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Neužmirštamasis dvasios ir kūno daktaras

Stasys Keinys

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PRAEITIES AIDAI Stasys KEINYS DER UNVERGESSLICHE ARZT FÜR SEELE UND KÖRPER Den Gedanken nicht zulassen, dass bereits Vollkommenheit erreicht sei, die man noch gar nicht besitzt. (Aus den Vorsätzen von Pater J. Pabrėža) Inzwischen sind 225 Jahre vergangen seit jenem 15. Januar 1771, als in der Familie von Jonas und Rozė Pabrėža im Dorf Vėčiai, in Palatvė, ein Sohn geboren wurde, der in den Büchern der Pfarrei Lenkimai mit dem lateinischen Namen Georgius eingetragen wurde (auf Samogitisch heißt er Jurgis). 46 Jahre später, als er in das Franziskanerkloster (der Bernhardiner) in Kretinga eintrat, erhielt er den Ordensnamen Ambraziejus nach seinem Vater. Deshalb wurde dieser Zögling des Priesterseminars von Samogitien, der zuvor zwei Jahre an der ältesten Hochschule Litauens studiert hatte, damals Hochschule Litauens genannt, während das Großfürstentum Litauen zerfiel, nicht nur heute, sondern bisweilen auch schon damals so genannt; manchmal unterschrieb er selbst als Priester Jurgis Ambraziejus Pabrėža. Diesem Menschen, der nun schon seit beinahe anderthalb Jahrhunderten in Frieden ruht (er starb am 11. November 1849), war es bestimmt, sich als Unvergesslicher Ruhm zu erwerben. J. A. Pabrėža gehört ohne den geringsten Zweifel zu den größten Männern des Volkes, zu den ruhmreichsten Samogitiern. Der Freund des eben verstorbenen Mannes, der Verwalter des Bistums Samogitien und Kapitelvikar Jonas Krizostomas Gintila (1788–1857), teilte dem ganzen Bistum mit: „Der selige Ambraziejus Pabrėža, zunächst Weltpriester, diente viele Jahre der Kirche Gottes; später, nachdem er im Kloster Kretinga das Gewand des Dritten Ordens des heiligen Franziskus angelegt hatte, war er für andere ein Vorbild aller Tugenden. <...> Er hinterließ zahlreiche Manuskripte in samogitischer Sprache, sowohl geistlichen als auch weltlichen Inhalts“1. 1 Vaizganto Raštai. K., 1929. T. 11. P. 72. Iš lotynų kalbos šį vyskupystės kurijos pranešimą skelbdamas išvertė pats Vaižgantas. Kalbos dalykai čia netaisyti. 79 J. A. Pabrėža wurde jedoch schon zu Lebzeiten gewürdigt. In der 1848 erschienenen „Žemaitju Wiskupistė“ nahm Pater Motiejus Valančius (1801–1875), noch bevor er Bischof von Samogitien wurde, im Kapitel „Gelehrte Männer des Landes“ nach Petras Roizijus, Motiejus Strijkovskis, Mikalojus Daukša, Pranciškus Šrubauskis, Konstantinas Sirvydas, Mykolas Olševskis und Stanislovas Čerskis „den noch lebenden gottesfürchtigen Schriftsteller, den Herrn Jurgis Embraziejus Pabrėža“ auf (es heißt, er sei in der Pfarrei Skuodas geboren) und widmete ihm mehr Platz als jedem anderen. Hier wird Pabrėža als Prediger besonders hervorgehoben („Die Menschen hören seinen Predigten wie denen eines Apostels mit größter Aufmerksamkeit zu und ziehen großen Nutzen daraus“)2 sowie als Botaniker („Pater Pabrėža kennt jedes Kräutlein, das in unserer Gegend wächst, kennt Namen und Familiennamen eines jeden und weiß auch, wozu jedes einzelne taugt“3); eine beträchtliche Anzahl seiner Werke und sonstigen Verdienste wird aufgezählt. Am Ende heißt es: „Dieser Ordensmann kommt mit seiner unermüdlichen Arbeit niemals zu Ende. Kaum hat er die Gebete verrichtet und die übrigen anstehenden Pflichten erledigt, schreibt er Tag für Tag. Verlängere, Gott, seine Lebenszeit und gewähre ihm einen reichen Gönner, der die von ihm geschriebenen Bücher drucken und den Menschen bekannt machen lässt!