Lithuanian “žiaurùs” : “žvėrìs”
Full text
ACTA LINGUISTICA LITHUANICA
XLVII (2002), 109–115
Litauisch žiaurùs: žvėris
Steven Young
University of Maryland Baltimore County, Baltimore, MD
Lit. žiaurùs ‚grausam‘ wird von Fraenkel mit dem Wortnest žiaudùs „žiaurus [oft bei Daukantas]“, žiudrùs ‚rau, uneben‘, žiudrėti ‚rau, uneben werden‘ in Verbindung gebracht; diese werden ihrerseits entweder mit lit. žūti ‚zugrunde gehen‘, žūdyti ‚umbr ingen‘ oder russ. жуда́ ‚Entsetzen, Elend‘ assoziiert. Fraenkels Vergleich greift jedoch sowohl phonologisch (die Herleitung von *žiaur- aus *žiaud(r)- ist nicht ersichtlich) als auch semantisch (die Grundbedeutung von *žiaur- ist ‚grausam‘ und nicht ‚rau, grob‘) zu kurz. Eine besser begründete Lösung legt die semantische Beziehung lat. ferus: ferōx nahe: žiaurùs lässt sich als Bildung der Stufe I (*gʰēur-) zur Stufe II von žvėris (*gʰuēr-) auffassen. Nach dieser Erklärung hätte (*gʰēur-) ursprünglich ein thematisches Zugehörigkeitsadjektiv dargestellt, das im Litauischen zu einem u-Stamm umgestaltet wurde.
Lit. žiaurùs, -ì (Stamm žiaur-) ‚grausam, wild, brutal, roh‘ wird von Fraenkel (1965: 1303) mit dem Wortnest žiaudùs „= žiaurùs (oft bei Daukantas...),“ žiàudrùs, žiudrùs ‚rau, uneben‘, žiudrėti ‚rau, uneben werden‘ in Verbindung gebracht; all diese Wörter sollen entweder zur Gruppe von lit. žūti ‚zugrunde gehen‘, žūdyti ‚umbr ingen‘, lett. zaudēt ‚vernichten, verlieren, verderben‘ oder zu russ. жуда́ ‚Entsetzen, Elend‘ gehören (das selbst möglicherweise mit der žūti-Gruppe verwandt ist: Vasmer, Trubačev 1987: 63). Unter dem Lemma žiudrùs (charakterisiert als „Tiefstufe zu žiaurùs“) erweitert Fraenkel diese phonetisch und semantisch uneinheitliche Gruppe um žiubrùs ‚rau, uneben‘, žiūbrinti ‚rau machen‘; und unter nužurdóti, nužurdóti (1962: 514) ‚zu Tode quälen‘ lesen wir: „Nach meiner Ansicht sind die Wörter verw. mit lit. žiaurùs ‚grausam, erbarmungslos, wild, rau‘, žiaudùs dass[elbe]...“
Was den Vergleich von žiaurùs mit žiaudùs und verwandten Formen betrifft, ist schwer vorstellbar, wie sich das -d- des letzteren Stammes (ganz zu schweigen vom -b- in žiubrùs) mit dem -r- von žiaurùs vereinbaren ließe, es sei denn, man nimmt an, dass beide Wörter auf *žiāu- zurückgehen, mit einer optionalen Erweiterung durch -d- (IEW 448 *gʰeu-, *gʰeu-d- ‚verschwindend, umkommen‘, die Quelle von žūti), sowie dem -r-Suffix, das in žiudrùs vorkommt (zu žiaudùs; vgl. auch dial. skaudrùs ‚scharf, böse‘ neben skaudùs, Skardžius 1941: 300).
