„Das phonologische Inventar und seine morphonologische Klassifizierung“ (einige Bemerkungen)
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ACTA LINGUISTICA LITHUANICA XLVIII (2003), 159 - 175 „Das phonologische Inventar und seine morphonologische Klassifizierung‘ (einige Bemerkungen) € BOHUMIL VYKYPĖL Ustav pro jazyk česky AV CR In the present paper an attempt is made to describe the Lithuanian expression plane (the phonological system) according to glossematic principles. We compare this description with the morphonological description of Lithuanian proposed by Tomas Hoskovec. On this basis a few observations are made on the relation between the glossematic description of the expression plane of language and morphonology. Im ersten Heft des zweiten Jahrgangs der Zeitschrift Acta Linguistica erschienen mehrere Rezensionen und Notizen von Louis Hjelmslev, darunter auch diejenige des Aufsatzes von Ludovit Novak „K zäkladnym otäzkam Strukturälnej jazykovedy“ (vgl. Hjelmslev 1940-41a; Novak 1937). Ludovit Noväk, einer der „vorlauten Buben“ der zweiten Generation der Prager Schule', publizierte diesen Aufsatz in der damals noch (v.a. eben dank Noväks Redaktion) bedeutenden Zeitschrift Sbornik Matice slovenskej und verstand ihn als grundsätzliches Überdenken der Ausgangsthesen und der Praxis der Prager strukturellen Sprachwissenschaft, v.a. der Phonologie. Louis Hjelmslev betonte die Wichtigkeit des Aufsatzes von Noväk und bedauerte auch, dass dieser auf slovakisch geschrieben worden war, „dans une langue si peu répandue dans le monde international“. Zugleich fügte Hjelmslev allerdings auch seine eigenen Ansichten in einer komprimierten Form zu Noväks Ausführungen hinzu. Die Zeit, in der besprechenswerte Zeitschriftenaufsätze erschienen, scheint längst vergangen zu sein. Die Geschichte von Noväk und Hjelmslev kann sich hoffentlich trotzdem immer wiederholen. Vor kurzem ist in der Zeitschrift Slavia ein Aufsatz von Tomaš Hoskovec erschienen (vgl. Hoskovec 2002). Die heutige Slavia gleicht zwar dem Sbornik Matice slovenskej unter Noväks Redaktion nicht, aber der Aufsatz von Hoskovec ist auf tschechisch geschrieben, d. h. auch in einer in der internationalen Welt wenig verbreiteten Sprache. Ähnlich wie früher Noväk versucht auch Hoskovec — am Beispiel des Litauischen — eine Theorie zu durchdenken und weiterzuentwickeln, und zwar die funktionell-geZu den „vorlauten Buben“ (auf tschechisch „hubati kluci“) vgl. Leska (2002: 53f.).
160 | BOHUMIL VYKYPEL nerative Beschreibung von Petr Sgall, einem der bedeutendsten Fortsetzer der Prager Tradition, und in diesem Rahmen konkret die (bisher weniger berücksichtigten) Fragen, die sich hier auf der morphonologischen Ebene stellen. Wie bereits der Titel des Aufsatzes verrät, bildet das Haupthema die Frage, was mit dem phonologischen Inventar nach seiner morphonologischen Umklassifizierung geschieht. Mit anderen Worten geht es darum, wie die phonologischen Elemente zu reinterpretieren sind, wenn ihre Rollen beim Aufbau der signifiants berücksichtigt werden. Es ist bekannt, dass Hjelmslev das Programm der Morphonologie (in ihrer damaligen Form) — im Unterschied zu demjenigen der Phonologie — begrüßt hat (vgl. Hjelmslev 1973: 228, 234 und auch unten 2.4.), denn die Morphonologie — so Hjelmslev — versuche die Elemente des Ausdrucksplans der Sprache nach der sprachlichen Form und nicht nach der Substanz zu beschreiben. Obwohl es erhebliche Unterschiede auch zwischen der Morphonologie und Hjelmslevs Beschreibung des Ausdrucksplans gibt (v.a. weil die