Zur Prosodie in der Typologie
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ACTA LINGUISTICA LITHUANICA L (2004), 127 - 134 Zur Prosodie in der Typologie BOHUMIL VYKYPEL Ustav pro jazyk česky AV CR In the present paper an attempt is made to incorporate prosody into Vladimir Skalicka’s typology. Examples are taken from Lithuanian, English, and Chinese. 1. Bei unserer typologischen Beschreibung des Litauischen haben wir, Markus Giger und ich, festgestellt, dass in der Frage der Homonymie (Polyfunktionalität) der grammatischen Formanten (phonologischen Formen) ein grundsätzlicher Unterschied besteht je nachdem, ob die Prosodie in die Beschreibung einbezogen wird oder nicht (vgl. Giger, Vykypél 2001: 50f., 52, 71). Dies kann hier kurz (noch einmal) anhand der Deklination der Substantive vorgeführt werden. Auf der segmentalen Ebene stellt man im Litauischen eine für den flexiven Typ bezeichnende Homonymie fest: Den 67 litauischen Morphen (morphologischen Formen) entsprechen 47 phonologische Formen; die Homonymie ist somit durchschnittlich 1 : 1,43. Wenn man jedoch auch die suprasegmentale Ebene mit einbezieht, muss damit gerechnet werden, dass jede Endung nicht nur durch ihre phonologische Form (d.h. durch ihre Segmentierung oder durch eine gewisse phonematische Komposition) charakterisiert ist, sondern auch durch die ihr inhärente prosodische Eigenschaft, d.h. dadurch, in welche Interaktion sie bezüglich Akzent mit dem Stamm tritt. Wenn man also die suprasegmentale Ebene mit einbezieht und auch mit den prosodischen Eigenschaften jeder Endung rechnet, gibt es im Litauischen keine Homonymie, denn jede Endung verhält sich anders. So entsprechen der Endung -os auf der suprasegmentalen Ebene die Endungen -os, und -05,; -0S, nimmt den vom Stamm angebotenen Akzent an, ist aber selbst nicht aktiv, d.h. zieht ihn nicht an sich und drückt Genitiv Singular aus, während -os, den vom Stamm angebotenen Akzent nicht annimmt, ihn nicht an sich zieht und Nominativ Plural ausdrückt. Nochmals anders ist die Situation, wenn man auch die prosodischen Eigenschaften der einzelnen lexikalischen Stämme berücksichtigt. Die entsprechende Akzentuierung einer Wortform stellt nämlich die Resultante der prosodischen Eigenschaften des Stamms und der Endung dar: Entscheidend ist, zu welcher Akzentklasse das Lexem gehört; die differenzierende (d.h. die segmentale Homonymie beseitigende) Potenz der Endung kann dann durch die Eigenschaften des Stammes neutralisiert werden, und segmental gleiche Formen wie rankos (Genitiv Singular) und rankos (Nominativ Plural) bleiben homonym (beide werden auf dem Stamm akzentuiert: rankos), während ebenso segmental gleiche Formen wie galvos (Genitiv Singular) und galvos (Nominativ Plural) durch den Akzent unterschieden werden: galvös vs. gälvos.
