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Kalbotyros pastabos

Simas Karaliūnas

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ACTA LINGUISTICA LITHUANICA XLIV (2001), 89–103 Sprachwissenschaftliche Bemerkungen* SIMAS KARALIŪNAS Institut für Litauische Sprache, Vilnius Der Artikel erörtert etymologische Fragen im Zusammenhang mit (1) litauisch dial. berklai ‚Fußsteg‘, (2) litauisch gintaras, lettisch dzītars, (3) litauisch dial. krontas und krōnas ‚Schneeverwehung‘, (4) lettisch viņš, Fem. viņa ‚er, sie‘, (5) litauischen Reflexen von baltisch *kikir- ‚Erbse‘ in Hydronymen, (6) altpreußisch rapa ‚Engel‘. 16. LITAUISCH DIALEKTAL berklai ‚STEG‘ Im nordöstlichen Winkel Litauens (Salakas) wird das Wort berklai (Akk. Pl. bérklus) verwendet, dessen Bedeutung mit ‚Steg (gewöhnlich aus Stangen)‘ angegeben wird (LKŽ₁ 626; ²LKŽ₁ 766). Betrachtet man die historischen Lautentsprechungen, lässt sich als Ausgangsform *bēr-tlo- rekonstruieren. Strukturell und funktional – als kopnomen instrumenti mit der Arbeitsbedeutung ‚womit Menschen hinübergetragen (hinübergebracht) werden, Mittel zum Hinüberbringen von Menschen‘ – verbindet sich dieses Wort unmittelbar mit ārklas (Pl. arklai) < *ārH-tlo- (mit dem Suffix -tl- aus der Nähe), dessen etymologisches Gegenstück griech. ἄροτρον, kretisch ἄρατρον ‚Pflug‘ ist (< *arH-tro-). Nach dieser Analogie wäre das etymologische Gegenstück von berklai griech. φέρετρον (und φέρτρον) ‚Trage‘ (< *bher(H)-tro-), eine Ableitung von φέρω ‚tragen‘ (vgl. Frisk 1970: 1003, 1005; Chantraine 1968: 1191). Denn auch Tragen werden aus Stangen gefertigt. Als alte Ableitung mit dem Suffix -tro- (nicht -tlo-, wie bisweilen vermutet) gilt auch altindisch bharītra-, hapax legomenon im Rigveda, das vermutlich ‚Hand‘ oder ‚Finger‘ bedeutete (also *‚womit getragen wird, Tragemittel, Werkzeug‘) (vgl. Mayrhofer 1963: 478; 1996: 251). Für das Wort berklai lässt sich jedoch auch ein genaueres Gegenstück finden – nämlich lat. fērculum (und ferculum) ‚Trage; Tablett‘ < *bher(H)-tlo-m (Ernout, Meillet 1959: 226; etwas anders Walde, Hofmann 1938: 484), eine Ableitung von ferō ‚tragen‘. Folglich muss auch berklai eine Ableitung der Wurzel *bher- ‚tragen‘ sein; das bedeutet, dass auch das baltische Verb bērti bēria bėrė (und dial. bérti bēria bėrė) eine solche Bedeutung hatte; es wird seit Langem mit den genannten griechischen und lateinischen Verben in Verbindung gebracht (vgl. Fraenkel 1962: 40). Die Wurzelstruktur und der Akut des Wortes berklai zeigen, dass seine ursprüngliche Form *bēr-tlo- lautete; diese Form wirft jedoch erhebliche Fragen auf: Entstand ihr langer Wurzelvokal durch qualitative Ablautdehnung des Wurzelvokals e, oder wurde die Dehnung durch den Schwund eines Laryngals verursacht? Im neuesten „Indogermanischen Verbenwörterbuch“ ist die hier behandelte Wurzel als aniṭ-Wurzel angesetzt, das heißt ohne Laryngal; ihr wird mit Fragezeichen auch litauisch bérti zugeordnet (vgl. Rix, Hrsg. 1998: 61–62). Auch M. Mayrhofer neigt dazu, eine solche Wurzel anzuerkennen, weist jedoch darauf hin, dass sich das Vorhandensein einer Set-Variante dieser Wurzel nicht vollständig aus der Untersuchung ausschließen lässt (Mayrho- Den Anfang siehe Fragen der litauischen Sprachwissenschaft 17, 207–209; 29, 65–78; 31, 125–129. 90 | SIMAS KARALIŪNAS fer 1996: 249). Kad s. ind. bharitra- rodytų buvus *bherH-, jo nuomone, nėra tikra, nes bharitra- gali būti ad hoc darinys pagal caritra- koją’ (Mayrhofer 1996: 251). Mūsų atveju svarbu tai, kad šios šaknies vediniai slavų kalbose taip pat turi akutą: serbų-kroatų brème, slovėnų bréme, čekų břímě, rusų бе́ремя ‘našta’ < sl. *brémen- veikiausiai rodo buvus pailgintojo laipsnio šaknies variantą *bher- (Mayrhofer 1996: 249). Tad ir berklai pradinės formos *bēr-tlo- ilgasis šaknies balsis taip pat veikiausiai yra kiekybinės balsių kaitos dalykas. Todėl jo darybos pagrindu laikytina būtojo laiko forma bėrė (bėrė cirkumfleksinė priegaidė, matyt, yra antrinė kaip metatonijos rezultatas). Das Suffix -tlo-, das man inzwischen auch für das Urslawische zu rekonstruieren geneigt ist, ist ein für das Baltische und das Lateinische typisches Mittel zur Bildung von Bezeichnungen für Werkzeuge (Seldeslachts-Swiggers 1995: 23–37). Schlussfolgerung: berklai ‚Steg (gewöhnlich aus Stangen)‘ dürfte die ursprüngliche Bedeutung des Verbs bérti (bėra, bėrė) bewahrt haben: ‚tragen‘. Obwohl litauisch berklai (< *bēr-tlo-) und lateinisch ferculum (sowie fericulum) ‚Tragegestell; Tablett‘ < *bher(H)-tlo-m wahrscheinlich Produkte unabhängiger Entwicklung sind, verdient ihre genaue Übereinstimmung im Hinblick auf baltisch-lateinische Isoglossen Beachtung. 17. LIT. gintaras In Preußen, besonders im Samland, nennt man den Bernstein mit dem rein deutschen Wort Bernstein. Das seltene deutsche Wort Kentner ‚Bernstein‘ ist aus dem mittelalterlichen Lateinischen gentārum entlehnt; letzteres weist auf litauisch gintaras, lettisch dzītars und zītars. Welches dieser Wörter, die jedoch nicht wirklich baltisch anmuten, vgl. ungarisch gyanta ‚Harz‘, dial. gyantar ‚Bernstein‘. Sollte man vielleicht das Lurische als ihre Quelle in Betracht ziehen? Wenn die Aisten, das heißt zweifellos „das Bernsteinvolk“, tatsächlich Balten gewesen wären, warum hätten sie dann kein baltisches Wort für ihr wichtigstes Handelsgut gehabt? – fragt E. Sittig (Sittig 1934–1935: 20). Auf E. Sittigs Frage antwortete J. Endzelīns mit einer Gegenfrage: Woher wissen wir denn, dass die Aisten keine baltische Bezeichnung für Bernstein hatten? Wenn glesum tatsächlich germanisch und den Balten ursprünglich fremd war, könnten die Aisten – falls sie Balten waren – dieses Wort im Umgang mit ihren germanischen Nachbarn kennengelernt oder von südlichen Händlern gehört haben, die auf ihrem Weg in das Land der Aisten das Wort unterwegs von Germanen aufgeschnappt und dann bei den Aisten nach ‚glēsum‘ gefragt haben könnten. Infolgedessen könnten die Aisten im Umgang mit Fremden selbst begonnen haben, das Wort glėsum zu verwenden, ungeachtet dessen, dass sie den Bernstein auf ihre eigene Weise bezeichnet haben könnten. In der Literatur des 16. Jahrhunderts wird eine prußische Bezeichnung für Bernstein erwähnt: gentars, fügt J. Endzelīns hinzu (Endzelīns 1943: 5–6). Wie wir sehen, stellte sich in der Diskussion zwischen E. Sittig und J. Endzelīns über die ethnische Zugehörigkeit der von Tacitus beschriebenen Aisten – ob sie Germanen (E. Sittig) oder Balten (J. Endzelīns) waren – eine sehr wichtige Frage: Hatten die Vorfahren der Prußen, Litauer und