Friedrich Scholz, eds. “Textkritische Edition der Übersetzung des Psalters in die litauische Sprache von Johannes Bretke”
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– S. 214 (bei allen Niederlitauern lautet die Silbe dieses Wortes -ki-, hier sind die Bewohner des Kreises Raseiniai wieder einmal ganz eigenständig und weichen von allen Niederlitauern ab; vgl. jedoch uuoki.tīs – S. 39, uuoki.cū– S. 213). In Viduklė wurde am 03.03.02 gefragt, wie der Name des Dorfes Jūkainiai ausgesprochen werde; zwei Personen sagten jūkain'u, während die Form jū“kaiń'u (S. 69) doch recht zweifelhaft ist.
Als großer Kurzsichtiger möchte ich nicht allzu viele Druckfehler anführen, doch auf Daten wie brūol,is (=brúolis) – S. 151, ‘vā.lgi.,dāvā (=vá.lgi.dāva) – S. 211, petri̇nes (=petrīnės) – S. 213, ‘ā.r,klū! (=ārklu) – S. 69, ‘ābu,dū (abūdu) – S. 74, važū“dava (=važū“dava) – S. 206, vištums (=vištums) – S. 81, sollte ausdrücklich hingewiesen werden.
Die junge Wissenschaftlerin hat viel Arbeit investiert und die Mundarten eines mehrere hundert Quadratkilometer großen Gebiets beschrieben, die regelmäßig auftretende Merkmale und ererbte Dialekteigenschaften verlieren (obwohl sich noch an vielen Orten Sprecher des ererbten regelmäßigen Dialekts finden lassen); doch was sich zeigen lässt, hat Daiva Atkočaitytė wohl auch vorgelegt. Auch für die Sprachgeschichte ist das wichtig. Es hätte lediglich vermieden werden müssen, unstimmige gleichförmige Formen und Wörter sowie zweifelhafte momentane Schwankungen zu erfassen, wenn man mit einem (jungen oder mehreren jungen), herausgeputzten Mädchen spricht. Bei der Veröffentlichung dieser Arbeit hatte sie keinen einzigen niederlitauischen Dialektsprecher als Helfer an ihrer Seite, obwohl sie einer recht großen Zahl von Beratern und Konsultanten dankt.
Vytautas Vitkauskas Lietuvių kalbos institutas P. Vileišio g. 5, 2055 Vilnius, Lietuva
Eingegangen am 05.05.2003
TEXTKRITISCHE EDITION DER ÜBERSETZUNG DES PSALTERS IN DIE LITAUISCHE SPRACHE VON JOHANNES BRETKE, PASTOR ZU LABIAU UND KÖNIGSBERG I. PR., NACH DER HANDSCHRIFT AUS DEM JAHRE 1580 UND DER ÜBERARBEITETEN FASSUNG DIESES PSALTERS VON JOHANNES REHSA, PASTOR ZU KÖNIGSBERG I. PR., NACH DEM DRUCK AUS DEM JAHRE 1625 NEBST DER ÜBERSETZUNG DES PSALTERS IN DIE DEUTSCHE SPRACHE VON MARTIN LUTHER NACH DER AUSGABE AUS DEM JAHRE 1545 UNTER MITARBEIT VON FRIEDEMANN KLUGE.
MIT EINER EINLEITUNG VERSEHEN UND HERAUSGEGEBEN VON FRIEDRICH SCHOLZ.
Paderborn, Munich, Vienna, Zürich: Ferdinand Schöningh, 2002, LXXXI + 559 p., ISBN 3-506-71681-6.
(Biblia Slavica, Serie VI: Supplementum: Biblia Lithuanica, Reihe 2: Editionsbände, 6. Herausgegeben von Hans Rothe und Friedrich Scholz unter Mitwirkung von Christian Hannick und Ludger Udolph.)
