Zur Vorgeschichte des Inessivs im Urostbaltischen
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ACTA LINGUISTICA LITHUANICA LI (2004), 59 - 67 Zur Vorgeschichte des Inessivs im Urostbaltischen! ILJA SERZANT Universität zu Köln The article deals with the prehistory of the inessive in East Baltic. The iness. sg. of ä-stems in *-äjen is shown to be morphologically a very old formation that must have arisen before the loss of laryngeals in Baltic, and must be the oldest among the inessive forms. The fact that the inessive postposition *-€n also is unclear within Baltic entitles us to look for an explanation reaching back to IE. An immediate parallel can be found in Old Indic, where the locative sg. ending of the a-stems -äyäm provides a phonetically exact match for Baltic *-aién. In Indic the postposition -am is also restricted to the locative of ä-and i-stems (the latter have not survived in Baltic). The distribution of the postposition and its phonetic shape point to an IE postposition *-&m, an optional additional marker of the locative. 0. VORBEMERKUNGEN Die in der Inessivform Sg. der @-Stamme verbaute alte Lokativendung des Litauischen und Lettischen, die als *-ai (,, “steht für den Akut) anzusetzen ist, vgl. lit. galvoj-¢ und lett. galva, kommt in dieser Gestalt in keiner anderen idg. Sprache vor. In denjenigen idg. Sprachen, wo der Unterschied zwischen Langund Kurzdiphthongen noch intakt geblieben ist, finden wir einen Kurzdiphthong *-ai, vgl. z. B. gr. dial. boiot. rautn, wo -€ < *-ai < *-eh,-i (Rix 1976: 133). Die Rekonstruktion eines urbaltischen *-ai (so z. B. Stang 1966: 199) bedarf also einer Erklarung. 1. DER SINGULAR DER *a-, *-iiä- (¢)-STAMME 1.1. Die Endung des Inessivs ist hier nicht einfach deshalb alt, weil sie ungekiirztes *-ai- (so Zinkevičius 1982: 21) enthält. Die darin enthaltene Lokativendung *-ailäßt sich NUR als vorvokalische Sandhivariante des indogermanischen Lokativmorphems erklären: *-ah,-i-V > *-äj-V. Es ist auffällig, daß wir sie auch gerade in der vorvokalischen Position vorfinden, also vor der Inessiv-Partikel bzw. -Postposition *-én (zu diesem Ansatz s. unten). Andernfalls wäre *-äiwegen anderer Syllabifizierung auch gar nicht entstanden. Ą Es handelt sich hier um eine vollständigere Fassung zweier Vorträge: „HeKOoTOpkIe 3aMeTKH O BOCTOYHOÖAJITHÄCKOM JIOKaTuBe“, XXXIII Internationale Philologische Konferenz, Sankt-Petersburg, 5.-6. März 2004, Sektion „Baltische Sprachen: Historische Grammatik, Geschichte der Literatursprache“ sowie „DaZas piezimes par latviešu lokativu“ 40. Konferenz „Artura Ozola dienas“, Riga, 19.-20. März 2004. Für wertvolle kritische Bemerkungen sowie andersweitige Hilfe danke ich ganz herzlich Prof. J. L. Garcia-Ramön (Köln), Prof. D. Petit (Paris) und Prof. A. Holvoet (Vilnius), die jedoch mit mir nicht in allen Punkten dieser Arbeit einverstanden waren.