128 | BOHUMIL VYKYPEL Wir haben konstatiert, dass eine auf die segmentale Ebene beschränkte Analyse für das Litauische offensichtlich unvollständig ist und beispielsweise das Litauische und das Lettische hinsichtlich der Homonymie ihrer Formanten auf der suprasegmentalen Ebene nicht vergleichbar sind, weil sie über unterschiedliche prosodische Eigenschaften verfügen, die verschiedene morphologische Auswirkungen haben. 2. Auf ein ähnliches Problem ist auch Horst Geckeler (2001: 114) bei seiner typologischen Beschreibung des Englischen gestoßen: „Die häufige Konversion zwischen Substantiv und Verb im Englischen (z.B. (the) fish > to fish) ist auf der graphischen Ebene stärker vertreten als auf der phonischen Ebene, da sich auf letzterer viele Wortpaare zumindest suprasegmental, d.h. durch die unterschiedliche Akzentstelle, unterscheiden, z.B. (the) compound / to compound, (the) consort | to consort, (the) increase / to increase.“ Die Konversion stellt ein gewisses lexikalisches Gegenstück zur Homonymie der grammatischen Formanten dar: Ähnlich wie die Funktion der homonymen grammatischen Formanten nur durch ihre Verbindung mit einer bestimmten Klasse der lexikalischen Formanten identifiziert werden kann, so kann auch die Funktion der in der Konversion auftretenden homonymen lexikalischen Formanten nur durch die Verbindung mit einer bestimmten Klasse der grammatischen Formanten (oder wenigstens mit einer bestimmten Klasse von Inhaltselementen, die nicht explizit ausgedrückt werden) identifiziert werden. Und ähnlich wie die segmental homonymen grammatischen Formanten durch ihre prosodischen Eigenschaften unterschieden können, so können auch die in der Konversion auftretenden segmental homonymen lexikalischen Formanten durch ihre prosodischen Eigenschaften unterschieden werden; Ersteres ist im Litauischen der Fall, Letzteres im Englischen!. 3. Vladimir Skali¢ka hat sich in seiner Theorie mit einem Problem dieser Art, d.h. mit den Effekten der Prosodie in der Morphologie, nicht beschäftigt. Dies ist auch nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass Skalickas Sprachtypologie zunächst auf den „Erfahrungsdaten“ aus den „prosodisch stumpfen“ Sprachen wie Türkisch, Ungarisch oder Tschechisch aufgebaut wurde. Einen Versuch zur Schaffung einer Akzenttypologie im Rahmen der Prager Typologie hat Tilman Berger (1990) unternommen. Seine Ausführungen stellen jedoch eine phonologische Implikation von den „morphologischen“ Grundeigenschaften der einzelnen Sprachtypen dar und betreffen somit die Frage, welche Funktionen der Akzent in den verschiedenen Sprachtypen hat oder — allgemeiner gesagt — wie das phonologische System in den einzelnen Sprachtypen oder in den Sprachen mit der Dominanz eines bestimmten Typs aufgebaut wird?. Er befasst sich jedoch nicht mit der Rolle der Prosodie beim Aufbau der signifiants und deren typologischer ! Viele Beispiele fiir die grammatische Funktion der Prosodie findet man bereits bei Sapir (1921: 82-85). ? Auch Skalicka selbst hat sich bekanntlich den phonologischen Implikationen seiner typologischen Theorie gewidmet (vgl. Skalicka 1967; 1979: 238-244, 307-311).
ZUR PROSODIE IN DER TYPOLOGIE | 129 Beurteilung. Einiges zu diesem Problem hat Jifi V. Neustupny (1959) in seinen Bemerkungen zum Akzent im Japanischen und Russischen beigetragen (vgl. noch unten). 4. Es stellt sich also die Frage, wie die morphologische Wirkung der prosodischen Elemente, welche die Homonymie beseitigen oder vermindern und somit diese als typologisches Kriterium problematisieren, zu beurteilen ist. Die eine Lösung besteht darin, dass die Homonymie aus der typologischen Betrachtung als typologisch relevente Erscheinung völlig gestrichen wird. Damit würde auch eine andere Tatsache korrespondieren, welche die Homonymie problematisch zu machen scheint, und zwar die Notwendigkeit, zwischen einer intraparadigmatischen und einer extraparadigmatischen Homonymie zu unterscheiden (hierzu vgl. Giger, Vykypėl 2001: 55f., 71). Die bessere Lösung ist jedoch eine andere (die auch natürlicher scheint): Die Homonymie wird als typologisches Kriterium beibehalten, und zwar an einer Stelle, die in der Implikationshierarchie der Typenkonstrukte niedriger ist (d.h. sie wird erst von den Grundeigenschaften der Typen abgeleitet), und die prosodischen Eigenschaften werden direkt in die Typen des Aufbaus der grammatischen Formanten, d.h. gleich auf dem Niveau der Grundeigenschaften der Typen, eingearbeitet. Die Grundeigenschaften der Typen bestehen in der Formulierung von Petr Sgall bekanntlich darin, wie die grammatischen Funktionen ausgedrückt werden. Während die lexikalischen Funktionen in allen Sprachtypen gleich ausgedrückt werden, und zwar durch eine Phonemkette, d.h. durch phonologische Formen oder Formanten, werden die grammatischen