Ondřej Šefčík, Bohumil Vykypěl, Hrsg. „Grammaticus. Studia linguistica Adolfo Erharto quinque et septuagenario oblata“
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196 | RECENZIJOS (‘judeti’) ir eiti II (“turėti pareigas’); išsukti I (“sukant paSalinti’ ir kt.) ir išsukti II (‘nuklysti į Salj’); iššaukti I (“atSaukti’) ir iššaukti II (‘galeti isrekti’). Minėti žodžių semantikos pateikimo nenuoseklumai bei kiti netikslumai žodyno vertės nemenkina. Vien tai, kad žodyno sudarytojai jau patikslino nemažo būrio žodžių semantinę struktūrą, rodo sudarytojų ryžtą įrodyti, kad lietuvių žodynų rengimas remiantis šiuolaikine leksikografija nėra Sizifo darbas, turint leksinės semantikos ir leksikografijos koncepciją ir milžinišką tekstyną — reikia tik laiko ir kruopštumo. Aptartosios pirmojo Lietuviy-norvegy kalbų žodyno naujovės rodo, kad nebesitenkinama kitų kalbų leksikografijos patirties pakartojimu: šiuo žodynu lietuvių leksikografijoje dedami moderniosios leksikografijos koncepcijos pagrindai. Iš pirmo žvilgsnio kuklus dvikalbis žodynas pateikiamos gramatinės ir semantinės informacijos apie abiejų kalbų žodžius kokybe pakyla į geriausiųjų lietuvių leksikografijos darbų gretas. Teorinių leksikografijos idėjų iš jo galėtų pasisemti ir Dabartinės lietuvių kalbos žodyno sudarytojai, rengdami naują žodyno leidimą, bei lietuvių ir kitų užsienio kalbų žodynų rengėjai. Dalia Barauskaitė Mikkelsen Gauta 2002 07 03 Dommervaenget 26 C, 1.tv. 4000 Roskilde, Danija [email protected] ONDREJ SEVCIK, BOHUMIL VYKYPEL, EDS., GRAMMATICUS. STUDIA LINGUISTICA ADOLFO ERHARTO QUINQUE ET SEPTUAGENARIO OBLATA. Brno: Masarykova universita, 2001, 234 p. Über den Anlaß, aus dem die zur Besprechung vorliegende Festschrift erscheint, gibt schon der Titel ausreichende Auskunft. Genügenden Grund dazu, sie in dieser Zeitschrift zu rezensieren, bildet nicht nur die Tatsache, daß der verehrte Jubilar, Prof. Adolf Erhart, ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für vergleichende Sprachwissenschaft an der Brünner Universität, der Baltistik immer besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat (davon zeugen seine Einführungen in das Litauische und in die vergleichende baltische Sprachwissenschaft, vgl. Erhart 1956, 1984), sondern auch die überaus starke Vertretung der baltistischen Problematik in diesem Sammelband. Am Anfang sei ein kurzer Überblick über den Inhalt des Buches gegeben. Stark vertreten ist die etymologische Problematik. Sonderstudien auf diesem Gebiet haben Eva Havlovä („Ie. kofen *ala germänsk& näzvy pro ‘v&k’“, S. 56-63), Helena Karlikovä („K staroslovénskému substantivu spod>“, S. 99-104), Boris Skalka (,„St[aro]sl[ovenskE&] serö/seri semper provocans“, S. 144-148) und Pavla Valčakova („Regarding P[roto-]S[lavic] *ėde“, S. 201-205) beigetragen. In einigen Aufsätzen wird je einem Teilgebeit des indogermanischen Lexikons bzw. des Lexikons eines der indogermanischen Sprachzweige besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Es handelt sich um die Studien von Vaclav Blazek („Indo-European kinship terms in *->,ter“, S. 24-33) und Ilona JanySkovä („Etymologie näzvü tisu ve slovanskych jazicich“, S. 91-98). Neben der indogermanischen ist auch die dravidische und altaische Etymologie vertreten (Jaroslav Vacek,
