scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

The seven pillars of terminology

Heribert Pich

Full text

Die sieben Säulen der Terminologie HERIBERT PICHT 1. E I N L E I T U N G Ausgehend von der Annahme, dass eines der übergeordneten Ziele der Terminologie der systematische Wissenstransfer ist, lassen sich die ersten drei Säulen durch die Wörter „systematisch“, „Wissen“ und „Transfer“ darstellen. Dies lässt sich folgendermaßen veranschaulichen: Fig. 1 Obwohl diese drei Säulen von entscheidender Bedeutung sind und als tragende Elemente jedes terminologischen Vorhabens gelten, sei es theoretischer oder angewandter Art, fehlt noch eine vierte Säule, die „terminologischen Arbeitsmethoden“, die hinzugefügt werden muss. Ein wichtiger Teil des Terminologietransfers ist die Erfassung und Verbreitung, die beide in Abbildung 1 nicht berücksichtigt werden; daher müssen wir eine fünfte Säule hinzufügen – die Terminographie. Die sechste Säule – unverzichtbar für die Verbreitung von Wissen über Terminologie – ist der Aus- und Weiterbildung in Terminologie gewidmet. Das „Gebäude“ der Terminologie wäre jedoch unvollständig, wenn wir den umfangreichen Bereich der Entwicklung und Anwendung von Terminologie im breiten Kontext der beruflichen Kommunikation außer Acht ließen. Diese siebte Säule umfasst eine Reihe scheinbar heterogener Tätigkeiten und weiterer Aspekte; 8 Heribert Picht | The seven pillars of terminology Dennoch spielen sie alle zusammen eine wichtige Rolle in der fachlichen Kommunikation und im Wissenstransfer oder ermöglichen diese sogar erst. Im Folgenden wollen wir versuchen, tiefer in den Inhalt der sieben Säulen einzudringen. 2. GEGENSTAND UND BEGRIFF Seit Beginn der wissenschaftlichen Terminologieforschung standen Gegenstände und insbesondere Begriffe im Zentrum des terminologischen Ansatzes, was sich in der terminologischen Literatur und nicht zuletzt in den grundlegenden terminologischen Normen auf nationaler und internationaler Ebene deutlich widerspiegelt. Wüster (1959/60 (2001: 22) hat den Gegenstand folgendermaßen definiert: Alles, worauf sich so das Denken eines Menschen richtet oder richten kann, heißt im philosophischen Sprachgebrauch “Gegenstand”. Auch Sachverhalte sind Gegenstände in diesem Sinne. ISO 1087-1:2000 lautet: Gegenstand: alles Wahrnehmbare oder Denkbare. Anmerkung: Gegenstände können materiell sein (z. B. ein Motor, ein Blatt Papier, ein Diamant), immateriell (z. B. ein Umrechnungsverhältnis, ein Projektplan) oder imaginär (z. B. ein Einhorn). Ausführlichere Informationen finden sich in ISO 704:2000: Für die Zwecke dieser Internationalen Norm wird ein Gegenstand als alles definiert, was wahrgenommen oder gedacht wird. Einige Gegenstände, konkrete Gegenstände wie eine Maschine, ein Diamant oder ein Fluss, sind als materiell zu betrachten; andere Gegenstände sind als immateriell oder abstrakt zu betrachten, wie etwa jede Manifestation der Finanzplanung, die Schwerkraft, die Fließfähigkeit oder ein Umrechnungsverhältnis; wieder andere sind als rein imaginär zu betrachten, zum Beispiel ein Einhorn, ein Stein der Weisen oder eine literarische Figur. Im Zuge der Erarbeitung einer Terminologie liegen philosophische Diskussionen darüber, ob ein Gegenstand tatsächlich in der Realität existiert, außerhalb des Anwendungsbereichs dieser Internationalen Norm und sind zu vermeiden. Es wird davon ausgegangen, dass Gegenstände existieren; die Aufmerksamkeit ist darauf zu richten, wie man mit Gegenständen zum Zweck der Kommunikation umgeht. A more extended view of the object is presented among others by Budin (1994: 203-208) and Picht (2003: 154-159; 2008: 91-97) where it is argued Terminologija | 2009 | 16 9 dass das Objekt als Wissenseinheit betrachtet werden sollte. Insbesondere in bestimmten Fachgebieten wie Geschichte und Archäologie stellen Objekte eine beträchtliche Anzahl von Wissenseinheiten dar und sind als solche für die Terminologie von Interesse. In Bezug auf den