60 | ILJA SERZANT Zwar ist es theoretisch möglich, daß die vorvokalische Sandhivariante auch vor anderen vokalisch anlautenden Wörtern entstanden wäre, die Tatsache aber, daß sie gerade vor idg. *-En erhalten geblieben ist, spricht für ein sehr hohes Alter der festen Anbindung der Postposition idg. *-En an die alte Lokativform. Wahrscheinlich ist diese noch vor dem Schwund der Laryngale eingetreten, weshalb die vorvokalische Sandhivariante sich überhaupt erhalten konnte. 1.2. Die dabei zu erwartende vorkonsonantische Sandhivariante idg. *-eh,-i > *-ai > urbalt. *-ai (?) ist möglicherweise in den Formen des Adessivs noch enthalten, vgl. mergaip / mergaip < *-ai-p. 1.3. Desweiteren spricht folgendes für ein hohes Alter der Form des Inessivs Singular der -ä-Stämme: bei einer vorvokalischen Sandhivariante *-äj wäre in der 2. Akzentklasse nach de Saussure vor der Anfügung der Postposition eine Verschiebung des Iktus auf die Endung zu erwarten, d. h. *rank-oj > **ranköj. Diese Form wäre dann nach der Erweiterung der Form durch *-¢ zu **ranköje bzw. in Analogie zu den Mobilia, wo das Marginalitätsprinzip? wirkte, zu **rankoje geworden. Eine solche Akzentuierung findet sich aber nicht, und man muß somit annehmen, daß die Erweiterung um *-¢ vor der Wirkung des Saussureschen Gesetzes liegt, da bei dreisilbigen Wörtern das Saussuresche Gesetz zwischen der ersten und der mittleren Silbe nicht wirkte. 1.4. Ausgehend von der Tatsache, daß die Inessivendung -oje alt zu sein scheint, seian dieser Stelle noch eine Bemerkung zum Lettischen erlaubt. Man muß davon ausgehen, daß auch im Urlettischen eine ähnliche Allomorphie des Lokativs (*-ai vor # oder K, *-äj-V) existierte. Dabei mußte die zweite Variante *-ai nach der allgemeinen Auslautkürzung im Urlettischen *-i ergeben haben, was allerdings nicht belegt, aber mit Sicherheit zu rekonstruieren ist. Dieses *-i stimmte aber auch lautlich mit der Lokativ-Endung der o-Stämme *-o-i > *-ie > *-jüberein, und da diese Endung uneindeutig war’, wurde die a-stammige Endung nach dem folgenden Muster auf die o-Stämme übertragen: a-Stamme o-Stamme Primäre Endung *-1 *-1 Erweiterte Endung *-äji (< *-äjen) x x = *-äji. Erst der Zusammenfall der primären Lokativ-Endungen der ound ä@-Stämme ermöglichte die Übertragung der erweiterten Endung der a-Stamme auf die o-Stämme im Lettischen‘. Indirekt spricht also auch das Lettische zum einen dafür, daß es im Urostbaltito Nach diesem Prinzip durfte der mobile Akzent in den dreisilbigen Wortformen nur die erste oder die letzte Silbe betonen, niemals die mittlere, vgl. Stang (1966: 290 und 490 Anm. 1); Zubaty (1896: 276). Sie glich dem Dat. Sg. und Nom. Du. der a-Stamme, dem Lok. Sg. der ound ö-Stämme und dem Nom. PI. der o-Stämme. Vanags (1994: 125) erklärt die Gleichheit der Lokativendungen der ound a-Stimme durch den phonetischen Zusammenfall der alten Illativendungen -an > -@ und *-äna > *-an > -an > -ä. Dies kann aber nicht für diejenigen Mundarten gelten, die die alte Lokativendung bewahrt haben, z. B. die Endung des Lok. Sg. der ound a-Stame -ę < -ai < -ūji im Niederlettischen.