RECENZIJOS | 197 „Dravidian and Altaic ‘hot - fire — heat’“, S. 175-200). Mit allgemeineren Fragen der etymologischen Methode befaßt sich Karl Horst Schmidt, der am Beispiel kartwelischindogermanischer Parallelen zeigt, wie wichtig es beim Etymologisieren ist, die rekurrenten und universalen Typen semantischer Motivierung zu berücksichtigen („Etymologie und semantische Parallele“, S. 135-143). Dem Grenzgebiet zwischen vergleichender Grammatik und vergleichender Religionsgeschichte gehört Vladimir N. Toporovs Beitrag „Dr.-ind. prathama-: k rekonstrukcii odnogo iz variantov indoevropejskoj koncepcii «pervogo»“, S. 165-174, an. Aus dem Bereich der Indoiranistik sind die Studien von Vit Bubenik („On the Remaking of the Middle Voice in Indo-Iranian“, S. 34-44) und Ondiej Šefčik („Word Borders in Old IndoAryan“, 156-164) zu vermerken. Die slavische Syntax wird vertreten von Radoslav Vecerka („Poznämky k disjunktivnimu/alternativnimu li v staroslov&nstin&“, S. 206-210) und William R. Schmalstieg („A Common Mistranslation of a Few Lines in the /gor Tale“, 131-134). Letzterer führt anhand zahlreicher Parallelen aus, das in den meisten Übersetzungen ablativisch wiedergegebene Präpositionalgefüge ota nego in einem Satz des Igorliedes (vide tomoju vose svoé voé prikryty ‘sah sein ganzes Heer von ihr mit Finsternis verdeckt’) sei eigentlich vielmehr agentivisch aufzufassen. Die Präposition ots diene hier zur Verstärkung des agentivischen Genitivs, einer Erscheinung, mit der Schmalstieg sich auch im Zusammenhang mit den baltischen Daten (besonders denjenigen des Litauischen) schon ausführlich auseinandergesetzt hat. Aus dem Bereich der synchronischen Syntax ist Stanislav ZaZas Studie über die Verwendung der Verben für ‘geben’ in tschechischen und russischen Funktionsverbgefügen („K funkci slovesa dat - dame v češtinė a rusting”, S. 226-232) zu erwähnen. Keiner größeren thematischen Gruppe sind die Beiträge von Ludmila Buzässyovä und Eva Pallasovä zuzuordnen. Erstere handelt über Fragen der lateinischen Paradigmatik (,,Parisylaba v latinčine“, S. 45-55), letztere über die Frühgeschichte der slavischen Sprachwissenschaft, und zwar über die Behandlung der Wortbildung bei Miklosich (,„Iskoni be slovo — Pocätky slovanské slovotvorby“, S. 120-135). Interessante Fragen der indogermanischen Kasussyntax erörtert Helena Kurzovä in ihrem Beitrag „Zur Syntax und Semantik der indogermanischen Kasus“ (S. 106-119). Den Aufsatz eröffnet eine Betrachtung über die „Grundkasus“, d. h. Nominativ und Akkusativ. Für das grundsprachliche System hebt die Verfasserin in der Semantik dieser Kasus vor allem die kategorialen, d. h., mit den kategorialen Merkmalen der Nominalgruppen verknüpften Aspekte hervor. Jedes Nomen sei vor allem als Animatum bzw. Inanimatum markiert gewesen, und erst aus dieser kategorialen Markierung seien die konfigurationellen Funktionen hervorgegangen: „+++. die Kasus [wurden] auch semantisch eingesetzt zum Ausdruck der Position der nominalen Partizipanten im Satze. Durch die Markierung als s-Nominativ und m/n-Akkusativ wurden die Animata für ihre entgegengesetzte Position in dem durch die Satzaussage bezeichneten Sachverhalt markiert“ (S. 107). Daraus habe sich eine „nachträgliche funktionale Identifizierung des indifferenten Kasus der Neutra (Absolutiv’ ohne gegenüberstehenden Ergativ) mit dem Nominativ einerseits und Akkusativ anderseits“ (S. 106) ergeben. Die Relevanz kategorialer Merkmale wird wohl niemand bestreiten, aber ein Absolutiv ohne gegenüberstehenden Ergativ ist aus funktionaler und typologischer Sicht ein ziemlich abwegiges Konzept. Der Absolutiv ist an sich schon ein konfigurationeller Kasusbegriff, da er das merkmallose Glied in jeder (transitiven oder intransitiven) Konfiguration darstellt. Merkmallos ist natürlich der einzige Aktant intransitiver Strukturen, aber auch in transitiven Strukturen ist normalerweise entweder das