Begriff war die wissenschaftliche Diskussion wesentlich intensiver. Drei Ansätze lassen sich unterscheiden: Der Begriff als eine • Denkeinheit (eine unpassende Übersetzung des deutschen „Denkeinheit“, da der Denkprozess in der englischen Übersetzung nicht wiedergegeben wird); • Wissenseinheit; • Kognitionseinheit. Unter anderem wurden folgende Definitionen des Begriffs als Denkeinheit vorgeschlagen: Wüster (1979: 7): Der Begriff ist somit ein Element eines Denkprozesses. Der Begriff ist so ein Denkelement. ISO 1087:1990: Eine Denkeinheit, die durch Abstraktion auf der Grundlage von Eigenschaften gebildet wird, die einer Menge von Objekten gemeinsam sind. Es wurde argumentiert, dass der Begriff als Einheit eines Denkprozesses notwendigerweise individuell geprägt sein muss und daher keine allgemeingültige Widerspiegelung der anerkannten Auffassung einer Fachgemeinschaft sein kann (siehe Dahlberg 1985 und Picht 2004). Die folgende Definition des Begriffs als Denkeinheit wird vorgeschlagen: Ein Begriff wird durch die individuellen Vorstellungen und das Wissen des Denkenden konstituiert; die konstituierenden Wissens- und Vorstellungselemente müssen nicht notwendigerweise einer intersubjektiven Prüfung unterzogen worden sein und können fehlerhaft sein; sein Lebenszyklus hängt von den kognitiven Veränderungen ab, die sich im Denken des Denkenden vollziehen. The concept as a unit of knowledge has been introduced by Dahlberg (1985: 140). She claims: 10 Heribert Picht | The seven pillars of terminology Der Begriff ist eine Wissenseinheit, die in sprachlicher Form die nachweisbaren, notwendigen Prädikationen über ein bestimmtes Objekt umfasst. Begriff ist eine Wissenseinheit, die überprüfbaren, notwendigen Aussagen über einen ausgewählten Gegenstand in einer sprachlichen Form zusammenfasst. Die neueste Fassung der ISO 1087-1:2000 lautet: Begriff: Wissenseinheit, die durch eine einzigartige Kombination von Merkmalen geschaffen wird. Unserer Auffassung nach ist diese ISO-Definition recht wissensarm und erfasst nur einen Teil der Informationen, die für den zu definierenden Begriff relevant sind. Daher schlagen wir folgende Definition vor: Ein Begriff wird durch alle Merkmale (Wissensbausteine) konstituiert, die von einer Fachgemeinschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt intersubjektiv anerkannt und vereinbart wurden; er hat einen durch die Dynamik der Kognition bestimmten Lebenszyklus. Zusätzlich zu den obigen Definitionen kann der Begriff als eine Kognitionseinheit. betrachtet werden. Während der Begriff als Wissenseinheit während seines Lebenszyklus mehr oder weniger stabil ist und die Denkeinheit je nach Denkendem und dessen Wissen zu einem bestimmten Zeitpunkt variiert, ist der Begriff als Kognitionseinheit im Moment begrifflicher Veränderungen infolge der Weiterentwicklung unseres Wissens relevant. Daher schlagen wir folgende Definition vor: Begriff als Kognitionseinheit: Wissenseinheit, deren Lebenszyklus abgeschlossen ist und die daher einer Veränderung einer bestimmten Anzahl von Merkmalen entsprechend der Dynamik der Kognition unterliegt; das Ergebnis ist eine neue und unabhängige Wissenseinheit. Es ist offensichtlich, dass nur der Begriff als Wissenseinheit Gegenstand der Speicherung in einer terminologischen Datenbank sein kann. 3. ARTEN DER DARSTELLUNG VON OBJEKTEN UND BEGRIFFEN Abgesehen von materiellen Objekten, die sich durch ihre materielle Erscheinung selbst darstellen können, benötigen alle anderen Arten von Objekten und alle Begriffe ein Zeichen als kommunikatives Kommunikationsmittel. Die ISO-Norm 1087-1:2000 definiert „Benennung“ wie folgt: Terminologija | 2009 | 16 11 Darstellung eines Begriffs durch ein Zeichen, das ihn bezeichnet. Anmerkung: In der Terminologiearbeit werden drei Arten von Benennungen unterschieden: Symbole, Appellationen (Namen) und Termini. Diese Definition ist nicht falsch, aber zu restriktiv und enthält darüber hinaus einen Widerspruch. Erstens