Caesars Gladiatorenschule in Capua und anderes(Emendationen zu Cicero, ad atticum VII, 14)
Abstract
Böhm, Richard Gregor
Full text
Faventia, 911 (1987), 33-50 CAESARS GLADIATORENSCHULE IN CAPUA UND ANDERES (EMENDATIONEN ZU CICERO, AD ATTICUM VII, 14) Richard Gregor BShm L. A. d. VI Kal. Febr. Capuam Calibus proficiscens, cum leuiter lippirem, has litteras DEDI. L. Caesar mandata Caesaris detulit ad P o m p e i u m a. d. VI11 Kal., cum is esset cum consulibus Teani. P r o b a t a CONDICIO e s t, sed ita, ut ille de iis oppidis, quae extra suam prouinciam occupauisset, praesidia deduceret. id si fecisset, responsum e s t ad urbem nos redituros esse et rem per senatum confecturos. SPERO esse in praesentia pacem nos habere; nam et illum furoris et hunc nostrum COPIARUM SUPPAENITET. In dem ersten Satz kann H. Kasten (München 1959, 19762), an einer wichtigen Stelle klar gegen den Text übersetzen <<Meine Augenentzündung hat sich w e s e n t 1 i c h g e b e s s e r t, und so schreibe ich D i r h e u t e, am 25. Januar, diesen Brief, im Begriff, mich von Cales nach Capua auf den Weg zu machen,. Nicht ernst nimmt den Text auch J. Bayet, er kann sogar das ganze has litteras dedi ignorieren und bekommt auf diese Weise sein <<Ce 25 janvier, avant le jour, pres de quitter Cal& pour Capoue, a v e c une légere inflammation des yeuxm. Obwohl Bayets Ausgabe bereits 1964 erschienen war glaubte Kasten auch 1976 an seiner Ubersetzung nichts andern zu müssen. Langst war dann auch die zweisprachige Ausgabe (Cambridge, 1968) von D. R. Shackleton Bailey erschienen. Er respektiert has litteras dedi und kann dann übersetzen a1 am dispatching this letter, as I leave Cales for Capua (25 January), my eyes being slightly out of order.,,
Ihm ist aber nicht entgangen, daB Cicero diesen Brief kaum ccin spite of his eye trouble,, schrieb. Ihm ergibt sich so aus der Situation, und das ist richtig, daB er diesen Brief dann eben ni c h t eigenhandig schrieb sondern nur diktierte. Deshalb seine Frage aDid a copyist substitute dedi for dictaui?,, Unsere Antwort: nicht ganz so. Der Librarius hatte in seiner Vorlage eher DAVI gesehen1, dies fur einen Schreibfehler gehalten und crkorrigiert,, so daB daraus DEDI wurde. DAVI war aber offenbar Abkurzung fur d(ict)aui. Unannehmbar in der seitherigen Lesart ist dann erst der ubernachste Satz unserer Ausgaben. Denn nach L. Caesar mandata Caesaris detulit ad Pompeium a.d. VIII Kal., cum is esset cum consulibus Teani des vorderen Satzes lesen unsere Ausgaben erstaunlich a n o n y m nur probata condicio est, sed ita ut ille de iis oppidis quae extra suam prouinciam occupauisset praesidia deduceret und im Nachsatz - genauso erstaunlich, weil a n o n y m - id si fecisset, responsum est usw. Erstaunlich ist das probata est wie auch das andere responsum est -- . deshalb, weil Cicero weiB, w e m Caesars Brief ubergeben worden ist, und weil er weiB, in wessen Anwesenheit dies geschah. Sagt Cicero trotzdem nicht (in bezug auf Pompeius) probauit oder (in bezug auch auf die beiden consules) eventuell nicht probauerunt, und er w e i (3 den Urheber der probatio und den Urheber des responsum, k a n n den Atticus aber und eigentlich auch ccmufiu genau informieren, dann war es eigentlich nicht eine Person oder mehrere Personen als Individuen, sondern eine Institution oder Instanz des Imperium Romanum. Sicher geht die Antwort auf Konto des Pompeius und der beiden Konsuln, gehandelt hatte hier aber ... der Staat als solcher, hier wohl ein G r e m i u m als Verkorperung des Staates. Wie sich ' Zu den Abkiirzungen fur -ic, -ict s. W. Studemund, Gaii Institutionum commentarii quattuor. Codicis Veronensis denuo collati Apographum, Leipzig, 1874, 263f.: D = dic, dicto, ED = edicto, EDO = edicto, L = lic, LET = licet; W. M. LINDSAY, Notae Latinae, Cambridge, 1915, 43: DIT = dicit, 117; LET = licet, 286: S = sic, D. BAINS, A Supplement to ~Notae Latinaes, Cambridge, 1936,46: S' = sicut, A. CAPPELLI, Lexicon abbreviaturarum, Mailand, 1961h, 87: Di = dici, 102: DIT = dicit, 110: DTI = dicti, 194; IUDO = iudicio, 88: Do = dico, dictio, 72: 9D1° = conditio, 248: OFFIO = officio, A. PELZER, Abréviations latines médiévales, Louvain-Paris, 1966=, 24: DT = dicitur, U. FR. KOPP, Lexicon Tironianum. Nachdruck aus Kopps ~Palaeographia critica)) von 1817 mit Nachwort und einem Alphabetum Tironianum von B. BISCHOFF, Osnabrück, 1965,48: BP = biceps, 74: C(i)O. = cicora, 90: D(i)tum = dictum, D(i)at = dicat, 110: DTA uit = dictauit, 117: ED it = edicit, 121: EL et = elicet, 155: H(ic) = hic, 230: M(i)Pa = Micipsa, 202: L et = licet, 204: L or = lictor, 366: S(k)V = sicut, 357: SQ = sicque, 388: V(ix)em = uicem, V(vx)tus = uictus, 399: V(i)N. = uicinus.
