Pirmojo lietuviško fizikos vadovėlio 90-metis
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Angelė KAULAKIENĖ
90 JAHRE DES ERSTEN LITAUISCHEN PHYSIKLEHRBUCHS
Die Anfänge der litauischen physikalischen Terminologie lassen sich bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts finden, als in der Zeitung "Keleivis iš Karaliaučiaus broliams lietuvininkams žinias parnešęs" (1848–1880) eine Reihe von Artikeln erschien, in denen die Leser mit wohl den wichtigsten physikalischen Entdeckungen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts (elektromagnetische Induktion, Energieerhaltungssatz, Magnetismusphänomene usw.) sowie mit neuen Maschinen und Geräten (Dampfmaschine, Telefon, Telegraf, Thermometer u. a.) bekannt gemacht wurden. Die damalige Physik und Technik waren eng miteinander verbunden. Physik galt als theoretische Grundlage der Technik. Daher finden sich in den Artikeln zur Popularisierung der Physik in "Keleivis" und später in der ebenfalls herausgegebenen "Aušra" (1883–1886) zahlreiche Begriffe, die sowohl der physikalischen als auch der technischen Terminologie zugeordnet werden können.
Erst im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, als originale und übersetzte litauische Physiklehrbücher erschienen, kann man ausschließlich von der weiteren Entwicklung der physikalischen Terminologie sprechen, die teilweise von drei Naturwissenschaftsvermittlern dieser Zeit geprägt wurde. Es waren Petras Vileišis, Juozas Adomaitis-Šernas und Jonas Šliūpas.
Petras Vileišis (1851–1926), žinomas švietimo ir kultūros veikėjas, yra pirmojo lietuviško fizikos vadovėlio "Populariškas rankvedis fizikos" autorius. Rašydamas populiarinimo knygeles, jis pasirašinėdavo įvairiais slapyvardžiais: P. Neris, Nėris, Nerys, Ramojus, Giedrius, Gintautas, Svalė ar tik P.N., L., G. Kartais visai nepasirašydavo arba nurodydavo savo artimesnių draugų inicialus, pavyzdžiui, Vl.S. (Vladas Stulginskis)1. Juozas Vileišis aiškina, jog P. Vileišis taip darė, norėdamas parodyti rusų valdžiai, jog tos knygelės yra ne vieno, bet daugelio asmenų darbas2.
1 Aničas J. Petras Vileišis: 1851–1926. V., 1993. S. 104.
2 Vileišis J. Spaudos laisvė ir inž. Petras Vileišis. K., 1927. P. 8.
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Das Lehrbuch "Populiariškas rankvedis fizikoz" zeichnete er mit dem Pseudonym P. Nerio3. Das Lehrbuch schickte er an J. Šliūpas nach Amerika, damit dieser den „Leitfaden“ drucken ließ. Doch J. Šliūpas verfügte nur über eine bescheidene, primitive Druckerei und vermochte P. Vileišis’ Buch nicht herauszugeben; er begnügte sich damit, in seinem "Lietuviškasis balsas" zwei Auszüge daraus zu veröffentlichen: „Balsas“ (d. h. Klang) und „Šviesa“. Später gelangte das Manuskript von P. Vileišis in die Hände des Priesters A. Milukas, der in Senandore (Bundesstaat Pennsylvania) einen Verlag für Bücher und die Zeitschrift "Dirva" gegründet hatte. 1899 veröffentlichte A. Milukas P. Vileišis’ "Populiariškas rankvedis fizikoz". Bei einem Teil der Auflage klebte A. Milukas vor das Titelblatt ein weiteres Titelblatt mit folgenden bibliografischen Angaben: "Dirva" Nr. 2, Buch 9, April. "Populiariškas rankvedis fizikoz". P. Nerio". So wurde das Buch zu einer Zeitschriftennummer. Später, 1905, druckte P. Vileišis das Lehrbuch, nachdem er die Rechtschreibung geringfügig überarbeitet hatte, in seiner eigenen Druckerei der "Vilniaus žinios" erneut4. Somit wird in diesem Jahr der 90. Jahrestag des ersten in Litauen gedruckten litauischen Physiklehrbuchs begangen.
P. Vileišis’ Lehrbuch wurde damals wohlwollend beurteilt. So wurde "Populiariškas rankvedis fizikoz" 1899 in der Zeitung "Tėvynė" besprochen: "Es ist ein wichtiges und nützliches Büchlein mit vielen Abbildungen. Man könnte es als Leitfaden im Unterricht verwenden; da es jedoch keine litauischen Lehrbücher gibt, kann es jeder auch einfach so lesen und großen Nutzen daraus ziehen"5.
