Pirmajai spausdintai lietuvių kalbos gramatikai – 370 metų
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JŪRATĖ PAJĖDIENĖ
Institut für Litauische Sprache
ORCID-ID: orcid.org/0000-0003-1542-2866
FORSCHUNGSGEBIETE: Syntax, Semantik und Pragmatik des älteren und heutigen Litauischen, Ethnolinguistik, Geschichte der litauischen Kultur und der kirchlichen Texte.
DOI: doi.org/10.35321/bkalba.2023.96.14
370 JAHRE SEIT DER ERSTEN GEDRUCKTEN GRAMMATIK DER LITAUISCHEN SPRACHE
Danielius Kleinas (30.05.1609–28.11.1666) gilt als einer der bedeutendsten Schöpfer der litauischen Schriftkultur des 17. Jahrhunderts. Er war sowohl Verfasser der ersten gedruckten Grammatiken der litauischen Sprache, die auf Latein und Deutsch verfasst wurden (Königsberg, 1653 und 1654), als auch Herausgeber eines in einem Band zusammengefassten lutherischen Gesang- und Gebetbuchs (Königsberg, 1666). Die von D. Kleinas herausgegebenen Bücher neuer Gesänge und Büchlein neuer, sehr notwendiger und seelenförderlicher Gebete fanden dauerhaft Anerkennung, wie die dutzendfach wiederholten und später mehr oder weniger ergänzten Ausgaben dieses Sammelbandes bezeugen1. Die Grammatiken der litauischen Sprache Grammatica Litvanica und Compendium Litvanico-Germanicum2 wurden etwa zur selben Zeit wie das Gesangbuch (und Gebetbuch) fertiggestellt3, jedoch früher gedruckt. Die Bedeutung und Wirkung dieser Drucke lässt sich anders bemessen – nicht anhand der Auflagen, sondern anhand der Wiederaufnahme grammatischer Beschreibungen und des Illustrationsmaterials in späteren linguistischen Arbeiten, also in Grammatiken und Wörterbüchern. Diese Verbreitungsrichtung bestätigte auch die wissenschaftliche Tagung, die am 29. November 2023 anlässlich des 370. Jahrestags der Veröffentlichung von D. Kleinas Grammatik Grammatica Litvanica (1653) in der Bibliothek des Instituts für Litauische Sprache vom Zentrum für die Erforschung des Schriftkulturerbes dieses Instituts veranstaltet wurde –
1 Žr. Kaunas Domas. Mažosios Lietuvos knyga. Lietuviškos knygos raida 1547–1940, 1996, Vilnius: Baltos lankos, 167–169.
2 Fotografische Wiedergaben dieser Grammatiken und ihre litauischen Übersetzungen siehe Die erste Grammatik der litauischen Sprache, 1957, Hauptredakteure J. Balčikonis und B. Larinas, Vilnius: Verlag für staatliche politische und wissenschaftliche Literatur (im Folgenden in den Fußnoten: PLKG); elektronische Transkriptionen siehe https://senieji.rastai.lki.lt (Texte bearbeitet von Mindaugas Šinkūnas, Konkordanzen von Mindaugas Šinkūnas und Vytautas Zinkevičius, 2011).
3 In seiner Widmung an den Herzog Georg Wilhelm erwähnt D. Kleinas „das durch Gottes Gnade vollendete Werk, nämlich: eine Grammatik der litauischen Sprache und ein Büchlein mit Kirchenliedern“ (vgl.: Abolutum itaque per DEI gratiam laborem, qui eft Grammatica Litvanica [...]: hymnis quàm plurimis adaucto Eccleſiaſticarum Cantionum libello), siehe PLKG 74; 401–402.
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linarisches Seminar Der Dialog der Schöpfer vom 17. bis zum 19. Jahrhundert und die Verschiebungen linguistischer Ideen in Daniel Kleins litauischer Grammatik sowie die Ausstellung Das litauistische Erbe Daniel Kleins und seine Erforschung4.