dieses Gremium nannte, daran erinnert uns der nachste Brief ad Att. VII,15,2. Dort wird es namlich heiljen uni Fauonio leges ab i110 (SC. Caesare) nobis imponi non placebat, sed is (nan) auditus i n c o n s ilio, so z.B. bei Sh. Bailey, bei W. S. Watt (Oxford 1965) hieR es noch sed is auditus (nan est) in consilio, und bei Bayet (Paris 1964) im Grunde genommen um nichts besser sed is <baud> auditus in consilio. Das Wort, um das es uns geht, ist aber sicher und richtig überliefert. Es kommt cenur,, auf die Ubersetzung an. Kasten verwechselt consilium mit contio und cckann,, dann übersetzen ccin der Versammlungn. Bei Bayet lesen wir dann ccmais, a la délibération, on ne l'a pas écouté.>> Erst fur Sh. Bailey ist in consilio gleichbedeutend mit ccat the meeting of Senators present.,, Dies war wohl tatsachlich das Gremium, das sich jetzt kompetent fühlen konnte, Caesars Angebot anzunehmen oder abzulehnen im Namen des Staates. Cicero hatte als Anhanger des Senats ein Interesse daran, das VerfassungsmaRige herauszustreichen. Interpretieren wir richtig, dann steckt in der Buchstabengruppe CONDICIO freilich ein Fehler der Paradosis. Denn I0 geht auf IC fur i(n)' ~(onsilio)~ zuruck, fur das erstere Hauptwort war dann offenbar CONDIO als Abkürzung fur cond(ic)io4 geschrieben gewesen. Unsere Lesart: probata cond(ic)io i(n) ~(onsilio)~ est, sed ita ut ille de iis oppidis quae extra suam prouinciam occupauisset praesidia deduceret. Nicht richtig klingen auch die letzteren zwei Satze des ersten Briefabschnittes. Der erstere, also vorletzte Satz ist etwas unrichtig überliefert, denn a 11 e codd., die den Text überhaupt haben, lesen spero esse in praesentia pacem nos habere. G. H. Moser (1841) stieB sich willkurlicherweise n i c h t an SPERO sondern an ESSE unserer codd., schlug vor, hier posse zu lesen und fand Zustimmung zuerst bei Zu den Abkiirzungen fiir -n s. STUDEMUND, 255f.: A = an, E = en, I = in, ID = inde, O = on, U = un, LINDSAY, 345 und 111: I = in, BAINS, 57: I = in, CAPPELLI, 176: I1 = in iure, 189: IS = in summa, ISN = in senatu, 172: ID = in dimidio, 170: IB = in breui, 468: IC = in Capitolio, PELZER, 38: IEE = inesse, KOPP, 163: I(n) = in, I(n)s = in senatu, I(n)co = in consilio, 164: I(n)c = in causa, 165: I(n)m = in monte, usw. Zu der Abkiirzung s. CAPPELLI, 81: 9S = consilium, KOPP, 163: I(n)c(on)l = inconsulte, I(n)co = in consilio, 74: CO um = consilium. Zu den Abkürzungen fiir -ic s. noch CAPPELLI, 72: 9D1° = conditio. Zum Ausdruck vgl. noch Cicero, ad Q. fr. 11,4,6,5 ei (Miloni) tres sententiae deterrimo in consilio defuerunt; ad Fam. rr1,8,4,11 non in priuato, sed in publico orbis terrae consilio, id est in senatu; xv,2,5,1 quae cum essem in consilio meo cum rege locutus.