Letten eine eigene, baltische Bezeichnung für Bernstein? Hier muss auch daran erinnert werden, dass J. J. Mikkola, als er über die Herkunft von gintāras schrieb, die Meinung des bekannten Baltisten J. Gerullis zur Entstehung dieses Wortes anführte. J. Gerullis' Antwort lautete: gintaras sei seiner Bildung nach isoliert; es gebe keine erkennbare Möglichkeit, es etymologisch mit den baltischen Sprachen zu verbinden; kurz gesagt, gintaras, dzintars, dzītars könnten nicht als baltische Wörter gelten (Mikkola 1938: 35). Über seine Herkunft findet sich auch in E. Fraenkels „Litauischem etymologischem Wörterbuch“ keine Aussage (Fraenkel 1962: 152). Wie ersichtlich, wird die Frage, ob die Vorfahren der Prußen, Litauer und Letten eine eigene, baltische Bezeichnung für Bernstein hatten, durchaus mit Recht gestellt. KALBOTYROS PASTABOS | 91 J. J. Mikkola behauptete, litauisch gintaras stamme aus einem nicht näher bestimmbaren östlichen Land (vgl. tschuwaschisch janDar ‚Glasgefäß; Glas‘, Tscheremissisch jumdar ‚Flasche‘), vgl. Mikkola (1938: 33–37). B. Larin vertrat die Ansicht, dass die baltische Bernsteinbezeichnung zusammen mit dem ungarischen gyanta von den autochthonen ursprünglichen Bewohnern des östlichen Ostseeraums, den Bernsteinsammlern, den „Pamarėnern“, stamme. Angeblich lasse sich litauisch giñtaras, gintãras, gentãras weder morphologisch noch semantisch aus dem Litauischen erklären. Das ungarische gyanta könne nicht aus gyantár entstanden sein, weil das auslautende r im Ungarischen nicht schwindet. Sowohl der morphologische Wechsel -a: -ár als auch die charakteristische Bedeutung ‚Bernstein; Kiefernharz‘ stammten aus der Sprache, aus der die Ungarn diese Bezeichnung entlehnt hätten. Bei der Wanderung des Wortes in die baltischen Sprachen seien die Ungarn Vermittler gewesen (Larin 1956: 149–162). Fantastisch und folglich unhaltbar ist O. Trubačëvs Erklärung zur Entstehung von giñtaras: Es sei aus dem Russischen янтарь, ентарь entlehnt, das seinerseits über das Tschuwaschische janDar ‚Glasgefäß; Glas‘, janDal ‚kostbare Perlen; Bernstein‘ aus dem Altindischen yántar- ‚zurückhaltend‘ stamme (angeblich spiegele dies den Magnetismus des Bernsteins wider) (Trubačev 1980: 7–18). Man hat auch versucht, die Erklärung auf Material aus den baltischen Sprachen zu stützen. E. Blesse zerlegte die Bernsteinbezeichnung morphologisch als *gint-aras, stellte sie zu lettisch guntina ‚Feuerchen‘, setzte für sie die ursprüngliche Bedeutung ‚Feuer‘ an, bemühte sich, die Bedeutungsbeziehung zwischen ‚Feuer‘ und ‚Bernstein‘ zu begründen, und stellte beide Wörter sowie auch lettisch dialektal guns ‚Feuer‘ zur idg. Wurzel *gʰen- ‚hauen, schlagen; treiben‘, zu der lettisch dzīt (dzenu, dzinu) ‚jagen, treiben‘ und litauisch ginti (gēna, ginė) gehören, vgl. Blesse (1958: 200, Anm. 1). Beachtenswert sind die Bemühungen dieses Forschers, die Bedeutungsbeziehung zwischen ‚Feuer‘ und ‚Bernstein‘ zu begründen, denn sie stimmt mit typologischen Daten überein. Lettisch guntina ist eine Diminutivform des dialektalen (vor allem in den oberlettischen Mundarten gebräuchlichen) guns ‚Feuer‘; Diminutiva werden gern mit -t- gebildet, z. B. uguntina, uguntinš neben uguns ‚Feuer‘ ME IV 294, weshalb es hier möglicherweise gar keine Wurzel *gunt- gibt. Dieses Dialektwort lässt sich historisch nicht von lettisch uguns und litauisch ugnis trennen. Zusammen mit den etymologischen Entsprechungen altkirchenslawisch огнь, lateinisch ignis (< *egnis) und altindisch agniḥ gehen sie auf die uridg. Paradigma *Hgnei-/*Hᵒgnei-: *Hogni-: Hegni- zurück (Karaliūnas 1990b: 177–178). Interessanterweise wird giñtaras auch von P. Anttila mit dem Verb ginti (gēna, ginė) verbunden; als seine ursprüngliche Bedeutung gilt jedoch ‚harziger Eiszapfen, Tropfstein‘ (Anttila 1997: 112, 114). Priesagos -tar- buvimas baltų kalbose yra toks neaiškus (Skardžius 1943: 303–304), kad V. Mažiulis buvo priverstas griebtis priesagos -tr- (girdi, vėliau paveiktos priesagos -ter-), kad paaiškintų gintaro pavadinimo baltų kalbose susidarymą – iš veiksmažodžio ginti (gīna, gynė) šaknies: girdi, senų senovėje pagrindinė gintaro funkcija buvusi magiškoji – ap(si)gynimo nuo tam tikrų blogybių (Mažiulis 1988: 352). Nesunku čia matyti įtaigą hipotezių, graikų kalbos gintaro pavadinimą ἤλεκτρον (šaknis *eh₁lek-) aiškinančių veiksmažodžiu ἀλέγω ‘ginti, atremti, atmušti’ (ide. *h₂lek-s-) (Toporov 1979: 215), tačiau neturinčių tvirtesnio pamato. Antai L. Deroy ir R. Halleux, turėdami galvoje, kad gintaro gabaliukai ligi atsirandant monetoms buvo vartojami skaičiavimui mainuose, jo pavadinimą susiejo su gr. ἀλέγω ‘rūpintis kuo, galvoti apie ką, kreipti dėmesį’ (Deroy, Halleux 1974: 37–52). Zunächst lohnt es sich zu untersuchen, wie ungarische Linguisten selbst die Bernsteinbezeichnung ihrer Sprache erklären. Im neuesten etymologischen Wörterbuch der ungarischen Sprache wird gyanta ‚Bernstein‘ (mit den Varianten gyenta und gyonta) (ausführlicher Voigt 1970: 575–578), das in historischen Quellen bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts belegt ist (gyentha 1500, güwnthar 1525, giantar 1539, gentharos 1542), als baltischen Ursprungs und als Wanderwort beschrieben (Wanderwort), ebenso wie das mittellateinische gentarium und das deutsche Kentner (heute bereits außer Gebrauch). Im Ungarischen bedeutet es außerdem ‚Harz‘ und ‚Glasur‘, doch werden diese Bedeutungen als hervorgegangen… 92 | SIMAS KARALIŪNAS … aus der Grundbedeutung ‘Bernstein’. Das -r am Wortende ist in einer geschlossenen Silbe geschwunden (Benkō, Hrsg., 1993: 492). Es gibt keinen Grund, an diesen Aussagen ungarischer Linguisten zu zweifeln, zumal das untersuchte Wort in ihrer Sprache vergleichsweise spät belegt ist. Andererseits ist es nicht ausgeschlossen, dass dieses Wanderwort, wie V. Voigt vermutet, im 1. Jahrtausend n. Chr. ins Ungarische entlehnt und entsprechend angepasst wurde (Voigt 1970: 574–580). Auch im Russischen ist die Bezeichnung für Bernstein spät belegt. Erstmals begegnet енping? im Jahr 1551, tritt am häufigsten in Schriften des 17. Jahrhunderts auf, und von da an wird seine Form von Buchgelehrten „hypernormalisiert“ und zu янтарь, ähnlich etwa wie ендова (eine Entlehnung aus lit. indauja) zu яндова́ wird. Das Vorhandensein des Konsonanten n zeigt, dass енping? nicht vor dem 10. Jahrhundert in die ostslawischen Dialekte gelangte; andernfalls hätte die Form *ямарь gelautet (Larin 1956: 149–151). Es handelt sich zweifellos um eine Entlehnung aus dem Litauischen; als Original gilt die Form jentāras, gentāras, die