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Etymologische Bemerkungen zu lit. „kãmanos“, „kamíenas“, „kumẽlė“

Bernd Gliwa

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ACTA LINGUISTICA LITHUANICA XLIX (2003), 5 - 31 Etymologische Bemerkungen zu lit. kamanos, kamienas, kumele BERND GLIWA Sargeliai New material is provided for an etymology of Lith. kamanos ‘bridle’, kamienas ‘stem, butt-end (of a tree, timber)’, kumėlė ‘mare’, kamantinis ‘riding horse; hop’ etc. Special attention is given to the practical, ethnological side of the problem, neglected by earlier etymologists. The semantic derivation of these words in relation to distinct IE roots *(s)kem- ‘press, hinder, squeeze’, *(s)kem- ‘bend, curve, bow’, is discussed. The correspondence of Balt. k-, Germ. hand SI. ch-, probably from IE *(s)kis outlined. Kamanos is seen as a deverbal derivation from Balt. *kam- ‘domesticate’ < IE *(s)kom- ‘press, hinder’ with an initial meaning *‘domestication; tool used for domestication’. It is argued that Lith. zaboti ‘put a bit between the horse’s teeth, curb, check’ is related to zabtas ‘mouth...’. rather than to zäbas ‘twig...’. Etymologies of kamanos ‘bridle’ based on an alleged meaning *‘equipped with wooden bits’ are rejected due to practical requirements and archaeological data. Based on the same verb Balt. *kam- ‘domesticate’, kumélé ‘mare’ could have originally meant *‘domesticated horse’. Kamienas ‘stem, butt-end’ could refer to the concave curve the stem’s surface shows in axial direction near the root < IE *(s)kem- ‘bend, curve, bow’. 1. Būga vergleicht lit. kamanos ‘Zaumzeug’ mit lett. kamanas ‘Schlitten’ und begründet dies: „Senovėje kamana aisčiai vadino kastini medžio kamieną drauge su šaknimis [...] Du kamienu su šaknim, tarsi du ragu (iš čia: rages arba rogės ‘Schlitten')“ (Būga 1959: 295). Die technische Seite der Angelegenheit ist einfach wie genial, soweit es den Schlitten betrifft, der Stamm gibt eine gerade Kufe und die Wurzel ergibt eine haltbare Krümmung. Geeignete Bäume sind leicht zu finden, und man muss nicht, wie der Fuchs im Märchen, einen Baum beschwören, damit er geignete Form annimmt: „Pakump kumpk, viso misko medelis, pakumpk kumpk... Ir pakumpes. Lapė ir pasidirbo rogelas.“ (Slančiauskas 1974: 65). Dies nur als Hinweis darauf, dass kumpti ‘krumm werden’ geeignet ist, die Kufenform zu beschreiben, ebenso lerike ‘Schlittenkufe’ (mehr Beispiele hierzu: Morkūnas 1977: 101). Bügas weitere Ausführungen sind weniger überzeugend: „Kad senovės kamanų neturėta nieko bendra su šikšna ir gelezim, rodo posakis ‘kamanoms reykia Zaboty', t.y. arkliui į nasrus įsprausti Zabq : Zaba ‘Zagaras’...“ (Būga 1959: 295). Es ist sicher immer möglich und gewöhnlich, dass auf der Basis eines Substantivs Ableitungen oder Verben gebildet werden, die mit dem konkreten Gegenstand vorzunehmende Handlungen beschreiben. Im Einzelfall ist das jedoch immer zu prüfen, besonders bei semantischen Schwierigkeiten und evtl. Homophonie zu hinterfragen. Lit. Zabas 6 | BERND GLIWA “Zweig; Stiel; Gerte; Strauch, Gesträuch; *Gebiss'; übertr.: was dürr ist @ ( KZ, 151.) ist Basis für z.B. Zabaras ‘dünner Zweig, Stöckchen; Stiel; Strauch; Gerte; Splitt (KZ... 11f.), wie auch für Zabyti ‘schlagen, hauen’ (LKZ,, 18), Zabuoti ‘mit Zweigen belegen; mit Gerte schlagen; Zweige zerhacken’. Fraglich ist aber, ob Zäbas ‘Zweig; Stiel; Gerte...” auch für Zaböti ‘dem Pferd das Gebiss ins Maul schieben; zähmen, beherrschen; einem zahmen Rind einen Strick oder Stroh ins Maul schieben; mit dem Rad wogegen fahren; Netz aufspannen; klaffen’ (LKŽ, 19f.) und žabinti ‘umfassen, befestigen’, 'Zabuoti ‘Pferd aufzäumen’, Zabangai ‘Falle; Gebiss am Zaumzeug; Intrigen’ (LKZ 9) die Basis darstellt. Wörter, in denen sicher das Gebiss bezeichnet wird (ggf. neben anderen Bedeutungen), sind nun aber bestenfalls Derivate von Zaböti und nicht von Zäbas : Zabökliai, Zaböklai, Zaboklis, Zabökles u.a. (LKZ,, 19), ebenso Zabotine ‘eine Art Zügel’ KZ, 23). Würde es sich um eine bestimmte Art von Zweigen, etwa zu konkretem Zweck handeln, dürfte man eine Benennung durch eine direkte Bildung ausgehend von Zabas erwarten. Abgesehen davon liegt mit Zaslai ‘Gebiss; Schnauze’ (LKZ, 208) ein weitverbreiteter Terminus zur Bezeichnung des Gebisses vor. Dieser vergleicht sich mit Zändas ‘Kinnbacke, Kiefer, Wange’ (Fraenkel 1965: 1289, vgl. Pokorny 1994: 381f.). Da man außerdem lit. Zabta ‘Schnauze, Maul, Rand derselben; Mund’, Zäbtai ‘ds.; Werkzeug, womit man etwas zusammendrückt; Teil des Zaumzeugs, woran die Zügel befestigt werden’, 'Zabtas ‘Schnauze, Maul; Wange, Gesicht; Nahrung’, Zabüciai ‘Knebel für das von Saumilch zu entwöhnende Ferkel’ Zabükas ‘Gebiss, Zaumzeug’, Zabitkliai ‘Gebiss’, Zabüklai ‘ds.; Falle’, Zabulai ‘Mund’, *2abtas “Vielfraß; aufdringliche Person’, *žabtas ‘gierig, aufdringlich redend’, žabūs ‘gefraBig’, Zabtus ‘scharfzüngig; viel redend; schneidig’ (LKZ, 23ff.), Zaple Zahnfleisch’, Zaplos ‘Gebiss am Zaumzeug', Zapseti ‘gierig picken, schlingen, übertr.: essen’ (kaum onomatopoetisch) (LKZ,. 162) und mit Nasal: Zamba ‘Schnauze’, Zambai ‘Mandeln, adenitis colli’ (LKZ , 151) findet, ist es doch sehr naheliegend, hier eine semasiologisch analoge Bildung zu vermuten, wie sie für žąslai ‘Gebiss; Schnauze’ als gesichert gilt. Man hätte dann also nichts mit irgendwelchen Zweigen als angeblichem Gebiss zu tun, sondern damit, dass das Gebiss in das Maul gesteckt wird und seitlich des Mauls mit dem Rest des Zaumzeugs sowie dem Zügel verbunden wird. Dabei ist entweder ein Verb balt. *Zab- ‘klaffen, aufreißen (z.B. vom Maul)’ anzunehmen, auf dessen Grundlage lit. Zabtas **Klaffendes, Aufgerissenes’ eine deverbale, dem Passivpartizip nahestehende *-to-Bildung wäre. Hieran möchte ich auch Zabdngai anschließen, entgegen Fraenkel (1965: 1282f.), der dies zu Zäbas stellt’, und zwar in analoger Bedeutung *Aufklaffendes’, denn egal ob es sich um eine Schlinge, ein Netz oder eine zuklap- - Die Bedeutung *Gebiß am Zaumzeug? ist rekonstruiert und entstammt den linguistischen, also metasprachlichen, Schriften von Büga und Salys und stellt somit keinen sprachlichen Fakt im eigentlichen Sinne dar. ž Siehe auch Pokorny (1994: 369, 382), dessen Frage „ob gembh- ‘beißen’ als nasalisierte Form zu [gep(h)- , gebh- ‘Kiefer, Mund; essen, fressen’] gehört?“ (1994: 382) hier ein bejahendes Indiz erhält. Wie man eine Falle aus Zweigen konstruiert, entzieht sich meinem praktischen Verständnis, es sei denn, man hat hier eine mit Zweigen zugedecket Fallgrube im Sinne, die aber eher nach der Grube oder dem Hineinfallen (vgl. auch Kluge 1999: 247) als nach den Zweigen benannt werden würde. LIT. kämanos, kamienas, kumele | 7 pende Falle handelt, diese ist zunächst geöffnet. Oder man zieht *žabri ‘fest drücken’ in Betracht und rekonstruiert *Zab- ‘kräftig drücken, beißen’ > Zabtas * Zubeißendes, Drückendes’ > ‘Schnauze’, wobei eine ähnliche Entwicklung auch zu ‘Falle’ führen könnte. Speziell für Zabtas “Schnauze...’ spricht die *-to-Bildung aber eher gegen eine solche Entwicklung. An dieser Stelle möchte ich auf zwei preußische Wörter, sbeclis — veder (E 539) und slango — gebys (E 452), eingehen, für die jüngst eine neue Etymologie, und zwar als Entlehnung aus dem Deutschen, vorgeschlagen wurde (Smoczynski 2000: 198201). Grund der Kritik an dem bisher etablierten Vergleich mit lit. Zaboklai ‘Gebiss’ (vgl. MaZiulis 1997: 78) sind zum einen semantische Erwägungen, da, wenn man den oben kritisierten Gang Zäbas ‘Zweig, Stock’ > Zaböklai ‘Gebiss’ akzeptiert, von hierher eine Entwicklung zu sbeclis ‘Feder im Schloss’ schwer erklärbar bleibt. Zweitens wird die anlautende Wortgruppe sb- (mit dt. Lautwert), phonologisch entsprechend zb-, als ohne Parallelen im Baltischen erklärt und daher als spinterpretiert (vgl. Smoczynski 2000: 198). Dieser Argumentation möchte ich widersprechen, denn es ist nicht gerechtfertigt, erst sbeclis als Einzelfall für das Vorkommen von sbanzuführen, wenn man kurz darauf auch slango als Schreibfehler aus *sbango vorstellt (Smoczynski 2000: 201). Somit gibt es zwei Fälle für sb-, die sich gegenseitig stützen. Dass es keine Parallelen in anderen baltischen Sprachen gibt, ist meines Erachtens durch eine preußische Besonderheit zu erklären, den Ausfall des (unbetonten) Vokals der Erstsilbe wie z.B. im Ortsnamen Parengel (1298) > später Prengel (Smoczynski 2000: 24, 43). Was nun die semantische Entwicklung angeht, so folgt aus obigen Betrachtungen, dass morphologisch pr. slango ‘Gebiss’ lit. Zabangai ‘Falle’ entspricht und pr. sbeclis ‘Feder im Schloss’: lit. *Zabeklis (Mažiulis 1997: 78), mit einer fast diametralen Bedeutungsverteilung. Lässt man lit. Zabas ‘Zweig, Stock’ beiseite und vergleicht semasiologisch mit lit. spésti ‘spannen; Falle stellen’, spąstai, spaslai ‘Falle’, speridelé ‘Feder am Schloss’ < ig. *(s)pen-d- ‘spannen, ziehen, spinnen’ (Fraenkel 1965: 862, 865), so sieht man, dass eine solche Entwicklung durchaus üblich ist, wobei obiges *Zab- ‘klaffen, aufreißen (z.B. vom Maul)’ vielleicht besser als ‘(auf)spannen’ anzusetzen wäre. Somit ist der traditionelle Vergleich mit den lit. Entsprechungen aufrechtzuerhalten, allerdings streng von Zabas ‘Zweig, Stock’ zu trennen. Lit. 'Zabuoti ‘Pferd aufzäumen’ und Zaböti ‘dem Pferd das Gebiss ins Maul schieben; zähmen, beherrschen; einem zahmen Rind einen Strick oder Stroh ins Maul schieben; mit dem Rad wogegen fahren; Netz aufspannen; gehören zu der Sippe um Zabüs ‘gefraBig’, 'Zabtas ‘Maul...’, während *žabiūoti ‘mit Zweigen belegen; mit Gerte schlagen; Zweige zerhacken’ tatsächlich eine Bildung zu Zabas ‘Zweig; Stiel; Gerte’ ist. Hinweisen möchte ich auch darauf, dass die übertragene Bedeutung Zaböti ‘zähmen, beherrschen’, Zaboklai ‘2.Verbot, Hemmnis’ nicht zwingend auf das ‘dem Pferd ein Gebiss anlegen’ zurückgehen muss, sondern ebenso von Zäbyti ‘schlagen, hauen’, *žabūoti ‘mit Gerte schlagen’ also von der Benutzung der Gerte als Hütemittel, mit der Tiere angetrieben und ggf. geschlagen werden, herkommen kann. Wenn es eine derartige Ableitung, ausgehend von Zabas ‘Zweig; Stiel; Gerte...” geben sollte, dann ist diese so zu begründen. 8 | BERND GLIWA 2. So man also der Idee, dass die Schlittenkufen aus einem ausgegrabenen Baum samt einer der Hauptwurzeln angefertigt wurden, nachgeht, ersieht man, dass die Krümmung in der Kufe genau an der Stelle ist, wo die Wurzel vom Stamm weggebogen ist. Daher ist es durchaus interessant zu prüfen, ob lit. kamienas ‘dickes Ende des Stammes’ sich nicht auf genau diese Stelle am Stamm bezieht, denn beginnende Wurzeln führen zu einer Verdickung des Stammes, die diesen dort von der sonst näherungsweise kegelartigen Form des Stammes abbringt und für eine hohle (konkave) Krümmung der Stammoberfläche in Wuchsrichtung sorgt. Konkret, könnte es sich also um eine Bildung auf der Grundlage eines Verbs balt. *kam- ‘biegen’ handeln? Die Nähe der Bedeutungen ‘biegen, sich drehen’ und ‘dickes Stammende, Stamm’ hat Simas Karaliünas aufgezeigt mit diesen Paaren: Zuolis ‘dicker Baum, Stamm, Eisenbahnschwelle’: Zvilti “neigen, beugen’, küke ‘Holzstiick, Klotz, Stück vom Stamm...': kükti ‘biegen, herabbeugen’, giioga, guögas ‘Kniittel, Keule mit dickem Ende’: gügti ‘neigen’, lat. gudzėt ‘susirietus sedeti’ (Karaliünas 1987: 12-13). Dafür, dass lit. kamienas eigentlich nicht den ganzen Stamm, sondern nur dessen dickes Ende meinte, sprechen auch die Einträge im handschriftlichen Lexicon Lithuanicum aus dem 17. Jh.: kamiena — Stamend des Baums und liemü — Stam eines Baums (Drotvinas 1987: 357), auch wenn der Herausgeber im Index vermerkt: „kamiena, medžio liemuo: kamiena“ (Drotvinas 1987: 509). Da dieser auch schreibt „Kai abejojama del atstatymo tikrumo, rašomas klaustukas, o tokių žodžių reikšmė aiškinama pagal vokiečių kalbos žodžių reikšmę“ (Drotvinas 1987: 481), kann man ersehen, dass hier an der Bedeutung nicht gezweifelt wurde, voreiligerweise. Weiter kamėna ‘Ende des Stammes; dickes Ende eines gefällten Baumes’ (Nesselmann, LKZ, 175), kamblys ‘Stamm, Stiel; dickes Ende des Stammes’ (LKZ,, 174). Ein Rezensent einer früheren Version dieses Aufsatzes hatte eingewendet, dass lett. kamanas ‘Schlitten’ zunächst mit lett. kamans ‘dickes Ende eines Balkens’, sowie mit ¢ech. kmen, pol. kien usw. zu vergleichen ist. Dieser traditionellen Sicht fügt Fraenkel außerdem noch russ. kom ‘Klumpen’ bei (1962: 212). Das kann so nicht akzeptiert werden, denn erstens sind die Schlittenkufen (zumeist Pluralia tantum) krumm und nicht verdickt und zweitens ist das dicke Ende eines Balkens mit dem dicken Ende des gefällten Stammes identisch, denn Balken aus dem Sägewerk gibt es noch nicht lange, auch hätten die kein dickes Ende - hier gilt also, was zu kamienas gesagt wurde. Während etwa kampa ‘Auswuchs am Holz, Maser...’ (LKZ,: 179) noch als knollenförmig angesehen werden kann, ist eine solche Deutung bei einem Stamm oder Stengel etwas weit hergeholt. Da diese nicht klumpenformig sind und auch nicht zusammengeballt wurden, müsste man eine Übertragung in der Bedeutung annehmen, vielleicht beginnend mit Klotz oder Stumpf, die aber auch nicht so arg klumpig sind. Mein Gegenvorschlag: die Bedeutung beginnt mit balt. *kam- ‘krümmen’ und bezieht sich auf die Stelle eines Stammes oder Stiels an der dieser in die Wurzel übergeht oder auch an der Äste abzweigen. Verallgemeinert, pars pro toto, kann damit der ganze Stamm oder Stiel benannt werden. Bleiben Klotz und Stubben. Einen Stubben erhält man wenn man den Stamm fällt, und zwar an genau der Stelle, die die konkave Krümmung aufweist. Somit haben LIT. kamanos, kamienas, kumele | 9 also beide, Stamm und Stumpf, Teil an der Krümmung und das Recht, diesen Namen zu führen. Dass es später zu einer Lexikalisierung und Beschränkung auf Stamm oder Stumpf kommt, ist zu erwarten und steht dem nicht entgegen. Was nun den Klotz betrifft, so mögen hier einige praktische Bemerkungen angebracht sein: man fällt einen Baum als Bauholz oder Brennholz. Als Bauholz ungeeignet sind krumme und astreiche Abschnitte, Verzweigungen. Verästelungen sind nun auch schwer zu zerhakken und damit wie auch Wurzelballen als Brennholz ungeeignet (außer in einem offenen Lagerfeuer oder zur Pechgewinnung). Nun sind aber solche astreichen Abschnitte, gerade weil sie nicht zu spalten sind und das Holz hier besonders dicht und haltbar ist, außerordentlich geeignet als Klotz zum Hacken, Fleischern usw. Damit kann auch hier die Krümmung abzweigender Äste oder Wurzeln Grundlage sein und der og. Einwand als solcher ist hinfällig, bzw. sogar in voller Übereinstimmung zu dem hier Dargestellten, insofern als alle Termini zu einer Grundlage ig. *kom- ‘krümmen’ gestellt werden können. Ganz abgesehen davon, ist der Vergleich von kamienas mit čech. kmen “Halm, Stamm’, poln. kien ‘Klotz, Stumpf, Stange’ umstritten. ESSJ rekonstruiert sl. *kamens, woher Cech. kmen ‘Stiel, Geschlecht, Sippe”, < ig. *kn-men mit Suffix -men- (ESSJ, 196) und verwandtes mit Formans -n- *kans/ksns (ESSJ xm 196, 205), wozu poln. kien ‘Klotz, Stumpf, Stange’ gestellt wird (ESSJ, , 205), welches seinerseits mit lit. kūnas ‘Körper’ sowohl semantisch ‘Körper’ — ‘Klotz’ als auch formal *kü ‘aufquellen, anschwellen’ verglichen wird (ESSJ, = 205), wozu möglicherweise aruss. kunamuca, Kbinamuca ‘sich an einem Ort zusammenfinden’, kunaxyca ‘schwirren, schwärmen (insbes. von Bienen)’ (ESSJ, 264). Nach ESSJ gehört lit. kamienas wohl eher zu sl. *koms (ESS) 196) > poln. dial. kom ‘Klumpen, Knäuel’ u.a. (ESSJ, 179f.). Fraenkel bestreitet den Zusammenhang von künas mit poln. kien wegen des lit. @ und stellt kien zu kämanos, welches wiederum mit kamuolys, kamuoti usw. und sl. *kamy (Gen. *komene, n-Stamm) russ. kom ‘Klumpen’ (1962: 214). Die dargestellte semantische Entwicklung überzeugt in beiden Fällen nicht. Der Gedanke, dass kamienas, kamiena ‘Stamm, dickes Ende des Stammes’ ursprünglich adjektivisch war, mit der Endung -iena- < *-eina- (Skardžius 1996: 287f.) und somit sinnigerweise Nomina attributiva darstellen (Ambrazas 2000: 152), widerspricht der vorgetragenen Sicht keineswegs, nur ist semantisch der Anschluss an balt. *kam- ‘krimmen’, statt an *kam- ‘zusammenballen’ zu bevorzugen. Kamienas ist also die Stelle am Stamm, die eine Krümmung aufweist. 