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Gedanken zur Grammatikalisierung (frei zusammenhängende Bemerkungen)

Bohumil Vykypěl

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ACTA LINGUISTICA LITHUANICA LII (2005), 119-156 Gedanken zur Grammatikalisierung (frei zusammenhangende Bemerkungen) BOHUMIL VYKYPEL Ustav pro jazyk česky AV CR The present paper deals with the notion of grammatical elements of language (as opposed to lexical elements). Two conceptions of grammaticity are distinguished: the one concen- trating on content and the one concentrating both on content and on expression (i.e., concentrating on signs). Further, the concept of grammaticalization formulated by Chris- tian Lehmann is compared with Prague School typology. In conclusion, a few remarks are made on the relationship between grammaticalization theory and the general linguistic method. 1. Eines der Themen, mit denen sich allgemeine Sprachwissenschaftler heutzutage haufig befassen, scheint die sog. Grammatikalisierung zu sein. Im gewissen Sinne am Anfang dieses erneuerten Interesses steht bekanntlich die programmatische Arbeit von CHris- TIAN LEHMANN Thoughts on grammaticalization. Sie ist vor einiger Zeit neu erschienen (Lehmann 2002), und ich nehme so die Gelegenheit wahr, mir ebenfalls einige Gedanken zur Grammatikalisierung zu machen. Lehmanns Buch ist leider ein Fragment (und der angemeldete zweite Teil sieht — insbesondere vom Gesichtspunkt der Allgemeinen Sprach- wissenschaft aus — noch interessanter aus...), trotzdem stellt es unbestritten den theore- tisch konsistentesten Beitrag zum Problem und tiberhaupt ein allseitig interessantes und lehrreiches Buch dar. Und was den fragmentaren Charakter angeht, so hat doch niemand geringerer als Louis Hjelmslev (1968: 114) geschrieben, nichts sei fiir den Wissenschaft- ler schooner als das vor sich zu sehen, was noch zu schaffen ist. Vor der eigentlichen Abhandlung seien allerdings (z.T. anmeldend) noch zwei Anmer- kungen gemacht: 1.1. Als er den Begriff der Typologie behandelte, unterteilte Petr Sgall (1971) die Un- terschiede zwischen den sprachwissenschaftlichen Disziplinen, die sich Typologie nen- nen, in zwei Hauptgruppen: jene, die darin bestehen, dass ein einziges Wort (namlich Typologie) fiir unterschiedliche Begriffe benutzt wird, und jene, die darin bestehen, dass ein Wort (namlich Typologie) fiir verschiedene Auffassungen desselben zugrundeliegen- den intuitiven Begriffs gebraucht wird. Mit etwas dhnlichem hat man es beim Ausdruck Grammatizitat zu tun: Der erste von Sgall behandelte Fall kommt vor im (auch von Lehmann 2002: § 2.1. anschaulich beschriebenen) Unterschied zwischen dem ,,amerika- nischen® Konzept der Grammatizitit als der ,,Richtigkeit und dem ,,europaischen®, in Fiir sprachliche Korrektur und inhaltliche Inspiration danke ich Markus Giger (Prag). 120 | BOHUMIL VYKYPĖL dem die grammatischen Entitaten im Gegensatz zu den lexikalischen betrachtet werden; dem zweiten Fall begegnet man im Unterschied zwischen den verschiedenen Auffassun- gen des europaischen Konzepts der Grammatizitat. Im Folgenden werde ich mich — wie auch Lehmann — natūrlich nur mit dem zweiten Fall befassen (auch wenn ich an einer Stelle unerwartet zum ersten auch komme). 1.2. Allgemein stellt sich die Frage, weshalb man sich eigentlich mit der Grammatizitit und der Grammatikalisierung tiberhaupt befassen soll. Eine vorlaufige Antwort kann lauten: Weil diese eines der linguistischen Beschreibungs- und Erkldarungsinstrumente darstellen. Auch dazu komme ich noch spiter. 