198 | RECENZIJOS Agens oder das Objekt formal merkmallos in dem Sinne, daß der nichtmarkierte Kasus mit dem des intransitiven Subjekts übereinstimmt. Da es sowohl für Animata als auch für Inanimata die Möglichkeit des Auftretens in transitiven und intransitiven Strukturen gegeben haben muß, darf man wohl den Nominativ als Kasus des belebten intransitiven Subjekts und den Absolutiv als Kasus des unbelebten Objekts in transitiven Strukturen ansetzen. Derart erhalten wir im Grunde ein System mit nominativischer Markierung für Animata und ergativischer Markierung für Inanimata. Über die Frage nach der typologischen Plausibilität eines solchen Systems setzt sich die Verfasserin wohl etwas zu leicht hinweg. Des weiteren findet man in ihrem Beitrag Gedanken zu den Konstruktionen mit Partizipantenaustausch (circumdare urbem muro : circumdare murum urbi), zu der abweichenden syntaktischen Behandlung der Neutra (gemeint ist die mangelnde Kasusdifferenzierung bei den Neutra, die z. B. im Gegensatz id gaudeo vs. gaudeo de aliqua re zum Ausdruck kommt), zur Beziehung zwischen Soziativ und Dual, zum doppelten Akkusativ usw. Die Verfasserin vertritt die wohl auf Meillet zurückgehende Ansicht, die Grundsprache habe keine Verbalrektion im eigentlichen Sinne gehabt, sondern die Kasus seien „... selbständig für die referentiale Struktur des Sachverhalts markierte Formen“ gewesen (S. 117). Auch unter den historisch überlieferten idg. Sprachen unterscheidet die Verfasserin solche mit mehr oder weniger „fortgeschrittener Satzformalisierung“. Gehorchen aber „Grundsprachen“ anderen Gesetzen als historisch belegte Sprachen? Natürlich kann man zwischen semantisch markierten und rein konfigurationellen Kasus unterscheiden: So kann etwa der Akkusativ als rein konfigurationeller Kasus dem partitiven Genitiv (markiert hinsichtlich der Quantifizierung, vgl. etwa lit. gerti vandenį : atsigerti vandens) oder dem Dativ (markiert hinsichtlich des geringen Grades oder der zeitlichen Beschränkung der Affiziertheit, vgl. lett. sist suni ‘einen Hund schlagen’ : iesist sunim ‘einem Hund einen Hieb versetzen’) gegenüberstehen. In vielen Fällen haben aber die Tochtersprachen neue Differenzierungen dieser Art eingeführt. Dies gilt insbesondere für solche archaische Sprachen mit reichlich ausgebauten Kasussystemen, wie das Baltische und das Slavische. Wird das Kasussystem abgebaut, so gibt es auch weniger Möglichkeiten semantischer Differenzierung innerhalb einer syntaktischen Kategorie (Subjekt, Objekt usw.), was eben den Eindruck einer „fortgeschrittenen Satzformalisierung“ hervorruft. Daß sich die Funktionen der grammatischen Kasus (Nominativ, Akkusativ, Genitiv, Dativ) in irgendeiner Sprache völlig asyntaktisch definieren ließen, ist nicht sehr plausibel, und die Annahme, die Grundsprache hätte sich in dieser Hinsicht von den historisch überlieferten Sprachen unterschieden, widerspricht dem seit den Jungrammatikern implizite anerkannten Prinzip der Uniformität sprachlicher Entwicklungsgesetze (dem „uniformitarian principle“). In seinem Aufsatz „Pfemysleni (nejen) o litevském kondicionälu“ (S. 64-90) übt Tomaš Hoskovec Kritik an der herkömmlichen Theorie der Entstehung des litauisch-lettischen Konjunktivs, wobei er sich übrigens eines eigenen Erklärungsversuches enthält. Die Schlußfolgerung des Verfassers lautet folgendermaßen (der Bequemlichkeit halber zitiere ich aus der französischen Zusammenfassung): „Dans le systėme panchronique du verbe lituanien, il n'y a rien sur quoi puisse s’appuyer la théorie, qui fait pourtant grande tradition en linguistique comparée, selon laquelle le conditionnel lituanien serait issu d’une soudure du supin (présumé lituanien) avec une forme ancienne (présumée indo-européenne) du verbe čėtre“ (S. 89). Nun ist die Existenz eines solchen „systeme panchronique“ äußerst fraglich. Der syntaktische Wandel stützt sich auf den Mechanismus der strukturellen Umdeutung (Reanalyse): Eine gewisse Konstruktion A erhält eine neue Strukturinterpretation, ohne daß sich in ihrer Substanz etwas