ZUR VORGESCHICHTE DES INESSIVS | 61 schen eine doppelte Vertretung der indogermanischen Endung des Lokativs Singular der a-Stamme gab, zum anderen, daß der erweiterte litauische Lokativ Singular der o-Stämme miske ganz jung sein muß (vgl. 2.1.3). 2. DIE ÜBRIGEN INESSIVENDUNGEN Im folgenden (2.1-2.3) wird gezeigt, daß die Postposition urbalt. *-¢ ursprünglich NUR im Lokativ Singular der -4-Stämme (und *-iia- (-£)-Stämme) zu Hause war und sich relativ spät durch Analogie auf den Plural sowie auf den Singular und Plural der anderen Stämme ausgebreitet hat. 2.1. Singular der *0-Stämme 2.1.1. Die alte idg. Endung des Lokativs Singular ist in erstarrten Formen wie namie, ankstie (belegt bei Zinkevičius 1966: 209 § 278), sowie im Adessiv Sg. namiep(i) überliefert. Die Intonation ist aufgrund der eben genannten primären Formen als Zirkumflex anzusetzen. Dies setzt genau die indogermanische Lokativendung *-o-i > *oi > ie fort. Die Entwicklung könnte man sich mit Stang (1966: 182-3) folgendermaßen vorstellen: *-oi (vgl. ai. ašve < *ekuoi) > *-ai > *-& > -ie. Die geläufige Endung des Inessivs lautet -e, z.B. miske (‘im Wald’). Diese Endung enthält die ursprüngliche idg. Endung, die zusätzlich, wie auch alle anderen Lokative, durch die Inessiv-Postposition *-&° erweitert wurde (vgl. Stang loc. cit.). Diese Inessivform (miske) ist folgendermaßen zu erklären: *misk& (< *-ai < *-o-i) + ¢ > *miškę“ > (Leskiensches Gesetz) miske (Stang loc. cit.) bzw. > miski in denjenigen Mundarten, wo jedes *en > i. Daraus ergibt sich, daß die Erweiterung der o-Stämme mit *-¢ relativ spät stattgefunden hat. Die Entstehung einer Form misk-e in einem früheren Stadium, als *-ai (< idg. *-oi) noch diphthongisch war, wäre unerklärlich, da *-ai + ¢ zu **-aje geworden wäre. Dafür spricht auch die Tatsache, daß sich im Litauischen eine große Zahl erstarrter Lokative Sg. der *0-Stämme erhalten hat, dies im Gegensatz zu den -4-Stämmen. 2.1.2. Die Anfügung der Postposition *-¢ muß vor oder während der Wirkung des Saussureschen Gesetzes stattgefunden haben, da sich erst durch die Verschmelzung der Endung *-€ und der Postposition *¢ inrate (2. Akzentklasse) der für die Verschiebung eine Voraussetzung bildende Akut in der zweiten und letzten Silbe ergeben konnte. Vor der Kontraktion wäre der Iktus nicht verschoben worden, da er bei der Verschiebung nach de Saussure keine Zwischensilben überspringen darf. 2.1.3. Für ein relativ junges Alter und eine ausschließlich litauische Entwicklung der Inessivform der o-Stämme spricht auch indirekt die Sachlage im Lettischen (vgl. 1.4). 3 Hier und weiter steht <> für die Intonation (Akut), nicht für den Iktus. 5 Der Einwand von Mažiulis (1970: 133.1), nach dem eine Kontraktion unbedingt zirkumflektierte Intonation hatte ergeben mūssen, ist nicht ganz berechtigt. Es geht hier erstens um eine wesentlich spätere Kontraktion, als z. B. diejenige der indogermanischen Vokale (wie z. B. im Dat. Sg. der oStämme *-o-ei), und zweitens erfolgte hier die Anfügung des *-En in Analogie zu dem Lok. Sg. der a-Stamme, folglich kann man hier auch die analogische Übertragung der akutierten Intonation auf das Kontraktionsergebnis (*-&-&n > *-&n analog zum Lok. Sg. der ä-St. *-aj-én > -En) nicht ausschließen.