von den Preußisch-Litauern verwendet wurde (Vasmer 1978: 558; Sławski 1952: 501; Kiparsky 1973: 69; Laučiūtė 1982: 26). Aus dem Russischen verbreitete sich diese Bernsteinbezeichnung auch in andere slawische Sprachen (Vasmer 1978: 558). Nach den Angaben von K. Būgas Aistiškų Studijų (34) und des akademischen Lietuvių kalbos žodyno (LKŽIII 322) ist gintaras ‘versteinertes Harz, das vom Meer angespült oder aus der Erde gegraben wird (glaesum)’ am weitesten in den žemaitischen Mundarten verbreitet, und zwar an deren westlichem Rand (Kreise Kretinga, Skuodas, Plungė, Šilalė). Auch den nordöstlichen dünininkai-Mundarten ist es vertraut (DūnŽ 486). Die Pluralform und die Bedeutung ‘(Bernstein-)Perlen’ sind auch den Ostlitauern bekannt (Salamiestis, Kreis Kupiškis; Troškūnai, Kreis Anykščiai). Dass das Wort früher unter den Ostlitauern weiter verbreitet war, zeigt sein Beleg in der dritten Ausgabe des Wörterbuchs von K. Sirvydas (gintaras, Gen. Sg. gintaro, Adjektiv gintarinis) (Pakalka u. a., 1979: 123) sowie in seinen Punktuose sakymų (I, 183). Das gintāris der Mundarten in der Umgebung von Druskininkai (DrskŽ 101) ist vermutlich aus der Standardsprache übernommen. Die Akzentvariante gintāras findet sich im Wörterbuch von F. Kurschat (K2 211). Dass gintāras auch in der gesprochenen Sprache gebraucht wurde, etwa in der Umgebung von Tilsit, bezeugt K. Būga (Aistiški Studijai, 34). Bei den Preußisch-Litauern ist es anscheinend am frühesten (Anfang des 18. Jahrhunderts) im Wörterbuch von J. Brodowski belegt. In den Wörterbüchern von P. Ruhig und K. Milkau findet sich die seltene Form gentāras (LKŽIII 237), doch F. Kurschat sagt, er habe diese Form nie gehört. Im handschriftlichen Wörterbuch aus der Mitte des 17. Jahrhunderts Lexicon Lithuanicum stehen die Formen gentāras und gintorius (Drotvinas, Hrsg., 1987: 100, 180). Darüber hinaus ist in den Wörterbüchern der Preußisch-Litauer (Ruhig, Milkau, Krause, Nesselmann) die Form jentāras belegt (LKŽIII 340), die ebenfalls ein e im Stamm aufweist. Somit ist die Betonung des Suffixes -ar- gut belegt und gibt keinen Anlass zu Zweifeln. Dass hier anstelle von g- der Laut j- steht, ist offenbar durch Sprachkontakt zu erklären. Im Mittelniederdeutschen, das von den Deutschen in Preußen gesprochen wurde, wurde der Konsonant g vor vorderen Vokalen wie j ausgesprochen (vgl. jēn = gehen ‘gehen’, jīcht = Gicht ‘Podagra’). Iš įvairių vokiškų dokumentų sus ekama prūsus vartojus gentars (Nesselman 1873: 46; Toporov 1979: 211–212). Iš Karaliaučiaus senamiesčio parapijos klebono Pollianderio laiško, lotyniškai rašyto į Leipcigą 1535 m. draugui mokytojui Kasparui Börneriui, sužinome, kad Semboje, kur gyvena sūduviai, „yra daugiau kaip 32 kaimai, kurių gyventojai jau nuo senų laikų visu pajūriu gaudo gintarą, kurį jie savo protėvių kalba vadina gentārum“ (Būga 1961: 151). Forma gentārum, suprantama, yra lotynizuota. Kiek vėliau, 1551 m., tai patvirtina ir A. Aurifaberis savo veikale Succini historia pasakydamas: „Sūduviai gintarą savo kalba vadina Gentarn“ („Die Sudawen heissen den Börnstein in jrer sprach Gentarn“) (Būga 1961: 150–151; Toporov 1979: 211–212). Šitokią gintaro pavadinimo formą teisingai yra paaiškinęs K. Būga: „Sūdai gintarą bus tarę gentaran (nom. KALBOTYROS PASTABOS 93 Sg. n.). Im Vokalismus dieses Wortes steht e für i. Demnach ist gentārum auf Preußisch als gintaran zu lesen“ (Būga 1961: 150). V. Toporov stimmt K. Būga zu und hält pruß. gentars für eine spätere Entstehung oder sogar für eine fehlerhafte Rekonstruktion nach dem ostpreußisch-deutschen Gentar. Ebenso schließt er nicht aus, dass das gentārum der lateinischen Quellen das Ergebnis einer Volksetymologie ist: Dabei sei Bernstein als Hervorbringer des Feuers verstanden und seine Bezeichnung dem lat. genitor ‘Erzeuger’ angeglichen worden (Toporov 1979: 212). Auch V. Mažiulis vermutet, dass es im Preußischen wahrscheinlich die Form gintars gab (Mažiulis 1988: 352). Nimmt man an, dass es im Prußischen und Sudauischen (Jatwingischen) gintar(a)s mit i im Stamm gab, lässt sich lit. dial. gentāras ir jentāras nur schwer erklären. Da diese Formen in Wörterbüchern der Preußisch-Litauer belegt sind, kann man vermuten, dass sie aus prußischen Dialekten in die litauischen Mundarten dieser Gegend gelangten. In prußischen Ortsnamen aus Quellen des Ordens sowie in den Sprachdenkmälern des Prußischen – dem Elbinger Vokabular und den Katechismen – findet sich jedoch häufig anstelle des etymologischen i ein geschriebenes e. Daraus wird die begründete Schlussfolgerung gezogen (Gerullis 1922: 215; Trautmann 1925: 124; Endzelīns 1943: 25), dass i in prußischen Dialekten, zumindest in einem Teil davon, möglicherweise breit und offen ausgesprochen wurde, also als ę, wie K. Būga sagte (ausführlicher s. v. pruß. keckirs ‘Erbse’, siehe unten). Die Grundform *gintara- (mit dem Vokal i im Stamm) wird durch das lettische Äquivalent dzītars gestützt, das aus Volksliedern bekannt ist (ME₁ 559, EH₁ 362; Gāters 1979: 283–294), ebenso dzītitars aus Volksliedern und der lebendigen Sprache (z. B. Pūre, Bezirk Tukums), mit den Varianten dzintārs (unbetont) auf der Kurischen Nehrung (Schmid 1983: 261–262; 1989: 34, 36), dzinteris (unbetont) in Volksliedern sowie dzintārs in Ungurmuiža (ME₁ 552, EH₁ 359). Das Wort dzintārs wird samt seinen Varianten aufgrund des erhaltenen Diphthongs in als aus dem Kurischen entlehnt und lettisiert angesehen (Endzelīns 1913–1914: 98 [=Endzelīns 1974: 506]; 1940: 254 [=Endzelīns 1980: 561]; ME₁ 552; Būga 1961: 179–180); es ist in Ortsnamen gut belegt: Sintere 1253, Sinter 1291, Zintere 1305, Zynthere 1338 im kurischen Gebiet sowie in Flussnamen: Gintarà, Nebenfluss der Šaltuona bei Raseiniai, Гинтора im 16. Jh. (Būga 1961: 168, 175; Kiparsky 1939: 199), Gintaras, Fluss bei Raseiniai, Giñtaris, Fluss bei Šeduva im litauischen Gebiet. In der gesprochenen lettischen Sprache ist zītars mit den Varianten zīters, zīteris², ziters ME₁ 737, EH₁ 810 weithin gebräuchlich; es weist den wortinitialen Laut z- auf, der sporadisch durch Vereinfachung aus dz- entstanden ist; vgl. zęguze ‚Kuckuck‘: dzęguze ‚dasselbe‘ (vgl. lit. gegužė); zeldināt ‚brennen, stechen‘: dzelidnāt ‚dasselbe‘; zelt ‚stechen‘: dzelt (vgl. lit. gėlti). Aus der Übersicht der Daten geht hervor, dass die Bernsteinbezeichnung *gintara- ein altes baltisches Wort ist, das bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. K. Būga trennte im Wort giñtaras zu Recht das Suffix -aras ab und erklärte den Akzentunterschied zwischen lit. giñtaras, lett. dzītars (Zirkumflex: Akut) durch Metatonie (Būga 1959: 390). Als ursprüngliche Suffixform ist offenbar -ar- anzusehen (< idg. *-or-), denn erstens entwickelte sich daraus später baltisch -er- (offenbar durch Angleichung an den vorderen Vokal der Endung -is, die später auch auf die Stellung vor der Endung -as übertragen wurde), und zweitens wurde es zu -ār- gedehnt, offenbar nach dem Muster gāugaras ‘Gipfel eines Berges, Hügel’: gaugorà ‘Erhebung in einem Acker oder auf einer Wiese …’ LKŽ₃₃ 167; kaũkaras ‘Hügel, Anhöhe, Kuppe’: kaũkoras ‘dasselbe’, kaukoris ‘Kuppe, Haufen’ LKŽ₇ 420, 423, 424. Wie W. Schmid bereits bemerkt hat (Schmid 1993: 426), könnten zur Dehnung des Suffixvokals (vgl. gintorius) auch semantisch verwandte, mit dem slawischen Suffix -orius gebildete Wörter aus Volksliedern beigetragen haben, wie etwa: Ar žiba žiborius? Ar dega degorius? LB 102 (aus der 1882 von A. Leskien und K. Brugmann herausgegebenen Sammlung litauischer Volkslieder). Die Bernsteinbezeichnung der baltischen Sprachen wurde in historisch-vergleichender Perspektive von dem bekannten deutschen Indogermanisten und Baltisten Wolfgang Schmid untersucht, der ihre Wortbildung und Semantik überzeugend erklärt hat (Schmid 1993: 425–430). Seine Untersuchung setzt er mit lit. giñtaras, fort. 94 | SIMAS KARALIŪNAS also auch seine Verwandten in den anderen baltischen Sprachen in die Morpheme gint- und -ara- zerlegt werden. Dass die Wurzel *gent- mit der Nullstufenvariante des Ablauts *gint- (< *gṇt-) in den baltischen Sprachen möglich, wenn auch nicht belegt ist und dass daher die Annahme eines Substrats zur Erklärung der Herkunft dieses Wortes nicht erforderlich ist, zeigen folgende Beispiele (Schmid 1993: 428): *kent-/*kint-: Im litauischen Viškinas und im preußischen Wissekint hängt das Element kint- im Wurzelvokalismus ablautend mit dem Verb kęsti (kenčia) zusammen; *ment-/*mint-: mįsti (minčia, mintė) ‘aufgeben zu erraten, ein Rätsel aufgeben’, mintis ‘Rätsel’, mintė ‘Erinnerung, Verstand’ sind mit pa-męsti (-menčia, -mentė) (unbetont) ‘raten’ stammverwandt, LKŽVIII 84, 232, 245, 284; *pent-/*pint-: iš-péntėti (-ėja) ‘verfallen, vermodern; trocknen, austrocknen, hart werden …’: pintis ‘eine Baumwucherung, ein Pilz, der auf verrottendem Holz wächst’, LKŽIX 798, 1061; *rent-/*rint-: rintis (auch rintis, rintis) ‘Einschnitt, Kerbe; Zeichen um das Horn einer Kuh, das angibt, wie viele Kälber sie gehabt hat …’: ręsti (renčia, rentė) ‘Rinnen, Kerben machen …’, LKŽXI 477, 671. Anschließend stützt sich W. Schmid auf die Behauptung R. Muchs, gintãras könne mit altnordisch kynda, mittelhochdeutsch künden, bairisch-dialektal kenten ‘anzünden’ (germanisch *kundjan, *kandjan) stammverwandt sein (Much 1937: 405; 1967: 512). W. Schmid hält diese germanischen Verben und die baltische Bezeichnung für Bernstein für seit alters verwandt (urverwandt) und leitet sie von der Wurzel *gni- ‘brennen’ ab. Zu dieser Wurzel gehört auch das Germanismus im Finnischen kynttilä ‘Kerze’. Das Motiv für die Bezeichnung des Bernsteins war also nicht seine Schutzfunktion (vor Krankheit), sondern die Eigenschaft des Bernsteins, sich leicht zu entzünden. Auf diesem Motiv beruht auch die Entstehung der Bernsteinbezeichnung im Deutschen: Bernstein ‘gintaras’ wurde in der frühneuhochdeutschen Zeit aus dem mittelniederdeutschen bern(e)stein, barnstēn, bornstēn ‘brennender Stein’ entlehnt (seit dem 13. Jahrhundert belegt), dessen erstes Glied das Verb bernen ‘brennen’ ist; dieses gilt als mit r-Metathese aus hochdeutsch brennen ‘dasselbe’ entstanden (Kluge 1989: 76). Mit einer solchen Erklärung gibt sich W. Schmid jedoch keineswegs zufrieden, denn sie sei lediglich eine Wurzel-Etymologie und erkläre die Wortbildung des baltischen Wortes nicht. Hinsichtlich der Derivation vergleicht W. Schmid litauisch gintãras ferner mit altnordisch kyndill masc. ‘Leuchte; Kerze; Licht’ (daraus entlehnt ist das oben erwähnte finnische Wort) und begründet die Regelmäßigkeit der Wortbildung (baltisch -r-/-ar-: germanisch -l-) durch die Analogie folgender Entsprechungen: litauisch mentūrė ‘Werkzeug zum Umrühren von Brei, zum Zerdrücken von Kartoffeln und Ähnlichem; Werkzeug zum Buttern im Butterfass’: altnordisch mǫndull masc. ‘Mahlspindel einer Handmühle’; litauisch vént eris ‘Fischernetz’: altnordisch vǫndull masc. ‘Heubündel’; litauisch vingurys ‘Krümmung (eines Weges, Pfades, Baches usw.)’: deutsch Winkel ‘Ecke’; litauisch kaugurys ‘niedrige Erhebung’ oder kaukaras ‘Hügel, Anhöhe’ beziehungsweise kaukaras ‘dasselbe’: deutsch Hügel ‘Anhöhe, Hügel’; litauisch nōterė ‘Brennnessel’: deutsch Nessel ‘dasselbe’; litauisch ungurys: lateinisch anguilla ‘dasselbe’ (Schmid 1993: 429). Daraus folgert W. Schmid, dass die seit langem in Beziehung gesetzten litauischen Wörter gintãras und altnordisch kynda ‘anzünden’ mehr als nur eine Wurzel-Etymologie verbindet. Die Bildung des Wortes gintãras ist typisch baltisch, auch wenn das Verb ausgestorben ist; die Wurzel ist in den nordgermanischen Sprachen erhalten. Wo dieses Wort also entstanden ist, fragt W. Schmid. Die wichtigsten Fundorte des Bernsteins waren die Halbinsel Samland und die Kurische Nehrung (Juodkrantė), also Orte, die früher sicherlich nicht von Litauern und Letten bewohnt waren. Dass man diese Bernsteinfundorte am besten über das zugefrorene Meer oder die zugefrorenen Haffe erreichte, zeigen lettische Volkslieder mit ihrem häufig erwähnten dzintarzemē. So wie das Wort dzintars von der kurischen Küste nach Vidzeme vordrang, gelangte, so ist anzunehmen, gintaras aus dem samländischen Küstengebiet in das zentrale litauische Siedlungsgebiet. Das bedeutet, dass die Ostseeküste die Urheimat der frühen baltischen Sprache war („eine Bodenständigkeit des Frühbaltischen“) und dass ihre Aufspaltung in Dialekte ein späteres Phänomen ist. Das Wort der frühen baltischen Sprache gintãras gehört zur Liste der baltisch-germanischen Entsprechungen (Schmid 1993: 430). KALBOTYROS PASTABOS 95 Abschließend lässt sich noch darauf hinweisen, dass es für die Variante der Bernsteinbezeichnung gentāras im Litauischen ein Homonym gibt – das von A. Juška belegte gẽntaras, -ė ‘Faulpelz, Trödler’, LKŽIII 237, ein Wort, dessen Bildung und Herkunft, wie gesagt, unklar sind. Möglicherweise ist es mit dem Suffix -ara- (dazu siehe Skardžius 1943: 302) vom Verb gẽsti (-sta, gẽnto) ‘sich verbrüdern, sich zusammentun, Freundschaft schließen’ abgeleitet. Das Verhältnis seiner Bildung und seiner antonymischen Bedeutung wäre dasselbe wie etwa bei gaĩmaras ‘Faulpelz, Trödler, Zauderer; gefräßiger Mensch, abgelebter Mensch’ neben gaimìnti (-ina) ‘gebären, zeugen; aufziehen’, LKŽIII 31–32; bandžiūlis ‘Freund, Kumpel; Betrüger …’, LKŽI 643–644, bandžius ‘Freund, Kumpel; Hirte …’ oder einfach eine Ableitung von bandà ‘Viehherde, Herde’ (wie didžiūlis ‘großer Mensch, Angeber’: didis). Eine solche Analyse und Erklärung von gẽntaras, -ė ‘Faulpelz, Trödler’ und gaĩmaras ‘Faulpelz, Trödler …’ bestätigt das Vorhandensein des Suffixes -ara- in den baltischen Sprachen. 