Morphonologie sich zwar nicht im Substanzaspekt des Sprachgebrauchs wie die Phonologie, aber doch in dessen Zeichenaspekt bewegt und nicht im Sprachbau wie Hjelmslev; vgl. noch unten 2.), stehen die morphonologische Beschreibung und jene von Hjelmslev einander trotzdem offensichtlich näher. Man kann dies auch am Ergebnis der „morphonologischen Klassifizierung“ des litauischen phonologischen Inventars beobachten, zu dem Hoskovec gelangt ist. Wir nützen also diese Gelegenheit zum Vergleich der morphonologischen Beschreibung mit einem Versuch einer glossematischen Beschreibung der Elemente der Ausdrucksseite des sprachlichen Zeichens im Litauischen (um kompromissbereit weder über Phonologie noch Kenematik zu sprechen...). Dieser Vergleich betrifft vor allem die Frage der Reduktion der Elemente und einige allgemeinere Fragen des „Beschreibungsobjekts“. Zunächst sei allerdings an die bekannte Tatsache erinnert, dass die glossematische Theorie ein Fragment darstellt und nicht in allen ihren Aspekten zu Ende geführt wurde. Damit hängt auch zusammen, dass es nur wenige und zudem nicht unproblematische Beschreibungen einzelner Sprachen vom glossematischen Gesichtspunkt aus gibt. Trotzdem lässt sich vielleicht einiges sagen’. 1. Zwischen dem gesprochenen und dem geschriebenen Litauisch besteht keine Einszu-Eins-Beziehung, und sie müssen daher als zwei unterschiedliche Sprachen (Schemata) betrachtet werden. Im Folgenden wird das gesprochene Litauisch unter dem Litauischen verstanden. 1.1. Das Litauische hat sowohl analytische als auch synthetische Sätze (Lexeme und Nexi) und Satzgruppen (Lexien und Nexien): Es hat teilbare Ausdruckseinheiten, die eine katalysierte Überkette (d.h. die in der Analyse unmittelbar vorangehende Einheit) alleine bilden können, und es hat extense Ausdruckscharakteristiken (Modulation). Mit der Kategorie der extensen Ausdruckscharakteristiken werden wir uns hier nicht näher befassen: Die Beschreibung der litauischen Satzintonation stellt, wie auch Hoskovec (2002: 269f.) konstatiert, fast eine terram incognitam dar. Wir werden die glossematischen Termini nicht definieren und verweisen in diesem Punkt auf die entsprechende Literatur (vel. v.a. Hjelmslev 1973: 247-266; 1975).
„DAS PHONOLOGISCHE INVENTAR...“ | 161 Das Litauische hat auch analytische Silben (Syllabeme) und synthetische Silben: Es hat sowohl Einheiten, die in katalysierter Form alleine eine unkatalysierte Lexie im Ausdrucksplan bilden können, als auch intense Ausdruckscharakteristiken (Akzente). Was die Beschreibung des Systems der intensen Ausdruckscharakteristiken angeht, so scheint es zwei Möglichkeiten zu geben. Die Kategorie kann in zwei Subkategorien geteilt werden: Die erste Kategorie wird durch die sog. Akzente gebildet, die zweite durch die sog. Intonationen. Die erste Subkategorie wird von der zweiten selektiert (die zweite ist von der ersten syntagmatisch dependent) und beide haben zwei Glieder, die arbiträr „starker Akzent“ (') und „schwacher Akzent“ (°) resp. „akutierte Intonation“ (“) und „zirkumflektierte Intonation“ (”) genannt werden können. Das System ist das folgende (1. Kategorie ‘punktuell’ und negativ orientiert; 2. Kategorie ‘steigend’ und positiv orientiert): a A o A o ' — oder — im Rahmen der ganzen Kategorie, die in zwei Dimensionen geteilt wird (horizontal ‘steigend’ und positiv-negativ orientiert, vertikal ‘punktuell’ und negativ orientiert): o A - = ; A 9 ' Die sog. Intonationen selektieren die sog. Akzente, da die Akzente alleine (d.h. ohne Intonation) stehen dürfen (und zwar