Franz Bücheler (1858), bald wird aber I. C. G. Boot (Amsterdam 18862) wirklich spero posse in praesentiapacem nos habere lesen. A. S. Wesenberg (Leipzig 1873) wird bei ESSE nichts andern, auch R. Y. Tyrrell und L. C1. Purser (Dublin-London 191S2) andern hier nichts, aber sie setzen es in eckige Klammern oder streichen es wortlos aus dem Text. Erst H. Sjogren (Goteborg 1929) wird dann wieder spero posse . . . pacem nos habere lesen und so wird auch H. Moricca (Turin 1951) und Kasten (auch nach der Ausgabe von Bayet) lesen und in unserer Zeit noch W. S. Watt und Sh. Bailey. Vielleicht hat sie die Experimentierlust Bayet's abgeschreckt. Dieser hatte namlich nicht nur SPERO fur richtig gehalten sondern auch ESSE. Er sah sich dann wohl gezwungen, das nos habere fur unmoglich zu halten, also las er, natiirlich ohne Nachahmer zu finden, spero esse in praesentia pacem [nos habere], und damit sollte Cicero soviel wie c<L'espere en la paix pour l'instant,, sagen wollen. Watt und Sh. Bailey haben dann, wie man sieht, einen wichtigen Grund gehabt, diese <<Lesart,> nicht zu akzeptieren. Wer esse in Zweifel zieht . . . und spero nicht, sieht die Sache einseitig und somit unwissenschaftlich. Es war auch immer weltfremd davon auszugehen, dalj hier alles passieren konnte, nur nicht Schreibfehler kund Verlesungen. Halten wir diese fur nicht ausgeschlossen, so müssen wir damit rechnen, da13 z.B. SPE schon richtig war, aber als Abkürzung fur ~~e(rn)~. RO geht dann wohl auf PO als Abkürzung fur p(ut)o zurück7. Cicero darf sich skeptisch zeigen oder es sein,.denn die wichtige Aktion lauft ... hinter seinem Rucken, und gerade er wollte und sollte Retter der Nation sein. Unsere Lesart: spe(m) p(ut)o esses in praesentia pacem nos habere. Zu den Abkürzungen fur -m s. STUDEMUND, 255f.: A = am, E = em, I = im, PART1 = partim, U = um, CIVIU, DOMINU, SECUNDU, MANU = manum, PEREGRINU, LINDSAY, 342: TEPUS = tempus, SEPER = semper, ONIS = omnis, BAINS, 56: ENI = enim, QUIDA = quidam, QUIDE = quidem, DOU = domum, FUDU = fundum, CAPPELLI, 323: RE = rem, 227: MTE = mentem, 358: SPE = speciem, PELZER, ~~:-NEo = nemo, 21: DEU = demum, KOPP, 354: SP em = spem. ' Zu den Abkürzungen fur -ut s. STUDEMUND, 257f.: AP = aput, apud, LINDSAY, 27: CAP = caput, 286: SC = sicut, 9: AP = apud, BAINS, 46: SIC = sicut, CAPPELLI, 257: Pa = puta, 18: AP = apud, 44: CAP = caput, 343: SC = sicut, 393: VLI = ueluti, KOPP, 27: A(d)P = apud, 355: S(u)P(t)tat = supputat, 262: Ptat = putat. Zum Ausdruck vgl. Cicero, ad Att. IX, 7n,2,13 iam abiectam compositionis spem non desperatissimam esse puto, quoniam Caesar est ea mente, quam optare debemus.