3. Kamanos, kamana, kämana benennt ‘ledernes Zaumzeug mit Gebiss’ (LKZ, 167-169), wobei die separate Nennung: [arklys] nuog kamanų ir Zgsliy tuoj nurimsta (LKZ, 169), diese Aussage relativiert, denn wenn kämanos unmissverständlich das Gebiss einschließen würde, erübrigte sich solch eine Aussage’. Die in Liedern übliche Angabe: iš Silky kasų kamaneles (z.B. ¢ LKZ, 169) ist wohl übertragen zu verstehen i Die Begriffe im familiären Zusammenhang sind sekundäre Übertragungen vegetativer (Vor)bilder, wie z.B. auch nhd. Stamm, Stammbaum, seine Wurzeln irgendwo haben, Spross, Geschlecht. 5 Man sagt ja auch nicht *ich fahre mit dem Auto und vier Rädern, da das Auto die Räder unbedingt einschließt. 10 | BERND GLIWA und bezieht sich auf Zirgas ‘Ross, Reitpferd’, sofern es symbolisch für den Jüngling steht (z.B. Sruoga 1957: 307-312), nichtsdestotrotz wird unter dem Begriff kämanos auch der Zügel subsummiert: kamanuzes rankuäelej jojau (Juška 1955: II 160ff., Nr. 564). Das Zaumzeug ohne Gebiss heißt z.B. apinastris wie man der Aussage kamanos su Zabokliais, 0 apinastris be Zabokliy — jis tik art (IKZ_ 19) entnimmt, oder auch apinasris (LKZ, 216), apygalvis (LKZ, 205, 1063) und es wird darauf hingewiesen, dass dieses bei einem guten, hier im Sinne von gut dressiertem, Pferd auch die kamanos ersetzt. Andererseits: gero arklio ir už apinastrio nenuturesi (LKZ, 216), wobei geras arklys hier wohl für ‘starkes Pferd’ steht. An diesem Riemensystem kann man ein Gebiss befestigen und an eben jener Stelle, an der das Gebiss mit Riemen verbunden werden und auch der Zügel greift, kann noch je ein Wangenstück, lit. laužtūkai, befestigt werden (archäologisches Material nebst Rekonstruktion zur Anschauung z.B.: Volkaité-Kulikauskiené 1999: 316-327, Kulakov 2002: 215f), dass beim Ziehen am Zügel zusätzlichen Druck auf die Pferdewange ausübt und dieses so zu einer Richtungsänderung zwingt. Ein solcher Brechzaum heißt entweder plestinés oder lauztines: pleßtinnes — Brechzaum (LEX 19a, in: Drotvinas 1987: 102), kamanos pteßtines | zuflay / vditay — monßtuk konfki (SD, 179, in: Lyberis 1979: 277), lauztinés, lauZtiniai, lauztinis, lauztuves ‘Zaumzeug mit Wangenstücken’ Stov žirgeliai... lauZtineliais pažaboti (Liedtext, KIvD 236, zit. LKZ,, 207), lauztukai “Wangenstück am Gebiss’ (LKZ, , 207f.). In beiden Fällen ist die Etymologie trivial und deutet auf Gewaltanwendung: laužti ‘1. brechen; 6. Richtung ändern; 10. stechen, schmerzen; 11. zwingen...’ (LKZ, 201f.), plesti ‘1. abreißen; 2. mit Kraft zur Seite reißen...’ (LKZ, 179ff.). Vergleichsweise unklar ist die Entwicklung von lit. brizgilai, brizgilas, brizgilis, brizgilos “Gebiss; Zaumzeug mit Gebiss; Schmuck am Zaumzeug; Beschläge am Schlitten; Mund’ (LKZ, 1063f.), apr. brisgelan “Zaum(zeug)', vielleicht verwandt mit brüzduklis ‘Zaumzeug (nur Riemen)... ’(LKZ, 1099) (Fraenkel 1962: 60f., Mažiulis 1988: 157f., 161f. und Lit.). Semantisch sieht man entweder eine Ausgangsbedeutung in *bammeln, klappern’ (Toporov 1975: 252f.) vgl. brazgiliai ‘Glocken am Halsriemen des Pferdes’ und das Geräusch das durch Kontakt von Zähnen und Gebiss entsteht, oder *‘was abgespalten ist und als Gebiss taugt’ (Mažiulis 1988: 158). Unklar ist ein evtl. Zusammenhang mit brgzlai ‘Eisen an Zaumund Gurtzeug’, brazgeti ‘knacken’ u.a. sowie mit brariktas ‘Strangholz; Schwengel; (allg. Holzscheit zu spez. Zwecken)’ (LKZ, 1002f.), das auffällig viele gemeinsame Bedeutungen mit brüzduklis aufweist. Nach dieser kurzen Übersicht über Teile und Benennungen des Zaumzeugs, kann man mit etwas Sachkenntnis auf kämanos zurückkommen. V. Mažiulis rekonstruiert ostbalt. *kamana- ‘was gewisse Knäuel, Unebenheiten aufweist’ < Subst. balt.-sl. *kama- ‘Zusammenballen, Knäuel’ mit Suffix *-na (Mažiulis 1993: 102). Dabei ist unklar, wo denn hier das knäuelförmige Etwas zu finden ist. Mažiulis dazu, ausgehend von dem eingangs zitierten Gedanken Bügas: „*‘primityvia rogiy pavaza (mažytę) kai kuo primenantis Zabas’ = *‘medinis zaboklisTM (Mažiulis 1993: 102). Fraenkel scheint ebenfalls das Gebiss als klumpenoder stengelförmiges Gebilde als Motivation für die Benennung anzusehen und vergleicht mit lett. kamans ‘dickes Ende eines Balkens’, kamanas ‘Schlitten’, ¢ech. kmen “Halm, Stamm’, poln. kien ‘Klotz, Stumpf, LIT. kämanos, kamienas, kumele | 11 Stange’, russ. kom ‘Klumpen’, lett. kams ‘Klumpen, große Masse, KloB' (1962: 212). Wie man den Ausführungen weiter oben entnehmen kann, ist ein Zaumzeug ohne Gebiss sehr wohl möglich, nicht aber ein Gebiss ohne Zaumzeug. Mit einiger Sicherheit ist auch die technische Entwicklung in dieser Reihenfolge vonstatten gegangen und es ist sinnvoll, anzunehmen, dass es eine Bezeichnung des Zaumzeugs ohne Gebiss gegeben hat. Ob diese Bezeichnung erhalten ist, ist natürlich überhaupt nicht sicher. Wenn sie erhalten ist, dann kommen kämanos und brizgilai in die engere Wahl, evtl. auch apinasris. Es ging bei dem Zaumzeug zunächst nicht um die konkrete Form‘, sondern zunächst um eine Funktion, nämlich das Pferd zu zähmen und zu beherrschen’. Diese funktionelle Sicht spiegelt sich etwa in arklys < *arklja ‘Pferd, das einen Hakenpflug zieht’ dar (Skardžius 1996: 62; Mažiulis 1993: 103). Das Zaumzeug kämanos ist nun das wichtigste Mittel, um das Pferd zu zähmen und zur Arbeit verwenden zu können. Für die Arbeit, die erst nach dem Zähmen einsetzen kann, kommen dann noch weitere Geschirre hinzu, etwa Kummet mit Gurten, um Pflug oder Wagen anzuspannen. Maäiulis’ Sicht: Subst. kūmanos < Adj. kamana *‘gewisse Unebenheiten, Knäuel aufweisend’ < Subst. balt.-sl.*kama- ‘Klumpen, Zusammenballen’ < Verb balt.-sl. *kam- ‘zusammendriicken, ballen’ (1993: 102) stimme ich bezüglich des Ansatzes *kam- ‘zusammendriicken, ballen’ zu, sehe jedoch keinen Grund, der gegen eine direkte deverbale Bildung spricht. Sicher ist es korrekt, dass eine beachtliche Zahl von Adjektiven mit dem Suffix -anagebildet werden, wie z.B. därganas ‘unangenehmes, regnerisches Wetter’ : ddrga ‘ds.’ (Skardžius 1996: 226ff. Otrebski 1965: 174). Das erlaubt aber keinen Anspruch auf Ausschließlichkeit, denn daneben gibt es auch echt deverbale Bildungen mit -ana: gäbana ‘ein Arm vol Heu o.ä.’ lickana ‘Rest’, palūkanos “Ernte; Zinsen’, pleiskana ‘Schinn (männl. Hanf)’, träskana ‘Augeneiter ’ (Skardžius 1996: 227ff.), ragana ‘Hexe’ (Gliwa 2003: 1-8), dovana ‘Geschenk; Geben’ (LKZ, 616), wie auch mit -ena: müsenos, müsena ‘Schlagen’, bärena ‘Schimpfen’, dovana ‘Geschenk; Geben’ (LKZ, 616, Ambrazas 1993: 59f., 94f., ). Solche direkt deverbalen Bildungen fehlen jedoch mit -anas, genauso wie ablautendes -ena oder -sena, mit zusätzlichem -s-, welches einem (Proto-)Futurmarker zu entstammen scheint (Mažiulis 1988: 152f., Ambrazas 1993: 61 und Lit.), zur Bildung von Abstrakta wie eisena ‘Gangart; Umzug’, in der Regel keine Partner mit -enas bzw. -senas aufweist. Ablautend, in der Schwundstufe, gehören hierzu möglicherweise fragmentarisch vorhandene Verbformen (aktive Halbpartizipien) auf -ina-: tékinas ‘eilend’, vedinas ‘führend’, deren Bildung aus syntaktischen Erwägungen deutlich voreinzelsprachlich sein muss (vgl. Gliwa 2003a). Etwas anders als von Mažiulis wird die Angelegenheit von einem Rezensenten dieses Aufsatzes dargestellt, wonach es sich um ein hölzernes Gebiss handele, das dem 6 Wenn man den Prozess seiner Herstellung berūcksichtigt, sollte man auf Bedeutungen wie “binden, knoten, umwinden' zurūckkommen. Li Interessant wäre auch die Frage, wie sich die Desakralisierung des einst im religiösen Kult wichtigen Pferdes (vgl. Puhvel 2001: 293; Gimbutienė 1996: 263) denn mit der Domestizierung verträgt. Gerade daher machte sich auch ein neuer Name gegenüber dem ererbten asva- ‘Pferd’ erforderlich. 