Ondřej Šefčík, Bohumil Vykypěl, Hrsg. „Grammaticus. Studia linguistica Adolfo Erharto quinque et septuagenario oblata“
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(‘judéti’) ir eiti II (“turėti pareigas’); išsukti I (“sukant pašalinti' ir kt.) ir išsukti II (‘nuklysti į
šalį'); iššaukti I ('atšaukti') ir iššaukti II (‘galeti išrėkti').
Minėti žodžių semantikos pateikimo nenuoseklumai bei kiti netikslumai žodyno vertės ne-
menkina. Vien tai, kad žodyno sudarytojai jau patikslino nemažo būrio žodžių semantinę struk-
tūrą, rodo sudarytojų ryžtą įrodyti, kad lietuvių žodynų rengimas remiantis šiuolaikine leksikog-
rafija nėra Sizifo darbas, turint leksinės semantikos ir leksikografijos koncepciją ir milžinišką
tekstyną — reikia tik laiko ir kruopštumo.
Aptartosios pirmojo Lietuvių-norvegų kalbų žodyno naujovės rodo, kad nebesitenkinama kitų
kalbų leksikografijos patirties pakartojimu: šiuo žodynu lietuvių leksikografijoje dedami moder-
niosios leksikografijos koncepcijos pagrindai. Iš pirmo žvilgsnio kuklus dvikalbis žodynas patei-
kiamos gramatinės ir semantinės informacijos apie abiejų kalbų žodžius kokybe pakyla į geriau-
siųjų lietuvių leksikografijos darbų gretas. Teorinių leksikografijos idėjų iš jo galėtų pasisemti ir
Dabartinės lietuvių kalbos žodyno sudarytojai, rengdami naują žodyno leidimą, bei lietuvių ir kitų
užsienio kalbų žodynų rengėjai.
Dalia Barauskaitė Mikkelsen Gauta 2002 07 03
Dommervaenget 26 C, 1.tv.
4000 Roskilde, Danija
[email protected]
ONDREJ SEVCIK, BOHUMIL VYKYPEL, EDS., GRAMMATICUS. STUDIA
LINGUISTICA ADOLFO ERHARTO QUINQUE ET SEPTUAGENARIO OBLATA.
Brno: Masarykova universita, 2001, 234 p.
Uber den AnlaB, aus dem die zur Besprechung vorliegende Festschrift erscheint, gibt schon
der Titel ausreichende Auskunft. Genūgenden Grund dazu, sie in dieser Zeitschrift zu rezensieren,
bildet nicht nur die Tatsache, daB der verehrte Jubilar, Prof. Adolf Erhart, ehemaliger Inhaber
des Lehrstuhls fiir vergleichende Sprachwissenschaft an der Briinner Universitat, der Baltistik
immer besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat (davon zeugen seine Einfithrungen in das
Litauische und in die vergleichende baltische Sprachwissenschaft, vgl. Erhart 1956, 1984), sondern
auch die iiberaus starke Vertretung der baltistischen Problematik in diesem Sammelband.