der Akzent ' in den Silben mit einem sog. kurzen Vokal und ohne /, r, n, m), aber nicht umgekehrt (vgl. auch Hjelmslev 1973: 189-191). Der „schwache Akzent“ (°) ist intensiv, da in Verbindung mit ihm die Intonationen latent, d.h. synkretisiert und durch Null manifestiert werden, wobei es sich um einen auflösbaren Synkretismus handelt (hierzu vgl. Hjelmslev 1973: 188, 204 und unten 2.4.2.). Die „zirkumflektierte Intonation“ (7) ist intensiv, da in Verbindung mit ihr die Vokale a und e variieren (vgl. unten 1.2.2.). Die zweite erwähnte Möglichkeit ist, die Kategorie nicht zu teilen (weder in Subkategorien noch in Dimensionen) und mit vier Gliedern zu rechnen, die arbiträr als „starker Akzent“ oder „Gravis“ ('), „schwacher Akzent“ (°), „akutierte Intonation“ (‘) und „zirkumflektierte Intonation“ (7) bezeichnet werden. Das System ist das folgende (auf der Dimension ‘steigend’): B B Y r _ , o
162 | BOHUMIL VYKYPEL Gegen die zweite Möglichkeit spricht die Koexistenz der Glieder der Kategorien „Intonation“ und „Akzent“ (mit anderen Worten erfasst die zweite Strukturierung der Kategorie die syntagmatische Beziehung nicht, in welche die beiden Kategorie treten). Eine Alternative stellt Hjelmslevs Lösung dar. Hjelmslev (1973: 197-202) streicht den Akzent ': Die sog. kurzen a und «e manifestieren in den sog. betonten Silben ohne /, r, n, m die Verbindung von a resp. «e mit “und die sog. kurzen u und i manifestieren in denselben Silben die Verbindung von u resp. i mit =. Das System könnte folgendermaßen aussehen (auf der Dimension ‘steigend’): B B Y — , o (Vgl. noch unten 3.) 1.2. Die Ausdruckskonstituenten (-themative) bilden vier Kategorien: die selektierten (Vokale), die selektierenden (Konsonanten), diejenigen, die sowohl selektiert als auch selektierend sind (Sonanten), und diejenigen, die weder selektiert noch selektierend sind. In die vierte Kategorie gehören die Ausdruckselemente, die als Interjektionen dienen können, und man könnte hier vielleicht auch die Fremdelemente eingliedern, falls diese zum gegebenen Sprachbau gezählt werden dürfen. 1.2.1. Die Konstituenten, die sowohl selektiert als auch selektierend sind, sind im Litauischen zwei: i und u. Ihre vokalischen Varietäten werden durch die Phoneme /i/ resp. /u/ manifestiert, ihre konsonantischen Varietäten durch /j/ und /v/ (oder eher/ w/). Bei der Registrierung werden die jeweiligen Varietäten in eine einzige Invariante im Litauischen sowohl aufgrund des Substanzals auch aufgrund des Zeichenaspekts des Sprachgebrauchs reduziert (zur zweiten Reduktion vgl. tave ‘dich’ vs. tau ‘dir’; gavau ‘ich bekam’ vs. gauti ‘bekommen’; keturi ‘vier’ vs. ketvirtas ‘der vierter’; eiti ‘gehen’ ėjau ‘ich ging’; gujau ‘ich jagte’ vs. guiti jagen’). (Vgl. noch unten 2.4.1.) Das System der Sonanten sieht somit folgend aus (auf der Dimension ‘vordere’): o A i u i ist intensiv, da es den Synkretismus zwischen den sog. palatalisierten und nichtpalatalisierten Konsonanten dominiert (oder da vor i die sog. nichtpalatalisierten Konsonanten variieren — falls die palatalisierten Konsonanten reduziert werden; vgl. unten 1.2.3.). 1.2.2. Die selektierten Ausdruckskonstituenten sind zwei: a, 2. Die übrigen Kandidaten auf Vokale lassen sich reduzieren: i = ii, ū =uu,e=x2, o=aa (vgl. Hjelmslev 1973: 198-200), ž = Varietät von @ in Verbindung mit “ und vor latentem n, a = Varietät von a in Verbindung mit “ und vor latentem n (vgl. Hjelmslev 1973: 182f., 197, 201f.). Die Größen e und ö können als Signale für Fremdwörter und Varianten von @ resp. a betrachtet werden.