“4 Leider fand sich weder damals noch in den 146 Jahren seit dem Tod J. A. Pabrėžas ein solcher Gönner. Daher wurde nur wenig veröffentlicht – vor allem das auf Betreiben von M. Valančius herausgegebene religiöse Büchlein „Parakratimą tan saužinės“ (1849; eine fingierte Ausgabe, daher ist das Jahr nicht authentisch) sowie in Amerika in der Zeitschrift „Dirva“ im Jahr 1900 und mit Mitteln der S. Daukantas-Literaturgesellschaft als Separatdruck ein Teil des botanischen Werks „Botanika arba taislius auguminis“. Kleinere Beiträge erschienen in verschiedenen Publikationen. Gražiai J. A. Pabrėžą apibūdino ir kitas amžininkas Liudvikas Adomas Jucevičius (1813–1846), 1841 m. pažymėtame rankraštyje “Biografinės ir literatūrinės žinios apie mokytus žemaičius <...>” rašydamas: “Tai puikus žemaičių kalbos ir senovės žinovas, be to, talentingas pamokslininkas, tačiau ypatingai jis domisi botanika ir jau yra parašęs lietuvių kalba to dalyko knygą paprastiems žmonėms naudotis”5. 2 Valančius M. Raštai. V.: Vaga, 1972. T. 2. P. 274. 3 Ebenda. S. 275. 4 Ebenda. 5 Jucevičius L. Mokyti žemaičiai / Reng. M. Lukšienė, V. Raudeliūnas. V.: Vaga, 1975. P. 112. 80 Alle Arbeiten und Pflichten hat Priester J. A. Pabrėža gewissenhaft, mit Hingabe und, daran ist kaum zu zweifeln, wo es nötig war, schöpferisch ausgeführt. Davon zeugen die Fülle seiner Handschriften sowie die große Liebe und Achtung der Menschen. Pabrėža wirkte unter den Menschen, mit den Menschen und für die Menschen; deshalb war er ihnen ein sehr wichtiger und geschätzter Mensch und Geistlicher. Davon zeugen zweifellos die nicht erfundenen Schlangen vor dem Beichtstuhl, die zahlreichen Predigthörer, die sogar aus entfernteren Pfarreien herbeiströmten (und er selbst reiste bei seinen Predigten weit von Kirche zu Kirche), sowie die nicht minder langen Schlangen von Kranken und auch nur Unwohlseinden in seinem Wartezimmer. Wie ernst er seine Arbeit nahm und wie verantwortungsbewusst er war, zeigt überzeugend, dass er sich jeder Aufgabe mit Hingabe widmete und auf sie vorbereitete. Jede Predigt wurde gründlich durchdacht, niedergeschrieben und vieles auswendig gelernt. Als er seine Lehrtätigkeit an der Schule des Klosters Kretinga aufnahm, erarbeitete er für die Schüler Lehrmaterialien und wurde wohl zum ersten Verfasser eines litauischen Geografielehrbuchs. Um sich um die körperliche Gesundheit der Menschen zu kümmern, studierte er botanische und medizinische Literatur und untersuchte Pflanzen. Und was ist mit den zahlreichen Pflichten eines Pfarrpriesters und später eines Mönchs... Ach, wie selten sind solche Menschen, und wie sehr fehlen sie Litauen! Die Unvergessenen vergangener Jahrhunderte stellt sich der Mensch von heute oft als statuenhafte Gestalten vor, die auf Sockel oder Altäre gehoben wurden. Als wären es Menschen ohne Alltag, dessen Pflichten und Sorgen, ohne irdische Wünsche, Sehnsüchte und Sünden. Und sogar ohne Gefühle und Leben. Ihr aller Leben scheint gleich: Sie wurden geboren, lernten, arbeiteten, schrieben und gingen schließlich in die Ewigkeit ein. Doch was waren das für Menschen? Vielleicht ließe sich zumindest ein kleines Stück davon erkennen oder wenigstens erahnen, wenn man ihre Werke aufmerksam liest und erforscht. Doch forschen muss jeder selbst – Untersuchungen dieser Art, in denen man versucht, aus Werken und Texten auf Charakterzüge und psychologische Eigenheiten des Autors zu schließen, gibt es wohl kaum. Und schließlich: Lässt sich aus diesen Texten überhaupt alles herauslesen? Was für ein Mensch war Jurgis Ambraziejus Pabrėža? „Von eher kleiner Statur, dunkelhaarig (=juodbruvys), immer sehr heiter, sang gern“, so berichtet Vaižgantas6. Und weiter: „An Feiertagen hielt er unendlich schöne Predigten“7. Beides sind wohl Erinnerungen von Menschen, 6 Vaizganto Raštai. T. 11. P. 69. 