Auch die Zeitung "Vienybė Lietuvninkų" begrüßte 1899 das Erscheinen dieses Lehrbuchs und erörterte kurz seinen Aufbau. "Endlich haben wir auch einen Leitfaden der Fiyzikos erhalten, wenn auch einen kurzen. Der Leser wird aus diesem Buch zumindest einfache Erscheinungen der Kraft kennenlernen, die in jedem Ding vorhanden ist. Das Buch ist in 5 Kapitel unterteilt: Im ersten Kapitel wird das Gewicht (die Schwere) beschrieben, im zweiten die Wärme, im dritten der Klang, im vierten das Licht und im fünften die Elektrizität. Das Buch ist sehr nützlich, und es ist zu wünschen, dass jeder es
3 Populiariškas rankvedis fizikoz. Parašė P. Neris. V. "Vilniaus žinių" spaustuvė. 1905. – 100 p.
4 Petronis J. Petras Vileišis. V., 1992. P. 73–74.
5 Tėvynė Monatszeitung. Organ der Vereinigung der Litauer in Amerika. Plymouth. Pa, 1899, Nr. 5, S. 148. Der Wortlaut der Auszüge ist im gesamten vorliegenden Artikel authentisch belassen.
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gelesen, um die Kraft kennenzulernen, die allen Dingen innewohnt6.
Unter den damaligen Bedingungen war dies zweifellos tatsächlich ein schön gestaltetes, reich illustriertes, recht umfangreiches Buch mit 100 Seiten und lange Zeit wohl das einzige, in dem viele physikalische Phänomene einfach und verständlich erklärt wurden. Hier zum Beispiel, wie Verdunstung und Kälte erklärt werden: "Füllen wir ein Glasgefäß mit Wasser und beginnen wir es zu kochen, wie wir gewöhnlich sagen. Wenn wir eine Weile warten, hören wir, dass das Wasser zu pfeifen beginnt, zu brodeln anfängt und sich vom Boden des Gefäßes Bläschen erheben, die an der Oberfläche angekommen zerplatzen; wenn wir das Feuer ununterbrochen gut schüren, sehen wir, dass diese Bläschen jedes Mal größer werden und schließlich das ganze Wasser unter heftiger Bewegung zu brodeln beginnt, während der Dampf, den wir schon zuvor nach und nach bemerken konnten, kräftig aufzusteigen anfängt" (S. 56). "Es scheint uns, dass Kälte etwas anderes ist als Wärme. Aber ist das wirklich so? Mitten im Sommer, wenn die Wärme so weit nachgelassen hat, dass es 10 oder 11° sind, beginnen alle zu klagen: Ach, wie kalt es heute ist. An einem späten Herbsttag dagegen, wenn die Wärme manchmal auf 10 oder 11° steigt, sagen alle: "Was für ein warmer Tag"! Daran sehen wir, dass wir dieselbe Wärme im Sommer Kälte, im Herbst aber Wärme nennen. Kälte ist daher nichts anderes als Wärme, die nicht ausreicht, um unseren Körper genügend zu erwärmen" (S. 51).
Aus diesen Auszügen wird der Wunsch des Autors deutlich, so weit wie möglich mit eigenen litauischen Wörtern auszukommen. Deshalb stammen auch die meisten Begriffe des Lehrbuchs aus Dialekten und alten Schriften (z. B.: aidas 80, ašis 11, balsas 74, daiktas 63, debesiai 71, medega 3, sluoksnys 65, stipinas 13, šaltinis 44, šviesa 82, tirpimas 52, ukanga 71, žibantis 96 usw.), aus frühen Vorläufern der physikalischen Terminologie, d. h. den populärwissenschaftlichen Physikartikeln in "Keleivis" und "Aušra", z. B.: apvalumas 19 "Volumen", pajėga 12 (pajėga 57) "Kraft", naugės 82 "Metalle", svarbė 3 "Gewicht" usw., oder wurden von P. Vileišis selbst gebildet, z. B.: atvedėjas 97 "Blitzableiter", perleidėjas 94 "Leiter" usw. Daher
6 Vienybė Lietuvninkų Literatūros, mokslo ir politikos savaitinis laikraštis. Plymouth, Pa. USA, 1899. Nr. 7. P. 205.
7 Žr. Populiariškas rankvedis fizykos. V. 1905.
