scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Die Krankheiten der Arbeiter (1871-1878) von Ludwig Hirt. Kritische Bemerkungen zur ersten Enzyclopädie der modernen Arbeitsmedizin in Deutschland

Bury, Carola

Abstract

Bury, Carola

Full text

«Die Krankheiten der Arbeiter» (18 7 1 -1 8 7 8) von Ludwig Hirt. Kritische Bemerkungen zur ersten Enzykloi:ddie der modernen Arbeitsmedizin in Deutschland CAROLA BURY* Alle vier Bãn.de des Hauptwerkes von Ludwig Hirt fanden in der zeitgen ó ssischen Kritik positive, teils überschwengliche Besprechung. Als «epochemachendes Werk» und einen «werthvollen Beginn einer Arbeiterhygiene» bezeichnete die renommierte Fachzeitschrift des Deutschen Vereins für 45ffendiche Gesundheitspflege den ersten Band (1). «`Dies Buch gehÉkt dem Arbeiter!', und jeder gr6f3en gewerbliche Arbeitgeber sollte dasselbe studieren und eine Ehre darin suchen, den Verfasser in der Fortsetzung und Vollendung seiner guten und groPen Aufgabe nach KrIften zu unterstützen» war in der Concordia, dem Organ sozialreformerisch engagierter Unternehmer zu lesen (2). Wenn auch Hirt in Bezug auf die sozialpolitische und technische Diskussion keine wesentlichen neuen Aspekte einblüchte, so schiene angesichts der anstehenden Erweiterung der Fabrikgesetzgebung, «eine Schrift durchaus erwünscht, die von einem Arzte ausgehend, die sc11.cllichen Einflüsse im Gewerbebetriebe untersuchte zumal die bisherige Literatur nui dürftige Auskunft bietet» (3). Noch heute gelten die arbeitszmedizinischen Veriiffentlichungen Hirts als erste Dokumentation deutschsprachiger Untersuchungen zur Gewerbeund Fabrikhygiene im frühen Kaiserreich. Im Handbuch der gesamten Arbeits- (1) Deutsche Vierteljahrsschrift für gfientliche Gesundheitspflege, 5 (1873), S. 281. (2) Concordia vom 26-9-1872, Nr. 39. (3) Jahrbücher für National-Oekonomie und Statistik, 22 (1874) S. 32. * UniversiUt Bremen FB 11, Postfach 330440, 2800 Bremen 33, R.F.A. DYNAMIS Acta Hispanica ad Medicinae Scientiarumque Historiam Illustrandam. Vol. 5-6, 1985-86, pp. 403-416. ISSN: 0211-9536 404  CAROLA BURY meditin (4) führt Hirt die Reihe der deutschen Arbeitsmediziner an. Und der erste bayerische Landesgewerbearzt Franz Koelsch urteilt: «Jedenfalls mufl gesagt werden, dal3 alle Ausführungen von Ludwig Hirt aus dem Leben gegriffen sind. Diese Bünde enthalten wertvolles Material mit dem Vorzug eigener Untersuchungen, die noch von Bedeutung sind» (5). Wie kommt es, dat dieses Werk Die Krankheiten der Arbeiter sowohl zeitgenüssisch positive Beachtung fand, als auch noch heute —kursorisch gesprochen— vom Nestor der bundesdeutschen Geschichte der Arbeitsmedizin Koelsch bis hin zum DDR-Historiker Karbe als Beginn einer neuen Fachdisziplin gesehen Wird? Dieser Frage nachzugehen, bedeutet in der Auseinandersetzung mit dem Werk prà.zisierende Zusatzfragen zu erürtern, die sich in diesem Zusammenhang als besonders relevant herausgestellt haben: welche Art der Problemwahrnehmung von pathogenen Strukturen entwickelte Hirt und welche Funktion hatte die naturwissenschaftliche Denkweise auf die Probleme von Gesundheit und Krankheit? welche Bedingungen hemmten oder fürderten die