12 | BERND GLIWA Pferd ins Maul geschoben werde, denn hier geht es nicht mehr primär um die Form, sondern das Material, also eine Ableitung zu einem nicht bezeugten balt. *kama- ‘Stamm, Stiel’ > kamanos *'was hölzern ist’ > *Zaumzeug mit einem hölzernen Gebiss’. Zunächst deutet die weitaus überwiegende Verwendung als Plurale tantum nicht auf die Benennung nach einem einzelnen® Stück Holz, dass dem Pferd als Gebiss ins Maul geschoben worden wäre. Darüberhinaus ist es eine drastische Behauptung, dass das Gebiss aus Holz gewesen sei. Zaumzeug, das von Archäologen gefunden wurde, weist entweder metallene Gebisse auf (z.B. Volkaité-Kulikauskiené 1999: 316327, Kulakov 2002: 215f.) oder solche aus Horn oder Knochen (Fundstücke um 4500 v. Chr., Gimbutiene 1996: 259; 1. Jt. v. Chr. Luchtanas 1992: 70), von ethnographischen Befunden ganz zu schweigen. Aus der archeologischen Literatur ist mir kein Hinweis auf hölzerne Mundstücke bekannt. Das beweist allerdings wenig, da der Einwand, dass Holz vermutlich nicht erhalten wäre, hier berechtigt ist. Weiterhin datiert man die frühesten auf litauischem Gebiet gefundenen Pferdegräber, die Hauptquelle für Funde von Zaumzeug, erst um das 2.4. Jh. AD (Volkauskaite-Kulikauskiene 1999: 310, Varnas 1998: 291-294). Also gehen wir die Frage von der praktischen Seite her an: kann es hölzerne Gebisse gegeben haben? Ist es möglich, solche anzufertigen und zu verwenden? Mit dieser Frage wendet man sich zweckmäßigerweise an praktisch denkende Pferdehalter. Sehr skeptisch wird erwogen ob Eiche dazu verwendet werden könnte, jedoch gleich betont: „arklys gi sveikatos turi“ (S. Sigitavicius 2002, pers. Mitteilung). Die mögliche Dicke eines solchen Holzes wäre begrenzt dadurch, dass das Pferd ja noch atmen muss, die Zunge nicht stillgelegt werden und das Maul nicht offenstehen sollte. Zum Fressen könnte man evtl. das Mundstück abnehmen, was ohnehin von einigen Pferdehaltern auch mit dem eisernen zweigliedrigen (Bewegungsfreiheit für die Zunge!) Mundstück getan wird, insbesonders früher, als Pferde ausgelasteter und wichtiger waren als heute. In extremen Situationen könnte man also typische einmal-benutzen-und-wegwerfen Gebisse aus Holz verwenden. Die Vermutung von Sigitavicius, dass man bereits Metall kannte und verwendete, als man Pferde aufzäumte (2002, pers. Mitt.), deckt sich durchaus mit dem was gelehrte Linguisten (Metall um 4000 v. Chr. bei den Indogermanen, Euler 2002: 47f.) und Archäologen (vorbehaltlich der Unsicherheit der Zuordnung von Funden zu Sprachgruppe) dazu sagen und entzieht der Diskussion fast jede Grundlage. Denn, wenn man vergleichsweise haltbare Mundstücke aus Metall anfertigen konnte, waren evtl. Holzstücken in dieser Funktion nur minderwertiger Ersatz und konnten kaum die Namensgebung motivieren. Auch Knochen sind weitaus besser geeignet, und die standen mit Sicherheit zur Verfügung — J. Seskauskas gesteht Knochen aber auch nur eine Haltbarkeit von wenigen Wochen zu und erinnert sich, dass er als junger Landwirt (bis 1950) schon sehr dünne, abgenutzte Mundstücke verwendete (2003, pers. Mitt.), was die begrenzte Lebensdauer sogar von eisernen Mundstücken zeigt. Wenn man die Funktion des Zaumzeugs betont und den Ansatz balt. *kam- ‘zusammendrücken, ballen’ mit einer möglicherweise deverbalen Bildung in Erwägung 8 Das Schnitzen von Holzkettengliedern ist zwar möglich, aber extrem aufwändig und von sehr geringer Haltbarkeit. LIT. kämanos, kamienas, kumele [ 13 zieht, kann man in Hinblick auf hierher gehoriges’ kamantineti ‘ausfragen, verhören; mit Fragen belästigen’ (LKZ, 170) kamuoti ‘mühen, quälen; dienen...’ (LKZ,: 191; so auch Fraenkel 1962: 214) eine übertragene Bedeutung ersehen, die dem Prozess des Zähmens, Beherrrschen des Tieres nahesteht, auch wenn die konkrete Bedeutung ‘zahmen, domestizieren’ < * ans Haus gewöhnen’ (Euler 2002: 46; Pokorny 1994: 198-200) fehlt. Jedoch sind litauische Begriffe, die das Zähmen benennen abweichend motiviert, einerseits lit. (pri-)jaukinti ‘(etwas, jmdn.) angewöhnen’, jauketi, jaukti ‘(sich) an etwas gewöhnen’: jaükas ‘Köder’ (LKZ , 300ff.), (pri-)junkinti, junkyti, jūnkti *(an)gewöhnen’: junklas ‘Köder’ (LKZ,, 385ff.) < *‘durch Köder, Fressen angewohnen’, andererseits referieren sie auch den anderen Teil des Rezeptes „Zuckerbrot und Peitsche“, nämlich tramdyti “trösten, lindern; zähmen, zurückhalten, unterwerfen; verbieten; zerstören...’' (LKZ,., 556ft.) : tremti ‘niederschmettern, stoßen, verbannen...’ (Fraenkel 1965: 1117); tvardyti ‘beruhigen, beherrschen, hemmen’ (LKZ, un 217) : tverti ‘fassen, ergreifen; umzäunen...’ (Fraenkel 1965: 1152f.). Daher erscheint es möglich, die gewaltsame Zähmung bzw, Beherrschung, und genau dazu benötiget man ja das Zaumzeug (vgl. laužti, plesti!), durch balt. *kam- ‘zusammendriicken, ballen’, welches Kraftanwendung, insbesondere Drücken, einschließt < ig. *kem- ‘zusammendrücken, pressen, hindern’ (Pokorny 1994: 555f.; Rix et al. 2001: 329), zu benennen. Zur Wortbildung: primäre baltische Bildungen mit -ana scheinen vorwiegend Abstrakta (Nomina actionis) zu bezeichnen, von wo aus Bedeutungsübergang zu Konkreta (Nomina acti) dovana ‘Schenken’ > ‘Geschenk’ neben dövis ‘Geben; Ration; Aussteuer’, dotas, dotilas “Geschenk, Mitgift’ (LKZ, 615ff.) oder zu Nomen Instr. erfolgte. Diese Sicht vertritt für -ena auch Ambrazas: kasena ‘das Graben’ > ‘Werkzeug zum Gefäße schnitzen’, metena ‘Hieb’ > ‘Peitsche, Gerte; Schlinge’. (Ambrazas 1993: 194). Daneben findet man auch primäre Konkreta wie liekana ‘Rest’ < *'was zurückgelassen wurde’: likti ‘zuriicklassen’ , träskana ‘Augeneiter’ < *‘was herausgepresst wurde’ : treksti ‘spritzen, auspressen’. Die Sicht, wonach kämanos zunächst ein Abstraktum *‘das Zähmen’ gewesen wäre mit anschließendem Bedeutungsübergang auf *‘was man zum Zähmen benötigt, Zaumzeug’ ist daher semantisch plausibel und morphologisch kein Einzelfall!!, Ein Abstecher in die Phraseologie und stabile Sujets der Folklore gibt zusätzliche Hinweise auf kämanos. Eine Reihe von Märchen kennt den Hinweis parduodamas arzilg, neparduok su kamanom (LKŽ,; 169). Es geht dabei um einen Zauberlehrling, der, um Geld zu verdienen, sich in einen Hengst verwandelt, denn sein Vater verkaufen soll. Dabei muss er ohne Zaumzeug verkauft werden, denn nur so er kann er sich zurūckverwandeln und flüchten (oder umgekehrt: flüchten und sich zurūckverwandeln) ’ Rix et al. rekonstruieren *kem- ‘pressen, drücken’ und *kemh ‚- ‘müde werden, sich abmühen’ (Rix et al. 2001: 329, 350), wozu mit Kentumreflex auch kamuioti gehören könnte? "Die Bedeutung ‘trösten, lindern’ ist wohl übertragen zu verstehen, beeinflusst durch raminti ‘berühigen, Schmerz lindern’ kur tramas, ten ramas (LKZ,,, 555) Diese Deutung lässt sich z. B. auch recht elegant für ragana anbieten * Auferstehen; Erscheinung, Gesicht’ > “Was auferstanden ist, was sich zeigt’ > ‘Gespenst’, das hatte ich bisher nicht beachtet (zur Etymologie von rägana: Gliwa 2003: 1-8). 