genauer: dort, wo QUADRAGINTA gelesen wird. Nichts steht uns hier im Wege, oder doch: der Korruptelenkult. Denn nichts vermag z.B. Cavarzere dazu zu bringen, eine wie immer geartete Buchstabengruppe in Zweifel zu ziehen. Denn fur einen Versuch, unmogliche Buchstabengruppen zu sanieren, hat er das Wort ccnormalizzareu, aber ccnormalizzareu -bei M. Celio Rufo!- ist Todsunde. Wir wagen das ccnormalizzare,), aber die Sunde walzen wir naturlich auf die Paradosis ab, auch auf die Editoren und somit auf Cavarzere selbst. Denn zum Edieren gehort ccnormalerweise,) auch etwas vom Nachdenken. Wer kann aber, wenn er etwas mehr als z.B. Cavarzere nachgedacht hat, im Ernst glauben, dap ein Briefbote, auch wenn er nicht gerade Sklave war, sich einen Brief nach A s i e n aushandigen liep, um sich anschliepend in aller Ruhe auf die faule Haut zu legen. Nur Constans-Bayet, nur Sh. Bailey, nur W. S. Watt, nur A. Cavarzere! Wir sprachen zuvor vom Auslachen. Das Lachen verging uns schon. Wir konnen uns doch fur solche Editoren nur noch schamen. Lachen konnten heute nur noch die Librarii, wenn es deren mehrere gab, die eventuell schon in der Zeit vor dem cod. M. QUADRAGINTA gelesen haben. Zumindest einer von ihnen wupte, wie es dazu gekommen ist. Die Vorlage hatte nur QUADDUO und nur INTA, aber alles zusammen in scriptura continua. Der Librarius stand da allein da und niemand konnte ihm helfen. Er zweigte also OINTA ab und las das Gebilde fur -gintu. Dadurch ergab sich ihm quasi von selbst, dap QUADDUO fur QUADRA zu lesen war. Er konnte doch nicht ahnen, dap INTA fur Kastens cchiern also fur int(r)a zu lesen warlO, oder dap das erste D der ganzen Buchstabengruppe fur d(ri)ll zu lesen war. Interpretieren wir richtig, so konnte man hier bereits lesen: nam acceptis.. . litteris amplius quad(ri)duo int(r)a mansit. 'O Zu den Abkürzungen fur -ra, -re, -ri, -ro, -rus. Lindsay, 354: P0 = pro, Ce = cre, P' = pri, Ta = tra, Bains, 58: Ti = tri, Pa = pra, TA = tra, CONTA = contra, TADUNT = tradunt, TANS = trans, Cappelli, 184: INTaT = intrat, 190: ITa = intra, 132: EXTa = extra, 372: TaBS = trabs, Kopp, 376: T(a)GL. = tragula, 215: L(a)T at = latrat, 234: M(i)Ta = mitra. l1 Zu dieser Abkürzungsart s. Kopp, 306: Q(adi)G. = Quadrigarius, Q(adi)Ga = quadriga, Q(ad)F ria = quadrifaria, 307: Q(ade)N um = quadriennium, Q(adf)O is =
Hier konnten wir um die Wette gehen, dap unsere editores gloriosi auch nach hundert Jahren Bedenkzeit auf diese an sich naheliegende Losung nicht hereingefallen waren. Aber noch beschamender ist das Verhalten unserer Herausgeber angesichts der ersteren Halfte des jetzt diskutierten Satzes. Denn in dem acceptisprioribus litteris sahen sie schon immer ein Problem, wenn auch anur>> ein Problem der Interpretation. Der Sklave hatte namlich schon etwas erhalten, was war das und wann hatte er das erhalten? Kasten übersetzt auch in seiner zweiten Auflage (1976) immer noch mach Einhandigung des v o r i g e n Briefes ist er noch mehr als 40 Tage hier gebliebem. Jetzt fragen wir natürlich nach dem vorigen Brief. Fur die Editoren gab es dazu zwei verschiedene Antworten oder Vermutungen. Zunachst, aber in summa eine sehr lange Zeit sah man in den Abschnitten 1-3 des Briefes ad Fam. VIII, 12 diese ratselhaften priores litterae, und obwohl dieser Zustand der Deutung ganze Jahrhunderte lang dauerte, hatte sich jahrhundertelang kein von den ach so bewunderten Editoren gewundert, wie Caelius die Qual des enorm langen Wartens (über 40 Tage) überhaupt ertragen konnte. Und niemand hatte sich von den Herausgebern gefragt, welche Miene der Sklave verzog, als er nach über 40 Tagen wieder bei Caelius erschien, um noch einen Brief zu bekommen, zu