RECENZIJOS | 199 ändert. Diese Umdeutung führt zur Formulierung einer neuen grammatischen Regel, die ebenso wie die ursprüngliche imstande ist, die Ausgangsstruktur A zu generieren, darüber hinaus aber imstande ist, eine Struktur B zu generieren, für die die ursprüngliche Strukturregel nicht mehr ausreicht. Die ursprüngliche Strukturregel, auf die sich A stützte, ist für die Sprecher nicht mehr erkennbar. Die Grammatik einer jeden Generation unterscheidet sich dadurch zumindest in gewissen Teilbereichen von der Grammatik früherer Generationen, und das ursprüngliche System ist höchstens für den Sprachforscher noch zu erfassen. Der Begriff eines panchronischen Sprachsystems scheint demjenigen des Sprachwandels zu widersprechen. Seinen methodologischen Ansatz formuliert der Verfasser folgendermaßen: „sledujeme, podle jakych principü se jednotlive indoevropské jazyky coby systėmy aktualizovaly z jisté společnė potence vyrazovych prostredkü, ptäme se, jak uvnitf jednoho jazyka charakterizovat individuälni naklädäni s morfologickym materiälem, ktery ma obdobu iv jinych jazycich“ (S. 72). In vielerlei Hinsicht mag dieser Ansatz richtig sein, aber niemand vermag zu bestimmen, wo das grundsprachliche System aufhört und die einzelsprachlichen Systeme anfangen. Ist doch der Anfang der schriftlichen Überlieferung der Einzelsprachen aus der Sicht der Entwicklung des Sprachsystems eine rein willkürliche Scheidelinie. Außerdem scheint hier für die in der historischen Morphologie und Syntax so wichtigen Mechanismen der Reanalyse und der Resegmentierung kein Raum übrigzubleiben. Übrigens hat Hoskovec Recht, wenn er betont, daß es in der Rekonstruktion der Entstehung des litauisch-lettischen Konditionals noch verschiedene ungelöste Fragen gibt. Für die wichtigsten Elemente dieser Rekonstruktion hat Stang aber einen überaus wertvollen Erklärungsversuch vorgeschlagen, und es nimmt einigermaßen wunder, wenn der Verfasser tut als ob noch niemand sich bemüht hätte, die Bildung eines Konditionals auf der Grundlage des Supins semantisch und syntaktisch glaubhaft zu machen („O co by se vübec opfela sémantika supinového syntagmatu”?“, S. 86). Einige der im Aufsatz aufgeworfenen Fragen verdienen allerdings eine ernsthafte Auseinandersetzung. So fragt der Verfasser (S. 86), wie es zu erklären sei, daß sich das ursprüngliche Supin erhalten hat, statt gänzlich in dem neuen Konditional aufzugehen. Diese Frage läßt sich wohl am ehesten folgendermaßen beantworten. Stangs glänzender Hypothese gemäß trat das Supin, ganz wie es im Slavischen mit dem Infinitiv geschah, in Satzgefügen mit koreferentiellen Subjekten an die Stelle eines ursprünglichen Partizips, während die entsprechende Form des Hilfsverbs būti an die Konjunktion angehängt war: vgl. lit. *jei-b(i) valgyty statt *jeib(i) valges und altrussisch čto-by ėsto statt čto-by éls (Stang 1966: 429-431). Diese Konstruktion muß am Anfang infinit gewesen sein, denn der Sinn dieser Substituierung kann eben nur gewesen sein, die finalen Nebensätze mit einem infiniten Gegenstück zu versehen. Nun fällt es auf, daß die baltischen Konditionalformen der infiniten Verwendung nicht mehr fähig sind (eine Konstruktion wie *Reikia dirbti, kad valgyty ‘man muß arbeiten, um zu essen’ ist im heutigen Litauisch nicht möglich), während die entsprechenden slavischen (russischen und polnischen) Sätze mit dem Infinitiv immer noch infinit sind (russ. Nado rabotat’, &toby est’). Am ehesten ist also das Supin in dieser Konstruktion zur finiten Form der 3. Person umgedeutet worden, wonach diese Form zur Grundlage eines neuen Paradigmas wurde. Nachdem sich dieser Vorgang vollzogen hatte, wurde der ursprüngliche Zusammenhang mit dem immer noch infiniten Supin (dem vermeintlichen panchronischen Sprachsystem zum Trotz) unerkennbar, und es liegt jetzt nur noch ein Fall durchaus nicht störend wirkender Homonymie vor. Wäre diese Finitisierung nicht eingetreten, so hätte die Entstehung des neuen Konditionals natürlich zum Untergang des alten Supins führen müssen. Ein anderer Einwand des Verfassers, und zwar, daß es unmöglich sei, die
