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Lith. “šiẽnas”, OChSl. “sěno” ‘hay’ and IE “*kei-” ‘to lie’

Romualdas J. Apanavičius

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ACTA LINGUISTICA LITHUANICA XLIX (2003), 1–3 Lit. šiẽnas, OChSl. sěno ‚Heu‘ und idg. *kei- ‚liegen‘ ROMUALDAS J. APANAVIČIUS Vilnius Lit. šiẽnas und OChSl. sěno ‚Heu‘ werden traditionell mit dem Griechischen (Hesych.) κοινά· χόρτος in Verbindung gebracht; bislang wurde jedoch keine verlässliche Etymologie vorgeschlagen. Hier wird eine Verbindung mit der idg. Wurzel *kei- ‚liegen‘ vorgeschlagen. In diesem Artikel wird eine neue Erklärung für Lit. šiẽnas, Latv. siens und dessen slawische Kognaten OChSl. sěno, Rus. сено, Serb.-Kroat. sijeno, Pol. siano (Vasmer 1987: 601) vorgeschlagen. Most authors dealing with these words (Trautman 1923: 297; MEIII 1927–1929: 859; Pokorny 1959: 610; Fraenkel 1965: 980; Vasmer 1987: 601 etc.) merely repeat Per Persson’s (1893: 257) suggestion according to which Lith. šiẽnas, OChSl. sěno could be related to Gr. (Hesych.) κοινά· χόρτος; Grass’ (<*koi-no-, possibly neuter plural). Persson wrote: “Über die wurzel von κοινά, lit. szēnas, abg. sěno möchte ich nicht entscheiden” (“As to the root… I would not like to commit myself”) and he repeated the idea of Fick and Brugmann according to which the words under discussion could be connected with OInd. syānā- ‘trocken geworden’, śinā- ‘geronnen’, though Persson thought that the meaning ‘hay, grass’ could not be old. Būga (1959: 170) reconstructs Balt. *šěina-n (according to him OChSl. sěno < IE *koino-m would correspond to Lith. *šainas). Karulis (1992: 177) supposes that the word for ‘hay’ corresponds to an IE root *kei- underlying colour terms such as Lith. šyvas, šėmas ‘grey (of a horse)’. Die nachstehend angeführten Belege ermöglichen es, ein baltoslawisches Grundwort *šeina | šaina (Neutrum) zu rekonstruieren. Die lautlichen Entsprechungen weisen auf einen anlautenden Laut *ś-, der sich in Lit. šiẽnas zeigt und in einer Reihe baltisch-finnischer Lehnwörter als h- < *ś- erscheint (Fin. heinä, Est. hein, Wep. hein, Wot. einä und SEst. hain, Liv. āina, Sam. suoid’ne; vgl. Thomsen 1891: 223; Būga 1959: 170; Stang 1966: 54). Dieselbe Entsprechung zeigt sich im Fin. herne ‚Erbse‘, das auf ein baltisches Wort zurückgeht, das im Lit. žirnis ‚ebd.‘ widergespiegelt ist. Den Belegen der baltisch-finnischen Lehnwörter zufolge lassen sich zwei Reflexe des Stammvokalismus feststellen, nämlich -ei- und -ai- (vgl. Fin. heinä, Est. hein gegenüber SEst. hain, Liv. āina) sowie dem altkirchenslawischen sěno < *šaina zufolge. Die belegten baltischen Formen Lit. šiẽnas, Latv. siens geben keinen Aufschluss über den ursprünglichen Diphthong, da litauisches und lettisches ie ebenfalls auf *ai zurückgehen kann: vgl. Lit. dievas ‚Gott‘: Fin. taivas, Est. taevas ‚Himmel‘, Lit. piemuõ ‚Hirte‘: Gr. ποιμήν, Fin. paimen ‚Hirte‘ usw. Dies 2 | ROMUALDAS J. APANAVIČIUS berechtigt uns zu der Annahme, dass beide Formen (*šeina and *šaina) in den alten baltischen und slawischen Dialekten nebeneinander bestanden haben könnten (wenn auch nicht beide im selben Dialekt). OChSl. šeno und Fin. heinä weisen auf eine baltische Neutrumendung *-a hin (vgl. Fin. silta: Lit. tiltas ‚Brücke‘, OPr. assara-n, Rus. озеро: Lit. ežeras ‚See‘), die bei Mažiulis (1970: 84–87) erörtert wird. Eine morphologische Analyse ergibt eine Wurzel *šei-/šai- und ein Suffix -na- wie in Lit. bérnas, Latv. bèrns, Got. bairns ‚Kind‘: idg. *bʰer- ‚tragen‘ (Gr. φέρω, Lat. ferre, Goth. bairan usw.). Ich möchte hier die Vermutung wagen, dass Lit. šienas und OChSl. šeno von der idg. Verbalwurzel *kei- ‚liegen‘ abstammen. Idg. kei- ‚liegen‘ ist in den meisten idg. Sprachen belegt: Hitt. kitta(ri), Olnd. setē, Gr. κεῖται ‚liegt‘; mit m-Suffix: OIr. coim ‚lieb‘, Got. haims ‚Dorf, Flecken‘, Lit. šeima (> Fin. heimo), Latv. sàime, Rus. семья ‚Familie‘, OPr. caymis, Lit. kãimas ‚Dorf‘, kiẽmas, Latv. ciems ‚Dorf, Versammlungshaus‘; mit uo-Suffix: Olnd. sévah ‚vertraut, freundlich, lieb, wert‘, Lat. civis ‚Bürger‘, Got. heiwa-frauja ‚Hausherr‘, OHG. hīwa ‚Gattin‘, Latv. sìeva ‚Frau‘ (Pokorny 1959: 539–540; Rix 2001 s. v.). Eine Übersicht über die aus der idg. Wurzel *kei- ‚liegen‘ abgeleiteten baltischen Wörter (ohne Erwähnung von Lit. šienas, OChSl. šeno) findet sich bei Mažiulis (1993 s. v. caymis; 1993 s. v. keytaro), Toporov (1980 s. v. caymis). Die Argumentation, die ich zur Unterstützung dieser Hypothese vorbringen kann, beruht auf den folgenden semantischen Überlegungen. (i) Zu den obigen Beispielen könnten wir Lit. šiekstas, šieksta ‚im Wasser liegender Baum oder Strauch‘ (LKŽₓᵢᵥ 735–737), Latv. sieksts, sièksta (< *šei-sta-) (Karulis 1992: 176–177) hinzufügen, das ebenfalls mit idg. *kei- ‚liegen‘ in Verbindung gebracht werden könnte und hinsichtlich seines Ableitungsmodells eine gewisse Ähnlichkeit mit Lit. šienas aufweist. (ii) Got. hawi, Germ. Heu, Engl. hay, Schwed. hö ‚Heu‘ und Germ. heuen, Engl. hew, Schwed. hugga ‚Heu schneiden‘ gehen auf urgerm. *kau-i/u-o- ‚das, was geschnitten ist; das, was geschnitten werden soll‘ zurück (Onions 1966: 431, 439), das sich auf idg. *keh₂u- ‚schneiden, schlagen‘ zurückführen lässt (Rix u. a. 2001 s. v.). Wenn wir nun die Annahme akzeptieren, dass das, was geschnitten ist, am Boden liegt, lässt sich eine semantische Verbindung zwischen urgerm. *kau-i/u-o- ‚das, was geschnitten ist; das, was geschnitten werden soll‘ und balt. (oder baltoslaw.) *šeina/šaina herstellen; in diesem Fall könnten wir versuchen, Letzteres mit idg. *kei- ‚liegen‘ zu verbinden. Die germanischen Stämme könnten sich Heu als das Gras vorgestellt haben, das geschnitten worden ist (und daher auf dem