Funktionen verschieden ausgedrückt: Im polysynthetischen Typ durch die Anordnung der lexikalischen Formanten; im isolativen Typ gleich wie die lexikalischen Funktionen, d.h. durch Formanten, wobei diese selbstständig sind und als Wörter auftreten; im agglutinativen Typ gleich wie die lexikalischen Formanten, d.h. durch Formanten, wobei diese unselbstständig sind und als Affixe auftreten; im flexiven Typ durch eine Modifikation oder Alternation der lexikalischen Formanten, wobei diese am Ende der Formanten geschieht; im introflexiven Typ durch eine Modifikation oder Alternation der lexikalischen Formanten, wobei diese im Innern der Formanten geschieht (vgl. z.B. Sgall 1992: 204f.). Diese Unterschiede lassen sich auch als Unterschiede im Maß oder der Stufe des diskreten Charakters (der Abtrennbarkeit) der grammatischen und der lexikalischen Formanten auffassen (Jaroslav Popela spricht über die Stufe der Fusion zwischen den lexikalischen und den grammatischen Zeichen; vgl. z.B. Popela 1991). Im polysynthetischen Typ ist die Diskretheit sowohl der grammatischen als auch der lexikalischen Formanten gleich Null (die grammatischen Funktionen betreffen Komplexe von Formanten, nicht die einzelnen Formantenkomponenten). Im isolativen Typ ist die Diskretheit absolut. Im agglutinativen Typ ist sie in seinem komponentiellen Aspekt ebenso absolut, aber in seinem linearen Aspekt wird sie durch den affixalen Charakter der grammatischen Formanten relativiert. Der flexive Typ zeichnet sich durch verminderte Diskretheit der grammatischen Formanten aus; dies lässt sich mit Skaličkas (1938-39) Begriff der Schwankung in der Funktion der einzelnen Phoneme verbinden, die den betreffenden Formanten als seine Komponenten bilden: Im flexiven Typ drücken
130 | BOHUMIL VYKYPEL einige Teile sowohl der grammatischen als auch der lexikalischen Formanten ausschließlich grammatische resp. lexikalische Funktionen aus (d.h. sie sind diskret oder abtrennbar), während andere Teile gleichzeitig die grammatische und die lexikalische Funktion ausdrücken. Auf den ersten Blick wäre der introflexive Typ so zu definieren, dass einige Teile der lexikalischen Formanten ausschließlich die lexikalische Funktion ausdrücken, während alle Komponenten der grammatischen Formanten neben der grammatischen Funktion auch die lexikalische Funktion erfüllen, d.h. dass die Diskretheit der grammatischen Formanten gleich Null ist. Eine solche Formulierung ließe sich mit solchen Fällen begründen wie deutsch Vater — Väter, Bruder — Brüder, Mutter - Mütter oder englisch foot — feet, man — men. Man kann jedoch unter den als introflexiv bezeichneten Ausdrucksformen auch solche finden, deren Teile (Komponenten) gut als diskret betrachtet werden dürfen, d.h. die nur die grammatische Bedeutung ausdrücken: vgl. altbabylonisch aprus ‘ich trennte’, d.h. a- ‘1. Person Singular’, -u- ‘Präteritum’, p-r-s ‘trennen’, oder deutsch du beginnst — du begannst, d.h. du & -st “2. Person Singular’, -i- ‘Präsens’, -a- ‘Präteritum’, beg-nn- ‘beginnen’. Zugleich findet man Ausdrucksformen, in denen eine teilweise Fusion wie im flexiven Typ besteht (mit anderen Worten, in denen die Grenze zwischen dem lexikalischen und dem grammatischen Formanten schwierig zu bestimmen ist): vgl. altbabylonisch aparras ‘ich trenne’, wo a- ‘1. Person Singular’ bedeutet und das Präteritum durch die zwei Vokale a und die Reduplikation des zweiten Wurzelkonsonanten ausgedrückt wird. Der Unterschied des introflexiven Typs in Bezug auf den isolativen und agglutinativen Typ und den flexiven Typ, mit denen er die alternative Diskretheit und die teilweise Fusion gemeinsam hat, ist somit vielmehr so zu formulieren, dass der Ausdruck der grammatischen Bedeutung zwar diskret oder mit dem Ausdruck der lexikalischen Bedeutung teilfusioniert sein kann, dass er jedoch stets in den durch den Ausdruck der lexikalischen Bedeutung bestimmten Grenzen vor sich geht (dies kann eventuell auch als gemeinsamer Nenner oder Verbindungsglied zum polysynthetischen Typ in der „typologischen Spirale“ betrachtet werden). Schematisch lässt sich die Durchdringung, die Fusion der grammatischen und der lexikalischen Formanten etwa folgendermaßen darstellen (x, y = die einzelnen phonologischen Komponenten; 1 = lexikalische Funktion, g = grammatische Funktion): der polysynthetische Typ: (ye (xy) der isolative Typ: xy' x®y® (oder (xy) (xy)?) der agglutinative Typ: x'yIxeye (oder (xy)'(xy)?) der flexive Typ: x'ylexleye der introflexive Typ: x'ygylgy! 3 3 Nebenbei sei bemerkt, dass man in der Rolle der einzelnen phonologischen Komponenten beim Aufbau der Formanten die Erklärung für die Korrespondenz findet, die zwischen der Dominanz eines Typs in einer Sprache und dem graphischen System der betreffenden Sprache aufgestellt werden kann (vgl. Neustupny 1997: 36f.).