7 Ten pat. 81 denn der Schriftsteller selbst hatte Pabrėža weder gesehen noch gehört und konnte ihn auch nicht sehen oder hören. Ein schönes Bild schließlich: Umgeben von einer Kinderschar geht er über Felder, durch Wälder und an Flussufern entlang und sammelt Pflanzen. Hier zeigen sich die Sorgen eines Wissenschaftlers und Arztes für die Menschen. Doch was sagen die recht zahlreichen erhaltenen „Vorsätze“ über ihn aus? Zeigen sie, dass er sich von den Gemeindemitgliedern fernhielt und zurückgezogen, in Betrachtungen und Grübeleien versunken lebte (vgl. „Nicht zu den Gemeindemitgliedern gehen und sie nicht besuchen“,8, „Mit jedem nur so viel sprechen, wie unbedingt nötig“9, „Die Welt meiden“10, „Der Welt sterben, indem man all ihre Eitelkeiten, Vergnügungen und Unbeständigkeiten verachtet“11 und anderes)? Oder nahm sich der junge Priester, obwohl heiteren Gemüts und den Menschen zugeneigt und zugetan, lediglich vor, solche Begegnungen einzuschränken, damit mehr Zeit blieb, sich auf die großen Aufgaben der priesterlichen und wissenschaftlichen Berufung vorzubereiten und sie zu erfüllen? Denn dieselben Vorsätze zeugen auch von seiner beständigen Sorge um die Menschen und seiner Achtung vor ihnen: „Nenne niemanden, besonders nicht die Armen und die Dienstboten <...>“12, „In den Predigten Grobheiten vermeiden“13, „Im Beichtstuhl nicht murren und die Menschen nicht zurechtweisen“14, „Ein Priester muss offen sein, stets ein ruhiges Gesicht haben und im Umgang mit den Menschen freundlich sein. <...> Allen gemeinsam und jedem Einzelnen ein guter Vater und Bruder sein“15. J. A. Pabrėža kannte das Leben der Menschen gut. Seine Predigten enthalten zahlreiche Einzelheiten zum Verhalten und zur Kleidung der Menschen. Woher konnte er sie kennen? Außerdem meiden die Menschen denjenigen, der sich von ihnen fernhält. Zu Pabrėža und in seine Nähe strömten die Menschen in Scharen. Offenbar enttäuschte er sie nicht. Er dürfte gern Umgang mit ihnen gepflegt haben. Dafür sprechen auch seine weitreichenden Verbindungen zur damaligen žemaitischen und nicht nur zu dieser gebildeten Schicht sowie seine freundschaftlichen Beziehungen zu Menschen in höheren Positionen. Sonst hätte er wohl kaum die Randbemerkung an den erwähnten J. K. Gintila in einem so scherzhaften Stil verfasst: „Bõwa pri musõ hoc anno No- 8 Kun. J. Pabrėžos dienotvarkė ir ryžtai Raudėnuose // Gidžiūnas V. Jurgis Ambraziejus Pabrėža (1771 – 1849). Roma – Vilnius, 1994. P. 233. 9 Ryžtai, daryti 1800 m. gale // Ten pat. P. 237. 10 Ryžtai, daryti Tveruose 1801 m. // Ten pat. P. 239. 11 Ryžtai, padaryti Kartenoje 1809 m. // Ten pat. P. 243. 12 Kiti ryžtai, daryti 1800 m. // Ten pat. P. 236. 13 Ryžtai, daryti Tveruose 1801 m. // Ten pat. P. 238. 14 Ryžtai, padaryti Plungėje 1802 m. // Ten pat. P. 239. 15 Ryžtai, padaryti Plungėje 1806 m. // Ten pat. P. 242. 