Das Seminar wurde mit einem Grußwort von Albina Auksoriūtė, der Direktorin des Instituts für Litauische Sprache (LKI), eröffnet. Sie erinnerte an die Bedeutung von Kleins Grammatiken für die Entwicklung der litauischen Sprachwissenschaft und erwähnte auch den normierenden Charakter der ersten litauischen Grammatik.
Der erste Seminarvortrag war Daniel Kleins Person und neuen biografischen Erkenntnissen gewidmet. Birutė Triškaitė (LKI) machte die Seminarteilnehmer und Zuhörer mit neu entdecktem Archivmaterial bekannt (Thema des Vortrags: Daniel Klein: Was berichten die Archive Neues?). Nach einem Rückblick auf die von Viktor Falkenhahn (1941), Domas Kaunas (1998), Liucija Citavičiūtė (2009) und Liane Klein (2009, 2010) veröffentlichten Archivquellen erörterte die Vortragende Dokumente, die in mehreren Gedächtnisinstitutionen aufbewahrt werden (dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz und dem Zentralarchiv der Evangelischen Kirche in Berlin sowie dem Staatsarchiv Olsztyn in Polen) und nicht nur bereits bekannte, sondern auch neue Angaben über D. Klein liefern. Auf der Grundlage unterschiedlicher Quellen, wobei sie auch die Einträge in Johann Jacob Quandts Manuskript Preußische Presbyterologie (vor 1772) nicht unerwähnt ließ, berichtete B. Triškaitė über D. Kleins Herkunft und seine Familie: Daniel gehörte der dritten Generation von Geistlichen an; seine Eltern, Balthasar Klein und Gertruda Schönwald, heirateten 1595, sein Vater starb 1608, noch vor Daniels Geburt. Daniel selbst war zweimal verheiratet: Mit seiner ersten Frau Anna Klemm hatte er sieben Kinder, einen Sohn und sechs Töchter, mit seiner zweiten Frau Anna Caseburg eine Tochter5. Die Vortragende hob außerdem D. Kleins sesshafte Lebensweise hervor (abgesehen von neun Studienjahren in Königsberg lebte er ständig in Tilsit) und berichtete über sein schöpferisches Wirken, das nicht nur mit der Vorbereitung der genannten Druckwerke – zweier Grammatiken, eines Gesangbuchs und eines Gebetbuchs – verbunden war, sondern auch mit der Überprüfung von Jonas Bretkūnas’ Bibelübersetzung (nach 1638) und der Erstellung eines zweisprachigen Wörterbuchs (um die Mitte des 17. Jahrhunderts). Die Vortragende zeigte außerdem das derzeit als frühestes geltende, auf den 29. Juni 1637 datierte Autograf D. Kleins …
4 Den Teilnehmern und Gästen des Seminars wurde eine Ausstellung vorgestellt, die eigens zum 370. Jahrestag der Veröffentlichung von D. Kleins Grammatik Grammatica Litvanica eingerichtet worden war. Sie zeigte Reproduktionen der Titelseiten dieser Grammatik und ihrer Kurzfassung Compendium Litvanico-Germanicum sowie Artikel, Bücher und Sonderausgaben zur Erforschung von D. Kleins schriftstellerischem Erbe. Die Ausstellung wurde von Birutė Triškaitė und Ugnė Baronienė gestaltet.
5 Sulietuvintus vardų užrašymus žr. Vaclovas Biržiška 1990 [1960]. Aleksandrynas. T. 1: XVI–XVII amžiai, 2-asis (fotografuotas) leidimas, Vilnius: Lietuvos kultūros fondas, 302.