62 | ILJA SERZANT Hier existierte vermutlich gar keine analoge Form, vielmehr hat das Lettische hier einfach die Inessivform der -4-Stämme eingesetzt. 2.2. Die Inessivendungen der iund u-Stämme 2.2.1. Die indogermanische Endung der u-Stämme war *-Öu, vgl. ai. sūnau, sl. cnınoy, somit sind lit. sänuje /sünuj, hochlett. tirguö (< *tirguöji) u.a. jung, da das -jder Postposition nur aus dem Lok. Sg. der -ūbzw. -i-Stamme zu erklären ist. Den Lokativ *sünü, der z.B. in sünuje/ sünuj enthalten ist, kann man ebenfalls nur durch das Leskiensche Gesetz aus *-Öu-# erklären’. Die Erweiterung -je muß zeitlich danach angetreten sein. 2.2.2. Anders ist die Situation bei den i-Stammen. Hier ist zwar die moderne Endung -yje (avyje) nach anderen Stämmen umgestaltet und daher jung, man findet aber im Zemaitischen Dialekt dafür -ie < -€ (Zinkevičius 1966: 231), in manchen lettischen Mundarten -ie, -€ (Endzelin 1951: 412) sowie im Katechismus des Mažvydas nakteie, schirdie, naktie, manieie (Stang 1966: 209, 211), die auf *-ėję oder z. T. *-iej& zurückgehen, und damit die alte i-stämmige Endung des Lokativs Singular *-či, vgl. ved. agnä, gr. altatt. röAnı, enthalten‘. Die Frage, ob diese Formen in den -i-Stämmen zu Hause sind oder ob sie über die *_(i)jas-Stämme aus den -€-Stämmen entlehnt sind’, ist schwer mit Sicherheit zu entscheiden. Man könnte die Erweiterung mit *¢ aufgrund der schwankenden Vorform *-ėjė vs. *-iėję (Stang 1966: 210f) so erklären, daß die alte Lokativform *-&i mit der von dem Lokativ Singular der 4-Stämme abstrahierten Erweiterung -je erweitert wurde und sich zunächst zu *-€ije'’ entwickelte. Dann aber haben die einzelnen Mundarten diese Form unterschiedlich behandelt, und zwar haben die einen sie vereinfacht — *-£ije > *-ėje > lit. -ėje, > lett. -ė — die anderen wiederum haben den Diphthong beibehalten und später lautgesetzlich zu -ieverändert: *-€ije > *-ieje > -ie. Die Zemaitische Endung -ie (< ė < *&je) kann auch von den *(i)jo-Stammen in die i-Stämme übernommen worden sein, in den *ijo-Stämmen kann sie wiederum von den £-Stämmen stammen, die ja im Zemaitischen und im Lettischen teilweise zusammenfallen (Endzelin 1922: 31). Eine solche oder ähnliche Entwicklung muß man ansetzen, da man sonst vor der Schwierigkeit stünde, die Erweiterung mit *-ė - abstrahiert: *-j¢ -in verschiedenen Gebieten relativchronologisch für zwei weit auseinanderliegende Zeitpunkte ansetzen zu müssen: entweder für die Zeit des Vorhandenseins von *éi (Zemait., lett. Mundarten) oder für die Zeit des Vorhandenseins von ie (lett. Mundarten). Man bedenke aber, daß dazwischen eine komplizierte Entwicklung liegt: *či > *ei > *& > ie. Gleich welchem Vorschlag man sich anschließt, Zinkevičius (1982: 27) erklärt diese Endung als in Analogie zu den i-Stämmen (-i) entstanden, wo sie aber auch (Zinkevičius 1982: 20-21) aus den konsonantischen Stämmen stammen soll. Die beiden Formen lassen sich doch aber unter Heranziehung des Leskienschen Gesetzes lautgesetzlich erklären: -u (< *-ūo < *-öu), -i (< *-ie < *-€i). Zumal die Zwischenstufen -uo und -ie verbaut in den lettischen und Zemaitischen Mundarten überliefert sind. Sicher ist die alte Endung in den Infinitiven auf *ti enthalten, vgl. lit. nordwestzem. -te, refl. -teis. Vgl. debesesu im Katechismus des Mažvydas, 291, (apud Kazlauskas 1958: 82) Lok. Pl. mit einer č- (< *ijä-) stämmigen Endung bei einem - synchron gesehen - i-Stamm (urspr. s-Stamm). “Nur so rekonstruiert sie Kazlauskas (1968: 154). Anders Stang (1966: 210).