82 bilis Juvenis nannten Jomiiesta Pons Symóns Dawkąts: hic atsytoolindams a nobis ku S. Pieters Burg mnogo spopondit, ut primum hanc urbem advienet, sieyczas pas mus paraszik. – Aber wenn er nicht an irgendeiner Krankheit leidet oder ihm unterwegs nichts zugestoßen ist oder er sich nicht etwa in der Schwatzkammer zu einer Rekollektion niedergelassen hat, o? quam valde hreszny. Denn schon zum vierten Mal ist ein Monat vergangen, und er hat noch nicht einmal von seinem Aufenthalt geschrieben. Quid hic de hocce Juvenę dumare? O? per multum mendax? Wenn wir mit ihm sprechen könnten, würden wir Euch auffordern, ihn wegen dieses schlimmsten Vergehens zu ermahnen und ihm gut zuzusetzen”¹⁶. Wohl nicht ohne Grund findet sich hier diese Mischung aus drei Sprachen. Das könnte ein Abbild des Jargons der gelehrten Leute jener Zeit, darunter auch der Geistlichen, sein. Aber welch schöner, spielerischer Stil! Der Stilist Pater J. A. Pabrėža war bedeutend. Seine Predigten sind wirklich erstaunlich und auch heute lesenswert. In ihnen atmet die lebendige Sprache der Küsten-Schemaiten vom Ende des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Mit dem Schicksal lässt sich nicht spielen. Diese erhalten gebliebenen, vor 150–200 Jahren verfassten Predigten (dieses Jahr sind genau 200 Jahre vergangen, seit J. Pabrėža in Varniai zum Priester geweiht wurde) müssen als eines der größten Denkmäler der schemaitischen Sprache und als wertvollste Quelle für das Leben und die Bräuche der Menschen jener Zeit endlich gesammelt und gedruckt werden. Dann würde Pabrėža für unsere Kultur den Verfassern oder Herausgebern der alten Predigtsammlungen (Postillen) in nichts nachstehen. Als Lehrer, als Heiler der Menschen und als Sammler, Erforscher und Beschreiber von Pflanzen leistete J. A. Pabrėža zugleich auch bedeutende sprachliche Arbeit. Er war ein großer Liebhaber seiner Heimat. Daher bemühte er sich, bei sorgfältigem Studium all dessen, was er an Neuem vorfand, dieses zusammen mit seinen Beobachtungen und den Ergebnissen seiner Forschungen in der Muttersprache darzustellen. Zu diesem Zweck entwickelte er eine Schreibweise, die die schemaitische Prosodie wiedergab¹⁷. In einem weiteren Brief an J. K. Gintila (20. März 1835 verteidigte J. A. Pabrėža die von ihm geschaffenen Pflanzennamen, seine Schreibweise sowie sein Recht und die Notwendigkeit, dies selbstständig zu tun 16 Briefe von J. A. Pabrėža an Pater J. K. Gintila // Ebenda. S. 263. 17 In einem Brief an J. K. Gintila vom 19. Oktober 1834 schrieb Pabrėža dazu: “<…> dort hat der schemaitische Pólglowek in seine Orthographie doppelte Vokale aufgenommen, und zwar um in schemaitischen Wörtern die Prosodie dieser Sprache zu zeigen, die nicht nur für die Glieder des Klerus unentbehrlich, sondern auch für die Landsleute selbst sehr nützlich ist <…>” (Ebenda. S. 263). 83 d.) rief: “Niech sobie Grecy będą ze swojemi literami i ich brzmieniem Grekami: a Žmudžini Žmudžinami” (Die Griechen mögen mit ihren Buchstaben und deren Lautung Griechen sein, die Schemaiten aber Schemaiten)18. Und drei Jahre später, am 9. Oktober 1838, schrieb er an denselben Adressaten, dass die Priester der Dekanate des Bistums Schemaitien, die Litauen nahestehen, meinten, die Schemaiten müssten nicht nur auf Litauisch schreiben und sprechen, sondern auch atmen; gleich darauf fügt er hinzu: “Niech będzie Litwa Litwą: mieszanyć mieszańcami: a Žmudžini Žmudžinami” (Litauen bleibe Litauen, die Mischlinge Mischlinge, und die Schemaiten Schemaiten)19. J. A. Pabrėža wirkte sein ganzes Leben unter den Schemaiten, mit den Schemaiten und für die Schemaiten. Er muss ein großer Mann gewesen sein, ein wahrer Held Schemaitiens, einer der großen Patrioten dieses Landes. J. A. Pabrėža arbeitete sehr viel und hingebungsvoll als Priester, als Mönch und als Wissenschaftler. „Auf Schemaitisch schrieb er mehr als alle anderen Schriftsteller der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusammen – vielleicht mit Ausnahme eines einzigen, S. Daukantas“, diese Einschätzung seines Biografen V. Gidžiūnas20 ist zweifellos übertrieben. Wahr ist jedoch, dass das Nachlasswerk von Pabrėžas Manuskripten auch heute noch, nachdem die Zeit ihm bereits stark zugesetzt hat, beeindruckend bleibt. 