Am Anfang sei ein kurzer Uberblick iiber den Inhalt des Buches gegeben. Stark vertreten ist
die etymologische Problematik. Sonderstudien auf diesem Gebiet haben Eva Havlovi (,,Ie. kofen
*al- a germanskė nazvy pro ‘vék’, S. 56-63), Helena Karlikova („K staroslovénskému substantivu
sppde“, S. 99-104), Boris Skalka („St[aro]sl[ovėnskė] seta/seti semper provocans®, S. 144-148)
und Pavla Val¢dkova (,,Regarding P[roto-]S[lavic] *ėde“, S. 201-205) beigetragen. In einigen
Aufsatzen wird je einem Teilgebeit des indogermanischen Lexikons bzw. des Lexikons eines der
indogermanischen Sprachzweige besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Es handelt sich um die
Studien von Vaclav Blazek (Indo-European kinship terms in *-o,ter”, S. 24-33) und Ilona
JanySkova (,Etymologie nazvū tisu ve slovanskych jazicich“, S. 91-98). Neben der
indogermanischen ist auch die dravidische und altaische Etymologie vertreten (Jaroslav Vacek,
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„Dravidian and Altaic “hot — fire — heat'“, S. 175-200). Mit allgemeineren Fragen der
etymologischen Methode befaBt sich Karl Horst Schmidt, der am Beispiel kartwelisch-
indogermanischer Parallelen zeigt, wie wichtig es beim Etymologisieren ist, die rekurrenten und
universalen Typen semantischer Motivierung zu berūcksichtigen (,,Etymologie und semantische
Parallele“, S. 135-143). Dem Grenzgebiet zwischen vergleichender Grammatik und
vergleichender Religionsgeschichte gehort Vladimir N. Toporovs Beitrag „Dr.-ind. prathama-: k
rekonstrukcii odnogo iz variantov indoevropejskoj koncepcii «pervogo>“, S. 165-174, an.
Aus dem Bereich der Indoiranistik sind die Studien von Vit Bubenik (,,On the Remaking of
the Middle Voice in Indo-Iranian®, S. 34-44) und Ondfej Sef¢ik („Word Borders in Old Indo-
Aryan®, 156-164) zu vermerken. Die slavische Syntax wird vertreten von Radoslav Vecerka
(„Poznamky k disjunktivnimu/alternativnimu li v staroslovénstiné“, S. 206-210) und William R.
Schmalstieg („A Common Mistranslation of a Few Lines in the Igor Tale“, 131-134). Letzterer
fūhrt anhand zahlreicher Parallelen aus, das in den meisten Ubersetzungen ablativisch
wiedergegebene Pripositionalgefiige ota nego in einem Satz des Igorliedes (vidé tomoju vbsė svoé
voé prikryty ‘sah sein ganzes Heer von ihr mit Finsternis verdeckt’) sei eigentlich vielmehr
agentivisch aufzufassen. Die Praposition ots diene hier zur Verstarkung des agentivischen Genitivs,
einer Erscheinung, mit der Schmalstieg sich auch im Zusammenhang mit den baltischen Daten
(besonders denjenigen des Litauischen) schon ausfithrlich auseinandergesetzt hat. Aus dem
Bereich der synchronischen Syntax ist Stanislav Zazas Studie iiber die Verwendung der Verben
fiir ‘geben’ in tschechischen und russischen Funktionsverbgefiigen („K funkci slovesa dat — dame
v češtinė a rusting”, S. 226-232) zu erwahnen.
Keiner groBeren thematischen Gruppe sind die Beitrige von Ludmila Buzassyova und Eva
Pallasova zuzuordnen. Erstere handelt ūber Fragen der lateinischen Paradigmatik (,,Parisylaba v
latinCine®, S. 45-55), letztere ūber die Frithgeschichte der slavischen Sprachwissenschaft, und
zwar uber die Behandlung der Wortbildung bei Miklosich („/skoni bė slovo — Pocatky slovanské
slovotvorby®, S. 120-135).