18. LITAUISCHER DIALEKT krontas ‘SCHNEEWEHE’ In der Umgebung von Varėna und in Rodūnia, Kreis Varenava (Belarus), wird den Angaben des LKŽVI 682 zufolge das Substantiv krontas (unbetont) ‘großer Schneehaufen, Schneewehe’ verwendet. Auffällig an diesem Wort ist der Vokal o vor dem tautosilbischen n. Nach den phonotaktischen Regeln des Litauischen kann in dieser Position nur der Vokal a stehen. Übrigens findet sich mit derselben Bedeutung in Dubičiai, Kreis Varėna, und in Nocė, Kreis Varenava (Belarus), auch krõnas (LKŽVI 682). Es wirkt, als sei in krõnas erst kürzlich der Konsonant t eingeschoben worden. Die lettischen Mundarten im Nordwesten Mittel-Lettlands (Vidzeme) (Valmiera, Valka, Mazsalaca, Vecsalaca) haben krān(t)s [krānc, krānts] (Gen. Sg. -s) ‘Ofen’ mit einem deutlich eingeschobenen Konsonanten t [MEII 266, 268 (s. v. II krāsns), EHI 645]. J. Endzelīns meint, dieses Wort sei durch Dissimilation aus krāsns (litauisch krósnis) entstanden; der Konsonant s bleibe erhalten, wenn auf n ein Vokal folgt, etwa im Lok. Sg. krāsni (MEII 266). Dieser Erklärung widerspricht jedoch offensichtlich das litauische krontas, das vermuten lässt, dass den Wörtern litauisch krõnas, lettisch krāns ‘Ofen’ in Vecsalaca (MEII 266), krāns ‘dasselbe’ in Ipiķi, Pļaviņas, Valka (EHI 645) dennoch der Konsonant t hinzugefügt wurde, obwohl die Gründe für sein Auftreten unklar bleiben. Der lange Wurzelvokal ā ist hier etymologisch, denn sowohl lettisch krāsns, litauisch krósnis als auch lettisch krāns und litauisch krõnas sind mit den Suffixen -sn- und -n- von einer Verbalwurzel abgeleitet, die durch lettisch krāt (krāju) ‘anhäufen, aufladen, sammeln’ vertreten wird (wie etwa litauisch plónas ‘Estrich, Fußboden, Pflaster’, lettisch plāns ‘Lehmestrich, Fußboden’ – von plóti [-ója], lettisch plāt [plāju] ‘legen, schichten’). Bei dieser Gelegenheit ist hervorzuheben, dass es weitere Parallelen gibt, die die südlichsten litauischen Mundarten mit dem lettischen Sprachgebiet, teilweise mit dessen nördlichen Mundarten, verbinden. So wird in Lazūnai, Kreis Vija (Belarus), anstelle des gemeinlitauischen ąžuolas úožuolas (Petrauskas, Vidugiris 1985: 275) verwendet, das mit seinem anlautenden Diphthong dem lettischen uozuõls entspricht, wegen des Konsonanten ž jedoch als litauischen Ursprungs anzusehen ist. In Zietela, Kreis Diatlovo (Belarus), werden statt bruvìs und žuvìs die Formen brīvas ‘Augenbraue’ und zivis (zivē), živis (žive) verwendet – man sagt auch žiuvė (Vidugiris 1998: 93, 791, 811) –; sie weisen -iv- auf, das aus -uv- entstanden ist, einem für die lettischen Dialekte charakteristischen Lautwandel (vgl. lettisch zivs, zive). Außerdem sprechen die Einwohner von Zietela diese Wörter ebenfalls mit dem Konsonanten z- aus. Auch bemerkte K. Būga, dass es im Kreis Ašmena (heute Belarus) einen Fluss Gàuja (einen rechten Nebenfluss der Memel) mit seinem linken Nebenfluss Vìja gibt, ebenso wie im lettischen Staatsgebiet die Gauja (die in den Rigaischen Meerbusen mündet) einen linken Nebenfluss namens Vija hat (Būga 1961: 630). 96 | SIMAS KARALIŪNAS 19. LETT. viņš, viņa ‘ER, SIE’ In der lettischen Standardsprache und im größten Teil der Dialekte – in allen leizmenischen sowie im westlichen Teil der augšzemischen Dialekte – wird, wie bekannt, als Personalpronomen der dritten Person viņš, fem. viņa ‚er, sie‘ verwendet. Dieses Pronomen wird regelmäßig wie ein io-Stamm flektiert (Endzelīns 1951: 517), das heißt viņš, Gen. Sg. viņa… wie ceļš, ceļa… (lit. kelias, kelio…). Seine ältere Bedeutung lautet jedoch ‚jener, der dort‘ (dt. jener); sie ist gut in solchen erstarrten Wendungen bewahrt, die aus einer Form des Pronomens viņš bestehen, die als Attribut (!) fungiert, und einem Lokativ des Substantivs mit lokaler oder temporaler Bedeutung (vgl. viņu pusē ‚auf jener Seite‘, viņā saulē ‚in jener Welt‘) (Endzelīns 1951: 517; ME₍IV₎ 601); seltener stehen Genitiv, Dativ oder Akkusativ (vgl. viņu gadu ‚im vergangenen Jahr‘) (Bergmane e.a., 1959: 521). In diesen Konstruktionen hat viņš das Merkmal ‚nicht nahe (entfernt)‘, ebenso wie das Pronomen tas. Da es Fälle gibt, in denen anstelle von viņš stets tas verwendet wird, stehen die Verwendungen von viņš und tas in einem Verhältnis komplementärer Distribution und gelten daher als Positionsvarianten (Rosinas 1988: 51). Viņš, viņa werden außerdem für Lebewesen verwendet; bei unbelebten Gegenständen hingegen gebraucht man gewöhnlich die Bedeutungen der Personalpronomen der dritten Person tas, tā. Diese Besonderheit des Gebrauchs muss man bei der Erforschung der Herkunft des Pronomens viņš berücksichtigen: Denn der attributive Gebrauch macht weitere semantische Eigenschaften sichtbar, die in erstarrten Wendungen konserviert sind. So ist viņu māja bedeutungsgleich mit viņsēta und bedeutet ‘ein anderer, benachbarter Hof; ein anderes, benachbartes Anwesen’; die Pluralform viņsētas bedeutet ‘andere, benachbarte Anwesen; die Bewohner eines anderen, benachbarten Hofes, entferntere Nachbarn’ (ME₍IV₎ 601; Endzelīns 1951: 517). Es ist leicht zu erkennen, dass das Pronomen viņš hier nicht nur als Attribut fungiert, sondern auch die Bedeutung ‘ein anderer’ hat. Die Wortverbindung viņu ļaudis verschmilzt zu viņlaudis, in manchen Mundarten sogar zu viļaudis (Nom. Plur.), und bedeutet ‘die Leute eines anderen, benachbarten Anwesens, eines anderen Hofes, Nachbarn’ (ME₍IV₎ 601). Es gibt sogar Ausdrücke, in denen das Pronomen viņi unmittelbar Nachbarn bezeichnet, z. B. viņu rija = kaimiņu rija ‘der Hof der Nachbarn’ (wörtlich ‘die Tenne der Nachbarn’); viņu tēvs, māte = kaimiņu tēvs, māte ‘Vater, Mutter der Nachbarn’ (ME₍IV₎ 601); viņuos (Gen. Plur.) guovs ‘die Kuh der Nachbarn’ (EH₍II₎ 786; Endzelīns 1951: 517). Folglich legen sowohl der attributive Gebrauch des Pronomens viņš, fem. viņa, der seine offenbar alte Bedeutung ‘ein anderer (nämlich ein Nachbar)’ voraussetzt, als auch seine Flexion als regelmäßiger Vertreter eines io-Stamms nahe, dass viņš, fem. viņa einst eine selbstständige lexikalische Einheit war, die erst vor kurzem in das Pronominalsystem