werden nicht nur Begriffe durch ein Zeichen dargestellt. Zweitens ist die Liste der Benennungen in der Anmerkung keineswegs vollständig und enthält außerdem „Appellationen (Namen)“, die normalerweise Objekte bezeichnen. Darstellungsformen für Objekte und Begriffe sind in Figure 2 dargestellt. Fig. 2 Zu den nichtverbalen Darstellungen zählen außerdem Zeichen, die über den Hör-, Geruchs- und Geschmackssinn wahrgenommen werden, z. B. ein Warnsignal beim Schließen der Zugtüren, ein dem Gas zugesetzter Stoff, damit es wahrnehmbar wird, und Brennspiritus. Weitere Einzelheiten siehe Laurén, Myking, Picht (2008: 109f). Offensichtlich ist der Terminus mit Abstand die häufigste verbale Darstellung eines Begriffs. Es gibt jedoch Fälle, z. B. in der Architektur, Anatomie und verschiedenen technischen Disziplinen, in denen eine Zeichnung die vorherrschende Art der 12 Heribert Picht | The seven pillars of terminology Darstellung. Eine Zeichnung kann sogar vorgeschrieben sein, beispielsweise bei der Beantragung einer Baugenehmigung. Definitionen und Erläuterungen sind unverzichtbar, wenn der Inhalt (die Intension) eines Begriffs vermittelt, verdeutlicht oder sogar festgelegt werden muss, z. B. in einer Norm oder in einer streng kontrollierten Sprache, wie etwa bei der Kommunikation im Luftverkehr. Beschreibungen sollten nur für Gegenstände verwendet werden. Da auch Personen und Ereignisse Gegenstände sind, erscheint es seltsam, eine Person wie Einstein oder ein Ereignis wie den Untergang der Titanic zu definieren. Sie können beschrieben werden, und diese Beschreibungen enthalten sehr häufig Zeit- und Raumangaben, die in einer Definition fehlen. Ebenso wichtig sind fachsprachliche Wendungen (de ‘Fachwendung’), z. B. ‘to draw a bill’ (einen Wechsel ausstellen). Auch diese Konstruktionen sind Begriffsrepräsentationen, denn ein Begriff kann in einer Sprache auf diese Weise und in einer anderen durch einen normalen Terminus repräsentiert werden; außerdem kann er definiert werden. Charakteristisch ist, dass das Verb nicht ersetzt werden kann, ohne den bezeichneten Begriff zu verändern. Zudem lassen sich diese Wendungen nicht Wort für Wort übersetzen, z. B. Englisch: ‘to die intestate’ → Deutsch: ‘ohne Hinterlassung eines Testaments sterben’. Diese Konstruktionen können als Termini sui generis charakterisiert und als solche in einer Terminologiedatenbank behandelt werden. Symbole und Formeln können je nachdem, ob sie in einem mündlichen oder schriftlichen Text verwendet werden, in verbalen und nonverbalen Repräsentationen auftreten; so muss etwa das Zeichen ‘%’ in einer Rede oder einer Verdolmetschung ausgesprochen werden, und eine Formel wie NaCl kann in einem mündlichen Text beide Repräsentationsformen aufweisen. Notationen können sowohl für Gegenstände verwendet werden, z. B. in einem Museumskatalog, als auch für Begriffe in einer Klassifikation, z. B. der UDC. 4. SYSTEMATISIERUNG UND WISSENSORDNUNG Die ersten beiden Säulen lieferten kognitives und kommunikatives Material auf Begriffs- und Gegenstandsebene. Dies lässt sich mit atomisiertem Wissen vergleichen, in dem keine Beziehungen zwischen den Entitäten erkennbar sind. Um eine höhere Ebene begrifflich kohärenten Wissens zu erreichen, ist eine Systematisierung oder Ordnung unerlässlich. Schon sehr früh in der historischen Entwicklung der Terminologie als Wissensgebiet wurde die Notwendigkeit erkannt, Begriffe zu ordnen. Schlomann hatte bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts systematisch geordnete Wörterbücher in technischen Fachgebieten erarbeitet. Wüster hat sich in mehreren Arbeiten Terminologija | 2009 | 16 13 schuf einen kohärenten theoretischen Rahmen für die begriffliche Ordnung. Die Systematisierung von Begriffen ist heute ein unverzichtbarer Bestandteil der Terminologiewissenschaft und der Terminologiearbeit. Die Grundlage jeder begrifflichen Ordnung sind die Beziehungen, die zwischen Begriffen bestehen können. Beziehungen können logisch