ZUR PROSODIE IN DER TYPOLOGIE | 131 Ähnlich sind die Verhältnisse, was die Wortbildung angeht. Der grammatischen Funktion entspricht die Beziehung zwischen dem Grundwort und dem abgeleiteten Wort, und beobachtet wird das Maß der Fusion zwischen dem Ausdruck dieser Beziehung und dem Ausdruck des Grundworts: Der polysynthetische Typ bevorzugt die Komposition, der isolative die Schaffung ganz neuer Wörter oder die Entlehnung, der agglutinative die Wortbildung durch Affixe, der flexive durch Konversion und der isolative durch Infixe oder Konversion. Ins angeführte Schema lassen sich dann leicht auch die prosodischen Eigenschaften eingliedern, indem sie einfach als eine der phonologischen Komponenten der gegebenen Formanten betrachtet werden und beobachtet wird, ob sie nur lexematische Funktionen oder nur grammatische Funktion, oder aber beides gleichzeitig ausdrücken. Ähnlich verfährt Neustupny (1959): Der Akzent stellt seiner Ansicht nach eine Komponente der Formanten dar - ebenso wie die Phoneme; der agglutinative Typ unterscheidet sich vom flexiven dadurch, dass im agglutinativen Typ der Akzent zum Morphem gehört, während er im flexiven Typ zum Wort gehört. Dies bedeutet also, dass der Akzent im agglutinativen Typ einen Teil entweder des grammatischen oder des lexikalischen Formanten darstellt, während er im flexiven Typ beide Formanten (mit)bildet. 4.1. Die englische Wortbildung durch Akzentverschiebung ist als introflexives Merkmal zu bewerten, denn die Akzentverschiebung geschieht im Rahmen, der durch den lexikalischen Formanten bestimmt wird (aus dem oben in $4 Gesagten folgt auch, dass der reine Ausdruck durch Prosodeme ex definitione introflexiv ist). Dieses introflexive Merkmal wird dabei allerdings mit Merkmalen anderer Typen kombiniert (so etwa des isolativen in the compound oder I compound, des agglutinativen in compounds oder compounded); es ist klar, dass es hier um eine Kombination typologisch verschiedener Formanten geht, und nicht um Formanten, die teilweise fusioniert worden wären. 4.1.1. Eine interessante Kombination der introflexiven mit der polysynthetischen Wortbildung durch Komposition findet man im Chinesischen: vgl. z.B. xiäojie ‘Fraulein’, d.h. xiūo ‘klein, jung’ + jiė ‘ältere Schwester’, wobei die zweite Komponente atonisch wird. Auf den ersten Blick findet man eine ähnliche Kombination im Falle der “Verben” in der Funktion von Präpositionen: Einige verbale Formanten treten in der Funktion von Präpositionen auf, was als Merkmal des polysynthetischen Typs zu bewerten ist, in dem gemäß Skalicka Lexeme auch grammatische Funktionen erfüllen können, und diese nichtverbale Funktion kann durch den Verlust der Toncharakteristik des Formanten begleitet werden: vgl. gängbi zai zhuözishang ‘Der Kugelschreiber liegt auf dem Tisch’ vs. wo zai beijing zhu “Ich wohne in Peking’, d.h. zai ‘sich (irgendwo) befinden’ vs. zai ‘in’. Der Ausdruck der grammatischen Funktionen durch Lexeme unterscheidet sich aus segmentaler Sicht allerdings grundlegend vom Ausdruck der grammatischen Funktionen durch die Anordnung der Lexeme (d.h. von der Grundeigenschaft des polysynthetischen Typs): Während im letzteren Falle die betreffenden grammatischen und lexikalischen Funktionen in ihrem Ausdruck vollkommen fusioniert sind, wird