1939, neunzig Jahre nach seinem Tod, schrieb man: „Unsere Wissenschaftler könnten von ihm Planmäßigkeit, Sorgfalt und Arbeitsfreude lernen; den Arbeitern und Literaten würden seine Anteilnahme und seine Bemühungen um die schemaitische Sprache und Orthographie Eindruck machen, und die Geistlichen müssten, nachdem sie auch nur eine seiner Predigten gelesen hätten, angesichts der Leere und mangelnden Aktualität der heutigen Predigten erröten“21. In der von Nijolė Kišūnienė zusammengestellten Bibliografie zu J. A. Pabrėža22 sind alle erhaltenen und anderweitig bekannten, von jemandem erwähnten Werke dieses Mannes gesammelt. Aufgeführt sind 107 von Pabrėža verfasste Arbeiten, von denen 8 veröffentlicht wurden (zu Lebzeiten nur vier Gedichte!). Die Manuskripte umfassen die Bereiche Geografie (1), Botanik (19), Medizin (17) und Religion (18). „Lie- 18 Ebenda. S. 265. 19 Ebenda. S. 270. 20 Ebenda. S. 214. 21 Povilionis J. K. Ambraziejaus Pabrėžos pamokslų stilius // Dienovidis. 1939. Nr. 3. P. 122. 22 Kišūnienė N. J. Pabrėžos bibliografija // Jurgis Pabrėža (1771 – 1849). V.: Mintis, 1972. P. 95 – 107. 84 In der litauischen Enzyklopädie heißt es, Pabrėža habe 250 Predigttexte hinterlassen, die 3104 Seiten umfassen23. Die übrigen 44 Nachlassstücke aus den Handschriften (107–8–55) sind Schriftstücke zu verschiedenen Anliegen, Exzerpte, handschriftliche Fragmente und Briefe (einiges davon ist auf Polnisch verfasst). Leider ist ein beträchtlicher Teil von Pabrėžas Handschriften verschwunden, vielleicht sogar für immer verloren. Schicksal und Menschen sind dem Erbe dieses fleißigen Samogiten gegenüber äußerst unbarmherzig gewesen und sind es noch immer. Nicht besser erging es dem von J. A. Pabrėža zusammengetragenen und geordneten Herbarium, von dem wohl nur ein Sechstel (etwa 150 Blätter) unsere Zeit in Litauen erreicht hat. Das belegen die von R. Jankevičienė und Ž. Lazdauskaitė veröffentlichten Angaben24. Der größte Teil dieser einzigartigen Pflanzensammlung aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wurde verantwortungslos verteilt, herumtransportiert und nicht zurückgegeben – und ist damit verloren. Zum zweihundertfünfundzwanzigsten Geburtstag von J. A. Pabrėža durfte seine Heimat endlich eine ihm gewidmete Monografie begrüßen – das Buch von Viktoras Gidžiūnas „Jurgis Ambraziejus Pabrėža (1771–1849)“, das 1993 in Rom unter der Schirmherrschaft der Litauischen Katholischen Akademie der Wissenschaften erschien25. Hundert Seiten des Buches sind Pabrėžas Leben gewidmet (der erste Teil „Pabrėžas Person und sein Apostolat“), weitere hundert der Untersuchung seiner Predigten (der zweite Teil „Die Gemeinden Samogitiens in Pabrėžas Predigten“). Sehr wertvoll sind die Anhänge des Buches, in denen eine Predigt, die Gelübde des Priesters, ein paar Gedichte, Testamente, ein Bündel Briefe, ein Predigtverzeichnis und noch einige weitere Dokumente veröffentlicht sind. Leider hatte unser großer Unvergessener auch diesmal kein Glück – so viel konnte der Buchautor selbst noch leisten. Die wenigen von I. Vaišvilaitė niedergeschriebenen Seiten aus dem von V. Gidžiūnas zusammengetragenen Material, den Notizen und Entwürfen zum dritten Teil („Pabrėža – Wissenschaftler, Arzt und Frommer“) gewähren lediglich einen zaghaften Blick auf das für die Geschichte der litauischen Wissenschaft bedeutsamste Tätigkeitsfeld Pabrėžas und einen Teil seines Nachlasses. Dieses Feld war allerdings schon viel früher eingehend erforscht worden – in dem 1972 vom Botanischen Institut herausgegebenen Buch „Jurgis Pabrėža (1771–1849)“. 