„DAS PHONOLOGISCHE INVENTAR...“ | 163 Alle diese Reduktionen hängen offensichtlich von der Annahme der Latenz von n ab, die jedoch Probleme mit sich bringt (latentes n vor Sibilanten, aber nicht im Futur wie gerins ‘er/sie/es wird / sie werden verbessern’; latentes n am Silbenende - vgl. Hjelmslev 1973: 206, aber nicht in Ausdrucksformen wie ten ‘dort’ oder šiandien ‘heute’). Ohne latentes n müsste man mit dem folgenden Inventar der Vokale rechnen: a,2&,e,ö, undo und € müssten als dd resp. ee betrachtet werden, was eine Komplikation dahingehend mit sich bringen würde, dass e und ö alleine in Fremdwörtern enthalten sind, während sie als Teile von Identitätsdiphtongen auch einheimische Zeichen bilden; außerdem und vor allem gäbe es für eine solche Reduktion kaum (morphonologische) Gründe. Die Vokale ohne e und ö bilden folgendes System (auf der Dimension ‘vordere’): o A x a 2 ist aus demselben Grund wie i intensiv (vgl. 1.2.1.); zwischen den Vokalen besteht allerdings ein Synkretismus in den meisten Fällen. Unter Einschluss von e und ö sieht das System folgendermaßen aus (horizontal ‘vordere’, vertikal ‘mittel’ oder ‘geschlossen’): a A a e d A x a 1.23. Auch die meisten Kandidaten auf Konsonanten lassen sich reduzieren. So kann man die sog. palatalisierten Konsonanten vor u und a in eine Verbindung des entsprechenden nichtpalatalisierten Konsonanten mit der konsonantischen Varietät von i auflösen: p’ =pj, b’ =bj, t’ =1j,d’ =dj,k’=kj,g’ =gj,c' =cj,3' =3, = čj, j=j,s’ =5j,2' =2j, $' = šj, F' = Z,m’=mj,n’=nj,r' =rj, P =|,v=vj,f=fj,x=x, h’ = hj; vor i und & sowie den anderen palatalisierten Konsonanten sind p’ etc. Varietaten von p etc. Die sog. Neutralisation der Palatalitatskorrelation (vor einem nichtpalatalisierten Konsonanten und am Wortende) ist als Manifestation der Latenz von zu betrachten. Eine alternative Reduktion der sog. palatalisierten Konsonanten vor u und a wäre jene in eine Verbindung des entsprechenden nichtpalatalisierten Konsonanten mit der vokalischen Varietät von i. Diese Reduktion wäre deswegen vorzunehmen, weil es die (potenzielle) Kommutation zwischen den sog. palatalisierten Konsonanten und der Verbindung des entsprechenden nichtpalatalisierten mit j zu geben scheint; vgl.: dialektal pjonycia “Trinker’ und die schwankenden Ausdrucksformen bjaurus / biaurus ‘garstig’, pjauti / piauti ‘schneiden’, pjudyti | piudyti ‘hetzen’ und ihre Derivate (tautosyllabisches Ci”* vor u und a wird durch /C’/ und Ci*°® durch /Cj/ manifestiert). Eine weitere Auflösung ist bei den Affrikaten möglich: c = ts, 3 = dz, č = 18, 5 = dž. Eine alternative Reduktion wäre die folgende: c’ = tj, 5’ = dj (vgl. auch Hjelmslev
164 | BOHUMIL VYKYPEL 1973: 201f.); 2’ und d’ sind Signale für Fremdwörter oder Interjektionen und Varianten von t resp. d. Den Grund zur Auflösung von p’ etc. in pj oder pi etc. sowie von c etc. in ts etc. stellt jedenfalls — wie angedeutet — die Absenz der Kommutation zwischen p’ etc. und pj oder pi etc. resp. c etc. und is etc. dar (zu diesem Grundsatz vgl. Hjelmslev 1943: 62f.; 1973: 217). Die Größen f, x, h lassen sich als Signale für Fremdwörter und Varianten betrachten: f schließt Synkretismus mit p ein, x mit k und h mit Null. Das resultierende System lässt sich in zwei Subkategorien ordnen. 