132 | BOHUMIL VYKYPEL im ersteren Falle die lexikalische Funktion des gegebenen Formanten de facto auf Null reduziert, da nicht die lexikalische Funktion, die durch diesen Formanten in einer anderen Position ausgedrückt wird, durch die in der betreffenden Position ausgedrückte grammatische Funktion determiniert wird, sondern eine lexikalische Funktion eines anderen Formanten. Die grammatische und die durch diese determinierte lexikalische Funktion sind somit in ihrem Ausdruck diskret. Die Identifizierung eines Formanten in einer grammatischen Funktion mit einem Formanten in einer lexikalischen Funktion geschieht nur aufgrund der Identität ihrer phonologischen Komponenten. Daniel Weiss (mündlich) hat sogar vorgeschlagen, hier zwei Sprachtypen zu unterscheiden: den amorphen, in dem der Ausdruck der grammatischen Funktionen durch die Anordnung der Lexeme geschieht, und den polysynthetischen, in dem der Ausdruck der grammatischen Funktionen durch das Auftreten von Lexemen in den grammatischen Funktionen geschieht. Diese Unterschiedung würde eben durch das oben Gesagte begründet, ich glaube jedoch, dass sie nicht unbedingt nötig ist. Zunächst lässt sich ein guter gemeinsamer Nenner dieser zwei Ausdrucksweisen finden, und zwar die Rolle des (Satz)kontexts, denn die grammatische Funktion eines lexikalischen Formanten ist nur durch seine Position erkennbar oder gegeben, ebenso wie im Falle des Ausdrucks der grammatischen Funktionen durch die Anordnung der Lexeme die grammatische Funktion, die eine lexikalische Funktion determiniert, nur durch die Position des entsprechenden lexikalischen Formanten erkennbar ist; die Rolle des Kontexts kann auch mit Skalickas Parole formuliert werden, der polysynthetische Typ baue seine Grammatik auf der Semantik auf. Weiter kann die oben erwähnte Identifizierung eines Formanten in einer grammatischen Funktion mit einem Formanten in einer lexikalischen Funktion aufgrund der Identität ihrer phonologischen Komponenten auch so interpretiert werden, dass die lexikalische Funktion in der betreffenden Position potenziell wird (nicht aktuell ist), aber trotzdem im gegebenen Formanten enthalten ist; somit würde auch in diesem Falle die absolute Fusion einer grammatischen und einer lexikalischen Funktion in ihrem Ausdruck bestehen, wenn auch die grammatische Funktion nicht mit der durch sie aktuell determinierten lexikalischen Funktion fusioniert wird. Schließlich ist ein allgemeines Argument anzuführen, Ockhams Rasiermesser: entia non sunt multiplicanda sine necessitate. Auch die Sprachtypen sind nicht zu vermehren, wenn es nicht notwendig ist, d.h. wenn es einen Grund gibt, die zwei angeführten Ausdrucksweisen zu verbinden. Wenn aber die phonologischen Komponenten nicht völlig identisch sind — sei es nur auf der suprasegmentalen Ebene, wie im angeführten chinesischen Beispiel mit zai und zai —, so sind diese Formanten tatsächlich als isolativ oder agglutinativ zu bewerten. 4.2. Die oben ($1) angeführten litauischen Endungen und lexikalischen Stämme mit ihren prosodischen Eigenschaften stellen ein Merkmal des flexiven Typs dar: Ein Teil des Formanten bezieht sich nur auf die grammatische Funktion resp. auf die lexikalische Funktion (und zwar die phonematische Zusammensetzung der Formanten), ein anderer Teil bezieht sich auf beides (und zwar die prosodische
ZUR PROSODIE IN DER TYPOLOGIE | 133 Charakteristik des Wortes, die eine Resultante des Zusammenspiels zwischen der prosodischen Potenz des Wortstamms und derjenigen der Endung darstellt). 5. Zum Schluss muss allerdings noch eine allgemeine Bemerkung gemacht werden. Es ist ersichtlich, dass Skalickas Typologie tatsächlich als “Worttypologie” bezeichnet werden kann, wobei “Wort” in einem breiteren Sinn zu verstehen ist als minimale Verbindung lexikalischer und grammatischer Elemente (etwa als ‘Syntagma’ des frühen Hjelmslev, nicht als Zeichen von gewisser, aufgrund des signifiant definierter Art): Der Kern dieser Typologie ist tatsächlich “morphologisch”, wenn die Morphologie als Untersuchung der Minimalverbindungen lexikalischer und gramatischer Elemente verstanden werden soll. Es geht dabei allerdings eben darum, wie die “Ergebnisse” dieser Verbindung aussehen und nicht das, was