2. Eines der immer wieder — einmal mehr, ein andermal weniger — v.a. in der europdi- schen sprachwissenschaftlichen Tradition behandelten Probleme ist der merkwiirdige Un- terschied zwischen den sog. lexikalischen und den sog. grammatischen Entitaten der Spra- che: Man glaubt, einige Elemente der Sprache — seien es (je nach der allgemeinen Auffassung von der Sprache bei den jeweiligen Forschern) die Zeichen, die Inhalte der Zeichen oder Bestandteile der Inhalte der Zeichen — in diese zwei gro3en Gruppen unter- teilen zu konnen oder sogar zu missen. Im Allgemeinen lassen sich die Grammatizitéts- oder Grammatikalisierungstheorien in zwei grole Gruppen unterteilen. Die einen Fors- cher suchen ihre Kriterien der Grammatizitat (Grammatikalisierung) nur im Inhaltsplan (wie immer auch dieser aufgefasst wird), die anderen berticksichtigen zudem noch, wie die zu untersuchenden Inhaltselemente ausgedriickt werden. 2.1. Wie sich noch spiter zeigt, ist es in unserem Kontext wichtig zu erwahnen, dass einer der Sprachwissenschaftler, die in die erste Gruppe gehoren, PETR SGaLL ist. Sgalls Formulierung der sog. typologischen Dominanten (vgl. zuletzt Sgall 2004) besteht da- rin, dass gewisse Elemente der sog. tektogrammatischen Ebene der funktional-genera- tiven Beschreibung — die grammatischen Elemente — in den einzelnen Sprachtypen vers- chieden ausgedriickt werden, so dass der Ausdruck der grammatischen Elemente fiir ihre Definition als grammatische nicht relevant ist. Den Teil der tektogrammatischen Ebene, den die grammatischen Elemente ausmachen, hat Sgall allmahlich erweitert. Zunichst zahlte er hierher nur die sog. syntaktischen Werte oder Funktoren (Sgall 1979: 8, 10), spater bezog er auch die sog. morphologischen Werte oder Grammateme ein (Sgall, Hajicova, Panevova 1986: 271), schlieBlich spricht er ūber den grammatischen Teil der tektogrammatischen Ebene, den die morphologischen Werte oder Grammate- me, die syntaktischen Werte oder Funktoren, der Valenzbegriff und die sog. aktuelle Gliederung (funktionale Satzperspektive) bilden (vgl. Sgall 1992a: 204). Dieser gram- matische Teil wird den Lexemen gegentibergestellt. Der Ausdruck der grammatischen Elemente kann folglich fiinffach sein, und aufgrund von ihm werden fiinf Sprachtypen als Konstrukte aufgestellt: I. Ausdruck durch die Reihenfolge von Phonemsukzessionen (Morphen), welche die nichtgrammatischen Funktionen ausdriicken = der polysynthetische Typ; 2. gleich wie die nichtgrammatischen Funktionen, d.h. durch Phonemsukzessionen (Morphe), wobei diese in Form von Wortern auftreten, d.h. den die nichtgrammatischen Funktionen ausdriickenden Sukzessionen nicht angefiigt werden = der isolierende Typ; 3.gleich wie die nichtgrammatischen Funktionen, d.h. durch Phonemsukzessionen GEDANKEN ZUR GRAMMATIKALISIERUNG | 121 (Morphe), wobei diese in Form von Affixen auftreten, d.h. den die nichtgrammatischen Funktionen ausdrūckenden Sukzessionen angefūgt werden = der agglutinierende Typ; 4.durch Variierung (Modifizierung) von Phonemsukzessionen (Morphen), welche die nichtgrammatischen Funktionen ausdrūcken, wobei diese Variierung am Ende (oder al- lerdings auch am Anfang) der Sukzessionen geschieht = der flektierende Typ; 5.durch Variierung (Modifizierung) von Phonemsukzessionen (Morphen), welche die nichtgrammatischen Funktionen ausdriicken, wobei diese Variierung im Innern der Suk- zessionen geschieht = der introflexive Typ. Was nun die Definition der grammatischen Elemente der tektogrammatischen Ebene angeht, so ist es offensichtlich, dass die hier als grammatisch genannten Elemente oder Funktionen mit dem einen der zwei Grundpfeiler der sprachlichen AuBerung von ViLim MarnEsius, dem Akt der „Verknūpfung“, des In-Beziehung-Setzens oder dem syntakti- schen Akt korrespondieren, und Mathesius stellte tatsachlich (wohl vermittelt durch die Sprachtheorie von Vladimir Skalicka) eine wichtige Inspirationsquelle fiir Sgall dar. In der genial