Diese Richtung muss jedoch nicht weiterverfolgt werden, da sich žiaurùs und žiaudùs semantisch nur schwer miteinander vereinbaren lassen. Būga (1959: 327, 688) gibt folgende Bedeutungsübersicht zu žiaudùs: ‚суровый, шероховатый, негладкий;... acerbus;... chropawy‘. Die Bedeutung ‚суровый‘ scheint sich typischerweise auf den Wind zu beziehen: sziauręs ar kitti žiaudi wieje; ‘ôr’s yra... žiaudùs ir nepatogus’ (Daukantas); NW Žem. žiaudrùs ‚суровый, пронизывающий, острый; шершавый, неровный; hirtus‘; NW Žem. žiudrùs (Reduktionsstufe von žiaudrùs) ‚шершавый, негладкий (šiurkštùs)‘, žiudrėti ‚rauh werden: nužiudro rankos nù būlvių rinkimo‘. Ergänzend dazu Vitkauskas (1976: 453, 458): žiaudrùs, žiudrùs ‚rau, hart‘: (die Beispiele stehen im Original in Dialektform) marškiniai
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žiaudri buvo... kaip šepečiai; pakulinis žiaudrus: nugarą draskė; vikšris žudrus: pjausta liežuvį gyvulių; pakulinis labai žudrus audeklas.
Aus diesen Glossen und Belegen geht offenbar hervor, dass die zentrale Bedeutung der Wurzel žiaud(r)-, žiudr- ‚rau, grob, schroff‘ und nicht ‚grausam, wild‘ ist; daher besteht kein Anlass, žiaud(r)ùs, žiudrùs semantisch (ebenso wenig wie phonologisch) mit žiaurùs zu verbinden. Gelegentliche Kontexte, in denen sich die Verwendungen überschneiden können (etwa bei der Beschreibung eines schroffen ~ rauen ~ grausamen Windes), sollten diese Tatsache nicht verschleiern.
Für lit. žiaurùs legen semantische Parallelen wie lat. ferus: ferōx, russ. зверь: зверский ‚brutal‘ und lit. žvėris: žvėriškas vielmehr einen Vergleich mit lit. žvėris ‚Wildtier‘ nahe. Man beachte auch Žem. žvėris in der Bedeutung ‚kas žiaurus‘ (Vitkauskas 1976: 462) sowie die Tatsache, dass lit. žvėriškas, eine transparente Ableitung von žvėris, im ⁴DŽ als ‚žiaurùs‘ definiert ist.¹
Angesichts der semantischen Annäherung žiaurùs: žvėris wenden wir uns nun dem lautlichen Verhältnis zwischen den beiden Wörtern zu. Eine litauische Lautfolge š’V-, ž’V- (orthographisch als šiV-, žiV- wiedergegeben), wie sie in žiaurùs vorliegt, geht prinzipiell auf ein älteres *k’iV-, *g’iV- zurück. Eine balto-slawische Quelle solcher Lautfolgen findet sich in tautosyllabischem *(C)ēu- > (in baltischen Begriffen) (C)iāu-: IEW 597 *ḱēu[e]r- ‚Norden, Nordwind‘ > lit. šiaur-[ė] ‚Norden‘, IEW 684 *leudʰi- ‚Nachwuchs, Volk‘ > lit. liaúdis, sl. *ljud-². Demnach wäre die wahrscheinlichste Vorform einer litauischen Wurzel der Gestalt žiaur- *gʰeur-. Der ursprüngliche Ton (Akut oder Zirkumflex) lässt sich aus žiaurùs nicht erschließen, da moderne u-stämmige Adjektive dazu neigen, das Akzentparadigma 4 zu verallgemeinern, d. h. den Zirkumflex-Metatoneffekt aufzuerlegen: šiaurė ‚Norden‘: šiaurùs, Stamm šiaur- ‚nördlich‘ (Stundžia 1995: 94).
Wir gelangen somit zu einem Vergleich zwischen vorbaltisch *gʰeur- (im Wesentlichen ‚žvėriškas‘) und *gʰuēr-, IEW 493 ‚wildes Tier‘, der Quelle von lit. žvėris ‚dass.‘. Da diese Beziehung (mit Eric Hamps Ausdruck) die eines „Zugehörigkeitsadjektivs“ *gʰeur- zu einer nominalen Basis *gʰuēr- ist und solche Adjektive durch thematische Ableitung sowie durch Hinzufügung des „Vokalismus e an der ersten möglichen Stelle“ gebildet werden (Hamp 1978: 186, 193–94) und außerdem oxytontisch sind (Hamp 1984: 141), haben wir es tatsächlich mit einem thematischen Stamm *gʰeuró- zu tun. Gołąb (1967: 770) bezeichnet den hier vorliegenden Ableitungsprozess als (eine Art) vṛddhi und erläutert ihn ausführlicher: „Vṛddhi lässt sich als eine Art sekundärer (denominativer) adjektivbildender Ableitung definieren, die zwei Verfahren verbindet: a) Suffigierung (hauptsächlich -o/e- und -(i)io/e-); b) Ablaut der Anfangssilbe des Grundworts (Substantivs). Der Ablaut des Vokals in der Anfangssilbe... lässt sich als Ergebnis der ‚Hinzufügung‘ oder ‚Einfügung‘ von e zum Grundvokalismus Ø deuten...“
1 Eine weitere semantische Parallele dieser Art bietet slaw. *svьrь/sverępь (z. B. russ. свирепый), letztlich zurückgehend auf idg. *gʰuēr- ‚Tier‘ (Holzer 1989: 78–81, im Rahmen seiner provokanten Theorie eines slawischen Wortschatzes, der einen Adstrat-Einfluss – möglicherweise des Kimmerischen – widerspiegelt).