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fą ir jo dukterų Gertrudos (1643), Catharinos (1644), Dorotheos (1651), Marios (1665) bei sūnaus Danieliaus (1646) gimimo (krikšto) datas liudijančius bažnytinių metrikų knygų įrašus, pasakojo apie naujai atrastą nedatuotą D. Kleino laišką, bylojantį, kad jo autorius gyvenęs visai pasiturimai (buvęs paskolinęs pinigų, be to, turėjęs du sklypus), pažindino su brėžiniu, perteikiančiu XVII a. vidurio Tilžės gatvių ir sklypų išsidėstymą, ir leidžiančiu įsivaizduoti D. Kleino pasivaikščiojimų kryptis to meto Tilžėje.
Mindaugas Šinkūnas (LKI) sprach über die Quellen von D. Kleins Grammatik (Vortragsthema: Quellen der Grammatik Daniel Kleins: neue Erkenntnisse). Nachdem er auf die hervorragende philologische Ausbildung des Grammatikautors hingewiesen hatte (die möglicherweise mit Kenntnissen in sieben Sprachen verbunden war) und auf den allgemeinen Erlass der preußischen Obrigkeit von 1639, der litauischsprachige Pfarrer zur Abfassung einer litauischen Grammatik und eines Wörterbuchs der gebräuchlichsten Wörter anhielt6, der D. Klein zu linguistischen Arbeiten veranlasste, erörterte der Vortragende mögliche Quellen der ersten litauischen Grammatik Grammatica Litvanica. Nachdem M. Šinkūnas daran erinnert hatte, dass D. Klein im Vorwort seiner Grammatik zahlreiche lateinische Grammatiken und mehrere grammatische Beschreibungen europäischer Nationalsprachen erwähnte7, besprach er ausführlich mögliche Vorbilder unter diesen grammatischen Beschreibungen: deutsche (Johan Clajus. Grammatica Germanicae Linguae, 1578, 1587, 1592, 1604, 1610, 1617, 1625, 1651, 1653), polnische (Mikołaj Volckmar. Compendium Linguae Polonicae, 1596, 1646; Jeremius Roter. Schlüssel zur Polnischen und Teutschen Sprache, 1616, 1646) und tschechische Grammatiken (Laurentius Benedictus Nudozeirinus. Grammaticae Bohemicae, 1603, 1612). Neben den von D. Klein genannten Autoren erkannte der Vortragende auch einen möglichen Einfluss von Francisco à Mesgnien’s Grammatik Grammatica seu Institutio Polonicae Linguae (1649) auf D. Kleins Grammatik. Darüber hinaus stellte der Vortragende fest, dass D. Klein sich schöpferisch auf die besten lateinischen und griechischen sowie polnischen, deutschen und tschechischen Grammatiken des 16. und 17. Jahrhunderts stützte und aus der traditionellen …
6 Dazu, dass D. Klein der wichtigste Vollstrecker des von Herzog Georg Wilhelm erlassenen Allgemeinen Edikts (Recessus generalis) war und sich dabei nicht nur auf die Anordnung des Herzogs, sondern auch auf eigene Initiative stützte, siehe Liucija Citavičiūtė. Die Bedeutung des Visitationsedikts Recessus generalis (1639) für die litauische Schriftkultur und sein Vollstrecker Daniel Klein. – Archivum Lithuanicum 11, 2009, 9–62.
7 Vgl. den von D. Klein angeführten Beleg: Quid? quod in omnibus lingvis habeamus Grammaticas inſtitutiones; in Orientali non paucas, in Latinâ ferè innumeras. In Germanica olim ſcripſit Johannes Claius, in Polonica Nicolaus Volckmarus & Jeremias Roterus, in Bohemica M. Laurentius Benedictus Scholæ Teuto-Brodenſis Rector <...> (Dass wir Grammatiken aller Sprachen haben: einige für die orientalischen Sprachen, für die lateinische beinahe unzählige. Die Grammatik der deutschen Sprache schrieb einst Johannes Claius, die der polnischen Nicolaus Volckmarus und Jeremias Roterus, die der böhmischen M. Laurentius Benedictus, Rektor der Schule von Nemecky-Brod <...>) PLKG 408.