Etablierung als Fachwissenschaft? wer konnte Ansprechpartner einer an industrieller Pathologie orientierten irzteschaft sein? wie politikfühig waren die wissenschaftlichen Ergebnisse? welche Beitrüge leistete die Gewerbehygiene und die Allgemeine Hygiene auf sozialpolitische Entscheidungsprozesse hinsichdich des Arbeiterschutzes? Im Folgenden will ich auf zwei zentrale Bereiche eingehen, die Orientierung der Gewerbehygiene an der naturwissenschaftlichen Medizin und (4) In: Handbuch der gesamten Arbeitsmedizin, II/1, (1961) S. 52 f. (5) KOELSCH, F. (1967). Beitrage zur Geschichte der Arbeitsmedizin. München, Schriftenreihe der Bayerischen Landeskztekammer, Bd. 8, S. 113 f. «Die Krankheiten der Arbeiten> (1871-1878)  405 den Zusammenhang von technischer Pràvention und sozialpolitischer Intervention bei Ludwig Hirt. 1. DIE ENTWICKLUNG DER GEWERBEHYGIENE Die Medicinalreformer der 1848/49er Jahre verstanden sich als «natürliche Anwãlte der Armen» (6) und die Medizin als eine «soziale Wissenschaft» (7), der in Bezug auf die iiffentliche Gesundheitspflege entscheidende Aufgaben zukamen. Gewerbehygienische Maflnahmen waren danach Ausflufl aus der Gesamtanalyse der herrschenden sozialen Zustande. Nach Ansicht der Medicinalreformer konnten prophylaktische Maflnahmen zum Schutz der Arbeiter nur in einem Staat verwirklicht werden, der eine «gesundheitsgemãsse Existenz aller» (8) anerkenne. Mit dem Zusammenbruch der bürgerlichen Revolution kam auch die Medicinalreform zum Stillstand. Pathologische Grundlagenforschung. In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts mehrten sich die Berichte von Medizinern (vorwiegend Kliniker, Pathologen und Fachàrzte), über die zunehmenden Gesundheitsschanigungen von Fabrikarbeitern. Meist behandelten sie Einzelaspekte von Schàdigungen. Gemeinsam war ihnen, dafl sie sich alle des naturwissenschaftlichen Instrumentariums (auf dem individuellen Stand von Wissenschaft und Technik) zur Erforschung bedienten. Chemische Analysen, mikroskopische Untersuchungen; Jktiologie und Symptomatik der Erkrankungen waren dabei immer Teil der herrschenden nosologischen Auffassungen. Auch die Bearbeitung gewerbehygienischer Fragen ging über die ED5rterung theoretischer und systematisierender Fragestellungen der zeitgerffissichen Medizin nicht hinaus. Entstehung, Diagnostik und Therapie im Bereich der arbeitsbedingten Erkrankungen waren dabei Bestand teil der bestehenden Fachdisziplinen. Zusammenfassend lãflt sich sagen, die Mediziner versuchten durch Verfeinerung der Untersuchungsmethoden und systematisierende Zuordnung von Krankheitsbildern — im naturwissenschaftlichen Sinne — die Beschreibung und den Nachweis einer Krankheit. (6) VIRCHOW, R. (1848). Was die «medicinische Reform» will. Die medicinische Reform, n. 7, S. 39f. (7) NEUMANN, S. (1847). Die offentliche Gesundheitspflege und das Eigenthum, Berlin, S. 64-65, 84. Zitiert nach: DEPPE/REGUS, (1975). Seminar: Medizin, Gesellschaft, Geschichte. Frankfurt/M, S. 99. (8) VIRCHOW, R. (1848). Die nffendiche Gesundheitspflege. Die medicinische Reform, n. 5, S. 22. 