oder ontologisch sein. Erstere beruhen auf der Ähnlichkeit von Begriffen; alle untergeordneten Begriffe eines übergeordneten Begriffs enthalten/erben die gesamte Intension des übergeordneten Begriffs; die Spezifizierung wird durch mindestens ein weiteres Merkmal hinzugefügt. Die Untergliederung auf einer bestimmten Ebene wird durch die gewählten Untergliederungskriterien bestimmt. Ein Begriffssystem, das ausschließlich auf der Grundlage logischer Beziehungen erstellt wird, ist gewöhnlich „geschlossen“, das heißt, eine Untergliederung endet, wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt keine weiteren untergeordneten Begriffe bekannt sind. Ontologische Beziehungen sind ganz anderer Art. Im Gegensatz zu den auf Abstraktion beruhenden logischen Beziehungen spiegeln sie Beziehungen wider, die in der umgebenden, gedachten oder vorgestellten Welt wahrgenommen werden. Die häufigsten Beziehungen sind: partitive Beziehung (mit einer starken lokalen Ausprägung), sequenzielle Beziehung (mit starken zeitlichen Elementen), Kausalbeziehung, Übertragungsbeziehung, genetische Beziehung, Interdependenzbeziehung und andere. Einige Beziehungstypen sind in bestimmten Fachgebieten vorherrschend und in anderen selten anzutreffen. Die Beschaffenheit ontologischer Beziehungen wird deutlich, wenn man verschiedene ontologische Beziehungen vergleicht; so finden sich beispielsweise in einer Übertragungsbeziehung Elemente einer sequenziellen Beziehung (die rechtlichen Schritte beim Kauf eines Grundstücks); die genetische Beziehung enthält oft kausale Elemente (man denke an die Abfolge „Ei – Huhn – Henne“) usw. Ontologische Beziehungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht den Untergliederungskriterien im logischen Sinne folgen. Sie müssen pragmatisch und entsprechend dem Zweck der Strukturierung festgelegt werden. Ein nach der partitiven Beziehung geordnetes Begriffssystem ist beispielsweise theoretisch offen, weil (theoretisch) die Untergliederung materieller Objekte erst bei den Bestandteilen eines Atoms endet. Um eine Struktur flexibler zu gestalten, das heißt, verschiedene relevante Aspekte in einem Begriffssystem zu kombinieren, kann das System eine Kombination von Beziehungen enthalten, ein sogenanntes gemischtes System. In diesem Fall muss der Wechsel von einer Beziehung zu einer anderen gekennzeichnet werden, zum Beispiel durch die Notation. (Beispiel: 1.2-3 → 2 bedeutet, dass 1.2-3 sich auf einen untergeordneten Begriff von 1 bezieht und 3 ein Teil von 2 ist). ISO 1087-1:2000 definiert ein Begriffssystem wie folgt: Menge von Begriffen, die entsprechend den Beziehungen zwischen ihnen strukturiert sind. 14 Heribert Picht | The seven pillars of terminology ISO 704:2000 Terminologiearbeit – Grundsätze und Methoden sowie Arntz/Picht/Mayer (2009) liefern detailliertere Informationen zu Begriffssystemen. Eine weniger genau definierte Art der Ordnung erfolgt anhand einer Ontologie. Verschiedene Definitionen wurden bereits vorgeschlagen. Einige Autoren setzen Ontologie mit einem Begriffssystem gleich, während andere zahlreiche weitere Aspekte der Wissensordnung einbeziehen. Da dieses Gebiet für die terminologische Anwendung noch weiterer Forschung und Klärung bedarf, geben wir hier lediglich zwei Definitionen wieder, die beim Workshop on Terminology, Concept Modelling and Ontology in Vaasa, 2006 (EAFT–NordTerm) vorgestellt wurden: Ontologie: die philosophische Disziplin • Untersuchung dessen, was (möglicherweise) existiert • Untersuchung der Natur und Struktur der Wirklichkeit • Bereich von Entitäten • Kategorien und Beziehungen • Charakterisierende Eigenschaften Ontologie: ein theoretisches oder rechnergestütztes Artefakt • „eine explizite und formale Spezifikation einer Konzeptualisierung“ (Gruber) • Ein spezifisches Artefakt, das die beabsichtigte Bedeutung eines Wortschatzes hinsichtlich der Beschaffenheit und Struktur der Entitäten ausdrückt, auf die er sich bezieht. 