23 Litauische Enzyklopädie. [Boston, 1960]. Bd. 21. S. 303–304. 24 Jankevičienė R., Lazdauskaitė Ž. Das erhaltene Herbarium höherer Pflanzen von J. Pabrėža // Jurgis Pabrėža (1771–1849). S. 26–27. 25 Leider gibt es in diesem interessanten Buch recht viele sprachliche Mängel. 85 Im Buch wird J. A. Pabrėža ausführlich als Mensch und insbesondere als Priester und Mönch dargestellt. Er war ein sehr rechtschaffener, ehrlicher und pflichtbewusster Mensch. Er sorgte sich nicht um sich selbst, nicht um höhere Ämter oder ein besseres eigenes Leben, sondern um die geistige und körperliche Gesundheit der Menschen dieser Erde, mit denen er gemeinsam die Wege des Lebens gehen sollte. Sein ganzes Leben, sich selbst ganz und gar, gab er den anderen hin. Nach einer solchen Darstellung überrascht es nicht, dass der Autor des besprochenen Buches, V. Gidžiūnas, in der „Litauischen Enzyklopädie“ schreibt, J. A. Pabrėža „besitze alle jene Eigenschaften, die die Kirche für die Seligsprechung verlangt“26. Es ist sehr, sehr bedauerlich, dass sich noch immer niemand findet, der J. A. Pabrėža gründlich als Wissenschaftler, als Schöpfer der litauischen Wissenschaftssprache und als Heiler der Menschen erforschen und beschreiben würde. Auch heute kann man ebenso wie vor einem Dutzend oder mehreren Dutzend Jahren zu Recht wiederholen, dass seine Arbeiten weiterhin eine wichtige Quelle für die Wissenschaft, die Terminologie und die Sprache im Allgemeinen darstellen, denn er war der Erste, der bewusst und systematisch auf Litauisch Termini schuf und sich dessen auch bewusst war. Als Erster formulierte er die Grundsätze für die Bildung der litauischen wissenschaftlichen Terminologie und hob besonders die Bedeutung der lebendigen Sprache für diesen Zweck hervor. Schließlich begann er als Erster, litauische Terminologiewörterbücher zu verfassen. Allerdings tat Pabrėža all dies auf Samogitisch, wobei er sich seiner samogitischen Identität deutlich bewusst war und sie betonte. In den „Anmerkungen zur Erstellung einer echten Flora Samogitiens“ („Uwagį tyczące się ułożenia doskonałey Flory Żmudzkiey. Miłośnikom Flory Żmudzkiey i znawcom języka żmudzkiego, poświęcone“) erläuterte er ausführlich, dass ein wahrer Botaniker Samogitiens die Pflanzennamen selbst sammeln müsse, insbesondere bei alten Frauen und Kräuterkundigen; er müsse sie nicht nur in seiner eigenen Gemeinde oder Umgebung, sondern in ganz Samogitien und ganz Litauen sammeln, herausfinden, welche Pflanzen wo unter welchem Namen bekannt seien, und auf der Grundlage eingehender Untersuchungen die passendsten Namen auswählen27. 26 Litauische Enzyklopädie. Bd. 21. S. 304. Übrigens war nach den Worten von V. Biržiška schon vor dem Zweiten Weltkrieg der Gedanke aufgekommen, sich dafür einzusetzen, dass Pabrėža seliggesprochen werde (siehe: Biržiška V. Aleksandrynas. Chicago, 1963. Bd. 2. S. 311). Doch offenbar glaubt man oder möchte den Eindruck erwecken und aufrechterhalten, dass auch bei Gott die Vornehmen und höheren Geistlichen leichter einen Platz finden als einfache Priester oder gar Beichtväter. 27 Iš Pabrėžos nespausdintų botanikos raštų // Kosmos. K., 1923. Sąs. 2. P. 183 – 184. 