Boden liegt), während die altbaltischen (und slawischen) Stämme es sich als das Gras vorgestellt haben könnten, das nach dem Schneiden niederliegt (vgl. Lit. pjauti šieną ‚Heu schneiden‘ und kirsti rugius ‚Roggen schneiden‘). Ein solcher Vergleich würde natürlich weitere typologische Parallelen aus anderen Sprachen erfordern. Was Gr. (Hesych.) κοινά ‚Gras, Heu‘ betrifft, ließe sich ein ähnlicher Ursprung und Aufbau annehmen (*koi-no- von der idg. Wurzel *kei-, die sich widerspiegelt in 1 Die Verwendung unterschiedlicher Verben für ‚Heu schneiden‘ und ‚Roggen schneiden‘ wurde mir von Prof. Vytautas Mažiulis mitgeteilt (persönliche Mitteilung). LITH. šienas, OCHSL. sēno ‘HAY’ AND IE *kei- ‘TO LIE’ | 3 Gr. κεῖται), andererseits könnte seine Ähnlichkeit mit den baltischen und slawischen Wörtern jedoch auch auf einer bloßen lautlichen und semantischen Koinzidenz beruhen. ABKÜRZUNGEN LIV – Lexikon der indogermanischen Verben. Die Wurzeln und ihre Primärstammbildungen. Unter Leitung von H. Rix, unter der Mitarbeit vieler anderer bearbeitet von M. Kümmel, T. Zehnder, R. Lipp, B. Schirmer. Zweite, erweiterte und verbesserte Auflage bearbeitet von M. Kümmel und H. Rix, Wiesbaden: Dr. Ludwig Reichert Verlag, 2001. LKŽ – Wörterbuch der litauischen Sprache I–XX, Vilnius, 1941–2002. ME – Lettisches Wörterbuch von Kārļis Mīlenbachs I–IV. Herausgegeben, ergänzt und fortgeführt von J. Endzelīns, Riga, 1923–1932. REFERENCES Būga, K. 1959: Rinktiniai raštai 2. Sudarė Z. Zinkevičius, Vilnius: Valstybinė politinės ir mokslinės literatūros leidykla. Fraenkel, E. 1965: Litauisches etymologisches Wörterbuch 2, Heidelberg: Carl Winter. Karulis, K. 1992: Latviešu etimoloģijas vārdnīca 2, Rīga: Avots. Mažiulis, V. 1970: Baltų ir kitų indoeuropiečių kalbų santykiai (deklinacija), Vilnius: Mintis. Mažiulis, V. 1993: Prūsų kalbos etimologijos žodynas 2, Vilnius: Mokslas. Onions, C.T. 1966: The Oxford Dictionary of English Etymology. Edited by C. T. Onions with the assistance of G. W. S. Friedrichsen and R. W. Burchfield, Oxford: University Press. Persson, P. 1893: Etymologisches. Beiträge zur Kunde der indogermanischen Sprachen (Bezzenbergers Beiträge) 19, 257–283. Pokorny, J. 1959: Indogermanisches etymologisches Wörterbuch 1, Bern–München: Francke. Stang, Chr. S. 1966: Vergleichende Grammatik der baltischen Sprachen, Oslo–Bergen–Tromsø: Universitetsforlag. Thomsen, V. 1891: Beröringer mellem de finske og de baltiske (litauisk-lettiske) sprog, København: Kongelige Danske Videnskabernes Selskab. Toporov, V. N. 1980: Прусский язык. Словарь, I–K. Москва: Наука. Trautmann, R. 1923: Baltisch-Slawisches Wörterbuch, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht. Vasmer [Фасмер], M. 1987: Этимологический словарь русского языка 3, Москва: Прогресс. Romualdas J. Apanavičius Gauta 2003 10 30 Laisvės pr. 42–159, 04341 Vilnius, Lietuva