Der letzte Satz des ersten Briefabschnittes sollte diese Hoffnung begründen, aber wenn illum furoris . . . suppaenitet vielleicht überzeugen kann, so kann auf der anderen Seite ein hunc nostrum copiarum suppaenitet u n m o g 1 i c h überzeugen. Weil so ein suppaenitet v e rni e d 1 i c h t. Es kann so ein furoris nicht aufwiegen! Mit anderen Worten: paenitet ja, suppaenitet nein! Es kommt aber, nicht voin ungefahr, hinzu, daí3 unser Autor auch so einfach hunc nostrum copiarum . . . paenitet kaum sagen konnte, wenn z.B. Kasten, der allermeist ad sensum übersetzt und dann hellhorig wird, <<bei dem m i s e r a b 1 e n Zustand seiner Truppen>> übersetzen kann, übersetzen darf! Auch Bayet übersetzt, was in seinem Text noch gar nicht steht, <<de son impr6paration.a Ziehen wir die notwendige Konsequenz, dann sehen wir in SUP der Lesart SUPPAENITET unserer codd. einen Rest, die zweite Halfte des zunachst fehlenden Wortes etwa fur crimpréparation.>> Das Wort copiarum war dann erwartungsgemaí3 auf COPIARU abgekürzt geschrieben, und es folgte diesem in der scriptura continua der Vorlage noch das drei Striche breite IN, aus dem das ebenfalls drei Striche starke M (von COPIARUM) wurde. Aber die noch intakte Vorlage hatte nicht INSUP sondern wohl INSUF als Abkürzung fur ins~f(ficientia)~. Und nun zum Vergleich der gesamte Text des ersten Ahschnittes. (nach Sh. Bailey) (nach Bohm) A. d. VI Kal. Febr. Capuam Calibus proficiscens, curn leuiter lippirem, has litteras dedi. L. Caesar mandata Caesaris detulit ad Pompeium a. d. VI11 Kal., curn is esset curn consulibus Teani. probata condicio est, sed ita ut ille de iis oppidisquae extra suam prouinciam occupauisset praesidia deduceret; id si fecisset, responsum est ad urbem nos redituros esse et rem per senatum confecturos. spero posse in praesentia A. D. VI Kal. Febr. Capuam Calibus proficiscens, curn leuiter lippirem, has litteras d(ict)auiI0. L. Caesar mandata Caesaris detulit ad Pompeium a. d. VI11 Kal., curn is esset curn consulibus Teani. Probata cond(ic)io i(n) ~(onsilio) est, sed ita ut ille de iis oppidis quae extra suam prouinciam occupauisset praesidia deduceret; id si fecisset, responsum est ad urbem nos redituros esse et rem per senatum confecturos. Spe(m) Zu der Abkiirzung vgl. CAPPELLI, 349: SF, SFF, SFF" = sufficit, 595: SUF = suffectus, PELZER, 42: ISUFFInS = insufficiens, KOPP, 340: SF(e)it = suffecit. 'O Vgl. dazu Cicero, ad Att. v11,13a,3,14 si scriberem ipse, longior epistula fuisset, sed dictaui propter lippitudinem; ad Q. fr. 11,2,1,2 non occupatione ... sed paruula lippitudine adductus sum ut dictarem hanc epistulam et non, ut ad te soleo, ipse scriberem.
pacem nos habere; nam et illum furop(ut)o esse in praesentia pacem nos ris et hunc nostrum copiarum suppaehabere; nam et illum furoris et hunc nitet. nostrum copiaru(m) insuf(ficientiae) paenitet. 2. Me Pompeius Capuam uenire uoluit et adiuuare dilectum; in quo parum prolixe respondent Campani coloni. gladiatores Caesaris qui Capuae sunt, de quibus ante ad te falsum ex Torquati litteris scripseram, sane commode Pompeius distribuit binos singulis patribus FAMILIARUM SCULTORUM in LUDO I00 (aut CIO) fuerunt; ERUPTIONEM facturi fuisse dicebantur. sane multum in eo rei publicae prouisum est. In dem ersten Satz steckt wahrscheinlich ein Fehler. Die noch intakte Vorlage unserer codd. hatte wohl ADIUUARE, aber als Abkurzung fur adiuuare(m). Ein Librarius, auf den diese Deutung unserer Stelle zurückgeht, hielt es fur ganz ausgeschrieben und somit fur einen I n fi n i t i v. Er mufite dann die zwei Striche eines U fur u(t)ll fur das ebenfalls aus zwei Strichen in der altromischen Kursive bestehende E und dann als Abkurzung fur e(t)12 nehmen. Wir folgen hier dem freilich inkonsequenten Bayet, der c(Pompée me demande de venir 2 Capoue, pou r accélérer le recrutement,, liest, in seinem Text aber et adiuuare dilectum stehen 1aBt. Von groBer Bedeutung vom Standpunkt der Methode ist aber erst der Text dort, wo er mit dem Satz gladiatores Caesaris qui Capuae sunt . . . sane commode Pompeius distribuit binos singulis patribus familiarum b e g i n n t. Der denkende Leser fragt sich dann namlich, wieso unsere Editoren dann scutorum in ludo . . . fuerunt lesen, und scuta waren noch immer O b j e k t e und n i c h t Menschen, und somit auch keine Gladiatoren, wenn in der unmittelbaren Fortsetzung(eruptionem facturi fuisse dicebantur unserer Ausgaben) so getan wird, wie wenn hier von Anfang an von Me n s c h e n und nicht von O bj e k t e n die Rede gewesen ware. Das war ja z.B. fur Kasten der Grund dafur, in dem scutorum-Satz, obwohl er ihn fur unabhangig vom vorigen Satz hielt, trotzdem M e n s c h e n zu sehen, übersetzt er " Zu U = ut s. STUDEMUND, 310f.: VU = uelut, LINDSAY, 320, BAINS, 51, CAPPELLI, 383 und 509, PELZER, 83, KOPP, 389: V = ut, 401: V(t)P(i)or = ut opinor. l2 Zu E = et s. STUDEMUND, 266, LINDSAY, 74, BAINS, 15, CAPPELLI, 113, 115: EC = et caetera.