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… indem er bei der Beschreibung des Litauischen passende Beispiele aus der grammatischen Beschreibung klassischer Sprachen auswählte; eine Verbindung zu bislang noch nicht beschriebenen Quellen ließ sich bisher nicht feststellen. Unter den möglichen Vorbildern für D. Klein ist allenfalls F. à Mesgnien’s Grammatik der polnischen Sprache zu nennen.
Christiane Schiller (Humboldt-Universität zu Berlin) sprach über D. Kleins Bezüge zur lexikografischen Tradition Preußisch-Litauens und stellte die Frage, ob er als Verfasser nicht eines, sondern zweier Wörterbücher gelten könne (Vortragsthema: Daniel Klein und die lexikographische Tradition Preußisch-Lita(u)ens). Die Existenz des nicht erhaltenen Wörterbuchs wird durch D. Kleins eigene Aussagen belegt. Eine davon findet sich in der Widmung der Grammatik von 1653 an den Kurfürsten8, eine weitere in D. Kleins Brief von 1659 an den brandenburgischen Kurfürsten und Herzog von Preußen Friedrich Wilhelm (darin heißt es, dass auf die lateinisch verfasste Lehrgrammatik des Litauischen und deren deutsch geschriebene Kurzfassung „ein Wörterbuch folgen sollte“9, von dem D. Klein bereits in der Widmung berichtet hatte und an dem er seit 1655 arbeitete). Die Vortragende führt die beiden Hinweise auf das Wörterbuch auf die Unklarheit bezüglich der Anzahl der D. Klein zuzuschreibenden Wörterbücher zurück: D. Klein könnte das im Vorwort der Grammatik erwähnte Wörterbuch ergänzt oder 1655 mit der Abfassung eines weiteren Wörterbuchs begonnen haben. Auf der Grundlage einer Analyse der Beispiele im anonymen Wörterbuch Clavis Germanico-Lithuana (nach 1680) erörterte die Vortragende mutmaßliche Spuren eines D. Klein zugeschriebenen Wörterbuchs in diesem Manuskript. Zusammenfassend erklärte sie, dass die Aussage D. Kleins im Brief an den Kurfürsten von 1659 mit der noch 1657 andauernden Arbeit an einem Wörterbuch in Verbindung zu bringen sei; D. Klein könnten daher zwei Wörterbücher zugeschrieben werden: eines vom Vokabulartyp und ein Wörterbuch vom Typ dictionarum, das auf der Konkordanz von Konrad Agricola beruhte.
Vilma Zubaitienė (VU) aptarė D. Kleino gramatikų įtaką Frydricho Vilhelmo Hako (1730) ir Kristijono Gotlybo Milkaus (1800) gramatikoms. Išryškinusi D. Kleino gramatikoms būdingus gramatinio teksto pateikimo principus – jo paties nurodytą gramatikos metodą10 (tikslūs dėsnai, arba
8 Vgl. Accipe ergò, ELECTOR POTENTISSIME, hæc laborum meorum primitias, Grammaticen novam unà cum annexo Compendio Germanico, ut & Lexico Lituanico, quæ ad pedes Serenissimæ Vestræ Celsitud. subjeci[s]simè depono (Nimm also, mächtigster Kurfürst, diese ersten Früchte meiner Arbeit entgegen: eine neue Grammatik samt beigefügtem deutschem Kompendium und litauischem Wörterbuch, die ich tiefstuntertänigst zu Füßen Eurer Durchlaucht niederlege) PLKG 402.
9 Siehe die im Anhang zu Liucija Citavičiūtės Artikel Die Bedeutung der Visitationsordnung Recessus generalis (1639) für die litauische Schriftkultur und ihr Vollstrecker Danielius Kleinas, Pfarrer der Kirchen und Schulen des Kreises Insterburg (Archīvum Lithuanicum 11, 2009, 9–38) veröffentlichten Dokumente (ebd., 39–62) sowie das Zitat der besprochenen Phrase von D. Kleinas und ihre Übersetzung auf den Seiten 46 und 54.