11 20 | BERND GLIWA Wasser, sondern eher auf Wiesen zu finden. Es ist sicher korrekt Helonyme wie z.B. Kemsinaite (Tümpel) < Kemsine (Weide) (Bilkis 1999: 57), Kemselis (Tümpel) < kémsas ‘Mooshügel”” (Bilkis 1999: 65) so abzuleiten, für fließendes Gewässer ist diese Sicht fraglich, zumal, wenn es sich um primäre Namen handelt wie z.B. Käme, die kaum auf benachbarte Weiden zurückzuführen sind wie z. B. Kemsinaite (Tümpel). Ich möchte daher auf möglicherweise hierzu ablautende Kume (F), Kurmpe (S), Kūmpė, Kumpäle (F) u.a. (Vanagas 1981: 171) verweisen, die Vanagas zu lit. kumpti ‘biegen, krumm werden’, lett. kūmt ‘bucklig, krumm werden’ stellt (1981: 171). Der semantische Bezug auf die Mäander der Flüsse erscheint überaus häufig“, wie z.B. Vingis (F) : vingis ‘Bogen, Winden’ (Vanagas 1981: 385), Kulé (F) : kulys ‘Bucht, Landzunge, Windung, Bogen; Winkel, Rand, Stück’, (Vanagas 1981: 170), Ringe (F) : ringe ‘Bogen’ (Vanagas 1981: 278), Lünginas (F) : lungüoti ‘schaukeln, winden...” (Vanagas 1981: 171) u.a. (vgl. auch Vanagas 1988: 8). Dass es sich bei Kamantinis nun um einen See handelt, lässt sich vielleicht erklären als Resultat einer Übertragung des entsprechenden Namens von Zuoder Abfluss auf den See; Daten die eine solche Sicht in dem konkreten Fall unterstützten liegen mir jedoch nicht vor. Namen wie Kumelupis (Vanagas 1981: 171) könnten sich durchaus auf Stuten beziehen, müssen sie aber nicht. Einerseits war auf die Bedeutungsvielfalt von kumele und kumelys verwiesen wurden, der teilweise ein *kum- ‘drehen, krümmen’ zugrunde zu liegen scheint, andererseits hat man eine der Wortbildung nach exakte Entsprechung in Ving-el-upis (F) (Vanagas 1981: 385). Auch hier wäre also ein Bezug auf die Mäander des Flusses als Benennungsmotivation denkbar mit einem erst sekundären Anschluss an kumele. Mit einem -r-haltigen Suffix”” könnten zu dieser Wurzel auch Kamaria, Kamäre (F), Kamara (F) u.a. (Vanagas 1981: 144) gehören, womit die wenig überzeugende Anlehnung an das Lehnwort kamara ‘Kammer...’ hinfällig wäre. Dass Kamärkos upelis (F) auf Kamärka (Wiese) zurückgeht (Vanagas 1981: 145) ist denkbar, mindestens genauso wahrscheinlich ist der umgekehrte Gang: ein Apellativum für Wiese /ankas nannte ursprünglich die Wiese, die sich in einer Flussbiegung befindet (Fraenkel 1962: 339), ist also ursprünglich nach dem sich 25 LKZ, und darauf verweisend auch Bilkis (1999: 65), geben für kemsas ‘samanomis ar žolė apžėlęs kelmas ar žemės kauburelis, kesas’ (LKZ, 563) an, und gehen damit am Kern der Sache vorbei. Die Hügelform resultiert nämlich nicht aus einem unterliegenden Erdhügel oder Stubben, sondern aus der Art des Mooses (Zweige oder Sträucher sind vollkommen ausreichend als Skelett) oder der Grasart (hier kann von einer Unterlage überhaupt keine Rede sein) zu wachsen (seltene Ausnahmen sind möglich, die würde man aber in der Regel auch kelmas "Stubben’, kauburys "Huckel, Haufen’, kupstas Haufen’: kaupti ‘anhäufen’ bezeichen). Die Moose, um die es sich handelt sind wesentlich kiminai “Torfmoose, Sphagnum spp.” und daher ist die Etymologie auch mit diesen zu verknüpfen: die Mooshügel sind nämlich ausgesprochen weich und geben nach, lassen sich zusammenpressen, gehören also zu kimsti ‘stopfen’, evtl. auch als Isoliermaterial im Bau und Verwendung in Kopfkissen etc. Weich, im Vergleich zu einem Erdhügel, sind auch die Grasbüschel (als Hindernis bei der Mahd 'verstopfen’ sie vielleicht die Sense - ebenfalls eine zu prüfende Motivation). Daher ist die Etymologie von Fraenkel (1962: 239) „wohl zu der [unter] kerneras “unförmiger, großer Gegenstand, ungeschlachte Person’ [...] zusammengestellten Familie“ nur auf die Form orientiert und daher zurückzuweisen, wenngleich weitläufige etymologische Verwandtschaft besteht. In dem meliorierten Litauen aber aus der Anschauung oft nicht mehr nachzuvollziehen. 4 J ” Gleichbedeutende Bildungen mit -rbzw. -/- Suffix liegen etwa vor in kémelis ‘Schwierigkeit, Unannehmlichkeit, kėmeris ‘ds., was verheddert ist, unförmiges Ding’ (LKZ, 557). LIT. kämanos, kamienas, kumele | 21 schlangelnden Fluss benannt. Neben entsprechenden Flussnamen Lanka (F), Lankenas (F) hat man auch Lankupe (F) (Vanagas 1981: 180), wohl um eine Unterscheidung von der einst nach dem Fluss benannten Wiese zu bekommen. Ebenso könnte Kamärkos upelis (F) neben Kamdrka (Wiese) entstanden sein. Wenn man auf das Lehnwort kamara als Namensgeber verzichtet, kann man problemlos Kamara als ältere, originale Form annehmen und muss diese nicht als eine „späte künstliche Variante“ (Vanagas 1981: 145) ansehen. In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf ein Rätsel verweisen: Kur tu begi, kambanka? — Kas tau darbo, praskustine? (LKZ, 173) das Fluss und gemähte Wiese kodiert, wie auch die Varianten: Kur tu bégi, kumpuringe? — Kas tau darbo, kirpse!; Kur tu begi patekole...; Kinka ringa, kur tu bégi...; Kreivarangi, kur tu bégi... (Korsakas 1968: 461). Es liegt auf der Hand, dass außer patekole : tekėti ‘fließen...’ jeweils Bezug auf die Flussbiegungen genomen wird. Wegen Kinka ringa sei noch verwisen auf kinkai ‘bewegliche Verbindungen; Gelenk’, kinka ‘Bein; Türangel; Wade; Knie; Schenkel...’ (LKZ, 813). Der Suffix -anka gilt als slavisch und erscheint z.B. in Liaukianka (Gehöft), Mazuranka (Dorf), Sabalianka (Gehoft) (Razmukaité 1998: 164, 197). 7. Ein weiteres kamantinis findet man wiederum in einem Rätsel: Vytinis kamantinis, aukštyn lekdamas, kiausius deda oder: Susuktinis pakunktinis lipa aukštyn kiaušinių deti (LKZ : 170, Korsakas 1968: 491f.). Hier gilt es den Hopfen (Humulus lupulus L.), zu erraten, und zwar den weiblichen, dessen zapfenartige Fruchtstände hier mit Eiern verglichen werden. Während die übliche Benennung apynys, apvynis und geringfügig abweichende Varianten klar auf das Sich-Winden als Schlingpflanze verweisen, stehen für kamantinis nach dem bisher Gesagten zwei Möglichkeiten zur Auswahl. Einerseits kann man den Vergleich mit Flussnamen antreten kam-ant-inis *was sich windet, schlängelt’, was semasiologisch eine Entsprechung zu apynys wäre. Andererseits ist auch der Gang, wie er bei kamantinis ‘Reitpferd’ vorgeschlagen wurde, möglich, hier jedoch nicht mit der übertragenen Bedeutung ‘zähmen’, sondern in der ursprünglicheren *kam- ‘zusammenballen’, wozu kämas ‘Klumpen, Knäuel’, mit einer Bedeutung kam-ant-inis *'was mit Zapfen versehen ist; was zapfenbilden ist’ gehört. Diese zweite Variante findet eine Parallele in d. Hopfen "Humulus lupulus L.’, das ursprünglich nur die Zapfen, als wesentlichen Rohstoff für Medikamente und Ernährung, nannte (Marzell 2000: II 904). Der botanische Name humulus wird als Lehnwort aus einer germanischen Sprache angesehen (Marzell 2000: II 902-903), die Pflanze scheint der Antike nicht bekannt gewesen zu sein. Im Schrifttum erscheinen Verweise auf den Hopfen in Mitteleuropa im 8. Jh., dann aber gleich in Bezug auf humlonariae ‘Hopfengärten’ (Marzell 2000: II 902). Hehn erwähnt die Verwendung im Großfürstentum Litauen im 15. Jh.: zur Hochzeit des Großfürsten Alexander wird dessen Braut, die russische Prinzessin Elena, mit Hopfen überschüttet (Hehn 1963: 485). Aus dieser Sicht wäre man geneigt, den Ausführungen von ESSJ zuzustimmen, wonach der Hopfen von Osten her nach Europa kam und daher durchaus von einem Wanderwort bezeichnet werden könnte (ausführlich entwickelt in ESSJ,,, 141-145). Pollenanalysen zeigen indessen, dass im Zemaitischen Hochland, am See Birzulis in einer längeren Zeitspanne (mind. 1500 Jahre) um ca. 7000 v. Chr., Hopfen hier reichlich wuchs; kurzzeitig werden in diesem wärmeren Klimaabschnitt sogar Buchen 22 | BERND GLIWA nachgewiesen (Guobyté, Stancikaite 1998: 125, Fig. 4). In signifikantem Maße erscheint der Hopfen wieder (gemäß Pollenanalyse) in den ersten Jh. AD (Guobyté, Stancikaite 1998: 124, Fig. 3). Daraus darf nun aber nicht geschlossen werden, dass der Hopfen in der Zwischenzeit gar nicht vorhanden war. Sicher ist jedoch, dass sich die artspezifische Vegetationsgrenze verschob, möglicherweise zwischenzeitlich bis südlich des heutigen Litauens. Angesichts des vormaligen ausgedehnteren Siedlungsraumes der Balten (sobald man in dem betrachteten Zeitraum von Balten reden kann), kann der Hopfen in diesem aber mit hoher Sicherheit als vorhanden angesehen werden. Šimkūnaitė berichtet, dass Hopfenreste in Ausgrabungen steinzeitlicher Siedlungen gefunden werden (2001: 110)*. Auch die rituelle Verwendung des Hopfens oder gar der Vergleich mit Soma oder Haoma (ESSJ,,, 144) lässt sich angesichts pharmakologischer Daten nicht aufrecht erhalten. Hopfen wirkt beruhigend, als Schlafmittel. Zudem ist eine anaphrodisische Wirkung bekannt — genau aus diesem Grund wurde der Hopfen zunächst in Mönchsklöstern dem Bier zugesetzt: wider die teuflischen Gelüste. Das Reinheitsgebot im 16. Jh. machte dies zum