5. T E R M I N O L O G I S C H E A R B E I T ISO 1087-1:2000 definiert terminologische Arbeit wie folgt: Arbeit, die sich mit der systematischen Sammlung, Beschreibung, Verarbeitung und Darstellung von Begriffen und ihren Bezeichnungen befasst. Diese Definition vermittelt eine erste Vorstellung von den verschiedenen Aufgaben; sie kann jedoch nicht als Leitlinie für den eigentlichen Arbeitsprozess dienen. Bevor wir einen Überblick über die allgemeinen Phasen des Arbeitsprozesses geben, müssen wir die Begriffe semasiologischer und onomasiologischer Ansatz klären. Im ersten Fall steht der Terminus im Mittelpunkt der Betrachtung, während sich der onomasiologische Ansatz auf den Begriff konzentriert. Es wurde gesagt, dass die Terminologie eine onomasiologische Arbeitsmethode verwendet. Das entspricht jedoch nicht ganz der Wirklichkeit, da beide Methoden je nach Arbeitsphase zum Einsatz kommen. Terminologija | 2009 | 16 15 Eine grobe Skizze der verschiedenen Phasen könnte wie folgt aussehen: Auswahl des Fachgebiets oder eines Teils davon Sammlung und Bewertung des Dokumentationsmaterials Extraktion von Termkandidaten aus Texten und anderen einschlägigen Informationen (semasiologischer Schritt, da die Repräsentationsform eines Begriffs der einzige Hinweis auf die Existenz eines Begriffs in einem Kontext ist) Vorläufige Systematisierung als hypothetisches Begriffssystem Terminologische Analyse der Begriffe, einschließlich der Überprüfung des vorläufigen Begriffssystems, seiner Vollständigkeit und der korrekten Einordnung des Begriffs innerhalb des Systems (onomasiologischer Schritt) Analyse und Ausarbeitung der Repräsentationsformen (semasiologischer Schritt): Klärung der Synonymie grammatische Angaben zu jedem Terminus Register des Terminus regionale Verwendung des Terminus sonstige einschlägige Informationen, z. B. Auswahl einer Illustration Formulierung von Definitionen in Übereinstimmung mit dem Begriffssystem. Das Definitionssystem muss das Begriffssystem widerspiegeln (onomasiologischer Schritt). Erfassung der terminologischen Daten. Dieser Schritt bildet die Schnittstelle zur Terminografie. Der oben beschriebene Arbeitsprozess spiegelt die deskriptive Terminologiearbeit wider. Jeder präskriptive Eingriff, z. B. die Standardisierung einer Terminologie, muss auf deskriptiver Terminologiearbeit beruhen, in der die begriffliche und repräsentationale Realität beschrieben wird. Die gewonnenen Daten bilden den Ausgangspunkt für jede Harmonisierung oder Standardisierung. Umfang und Grad des Eingriffs (hier nur beispielhaft als Abstufung dargestellt) lassen sich anhand des Modells in Figure 3 veranschaulichen. Außerdem sind einige soziolinguistische Faktoren in der Mitte des Modells angegeben. 16 Heribert Picht | The seven pillars of terminology Abb. 3 (Picht 2005: 189-198) 6. T E R M I N O G R A F I E Die grundlegende Aufgabe der Terminografie besteht darin, terminologische Daten beispielsweise in einem Buch oder einer Datenbank darzustellen und sie so für verschiedene Arten der Anwendung verfügbar zu machen. ISO 1087 hat „Terminografie“ in den letzten Jahrzehnten unterschiedlich definiert. Die Fassung von 1990 lautet: Die Erfassung, Verarbeitung und Darstellung terminologischer Daten, die durch terminologische Forschung gewonnen wurden. Anmerkung: „Terminografie“ ersetzt die älteren Begriffe „terminologische Lexikografie“ und „Speziallexikografie“. In ISO 1087-1:2000 wird Terminologie definiert als Teil der terminologischen Arbeit, der sich mit der Erfassung und Darstellung terminologischer Daten befasst. Terminologija | 2009 | 16 17 Hinweis: Terminologische Daten können in Form von Terminologiedatenbanken, Glossaren, Thesauri oder anderen Publikationen präsentiert werden. Offensichtlich wurde die Verarbeitung der terminologischen Arbeit zugeordnet, was durchaus sinnvoll erscheint, da diese Tätigkeit zur Ausarbeitungsphase und ihren Methoden gehört, während die Erfassung und Präsentation in gewissem Maße der klassischen