86 Eine sorgfältige und gründliche Untersuchung verdient auch die Sprache J. A. Pabrėžas selbst: Sie vermag die lebendige Mundart der Küstenschamaiten vom Ende des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts recht gut widerzuspiegeln und ist zugleich sorgfältig ausgefeilt, anmutig und harmonisch-rhythmisch dahinfließend wie die nahe Schamaitische See, die bald ruhig rauscht, bald wild brandet. Pabrėžas Predigten sind eine wunderbare Verbindung von Redekunst und lebendiger Sprache, Werke eines wahren Meisters des Wortes. Auch die Sprache seiner übrigen Schriften ist vortrefflich. Den lebendigen Sprachfluss wollte Pabrėža auch mit seiner Schreibweise wiedergeben. In Briefen an J. K. Gintila erörterte er wiederholt verschiedene Fragen seiner Orthographie und betonte, dass „man am besten so schreibt, wie man spricht“28. In seiner Auffassung von Schriftsprache unterschied sich J. A. Pabrėža wohl deutlich von seinem jüngeren Freund S. Daukantas. Dieser begann mit der Zeit, sich an alle Litauer anzupassen, vielleicht bisweilen in der Hoffnung, seiner Küstenschamaitischen Mundart so den Weg zur Durchsetzung als litauische Standardsprache zu erleichtern, vielleicht aber eher, indem er sich der Tradition von Schriften fügte, die auf Grundlage anderer Mundarten verfasst waren. Pabrėža hingegen dürfte in seinen zahlreichen Schriften bemüht gewesen sein, seine eigene, eben jene Küstenschamaitische Sprache so unverfälscht wie möglich zu bewahren (beide, er und Daukantas, stammten aus derselben Pfarrei Lenkiemai). Als verlässliches Sprachdenkmal jener Zeit sind Pabrėžas Schriften deshalb von unschätzbarem Wert – leider hat man sie bislang nicht gewürdigt und angemessen eingeschätzt. Zweifellos hatte J. A. Pabrėža weitaus bessere Möglichkeiten als S. Daukantas, die lebendige heimische Mundart zu bewahren. Denn fast sein ganzes Leben verbrachte er in Schamaiten (mit Ausnahme einiger Studienjahre in Vilnius) und den größten Teil davon im Umfeld seiner heimischen Mundart; unter den verschiedensten Umständen stand er ständig mit Menschen in Kontakt, die gar nicht anders zu sprechen wussten. Doch die Menschen schaffen sich ihre Bedingungen gewöhnlich selbst. Pabrėža richtete sein Leben so ein, dass er stets unter den Schamaiten sein konnte – nicht als irgendein Beamter oder von den Menschen losgelöster Mensch, sondern als einfacher, herzlicher und fürsorglicher Arzt ihrer Seelen und Leiber. Er verstand die Menschen, und die Menschen verstanden ihn. Die Menschen verstanden Jurgis Ambraziejus Pabrėža und haben ihn nicht vergessen. Die Blumen an seinem Grab verwelken nicht, und der Weg dorthin wächst nicht zu. Die Menschen gehen sogar auf Knien um das Grab herum und bitten um Hilfe bei ihren Krankheiten und den Sorgen des Lebens- 28Briefe von J. A. Pabrėža an Pfarrer J. K. Gintila // Gidžiūnas V. Min. veik. S. 264. 87 s, denn „seit unvordenklichen Zeiten gilt Vater Ambraziejus in der Bevölkerung der Umgebung von Kretinga als heilig“29. So wollte auch er sein: In der Mitte seines Lebens, als er 1806 in Plungė als Vikar wirkte, entschloss er sich, heilig und untadelig zu sein – heilig an Seele und Leib, in seiner Lebensführung, seinem Vorbild, seiner Gelehrsamkeit und seinen lobenswerten Taten30. Die Ehre, ein heiliger Mensch zu sein, verliehen J. A. Pabrėža die Herzen seiner geliebten Schamaiten; seit einem Jahrhundert halten deren Kinder und Enkel daran fest. Seine Vollkommenheit wurde erst nach seinem Tod am deutlichsten sichtbar. 29 Pater Placidas Barius, OFM. Erläuterung des Provinzials // Ebenda. S. XIII. 30 Entschlüsse, gefasst in Plungė im Jahr 1806 // Ebenda. S. 241. 88