eingetreten ist¹. Wie schon vor langer Zeit festgestellt wurde (Endzelīns 1951: 517), übernahm das Demonstrativpronomen viņš, fem. viņa ‘ein anderer, eine andere’ die Funktion des Personalpronomens und ersetzte lett. jis, ji auf dieselbe Weise, wie in den ostlitauischen Dialekten das Demonstrativpronomen anàs, anà an die Stelle von jis, ji trat und sich zu ānas, anà entwickelte (Plur. āņys, ānos). Im Pilda-Dialekt der östlichen oberländischen Dialekte wird das Pronomen veņis, fem. veņei verwendet (EH₍II₎ 771). Es weist mehrere Besonderheiten auf. Erstens haben einige Formen dieses Pronomens lange Vokale in den Endungen. Zweitens zeigt der palatalisierte Konsonant -ņ- (-ń-) in allen Formen, dass es *-nj- widerspiegelt. Drittens unterscheidet sich das fragliche Pronomen von viņš, fem. viņa durch den Stammvokalismus – es hat e statt i (Rosinas 1988: 211). Da die langen Endungsvokale nach A. Rosinas nur in einsilbigen Formen erhalten geblieben sein konnten, betrachtet er das fragliche Pronomen als aus zwei Bestandteilen zusammengesetzt: 1 Seiner Herkunft nach wird es traditionell mit pruß. winna Adv. ‘nach draußen, hinaus’, wins ‘Luft’ in Verbindung gebracht: Endzelin (1922: 381; 1951: 517–518); Stang (1966: 238–239); Rosinas (1988: 211); Karulis (1992: 534–535). Doch niemand hat den klaffenden semantischen Unterschied zwischen ‘draußen; Luft’ und der Funktion eines Personalpronomens der dritten Person überzeugend begründet (oder lässt er sich vielleicht nicht begründen?). KALBOTYROS PASTABOS | 97 *vinE- (wobei E für irgendein vokalisches Element steht) und das Personalpronomen der dritten Person *(j)is, *(j)ī. Den Wurzelvokal e leitet er aus i her. Denn in einigen oberländischen Dialekten gilt eine Regel, nach der der Vokal i vor j, ŋ zu e wird (Rosinas 1988: 211). Die erwähnten Formen des Pilda-Pronomens venīs, fem. venēi sollten nicht allzu sehr überraschen, wenn man bedenkt, dass dieses Pronomen mit solchem Stammvokalismus erstens auch in anderen oberländischen Mundarten vorkommt: veŋdien ‘an jenem Tag’ in Zvirgzdine, veŋ in der Wendung ek veŋ ‘sieh da!’ in Sausnēja und Dzelzava (ME₁ 538). Zweitens haben periphere Dialekte, wie die eben genannten Mundarten, oft mehr Archaismen bewahrt. So werden in den östlichen oberländischen Dialekten (Aknīste, Susēja, Zvirgzdine, Kārsava, Pilda, Nirza, Dignāja) anstelle von oder neben ir ‘ist’ die Formen jer, jera ‘ist’ mit dem Wurzelvokal e verwendet². Es dürfte daher auch kein Zufall sein, dass in den Mundarten von Pilda und Zvirgzdine sowohl das Demonstrativpronomen venīs, veŋ-, als auch die Formen der dritten Person des Verbs „sein“ durch den Wurzelvokal e gekennzeichnet sind. Darüber hinaus lässt sich das Auftreten des Vokalismus e in diesen Formen kaum mit der erwähnten Tendenz erklären, den Vokal i vor j, ŋ zu e zu verändern, da in den Formen jer, jera das e vor einem velarisierten Konsonanten steht und phonetisch nicht aus i entstanden sein kann. Aufgrund dieser Umstände sollte man eher annehmen, dass der Wurzelvokalismus e in den Formen venīs, veŋ- und jer, jera aus alter Zeit stammt und mit dem Wurzelvokalismus der verwandten Formen viņš, fem. viņa und ir, ira ‘ist’ in Ablautbeziehungen steht. Bei der Untersuchung der Entstehung von venīs, fem. venēi sollte auch der Tatsache keine große Bedeutung beigemessen werden, dass einige Formen dieses Pronomens im Pilda-Dialekt ungekürzte Endungen haben, wie sie für einsilbige Pronomen typisch sind. Dialektologen haben festgestellt, dass die Kürzung langer Vokale und Diphthonge am Wortende für die oberländischen Dialekte nicht besonders charakteristisch ist (Rudzīte 1964: 293). Außerdem können in der Pronominalflexion der Wortauslautvokalismus, ja sogar die Akzentstelle zweisilbiger Formen durch die Flexion und Betonung einsilbiger Formen bedingt sein. Das zeigt beispielsweise die Parallelität der litauischen Formen katras (dial. kataràs), katrō, katrám… – kās, kō, kám… deutlich. Ebenso kann die Flexion von fem. venēi durch die Endungen von jei ‘sie’ fundiert sein. Dieses Fundierungsgesetz würde zusammen mit der Tendenz der oberländischen Dialekte, lange Vokale und Diphthonge in Endungen nicht zu kürzen, auch das Erhaltenbleiben der langen Vokale und Diphthonge in einigen Formen von venīs, fem. venēi erklären. Mit anderen Worten: So wie etwa die Parallelität von patī, pac̃ios, pac̃iā… – jī, jōs, jāi… nicht zeigt, dass patī aus *pat und jī, zusammengesetzt ist, lässt sich ebenso wenig aus der völligen Übereinstimmung der Endungen von venēi – jei ‘sie’ schließen, dass venēi eine Zusammensetzung ist und somit als zweites Glied *(j)ī, *jās… enthält. Außerdem lässt sich die Länge der Endung von venīs kaum erklären, wenn man es aus der Verbindung *vin- + *(j)is, herleitet – der Vokal im Pronomen lett. jis, lit. jis < *(j)is ist kurz. Daher gab es hier offenbar doch feminine Formen *venī/*venjās neben maskulinen *venja-/*venija- (Nom. Sing. *venijas > *venijs (vgl. Lok. Sing. vēnijā) > *venīs mit verallgemeinertem -ń- < *-nj- aus *venja-), ebenso wie es feminine Formen *patī/*patjās (> patī, pac̃iōs) neben dem maskulinen i-Stamm *patis (> pats) gab. Unter Berücksichtigung all dessen scheint sich für die vorlettischen Dialekte ein Pronomen mit alternierender Wurzel *ven-/*vin- (< *un-) rekonstruieren zu lassen, das die Bedeutung ‘ein anderer (nämlich ein Nachbar)’ hatte und mit zwei Stämmen funktionierte: (1) einem (i)io-Stamm mit normalstufigem Wurzelvokalismus *uen(i)io-, fem. *uenī-/*ueniā-, und (2) einem io-Stamm mit schwundstufigem Wurzelvokalismus *uiṇio-, fem. *uiṇiā- (< *uṇ-io-, fem. *uṇ-iā-). 2 Ancītis (1935: 186); Endzelīns (1951: 719; 1980: 274) (balsio e atsiradimą aiškinti kontaminacija su rus. есть ar jo tiesioginė įtaka nėra pagrįstas dalykas). 98 | SIMAS KARALIŪNAS Auf historisch-vergleichender Ebene hängt dieses baltische Pronomen sehr wahrscheinlich mit germanischen Substantiven wie altisländisch vinr (neuisländisch vinur), norwegisch ven, schwedisch vän, altenglisch, altfriesisch wine, altsächsisch, althochdeutsch wini ‚Freund‘ (< germ. *weni-) zusammen. Zu den übrigen Sprachen gehören hier altirisch coi-bnius ‚Verwandtschaft‘, altbretonisch co-guenou ‚einheimisch, ortsansässig‘. Die Entwicklung von idg. *uen-(i)jo-/*uṇ-io- ‚Freund‘ zu baltisch *uen(i)ja-/*uinia- ‚Verwandter, anderer (altkirchenslawisch kaimynas)‘ beruht offenbar auf der Idee der Gegenseitigkeit, die dem indogermanischen Austauschsystem und dem System des Gebens und des Austauschs sozialer Dienstleistungen eigen war und darüber hinaus die Konnotation des Anderen (Fremden, Feindlichen) in sich trug; vgl. die semantisch gleich strukturierten altslawischen Formen drugb druga ‚einander‘ (: drugb ‚Freund‘), hethitisch araš aran ‚einander‘ (: araš ‚Freund‘). 