einfachen Konzeption seiner , funktionalen Grammatik“ unterschied Mathe- sius bekanntlich zwei grundlegende Akte, zwei „Pfeiler“, durch die jede Aussage gebildet wird: den Akt der Benennung oder onomatologischen Akt und den Akt der Verkniipfung, des In-Beziehung-Setzens oder syntaktischen Akt. Die sprachlichen Elemente sind dann in ihrem Bedeutungs- (oder Inhalts-)aspekt in zwei Gruppen zu unterteilen: diejenigen, die primar dem onomatologischen Akt dienen, und diejenigen, die primar dem syntakti- schen Akt dienen. Es ist folglich notwendig, zunichst zu beschreiben, wie die betreffende Sprache benennt und wie sie das Benannte in Beziechungen setzt. Erst danach kann man sich mit der „Morphologie“ befassen, die als Lehre ūber die Gruppierung der sprachli- chen Mittel nach ihrer formalen Verwandtschaft aufgefasst wird und daher quer durch die beiden Teile der Sprachbeschreibung, die Lehre liber die sprachliche Benennung (die Onomatologie) und die Lehre ūber das In-Beziehung-Setzen (die funktionale Syntax) geht. (Vgl. Mathesius 1929; 1936; 1975; Danes 2003.) Ahnliches findet man bei Louis HiELmsLEV. Zunichst — in seiner priglossematischen Periode — spricht Hjelmslev ūber den Unterschied zwischen Semantemen und Morphe- men. Die Semanteme sind die verbundenen Elemente, die Morpheme die verbindenden (Hjelmslev 1972: 52, 62; 1973: 85): „Det skal forstaas saaledes, at semantemerne er de elementer, der barer rakkens meningsindhold, og morfemerne de elementer, der for- mer dette meningsindhold paa en bestemt grammatisk maade“ (Hjelmslev 1972: 52f.); „les catégories de sémantemes expriment sans ambiguité des catégories de notions (...) les catégories de morphémes expriment sans ambiguité des relations entre les notions™ (Hjelmslev 1928: 210); „Ies morpheémes indiquent les rapports entre les sémantémes™ (Hjelmslev 1973: 87). Man sieht, dass Hjelmslev in die Nahe von Mathesius gelangt: Die Semanteme benennen, die Morpheme ,,verkniipfen®, setzen in Beziehungen (primar oder sekundar). Hjelmslevs spatere glossematische Sprachtheorie lasst sich in diesem Punkt als eine Art Formalisierung betrachten. Auch beim glossematischen Hjelmslev findet man eine Unterteilung der Sprachelemente, die mit der traditionellen Unterteilung in die lexika- lischen und die grammatischen korrespondiert. Im Einklang mit seiner Sprachtheorie stellt Hjelmslev diese zwei grundlegenden Gruppen sowohl im Inhaltsplan als auch im 122 | BOHUMIL VYKYPĖL Ausdrucksplan fest, und die Glieder dieser Kategorien werden bei ihm durch die poten- tiellen Bestandteile der Zeichen gebildet oder genauer durch ausdruckslose Elemente im Inhaltsplan und inhaltslose Elemente im Ausdrucksplan. Die Benennung der Kategorien hat Hjelmslev geandert. Geandert hat sich auch die Eigenschaft, durch welche diese Ka- tegorien definiert sind, aber immer wieder ging es — aus dem Glossematischen in eine allgemein vielleicht verstandlichere Sprache iibersetzt — um die potentielle (primére oder sekundire) Fahigkeit der einen („grammatischen“) Elemente die anderen (,,lexikali- schen®) zu verbinden oder in gegenseitige Beziehungen zu setzen. (Vgl. v.a. Hjelmslev 1959: 139-164; 1973: 243-254.) In unserem Kontext ist es jedenfalls wichtig, dass Hjelmslev sein Kriterium der Gram- matizitat nur innerhalb des jeweiligen Plans findet: Der Ausdruck der grammatischen Inhaltselemente ist hinsichtlich ihrer Definition nicht relevant, denn er gehort nicht zur Sprache als dem Sprachbau (der durch die zwei Plane gebildet wird), sondern zum Sprach- gebrauch, und zwar seinem Zeichenaspekt. 