2 On the development of *eu in both Slavic and Baltic, see Arumaa (1964: 86 ff. and 96 ff.). Arumaa challenges Vaillant’s claim that the change took place only before a soft consonant: “Vaillant... macht den Wechsel slav. u ~ i̯u, balt. au ~ iau vom harten oder weichen Charakter des folgenden Konsonanten abhängig, wofür aber eine sichere Beweisführung unmöglich ist, weil die lautliche Spaltung hier schon in den Urzustand dieser Sprachen zurückzuverlegen ist und wir einer sicheren Kontrolle dafür entbehren.” Shevelov (1965: 273) is more categorical: “Yet an examination of every instance shows that the only phonetic reflex of eu was [Slavic] jū, while all other forms are due to extra-phonetic factors and constitute deviations of a later date”.
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Unsere thematische Ableitung *gʰeuró- < *gʰu̯er-³ entspricht somit derjenigen des (substantivierten) Adjektivs *deiuó- (Kurylowicz 1968: 303: ‘himmlisch’ > ‘Gott’) von der ursprünglichen Basis *dieu- (von OI dyáuḥ, dyoh) über die Schwundstufe *diu/diu, abgesehen davon, dass die Zwischenstufe einer Schwundstufe **gʰur- (zu *gʰu̯er-) offenbar nicht belegt ist. Zu solchen ‘Schwebeablaut’-Beziehungen (die den Zustand der Bildungen I und II aus Benvenistes binomialen Wurzeln fortsetzen) sagt Szemerényi (1980: 126), dass die Annahme einer Schwundstufe nicht erforderlich ist: “In einigen Fällen (z. B. bei mittlerem R) können Umstellungen stattgefunden haben, d. h. *terp- direkt zu *trep- geworden sein”.
Mit der lautlichen Entwicklung von *gʰeuró- zur erkennbar baltischen Form *žiau-rà- haben wir eine Form, die wie ein Adjektiv der o-Stufe (baltische a-Stufe) aussieht. Solche Adjektive (vorwiegend deverbale) im Baltischen waren anfällig für einen Übergang zu den ursprünglich schwundstufigen u-Stämmen mit oxytonischer Betonung: “the notable fact of Baltic is the appearance of o-grade bases in -ú-stems: kartùs ‘bitter’, gaǰùs ‘lively, vivacious’, etc.; or even of pseudo-o-grade: saldùs ‘sweet’” (Hamp 1984: 141; Vanags 1989: 118 schlägt eine Erklärung für diesen weitreichenden Übergang vor). Dementsprechend wurde der thematische Oxytonon *žiaurà- zum u-Stamm *žiaurù- umgebildet.
Zusammenfassend liegt ein oxytonisch betontes thematisches Zugehörigkeitsadjektiv *gʰeuró- vor, im Wesentlichen ‘žvėriškas’, zur ererbten Basis *gʰu̯er- ‘žvėris’, durch einen Ableitungsprozess mit Schwebeablaut. Dies ergab durch regelmäßigen Lautwandel ein ‘pseudo-o-stufiges’ žiauró-,⁴ das zusammen mit anderen thematischen o-stufigen Adjektiven zu einem u-Stamm umgebildet wurde und so das moderne žiaurùs ‘grausam, wild’ ergab.