406  CAROLA BURY 2. ZUM WISSENSCHAFTLICHEN SELBSTVERSDINDNIS LUDWIG HIRTS Sein Selbstverstandnis, die Motivation zur Beschftigung mit Fragen der iiffentlichen Gesundheitspflege legte Ludwig Hirt in seiner Habilschrift Ueber die Bedeutung und das Studium der bffintlichen Gesundheitspflege (9) dar, die nur wenige Monate vor Erscheinen seines ersten Bandes über die Krankheiten der Arbeiter erschienen ist. Diese Arbeit fuPte im wesentlichen auf Literaturstudien und war eine erste Zusammenfassung des sich entwickelnden Teilbereiches der Medizin, der Allgemeinen Hygiene. Beachtenswert war Hirt's Kritik an der zeitgenssischen Medizin, die, wie er meinte, «ungeachtet vielfacher technischer Vollendung den Krankheiten und dem Tode kaum ein Fui3 breit Gebiet abgerungen hat» (10). Denn, so seine Analyse, man «wollte' das Wesen der unerforschten Natur der Krankheit erforschen, ohne einfachste Vorgãnge, wie wir sie thglich beobachten künnen genügend zu kennen» (11). «Man cultivirte sie nur einseitig, (die Medizin, c. b.) weil man sie zwang, sich ganz und ungetheilt nur mit dem kranken Menschen zu beschãffigen,  und über allem den Gesunden vergass» (12). Neben einer Zustancligkeit des Einzelnen, Krankheitsursachen zu eliminieren, forderte er staatliche. Regelungen, insbesondere für arbeitsbedingte Erkrankungen. «Der Zeitpunkt für diese Arbeit ist gerade jetzt günstig, da die Sehnsucht und das Bedürfniss nach andern als rein medicinischen Hilfsmitteln zur Erhaltung des Wohlbefindens sich unabweisbar geltend macht. Um zwei Dinge wird es sich dabei vorzüglich zu handeln haben: 1) um ein weiteres Studium behufs Auffindung neuer, und genauerer Kenntnisnahme der schon genannten Krankheitsursachen und 2) um eine Erreichung passender zweckmIssiger Gesetzesvorschthge, mittelst deren dann etwaige Entdeckungen auf dem Gebiete zum Nutzen des Menschen verwerthet werden kennen» (13). (9) HIRT, L. (1871). Ueber die Bedeutung und das Studium der affentlichen Gesundheitspflege. Eine Habilitationsschrift. Leipzig, 49 S. (10) a.a.0., S. 2. (11) a.a.0., S. 3. (12) Ibidem. (13) a.a.0., S. 18. «Die Krankheiten der Arbeiten> (1871-1878)  407 Grundlage aller Gesundheitspolitik mut3 —nach Hirt— die wissenscha.ftliche Medizin sein. 3. DIE KRANKHEITEN DER ARBEITER Schon wenige Monate nach seiner Approbation 1868 hatte Hirt mit Literaturstudien und vor Ort begonnen, die Gesundheitsverhàltnisser der Arbeiter im In— und Ausland zu studieren. Mit der Verffiendichung der Krankheiten der Arbeiter 1871 wurde nicht nur erstmals eine Bestandsaufnahme und Zusammenfassung des Forschungsstandes über Gewerbekrankheiten gegeben. Neben den bislang sanitàtspolizeilich orientierten Fragestellungen fand erstmals das Gebiet der Gewerbehygiene in monographischer Darstellung breite Beachtung. Intention des Hirt'schen Werkes war die enzyklopãdische Zusammenstellung der durch Momente der Berufsarbeit von Arbeitern in Gewerbe— und Fabrikbetrieben verursachten Ungleichheit von Krankheit und Tod. Eine so angelegte Behandlung der «Berufskrankheiten» sollte dabei das Wissen von fast allen Hilfswissenschaften der Medizin, sowie Kenntnisse aus allen Gewerbe— und Fabrikbetrieben einbeziehen. Von Anfang an waren Die Krankheiten der Arbeiter mehrbàndig angelegt. 