10 Siehe PKLG 1957, 86, 409.
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Unter Berücksichtigung des Sprachgebrauchs, mit knapper Darstellung und klaren Beispielen, erörterte die Referentin die Tradition späterer litauischer Grammatiken. Die Forschungen von V. Zubaitienė zeigten, dass sich spätere Grammatiken auf die erste Grammatik von D. Kleinas stützten. Am wenigsten entfernte sich F. V. Hako Anhang einer kurzgefassten litauischen Grammatik von deren Modell (zu den Neuerungen dieser Grammatik zählt, dass Adjektive getrennt von Substantiven beschrieben werden). Gotfrydas Ostermejeris, der als Erster auf die Verbindungen dieser Grammatik mit D. Kleinas Grammatik von 1953 hingewiesen hatte, bemühte sich um eine etwas andersartige grammatische Beschreibung des Litauischen: Die Neuartigkeit seiner Neue littauische Grammatik (1791) zeigt sich in einer anderen Klassifikation der Deklinations- und Konjugationsparadigmen, einem erweiterten Syntaxkapitel und einer größeren Zahl von Beispielen. Die Grammatik von F. V. Hako war eine der Hauptquellen für Povilas Frydricas Ruigys Anfangsgründe einer litauischen Grammatik (1747), und letztere diente als Grundlage für K. G. Milkaus Grammatik Anfangs-Gründe einer Littauischen Sprachlehre (1800) (wobei der Deklination und Konjugation besondere Aufmerksamkeit gewidmet wurde). Laut der Referentin veränderten sich in den späteren Grammatiken die Terminologie, die Beschreibung der Wortarten und ihre Definitionen; die Reihenfolge der Behandlung flektierbarer Wörter wurde neu festgelegt, das Inventar der Pronomen- und Numerale-Beispiele angepasst. Nicht nur die Beschreibungen der Regeln in den Kapiteln zu Phonetik, Morphologie und Syntax wurden erweitert, sondern auch die Präsentation des Anschauungsmaterials – dafür wurden nicht mehr ausschließlich religiöse Schriften herangezogen, sondern auch Volksdichtung in Kleinformen und die Umgangssprache.
Ona Aleknavičienė (LKI) stellte die Rezeption der Ideen D. Kleinas in P. F. Ruigys Grammatik Anfangsgründe einer Littauischen Grammatick (1747) vor. Im Vortrag wurden die markantesten Unterschiede zwischen den grammatischen Beschreibungen von D. Kleinas und P. F. Ruigys sowie die von einer Grammatik in die andere übernommenen Grundgedanken erörtert. Die häufige explizite und implizite Bezugnahme auf D. Kleinas Grammatica Litvanica in P. F. Ruigys Grammatik führte die Referentin auf die Zugehörigkeit zu einer ähnlichen Schule linguistischen Denkens und auf die Akzeptanz ihrer Ideen zurück. Der Einfluss des Vorbilds von D. Kleinas Grammatik auf P. F. Ruigys Werk ist daran zu erkennen, dass bei der grammatischen Beschreibung eine Hauptmundart gewählt und von den übrigen abgegrenzt wird (für D. Kleinas ist es die Mundart von Įsrutis, für P. F. Ruigys die Mundart der Kreise Įsrutis und Ragainė), sowie an der Erweiterung des Syntaxkapitels. Indem P. F. Ruigys D. Kleinas Idee übernahm, der Beschreibung des Litauischen eine einzige Mundart zugrunde zu legen, hob er die Opposition Haupt-: Neben- hervor (er nannte drei Nebenmundarten: zwei in Großlitauen und eine in Preußisch-Litauen). Laut der Referentin führte P. F. Ruigys die von D. Kleinas begründete Tradition fort, eine Standardsprache auf der Grundlage einer einzigen Mundart zu formen, indem er deren Stabilität, Universalität und Prestige gegenüber anderen Mundarten herausstellte. P. F. Rui-
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gys’ Grammatik ist nicht nur auf die Darstellung der Grundlagen der Sprache ausgerichtet, sondern auch darauf, den Unterschied zwischen Schrift- und gesprochener Sprache zu verringern: Akzentnotation und Akzentologie gewinnen an Bedeutung, weil Priester und Lehrer die korrekte Aussprache erlernen müssen. Da P. F. Ruigys seine Grammatik für Nichtlitauer verfasste, widmete er der Syntax und der Entwicklung kommunikativer Sprachkompetenz große Aufmerksamkeit. Die Übereinstimmung der Modelle zur Beschreibung des grammatischen Aufbaus in den Grammatiken der beiden Autoren brachte die Referentin mit dem langsamen Wandel des beschriebenen Litauischen in Verbindung.