Nachdem der Vorläufer *gʰeuró- von Lith. žiaurùs gesichert ist, können wir fragen, ob diese Basis auch im Slawischen widergespiegelt ist; die erwartete formale Entwicklung der Wurzel *gʰeur- im Slawischen wäre *žur-, über die Zwischenstufe *zi̯ur-, mit einer Veränderung des Diphthongs -eu-, die derjenigen im Baltischen entspricht (zum slawischen ž aus z palatovelaren Ursprungs plus i vgl. Russ. ёж ‘Igel’ < *egʰio- ≅ Lith. ežys). Tatsächlich ist das Verb žuriti (se) in den slawischen Sprachen weit verbreitet belegt, allerdings mit einer verwirrenden Vielzahl von Bedeutungen, die sich wie folgt zusammenfassen lassen.
Das Tschechische zuřit (nur intransitiv, an die Stelle des älteren tschechischen zuřiti se getreten) hat eine einzige eindeutige Bedeutung: ‘wüten, außer sich sein’ (Poldauf 1971: 1213); ‘свирепствовать’ (Pavlovič 1989: 808). Diese Bedeutung findet sich auch im abgeleiteten Adjektiv zuřivý ‘wütend [rasend], wild, zornig’ (Poldauf, a. a. O.).⁵
³ According to Dybo (1981: 40) Lith. žvėris shows apophonic root length which was generalized in this root as early as Indo-European. Others posit a laryngeal base here. As noted above, the original situation is obscured in žiaurùs by a tendency to generalize circumflex stems.
⁴ Ich möchte vorläufig vorschlagen, dass eine baltische Zwischenstufe *žeura- in Fi. hirveä ‘schrecklich, furchterregend, entsetzlich, scheußlich’ widergespiegelt ist, für das sowohl SKES 78 als auch SSA 167 eine Etymologie fehlt. Das finnische h ist der erwartete Reflex eines baltischen Palatals; zur regelmäßigen Metathese von -ur- > -rv- im Finnischen siehe Koivulehto (1991: 34). Das Musterbeispiel ist Fi. karva ‘Haar’ < baltisch *gaura- ‘id.’
⁵ Machek hat zweifellos recht, wenn er tschech. zuřit (für *žurti) als Ergebnis einer Dissimilation behandelt: Einerseits ist die tschechische Wurzel zur- isoliert (Machek schlägt slowakisch zuřit vor; žuřit ist aus dem Tschechischen entlehnt), andererseits gibt es im Tschechischen kein žur-. Das von Holub (1952: 440) in die Gleichung einbezogene alt-tschechische žeřiti gehört kaum hierher.
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Im Polnischen hat das heute archaische żurzyć się (nur reflexiv) als Kernbedeutung ‘zornig, empört sein’ oder, bei stärkerer Intensität, ‘wüten, toben’ (Doroszewski 1968: 1458: ‘gniewać się na kogo, oburzać się, srożyć się’), wie im Tschechischen. Karlowicz (1927: 726) vermerkt die zusätzlichen Bedeutungen kwasić się ‘verbittert werden’, być markotnym ‘trübsinnig, mürrisch sein’ sowie chełpić się ‘prahlen, großtun’, nadymać się ‘sich aufblasen’.
Lower Sorbian (Mucke 1928: 1161) has both a transitive žuriś ‘sauer machen; übertr. erbitterн, сделать кислым, озлоблять, ожесточать’ and a reflexive with the meaning ‘sauer werden; übertr. sich erbитtern; скисать, озлобляться, гневаться, ожесточаться’, hence essentially the ‘gniewać się’ and ‘kwasić się’ meanings found in Polish.