20. IST PR. keckirs ‚ERBSE‘ EIN LEHNWORT? In den Wörterverzeichnissen des Elbinger Deutsch-Preußischen Vokabulars (das vermutlich Ende des 13. oder Anfang des 14. Jahrhunderts zusammengestellt wurde) und des S. Grunau (das aus den Jahren 1517–1526 stammt) sind entsprechend keckers (vgl. auch lituc-kekers ‚Linse‘) und keckirs ‚Erbse (Erweis, Erbse)‘ belegt (Mažiulis 1981: 24, 52). Opinio communis zufolge handelt es sich um ein Lehnwort aus dem Deutschen (deutsch Kicher, mittelhochdeutsch kicher aus lateinisch cicer, Neutrum ‚Erbse‘)³. Im nordöstlichen Winkel des litauischen Gebiets lässt sich anhand des Zusammentreffens von Gewässernamen eine Situation linguoethnischer Kontakte rekonstruieren, deren Komponenten Sprachen ostbaltischen und westbaltischen Typs gewesen sein könnten. Westlich von Zarasai, nahe der lettischen Grenze, liegt eine Gruppe von Seen mit ungewöhnlichen Namen: Čičirys (Akk. Sg. Čičiri) (und Čičiris) in Imbradas, Čičiraitis in Imbradas sowie der Name des in den Čičirio-See mündenden Flusses Čičirė in Antazavė. Etwas weiter westlich, in der Umgebung von Antazavė, liegt ein See namens Zirnajys (Akk. Sg. Žirnajį) (und Zirnejas). Südlich davon, im Gebiet der ostaukštaitischen Mundarten, findet sich an seiner Stelle der Fluss Žirnaja (Akk. Sg. Žirnąją) (entspringt dem Žirnajų-See) in Pabaiskas, der See Žirnajai (Akk. Pl. Žirnajus) in Pabaiskas, Rajon Ukmergė, sowie der See Žirnajys in Tauragnai, Rajon Utena. Der Vergleich mit dem Seenamen Žirnis in Šeduva erlaubt es, darin das Suffix -aj- zu erkennen (Vanagas 1970: 80) und festzustellen, dass ihr Etymon das Appellativ žirnis ist (Vanagas 1970: 404); wegen des Konsonanten ž sind diese Namen als litauischen Ursprungs anzusehen. Da Zirnajys und Zirnejas mit guten Gründen als Relikte der Selonen gelten (Būga 1959: 21, 108; 1961: 278–279; Vanagas 1970: 395), sind daher sowohl ihr Suffix -aj- als auch ihr Etymon žirnis offenbar keine lettischen, sondern selische Relikte, denn die selische Sprache hatte die Konsonanten s und z anstelle der litauischen š und ž (zur selischen Sprache siehe Būga 1961: 274–282; Kuškis 1967: 9–20; Karaliūnas 1972: 17–19; Rudzīte 1980: 159–163; Rudzīte 1996: 45–50; Kabelka 1982: 81–85; Breidaks 1999: 27–28). Als selische Relikte gelten auch Čičirys (und Čičiris) sowie Čičirė; ihre Ausgangsform wird als *čičir- < baltisch *kikir- rekonstruiert (Būga 1959: 22, 108; 1961: 275, 733; Vanagas 1981: 7; Kabelka 1982: 84). Bemerkenswert ist, dass Čičirys mit Čičiris und Čičirė einerseits und Zirnajys mit Zirnejas andererseits räumlich nebeneinander liegen; daher ist die Annahme möglich, dass auch den erstgenannten Namen das Lexem für ‚Erbse‘ zugrunde lag, nämlich selisch *čičir- < baltisch *kikir- ‚Erbse‘. Anders 3 Būga (1959: 219; 1961: 661, 681); Endzelīns (1943: 191); Schmalstieg (1976: 264); Sabaliauskas (1957: 351); Toporov (1980: 302–304); Mažiulis (1993: 153–154). R. Trautmannas plg. keckers, keckirs sulugyino su lot. cicer ir arm. sisem ‘žirnis’, tačiau neatmetė jų skolinimosi iš lenkų kalbos galimybės (lenk. cieciorka), Trautmann (1910: 355). KALBOTYROS PASTABOS 99 gesagt, lassen sich Čičirys, Čičiris und Čičirė als Ergebnis einer Übersetzung von Zirnajys und Zirnejus auffassen. Somit gibt es hinreichende Gründe, für die selische Sprache neben dem Lexem *kikir- ‚Erbse‘ auch das Lexem *kikir- ‚Erbse‘ zu rekonstruieren, dessen etymologisches Gegenstück prußisch keckers, keckirs ‚Erbse‘ ist. Genau genommen ist die Qualität des Stammvokals dieser prußischen Wörter unklar (Vokal e oder i), doch lässt sich leicht feststellen, dass es im Prußischen Fälle von Schwankungen zwischen den Vokalen i und e gibt; vgl. etwa die Ortsnamen Bliwoth und Blewothyn, Myluken und Meluken (Gerullis 1922: 215). In Einzelfällen lässt sich sogar eine Erweiterung des Vokals i zu e beobachten; vgl. prußisch lankenan deinan ‚den Feiertag‘ im I. Katechismus: länkinan deinan ‚dasselbe‘ im III. Katechismus; prußisch leygenton ‚zu richten‘ im II. Katechismus: liginton ‚dasselbe‘ im III. Katechismus; prußisch kamenis: litauisch kaminas; prußisch warene ‚kupfern (Kessel)‘: litauisch varinė ‚kupferne Schüssel‘ (aus K. Sirvydas’ Punktai sakymų). Die selische Sprache muss also das für die westbaltischen Sprachen charakteristische Lexem *kikir- ‚Erbse‘ besessen haben (Karaliūnas 1990a: 86–87). Das sollte nicht überraschen, denn es gibt weitere lexikalische Isoglossen, die den nordöstlichen Winkel Litauens (Dusetos, Zarasai) mit dem Gebiet der westbaltischen Sprachen verbinden – dazu gehören der See Vėnčavas bei Dusetos und der jatwingische Wensowa (1562) genannte Wald im Kreis Olecko in Masuren (Karaliūnas 1991: 73–77). Eine analoge Kontaktsituation hat V. Toporov im Gebiet der Stadt Moskau am Fluss Jauza rekonstruiert; einer seiner Nebenflüsse heißt Čėčera (Чечера). V. Toporov bringt diesen Flussnamen mit Čičirys (und Čičris), Čičiraitis, Čičirė in Verbindung und hält ihn für baltischen Ursprungs. Da der Fluss Čėčera durch einen Moskauer Stadtteil fließt, der seit alters Гопоховое поле (‚Erbsenfeld‘: russisch горох ‚Erbse‘) heißt, hält V. Toporov den Namen überzeugend für eine Übersetzung des baltischen *kikir-/*kiker- ‚Erbse‘ (Toporov 1982: 3–61). Mit der ihm eigenen Gründlichkeit führt V. Toporov archäologische, linguistische und historische Belege an, aus denen hervorgeht, dass im oberen Wolga- und Oka-Becken baltische Stämme lebten, die ihre Kultur und an einzelnen Orten auch ihre Sprache bis zum 12. Jahrhundert bewahrten, und dass sich die Existenz einer baltisch-russischen Bilingualismusperiode nicht gänzlich ausschließen lässt. Fazit: Das baltische *kikir- ‚Erbse‘ war in einem großen Gebiet Nordosteuropas verbreitet, von der Ostsee im Westen bis zum oberen Wolgagebiet und zur Oka im Osten; folglich kann prußisch keckers, keckirs ‚Erbse‘ kein Lehnwort aus dem Deutschen sein. Prußisch keckers, keckirs ‚Erbse‘, selisch *čičir-< baltisch *kikir- ‚Erbse‘, lateinisch cicer, -is ‚dasselbe‘ und armenisch sisern ‚dasselbe‘ (< idg. *kiker-) bilden eine Isoglosse der baltischen, italischen und armenischen Sprachen. 