denselben Konditionen, versteht sich, d.h. zum Verschlafen, zum Verbummeln, und niemand hatte sich unter den Editoren gefragt, wie der eher rabiate und auf jeden Fall junge und energische Caelius es fertig kriegen konnte, dem Bummler noch einen zweiten Brief einzuhandigen. Im übrigen hat Kasten auch in dem Punkt recht, sozusagen als letzte Konsequenz des Unsinns, wenn er c<der Dir die Briefe bringt~ übersetzt, denn nach der Theorie des Absurden mufite man in der Hand des Sklaven letztendlich zwei Briefe sehen oder nur den Brief ad Fam. VIII, 12 aber dem Sinn des Unsinns nach als zwei Briefe. Inzwischen hatte sich der Sache auch F. W. Sanford (in den University of Nebrasca Studies 11, 1911, 293-342) angenommen, aber der Titel seines Beitrages (c<The Narrative in the Eight Book of the "Gallic War", Chapters 50-55; a Study in Chronology)>) zeigt, dap er n i c h t als Philologe sondern als Historiker agierte. Als solcher durfquadriformls, Q(ad)P. = quadripartitur, 308: Q(ad)R um = quadrirodium, Q(ad)R(is) = quadriremis, Cappelli, 308: QaD'EII = quadriennii, Q"D'Ga = quadriga.
te er sich in puncto Text auf die Editoren verlassen. Aber der Text war falsch und er blieb falsch. Sanford ergab sich, aber das war sein Fehler, dap man in denpriores litterae der Ausgaben unserer Textstelle einen anderen Brief sehen mup, und zwar den Brief ad Fam. VIII, 14. Es ist dann tatsachlich ein anderer Brief und er mag eventuell auch recht haben mit seiner Annahme, dap erfrüher oder unter Umstanden sogar genau um die über 40 Tage früher geschrieben war. Uns interessiert das hier nicht. Denn Sh. Bailey, und auf ihn wollen wir uns wenigstens ein Mal in der Welt verlassen, hatte festgestellt, dap Caelius den Brief Cicero, ad Fam. vzzz, 12,l-3 sozusagen ccauf Vorrat,, oder (<auf Lagern geschrieben hatte, fur den Fall also, dap sich ein Briefbote schon findet, der ihn abholt und dem Cicero nach Ephesus oder schon nach Athen bringt. Wir zitieren wortlich c(Caelius must be supposed to have kept it by him for two or three days before he 'posted' ib. Weiteres zitieren wir nicht, denn da widerspricht sich Sh. Bailey wieder mal. De facto mupte Caelius nicht zwei oder drei Tage auf den Sklaven warten sondern mehr als v i e r Tage. Und die Legende, dap derselbe Briefbote acceptisprioribus litteris n i c h t sofort zu Cicero reiste sondern sich in Rom (wohl nicht bei der Terentia sondern irgendwie unter einer Tiberbrücke nach Art der Pariser Clochards) versteckt hielt, lost sich von selbst wie Dunst in der Luft auf. Was den empfindlichen Caelius schon verargert hatte, hier hoffen wir wird auch Sh. Bailey zuhoren und auf jeden Fall A. Cavarzere, war folgendes: Terentia, aus deren Haus ein Briefbote zu Cicero in die ostliche Provinz gehen sollte, hatte in allen befreundeten Familien mitteilen assen, dap eventuelle Briefe an Cicero mitgegeben werden konnten. Auf diese Nachricht hin hatte Caelius, um den Abgang der Post nicht zu verpassen, sich sofort hingesetzt und alles was zu schreiben war in dem Abschnitten 1-3 des Briefes ad Fam. VIII, 12 fertig geschrieben, den Brief aber nicht versiegelt, denn es konnte noch was hinzukommen. Aber der Bote kam nicht in der von Caelius erwarteten (kurzen) Zeit. Caelius hatte also geglaubt rügen zu müssen. Warum? Weil Caelius natürlich n i c h t die erste Station war, nicht die allerwichtigste Person, auf jeden Fall fur Terentia, fur die doch und nicht fur Caelius der Sklave auf die Reise ging. Es lag in der Natur der Sache, dap der Briefbote grundsatzlich Briefe aus dem Haus Ciceros diesem bringen sollte. Caelius war emport, dap das nicht so schnell ging, weil er offenbar gesehen hatte, dap der Bote schon eine ganze