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Viele Begriffe aus P. Vileišis’ Lehrbuch sind bis heute erhalten geblieben, z. B.: aidas 80, vgl. FTŽ8, dalelė 41, šviesos lūžimas 173, židinys 396 usw. All dies zeigt, dass der Autor viele Begriffe treffend auszuwählen vermochte.
Von den 150 Bezeichnungen grundlegender Konzepte, die im Lehrbuch aufgeführt sind, sind 110 litauisch und nur 40 entlehnt. Somit machten litauische Begriffe 73% und Lehnbegriffe 27% aller genannten Bezeichnungen aus. Die meisten entlehnten Begriffe stammen aus dem Griechischen oder Lateinischen, z. B.: aerostatas 43, vgl. gr. aer "Luft" und statos "stehend", elektra 92, vgl. gr. elektron "Bernstein", molekula 21, vgl. lat. moles "Masse" und das Diminutivsuffix -cula, spektras 88, vgl. lat. spectrum "Vorstellung, Bild". Nur wenige Begriffe sind aus dem Französischen, slawischen oder anderen Sprachen entlehnt, z. B.: izoliatorius 94, vgl. frz. isolateur "Nichtleiter", syla 3, vgl. russ. cula, das nur ein einziges Mal in der Bedeutung „Kraft“ verwendet wird, etwa: ich nehme ein Buch; um es festzuhalten, bedarf es einer größeren oder geringeren Kraft (syla), und zwar je nach seinem Gewicht. Ansonsten wird in solchen Fällen überall der Begriff pajėga verwendet. Offenbar war P. Vileišis mit dem Artikel von K. Obelaitis vertraut, in dem bezweifelt wird, ob es sinnvoll ist, sylą in der Bedeutung „Kraft“ zu verwenden9. Außerdem wird der Begriff syla nur in Klammern als Synonym für Kraft angegeben. Allgemein wird im Lehrbuch häufig neben einem Lehnwort auch ein litauisches Äquivalent aufgeführt, vgl. außerdem Durchmesser (Querschnitt) 49, Gas (Gase) 43, Sphäre (Kreis) 4 usw. Somit beruhte die Terminologie des Lehrbuchs ebenso wie die damalige physikalische Terminologie im Allgemeinen (gemeint sind hier die Begriffe aus den populärwissenschaftlichen Physikartikeln in "Keleivis" und "Aušra") auf einer soliden Grundlage – dem litauischen Wortschatz.
Ihre Wörter lassen sich nach ihrer Wortbildung in bestimmte Kategorien einteilen, nach denen auch die Kategorien der Begriffe selbst gebildet werden. In diesem Fall lassen sich Kategorien von Handlungen, Eigenschaften, Phänomenen, Dingen und Dimensionen unterscheiden, die mit bestimmten Besonderheiten der Benennung zusammenhängen. Eine davon ist die Synonymie der Bezeichnungen für Konzepte. Ein Begriff wird gewöhnlich mit zwei, manchmal drei einfachen oder zusammengesetzten Termini bezeichnet, die durch Kommas oder Klammern voneinander getrennt werden. Meist handelt es sich, wie bereits erwähnt, um ein Lehnwort und sein litauisches Äquivalent, vgl. außerdem linija (brėžis) 4, metalas (naugės) 45, stričkė (špulė, skri-
8 Fizikos terminų žodynas. V., 1979. – 677 p.
9 O b e l a i t i s K. Kalbos dalykai/ Varpas, 1892, Nr. 8, p. 114–115.
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dinys) 11 usw. In einigen Fällen sind zwei Synonyme durch die Konjunktion oder verbunden, z. B.: Feuchtigkeitsmessung oder Hygrometrie 69, Quelle oder Quellwasser 27, Mitte oder Zentrum 4 usw. Die Ursachen für eine solche Darbietung von Synonymen müsste man meines Erachtens im „Keleivis“ suchen, vgl. elektromagnetische Fernschreiber oder Telegraphen (1854, 14, 56)¹⁰, seidene Blase oder Okular (1860, 47, 188), Blitzbote oder Telegraph (1865, 22, 88), sowie in der „Aušra“, vgl. Irrlicht oder Schlange (1886, 1, 25), Erze oder Metalle (1883, 10, 256) usw.