200 | RECENZIJOS einsilbigen Sequenzen bei, bim(e), bit(e) als Formen des Verbs būti aufzufassen, ist nicht ganz ernst zunehmen, da Kürzung in enklitischer Stellung auf der Hand liegt. Dem Vergleich mit lett. biju (vgl. neulich Smoczynski 1999) steht also nichts im Wege. Daß die Form der 1. Pers. Sg. auf -Cia, -Ciau einer besonderen Erklärung bedarf, wird von niemandem geleugnet, auch nicht von Stang. Unklar bleibt es, ob der Verfasser den altlitauischen Belegen irgendwelche Bedeutung beimißt, denn die Eigentümlichkeiten der altlit. Schreibung, etwa -iin (giwen)tumbim gegenüber neulit. (gyven)tumeme, werden für irrelevant erklärt, wenn eine „panchronische“ Betrachtung des Sprachsystems ohnehin eine aus der Sicht des Verfassers befriedigende Strukturanalyse nahelegt. Ebenfalls mit dem litauischen Konjunktiv, und zwar mit der schon oben angedeuteten Frage der Herkunft der rätselhaften Form der 1. Pers. Sg., befaßt sich Zigmas Zinkevičius („Pastabos lietuvių kalbos 1. sing. cond. formų istorijai“, S. 224-225). Aus den litauischen Mundarten führt er neue Tatsachen an, die darauf hinweisen, daß -čia als ältere Form den analogischen Neubildungen -čiau und (seltener) -Ciu gegenübersteht. Dies spricht gegen die von verschiedenen Forschern vertretene Ansicht, -Ciau sei aus (frequenzbedingter) unregelmäßiger Kürzung von -tumbiau enstanden. In seinem Aufsatz „Argument laryngalistyczny w etymologii balto-stowianskiej“ (S. 149-155) befaßt sich Wojciech Smoczynski mit einigen auf Laryngal ausgehenden Wurzeln, die im BaltischSlavischen durch Verlegung der Morphemgrenze ein ursprüngliches Formans in sich aufgenommen haben, und zwar in so weit zurückliegender Zeit, daß man auf den ersten Blick geneigt wäre zu denken, man hätte es mit ererbten Ablautsverhältnissen zu tun. So setzt etwa lit. sietas ‘Sieb’ (lett. siets) eine sekundär erweiterte Wurzel *seh ivoraus, die durch Verlegung der Morphemgrenze im ursprünglichen -ie-Präsens *sé-io- (Wurzel *seh -, vgl. se-ti) herausgetrennt wurde. Ahnlicherweise ist slavisch zöjati (neben jüngerem zijati) nur dann mit dem Pris. zéjp in Einklang zu bringen, wenn man annimmt, daß *g”eh,- in einem ursprünglichen -ie-Präsens zu *g”eh i-, mit erneuerter Schwundstufe *g”ih,- (statt *g”h i-) erweitert wurde; diese Annahme führt dann auch zum weiteren Schluß, daß lit. žioti eine durch Synkope aus *Zijoti entstandene junge Bildung ist (vgl. niök-oti < *nijok-oti, zu nijöks ‘nicht einer’). Die laryngalistische Rekonstruktion legt auch für lit. siuvu (neben aksl. sijo) eine neue Deutung nahe: *siuuist nicht (wie Trautmann annahm) durch Zerlegung der antekonsonantischen Form *siūzu erklären, sondern regelrecht aus *siuH-ėentstanden, indem u nach Schwund des Laryngals als Hiatustilger eingeschoben wurde. Durch Verallgemeinerung der antekonsonantischen Gestalt ist demnach nur aksl. šijo zu erklären, vgl. das erhaltene *sovim Part. praet. pass. šbv-ena. Die baltischslavischen Alternationen ūC : uuV, iC : iiV sind also als unmittelbare Folge des Schwundes intervokalischer Laryngale aufzufassen. Zum Abschluß seiner laryngalistischen Ausführungen schlägt Smoczynski vor, Trautmanns baltisch-slavischen Ansatz *satuals Grundlage für sowohl lit. sotus als auch slav. syt8 endgültig beiseite zu legen. Mit letzterem vergleicht der Verfasser jetzt hett. sunnai füllt" < *sunh -, zu ie. *seuh - ‘voll sein’, dessen Schwundstufe im Verbaladjektiv *suh -tö- ‘voll, gesättigt’ vorliegen dürfte. Im ersten Teil seines Aufsatzes „Zwei lettonistische Bemerkungen“ (S. 211-223) versucht Bohumil Vykyp&l, die semantischen Grundlagen der im Lettischen eingetretenen Grammatikalisierung der Adjektivbildungen vom Typ lit. ilgokas ‘ziemlich lang’ als Komparative zu präzisieren. Im zweiten Teil setzt er sich mit der lettischen possessiven Konstruktion man ir ‘mihi est’ und deren chronologischem Verhältnis zum litauischen und altpreuBischen turėti bzw.