Interessante Fragen der indogermanischen Kasussyntax erortert Helena Kurzovi in ihrem
Beitrag „Zur Syntax und Semantik der indogermanischen Kasus“ (S. 106-119). Den Aufsatz
eroffnet eine Betrachtung ūber die ,,Grundkasus®, d. h. Nominativ und Akkusativ. Fiir das
grundsprachliche System hebt die Verfasserin in der Semantik dieser Kasus vor allem die
kategorialen, d. h., mit den kategorialen Merkmalen der Nominalgruppen verkniipften Aspekte
hervor. Jedes Nomen sei vor allem als Animatum bzw. Inanimatum markiert gewesen, und erst
aus dieser kategorialen Markierung seien die konfigurationellen Funktionen hervorgegangen:
„+++. die Kasus [wurden] auch semantisch eingesetzt zum Ausdruck der Position der nominalen
Partizipanten im Satze. Durch die Markierung als s-Nominativ und m/n-Akkusativ wurden die
Animata fiir ihre entgegengesetzte Position in dem durch die Satzaussage bezeichneten Sachverhalt
markiert“ (S. 107). Daraus habe sich eine ,nachtréagliche funktionale Identifizierung des
indifferenten Kasus der Neutra (‘Absolutiv’ ohne gegeniiberstehenden Ergativ) mit dem Nominativ
einerseits und Akkusativ anderseits” (S. 106) ergeben. Die Relevanz kategorialer Merkmale
wird wohl niemand bestreiten, aber ein Absolutiv ohne gegeniiberstehenden Ergativ ist aus
funktionaler und typologischer Sicht ein ziemlich abwegiges Konzept. Der Absolutiv ist an sich
schon ein konfigurationeller Kasusbegriff, da er das merkmallose Glied in jeder (transitiven
oder intransitiven) Konfiguration darstellt. Merkmallos ist natiirlich der einzige Aktant
intransitiver Strukturen, aber auch in transitiven Strukturen ist normalerweise entweder das
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Agens oder das Objekt formal merkmallos in dem Sinne, daB der nichtmarkierte Kasus mit dem
des intransitiven Subjekts ūbereinstimmt. Da es sowohl fūr Animata als auch fūr Inanimata die
Moglichkeit des Auftretens in transitiven und intransitiven Strukturen gegeben haben muB, darf
man wohl den Nominativ als Kasus des belebten intransitiven Subjekts und den Absolutiv als
Kasus des unbelebten Objekts in transitiven Strukturen ansetzen. Derart erhalten wir im Grunde
ein System mit nominativischer Markierung fiir Animata und ergativischer Markierung fiir
Inanimata. Uber die Frage nach der typologischen Plausibilitit eines solchen Systems setzt sich
die Verfasserin wohl etwas zu leicht hinweg. Des weiteren findet man in ihrem Beitrag Gedanken
zu den Konstruktionen mit Partizipantenaustausch (circumdare urbem muro : circumdare murum
urbi), zu der abweichenden syntaktischen Behandlung der Neutra (gemeint ist die mangelnde
Kasusdifferenzierung bei den Neutra, die z. B. im Gegensatz id gaudeo vs. gaudeo de aliqua re
zum Ausdruck kommt), zur Beziehung zwischen Soziativ und Dual, zum doppelten Akkusativ
usw. Die Verfasserin vertritt die wohl auf Meillet zuriickgehende Ansicht, die Grundsprache
habe keine Verbalrektion im eigentlichen Sinne gehabt, sondern die Kasus seien ,,... selbstandig
fiir die referentiale Struktur des Sachverhalts markierte Formen“ gewesen (S. 117). Auch unter
den historisch iiberlieferten idg. Sprachen unterscheidet die Verfasserin solche mit mehr oder
weniger ,fortgeschrittener Satzformalisierung®. Gehorchen aber ,,Grundsprachen® anderen
Gesetzen als historisch belegte Sprachen? Natiirlich kann man zwischen semantisch markierten
und rein konfigurationellen Kasus unterscheiden: So kann etwa der Akkusativ als rein
konfigurationeller Kasus dem partitiven Genitiv (markiert hinsichtlich der Quantifizierung, vgl.
etwa lit. gerti vandenį : atsigerti vandens) oder dem Dativ (markiert hinsichtlich des geringen
Grades oder der zeitlichen Beschrankung der Affiziertheit, vgl. lett. sist suni ‘einen Hund schlagen’
: įesist sunim ‘einem Hund einen Hieb versetzen’) gegeniiberstehen. In vielen Fallen haben aber
die Tochtersprachen neue Differenzierungen dieser Art eingefiihrt. Dies gilt insbesondere fir
solche archaische Sprachen mit reichlich ausgebauten Kasussystemen, wie das Baltische und das
Slavische. Wird das Kasussystem abgebaut, so gibt es auch weniger Moglichkeiten semantischer
Differenzierung innerhalb einer syntaktischen Kategorie (Subjekt, Objekt usw.), was eben den
Eindruck einer ,fortgeschrittenen Satzformalisierung” hervorruft. DaB sich die Funktionen der
grammatischen Kasus (Nominativ, Akkusativ, Genitiv, Dativ) in irgendeiner Sprache véllig
asyntaktisch definieren lieBen, ist nicht sehr plausibel, und die Annahme, die Grundsprache
hatte sich in dieser Hinsicht von den historisch iiberlieferten Sprachen unterschieden, widerspricht
dem seit den Jungrammatikern implizite anerkannten Prinzip der Uniformitat sprachlicher
Entwicklungsgesetze (dem ,,uniformitarian principle“).