2.2. In die zweite oben (§ 2) erwahnte Gruppe der Grammatizitatstheorien gehort unter anderen der zweite Sprachwissenschaftler, der neben Sgall die Prager typologische Theo- rie weiterentwickelt hat, JARosLAv PopeLA. Popela hat bekanntlich die typologischen Do- minanten alternativ zu Sgall formuliert. Die erste Eigenschaft, durch welche sie definiert werden, stellt die Tatsache dar, ob der Typ grammatischen Zeichen giinstig ist oder nicht. Das Positive gilt fiir den isolierenden, den agglutinierenden, den flektierenden und den introflexiven Typ, das Negative hingegen fiir den polysynthetischen Typ. Die ,,grammati- schen“ Typen werden folglich nach zwei weiteren Eigenschaften unterteilt, der Kumulie- rung von Semen (Inhaltselementen) in grammatischen Zeichen und der Stufe der Fusion zwischen dem lexikalischen und dem grammatischen Zeichen: Im isolierenden und im agglutinierenden Typ besteht keine Kumulierung, wahrend sie im flektierenden und in- troflexiven vorkommt; die Fusion ist im isolierenden Typ minimal, im agglutinierenden grofler, im flektierenden noch groBer, und maximal ist sie im introflexiven Typ. (Vgl. Popela 1991, 1998.) Es ist also ersichtlich, dass Popelas Auffassung der Grammatizitit, mit der er in seiner Definition der Grundeigenschaften der Sprachtypen arbeitet, eine Grammatizitdt von Zeichen darstellt. Der polysynthetische Typ ist nicht deswegen nichtgrammatisch, weil er in seinem Inhaltsplan gleiche oder dhnliche (grammatische) Elemente wie die gramma- tischen Typen nicht enthalten hatte, sondern deswegen, weil diese Elemente im polysyn- thetischen Typ keinen segmentalen oder keinen diskreten Ausdruck haben: Sie werden entweder durch die Wortfolge oder durch Semanteme in grammatischen Funktionen aus- gedrūckt. Die Nichtgrammatizitédt bezieht sich also auf den Zeichenaspekt des Sprachge- brauchs, auf die Art des Ausdrucks gewisser ausgewahlter Inhaltselemente. Die zweite, sowohl den Inhalt als auch den Ausdruck berticksichtigende Auffassung der grammatischen Elemente findet man (in einer impliziten Form) letzten Endes auch bei dem Begriinder der Prager Typologie selbst, bei VLADiMiR SkaLICKA. Wenn Skalicka bei- spielsweise dltere Kasustheorien kritisiert, wirft er diesen u.a. vor, sie beriicksichtigen die Tatsache nicht, dass „cases are formations which are in permanent contact with neigh- bouring formations. What one language expresses by means of case, another expresses by prepositions, adverbs, derivative prefixes, number and other means“ (Skalicka 1950: 47). GEDANKEN ZUR GRAMMATIKALISIERUNG | 123 Der Kasus wird also als eine gewisse Ausdrucksform betrachtet, die gewisse Seme (In- haltselemente) enthalt und die gewisse Kriterien hinsichtlich ihres Aufbaus erfūllt. Was diese Kriterien nicht erfūllt, ist kein Kasus (die Ausdrucksform drūckt die Bedeutung- seinheit aus und unterscheidet sie zugleich von den verwandten Gebilden, die keine Ka- sus sind). Nach der ersten Auffassung der grammatischen Elemente ist der Kasus dage- gen ein gewisses Inhaltselement, das — natūrlich, wenn er im Inhaltsplan der betreffenden Sprache existiert — in verschiedenen Sprachen verschieden ausgedrūckt werden kann. Auch Skalicka ist tibrigens gezwungen, den Begriff der Kasusfunktionen zu postulieren, die shifted to prepositions or other formations” (a.a.O., 48) werden diirfen. Dieses Schwan- ken findet man bei Skali¢ka auch andernorts. Im Rahmen der Beschreibung des polysyn- thetischen Typs wird der allgemeine Unterschied zwischen den sprachlichen Grund- und Hilfselementen eingefiihrt: Die ersteren tragen eine Bedeutung, die letzteren driicken die Beziechungen zwischen den ersteren aus. Die Hilfselemente existieren jedoch nur, wenn ihnen ein eigener Ausdruck zugeordnet wird, und der polysynthetische Typ hat da- her keine Hilfselemente (vgl. Skalicka 1979: 186, 189, 195). An einer anderen Stelle wird dagegen gesagt, auch der polysynthetische Typ habe eine Grammatik (d.h. Hilfselemen- te), diese werden jedoch durch lexikalische Elemente ausgedriickt, und zwar durch deren Reihenfolge und dadurch, dass lexikalische Elemente in grammatischen Funktionen auf- treten (vgl. Skalicka 1955a: 16f., 18f.). Fir Skalicka wie fiir Popela stellt also ein grammatisches Element nur ein solches Ele- ment dar, welches einen minder oder weniger diskreten Ausdruck besitzt, d.h. ein Zei- chen ist, und zudem berticksichtigt Skalicka auch weitere Eigenschaften des Ausdrucks fir die Beurteilung eines Zeichens hinsichtlich seiner Grammatizitat (vgl. Skalicka 1960a; 1962a: 125f.; 1979: 83ff.). Es entsteht jedoch der grundsatzliche Bedarf, den Begriff der grammatischen Funktionen zu bestimmen, denn einerseits ware es unmaoglich, im poly- synthetischen Typ von grammatische Funktionen erfiillenden Semantemen zu sprechen, andererseits wire es unklar, welche Funktionen (Bedeutungen) hinsichtlich ihrer Gram- matizitdt zu untersuchen sind. Skalicka (1965) bietet auch tatsichlich solche Kriterien zur Identifizierung von gram- matischen Funktionen (Bedeutungen). Gemal3 ihm haben die grammatischen Elemente (Zeichen) dreierlei Bedeutung: syntaktische, abstrakte und einreihende. Durch ihre ein- reihende Funktion gliedern die grammatischen Elemente das durch sie bestimmte lexi- kalische Element in eine Klasse ein. Auf dieser Funktion griindet sich die konstitutive Eigenschaft der grammatischen Kategorien, und zwar die Obligatoritit ihrer Glieder: Jedes lexikalische Element, fiir das die entsprechende grammatische Kategorie relevant ist, muss mit einem Element der betreffenden Kategorie versehen werden. Die syntak- tische Bedeutung oder Funktion eines grammatischen Zeichens besteht darin, dass es auf andere Benennungen verweist, dass es bestimmte lexikalische Elemente mit anderen ver- bindet; zugleich kann es auch den Charakter dieser Beziehung angeben. SchlieBBlich macht die abstrakte Bedeutung ein grammatisches Zeichen zu einem Teil der Benennung: Das grammatische Zeichen modifiziert die Bedeutung des lexikalischen Elements, das es be- stimmt. Sekundir kann allerdings das grammatische Element durch seine abstrakte Be- deutung auch die syntaktische Funktion erfiillen, was bei der Erscheinung der sog. Kon- gruenz der Fall ist. Es ist wichtig zu bemerken, dass der abstrakte Charakter der 124 | BOHUMIL VYKYPĖL grammatischen Elemente relativ ist, d.h. diese sind abstrakter als semantisch verwandte lexikalische Elemente. Unter Abstraktheit ist die Fahigkeit zu verstehen, umfangreiche- re semantische Felder zu erfassen. Der Unterschied in der Abstraktheit zwischen einem lexikalischen und einem grammatischen Element mit derselben semantischen Basis ist somit graduell aufzufassen — im Unterschied zu den ersten zwei Eigenschaften, die auf einer privativen Opposition beruhen. Ein lehrreiches Beispiel einer nichtformalisierten Grammatikalisierungstheorie, d.h. einer solchen, die nicht theoretisch-immanent, sondern zu einem bestimmten Zweck (namlich jenem, die Entwicklung der indogermanischen Flexion zu erklaren) aufgebaut wurde, findet man beim Indogermanisten ApoLr ERHART. Das Beispiel ist deswegen lehr- reich, weil man Skalicka als Ausgangspunkt nehmen kann und man zu Skalicka zugleich am Ende kommt, und zwar aus einer solchen Perspektive, die erklarend ein Licht auf das gesamte Konzept der Grammatikalisierung wirft. (Zu Erharts Konzeption der Gram- matikalisierung vgl. Vykypél 2004a: 153-156 mit entsprechenden Literaturverweisen.) Erharts Formulierung der Eigenschaften der grammatischen Elemente ist jener von Skalicka (1965) ahnlich. Die Grammeme sind unselbststindig und immer an bestimmte Lexeme gebunden (d.h. sind potentiell klassifizierend). Die Grammeme sind hinsichtlich ihrer Bedeutung wesentlich