Gesetz, womit sich Hopfen als Bierwürze durchsetze ¢ und etwa das Bilsenkraut aus dem Bier verbannte (Rätsch 1998: 269-271). Marzell sieht germ. *humilo wegen ae. hymele als Erbwort an. Auch wird darauf verwiesen, dass neben dem Hopfen auch die Ackerwinde ‘Volvulus spp.’ und Zaunrübe ‘Bryonia spp.’ mit ae. hymele bezeichnet werden. Er folgert daher, dass sl. *chomelo entleht sei (Marzell 2000: II 903). Seebold bemerkt lakonisch, dass die Entlehnungsrichtung umstritten ist (Kluge 1999: 382f.). Wenn man berücksichtigt, dass Ackerwinde und Zaunrübe ebenfalls Schlingpflanzen sind, dann liegt es nahe, dahinter ein diesbezügliches Konzept zu vermuten, was bei einer Entlehnung kaum eintreten würde. Germ. *hum- < ig. *kmkann seinerseits als Schwundstufe zu ig *kemangesehen werden. Die Frage nach Entsprechungen mit balt. k-, sl. ch-, germ. hwird üblicherweise durch Entlehnungen erklärt (z.B. Būga 1959: 216). Anders sieht ESSJ die Angelegenheit, wenn für die sl. Entsprechungen ein s-mobile angenommen wird, so ist hier chregulär zu erwarten (ESSJ, : 70 et passim). Mit dem Ansatz, dass balt. k-, sl. ch-, germ. h- (in manchen Fällen) durch Urverwandschaft begründet werden können, ist es dann von Bedeutung, dass auch sl. -smResultat einer Schwundstufe ig. *-msein kann. Diese Stufe würde im Litauischen auf kumoder kimhinweisen. Lit. kamantinis ist nun aber Fortsetzung der o-Stufe, könnte also höchstens eine parallele Bildung sein”. Solange ein Konzept etymologisch noch transparent ist, kann die Lexikalisierung durchaus auf der Grundlage verschiedener Ablautstufen erfolgen und muss nicht zwingend auf eine Entlehnung deuten z.B. kamanė ‘Hummel, Bombus spp.’ < ig. *kom- : d. Hummel, čech. &mel ‘Hummel’ < ig. km- (wenngleich die Vielzahl von Etymologien * Es handelt sich hierbei um einen populärwissenschaftlichen Aufsatz ohne Quellen, da die Autorin aber bekanntermaßen oft die Auswertung von Pflanzenresten in archäologischen Ausgrabungen übernahm, sche ich keinen Grund, diese Aussage in Frage zu stellen. ® Relevant für die weitere Untersuchung sollte d. dial. (Siebenbürgen) Hamé ‘Humulus’ sein, welches nach Marzell aus rum. hemei, hamei ‘ds.’ stammt (Marzell 2000: II 906). Es handelt sich jedoch kaum um ein romanisches Erbwort, auch eine Entlehnung aus dem SI. erscheint wenig wahrscheinlich. LIT. kämanos, kamienas, kumele | 23 sich dahingehend interpretieren ließe, das hier keine Verwandtschaft besteht, vgl. ESSJ , 145 und Lit.— was ich jedoch bezweifele). Ein weiteres Bsp. aus dem gleichen Sachgebiet: die Fliege heißt im Litauschen musė (Schwundstufe *-u-), während in Slawinen hierfür die o-Stufe (*-ou-) zur Anwendung kommt: poln. mucha. Ja, selbst innerhalb der Dialekte einer Sprache können zur Bezeichnung identischer Sachverhalte andere Ablautstufe herangezogen werden: lit. kaukas ‘Kobold, Hausgeist’ : kukas ‘ds.’, ebenso apr. cawx “Teufel’, cucumbrast “Teufelsfurt’ (Mažiulis 1993: 148ff., 295f.; weitere Bsp. vgl. Kazlauskas 1968: 109). Etwas anders ausgedrückt: es kann zunächst mehrere konkurrierende Bezeichnungen, etwa Dialektvarianten, für ähnliche oder den nämlichen Sachverhalt geben, deren weitere Entwicklung durchaus diametral vonstatten gehen kann. Ein besonders krasses Bsp. hierfür sind die apers. und ai. Bezeichnungen für Götter und Dämonen: ai. deva- ‘Gott; Konig...", dsura- ‘Damon’ aber auch ‘lebendig, göttlich’ : apers. da&va- ‘Dämonen’, ahura- ‘Gott’ (vgl. Puhvel 2001: 99; Mylius 2001: 58). Damit ist die Zugehörigkeit von kamantinis durchaus zu begründen. Andererseits gibt es möglicherweise die entsprechende Schwundstufe, nämlich im phraseologischen kumelės šlapimas ‘abgekochtes Malz oder warmes Bier mit Honig und Milch’ (Simkünaite 2001: 29). Da Bier nunmehr üblicherweise gehopft ist, wäre es denkbar, dass die Benennung vom Hopfen kommt. Und kumele passt zu germ *humilo und sl. *chsmels nicht nur in der Ablautstufe, sondern auch im Suffix. Wie Simkiinaité an anderer Stelle gezeigt hat, sind Namen die auf šlapimas ‘Urin, Feuchtigkeit’ oder südas ‘Kot’ lauten, übertragen zu verstehen, wobei Ähnlichkeit, wie etwa pelesüdziai ‘wörtl.: Mäusekot’ = ‘Mutterkorn, Secale cornutum’, des Benannten, hier der Sklerotien, mit Mäusekot tatsächlich besteht (2001: 72). Obwohl im Fall kumelės šlapimas die Benennung wegen gewisser Ähnlichkeit zu begründen wäre, bleibt als Motivation vorrangig die Verwendung eines archaischen Wortes, wie es im Rätsel durchaus vorkommt — und die Rezeptur ist ein Rätsel, Berufsgeheimnis eben. 8. Eine weiterer Fall, in dem sl. cheine Entsprechung in balt. kfindet, liegt vor in russ. xomak ‘Hamster, Cricetus cricetus’, Cech. chomik ‘ds.’ u.a., die als Rückbildung aus rekonstruiertem *choméstors ‘Hamster’ (+ neues Suffix ) angesehen werden (ESSJ,,, 67). Für aruss. xomncmops, xomncmaps wird die überlieferte Bezeichnung ‘ein Insekt’ als fehlerhaft angesehen, man nimmt hier ebenfalls den Hamster als eigentlichen Bedeutungsinhalt an (ESSJ,,, 67). Die deutsche Entsprechung Hamster < ahd. hamustro ist als Entlehnung aus dem SI. anzusehen (< russ.-ksl. choméstors ‘ds.’ Kluge 1999: 353), hingegen ist das Verhältnis der sl. Wörter mit den baltischen, einerseits lit. kamas ‘große Ratte’, kamüklis ‘ds.’ (LKZ, 172ff.), lat. kamis ‘Hamster, Cricetus cricetus’ (Būga 1958: 581), andererseits lit. staras ‘ein Tier, Citellus oder Spermophilopsis®” (LKZ,,, 668), abweichend: ‘ds.; Hamster’ (Fraenkel 1965: 896) umstritten. Fraenkel zu kamas : „die balt. Bez. lassen sich mit den slav. höchstens in der Weise vereinigen, dass sie, wie Büga bemerkt, unabhängig auf eine fremde Quelle zurückgehen.“ (1965: 213). ESSJ: „He coBceM SICHO, CYIIECTBOBAJIO JIM CIHOXHOE UT. *kamastaras < npaci. choméstors wiv kämas u staras C CaAMOTO Hayayıa 30 Wohl das einfarbige Ziesel ‘Spermophilus citellus’. 24 | BERND GLIWA ObUIH 3aMMCTBOBAHBI TIOPO3Hb“ (ESSJ , 67). Sofern es den Hamster betrifft, ist der Hinweis auf dessen Backentaschen (ESSJ,,, 68) zum Transport der Vorräte ins Lager äußerst angebracht, der Hamster ist dafür berüchtigt, sich die Taschen voll zu stopfen und große Vorräte anzulegen. Das Stopfen wird im lit. trefflich mit kimsti ‘stopfen; gierig essen; einlegen; sich versammeln’ (LKZ, 805) wiedergegeben, ablautend hierzu kamštis ‘Korken, Stopfen’, kamslys ‘wer viel it" < *‘sich vollstopft’ kamseklis ‘ds.’, kamasuoti ‘mit großem Appetit essen, schlingen, stopfen’ (LKZ, 172ff.), kimstinis ‘Nimmersatt, Vielfraß’ 3! (LKZ, 805). Der Vergleich mit sl. *skomiti ‘zusammendriicken, pressen’ (ESSJ,,, 68) ist daher unbedingt gerechtfertigt. Lit. kamuklis betreffend ist darauf hinzuweisen, dass es sich bei -uklis um einen typischen Suffix zur Bildung deverbativer Substantive zur Bezeichnung von Werkzeugen (Nom. instr.) bzw. Ausführenden (Nom. agentis) handelt (Ambrazas 1993: 156, 178), wohingegen denominale Verwendung zwar gelegentlich vorkommt, z.B. Ežeriūklis ‘ein Tümpel’ (Bilkis 1998: 83), dann aber wohl auf einem doppelten Diminutiv beruht < *FZer-iuk-elis. Das als Deminutiv angegebene miegüklis ‘Schläfer’ (Ambrazas 2000: 110) entstammt der o. g. Kategorie (Nom. agentis), während barzdüklis, barzdziüklis ‘Ackerschachtelhalm, Equisetum arvense L.’ (Ambrazas 2000: 184) m. E. als Kreuzung aus barzda ‘Bart’ und asiūklis, asiukai ‘Schachtelhalm’ (zur Kreuzung vgl. Kabasinskaite 1998: 63ff.) anzusehen sind (oder als abgeschliffenes Kompositum *barzdaasiuklis), vgl. kaukabarzdis ‘wörtl. Kaukenbart’ = ‘Schachtelhalm’ (LKZ, 419). Mit einiger Wahrscheinichkeit kann somit kamuklis als *‘Stopfer’ verstanden werden, entweder in Bezug auf das vollgestopfte Vorratslager oder die Backentaschen, dann natürlich nur als original baltische Bildung zu einem Verb *kam- ‘stopfen’. Dass lit. kamas, dial. kams ‘Ratte’ und insbesondere lett. kūmis ‘Hamster’ keine Entlehnugen aus dem russ. sind, begründet Būga (1958: 581f.) mit der Variation der Vokalquantität, die Entsprechungen in lit. läsas ; lett. lase, lase Tropfen’, lit. vėlės : lett. veli, veli ‘Seelen der Verstorbenen’ u. a. findet. Auch verweist er darauf, dass auch russ. xomax nicht nur den Hamster, sondern auch die Ratte bezeichnet (1958: 581), sowie apoln. chomyk den ‘Maulwurf’ (ESSJ,,, 66). Bezeichnungen von Ratte und Hamster scheinen also leicht übertragbar zu sein; dafür spricht auch das Synonym žiurkėnas ‘Hamster’ neu auch ‘Steppenmurmeltier, Marmota bobac’ gebildet auf der Grundlage Ziürke ‘Ratte, wertloser unnützer Mensch, Maus, Holzpantoffel’ (LKZ,, 810f.). Lit. stäras wird einerseits mit stiri ‘erstarren’ verglichen (Fraenkel 1965: 896 und Lit.), was für den Hamster: „Begegnet der Feldhamster einem Feind auf dem Boden, dann richtet er sich auf und bläht die Backentaschen auf. Begleitet wird das ganze von wütendem Knurren und Fauchen.