Im Vorwort (S. IX–X) schreibt Scholz, dass Johannes Bretke (Bretkūnas) die litauische Übersetzung der gesamten Heiligen Schrift zwischen März 1579 und November 1590 fertigstellte, bis dahin jedoch nur der Psalter zuvor im Druck erschienen war. Dieser Psalter, der zwischen dem 20. Mai und Mitte Juli 1580 übersetzt worden war, gelangte in die Hände von Johannes Rehsa, der ihn überarbeitete und zusammen mit Luthers deutscher Übersetzung 1625 in der Druckerei von Laurenz Segebad veröffentlichte. Die verbreitete Behauptung, Rehsas Fassung weiche nur wenig von Bretkūnas’ Übersetzung ab, trifft schlicht nicht zu, wie ein Blick auf die beiden Texte ohne Weiteres zeigt. Der hier besprochene Band enthält auf gegenüberliegenden Seiten sowohl Bretkūnas’ Original als auch Rehsas Überarbeitung. Auf Wunsch von Prof. Jonas Palionis
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der Universität Vilnius wurde beschlossen, eine vor 1580 erschienene Fassung von Luthers deutscher Übersetzung hinzuzufügen, da diese Übersetzung in Litauen nicht immer leicht zugänglich ist. Sie steht am unteren Seitenrand.
Der hier besprochene Band ist Teil eines äußerst ambitionierten Projekts zur Veröffentlichung der gesamten Bretkūnas-Bibelübersetzung (S. XI) in drei Reihen: Reihe 1 umfasst Faksimilebände, Reihe 2 Editionsbände und Reihe 3 Kommentare. Bislang sind sechs Bände des Bretkūnas-Manuskripts in vier Faksimilebänden erschienen. Außerdem ist ein Kommentarband Bausteine zur Bretke-Forschung von Jochen D. Range erschienen. Ich habe diesen letztgenannten Band und den Faksimileband des Psalters 1993 in Lituanus 39 (3), 72–84, besprochen. Ich freue mich auf das Erscheinen von Scholz’ Kommentar zu Bretkūnas’ Psalterübersetzung, der derzeit vorbereitet wird. Scholz kündigt darin einen Vergleich mit Rehsas Übersetzung sowie eine Untersuchung der Beziehungen zwischen Bretkūnas’ Übersetzung und ihren verschiedenen Quellen an: Luthers Übersetzung, den Text des hebräischen Originals, die Septuaginta und die Vulgata.
Scholz schildert auch seine erste Begegnung mit dem Manuskript von Bretkūnas’ Bibelübersetzung im Jahr 1949 in Göttingen, im Büro von Prof. Reinhard Wittram, sowie die anschließende Unterbringung des Manuskripts im Geheime Staatsarchiv in Berlin. Glücklicherweise gelang es Scholz, die Unterstützung des äußerst kompetenten Jochen D. Range und später auch von Friedemann Kluge zu gewinnen.
Die Einleitung informiert darüber, dass die Faksimileausgabe zwar insgesamt recht gut ist, einige Korrekturen und Glossen am Rand jedoch kaum oder gar nicht lesbar sind. In einigen Fällen befanden sich die Schlussbuchstaben von Wörtern auf der Versoseite oder die Anfangsbuchstaben auf der Rectoseite so nah am Textrand im Falz des Manuskripts, dass die Kamera sie nicht erfassen konnte. Wer Bretkūnas’ Orthografie und Grammatik kennt, dürfte keine Mühe haben, diese meist zu ergänzen, obwohl es hier auch einige Überraschungen gibt. Bisweilen können die unterschiedlichen Eigenschaften der Tinte dabei helfen, eine ursprüngliche Form zu bestimmen. Wenn Buchstaben oder Silben getilgt und neue über das Original geschrieben wurden, scheint manchmal die dunklere Tinte des Originals durch die hellere Tinte der Korrektur hindurch, sodass sich sowohl das Original als auch die Korrektur feststellen lassen (S. XX). Da sich sowohl der ursprüngliche Text als auch die korrigierte Fassung nur anhand des Manuskripts wiederherstellen lassen, ist zusätzlich zur Faksimileausgabe ein kritischer Textkommentar erforderlich.