Ein zweites Merkmal der Terminologie des Lehrbuchs ist die kategorielle Mehrdeutigkeit. Sie kennzeichnet Bezeichnungen für Begriffe, deren Merkmale zugleich zwei logischen Kategorien angehören. Am häufigsten sind dies die Kategorien Eigenschaft und Größe oder quantitativer Parameter, etwas seltener die Kategorien Handlung und Ergebnis. Eigenschaften und Größen werden im Lehrbuch mit Ableitungen auf -umas bezeichnet, z. B.: alle Körper haben, wenn sie sich im Raum bewegen, dieselbe Geschwindigkeit 19; <...> die Wärme geht in jedem Körper von einem Teilchen zum anderen mit einer je nach Größe des Teilchens unterschiedlichen Geschwindigkeit über 65. Dann werden alle Linien <...> gleich lang sein 4 usw. Zwar gibt es Fälle, in denen Ableitungen auf -umas nur einen quantitativen Parameter, ein bestimmtes Volumen, bezeichnen, z. B.: dann wird es ein solches Wasservolumen ausgeben, wie es selbst ist, d. h. einen Kubikfuß 17; <...> muss man sie berücksichtigen, indem man von beiden dasselbe Volumen nimmt, etwa eine Quart 15. Offenbar verwendete P. Vileišis den Terminus apvalumas im Sinne eines quantitativen Parameters, eines bestimmten Volumens, in Anlehnung an die „Aušra“, vgl. magerer Kalk vergrößert sein Volumen höchstens um das Doppelte (1884, 10–11, 353), Gipsteig vergrößert beim Trocknen sein Volumen nicht (1884, 12, 415) usw.
Mitunter werden Eigenschaft und Größe oder quantitativer Parameter sowohl durch Ableitungen auf -umas als auch durch Ableitungen mit der Endung -is bezeichnet, z. B.: im Zylinder sollte das Wasser genauso hoch steigen wie es im Gefäß steht 26, <...> das Wasser wird sich in beiden Gefäßen gleichmäßig verteilen und bis auf dieselbe Höhe steigen 22 usw.
Erst später, in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, wurde versucht, diese kategorielle Mehrdeutigkeit aufzugeben. Im Verzeichnis von Prof. Ig. Končius
10In Klammern stehen das Jahr, die Nummer und die Seite der Zeitung.
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„Fachbegriffe für die Physik“, erschienen in der Zeitung „Lietuva“ 1923–1924, erläutert die genannten Termini wie folgt: 1138. greitis, -čio – скорость (как величина), und 1137. greitumas, -o – скорость (размер скорости), 305. ilgis, -io – длина (как величина), und 306. ilgumas – длина (размер величины) usw.
Ein drittes Merkmal der Terminologie des Lehrbuchs ist die Unterscheidung zwischen Ober- und Unterbegriffen, z. B.: Körper: hygroskopischer Körper 70, fester Körper 77, flüssiger Körper 76 oder Ausdehnung 21–22, 43, 58; Elektrizität: negative Elektrizität 93, positive Elektrizität 93, natürliche Elektrizität 94; Springbrunnen: natürliche Quelle 27, künstliche Quelle 27; Dampf: gesättigter Dampf 62, überhitzter Dampf 62, komprimierter Dampf 62, Wasserdampf 69; Leiter: gute Leiter 94, schlechte Leiter 94; Pumpe: Saugpumpe 40, Druckpumpe 39. Wie diese Beispiele zeigen, stehen die meisten Adjektive und Partizipien (vorwiegend Passivpartizipien im Präsens), die als Unterbegriffe in zusammengesetzten Termini auftreten, in der bestimmten Form; es gibt nur wenige Ausnahmen, z. B.: Kraft (pa-jėga):abgebende Kraft 67, ziehende Kraft 12 usw. Demnach war der Autor bereits damals von der Zweckmäßigkeit überzeugt, bestimmte Adjektiv- oder Partizipformen zur Bezeichnung eines unterscheidenden oder artbildenden Begriffsmerkmals zu verwenden. Andererseits könnten die bereits im „Keleivis“ verwendeten Termini elektrischer Strom (1851, 11, 43), galvanische Naht (1851, 13, 50), brennende Dämpfe (1854, 13, 52), voltaische Batterie (1851, 11, 43) usw. diese Haltung des Autors beeinflusst haben.
Somit lässt sich feststellen, dass „Populiariškas rankvedys fizikos“ auch Ansätze zu einer Normierung der Terminologie enthält. Erstens wurde versucht, für internationale Termini oder Lehnwörter litauische Entsprechungen zu finden oder neben internationalen litauische Termini anzuführen. Zweitens wurden die meisten Unterbegriffe mit Adjektiven oder Passivpartizipien im Präsens bezeichnet, die bestimmte Formen aufweisen. Diese Ansätze zur Normierung beeinflussten zweifellos auch die weitere Entwicklung der physikalischen Terminologie.
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