1.2.3.1. Die erste Subkategorie wird durch die Elemente gebildet, die unmittelbar neben einem Vokal oder Sonanten stehen müssen: m, n, r, 7°. Ihr System kann man entweder in zwei Dimensionen oder in eine einzige Dimension ordnen: (horizontal ‘nasal’; vertikal ‘hintere’) a A a n I A m r B B n || (auf der Dimension ‘Verschluss’) 1.2.3.2. Die zweite Subkategorie hat zehn Elemente und das folgende System (horizontal ‘vordere’; vertikal ‘stimmhaft’ mit Synkretismen): a A B B r a b g z ž d A p k S Šš t Die stimmhaften Konsonanten lieBen sich indessen in Verbindungen der entsprechenden stimmlosen mit h auflösen und vor einem anderen stimmhaften als Varianten des entsprechenden stimmlosen Konsonanten betrachten. Die sog. Neutralisation der Stimmhaftigkeitskorrelation (vor einem stimmlosen Konsonanten und 3 Hier entsteht natūrlich die Frage nach der Unterscheidung zwischen dem zufalligen und dem strukturbedingten Fehlen von Elementenkombinationen, die indessen nur axiomatisch lösbar scheint (vgl. Vykypél 2003: §2 mit Literatur). Diese Frage stellt sich übrigens auch, wenn konstatiert wird, dass eine Größe in Verbindung anderer Größen aufgrund der Absenz von Kommutation zwischen der Größe und der Verbindung aufzulösen ist: Auch das Fehlen einer Kombination in der betreffenden Position, in welcher der Kommutationstest durchgeführt wird, kann zufällig sein. Aus demselben Grunde behandeln wir bei den Reduktionen nicht die Frage der Reihenfolge der Elemente, in die es reduziert wird, denn Hjelmslevs (1973: 161,255) Regelxyz = xy + yz ist in dieser Perspektive nicht unbedingt gültig (vgl. Fischer-Jorgensen 1979: 108).
„DAS PHONOLOGISCHE INVENTAR...“ | 165 am Wortende) wäre als Manifestation der Latenz von h zu betrachten. Das System wäre dann das folgende (auf der Dimension ‘vordere’): a A B B Y r p k S § h t Eine alternative Ordnung des Systems wäre die folgende (horizontal ‘vordere’; vertikal “Verschluss’): | 3 B p S Pe a A x 2. Nun versuchen wir den Abriss des litauischen Ausdruckssystems mit der morphonologischen Klassifizierung des litauischen phonologischen Inventars in einigen Aspekten zu vergleichen. 2.1. An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht, zunächst an einiges aus der Geschichte der Morphonologie zu erinnern (ohne allerdings die ganze Geschichte nachzuerzählen). Im Anfangsprogramm der Morphonologie, wie deren Begründer, N. S. Trubetzkoy (1929; 1931; 1934; vgl. auch Skalicka 1979: 77f., 83), es formuliert hat, wurden bekanntlich verschiedene Dinge einbezogen: Die allgemeine Aufgabe, den phonologischen Aufbau der (Minimal)Zeichen zu untersuchen, zerfiel in zwei Bereiche, und zwar denjenigen der „gebundenen Alternationen“, welche phonologisch bestimmt sind (d. h. dadurch, durch welche inhaltslose Ausdruckseinheiten die einzelnen Zeichen gebildet sind), und denjenigen der „freien Alternationen“, welche morphologisch bestimmt sind (d. h. dadurch, mit welchen Inhaltselementen die betreffenden Ausdruckseinheiten verbunden werden). Trubetzkoy selbst hat sein eigenes Programm der Morphonologie indessen — aus welchen Gründen auch immer — nie vollendet, und außerdem wurde der Status der Morphonologie als selbstständiger sprachwissenschaftlicher Disziplin kritisiert, indem behauptet wurde, die vorausgesetzten Aufgaben der Morphonologie seien in die Phonologie (die „gebundenen Alternationen“) und Morphologie (die „freien Alternationen“) einzugliedern (vgl. Martinet 1963: 88 f.; 1965: 95; D'urovič 1967 a; 1967 b; Kurylowicz 1967; neuerdings vgl. Patri 2002). Die Kritik im zweiten Punkt lässt sich in dem Einwand zusammenfassen, es bestehe kein Unterschied zwischen der Morphonologie und der formalen Morphologie*, denn beide untersuchen den Aufbau der signifiants. Man dürfte hier zweierlei in der Antwort bemerken. Zunächst kann man sagen, dass die Morphonologie untersucht, was die EINZELNEN phonologischen Elemente beim Aufbau der 4 Vielleicht ist nicht notwendig daran zu erinnern, dass hier die Untersuchung der (Minimal)Zeichen unter Morphologie resp. deren signifiants unter formaler Morphologie verstanden wird, während Hjelmslev die Beschreibung gewisser Inhaltselemente mit Morphologie gemeint hat.