Die Einleitung (S. XXI–XXIV) bietet außerdem kurze Biografien und Bewertungen des Werks von Bretkūnas und Rehsa. Darauf folgt eine Beschreibung des Textes und der Art und Weise, wie er für die Veröffentlichung vorbereitet wurde. Bretkūnas’ erste Fassung (Grundschicht, abgekürzt GS) bildet die Grundlage des hier gedruckten Textes. Zugleich werden Korrekturen, die unmittelbar oder kurz nach der Niederschrift der ersten Fassung vorgenommen wurden, mit den Buchstaben a, b, c usw. gekennzeichnet und als Anmerkungen unter der ersten Fassung aufgeführt. Diese Korrekturen sind als Sfk (= Sofortkorrektur) bezeichnet; spätere Korrekturen als KS (= Korrekturschicht). Der Einleitung zufolge (S. XXXVI) nahm Daniel Gallus 28 Korrekturen vor (mit G bezeichnet), Rehsa 136 (mit R bezeichnet). (Auf S. XVIII erscheinen die Erläuterungen zu den Abkürzungen KS und R zweimal, offenbar ein Versehen bei der Korrektur.)
Die Unterschiede zwischen Palionis’ Ausgabe von 1983 und Scholz’ Ausgabe werden bereits am ersten Vers des ersten Psalms deutlich: Nach Scholz’ Rekonstruktion des Originals (GS) (S. 6): Gerai tam, kurfai newaikſch= || czoia rode Diewa neſibijancʒu, nei eit kieliu grieſhniu nei ſedzia || kur apioktieghi ſiedzia; nach Palionis (1983: 183): Palaimintas <bijans Diewo teisus> ira tas wiras, kursai ne waikſchczoio surinkime Diewo neſibijanczuiu, nei sussisedȩghime apioktiuiu se
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deio. nei ant kelio grieschniu stoweio, Scholz gibt auch diese frühe lutherische Fassung wieder: Wol dem der nicht wandelt im Rat der Gotlofen, Noch trifft auff den Weg der Sünder, Noch sitzet da die Spötter sitzen. Die Vulgata hingegen lautet: Beatus est vir ille, qui non ambulat in consilio improborum, et viae peccatorum non insistit, ac in consessu derisorum non desidet; und die Septuaginta lautet: μακάριος ἀνήρ, ὃς οὐκ ἐπορεύθη ἐν βουλῇ ἀσεβῶν, καὶ ἐν ὁδῷ ἁμαρτωλῶν οὐκ ἔστη, καὶ ἐπὶ καθέδρα λοιμῶν οὐκ ἐκάθισεν. Die King-James-Bibel lautet: „Gesegnet ist der Mann, der nicht im Rat der Gottlosen wandelt, nicht auf dem Weg der Sünder steht und nicht auf dem Sitz der Spötter sitzt.“ Die Worte Gerai tam, kurfai... „Gut geht es demjenigen, der …“ in Bretkūnas’ erster Fassung scheinen Luthers Wol dem der... näher zu stehen als dem lateinischen Beatus est vir ille, qui... „Gesegnet ist der Mann, der …“ oder dem griechischen μακάριος ἀνήρ, ὃς... Ich vermute, dass Luther das hebräische Original heranzog, dessen entsprechende erste Wörter mein Kollege Prof. B. Halpern vom Programm für Jüdische Studien der Penn State University als ’ašrē hā-’îš ‘šer transliteriert; ihre Bedeutung entspricht nicht der scheinbaren Status constructus-Verbindung. Prof. Halpern merkt außerdem an, dass das Wort ’ašrē so funktioniert, als enthielte es zumindest implizit eine Prädikation, und dass der Ausdruck mit „Gesegnet/glücklich ist der Mann, der …“ zu übersetzen ist. Dies scheint zu zeigen, dass die Väter der Septuaginta das Hebräische besser verstanden als Martin Luther. Zunächst folgte Bretkūnas Luther, während die Korrekturen mit Palaimintas „gesegnet“ (Paſchlowintas) oder Rehsas Jschganitingas... auf der Vulgata oder der Septuaginta beruhten. Jedenfalls wird es interessant sein zu erfahren, was Scholz in seinem oben erwähnten, demnächst erscheinenden kritischen Kommentar dazu und zu den vielen weiteren Problemen im Zusammenhang mit dem Psalter sagt.