1871 erschien der erste Band über die Staubinhalations-Krankheiten, 1873 als 2. Teil der «inneren Krankheiten» die Abhandlung über die «Gasinhalations-Kranheiten», die 1875 durch «Die gewerblichen Vergiftungen und die von ihnen besonders heimgesuchten Gewerbe— und Fabrikbetriebe" abgeschlossen wurden. Mit seinem letzten Band komplettierte Hirt 1878 die inneren Krankheiten um die «ansseren, (sc. chirurgischen) Krankheiten» (14) und beschloP damit das erste deutschsprachige Handbuch der Gewerbekrankheiten (15). (14) Die vollstãndigen Titel der vier Bãnde lauten: Ludwig Hirt, Die Krankheiten der Arbeiter. Beitrdge zur Fiirderung der Öffintlichen Gesundheitspflege. In zwangloser Folge. 1. Abthl.: Die inneren Krankheiten der Arbeiter Th1.1. Die Staubinhalations-Krankheiten und die von ihnen besonders heimgesuchten Gewerbe Fabrikbetriebe. (304 S.). 1871. Th1.2. Die Gasinhalations-Krankheiten und die von ihnen besonders heimgesuchten Gewerbe— und Fabrikbetriebe. (228 S.) 1873. Th1.3. Die gewerblichen Vergzftungen und die von ihnen besonders heimgesuchten Gewerbe— und Fabrikbetriebe. (289 S.) 1875. 2. Abthl.: Die dusseren (sc. chirurgischen) Krankheiten. Leipzig 1878 (3 1 8 S.). (15) Obwohl sieben Jahre zwischen dem Erscheinen des ersten und des letzten Bandes der 408  CAROLA BURY In den einleitenden Worten zum ersten Band beschrieb Hirt die vielfãltigen Schwierigkeiten «Welche der Einzelne über sich ergehen lassen muf3, wenn er allein, ohne Hilfe von Regierungen, Medicinalbehiirden, usw. es unternimmt, Fabriken, Etablissements usw. zu besuchen, um die Gesundheitsverhãltnisse der Arbeiter zu studiren» (16). Hinzu kam der Mangel an zuverlãssigen medizinischen Materialien, fehlende Morbidiats— und Mortalittsstatistiken und karnen die Schwierigkeiten, das ° umfangreiche Gebiet der Arbeitsmedizin zu behandeln. So schrieb Hirt: «Fügen wir nun zu den bereits erv4hnten Schwierigkeiten schliesslich hinzu, dass das die Berufskrankheiten und ihr Studium umfassende Gebiet nicht bloss ein ungeheuer weites, sondern auch seiner Manigfaltigkeit wegen ein unendlich schwieriges, dass es ein Gebiet ist, welches Kenntnisse in fast allen Hilfswissenschaften der Medizin, eingehende und genaue Bekanntschaft mit allen Gewerbe— und Fabrikbetrieben, deren Gesundheitsverhffitnisse man studiren will, voraussetzt, so wird man sich nicht verhehlen ke5nnen, dass Vollendetes auf diesem Gebiete nur durch Arbeitstheilung, wenn Aerzte, Chemiker, Techniker das ihnen Gelãufige zur Bearbeitung übernehmen, geleistet werden, und dass der Einzelne, wenn er ein derartiges Werk unternimmt, in gewissem Sinne nur vorbereitende, zu weiteren Studien anregende Arbeiten liefern kann» (17). Die Untersuchungen gliederten sich jeweils in drei Hauptabschnitte: 1. die medizinische Erürterung der durch den Beruf begünstigten oder direkt hervorgerufenen Krankheiten, 2. die Besprechung der Gewerbe— und Fabrikbetriebe, sowie deren Arbeiter und ihre Gesundheitsverhãltnisse und 3. Vorschl4e und Massregeln zur Prophylaxe (18). Innerhalb der Hauptabschnitte verfolgte Hirt unterschiedliche Gliederungskriterien. Whrend er sich im ersten Teil des ersten Hauptabschnitts Krankheiten der Arbeiter