Lina Plaušinaitė (VU) erörterte die Bezüge zwischen dem Material im von Jokūbas Brodovskis (1692?–1744) zusammengestellten Wörterbuch Lexicon Germanico-Lithuanicum et Lithuanico-Germanicum und D. Kleinas Grammatiken (Thema des Vortrags: Kleino gramatikų atspindžiai Brodovskio žodyne). Die Referentin machte die Zuhörer mit den Besonderheiten und der Struktur dieses Manuskripts vertraut. Es handelt sich um ein sehr umfangreiches Wörterbuch (der deutsche Teil, der Wörter von A bis S umfasst, enthält beispielsweise etwa 30.000 deutsche Lemmata) mit zahlreichen Belegen aus biblischem Wortschatz, Alltags- und Fachsprache sowie Redewendungen, Sprichwörtern und Rätseln. Nach L. Plaušinaitė könnte auf den ersten Blick der Eindruck entstehen, das Wörterbuch enthalte kaum grammatische Informationen; ihre recht systematische Angabe in bestimmten Fällen (etwa bei der Erläuterung oder Unterscheidung von Homonymen) zeige jedoch, dass der Verfasser des Wörterbuchs einen klaren Plan hatte, wann solche Informationen erforderlich waren. Die auf Latein oder Deutsch formulierten grammatischen Bemerkungen stehen im Wörterbuch von J. Brodovskis bei den Lemmata. Die Spuren des Einflusses von D. Kleinas Grammatiken sind in diesem Wörterbuch deutlich erkennbar. Dies spiegelt sich auch im Wortschatz des Wörterbuchs wider, doch die lexikalischen Übereinstimmungen hängen eher mit D. Kleinas Compendium Litvanico-Germanicum zusammen als mit den Beispielen aus seiner Grammatik von 1953. J. Brodovskis bemühte sich auch um neutrale (nicht buchsprachliche) Beispiele. Die Referentin verwies auf die Möglichkeit, dass ein Teil der Beispiele von D. Kleinas über eine andere Quelle, die als Vermittlerin diente, in das Wörterbuch gelangt sein könnte – das Wörterbuch Clavis Germanico-Lithvana.