ZUR VORGESCHICHTE DES INESSIVS | 63 muß man annehmen, daß die Erweiterung mit *-&/ -j¢ wesentlich später erfolgte als im Lok. Sg. der -a-Stamme, und zwar in Analogie zu den letztgenannten. 2.3. Der Inessiv Plural Die alte Pluralendung ist in nur wenigen Mundarten erhalten, vgl. Sird-isu, rankosu (Zinkevičius 1966: 237). Hier wurde zunächst die Form der o-, iund u-Stämme lautlich an den Illativ Pl. angeglichen, und zwar nach der folgenden Analogie zu den 4-Stämmen: Ill. Pl. -osna / Lok. Pl. -osu : Ill. Pl. -uosna (-ysna, -üsna) / Lok. PI. x, x = -uosu (-ysu, -üsu — -uose / -uosu nach den o-Stämmen), vgl. Stang (1966: 186, 213, 218)". Dies ist auch im Lettischen eingetreten, vgl. darbuös. Bei den -4-Stämmen ist die alte indogermanische Lok. Pl.-Endung nur in | wenigen Mundarten unverändert geblieben, vgl. Tverečius (Otrebski 1934: 228) Sakäsu, -ui, ruf käsui. -i steht hier in Analogie zu den verkürzten Lok. Sg.- Formen rwikäi < rarikoje. In den meisten Mundarten und der Hochsprache ist das auslautende -u in den Ausgängen aller Stämme durch das -e des Inessivs Singular, vgl. rankose, in den anderen wiederum durch das -a des Ill. Pl. ersetzt worden (Stang 1966: 186). Zuerst wurde wahrscheinlich die Pluralform der -#-Stämme erneuert: rankosu > rarikose (Ersatz, nicht Addition: **rankosve), danach dann auch die anderen Stämme. Die Bildungen mit der Erweiterung *-ė sind also in den Pluralformen des Inessivs jung. 3. DIE POSTPOSITION URBALT. *-én 3.1. Folgende Überlegungen führen zu der Rekonstruktion der Inessivpostposition des Urostbaltischen als *-En (< *ė): a) die Form Iness. Sg. vaik-i in denjenigen Mundarten, wo *-en > i und *-an > u, sowie die erweiterten Formen des Adjektivs, vgl. dangujejis sprechen für einen Nasal im Auslaut (vgl. Stang 1966: 182); b) die Intonation muß im Iness. Sg. der *0-Stämme aufgrund der Wirkung des Saussureschen Gesetzes als Akut angesetzt werden. Dies wird auch dadurch bestätigt, daß in allen Inessivformen auch das Leskiensche Gesetz (auslautendes akutiertes *-¢ > -e) gewirkt haben muß. Man vergleiche hier die Formen des Akkusativs und Instrumentals Singular der -a-Stamme: Akk.Sg.rarikq (< *-afi < *-am < *-eh,m) versus Instr. Sg. ranka (< *-an < *-än). Sollte man also annehmen, daß die akutierte Intonation nur im Singular der -o-Stämme erst infolge der Kontraktion entstanden ist, so steht man vor der Schwierigkeit, daß die anderen - nichtkontrahierten — Lokativformen nicht auf **-¢ (< **en), sondern auf-e (< *¢ < *ėn) ausgehen. Da die Intonation als Akut angesetzt werden kann, darf man für das Urbaltische von *-En ausgehen (Stang 1966: 128). " Zinkevičius (1966: 238) dagegen meinte, daß der Lok. Pl. auf -uose auf dem Akkusativ Plural und der Postposition *-én beruhe. Diese Meinung hat Stang (loc. cit.) mit schlagenden Argumenten kritisiert. Zu Stangs Erklärung könnte man noch einen formalen Grund hinzufügen: man findet keine Formen vom Typ **ratüose/ **ratuose (2), wie sie nach Zinkevi¢ius’ Erklärung ähnlich wie im Illativ Plural (s.d.) hätten entstehen müssen. Später schließt sich Zinkevičius (1982: 28) der Meinung Stangs an.