liegen, ist ihnen eine Grundstruktur der Bearbeitung gemein. Ich zitiere im weiteren vorwiegend den ersten Band. Die unterscheidenden Aspekte mijgen einer ausführlicheren Arbeit vorbehalten bleiden. (16) HIRT, L., Die Staubinhalations-Krankheiten..., S. V. (17) a.a.0., S. VII. (18) Eine Ausnahme bildet dabei nur der 4. Band über ãusseren Krankheiten, der die Abschnitte 1. und 2. zusammenfasst. «Die Krankheiten der Arbeiter» (1871-1878)  409 an die —im medizinischen Sinne — Steigerung der Krankheitsschwere hielt, orientierte sich ein zweiter Teil an der zeitlichen Abfolge des medizinischen Nachweises der berufsbedingten Erkrankungen. Der zweite Hauptabschnitt über die Gewerbe— und Fabrikbetriebe gliederte sich nach den von den Gewerben bearbeiteten Materialien und deren. Einordnung in das zeitgenòssische chemische Periodensystem. Der dritte und jeweils zugleich kürzeste Hauptteil über prophylaktische MaPnahmen wurde von Hirt lediglich in allgemeine und spezielle Betrachtungen unterteilt. 4. PROBLEMWAHRNEHMUNG UND — VERARBEITUNG: DER WEG ZUR NA TURWISSENSCHAFTLICH ORIENTIERTEN HYGIENE «Hand in Hand müssen sie gehen, die rationelle Medicin und die Hygiene, wenn der gemeinsame Endzweck erreicht werden soll, ...» (19) hatte Hirt in seiner Schrift Ueber die Bedeutung und das Studium der bffentlichen Gesundheitspflege postuliert. Grundlage der Hirtschen Ergebnisse waren intensive Literatur-studien, sowie eigene medizinische Untersuchungen in Krankenhansern, Fabriken und Gewerbebetrieben über die Gesundheitsverhãltnisse der Arbeiter im In— und Ausland. Erganzt wurden seine Beobachtungen durch regionale Statistiken, sowie in Teilbereichen durch experimentelle Untersuchungen (20). Augangspunkt Hirts war ein funktionelles und reduktionistisches Verstandnis von arbeitsbedingten Krankheitsursachen. Richtungsweisend und grundlegend war sein Forschungsinteresse, die mit der Berufsarbeit zusammenhangenden Erkrankungen «medicinischwissenschaftlich», ihrer Genesse nach, ihrer Aetiologie nach und ihrem Verlauf (19) HIRT, L. (1871) Ueber die Bedeutung und das Studium der  Gesundheitspflege, a.a.0., S. 4. (20) Hirt beschrieb hier beispielsweise neben chemischen Untersuchungen auch Tierversuche. 410  CAROLA BURY nach zu schildern. Die relative Hanfigkeit der durch Gewerbetatigkeit verursachten Krankheiten sollte «nach allen Richtungen» untersucht werden. Zum Nachweis berufsbedingter Erkrankungen führte er relevante Faktoren (z. B. Alter, Geschlecht, Art der Krankheit, Verletzungen etc.) ein, an die sich Fragen nach Symptomen, Dauer, Verlauf, relativer Haufigkeit, Therapie und Aetiologie im Vergleich mit diesen Einwirkungen nicht ausgesetztem Arbeitern anschlossen. Zusammenfassen lassen sich diese Kriterien in den beiden zentralen Fragestellungen: in welcher Art und Weise macht sich der EinfluP der Beschtigung geltend? und worauf basieren die Unterschiede der Wirkung? Gleichzeitig dokumentieren diese Fragestellungen auch die Verbindung der drei Hauptabschnitte der medizinischen Eròrterung, der Gewerbebetrachtung und der Prophylaxe. Auf Grundlage der neuen arbeitsmedizinischen Fragestellung: `LaPt ein Abweichen der Symptome, Dauer