Giedrius Subačius (Universität Illinois, Chicago; Litauisches Institut für Geschichte) erörterte die Besonderheiten einer Abschrift von D. Kleinas Grammatik, die sich in einem der Manuskripte von Simonas Daukantas findet (Thema des Vortrags: Daukantas ir Kleino gramatika). Den ungefähren Zeitpunkt der Anfertigung dieser undatierten Grammatikabschrift bestimmte der Forscher anhand der Ähnlichkeit des Papiers mit dem eines anderen Manuskripts von S. Daukantas, Išrašai iš knygų apie etnografiją ir istoriją, wodurch sich die Abschrift der Grammatik auf das Jahr 1828 oder eine etwas spätere Zeit datieren lässt. Im Vortrag wurden Struktur und Entstehungsgeschichte der Abschrift von S. Daukantas vorgestellt: Dass die Abschrift von S. Daukantas keine vollständige (die ersten vier Kapitel am Anfang der Grammatik sowie einige Kapitel am Ende fehlen) und keine durchgehende (auf S. 49 fehlt der Grammatiktext von S. 89 bis 93) Abschrift von D. Kleinas Grammatik enthält, spricht eher dafür
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für eine Abschrift nicht vom Original, sondern von einer anderen Kopie. Für diese Herkunft der Abschrift sprechen auch die Papierqualität, die sorgfältige Anordnung der Manuskriptblätter sowie die Anmerkung von S. Daukantas nestaie [fehlt], die zeigt, dass er erkannt hatte, dass er von einer unvollständigen Abschrift kopierte. Laut dem Referenten wird D. Kleinas Grammatik etwa ein Jahrzehnt später am Rand eines von S. Daukantas verfassten Entwurfs erwähnt; in der Vorrede dazu finden sich Bemerkungen zu den Mundarten. In einem Brief an Frydrichas Kuršaitis aus dem Jahr 1853 bittet S. Daukantas darum, ihm D. Kleinas Grammatik in lateinischer Sprache zu beschaffen. Zusammenfassend stellte G. Subačius fest, dass S. Daukantas zwar mehrfach, an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten – in Riga (Abschrift), Sankt Petersburg (Kommentar zur Vorrede) und Varniai (Brief an Fr. Kuršaitis) – Interesse an D. Kleinas Grammatik von 1953 bekundet hatte, es jedoch keine eindeutigen Belege dafür gibt, dass er diese Grammatik in seinen übrigen Arbeiten in größerem Umfang verwendet hätte (ein Einfluss von D. Kleinas Grammatik lässt sich allenfalls mit der 1828 in S. Daukantas’ Orthographiesystem eingeführten Schreibung von Diakritika wie û, ê, ô in Verbindung bringen).
In der abschließenden Diskussion des Seminars berichtete Jurgita Venckienė (LKI) über die Verbindungen zwischen litauischen Grammatiken des 19. Jahrhunderts und D. Kleinas Grammatiken. Nach Ansicht der Forscherin stützten sich sowohl Grammatica Lituanica als auch Augustas Schleicheris beim Verfassen des Handbuch der litauischen Sprache in den Jahren 1856–1857 und F. Kuršaitis bei der Ausarbeitung seiner Grammatik der lit(t)auischen Sprache (1876) auf D. Kleinas Grammatiken; vermutlich tat dies auch Kazimieras Jaunius, dessen Lietuvių kalbos gramatika (1885–1892) 1911 gedruckt wurde. Wie V. Zubaitienė erklärte, wurde auch Mykolas Miežinis’ Lietuviszka gramatika (1886) nach dem Vorbild der Grammatik von D. Kleinas oder F. V. Hako verfasst (niedergeschrieben).
Die Vorträge des Seminars zeigten, dass das Interesse am litauistischen Erbe von D. Kleinas im Laufe der Zeit nicht nachlässt. Die 2009 begangene 400. Wiederkehr seines Geburtstags bereicherte die Forschung zu seiner Person und seinem vielseitigen Schaffen und regte die Erstellung und Verbreitung digitaler Transkriptionen seiner Bücher an. Es ist zu hoffen, dass auch der würdig begangene runde Jahrestag der ersten litauischen Grammatik eine neue Welle wissenschaftlicher Veröffentlichungen auslösen und gezielte Recherchen in Archiven anregen wird, die unser Verständnis von D. Kleinas und seinem Werk erweitern.
Eingegangen am 22.12.2023
JŪRATĖ PAJĖDIENĖ Litauisches Sprachinstitut Petro Vileišio g. 5, LT-10308 Vilnius [email protected]
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