In seinem Aufsatz „Premyšleni (nejen) o litevském kondicionalu® (S. 64-90) ūbt Tomas
Hoskovec Kritik an der herkommlichen Theorie der Entstehung des litauisch-lettischen
Konjunktivs, wobei er sich iibrigens eines eigenen Erklarungsversuches enthilt. Die
SchluBfolgerung des Verfassers lautet folgendermaBen (der Bequemlichkeit halber zitiere ich
aus der franzosischen Zusammenfassung): „Dans le systeme panchronique du verbe lituanien, il
n'y a rien sur quoi puisse s’appuyer la théorie, qui fait pourtant grande tradition en linguistique
comparée, selon laquelle le conditionnel lituanien serait issu d'une soudure du supin (présumé
lituanien) avec une forme ancienne (présumée indo-européenne) du verbe čėtre“ (S. 89). Nun ist
die Existenz eines solchen „systėme panchronique® auBerst fraglich. Der syntaktische Wandel
stiitzt sich auf den Mechanismus der strukturellen Umdeutung (Reanalyse): Eine gewisse
Konstruktion A erhilt eine neue Strukturinterpretation, ohne daB sich in ihrer Substanz etwas
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andert. Diese Umdeutung fūhrt zur Formulierung einer neuen grammatischen Regel, die ebenso
wie die urspriingliche imstande ist, die Ausgangsstruktur A zu generieren, dariiber hinaus aber
imstande ist, eine Struktur B zu generieren, fiir die die urspriingliche Strukturregel nicht mehr
ausreicht. Die urspriingliche Strukturregel, auf die sich A stiitzte, ist fiir die Sprecher nicht mehr
erkennbar. Die Grammatik einer jeden Generation unterscheidet sich dadurch zumindest in
gewissen Teilbereichen von der Grammatik fritherer Generationen, und das urspriingliche Sys-
tem ist hochstens fiir den Sprachforscher noch zu erfassen. Der Begriff eines panchronischen
Sprachsystems scheint demjenigen des Sprachwandels zu widersprechen. Seinen methodologischen
Ansatz formuliert der Verfasser folgendermaBen: „sledujeme, podle jakych principu se jednotlivé
indoevropské jazyky coby systémy aktualizovaly z jisté spole¢né potence vyrazovych prostiedku,
ptame se, jak uvniti jednoho jazyka charakterizovat individualni nakladéni s morfologickym
materialem, ktery ma obdobu iv jinych jazycich“ (S. 72). In vielerlei Hinsicht mag dieser Ansatz
richtig sein, aber niemand vermag zu bestimmen, wo das grundsprachliche System aufhért und
die einzelsprachlichen Systeme anfangen. Ist doch der Anfang der schriftlichen Uberlieferung
der Einzelsprachen aus der Sicht der Entwicklung des Sprachsystems eine rein willkiirliche
Scheidelinie. AuBerdem scheint hier fiir die in der historischen Morphologie und Syntax so
wichtigen Mechanismen der Reanalyse und der Resegmentierung kein Raum tibrigzubleiben.