Den ostslawischen Sprachen fehlt die Bedeutung ‘zornig/wütend sein’. Belarussisch und Ukrainisch teilen einen Kernbereich der Bedeutung ‘trauern, bekümmert sein’ (Verb) und ‘von Trauer erfüllt, bekümmert’ (Adjektiv): Belarussisch журыцца ‘грустить, печалиться; кручини́ться’ (Atraxović 1988: 414); журы́цца сов. зажуры́цца ‘скорбеть, предаваться печали’ (Nosovič 1870: 158); Ukrainisch журити, -ю, -иш ‘сокрушать, крушить, печалить’, журитися, -юся, -ишся ‘печалиться, грустить, горевать, кручини́ться, крушиться; унывать’ (Kiričenko 1953: 505). Außerdem weisen Belarussisch und Ukrainisch vergleichbare deverbale Substantive und entsprechende Adjektive auf: Br. журба, журбота (разг.) ‘грусть, печаль, кручина’, журботны ‘грустный, печальный; скорбный’ (Atraxović 1988: 413); Ukr. журба ‘печаль, грусть’, журливий ‘печальный, грустный’ (Kiričenko loc. cit.). Das Ukrainische bietet jedoch auch die Basis, von der das Verb журити(ся) abgeleitet ist: (Kiričenko 1953: 506, s.v. журба) обл. жура́, редк. жур ‘печаль, грусть’ und das entsprechende denominale Adjektiv журний ‘печальный, грустный; сокрушённый’.
Die zentrale Bedeutung des russischen журить, -рю, -ришь (nur transitiv) ist ‘schelten’: ‘(разг.) делать лёгкий выговор; слегка бранить’ (Ožegov 1989: 199). Das Wort scheint nicht vor Avvakums Житие (1673) belegt zu sein. Das reflexive журиться, -рюсь, -ришься ist dialektal mit den Bedeutungen ‘горевать, печалиться’ (Südrussisch) und ‘ворчать, браниться’ bekannt; letztere erscheint auch im abgeleiteten журило, журила ‘Miesepeter’ (SRNG IX: 231). Wie im Ukrainischen gibt es im russischen Dialekt auch журный, журной ‘печальный’, obwohl die Basis жур im Russischen zu fehlen scheint.
Das Südslawische führt die Bedeutung ‘eilen’ ein, im Slowenischen (archaisch) žuriti se, -im und im SCr журити се, das neben seiner Kernbedeutung auch (dialektal) ‘sich beschweren’ aufweist; Petleva (1969: 178) bringt dies mit den im Ostslawischen belegten Bedeutungen ‘trauern’ und (bei nichtreflexiven Formen) ‘schelten’ in Verbindung.
Die obige Übersicht legt eine konsistente Unterscheidung zwischen einem westslawischen *žuriti nahe, das typischerweise reflexiv/intransitiv ist, kein abgeleitetes Substantiv žurbá aufweist und sich um den Bedeutungsbereich ‘Zorn, Wut’ gruppiert, und dem übrigen Slawischen nahe, wo das Bedeutungsspektrum stärker streut, aber ‘trauern, Kummer verursachen’ typisch ist und das deverbal gebildete Substantiv žurbá zusammen mit einer offenbar nicht abgeleiteten Basis žur, žurá vorkommt.
Among the Slavic etymological dictionaries consulted, Brückner (1957: 668) is alone in linking the Polish żurzyć się with the East and South Slavic forms; curiously, the semantically identical Czech zuřit is not mentioned. Machek (1968: 589 s.v. zuřiti)
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angemessen die tschechischen und polnischen Formen zusammenfasst, ohne Ost- und Südslawisch zu erwähnen, während Vasmer, Trubačev (1987: 68 s.v. журить), Černyx (1993: 309 s.v. журить) und Mel’nyčuk (1985: 210 s.v. журити, журитися) keinen Bezug auf die westslawischen Formen nehmen; die ost- und südslawischen Formen werden mit OI ghóras ‘furchterregend, schrecklich, stürmisch’ und Gotisch gaurs ‘aufgebracht, betrübt’ verglichen (IEW 453 *ghou-ro-s ‘furchtbar’, ‘voller Furcht’). Černyx räumt zwar ein, dass die Wurzel etymologisch unklar ist (Mel’nyčuk stimmt dem zu) und die Bedeutungen in den modernen slawischen Sprachen stark voneinander abweichen, vermutet aber, dass die ältere Bedeutung des russischen Ausdrucks ‘jemandem Kummer bereiten’, ‘jemanden aufregen’ war, woraus sich auch ‘eilen’ und ‘sich sorgen’ ergaben. Das baltische *gur- mit der allgemeinen Bedeutung ‘Verarmung’ könnte ebenfalls hierhergehören (Toporov 1979: 346 ff., s.v. gurìns ‘arm’). Damit bleibt die Frage nach dem Ursprung der westslawischen Formen.