166 | BOHUMIL VYKYPEL Zeichen tun, während die formale Morphologie sich mit KOMPLEXEN dieser Elemente als Zeichenkomponenten befasst. Da allerdings auch die Morphonologie Komplexe phonologischer Elemente (beispielsweise Diphtonge oder Phonemverbindungen, die mit einem einzigen Phonem alternieren) beschreibt und umgekehrt die formale Morphologie die Rollen einzelner Phonemen bei der Zeichenbildung zu berücksichtigen hat, scheint ein zweiter möglicher Unterschied wichtiger: Die Morphonologie untersucht die Möglichkeiten des sprachlichen (phonologischen) Systems zum Aufbau der Zeichen, die formale Morphologie befasst sich damit, wie diese Möglichkeiten ausgenützt werden, d.h. wie die konkreten signifiants aufgebaut sind. Und eben in diesem Punkte können wir auch an Hjelmslevs anfangs erwähnte positive Bewertung der Morphonologie anknüpfen. 2.2. Der Unterschied zwischen den durch das System angebotenen Möglichkeiten und deren Ausnützung stellt für Hjelmslev bekanntlich einen der wichtigen Unterscheidungsmerkmale zwischen dem Sprachbau und dem Sprachgebrauch dar (vgl. auch Vykypel 2003: $1). Das Beschreibungsobjekt der Morphonologie könnte somit vorläufig in den Hjelmslevschen Sprachbau, dasjenige der formalen Morphologie dagegen in den Sprachgebrauch eingegliedert werden. Außer diesem Punkt lassen sich noch weitere Berührungspunkte finden, welche die Morphonologie mit Hjelmslevs Kenematik (Beschreibung des Ausdrucksplans) verbinden. Zunächst ist daran zu erinnern, dass die Ausdruckselemente in den beiden Disziplinen nicht nach deren Manifestation (phonetisch oder phonologisch, d.h. nach Trubetzkoys „phonologischem Gehalt“) klassifiziert werden. Der Unterschied besteht jedoch darin, wonach sie also klassifiziert werden: in der Morphonologie nach den Rollen der Elemente beim Aufbau der Zeichen, in der Kenematik nach den syntagmatischen und paradigmatischen Beziehungen, in welche die Elemente treten können, ohne dies durch den Rahmen des Zeichens zu beschränken. Beides kann man nichtsdestoweniger für einen INNEREN Gesichtspunkt halten: Die Kenematik bewegt sich in der reinen Form, ohne die Substanz (Manifestation) zu berücksichtigen; im Falle der Morphonologie geht es um das Zeichen, das durch die Durchdringung der beiden Pläne der Sprache (des Inhaltsund des Ausdrucksplans) miteinander gebildet wird, und nicht um Manifestation, welche die Durchdringung der Pläne mit der Welt darstellt. Trotzdem muss von einem streng glossematischen Gesichtspunkt aus zugestanden werden, dass die morphonologische Beschreibung des Aufbaus der signifiants — wie sie sich auch immer auf Möglichkeiten beschränkt oder beschränken kann und sich mit den konkreten Zeichen nicht befasst — nicht in die Beschreibung des Sprachbaus einbezogen werden darf, denn die Zeichen gehören zum Sprachgebrauch und die kenematische Beschreibung richtet sich nur auf die inhaltslosen Ausdrucksentitäten: Die oben (2.1.) erwähnten durch das System angebotenen Möglichkeiten stellen die syntagmatischen und paradigmatischen Kombinationsmöglichkeiten der Elemente sowie deren Manifestationsmöglichkeiten dar, unter denen der Sprachgebrauch dann auf verschiedenen Stufen wählt (im Ausdrucksplan auf der morphonologischen und später auf der formalmorphologischen Stufe). Man kann somit sagen, dass in Hjelmslevs Programm der Untersuchung des Ausdrucksplans in erster Linie (d.h. der des Sprachbaus) nur derjenige Bereich der Trubetzkoyschen