“ (www.das-tierlexikon.de/eigentliche-wuehler.htm) wie auch für den Siebenschläfer (auch Steppenmurmeltier, lit. svilpikas, Marmota bobac) plausibel erscheint, da diese am Bau wachen und sich dazu auf den Hinterbeinen aufrichten, bei Gefahr durchdringend pfeifen und dann in den Bau abtauchen 31 Wie Urbutis anhand von lit. gomūs ‘verlangend, geneigt’ und lett. gama “Vielfraß’ gezeigt hat, ist eine k8 g g 8 gezeig solche Entwicklung auf der Grundlage ig. *¢em- ‘drücken, pressen; anhäufen...' durchaus geläufig, so dass dem gierigen Essen (lit. kamuoti, kamurkyti) (vgl. Urbutis 1981: 62-68) auch noch kamaros “Geilheit’ zur Seite gestellt weden kann. LIT. kämanos, kamienas, kumele | 25 (vgl. z.B. www.darwin.museum.ru/expos/ZooGeo/8_07.htm). Andererseits möchte ich auf starinti ‘schwer ziehen, zerren, tragen; einschneiden, schwer lasten; erstarren’, starys ‘wer angespannt zicht’ (LKZ,, 668t.), sterinti ‘angespannt ziehen’ (LKZ, „, 754), stirénti “langsam, ungeschickt stolzierien; schwer tragen; zittern (vor Kälte); zappeln; verenden; toben; schluchzen’, stirlioti ‘schwer heben oder tragen; streiten’, stirninti ‘schwer heben, tragen’, stirnöti ‘ds., frierend zittern’, stirnüs ‘kräftig, fest; starr’; styriioti ‘schwer tragen, sich abmühen, herumquälen; taumeln’ (LKZ 817-830). Es ist nicht ganz klar, ob es sich hier um immer um verwandte Bezeichnungen handelt, oder ob die einzelnen Lemmata in Homophone aufzuspalten wären. Ohne das im Detail erörtern zu wollen” folge ich der Sicht von Fraenkel, der alle diese Begriffe (sofern von ihm erwähnt) gemeinsam behandelt und zu d. starr etc. stellt (1965: 896; Pokorny 1994: 1022), wohin nach Būga (1959: 259) auch noch storas ‘dick’ gehört — eine sehr vielschichtige, ausdifferenzierte Sippe. Hier ist jedoch besonders interessant starinti ‘schwer ziehen, zerren, tragen...”, das man wegen mehr oder weniger gleichbedeutender Formen stirlioti, styrūoti, sterinti, nicht als singuläre Bildung zu einem, als Lehnwort verdächtigten, staras, nach dem Muster Hamster > hamstern ‘viel zusammentragen, horten’ ansehen kann. Wenn man somit Urverwandschaft annimmt, könnte man stäras als *‘wer oder was schwer trägt, schleppt’ ansehen, eine treffende Bezeichnung für den Hamster. Somit wäre das zusammengesetzte sl. choméstors als < *‘was vollgestopft schwer schleppt’ zu verstehen. Problematisch bleibt dabei die unsichere Zuordnung der Namen zu dem Hamster einerseits, sowie andererseits, die Frage, ob denn der Hamster bzw. die anderen benannten Tiere in der fraglichen Periode überhaupt im Siedlungsraum der Balten und Slaven lebte. Dazu sind mir leider keine konkreten Daten bekannt, daher einige Überlegungen. Als Steppennagetier dürfte der Hamster in waldigen Gegenden auf Ackerland als Kultursteppe angewiesen sein. Da sich spätestens mit den Indogermanen der Ackerbau ausbreitete, kann diese Bedingung zumindest nicht als Hindernis gewertet werden. Die Existenz weiterer Namen žiurkėnas, šalčias, balesas ‘Hamster’ kann als Indiz für eine längere Bekanntschaft gewertet werden. Andererseits fehlen der Siebenschläfer und das Ziesel in Litauen, so dass man den Hamster als ursprüngliche Bedeutung annehmen kann, sowohl für stäras als auch für kamüklis — sofern man nicht doch auf Entlehnung besteht. 9. Lit. 'kamas ‘einfacher Kerl; Leibeigener; Bauerntölpel’, das wegen kémeras, kemeras ‘unschones, grobschlächtiges Ding; Schwierigkeit; Trottel, ungeschickter Mensch’ (LKZ, 556), kamega ‘ungeschickter, zerlumpter Mensch’ (LKZ, 175), kémas ‘unklares Zeug, Scheuche’, kemeklis ‘wer ungeschickt arbeitet; wer kaum oder unbeholfen redet’ kemeklis ‘unniitzes hinderliches Zeug; Scheuche’, kemesius ‘unbeholfener Mensch’ ( LKZ, 554ff.) u.a. ähnlicher Bedeutung, kaum eine Entlehnung aus poln. cham, rus. xam ‘ds.’”, wie LKŽ, (172) meint, ist. Mit. sl. *chhierzu russ. xomak Ein Bsp.: zu stäris “Wind mit Regenboen’, staritioti ‘regnen mit böigem Wind’ (LKZ 669) sei ein Hinweis auf nicht identisches, aber dennoch naheliegendes d. steife Brise ‘starker Wind’ angebracht. 33 Das Verhältnis zum biblischen Ham (hebr. HM bzw. vokalisiert HAM, Septuaginta Xo, poln. Cham, dagegen aber Chus, hebr. KWS ‚Sept. Xovg, poln. Chus) ist unklar. Dabei stellt sich der biblische Text (Genesis 9f.) aber eher als ethnische und religiöse, denn als soziale Klassifizierung dar; hieraus seit dem 18. Jh. die Sprachkategorien semitisch und hamitisch (Körner 1990: 13). Die Interpretation des poln. Klein- 26 | BERND GLIWA ‘Gerümpel, unförmiges Zeug’ (Kardelytė 1985: IV 533), ¢ech. chomecek ‘alter Mensch’ < *buckliger Mensch’, Chomek ‘Personenname’, chumak ‘unersättlicher Mensch’ (ESSJ,,, 66), mit anderem Suffix čech. chomor ‘Müll, Gerümpel’ (ESSJ,,, 68), sowie evtl. d. Hampelmann „zunächst in der Bedeutung ‘Einfaltspinsel’ unklarer Herkunft, wohl Lautgebärde“ (Kluge 1999: 353). Auch lett. kamana ‘krumme Frau’ (Mühlenbach 1927: 148) sei an dieser Stelle nochmal erwähnt. Weiterhin ist zu zeigen, dass ungeschickte, untätige Personen oder sperrige Gegenstände mit Bezeichnungen versehen werden, die semasiologisch auf ‘krumm’ zurückgehen. Das kann man an diesen lit. Bsp. ersehen: Kerepla ‘verzweigter Baum als Dreifuss; Sattel am Geschirr; unschönes, ausladendes Ding; ausladenes Gewächs (bes. Strauch, Baum); ungeschickter Mensch’, kere “Stubben; Grassode; Schicht auf einem zugewachsenen Tümpel, schwammiger Moorboden; Teil des Spinnrades; kleiner, langsamer Mensch...’, keréiva ‘krummbeiniger, humpelnder Mensch’ (LKZ, 600ff.), keréti ‘wachsen, wuchern, verzweigen; stark werden’ und antonymisch ‘kümmerlich wachsen, vegetieren’ (LKZ,, 605), vgl. lett. cerba ‘Locke, Mensch mit verwühltem Haar’, russ. kopeno “Wurzel” (Fraenkel 1962: 241)**, die anderen Ablautstufen sind nur in Spuren erhalten: kdrka ‘(beim Vieh) Knie; Schenkel; Schenkelknochen’ (LKZ, 289), kirtmuö ‘Biegung’, kirulis ‘Haken zum Umrühren; ein Werkzeug zum Spannen des Gewebes am Webstuhl’, kirlas ‘Kriicke’, kirksnis “Weichen, Leistengegend’, kirkönimas ‘ds., Achsel’ (LKZ, 838ff.) u.a. Keverza ‘kleiner, krummer Baum mit ineinander verworrenen Zweigen; schiefes Ding; krummbeiniger, ungeschickter, unbeholfener Mensch; Trottel; kleiner, krummer Mensch...’, kevalas ‘Schale, Hülle; Spreu; unbeholfener Mensch’, keveisa “Trottel’, kevelitioti ‘zur Seite abweichen; sich wälzen, rollen; zusammenfinden; herumtreiben’, kevelses “Beine (abfillig)’ (LKZ, 671ff.), wohl zu ig. *keu- ‘biegen’ (Pokorny 1994: 588). Kreivas ‘krumm; quer, umgebogen; uneben; unrecht; primitiv, schlecht’ kreivis ‘was krumm ist (Baum oder Mensch); nicht treffsicher’, kreivys ‘krummbeiniger Mensch; Buckliger; Linkshänder’, kreivitklis ‘wer krumm geht (Betrunkene)’ (LKZ,, 508ff.). Lingius ‘großer, gebeugter Mensch’, linginéti ‘sich bücken, nicken; ohne Arbeit herumlaufen’, lingynas ‘morastiger Boden, Sumpf’, lingė ‘Bogen’, lingti ‘biegen’ und lingti ‘sich lieben’ (LKZ 526ff.) , vgl. semasiologisch d. jemandem geneigt sein, Neigung : neigen: nicken. Ähnliches findet man im Deutschen etwa krummes oder linkes Ding vs. gerade, recht, richtig, auch links, linkisch “ungeschickt’, schwed. linka ‘hinken’ (Kluge 1999: 521), Gelenk, verglichen mit lit. lenkti ‘biegen’ als