doch in beiden Auflagen seiner Ausgabe ccIn der Fechterschule befanden sich 5000 -in der zweiten Auflage: 1000S c h w e r b e w a f f n et e; angeblich waren sie drauf und dran auszubrechen.,, Das hat etwas damit zu tun, dalj schon Victorius (1536) Schwierigkeiten gehabt hat, scutorum, weil es O b j e k t e bezeichnet, die hier kaum gemeint waren, zu akzeptieren. Er schlug vor stattdessen secutorum zu lesen, denn er bekam auf diese Weise immerhin M e n s c h e n, die er hier erwartete. Diese Konjektur ist ni e akzeptiert worden, und das war richtig so, aber die Argumente gegen diese Konjektur taugen natiirlich n i c h t s. Denn z.B. Bayet geht -bei Nullsicherheit in-puncto Überlieferung! -von T a u s e n d Mann aus, es ist dann ein leichtes fur ihn zu zeigen, daB es in der Gladiatorenschule von Capua kaum so viele Gladiatoren einer und derselben Art geben konnte. Das war namlich vielleicht ein Argument gegen die sehr hohe und absolut unsichere Z a h 1 der Gladiatoren und k e i n Argument gegen etwas anderes. Bayet, dem in dieser Hinsicht Sh. Bailey folgt, arbeitet auch mit dem Argument des Anachronismus, weil die secutores nachweislich erst bei Sueton, Calig. 30 vorkommen, genau genommen ein argumentum nullum. Aber wir müssen aus anderen Grunden zuruck zu SCUTORUM unserer codd. Sh. Bailey hat etwas ge g e n die Intergretation scutorum = ccheavy-armed gladiators,, und zwar unter Berufung auf den gesunden Menschenverstand: ccit is hard to believe that a gladiator was ever called a "shield."* Aber warum liest er scutorum? Hat es sich unter Editoren noch nicht herumgesprochen, dal3 unsere codd. ab und zu auch falsch uberliefern? Sh. Bailey hatte dann sein gutes Recht gehabt, die ganze Buchstabengruppe SCUTORUM und noch mehr als sie in Frage zu stellen. Aber dann mul3 man freilich auch denken, sauber denken. Pompeius hatte Caesars Gladiatoren in Capua . . . aul3erst zweckentsprechend zu je zweien auf die einzelnen Familien verteilt. Zweckentsprechend war wohl der Umstand allein, dal3 sie zu je zweien in die einzelnen Quartiere eingewiesen wurden, denn es waren wahrscheinlich Gladiatoren, die paarweise zu kampfen pflegten, die zwei waren dann miteinander befreundet. Es ist Rucksicht geubt worden. Sonst heiBt es aber sane multum in eo rei publicae prouisum est, Kasten mul3 dann ubersetzen ccdamit ist schon s e h r v i e 1 fur das V at e r l a n d gewonnen.,, Warum wohl? Der Grund war wichtig, Cicero mufite ihn dem Atticus nennen: eruptionem facturi fuisse dicebantur, und wieder Kasten: ccangeblich waren sie drauf und dran auszubrechen.,, Das ist B e g r u n d u n g! Verstehen wir unseren Autor rich-
tig, dann ist ERUPTIONEM richtig überliefert aber ewig falsch gelesen worden. Denn allein ERUPTION war fur eruption(em)l3 zu lesen gewesen, EM war Abkurzung fur das begründende e(ni)m14. Der Rest ist noch viel interessanter. Uber die Gladiatoren kann Cicero mit gutem Grund sagen gladiatores Caesaris, qui Capuae s u n t, und das ist P r a s e n s, die Leute sind dann auf die einzelnen Familien ... in Capua verteilt worden und blieben somit in Capua, sie s i n d also nach wie vor in Capua. Warum murjte er um Gottes willen jetzt oder dennoch fuerunt sagen? Unsere Antwort: Cicero schreibt diesen Brief an seinen Freund Atticus. Dieser hat nur eine Villa aurjerhalb Roms, diese liegt aber im N o r d e n. Sonst zieht es ihn . . . nach Griechenland, wo er seinen zweiten Landsitz hat. Da kann man wirklich behaupten, darj