Die Einleitung enthält auch eine interessante Analyse des Phonemsystems (S. XLIV–LXIV). Der Einleitung zufolge (S. XLIV) können Konsonantenphoneme durch ein bis fünf Buchstaben wiedergegeben werden; so kann etwa >c< /c/ wiedergeben, >cʒ< kann /č/ wiedergeben, >ſch< kann /š/ wiedergeben, >ſchcʒ< kann /šč/ wiedergeben. Bei der ersten Lektüre scheint dies zu bedeuten, dass /šč/ als ein einziges Phonem betrachtet wird – eine Interpretation, die eine slawische Ausrichtung vermuten lässt (vgl. russisch u) und die für das Litauische schwer zu rechtfertigen wäre (siehe Klimas 1970: passim.). Wenn die Aussage lediglich als Angabe der Höchstzahl aufeinanderfolgender Konsonantenbuchstaben zu verstehen ist, dann ist sie falsch; vgl. etwa newaikſchcʒoia „geht nicht“, wo wir auf die Folge von sechs Konsonantenbuchstaben stoßen, nämlich >kſchcʒ<, die drei Phoneme /kšć/ wiederzugeben scheint. Möglicherweise interessanter ist die Wiedergabe des Vokalsystems, bei der die Buchstabenfolge >ie< sehr vieldeutig ist. In der ursprünglichen Fassung (GS) konnte sie /ie/, /ē/ oder sogar /e/ nach einem Velar bezeichnen, wobei der Buchstabe >i< lediglich zur Kennzeichnung der Palatalisierung diente. Scholz zufolge (S. LII) versuchte Bretkūnas später in der korrigierten Fassung (KS), das >i< vor dem >e< nach einem Velar zu beseitigen, wenn die Folge etymologisches /ē/ bezeichnete. So wird kieliu „auf dem Weg“ in der ursprünglichen Fassung in der korrigierten Fassung (S. 6) zu (ant) kelio, und Kodiel „warum“ wird zu Kodel (S. 10), vgl. das heutige Standardlitauisch kodėl. Die Diphthongaussprache wird korrekt und durchgehend wiedergegeben, etwa in prieg „nahe“ (S. 6).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Scholz und seinen Kollegen für die Idee, diese Reihe und insbesondere diesen Band herauszugeben, Anerkennung gebührt. Der Band zeugt von den herausragenden Ergebnissen vieler Stunden sorgfältiger und mühevoller Arbeit. Das Buch ist wunderschön gebunden und auf hochwertigem Papier gedruckt und gereicht damit sowohl dem Verlag als auch den Herausgebern zur Ehre. Laut meiner Badezimmerwaage wiegt das Buch mehr als drei Pfund und ist damit sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn ein gewichtiges Werk.
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REFERENCES
PALIONIS, J., ŽUKAUSKAITĖ, J. eds. 1983: Bretkūnas, Johannes. Rinktiniai raštai, Vilnius: Mokslas.
KLIMAS, A. 1970: Some attempts to inventory Lithuanian phonemes. Th. F. Magner and W. R. Schmalstieg, eds., Baltic linguistics, University Park and London: Pennsylvania State University Press, 93–102.
William R. Schmalstieg
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Gauta 2003 06 09