„DAS PHONOLOGISCHE INVENTAR...“ | 167 Morphonologie passt, welcher der Untersuchung der sog. gebundenen Alternationen gewidmet ist (vgl. Vykypél 2002: 243f.). 2.3. Auch wenn also die Morphonologie nur teilweise in die Kenematik integrierbar ist, bleibt zwischen diesen zwei Disziplinen doch eine (Wahl-)Verwandtschaft bestehen, die offensichtlich darauf beruht, dass in beiden Fällen mehr das Realisierbare als das Realisierte untersucht wird. Man kann ebenso vermuten, dass dies auch in der Bereitschaft der Morphonologie zur Reduktion der Elemente zum Ausdruck kommt. Somit können wir endlich zum Aufsatz von Tomaš Hoskovec zurückkehren. Hier wurde nämlich eine ähnliche Reduktion der sog. palatalisierten Phoneme im Litauischen vorgenommen wie oben (1.2.3.): Die palatalisierten Phoneme wurden vom morphonologischen Gesichtspunkt aus als Verbindungen der jeweiligen nichtpalatalisierten Konsonanten mit einem „palatalisierenden Element“ interpretiert (vgl. Hoskovec 2002: 283-291). Dieser Schritt wurde allerdings nicht rein willkürlich vorgenommen, sondern deswegen, weil das Konsonantensystem sich dadurch „erheblich vereinfacht“, wie ausdrücklich konstatiert wurde. Hoskovec lässt gleichzeitig zu, dass auch die sog. stimmhaften Konsonanten sich reduzieren ließen (vgl. auch oben 1.2.3.2), er macht aber diese Reduktion nicht, denn sie würde keine Vereinfachung mit sich bringen, oder mit anderen Worten, man sche für eine solche Modifizierung vom morphonologischen Gesichtspunkt aus keine Ausnützung (vgl. Hoskovec 2002: 283). Eine weitere Reduktion wird im Falle der langen Vokale /i/ und /ü/ als vom morphonologischen Gesichtspunkt aus möglich betrachtet (vgl. Hoskovec 2002: 293f.), und zwar durch ihre Auflösung in /ii/ resp. /uu/, d.h. es wird ähnliche Reduktion wie oben (1.2.2.) vorgenommen. Es wird aber zugleich einerseits konstatiert, die Auflösung dieser Phoneme sei nicht in allen Fällen möglich, und andererseits wird sie für die anderen Vokale gar nicht erwogen. Beides ist auch verständlich, denn es liegen dafür keine morphonologischen Gründe vor — oder mit anderen Worten hätten solche Operationen zu keiner Vereinfachung vom morphonologischen Gesichtspunkt aus geführt. Die kenematische Beschreibung findet jedoch ihre Gründe für beides, und zwar im Generalisierungsprinzip (zu diesem vgl. Hjelmslev 1943: 63; 1975: 2): Die Lösung durch Reduktion, welche die Größen f und & in den einen Fällen eindeutig und in den anderen mehrdeutig zulassen, wird für alle Fälle sowie für die anderen Vokale generalisiert“. Dieses Prinzip lässt sich auch auf die sog. Affrikaten anwenden. Ähnlich wie bei /i/ und /ū/ wird auch bei den Affrikaten festgestellt (mit anderen Worten), dass sie in einigen Fällen morphonologisch als Verbindungen von Dentalen mit Sibilanten interpretierbar sind, in anderen aber nicht (vgl. Hoskovec 2002: 286-290). Aufgrund des Generalisierungsprinzips lassen sich indessen alle Affrikaten so wie oben (1.2.3.) auflösen. Gegen ihre morphonologische Auflösung spricht jedoch der Umstand, dass durch die Verallgemeinerung der Auflösung keine Vereinfachung vom morphonologischen Gesichtspunkt aus erreicht wird. Es sei angemerkt, dass man auch rein phonologische Gründe für die Interpretation der litauischen langen Vokale als Identitätsdiphtonge findet (vgl. Trubetzkoy 1939: 172).