64 | ILJA SERZANT 3.2. Weiterhin muß man berücksichtigen, daß die Postpositionen im Litauischen, aber auch im Urlettischen, im Vergleich zu den entsprechenden (Präpositionen bzw.) Präfixen einer besonderen Schwächung unterlagen, vgl. lit. dievop(i) (nicht aus -pie), lett. majup ‘zu Hause’ (< *pi, nicht *-pie, das zu > **-pi geworden wäre) gegenüber pri£ / (pie), lett. pie, slav. npn, lit. rasikon (a) gegenüber lit. nuo, lett. no, slav. na. Leskiens Gesetz erklärt diese Schwächung nicht, da alle eben genannten Wörter zirkumflektiert sind. Diese Schwächung muß sehr alt gewesen sein, da sie den indogermanischen Ablaut widerspiegelt. Lit.- lett. nuo wäre in beiden Sprachen zu nu, nicht zu -na gekürzt. Die Form *na läßt sich als eine baltische Vollstufe zu dem als Dehnstufe aufgefaßten *nö ( < (?) *noH, *nö) erklären. Zu dieser Gruppe gesellt sich auch idg. *som ‘zusammen’, daß in präfigierter Form bei den Substantiva im Litauischen, Lettischen und Slavischen die Vollstufe aufweist, vgl. lit. samdas, lett. sūods (< *sands) und sonst im lettischen Präfix sa- (< *sam-), sl. cxa% gegenüber der präpositionalen Form des Litauischen su (Lett. ar — nicht verwandt) und Slav. ¢w. In Analogie dazu würde man zu dem im Lettischen gut belegten Präfix ie- (< *en-) eine geschwächte Postposition erwarten, nämlich *-in (<*-n), die auch im Litauischen als Präposition į vertreten ist!?. Wir haben aber *¢ < *-En. Diese Tatsache spricht erstens gegen die etymologische Verbindung von *-¢ und idg. *en, lett. ieund zweitens dafür, daß die Bildung des Inessivs Sg. der @-Stämme außerhalb dieses Ablautsystems gehalten werden soll, und zwar deshalb, weil diese, wie in 1.1 und 1.3 dargelegt, schon aus der Grundsprache in dieser Form ererbt worden war. 4. DER AUSSERBALTISCHE VERGLEICH 4.1. Die innersprachliche Untersuchung der Formen des Lokativs und Inessivs im Baltischen zeigt, daß die Inessivform Singular der -#-Stämme (sowie der -£-St. < *-ija-St.) mit Abstand die älteste unter den Inessivformen ist. Ihr Alter reicht bis in die Zeit vor dem Schwund der Laryngale. Von dieser Form aus breitete sich das Element *-¢ (bzw. abstrahiert: -je) auf alle anderen Endungen des Lokativs aus, und so enstand im Urostbaltischen ein „markierter Lokativ“, d. h. Inessiv. Die Frage nach der Herkunft und Etymologie dieser Postposition ist bisher ungelöst. Stang (1966: 182) bringt sie in Verbindung mit der Präposition *h en(i) (lett. ie-k3a, gr. év, eis, lat. in u.a.). Die Schwierigkeit liegt aber darin, wie Stang (loc. cit.) auch selbst bemerkt, daß für unsere Postposition aufgrund des Akuts Länge (*En) zu rekonstruieren ist (3.2). In dieser Gestalt kommt aber die Präposition *en im Indogermanischen nicht vor. 4.2. Ich möchte hier aufgrund der ursprünglichen Distribution (nur Lok. Sg. der -ä-Stämme°) und aufgrund der Lautgestalt'* die baltische Postposition *én in direkten 12 Girdenis (1980) stellt fest, daß in der Mundart bei Kretinga (im Ziwatas, XVIII Jh.) für die aukšt. Präposition į die Präposition y gebraucht wird, die auf *en zurückgeht. Daneben, jedoch seltener, kommt auch i = aukšt. į vor. Diese Allomorphie bezeugt m. E. nur, daß in dieser Mundart die ursprüngliche Verteilung der Voll- (*en) und Nullstufe (*n) nicht mehr aufrechterhalten ist. Im Altindischen kommt die Postposition -äm ursprünglich noch bei den i-Stämmen (devyam) und beim Pronomen vor (tdsyam). Die -i-Stämme sind im Baltischen nicht erhalten und die pronominale Flexion wurde im Baltischen im Lokativ Sg. durch die nominale ersetzt (Stang 1966: 244-245). Urbaltisches auslautendes *-m wird lautgesetzlich zu *-n (Stang 1966: 114). 13 14