lexikografischen Arbeit und ihren Produkten ähnelt. Zum Verhältnis zwischen Terminografie und Lexikografie siehe beispielsweise (Laurén, Myking, Picht 1998. chap. 11). In systematisch geordneten terminologischen Produkten wird das onomasiologische Prinzip angewandt, das sich darin zeigt, dass ein Eintrag nur EIN Konzept zusammen mit seinen Repräsentationsformen und Informationen über den Platz des Konzepts im Begriffssystem enthält. Da heutige terminologische Datenbanken (TDB) vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten hinsichtlich der Datensatzformate, der darin enthaltenen Datenkategorien und des Umfangs der erfassten Informationen bieten, scheint es sinnlos, in diesem Beitrag Beispiele anzuführen, da ein Datensatzformat hauptsächlich vom Zweck der TDB abhängt. Es lassen sich jedoch drei Hauptkategorien von Daten unterscheiden: • Daten zum Konzept und seiner Systematisierung • Daten zu den Repräsentationsformen des Konzepts • Verwaltungsdaten zur Verwaltung der TDB. Die ISO-Norm 12620 Computer applications in terminology – Data categories liefert wertvolle Informationen über mögliche Datenkategorien und deren Definitionen/Beschreibungen. 7. A U S B I L D U N G I N T E R M I N O L O G I E Da die Terminologie heute als Wissensgebiet mit wissenschaftlicher Forschung und entsprechenden Anwendungen etabliert ist, erfüllt sie die Anforderungen an eine akademische Disziplin, die wiederum als Voraussetzung für Studiengänge und Ausbildung gelten kann. In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde, insbesondere im Zusammenhang mit dem zunehmenden Interesse an LSP und der Einführung von LSP-Studien an einigen Universitäten, der Bedarf an terminologischen Studienanteilen deutlich. In den westlichen Ländern standen jedoch noch keine Lehrmaterialien zur Verfügung. In der Sowjetunion waren die ersten Lehrbücher bereits in den 1950er-Jahren veröffentlicht worden. In den westlichen Ländern war Wüster der Erste, der einen zusammenhängenden Kurs über 18 Heribert Picht | The seven pillars of terminology theoretical terminology at the University of Vienna in 1972. The manuscript of his lectures was edited by H. Felber and published in 1979 (two years after Wüster’s death) under the title Einführung in die Allgemeine Terminologielehre und Terminologische Lexikographie. Since the early 80s, an increasing number of textbooks on terminology have been available in several languages. Da Terminologie ein wichtiger Bestandteil von LSPs ist und LSPs ihrerseits für die gesamte berufliche Kommunikation unverzichtbar sind, ist es nur natürlich, dass Terminologie in der Regel als eingebetteter und integrierter Studienbestandteil in LSP-Übersetzungs- und Dolmetschstudiengängen sowie im Studium des technischen Schreibens vermittelt wurde. Heutzutage gehören terminologische Studienanteile zu verschiedenen Arten der beruflichen Kommunikationsausbildung, die sehr häufig die Grundlagen der theoretischen Terminologie und eine Reihe von Anwendungen und Werkzeugen (z. B. TDBs, halbautomatische Termextraktion) sowie deren Integration in komplexere Systeme umfassen. Weitere Informationen finden sich beispielsweise bei Picht (1998: 975-982). Das Berufsprofil eines Terminologen wurde vom Rat für Deutschsprachige Terminologie (RaDT) (2004) ausgearbeitet und veröffentlicht. 8. D I E S I E B T E S Ä U L E Die siebte Säule umfasst Anwendungen, die eng mit der Terminologie verbunden sind, oder Tätigkeiten, die ohne Terminologie undenkbar wären. In diesem Artikel sollen zwei Beispiele genannt werden: Lokalisierung und Terminologieplanung. Zur siebten Säule gehören jedoch auch Themen wie Terminologie und Urheberrecht, Terminologie und Wissensmanagement, Terminologie in Klassifikationen und Thesauri, die historische Entwicklung der Terminologie, verschiedene theoretische Ansätze zur Terminologie, Terminologie und Kognition usw. Um einen angemesseneren Einblick in den Inhalt der siebten Säule zu geben, wäre in Wirklichkeit