verbunden wird. Ein (intro)flexives grammatisches oder ein (intro)flexives lexikalisches Zeichen (einen Formanten) könnte man beschreiben (definieren) auch als Komplex bestimmter Phoneme und Komplex bestimmter Regeln der Veränderung jeweils des anderen Teils der minimalen Verbindung: So hätte der Plural in deutsch Brüder einen Formanten, der durch Null und eine Fähigkeit, in einer bestimmten Weise den lexikalischen Formanten zu verändern, gebildet wäre. Der litauische Formans -os , würde gebildet durch die Phoneme o und s und durch seine Fähigkeit die prosodische Charakteristik der lexikalischen Formanten zu beeinflussen, und umgekehrt würde der litauische Formant galvgebildet durch die Phoneme g, a, / und v und durch die Fähigkeit, die prosodische Charakteristik beispielsweise des grammatischen Formanten -os, zu beeinflussen. Wenn die Dinge so aufgefasst würden, wäre indessen alles diskret (im anderen Sinne dieses Wortes und somit auch fiktiv), und Skalicka wäre ein Chomskyanischer Generativist ante litteras gewesen‘. LITERATURVERZEICHNIS BERGER, T. 1990: Zur typologischen Einordnung des russischen Akzents. Die Welt der Slaven 35, 370-380. GECKELER, H. 2001: Englisch und Französisch: ein typologischer Vergleich nach den Kriterien von V. Skalička. In: Lingua et Linguae. Festschrift für Clemens-Peter Herbermann zum 60. Geburtstag. Hrsg. von U. H. Waßner, Aachen: Shaker, 111-124. (Bochumer Beiträge zur Semiotik, Neue Folge, 6.) GIGER, M., VYKYPEL, B. 2001: Die Typologie des Litauischen und des Lettischen (mit einem allgemeinen Ausblick zu den Perspektiven der Prager Typologie). Sbornik praci filozoficke fakulty brnénské univerzity A 49, 45-86. NEUSTUPNY, J. V. 1959: Accent in Japanese and Russian (A Typological Study). Archiv orientälni 27, 122142. NEUSTUPNY, J. V. 1997: Typology in Prague: The legacy of Vladimir Skalicka. In: B. Palek (Hrsg.): Typology: Prototypes, Item Orderings and Universals (Proceedings of LP'96). Prague: Karolinum, 29-40. (Acta Universitatis Carolinae. Philologica 1996, 3-4.) 4 Allerdings stellt auch die oben (§4) angeführte Segmentierung eine Segmentierung einer aktuellen und einzelnen Wortform dar, keine Segmentierung einer Verbindung zwischen der Kategorie der lexematischen und derjenigen der grammatischen Zeichen, denn aus der Sicht einer solchen potentiellen und kategoriellen Verbindung besitzt jede Komponente der grammatischen Formanten im flexiven Typ auch die lexikalische Funktion und umgekehrt, da Lexeme und Grammeme hier eine untrennbare (synthetische) Einheit — das Wort -bilden (eine Gruppe lexikalischer Zeichen hat nur bestimmte grammatische Zeichen und umgekehrt, wodurch die grammatischen Zeichen auch die lexikalische Funktion mit ausdrücken und umgekehrt); somit wäre der flexive Typ vom polysynthetischen nicht unterscheidbar.
134 | BOHUMIL VYKYPEL POPELA, J. 1991: Prospects of V. Skali¢ka’s Linguistic Typology. In: B. Palek & P. Janota (Hrsg.): Proceedings of LP'90. Prague: Karolinum, 237-243. (Acta Universitatis Carolinae. Philologica 1992, 3-4.) SAPIR, E. 1921: Language. New York: Harcourt, Brace and Company. SGALL, P. 1992: Valenz und Typologie. Zeitschrift fiir Phonetik, Sprachwissenschaft und Kommunikationsforschung 45, 200-206. SKALICKA, V. 1938-39: O pojem morfému. Sbornik Matice slovenskej 16-17, 4-12. SKALICKA, V. 1967: Die phonologische Typologie. In: Phonetica Pragensia. Hrsg. von M. Romportl & V. Skalička. Praha: Universita Karlova, 73-78. (Acta Universitatis Carolinae 1967. Philologica, 6.) SKALICKA, V. 1979: Typologische Studien. Hrsg. von P. Hartmann. Braunschweig — Wiesbaden, Vieweg. (Schriften zur Linguistik, 11.) Bohumil Vykypel Gauta 2004 04 06 Ustav pro jazyk česky AV CR etymologické oddéleni Veveri 97 CZ-60200 Brno ([email protected])