Atticus die Gegend s u d 1 i c h von Rom kaum richtig kennt, so auch die Stadt Capua. Cicero mul3 deshalb Rücksicht nehmen und genauer artikulieren. Wo die Gladiatoren j e t z t untergebracht sind, weiB Atticus schon, fallig war jetzt die Antwort auf die Frage, wo sie bisher untergebracht waren. Einen Teil der Antwort haben wir: in l~do'~. Aber Atticus weiB vielleicht nicht mehr genau, wo. Also schrieb ihm Cicero. SCDFORUM Ein Librarius, der in dieser Buchstabengruppe kein ausgeschriebenes Wort erwartete, kam auf SCUTORUM, aber SCD16 war Abkurzung fur ~(e)c(un)'~d(um)'~. l3 Zu den Abkürzungen fiir -em s. STUDEMUND, 2591.: C = cem, IUDIC, VINDIC, D = dem, ID = idem, N = nem, USUCAPION, R = rem, TUTOR, T = tem, AT = autem, IT = item, LINDSAY, 330: N = nem, SIN = sinem, RATION, SANGUIN, BAINS, 52: M = mem, N = nem, D = dem, CAPPELLI, 230: Ni = nemini, 139: FION = fideiussionem, 303: Q = quem, 357: SP = semper, Pelzer, 67: Q = quem, 7: AUT = autem, Kopp, 237: N = nem, 244: N(e)P = nempe, 135: F(i)a = femina. l4 ZU EM = enim s. CAPPELLI, 120, KOPP, 114: E(n)um. l5 Vgl. dazu Caesar, bell. ciu. 1,14,4 gladiatoresque, quos ibi Caesar in ludo habebat, ad forum productob Lentulus <spe> libertatis confirmat atque iis equos attribuit et se sequi iussit; quos postea monitus ab suis, quod ea res omnium iudicio reprehendebatur, circum familiares conuentus Campaniae custodiae causa distribuit. Zur Situation vgl. Cicero, ad Fam. x,32,3,10 gladiatoribus autem Fadium quendam, militem Pompeianum, quia, cum depressus in ludum bis gratis depugnasset, auctorare sese nolebat ... abstractum defodit in ludo et uiuum combussit; ad Art. 1,16,5,16 biduo per unum seruum et eum ex ludo gladiatorio confecit totum negotium. l6 Zu der Abkürzung s. LINDSAY, 279: SCD, SECD, SECDM = secundum, BAINS, 43: SCD, SCDM, SED, usw. = secundum, CAPPELLI, 343f.: SCDM, SCD, SCDm = secundum, KOPP, 339: S(u)D um = secundum, 350: S(u)N am = secundum naturam. l7 Zu C = cun s. noch CAPPELLI, 348: SECD = secundum, 268: PECIA = pecunia, KOPP, 57: C(u)C(l)um = cuniculum. l8 Zu den Abkürzungen fur -um s. STUDEMUND, 260f.: C = cum, LOC, D = dum, IN-
Mehr noch. Der jetzt diskutierte Satz, in dem SCUTORUM nicht mehr das erste Wort war, war dem voranstehenden Satz naturlich logisch angebunden. Interpretieren wir richtig, dann uberliefert FAMILIARUM nicht ganz richtig. Wahrscheinlich war nur FAMILIAR fur farniliar(um) zu lesen, alles weitere ist wohl Produkt falscher Spekulationen oder vereinfachender Konjekturen. U von FAMILIARUM geht dann woh1 auf Q oder C fur c(urn) zuruck, denn das drei Striche starke M am Ende von FAMILIARUM geht wohl aut AT fur a(n)t(e) zuriicklg. Mehr noch. Die Gladiatoren sind j e t z t auf die einzelnen Familien verteilt. Und wie war das zuvor? Unsere Antwort: naturlich n i c h t e i n z e 1 n. Oder anders herum: sie waren alle zusammen unter einem Dach. Unsere codd. lesen hinter dem als ausgeschrieben verstandenen (das ist Vorwurf an die Adresse der Editoren!) ludo und vor fuerunt nur M (im Sinne der Unziale, so wahrscheinlich in dem nicht erhaltenen cod. Tornesianus) oder rn (im Sinne der Minuskel unserer codd., so insbesondere im cod. M(ediceus 49,18, der als der beste zu gelten hat), dies aber nur deshatb, weil das ganze LUDO fir ludo gelesen worden ist, in diesem Fall auf Kosten des nachsten Wortes, dem jetzt mit 0, das zu LUDO geschlagen wurde, der allerwichtigste Anfang fehlt. De facto war nur LUD fur lud(~)~~ zu lesen