mindestens ein ausführlicher Artikel erforderlich. Die Lokalisierung von Softwareprogrammen ist heute eine wichtige Anwendung der Terminologie, um die Sprache eines Programms, z. B. Englisch, an andere Sprachen anzupassen und es dadurch für den Einsatz in anderen Ländern und Märkten geeignet zu machen. Lokalisierung ist nicht bloß eine Übersetzung, sondern auch eine kulturelle Anpassung und Harmonisierung der in den Vorlagen verwendeten Begriffe und Ausdrücke in einer anderen Sprache. Einen ausgezeichneten Einblick in die Lokalisierung bietet Reineke/Schmitz (Hrsg.) (2005). Terminologieplanung als Teil der Sprachplanung weist viele verschiedene Terminologija | 2009 | 16 19 Formen und Ziele unterscheiden sich, und die Aktivitäten finden auf verschiedenen Ebenen statt. Allen Ebenen gemeinsam ist der gezielte Eingriff in den bestehenden Zustand einer Terminologie (Korpusplanung). Voraussetzung für jede Sprach- und Terminologieplanung ist jedoch eine Sprachpolitik, die die Statusplanung einer Sprache festlegt. Die terminologische Normung auf internationaler, regionaler und nationaler Ebene kann als eine Form der Terminologieplanung betrachtet werden, deren Ziel die Verbesserung der fachlichen Kommunikation in normungsfähigen Fachgebieten ist. Ein Beispiel für eine international verbindliche Terminologieplanung, die absolut unerlässlich ist, ist etwa die in der Flugsicherung verwendete Sprache. In diesem Fall stehen Sicherheitsgründe im Mittelpunkt, und die Frage der Akzeptanz durch die Nutzer stellt sich nicht. Die von internationalen und/oder nationalen Unternehmen unternommenen Bemühungen um terminologische Harmonisierung sind nicht unbedingt weniger streng. Der Anwendungsbereich einer bestimmten Terminologie ist jedoch auf die Dokumente des Unternehmens begrenzt und wird gegebenenfalls an die Art der fachlichen Kommunikation angepasst, z. B. an die Kommunikation unter Fachleuten oder an die Kommunikation mit Kunden. Neben einer verbesserten Kommunikationsqualität trägt die Terminologie eines bestimmten Unternehmens zu dessen Bekanntheit und Akzeptanz bei. Eine weitere, völlig andere Form der Terminologieplanung, üblicherweise auf nationaler Ebene, ist die Erstellung oder Verbesserung von Terminologien für relevante Fachgebiete in einer Sprache, der eine bestimmte Terminologie noch fehlt oder deren bestehende Terminologie unterentwickelt ist und dem Wissenstransfer in der betreffenden Sprache nicht dient. Für die Terminologieplanung ist ebenso das Bewusstsein einer Sprachgemeinschaft hinsichtlich des zunehmenden oder bereits allzu dominanten Einflusses einer anderen Sprache auf die eigene von Bedeutung. Ein Beispiel für dieses Bewusstsein ist das Dokument Domänenverlust im Deutschen (RaDT: 2005). Eine stärker theoretisch fundierte Analyse des Themas „Domänenverlust“ und insbesondere „Domänendynamik“ findet sich im Artikel Sprache, Domäne und Domänendynamik (Laurén et al. 2004: 5–13). 9. S C H L U S S F O L G E R U N G Ziel dieses Überblicks war es, einen Eindruck von den Komponenten des Bereichs Terminologie zu vermitteln und ihre gegenseitige Abhängigkeit sichtbar zu machen. Unter den ersten fünf Säulen ist der Zusammenhang vielleicht am offensichtlichsten, da das Weglassen einer Komponente jede sinnvolle 20 Heribert Picht | The seven pillars of terminology terminologische Arbeit oder Forschung erschwert oder sogar unmöglich macht, da die Komponenten so eng miteinander verflochten sind. Die sechste Säule bildet die Grundlage für die Ausbildung einer ausreichenden Zahl an Fachkräften, um die terminologische Arbeit und die theoretische Forschung aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln. Obwohl die siebte Säule recht unterschiedliche Themen umfasst, stehen sie doch alle in engem Zusammenhang mit der Terminologie, sind für sie relevant und hängen oft sogar von den Beiträgen terminologischer Arbeit und Forschung ab. REFERENCES Arntz R., Picht H., Mayer F. 2009: Einführung in die Terminologiearbeit. 