Ubrigens hat Hoskovec Recht, wenn er betont, daB es in der Rekonstruktion der Entstehung
des litauisch-lettischen Konditionals noch verschiedene ungeloste Fragen gibt. Fiir die wichtigsten
Elemente dieser Rekonstruktion hat Stang aber einen ūberaus wertvollen Erklarungsversuch
vorgeschlagen, und es nimmt einigermaBBen wunder, wenn der Verfasser tut als ob noch niemand
sich bemiiht hatte, die Bildung eines Konditionals auf der Grundlage des Supins semantisch und
syntaktisch glaubhaft zu machen („O co by se viibec opfela sémantika supinového syntagmatu?*,
S. 86). Einige der im Aufsatz aufgeworfenen Fragen verdienen allerdings eine ernsthafte
Auseinandersetzung. So fragt der Verfasser (S. 86), wie es zu erklaren sei, daB sich das
urspriingliche Supin erhalten hat, statt ganzlich in dem neuen Konditional aufzugehen. Diese
Frage 1aBt sich wohl am ehesten folgendermaBen beantworten. Stangs glanzender Hypothese
gemal trat das Supin, ganz wie es im Slavischen mit dem Infinitiv geschah, in Satzgefiigen mit
koreferentiellen Subjekten an die Stelle eines urspriinglichen Partizips, wiahrend die entsprechende
Form des Hilfsverbs biti an die Konjunktion angehangt war: vgl. lit. *jei-b(i) valgyty statt *jei-
b(i) valges und altrussisch čto-by ėsto statt ¢to-by éls (Stang 1966: 429-431). Diese Konstruktion
mull am Anfang infinit gewesen sein, denn der Sinn dieser Substituierung kann eben nur gewesen
sein, die finalen Nebensitze mit einem infiniten Gegenstiick zu versehen. Nun fallt es auf, daB
die baltischen Konditionalformen der infiniten Verwendung nicht mehr fahig sind (eine
Konstruktion wie *Reikia dirbti, kad valgyty ‘man muf} arbeiten, um zu essen’ ist im heutigen
Litauisch nicht moglich), wahrend die entsprechenden slavischen (russischen und polnischen)
Satze mit dem Infinitiv immer noch infinit sind (russ. Nado rabotat’, toby est’). Am ehesten ist
also das Supin in dieser Konstruktion zur finiten Form der 3. Person umgedeutet worden, wonach
diese Form zur Grundlage eines neuen Paradigmas wurde. Nachdem sich dieser Vorgang vollzogen
hatte, wurde der urspriingliche Zusammenhang mit dem immer noch infiniten Supin (dem
vermeintlichen panchronischen Sprachsystem zum Trotz) unerkennbar, und es liegt jetzt nur
noch ein Fall durchaus nicht stérend wirkender Homonymie vor. Wire diese Finitisierung nicht
eingetreten, so hatte die Entstehung des neuen Konditionals natiirlich zum Untergang des alten
Supins fithren miissen. Ein anderer Einwand des Verfassers, und zwar, da es unméglich sei, die
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einsilbigen Seguenzen bei, bim(e), bit(e) als Formen des Verbs būti aufzufassen, ist nicht ganz
ernst zu nehmen, da Kiirzung in enklitischer Stellung auf der Hand liegt. Dem Vergleich mit lett.
biju (vgl. neulich Smoczynski 1999) steht also nichts im Wege. Dal} die Form der 1. Pers. Sg. auf
-Cia, -Ciau einer besonderen Erkldarung bedarf, wird von niemandem geleugnet, auch nicht von
Stang. Unklar bleibt es, ob der Verfasser den altlitauischen Belegen irgendwelche Bedeutung
beimiBt, denn die Eigentiimlichkeiten der altlit. Schreibung, etwa -i- in (giwen )tumbim gegeniiber
neulit. (gyven)tuméme, werden fiir irrelevant erklirt, wenn eine ,,panchronische“ Betrachtung
des Sprachsystems ohnehin eine aus der Sicht des Verfassers befriedigende Strukturanalyse
nahelegt.