und Verlauf der Krankheiten irgendwelche Rückschlüsse und Nachweismòglichkeiten für berufsbedingte Krankheitsursachen zu?', befürwortete er die weitere Entwicklung einer gewerbehygienischen Wissenschaft als selbstandiger Wissenschaftsdisziplin. Im. Mittelpunkt der Hirtschen Untersuchung stand die Krankheit, der Defekt. Eingebunden in das zeitgenssische naturwissenschafdich ausgerichtete Verstandnis von hygienischer Medizin konnte Hirt auch für die Gewerbehygiene nicht über den monokausalen Nachweis von Ursache und Wirkung hinauskommen und Krankheitsgefahrdungen in ihrer Komplexitat erfassen. Es galt die Argumentationskette: Krankheit ist nachweisbar, bzw. ursachlich bedingt durch ein bestimmtes Gefahrdungselement. Nur eine wissenschafdiche Erforschung der biologischen Funktionen des Menschen im Arbeitsprozess mit der Mòglichkeit des gesetzmaPigen Nachweises, und 'nicht die Erfassung der psychischen und sozialen Dimension, schien Antwort auf die neuen gesundheitlichen Fragen zu geben. Die Minimierung der sozialen Dimension zu Gunsten der naturwissenschafdichen Denkweise zeigt, wie die frühe Gewerbehygiene in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts als Teilbereich der Allgemeinen Wissenschaftlichen «Die Krankheiten der Arbeiter» (1871-1878)  411 Hygiene von dem Konflikt zwischen gesellschaftlich orientierter und wissenschaftlich ausgerichteter (naturwissen schaftlicher Nachweis) Disziplin geprgt ist. 5. AfÜGLICHE WEGE DER PROBLEMBEWÃLTIGUNG: SOZIALPOLITISCHE INTERVENTION UND TECHNISCHE PROPHYLAXE Ziel sei es, die Zahl und Intensitat der behandelten Krankheiten der Arbeiter zu beschranken, «sie (die Krankheiten, c. b.) sind hauptskhlich mitgetheilt, damit die Frequenz jener Krankheiten allgemeiner bekannt und damit zugleich der Wunsch nach Abhilfe in weiteren und maassgebenden Kreisen immer mehr rege gemacht wird» (21). In seinem dritten Hauptteil versuchte Hirt, Ansatzpunkte für die praktische Umsetzung seiner medizinischen und gewerblichen Enkterungen aufzuzeigen. Er steckte damit den Diskussionsrahmen aus medizinischer Sicht ab, denn er stellte diesse Aufgabe nicht in einen sozialpolitischen Kontext einer industriell bedingten Pathologie, sondern in eine medizinische Tradition seit Ramazzini. Das Kapitel über «Prophylaxis» ist in die Erikterung «allgemeiner», hier sozialpolitischer, und «specieller», hier technischer, Betrachtungen unterteilt. 5.1. Sozialpolitische Interventionsmòglichkeiten Dem Staat wies Hirt 1871 die gesetzgeberische Rahmenkompetenz in allen gesundheitspolitische Fragen nach Abwàgung der 6konomischen Vertretbarkeit zu. Dabei sei es Recht und Pflicht des Staates, sich um den Gesundheitszustand der Arbeiter sowohl vor, als auch nach dem Eintreten in die Arbeit zu sorgen. Da eine «dehnbare Gesetzgebung» nicht im staatlichen Interesse liegen forderte Hirt eine konsequente Durchführung der gesetzlichen Bestimmungen. Voraussetzung für das Vorantreiben prophylaktischer Ma(3nahmen schien für Hirt die Etablierung von )rzten in der Gewerbeaufsicht und die Ausbildung der Arbeitsmedizin als selbstandiger Wissenschaftsdisziplin zu (21) HIRT, Die Staubinhalations-Krankheiten..., S. 267.