21. WAS BEDEUTETE PR. rapa? Im Elbinger Vokabular der deutsch-preußischen Sprachen steht unter dem Wort dewis ‚Gott‘ rapa ‚Engel‘ (Mažiulis 1981: 14). Es ist belegt, dass die Prußen – wie die Litauer und Letten – für diesen wichtigen Begriff des religiösen geistigen Lebens Lehnwörter verwendeten: S. Grunau gibt in seinem Vokabular angol ‚Engel‘ an (ein Wort, das wahrscheinlich über das Polnische entlehnt wurde), während engels (aus dem Deutschen entlehnt, vgl. dt. Engel) im dritten Katechismus begegnet (Mažiulis 1981: 49, 165, 168. Zum historischen etymologischen Kontext all dieser Formen siehe Endzelīns 1943: 141, 167, 238; Mažiulis 1988: 77–78, 265; 1997: 12; Toporov 1975: 87; 1979: 41–42). Angesichts dieser Fakten erscheint rapa als eine recht unerwartete und rätselhafte Bezeichnung für den Engel; daher ist schwer verständlich, warum die Prußen eine Neubildung hätten schaffen müssen, und es entsteht der Verdacht, dass hier vielleicht etwas nicht stimmt. F. Nesselmann hat darauf hingewiesen, dass bereits W. Pierson bemerkt habe, beim Lesen der Glosse Engel – rapa sei ein Fehler unterlaufen: Statt dt. Eugel ‚Kröte‘ zu lesen, habe man Engel ‚Engel‘ gelesen und pruß. rapa ‚Kröte‘ mit lit. raupėžė, repečkā, rapūže, rūpužė in Verbindung gebracht habe, so 100 | SIMAS KARALIŪNAS pat su lat. ràpt ‘ropoti’ (Nesselmann 1873: 146). Įdomu, kad prūsų kalbos tekstuose raidės u ir n rašant taip pat kartais painiojamos (Endzelīns 1935: 103 [=Endzelīns 1980: 233]). „Vokiečių kalbos atlaso“ leksikai skirto tomo (Band IV, Gießen, 1955) žemėlapyje Nr. 4 yra suminėtos tokios rupūžės pavadinimo tarminės formos: Oigel, Oig(e), Oik(e), Ogel, Ockel⁴. Ypač svarbu, kad forma Oigel vartojama Westfalijoje, iš kur į prūsų kraštą buvo atsikėlę nemaža vokiečių kolonistų. Todėl H. Schallis visiškai teisus sakydamas, kad Elbingo žodynėlio glosoje Engel – rapa yra pr. ràpa ‘rupūžė’, tikriau sakant, ‘ropojantis gyvūnas’, ir jį siedamas su latvių kalbos veiksmažodžiais rāpuot, ràpt(ies) ‘ropoti, réplioti, šliaužti’, rāpus ‘ropomis, réplom’ (Schall 1966: 28). Minėto atlaso rupūžių pavadinimų arealus žymintis žemėlapis, be to, nurodo, kad šiaurės rytų Prūsijos kampe, į rytus nuo Kuršių marių, vokiečių tarmėse buvo vartojamas ir žodis Rapetschke su variantu Repetschke. H. Schallis mano, kad čia, skalvių plote, pr. ràpa išsilaikęs ligi pat naujųjų laikų (Schall 1966: 28–29). Nors ir nėra pakankamai aiškių fonetinių kriterijų atskirti prūsiškos kilmės vokiečių kalbos skolinius nuo jų lietuviškos kilmės, pastarosios dvi formos vis dėlto veikiau laikytinos į vokiečių kalbos tarmes Rytų Prūsijoje atėjusiomis iš lietuvių kalbos šnektų (Bielfeldt 1970: 48). Akademinio Lietuvių kalbos žodyno ir Lietuvių kalbos atlaso duomenimis, rapėčka LKŽₓ₁ 177, repėčka, repėčka, repėčke, repėčė ‘rupūžė’ LKŽₓ₁ 460 vartojami pačiame pietų vakarų lietuvių kalbos ploto pakraštyje (Lietuvių kalbos atlasas, I, 1977: 153, žemėl. Nr. 81), kuris ligi pat II pasaulinio karo ribojosi su vokiečių kalbos arealu. Jų darybos pamatas yra būdvardžiai repėckas, repėčkas, repėčkas ‘einantis visomis keturiomis, keturpėsčias’ LKŽₓ₁ 460, plg. dar prieveiksmius repėčka, repėčka, repėčka, repėčka ‘visomis keturiomis, ropomis’. In den litauischen Dialekten finden sich auch Bezeichnungen für die Kröte mit dem Wurzelvokal o (<ā): dial. ropūžė in Pelesa, ropūžė im Wörterbuch von A. Kuršaitis ‚Kröte (Bufo)‘ LKŽₓ₁ 841, ropūžė im Lazūnai-Dialekt (Petrauskas, Vidugiris 1985: 225), neben rapušė, rapužė mit kurzem Wurzel-a im Zietelaer Dialekt (Vidugiris 1998: 530). Ihrer Bildung liegt offenbar das Verb ropóti (-ója) ‚sich bewegen, kriechen (gewöhnlich von Insekten und Kriechtieren)‘ zugrunde; vgl. auch das Adverb ropà ‚kriechend, auf allen vieren‘. Das Vorkommen von Formen mit dem Wurzelvokal o (<ā) in litauischen Dialekten und ihre Verbreitung in Richtung des südlichen Randgebiets, in das historische jatwingische und prußische Areal, macht die Rekonstruktion des Wortes rāpa im Prußischen durchaus möglich. Zwar weist V. Mažiulis darauf hin, dass die Form des ā-Stamms rapa (Nom. Sg. Fem.) im Elbinger Vokabular als *rapo geschrieben worden wäre (mit dem Wandel von wortfinalem ā zu o, wie etwa in galwo, mergo), und korrigiert daher rapa zu *rapan (Mažiulis 1997: 12). Doch sollte auch J. Endzelyns schlüssige Erklärung nicht geringgeschätzt werden: rapa könnte, sofern es ein echtes Wort ist, ebenso wie manga ‚Hure‘ und merga ‚Mädchen, junge Frau‘ aus S. Grunaus Vokabular aus jenen prußischen Dialekten stammen, in denen der Vokal ā nach labialen und velaren Konsonanten nicht labialisiert wurde (Endzelīns 1943: 62). Es könnte also auch pruß. rāpa (<*rāpā) gegeben haben. Bei Abwägung der Alternativen scheint jedoch wahrscheinlicher, dass pruß. ràpa *ràpaz- usw. lautete, also das Suffix *-az- (lit. -až-) hatte. Die Suffixe -ėž- (/*-až-)/-ėž- lassen sich in solchen litauischen Bezeichnungen für die Kröte unterscheiden wie: rėpežė, repėžė, rėpežis ‚Kröte‘ LKŽₓ₁ 466: rėpénti (-ėna) ‚kriechen‘ (vgl. außerdem repetóti [rėpetoti, repetoti] ‚kriechen; auf allen vieren gehen …‘); lit. bebėžė (und bėbėžė) ‚Kröte; Laus‘ LKŽ₁ 705: bėbė ‚Laus (in der Kindersprache‘ 4 Šis šaltinis Lietuvoje neprieinamas. Cituojama pagal Schall (1966). KALBOTYROS PASTABOS 101 ‘); kr(i)upėža ‚Kröte, Krötchen (milder Fluch)‘ LKŽVI 651, 716: kr(i)ūpis, kr(i)ūpė. Es gibt auch andere Suffixe, etwa -ek-/-ėk- in den Wörtern repėka, repėkė, rėpekė LKŽXI 463; besonders beliebt sind die Suffixe -už-/-ūž-: rāpuža, rāpužė, rapūžė (als Schimpfwort gebraucht) LKŽXI 180 neben rapóti (-ója) ‚mühsam gehen, kriechen; schleichen‘; repūžė (rėpužė) LKŽXI 475: repénti (-éna) ‚kriechen‘; kūkužė (und kukužė) ‚Kröte (milderes Schimpfwort)‘ LKŽVI 818: kukūtė ‚eine Amphibienart, die der Kröte etwas ähnelt‘. Daher müssten nun auch die lettischen Toponyme Rapa, Rapas (Dambe 1972: 58) anders erklärt werden – das heißt, sie wären nicht mit pruß. rapa zu verbinden. Offenbar sind sie nicht von den lettischen Familiennamen Rapa, Raps (< *Rapas) zu unterscheiden. Lettischen Ursprungs sind auch die litauischen Familiennamen aus der Umgebung von Rokiškis Rapas und Rapis (unbetont) (vgl. Vanagas, red., 1989: 573–574). Ihrer Bildung könnte das lettische Verb iz-rapēt ‚faulen, verrotten, mürbe werden‘ MEI 789 zugrunde liegen; vgl. lit. rāpti (rãmpa, rāpo) ‚kränkeln‘ LKŽXI 178. Schlussfolgerung: Beim Lesen der Glosse Engel – rapa im Elbinger Vokabular der deutsch-preußischen Sprachen ist wahrscheinlich ein Fehler unterlaufen: Statt dt. Eugel ‚Kröte‘ zu lesen, wurde Engel ‚Engel‘ gelesen. LITERATŪRA ANČITIS, K. 1935: Par Aknīstes izlok­sni. Filologu biedrības raksti 15, 161–196. ANTTILA, R. [АНТТИЛА, Р.] 1997: Недостающие звенья в лексических цепочках. 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