Ebenfalls mit dem litauischen Konjunktiv, und zwar mit der schon oben angedeuteten Frage
der Herkunft der ratselhaften Form der 1. Pers. Sg., befaBt sich Zigmas Zinkevičius („Pastabos
lietuvių kalbos 1. sing. cond. formų istorijai“, S. 224-225). Aus den litauischen Mundarten fūhrt
er neue Tatsachen an, die darauf hinweisen, daB -¢ia als altere Form den analogischen
Neubildungen -čiau und (seltener) -¢iu gegeniibersteht. Dies spricht gegen die von verschiedenen
Forschern vertretene Ansicht, -Ciau sei aus (frequenzbedingter) unregelmaBiger Kiirzung von
-tumbiau enstanden.
In seinem Aufsatz ,, Argument laryngalistyczny w etymologii balto-stowianskiej“ (S. 149-155)
befaBt sich Wojciech Smoczynski mit einigen auf Laryngal ausgehenden Wurzeln, die im Baltisch-
Slavischen durch Verlegung der Morphemgrenze ein urspriingliches Formans in sich aufgenommen
haben, und zwar in so weit zuriickliegender Zeit, dal man auf den ersten Blick geneigt wire zu
denken, man hitte es mit ererbten Ablautsverhaltnissen zu tun. So setzt etwa lit. sietas ‘Sieb’
(lett. siéts) eine sekundar erweiterte Wurzel *seh i- voraus, die durch Verlegung der
Morphemgrenze im urspriinglichen -ie-Prasens *sé-io- (Wurzel *seh -, vgl. sé-ti) herausgetrennt
wurde. Ahnlicherweise ist slavisch zejati (neben jiingerem zijati) nur dann mit dem Pris. zéjp in
Einklang zu bringen, wenn man annimmt, daB *g”eh - in einem urspriinglichen -ie-Prisens zu
*¢"eh j-, mit erneuerter Schwundstufe *g"ih - (statt *g”h i-) erweitert wurde; diese Annahme
fithrt dann auch zum weiteren SchluB, daB lit. Ziti eine durch Synkope aus *Zjoti entstandene
junge Bildung ist (vgl. niék-oti < *nijok-oti, zu nijoks ‘nicht einer’). Die laryngalistische
Rekonstruktion legt auch fiir lit. siuvū (neben aksl. šijo) eine neue Deutung nahe: *siuu- ist nicht
(wie Trautmann annahm) durch Zerlegung der antekonsonantischen Form *siii- zu erklaren,
sondern regelrecht aus *siuH-é- entstanden, indem u nach Schwund des Laryngals als Hiatustilger
eingeschoben wurde. Durch Verallgemeinerung der antekonsonantischen Gestalt ist demnach
nur aksl. §ijo zu erklaren, vgl. das erhaltene *Sev- im Part. praet. pass. šbv-ena. Die baltisch-
slavischen Alternationen ūC : uuV, iC : iV sind also als unmittelbare Folge des Schwundes
intervokalischer Laryngale aufzufassen. Zum AbschluB seiner laryngalistischen Ausfithrungen
schlagt Smoczynski vor, Trautmanns baltisch-slavischen Ansatz *satu- als Grundlage fiir sowohl
lit. sotus als auch slav. syrs endgiiltig beiseite zu legen. Mit letzterem vergleicht der Verfasser
jetzt hett. sunnai ‘fullt’ < *sunh -, zu ie. *seuh - ‘voll sein’, dessen Schwundstufe im Verbaladjektiv
*suh -t0- ‘voll, gesattigt’ vorliegen diirfte.
Im ersten Teil seines Aufsatzes „Zwei lettonistische Bemerkungen® (S. 211-223) versucht
Bohumil Vykypél, die semantischen Grundlagen der im Lettischen eingetretenen
Grammatikalisierung der Adjektivbildungen vom Typ lit. ilgokas ‘ziemlich lang’ als Komparative
zu prazisieren. Im zweiten Teil setzt er sich mit der lettischen possessiven Konstruktion man ir
‘mihi est’ und deren chronologischem Verhiltnis zum litauischen und altpreuBischen turėti bzw.