174 | BOHUMIL VYKYPEL nus verwiesen. Bekanntlich hat das Lettische eine „Intonation“, die im Litauischen fehlt, und zwar die sog. gebrochene Intonation (” ). Dem würde entsprechen, dass das Lettische auch in seinem Inhaltsplan ein Inhaltselement der Numerus-Genus-Kategorie hat, welches man im Litauischen nicht findet, und zwar die ‘Personalität’ (vgl. vinš, vina vs. tas, ta). Für die Liebhaber von Areallinguistik und Sprachbünden ist hier sicherlich die Tatsache interessant, dass man vergleichbare Verhältnisse in den germanischen Nachbarsprachen findet: vgl. die schwedischen Intonationen und schwedisch han, hon ‘er, sie (personal)’ vs. den, det ‘er/sie, es (nichtpersonal)’, was beides im Deutschen fehlt. LITERATURVERZEICHNIS Ducror, O. 1967: La commutation en glossématique et en phonologie. Word 23, 101-121. D’urovic, L. 1967 a: Diskussionsbeitrag zu Kurylowicz 1967. In: Hamm 1967, 170-171. D’urovic, L. 1967 b: Das Problem der Morphonologie. In: To honor Roman Jakobson. Essays on the Occasion of his Seventieth Birthday 11 October 1966. 1. The Hague-Paris: Mouton, 556-568. (Janua Linguarum. Series Maior, 31.) FISCHER-JORGENSEN, E. 1975: Trends in Phonological Theory, Copenhagen: Akademisk forlag. FISCHER-JORGENSEN, E. 1979: 25 Years’ Phonological Comments, München: Fink. (Internationale Bibliothek für allgemeine Linguistik, 31.) HAMM, J., Hrsg., 1967: Phonologie der Gegenwart. Vorträge und Diskussionen anläßlich der Internationalen Phonologie-Tagung in Wien 30. VIII - 3. IX. 1966, Graz-Wien-Köln: Hermann Böhlaus Nachf. (Wiener Slavistisches Jahrbuch. Ergänzungsband, 6.) HJELMSLEV, L. 1940-41a: Rezension von Noväk 1937. Acta Linguistica 2, 64-65. HJELMSLEV,L. 1940-41b: Rezension von L. Noväk: Quelques remarques sur les systöme phonologique du hongrois. Acta Linguistica 2, 67. HIELMSLEV, L. 1943: Omkring sprogteoriens grundleeggelse, Kobenhavn: Munksgaard. HIELMSLEV, L. 1959: Essais linguistiques, Copenhague: Nordisk Sprogog Kulturforlag. (Travaux du Cercle linguistique de Copenhague, 12.) HIELMSLEV, L. 1972: Sprogsystem og sprogforandring, Copenhague: Nordisk Sprogog Kulturforlag. (Travaux du Cercle linguistique de Copenhague, 15.) HIELMSLEV, L. 1973: Essais linguistiques II, Copenhague: Nordisk Sprogog Kulturforlag. (Travaux du Cercle linguistique de Copenhague, 14.) HIELMSLEV, L. 1974: Aufsätze zur Sprachwissenschaft, Stuttgart: Ernst Klett Verlag. HIELMSLEV, L. 1975: Résumé of a Theory of Language. Hrsg. von E. J. Whitfield, Copenhague: Nordisk Sprogog Kulturforlag . (Travaux du Cercle linguistique de Copenhague, 16.) HoskovEc, T. 2002: Fonologicky inventäf a jeho morfonologicke tfideni. Obecnä metodologickä rozvaha nad konkrétnim materiälem jazyka litevského. Slavia 71, 267-300. Kuryrowicz, J. 1967: Phonologie und Morphonologie. In: Hamm 1967, 158-169. LESKA, O. 2002: We have finished reading Vachek’s Prolegomena. Travaux du Cercle linguistique de Prague, n.s. 4, 52-54. MARTINET, A. 1963: Grundzüge der Allgemeinen Sprachwissenschaft, Stuttgart: W. Kohlhammer Verlag. (Urban-Bücher, 69.) MARTINET, A. 1965: La linguistique synchronique (études et recherches), Paris: Presses universitaires de France. (Le Linguiste, 1.) NOVAK, LE. 1937: K zäkladnym otäzkam Strukturälnej jazykovedy. Sbornik Matice slovenskej 15, 3-23. PATRI, S. 2002: La méthode de Troubetzkoy morphonologue. Cahiers Ferdinand de Saussure 55, 63-83. SKALICKA, V. 1979: Typologische Studien. Hrsg. von P Hartmann, Braunschweig-Wiesbaden: Vieweg.
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