RECENZIJOS | 201 turrit(wei) ‘habere’ auseinander. Nach Ansicht des Verfassers ist die lettische Konstruktion die ältere, und haben das Litauische und das Altpreußische den öfters zu beobachtenden Übergang der possessiven Konstruktion vom Typ mihi est zum Typ habeo vollzogen. Hinweise dafür sind die (in den an Lettland grenzenden nordlitauischen Mundarten) reliktweise erhaltene litauische Konstruktion man yra und die zahlreichen Spuren der Verwendung von lit. turėti in der ursprünglichen Bedeutung ‘halten’. Die Ausführungen des Verfassers sind überaus überzeugend, und es wird immer klarer, daß die von verschiedenen Forschern (Veenker, Rüke-Dravina) geäußerte Ansicht, lettisch man ir sei eine unter ostseefinnischem Einfluß entstandene Neuerung, abgelehnt werden muß. Sie spiegelt die in der Baltistik sehr verbreitete Tendenz wieder, jeden Unterschied zwischen Litauisch und Lettisch ohne gründlichere Untersuchung als Neuerung auf Seiten des Lettischen zu deuten. Substitution von man ir für ein ursprüngliches turėt ‘haben’ ist aus dreierlei Gründen unglaubhaft: (1) typologisch ist nur der Übergang von ‘mihi est’ zu ‘habeo’ gut belegt; (2) da der Grammatikalisierungsprozeß grundsätzlich irreversibel ist, hätte die Beseitigung einer ursprünglichen possessiven Konstruktion mit turėt ‘haben’ wohl nicht zu dessen Wiedereinführung in der ursprünglichen Bedeutung ‘halten’ geführt; und (3) das hier und dort belegte altlett. turėt ‘haben’ dürfte wohl ein Beispiel dessen sein, was Harris und Campbell (1995: 55) als „exploratory expressions“ bezeichnen. Eine gewisse Konstruktion kann zunächst probeweise zum Ausdruck irgendeiner grammatischer Bedeutung verwendet werden und nachher entweder grammatikalisiert werden oder eine Bildung des Augenblicks bleiben. Altlettisch turet ‘haben’ ist wohl ein Grammatikalisierungsversuch, der sich nicht durchgesetzt hat. Selbstverständlich ist auch mit der Möglichkeit zu rechnen, daß turėt ‘haben’ in den altlett. Texten als Übersetzungsäquivalent der deutschen possessiven Konstruktion geschaffen wurde: Wie der Verfasser (S. 220) bemerkt, erforderte eine genaue Wiedergabe der deutschen Konstruktion in Teuw nebues wairak Dewes turret die Verwendung eines persönlichen Verbs, da būt + Dativ im Satz schon einmal als Modalverb auftrat. Wie aus der obigen Übersicht klar wird, enthält dieser reichhaltige und wertvolle Sammelband, zu dem wir sowohl dem Jubilar als auch den Herausgebern gratulieren dürfen, auf dem Gebiet der Baltistik viel Neues und Lesenswertes. LITERATUR ERHART, A. 1956: Litevstina. Praha: Stätni Pedagogické Nakladatelstvi. ERHART, A. 1984. Baltské jazyky. Praha: Stätni Pedagogické Nakladatelstvi. HARRIS, A. C., CAMPBELL, L. 1995: Historical syntax in cross-linguistic perspective. Cambridge: University Press. (Cambridge Studies in Linguistics, 74.) SMOCZYNSKI, W. 1999: Geneza starolitewskiego conditionalis na -biau, -bei, -bi-, Acta Baltico-Slavica 24, 13-18. STANG, Chr. S. 1966. Vergleichende Grammatik der baltischen Sprachen. Oslo-Bergen-Tromsö: Universitetsforlaget. Axel Holvoet Gauta 2002 04 26 Lietuvių kalbos institutas Vileišio g. 6, 2055 Vilnius, Lietuva [email protected]