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turrit(wei) ‘habere’ auseinander. Nach Ansicht des Verfassers ist die lettische Konstruktion die
iltere, und haben das Litauische und das AltpreuBische den 6fters zu beobachtenden Ubergang
der possessiven Konstruktion vom Typ mihi est zum Typ habeo vollzogen. Hinweise dafiir sind
die (in den an Lettland grenzenden nordlitauischen Mundarten) reliktweise erhaltene litauische
Konstruktion man yra und die zahlreichen Spuren der Verwendung von lit. turėti in der
urspriinglichen Bedeutung ‘halten’. Die Ausfiihrungen des Verfassers sind iiberaus iiberzeugend,
und es wird immer klarer, daB die von verschiedenen Forschern (Veenker, Riike-Dravina)
geauBerte Ansicht, lettisch man ir sei eine unter ostseefinnischem EinfluB entstandene Neuerung,
abgelehnt werden muB. Sie spiegelt die in der Baltistik sehr verbreitete Tendenz wieder, jeden
Unterschied zwischen Litauisch und Lettisch ohne griindlichere Untersuchung als Neuerung
auf Seiten des Lettischen zu deuten. Substitution von man ir fiir ein urspriingliches turėt ‘haben’
ist aus dreierlei Griinden unglaubhaft: (1) typologisch ist nur der Ubergang von ‘mihi est’ zu
‘habeo’ gut belegt; (2) da der GrammatikalisierungsprozeB grundsatzlich irreversibel ist, hitte
die Beseitigung einer urspriinglichen possessiven Konstruktion mit turėt ‘haben’ wohl nicht zu
dessen Wiedereinfithrung in der urspriinglichen Bedeutung ‘halten’ gefiihrt; und (3) das hier und
dort belegte altlett. turėt *haben’ diirfte wohl ein Beispiel dessen sein, was Harris und Campbell
(1995: 55) als exploratory expressions” bezeichnen. Eine gewisse Konstruktion kann zunichst
probeweise zum Ausdruck irgendeiner grammatischer Bedeutung verwendet werden und nachher
entweder grammatikalisiert werden oder eine Bildung des Augenblicks bleiben. Altlettisch furėt
‘haben’ ist wohl ein Grammatikalisierungsversuch, der sich nicht durchgesetzt hat.
Selbstverstandlich ist auch mit der Moglichkeit zu rechnen, daB turét ‘haben’ in den altlett. Texten
als Ubersetzungsiaquivalent der deutschen possessiven Konstruktion geschaffen wurde: Wie der
Verfasser (S. 220) bemerkt, erforderte eine genaue Wiedergabe der deutschen Konstruktion in
Teuw nebues wairak Dewes turret die Verwendung eines personlichen Verbs, da būt + Dativ im
Satz schon einmal als Modalverb auftrat.
Wie aus der obigen Ubersicht klar wird, enthalt dieser reichhaltige und wertvolle Sammelband,
zu dem wir sowohl dem Jubilar als auch den Herausgebern gratulieren diirfen, auf dem Gebiet
der Baltistik viel Neues und Lesenswertes.
LITERATUR
ERHART, A. 1956: Litevstina. Praha: Statni Pedagogické Nakladatelstvi.
ERHART, A. 1984. Baltské jazyky. Praha: Statni Pedagogické Nakladatelstvi.
HARRIS, A. C., CAMPBELL, L. 1995: Historical syntax in cross-linguistic perspective. Cambridge: University
Press. (Cambridge Studies in Linguistics, 74.)
SMOCZYNSKI, W. 1999: Geneza starolitewskiego conditionalis na -biau, -bei, -bi-, Acta Baltico-Slavica 24,
13-18.
STANG, Chr. S. 1966. Vergleichende Grammatik der baltischen Sprachen. Oslo-Bergen-Tromso:
Universitetsforlaget.
Axel Holvoet Gauta 2002 04 26
Lietuviy kalbos institutas
Vileišio g. 6, 2055 Vilnius, Lietuva
[email protected]