gewesen, das nachste Wort begann mit O und war, wie man sieht, auf OM abgekurzt, und diese Abkürzung war fur om(nes) zu lesenZ1. Und jetzt zum Vergleich der gesamte Text des zweiten Briefabschnittes TERD, L = lum, M = mum, NUMM, N = num, DAMN, ANN, DOMIN, R = rum, FISOR = fideiussorum, MCIPIOR = mancipiorum, S = sum, T = tum, U = uum, LINDSAY, 358: R = rum, C = cum, usw., BAINS, 60: B = bum, C = cum, D = dum, S = sum, R = rum, CAPPELLI, 86: D = dum, 233: ND = nondum, 172: ID = interdum, PELZER, 19: D = dum, KOPP, 225: M(u)D um = mundum, 339: S(u)D um = secundum, 302: Qr = quorum, quarum. l9 Zu der Abkiirzung s. CAPPELLI, 26: AT = ante, PELZER, 6: ATIr = antiquorum. Zu den Abkurzungen fur -o s. STUDEMUND, 275f.: L = 10, M = mo, T = to, LINDSAY, 61: DN = donec, 66: EG = ergo, 129: MD = modo, 134: NB = nobis, BAINS, 24: NB = nobis, CAPPELLI, 103: DL = do lego, DLM = dolus malus, DM = dominus, 232: NB = nobis, PELZER, 50: NB = nobis, KOPP, 103: D(o)Nat = donat, 106: DR = dorum, 100: D(o)Lus = dolus. Zu der Suspension OM = omnes s. LINDSAY, 160, BAINS, 27, CAPPELLI, 249.
die oder auf ihre dignitas verlassen haben, haben wahrscheinlich vorgeschützt, dalj es unter der Menschenwurde ist, jetzt in Rom zu bleiben. Auf die grammatischen Denkkategorien übertragen heiljt das: DIGNITATC fur dignitat(is) a au sa)^^. DIGNITATE ist fur uns also ein evidenter Fehler der Verlesung. Aber die groljte Schwierigkeit steht noch vor uns. Unsere codd. lesen einfach m e h r, denn zwischen CETERunserer codd. und dem schon bekannten DIGNITATE lesen a 1 1 e codd. noch entweder I ILLI oder I ILLA oder I ULLA. Und das sind viele senkrechte Striche, denen man miljtrauen mulj. Hier stand auf jeden Fall ein weiteres Wort, hochstwahrscheinlich eine andere Begriindung dafür, dalj die eine oder andere Dame Rom verlassen muljte. Warum wohl? Unsere Antwort: Einfach . .. aus Angst. Interpretieren wir richtig, dann gehen die ersten drei Striche von I ILLI auf das drei Striche breite M fur m(etus) zur~ck~~, die zwei weiteren Striche dann natürlich auf das in der Kursive aus zwei Strichen bestehende A fur ut)^^. Das A von I ULLA mulj nicht ursprünglich sein, denn es sieht so aus, wie wenn ein Librarius die ratselhafte Buchstabengruppe dem femininen dignitate anpassen wollte. Und dasselbe gilt vielleicht fur die Gruppe I ILLA. Unsere Lesart: De mulieribus nostris, in quibus est tua soror, quaeso uideas ut(rum) satis honestum nobis sit eas Romae esse cum ceter(ae) m(etus) a(ut) dignitat(is) a au sa)^^ discesserint. Einen weiteren Fehler, jetzt den letzten, sehen wir in dem Satz nam si quid offendimus in genero nostro . .. sed id fit maius quod mulieres nostrae praeter ceteras Romae remanserunt unserer Ausgaben. Die ganze Schwierigkeit dieses Satzes beruht darin, dalj sed id fit maius quod usw, unmoglich mit nam si quid offendimus korrespondieren kann. Dies war auch der Grund dafür, dalj Boot das sed idfit als einen locus desperatus ausgewiesen hatte. Fur Wesenberg wird das nicht 32 ZU C = causa s. STUDEMUND, 259, LINDSAY, 421, CAPPELLI, 214: MC = mórtis causa, KOPP, 52: Ca = causa, 83: CRC = causa rei publicae, 320: RI(p)C = rei publicae causa, 330: S(i)c = sine causa. 33 Dazu s. KOPP, 218: M(t). = metus, M(t)uit = metuit, 217: M it = metit, 220: M(i)itur = metitur. 34 ZU A = aut S. STUDEMUND, 256, LINDSAY, 11, BAINS, 2, CAPPELLI, 1, KOPP, 24: A(t)N. = Autronius. 35 Zum Ausdruck vgl. Cicero, ad Art. 1x,19,2,14 hic quidem timoris causa; ille uero?