Für niedersorbisch žuriś ‘sauer machen, übertr. erbitter’n’, žuriś se ‘sauer werden, übertr. sich erbitter’n’ und für die gelegentliche Bedeutung ‘kwasić się’ des entsprechenden polnischen Verbs bietet Muckes Anmerkung zum formal entsprechenden Adjektiv žuriwy (vergleichbar mit tschechisch zuřivý) ‘widersetzlich; упрямый...’ eine Lösung: „abg. v. žur“, das heißt, abgeleitet von dem verbreiteten westslawischen Wort für einen sauren Brei, der für Suppe oder Brot verwendet wird und dessen allgemein anerkannte Quelle mhd. sūr ‘sauer’⁶ ist. Das Verb žuriś kann entweder eine unmittelbare Ableitung von niedersorbisch žur sein, oder die ursprüngliche Bedeutung des Verbs könnte durch volksetymologische Assoziation mit žur. von ‘wütend sein’ zu ‘sauer, bitter sein’ erweitert worden sein.
Brückner bietet keine Etymologie für žurzyć się. Machek betrachtet tschechisch zuřiti (se) und polnisch żurzyć się als aus einem älteren *vz-juriti hervorgegangen (er führt poln. jurzyć się ‘in Wut geraten’, ‘schäumen, toben’ und ukrainisch напоритися ‘wütend werden’ an), durch eine falsche Trennung (*v-zjuriti) und ž- aus der Lautfolge zj-. Obwohl die Semantik vielversprechend ist, lässt sich der Vergleich nicht aufrechterhalten: Das Wort scheint kein Präfix vz- oder v- zu kennen (im modernen Tschechischen werden mit dieser Wurzel nur na-, roz-, vy- und za- verwendet). Wichtiger noch: Eine Palatalisierung von z+j über eine Morphemgrenze zwischen Präfix und Wurzel hinweg ist in einem so späten Stadium des Slawischen nicht zu erwarten (obwohl t+j > č etwa in russisch очутиться < от+ютиться zu finden ist: litauisch jaušti, jušti; Vasmer, Trubačev 1987: 179).
Tatsächlich ist die Etymologie des ansonsten isolierten westslawischen *žuriti (se) aus unserer neu gewonnenen baltischen Perspektive klar: Es handelt sich um ein denominales Verb aus derselben Basis wie litauisch žiaurùs ‘grausam’, in slawischen Entsprechungen *gʰeur- > *z̑j̑ur- > *žur-, die Schwebeablaut-Form zu *gʰu̯er- ‘Wildtier’. Tatsächlich hatte Josef Jungmann diesen Zusammenhang bereits 1839 in seinem Slovník česko-německý (1839: 793) unter dem Lemma zuřivý treffend erkannt, wo er „cf. zvěř“ anmerkt. In seiner Ableitungssemantik entspricht westslawisch *žur- (< *gʰeur-): žuriti (se) russisch свирепый: свирепствовать oder, mit einer
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Cf. Brückner (1957: 668): žur – niemiecka nazwa ‘kisielu’; od 15. wieku ogólne, przejęte na całym Zachodzie słowiańskim (u nas, Słowieńców, Czechów, Lużyczan), a od nas na Rusi; z niem. sü̆r (dziś sauer) ‘kishy’. Grinaveckienė (1975: 174–5) treats Br. жyp ‘овсяный кисель’ as a borrowing from the Baltic source of Lith. žiùrė, žiùra and Latv. žūru, žūre, arguing that the Baltic forms have the broader semantic range and are therefore original. But this argument does not take into account the presence of žur in Polish, Upper and Lower Sorbian, Czech, and even Slovene, where it cannot possibly represent a borrowing from Baltic.
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näheren formalen Entsprechung (einem reflexiven Verb auf -umb), russisch бес: беситься. Neben dem Verb *žuriti (sę) hat das Westslawische offenbar die ursprüngliche Basis verloren, die im Litauischen žiaurùs bewahrt ist – ein in der Geschichte des Baltoslawischen nicht unbekanntes Phänomen (z. B. slawisch *rǫka ‘Hand’: litauisch rankà: riñkti ‘sammeln’; slawisch *rьtobъ [russisch ртуть] ‘Quecksilber’: litauisch risti: ritant- ‘rollen’).
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