Variante g/k (Kluge 1999: 310), besser ist wohl gleich der Hinweis auf lingti ‘ds.’ u.a. (s.o.). adels, wonach der Plebs von Ham abstammt, liegt dann eher in einer Anpassung der Bibelinterpretaion an vorhandene Termini, als an der Schaffung eines Begriffs aufgrund dieser Bibelstelle. Mein Dank gilt Prof. A. Holvoet der mich auf den möglichen Einfluss dieser Bibelstelle bezüglich einer Entlehnung aufmerksam gemacht hat und mir freundlicherweise die Namensnotierungen in der hebräischen, griechischen und polnischen Bibel übermittelte. # Der erwogene Anschluss an *(s)ker- ‘schneiden’ (Fraenkel 1965: 241) kann nicht überzeugen, vgl. die obigen Erörterungen zu kamienas. LIT. kämanos, kamienas, kumele | 27 10. SYNTHESE Damit liegt eine Reihe von Entsprechungen vor, die jeweils mit lit. k-, germ. h-, sl. ch- / kanlauten. Der naheliegendste Weg, diese unter einen Hut zu bringen ist die Annahme von s-mobile in den slavischen Fällen, aus ig. *(s)k- > sl. chrusteti, lett. skraustét ‘knistern, knacken’ für das Sl. über eine Zwischenstufe *ksroustund sl. chrupati < ksroup-: lit. skrupsnüs, skrūpsi, skrupseti ‘knacken, knistern’, skraübis ‘Angst, Erschrecken’ (Būga 1958: 443). Diesen Gang bezweifelt Mel’nicuk, der außer eingen wenigen Ausnahmen den Gang ig. *sk- > sl. *chals „HenoKa3aHa H TO YHCTO TEOPETHYECKUM COOOPAXKEHHSIM HEBEPOATHO“ ansieht (Mel’nicuk 1968: 215-6). Daher solle lit. skuja “Tannenzapfen; Nadel vom Nadelbaum; Kiefernzweig...” (= sl. chvoj-) als alte Bildung mit Metathese von anlautendem *ks- > skvor balt. *ks- > šangesehen werden (Mel’nicuk 1968: 215-6). Andererseits ist die primäre Existenz von *ksnicht immer offensichtlich und der obligatorische Zwischenschritt *sk- >*ks- > sl. chwirkt reichlich künstlich. Daher ist die pragmatische Haltung von ESSJ (z.B. ESS], 22 u.a.) ig *(s)k > sl. chplausibel, wobei es jedem frei steht, eine entsprechend Bildung wie sie im Paar skuja “Tannenzapfen...’ : sl. *chvoja > čech. chvoja ‘Kiefer...’ u.a. (ESSJ,,, 125f.) vorliegt, anzunehmen, mit all den Implikationen über Alter und Metathese. Für den Hopfen liegen also vor lit. kamantai, unsicher ist kumele, sl. *chömelb > rus. xmeas : germ. *humilo- > dan. humlekop, lat. humulus (Marzell 2000: II 906). Wegen ae. hymele ‘Hopfen’ und ‘Ackerwinde, Zaunrübe’ ist von einer Grundlage ig. *(s)kem- ‘winden, biegen’ auszugehen. Für das Kummet lit. kamantai ‘Kummet’, poln. chomato / obsorb. chomot ‘ds.’, d. Hamen ‘Kummet’, wobei darauf hinzuweisen ist, dass Bezeichnungen für das Netz mit d. Hamen ‘Netz’, sloven. homöt ‘Netz’ (ESSJ,,, 69), mit anderem Ablaut evtl. kumelys: “9. Mündung des Schleppnetzes; 10. Schwimmkörper am Netz’ ebenso hierhergehören, was, wie ESSJ schon formulierte ein hinreichendes Argument gegen eine Entlehnung ist und den Vergleich mit lit. kamanos rechtfertigt (ESSJ , 70), eine allgemeinere Bedeutung auf der Grundlage ig. *(s)kem- ‘hemmen; zähmen’ vorausgesetzt (vgl. Pokorny 1994: 555). Lett. kamis ‘Hamster’ und russ. xomak ‘ds.’ sind, vorbehaltlich der Unsicherheit der historischen Verbreitung des Nagers, als urverwandt anzusehen, und zwar auf einer Basis ig *(s)kem- ‘drücken, pressen’ in der speziellen Bedeutung ‘stopfen’, wie sie in lit. kimsti vorliegt, also eigentlich *‘der sich die Backen vollstopft’. Lit. 'kamas ‘einfacher Kerl; Leibeigener; Bauerntölpel’, kamega ‘ungeschickter, zerlumpter Mensch’, kemesius ‘unbeholfener Mensch’, poln. cham, rus. xam ‘ds.’, Cech. chomecek ‘alter Mensch’ (mit Buckel?), d. Hampelmann wird als urverwandte Sippe zur Basis *(s)kem- ‘krimmen, biegen’ angesehen. Zu den lit. Flussnamen Kamainé, Käme, Kamojä, Kamatis, Kämona (Vanagas 1981: 144), Kumé, Kümpe, Kumpäle (Vanagas 1981: 171), vgl. lit. kurnpti ‘biegen, krumm werden’, lett. kümt ‘bucklig, krumm werden’, ebenso Kumelupis (Vanagas 1981: 171), Kamaria, Kamäre, Kamara (Vanagas 1981: 144) und den Rätselworten kambanka, kumpuringe ‘Fluss’ stelle ich die ukr. Flussnamen Xomépa, Xomop, Xomyp, (ESSJ VIII 28 | BERND GLIWA 69). Weiter zu einer Grundlage *(s)kom- ‘biegen’ slovak. dial. chomola ‘Hals’ (ESSJ 68), vgl. semasiologisch lit. kaklas ‘Hals’ (Fraenkel 1962: 205f.) und kumelys ‘13. Wirbelsäule’, acech. chomol ‘Gipfel, Wipfel’ : lit. kaukure ‘Hügel, Gipfel’ < ig *kou-k- ‘biegen, wölben’ (vgl. Pokorny 1994: 589), apoln. chomla ‘Kranz auf dem Kopf, der die Haare hält’, ukr. xömaa, xomieka ‘Kopfbedeckung der Frauen’ (ESSJ 68f.). Eine weitere Möglichkeit, wie sl. chin den Kontext integriert werden kann, besteht vielleicht in dem Ansatz sl. ch < *kh,, den Kortlandt (1988: 303) ohne Literatur anführt. Zu dem Beispiel hierfür, russ. xanams ‘ergreifen, packen’ (Kortlandt 1988: 303), konstatiert ESSJ ohne Erwähnung einer laryngalhaltigen Etymologie „OCHOBAHO, B KOHEYHOM CYETE, Ha 3ByKonoapaxaHuuTM und vergleicht mit analogen sl. *capati, *gabati (ESSJ,, 19). In den obigen Fällen hat die Sicht ch- < kh,- einen wesentlichen Nachteil, der Laryngal kann nicht fakultativ erscheinen und sl. Dubletten mit anlautendem kbzw. chsollten nicht erscheinen“. Damit sind recht deutlich zwei getrennte, jedoch (mindestens in einem späten Stadium) homophone Wurzeln, auszumachen: *(s)kem- ‘biegen, krümmen, winden’* und *(s)kem- ‘drücken, pressen, hindern” woraus auch ‘zähmen, unterdrücken’ und ‘quälen’: kamuityti ‘varginti, kamuoti’, kamuoti ‘varginti, kankinti; sunkiai dirbti, vergauti...’, einerseits, sowie kimsti ‘stopfen’, andererseits. Dabei kann nicht außer Acht gelassen werden, dass der Gleichklang zu Bedeutungsinterferenzen und Kontaminationen führen kann, so etwa ist die Bedeutung ‘zähmen’ auch aus ‘'krümmen, geneigt machen’ zu entwickeln: z.B. lit. palankūs ‘hörig, flexibel, geneigt’ (LKZ : 239) im Kontext Kartais net sunku patikėti, kad laumė — tai suasmeninta pirmyksciam žmogui pavojinga ir grasi gamtos, visų pirma, vandens, stichija, kurią jis stengiasi pažaboti, palenkti savo labui (Vėlius 1979: 9) und noch die Redewendung jemanden unters Joch beugen ‘jemanden zähmen, beherrschen, erziehen’. VIII LITERATUR** AMBRAZAS, S. 1993: Daiktavardžių darybos raida, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla. AMBRAZAS, S. 2000: Daiktavardžių darybos raida 11, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas. BASANAVIČIUS, J. (Hrsg.) 1998: Lietuviškos pasakos įvairios IV, Vilnius: Vaga. BiLkis, L. 1999: Lietuvių priesaginiai deminutyviniai helonimai, Acta Linguistica Lithuanica 41,51-95. BUGA, K. 1958: Rinktiniai Raštai 1, Vilnius: Valstybinė politinės ir mokslinės literatūros leidykla. BUGA, K. 1959: Rinktiniai Raštai 11, Vilnius: Valstybinė politinės ir mokslinės literatūros leidykla. Dını, PU. 2000: Baltų kalbos. Lyginamoji istorija, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas. 35 Ein Ansatz mit Metathese ig. *kVHm- (>k-) > sl. *kHVm- (>ch-) wo H wie |, r in russ. 204064, poln. glowa : lit. galva ‘Kopf’, russ. 20pod ‘Stadt’, poln. gröd ‘Burg’: lit. gardas "Gehege' behandelt wird, würde formal genügen. Für eine solche Laryngalmetathese fehlt jedoch jede Evidenz. % Hierzu lit. kurnpis, ne. ham kumpis’, fnhd. Hämchen - karka (Drotvinas 1987: 206), lett. kumps ‘krumm’, ai. kmärati ‘ist gebogen, krumm’ < ig. *kam-(?), *km- ‘gebogen, krumm sein’ (Fraenkel 1962: 309), lit. kémos ‘Schenkel’ (LKZ,: 561), kimbra ‘Bein (abwertend.)...' (LKZ, : 800). Hierzu arm. kamel ‘drücken, wringen’, an. hemja ‘zügeln, hemmen’, nd. hamme ‘umzäuntes Feld’ (Pokorny 1994: 555). Herzlich danken möchte ich Dr. A. JudZentis für Unterstützung bei der Beschaffung von Literatur. 37 38 LIT. kämanos, kamienas, kumele | 29 DROTVINAS, V., red. 1987: Lexicon Lithuanicum. Rankrastinis XVII a. vokieciy-lietuviy kalbų žodynas, Vilnius: Mokslas. ESSJ — Imunmonoeuueckuü croeaps CAABAHCKUX A3bIK08, 4, 8, 10, 13, pea. O. H. Tpy6aues, Mocksa: Hayka, 1977, 1981, 1983, 1987. EULER, W., 2002: Indogermanische Hirten und Krieger - ein Mythos oder Beginn europäischer Kultur? Res Baltica 8, 35-65. 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