6. verbesserte Auflage, Hildesheim: Olms Verlag. Budin G. 1994: Do we need an Object Theory? – International Conference on Terminology Science and Terminology Planning, Riga, 17–19 August 1992. International IITF-Workshop Theoretical Issues of Terminology Science. Riga, 19–21 August 1992. IITF-Series 4, Vienna: TermNet, 203–208. Dahlberg I. 1985: Begriffsbezeichnungen und Definitionstheorie. – Terminologie und benachbarte Gebiete, 1965–1985, Wien, 137–148. ISO 704:2000 Terminology Work – Principles and Methods. ISO 1087:1990 Terminology – Vocabulary. ISO 1087-1:2000 Terminology Work – Vocabulary. Theory and Application. ISO 12620:2000 Computer Applications in Terminology – Data Categories. Laurén Chr., Myking J., Picht H. (under medverken av Sigurdur Jónsson) 2008: Insikter om insikt. Nordiska termer om fackkommunikation, Oslo: Novus Forlag. Laurén Chr., Myking J., Picht H. 2004: Sprache, Domäne und Domänendynamik. – Fachsprache, 26, Jahrgang/Vol.: Heft 1–2/2004, 5–13. Laurén Chr., Myking J., Picht H. 1998: Terminologie unter der Lupe. Vom Grenzgebiet zum Wissenschaftszweig. Mit Beiträgen von Anita Nuopponen und Nina Pilke. German edition of ‘Terminologi som vetenskapsgren’. Wien: TermNet Publisher. Picht H. 1998: Terminologieausbildung. – Fachsprachen. Languages for Special Purposes. Ein Internationales Handbuch zur Fachsprachenforschung und Terminologiewissenschaft. (HSK 14.1) Herausg.: L. Hoffmann, H. Kalverkämper, H. E. Wiegand in Verbindung mit Chr. Galinski, W. Hüllen. 1. Halbband, Berlin, New York: Walter de Gruyter, 975–982. Picht H. 2003: The Object – a Unit of Knowledge? – Лексикология. Терминоведение. Стилистика. Сборник научных трудов. Посвящается юбилею Владимира Моисеевича Лейчика, Москва–Рязань, 154–159. Picht H. 2004: Überlegungen zum Gegenstand und zum Begriff in der Terminologie. – Pluralität in der Fachsprachenforschung; K.-J. Baumann, H. Kalverkämper (Hrsg.): Forum für Fachsprachenforschung FFF 67, Tübingen: G. Narr Verlag, 313–340. Picht H. 2005: Normative and Descriptive Terminology Work – a Real Dichotomy? – Vital Problems of the English Linguistics and Linguistic Didactics, Moscow: Prometheus Publishing House, 189–198. Picht H. 2008: The Object is a Unit of Knowledge. – Synaps; Fagspråk, Kommunikasjon, Kulturkunnskap. Festskrift for Magnus Brekke: 21/2008. Norges Handelshøyskole, Bergen: Institutt for Fagspråk og Interkulturell Kommunikasjon, 91–97. Rat für Deutschsprachige Terminologie 2004: Berufsprofil – Terminologin, Terminologe. Ausgabe März 2005. Available at Schweizerische Bundeskanzlei, Sektion Terminologie, CH-3003 Bern. Rat für Deutschsprachige Terminologie 2005: Domänenverlust im Deutschen. Stirbt Deutsch als Fachsprache. Ein Thesenpapier. Available at Schweizerische Bundeskanzlei, Sektion Terminologie, CH-3003 Bern. Reineke D., Schmitz K.-D. (Hrsg.) 2005: Einführung in die Softwarelokalisierung. Tübingen: G. Narr Verlag. Wüster E. 1959/60 2001: Das Werden der Welt, schaubildlich und terminologisch dargestellt. – Terminologie und Wissensordnung. Ausgewählte Schriften aus dem Gesamtwerk von Eugen Wüster. H. Picht, K.-D. Schmitz (Hrsg.), Wien: TermNet Publisher, 21–51. Wüster E. 1979: Einführung in die Allgemeine Terminologielehre und Terminologische Lexikographie, Wien. Terminologija | 2009 | 16 21 SEPTYNI TERMINOLOGIJOS RAMSČIAI Pirmasis šio straipsnio tikslas – apžvelgti pagrindines žinijos sritis, kurias apima terminologija kaip teorinė ir taikomoji mokslinė disciplina. Nagrinėjamos sąvokos ir objektai, sąvokų ir objektų vaizdavimo formos, sąvokų tvarkymas ir klasifikavimas, terminologijos darbo metodologija, terminografija, terminologijos mokymas ir plati terminologijos taikymo sritis. Antrasis, dar svarbesnis straipsnio tikslas – išryškinti šių sričių ryšius, sąveiką ir tarpusavio priklausomybę. Gauta 2009-10-07 Prof.em.fil.dr.h.c. Heribert Picht Am Tannenkamp 16 D-27432 Bremervörde, Germany 22 Heribert Picht | The seven pillars of terminology