ganz so schlimm, wenn dem si quid offendimus ein K o m m a vorgesetzt wird. Tyrrell-Purser kommen dann auch ohne das Komma schon aus, denn sie i g n o r i e r e n das nam! Sie konnen dann seelenruhig übersetzen ccif we give any offence.,, Kasten wiederum übersetzt zum Teil am Text vorbei und noch mehr am Cicero vorbei c<Wenn ich n a m 1 i c h -wofür man mich freilich nicht w i r d verantwortlich machen d u r f e nmit meinem Schwiegersohn an sich s c h o n Anstol3 errege, so wird das dadurch ... noch schlimmer.,, Aus dem Umstand, dalj irgendetwas s c h 1 i m m e r wird oder geworden ist, ergibt sich aber grundsatzlich nicht, dalj es auch zuvor schlimm war. Es spricht aus der Korrespondenz Ciceros nichts dafür, dalj man die früher erfolgte Heirat der Tullia mit dem Caesarianer Dolabella j e t z t dem Vater übelnimmt. Cicero kann eventuelle Gerüchte sehr wohl bes t r e i t e n, hat auf jeden Fall kein Interesse daran, diese Sache breitzutreten. Bayet wiederum steht zu seinem nam, halt die Vorwürfe dann aber fur gegeben, und mul3 übersetzen d2ar, s'il y a quelque achoppement du c6té de notre gendre <'est affaire oii je n'ai gas, moi, a Ctre caution-, m a i s i1 devient plus grave que nos femmes continuent 2 rester a Rome aprks toutes les autres., Cicero stellt sich damit in ein schlechtes Licht. Kaum zu glauben. Auch Sh. Bailey halt an dem unerwarteterweise b e g r ü n d e nd e n nam fest, ignoriert es aber in seiner Übersetzung und dann kann er lesen <cIf my son-in-law is a sore point with some, though really I should not have to answer for that, still the fact that my womenfolk of all others have remained in Rome makes it worse., Ungut und unnotig ist aber auch bei Sh. Bailey, dalj er den ersteren Vorwurf schon fur gegeben halt. Mit si quid offendimus nimmt Cicero aber nur Stellung zu einer F r a g e, und zwar schlauerweise deshalb, weil er sie v e rn e i n e n kann. Sonst war er noch immer schlau genug, um Unbequemes zu überhoren. Mit anderen Worten: NAM ja, aber als Verlesung aus NEM, das ein Librarius glaubte cckorrigieren,, zu müssen. NEM war aber Abkürzung fur r~(eg)ern~~. Und nun zum Vergleich der gesamte Text des letzten Briefabschnittes '' Zu den Abkürzungen fur -eg s. STUDEMUND, 275: LE = lege, CAPPELLI, 201: LE = lege, 203: LIE = legitime, 234: NEud = negatiua, PELZER, 51: NE = negatur, NEne = negatione, KOPP, 202: Lat = legat, L it = legit, 313: R(ex)e = rege, R(ex)um = regum, 242: N(ee)L it = neglegit, 236: N(e)um = negotium, 244: N(e)O. = negotiator.
(nach Sh. Bailey) 3. De mulieribus nostris, in quibus est tua soror, quaeso uideas ut satis honestum nobis sit eas Romae esse curn ceterae illa dignitate discesserint. hoc scripsi ad eas et ad te ipsum antea. uelim eas cohortere ut exeant, praesertim curn ea praedia in ora maritima habeamus cui ego praesum ut in iis pro re nata non incommode possint esse. nam si quid offendimus in genero nostro, quod quidem ego praestare non debeosed id fit maius quod mulieres nostrae praeter ceteras Romae remanserunt. tu ipse curn Sexto scire uelim quid cogites de exeundo de totaque re quid existimes. equidem ad pacem hortari non desino; quae uel iniusta utilior est quam iustissimum bellum curn ciuibus. sed haec ut fors tulerit. (nach Bohm) 3. De mulieribus nostris, in quibus est tua soror, quaeso uideas ut(rum) satis honestum nobis sit eas Romae esse curn ceter(ae) m(etus) a(ut) dignitat(is) c(ausa) discesserint. hoc scripsi ad eas et ad te ipsum antea. Uelim eas cohortere ut exeant, praesertim curn ea praedia in ora maritima habeamus cui ego praesum ut in iis pro re nata non incommode possint esse. N(eg)em si quid offendimus in genero nostro, quod quidem ego praestare non debeo, sed id fit maius quod mulieres nostrae praeter ceteras Romae remanserunt. Tu ipse curn Sexto scire uelim quid cogites de exeundo de totaque re quid existimes. Qui(n) de pace hortari non desino, quae uel iniusta utilior est quam iustissimum bellu(m) inuit(is) om(ni)bus. Sed haec ut fors tul(it) erit.