ZUR VORGESCHICHTE DES INESSIVS | 65 Zusammenhang mit der altindischen Postposition -am (vgl. zu ai. sena (f) ‘Heer’, Lok. Sg. sénay-am) bringen, und zwar wäre als gemeinsame Vorform idg. *&m anzusetzen. Daß diese Postposition nur in diesen beiden Sprachfamilien auftaucht, wäre dadurch zu erklären, daß diese voreinzelsprachlich nur fakultativ neben der postpositionslosen Form des Lokativs gebraucht wurde, wie man das ja auch für das Urbaltische und sogar noch das Urlitauische und Urlettische annehmen muß - vermutlich diente sie zur Spezifizierung der lokalen Verhältnisse. 43. Für die Altertümlichkeit der Erweiterung -ūm im Indischen sprechen folgende Tatsachen: a) die erweiterte Form ist nicht nur im klassischen Sanskrit, sondern auch im Vedischen im Lokativ Singular der -4-Stämme obligatorisch. In der Regel treten die späteren erweiterten Formen anderer Kasus nur in einer der beiden Sprachen auf; b) die bisherige Erklärung (Wackernagel-Debrunner 1930: 121; Thumb-Hauschild 1959: 46-7) des indischen Elements -am (in senayam), die von einer etymologischen Zugehörigkeit zur avestischen Postposition (im Indischen Präund Postposition) -4 /a ausging, stößt auf erhebliche Schwierigkeiten, und zwar muß diese Hypothese von einer doppelten Erweiterung - zunächst um -4 (das auch im Avestischen als Postund Präposition bzw. Präfix fungiert), dann noch um ein unklares -am, ausgehen. Bei einer solchen, erst indischen Kontraktion sollte prinzipiell auch die zweisilbige Lesung in den vedischen metrischen Texten auftauchen, da ja hier chronologisch viel frühere, indogermanische Kontraktionsfälle (z.B. Genetiv Plural *-0-om > *-öm) zum Teil noch zweisilbig sind. Dies ist jedoch nicht der Fall. Oldenberg (1888: 185) erwähnt in seiner Liste aller Fälle, bei denen die zweisilbige Lesung im Vedischen vorkommt, den Lok. Sg. nicht. Während im Indischen nur die Form des Lokativs Singular der -@- und -i-Stamme die Postposition *-ėm enthält", die anderen Formen des Lokativs aber nur gelegentlich mit -a verdeutlicht werden, z. B. ved. Lok. Pl. apsv-a, hat sich im Iranischen und vor allem im Altpersischen auf ähnliche Art und Weise wie im Baltischen, mit Hilfe Letzgenannter Postposition ein „Inessiv“ -4 herausgebildet, was daraus zu ersehen ist, daß die Postposition -@ im Altpersischen bei den meisten Lokativendungen obligatorisch geworden war. Es scheint also, daß im Avestischen und Altpersischen im Lokativ Sg. der -4-Stämme die Postposition -4 die ältere, schon vom Indogermanischen her in dieser Form ererbte Postposition *-ėm > **-äm verdrängt hat. 5. FAZIT Die Untersuchung des urostbaltischen Lokativs Sg. der -a-Stamme führt zu folgenden Ergebnissen: 1) Die Erhaltung der vorvokalischen Sandhivariante des Lokativmorphems *-eh, i-V gerade in einer vorvokalischen Position weist darauf hin, daß die Form des Inessivs Sg. der -a-Stamme im Baltischen uralt ist. 2) Die nichterweiterte Endung muß für das Urostbaltische aufgrund der Adessivformen 5 Möglicherweise enthält nach Wackernagel-Debrunner (1930: 121) die Form des D. Abl. Instr. Du. auf -bhyam ebenfalls diese Postposition.
66 | ILJA SERZANT als *-ai angesetzt werden (1.2). Die Art der Intonation kann leider nicht bestimmt werden. Man könnte aber vermuten, daß es sich hierbei um ein zirkumflektiertes *-ai handelte. In diesem Fall würde diese Endung die indogermanische Lokativendung *-eh,-i vor Pausa oder Konsonant fortsetzen. 3) Der sprachhistorische Vergleich aller heutigen Inessivformen hat gezeigt, daß die Form des Inessivs Sg. der -a-Stamme die älteste ist und daß sie den Ausgangspunkt für die Ausbreitung der abstrahierten Postposition *-¢ bzw. -je bildete. 4) Die Punkte 1 und 3 eröffnen die Möglichkeit, die Form des Inessivs Sg. auf urbalt. *-ąjėn aufgrund der lautlichen und distributiven Übereinkunft mit der altindischen Form des Lokativs auf -ūyam zu verbinden. Dafür ist die Annahme notwendig, daß die altindische Verteilung der Postpositionen -4 und -ūm im Gegensatz zu den iranischen Sprachen das Ursprüngliche darstellt (lectio difficilior), daß die Verallgemeinerung der Postposition -a im Iranischen für den markierten Lokativ auf späterer Analogie beruht sowie daß auch die unerweiterte Lokativform im Indoiranischen noch lebendig war. BIBLIOGRAPHIE ARUMAA, P. 1930: Litauische mundartliche Texte aus der Wilnaer Gegend. In: Eesti Vabariigi Tartu Ulikooli Toimetused. Acta et Commentationes Universitatis Tartuensis, B Humaniora XXIII. Dorpat (Tartu). ENDZELIN, J. 1922: Zur baltischen Deklination der „ablautenden“ (i)io-Stämme. Kuhns Zeitschrift 50, 13-35. ENDZELIN, J. 1951: Latviešu valodas gramatika, Riga: Latvijas valsts izdevnieciba. GiRDENIS, A. 1980: Del vieno prielinksnio formos XVIII a. šiaurės žemaičių kretingiskiy tarméje. Baltistica 16 (2), 111-115. KAZLAUSKAS, J. 1968: Lietuvių kalbos istorinė gramatika, Vilnius: Mintis. Mažiuris, V. 1970: Baltų ir kitų indoeuropiečių kalbų santykiai (Deklinacija), Vilnius: Mintis. ME = Mülenbachs-Endzelins: K. MULENBACHS, Latviešu valodas vardnica. Redišėjis, papildinäjis, turpinäjis J. ENDZELINS. 2. negrozits izdevums. 6 Bde. Cikäga: Baltu filologu kopa, 1954. OLDENBERG, H. 1888: Die Hymnen des Rig-Veda. Metrische und textgeschichtliche Prolegomena, Berlin: Wilhelm Hertz. OTREBSKI, J. 1934: Wschodniolitewskie narzecze Twereckie. Częšč I: Gramatyka, Krakow: PAU. Rıx, H. 1976: Historische Grammatik des Griechischen. Lautund Formenlehre, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Rosınas, A. 1999: Inesyvo ir adesyvo formy kilmes ir raidos klausimu. Baltistica 34 (2), 173-183. SERZANT, I. 2003: Intonationen in den suffixalen und Endsilben im Lettischen. Synchronie und Diachronie. Baltu filologija 12 (1), 83-123. SERZANT, I. 2004 K Bonpocy 06 obpasoBaHuu aneccusa. Acta Linguistica Lithuanica 51, 49-57. STANG, Chr. S. 1966: Vergleichende Grammatik der baltischen Sprachen, Oslo etc.: Universitetsvorlaget. THumB-HauscHiLD 1959: Handbuch des Sanskrit. Eine Einführung in das sprachwissenschaftliche Studium des Altindischen von Albert Thumb. 11. Teil: Formenlehre. Dritte stark umgearbeitete Auflage von Richard Hauschild, Heidelberg: Winter. Tororov, V. V. 1968: Jlokamue e cnasanckux A3bikax, Mocksa: Hayka. Vıpusirıs, A. 1959: Kai kurios Zietelos tarmės ypatybės. Lietuvių kalbotyros klausimai 2, 195-230. WACKERNAGEL-DEBRUNNER 1930: Altindische Grammatik von Jacob Wackernagel. 111. Band: Nominalflexion-Zahlwort-Pronomen von Albert Debrunner und Jacob Wackernagel, Göttingen: Vandenhoeck u. Ruprecht.
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