einfacher als die Lexeme (d.h. sie sind abstrakter) und konnen auch vollig formal sein, d.h. nur eine syntaktische Beziehung bezeichnen (d.h. sie kėnnen syntaktisch sein). Mit der Einfachheit hangt auch die Tatsache zusammen, dass die Inven- tare der Grammeme meistens geschlossen sind. Der Wandel der lexikalischen Elemente in grammatische, d.h. die Grammatikalisierung, hat nach Erhart drei Phasen: 1. Verlust der Selbststandigkeit (das Element beginnt sich an ein anderes Element zu binden), der von der Vereinfachung der Semantik des Elements begleitet werden kann; 2. Generali- sierung, d.h. Verallgemeinerung und Obligatorisierung; 3. vollige Formalisierung, d.h. das Element hat nur noch eine syntaktische Bedeutung. Mit diesen Eigenschaften, die den Inhaltsplan betreffen oder zumindest auf diesen be- zogen werden konnen, lassen sich auch die Eigenschaften verbinden, die den Ausdruck der grammatischen Elemente (Zeichen) betreffen. Der abstrakte Charakter der gram- matischen Elemente (dem auch die Syntaktizitat zugeordnet werden kann) ist dem gerin- gen Umfang ihrer Ausdrucksmittel giinstig. Der geringe Umfang ist wiederum einerseits der Kumulation der Grammeme im Rahmen eines einzigen Zeichens, andererseits der Synonymie und Homonymie der grammatischen Zeichen giinstig. Der obligate Charak- ter ist dem dquipollenten Ausdruck giinstig, d.h. der Absenz von sog. Nullformanten inkl. der sog. festen Wortfolge, und auch der Gebundenheit des Ausdrucks der grammatischen Elemente, d.h. dem Ausdruck durch Affixe oder Endungen eher als durch Worter. Hier- her gehort auch die Kongruenz: Wenn in einer Sprache die Kongruenz in einem héheren Male zur Geltung kommt, so heiBt das unter anderem, dass jedes Wort durch gewisse Ausdrucksformen (Endungen) obligat begleitet wird, was auch solche Worter betrifft, die dies nicht unbedingt brauchen. Der semantisch abstrakte Charakter und der geringe Umfang der Ausdrucksform der grammatischen Elemente lassen sich unter den gemein- samen Begriff der Einfachheit subsumieren, und mit der Einfachheit ist auch eine weite- re von Erhart vorausgesetzte Eigenschaft der grammatischen Elemente verbindbar, und zwar „die Einheitlichkeit der Bildung® der Ausdrucksformen, d.h. diese sollen nur durch GEDANKEN ZUR GRAMMATIKALISIERUNG | 125 eine Art der Zeichen gebildet werden (durch Worter, Affixe, Endungen oder Introfle- xion, aber nicht gemischt). Aufgrund der Eigenschaften der Ausdrucksform setzt Erhart sogar drei Phasen bis zur volligen Grammatizitat fest, in denen die zu beobachtenden Bedeutungen, die den Be- deutungen einiger lexikalischer Elemente entsprechen, verschieden ausgedriickt werden: 1. die kryptogrammatische (Ausdruck durch Wortfolge oder frei anwendbare Worter); 2. die pragrammatische (Wortfolge und auch Affixe); 3. die semigrammatische (Affixe, aber auch Nullformanten; keine Kongruenz und Kumulation). Es ist offensichtlich, dass diese Phasen mit Skalickas Sprachtypen verglichen werden konnen: die kryptogramma- tische mit dem polysynthetischen oder dem isolierenden, die priagrammatische und die semigrammatische mit dem agglutinierenden. Jedenfalls kann man bemerken, dass Er- harts Eigenschaften der grammatischen Elemente auffillig denjenigen des flektierenden Typs (in Skalickas Typologie) ahneln. Man kann daher auch Tomas Hoskovec (2001: 12) zustimmen: „Den Aporien der indogermanistischen Rekonstruktionen tritt Erhart mit einem besonde- ren typologischen Apparat entgegen. Dieser provoziert mit seiner hierarchischen Auffassung, welche die indogermanischen Sprachen an der Spitze der Grammatikalisie- rungspyramide und damit eigentlich der Intellektualisierung der semantischen Beziehung in der Sprache platziert. Vielleicht kėnnen wir Missverstandnissen zuvorkommen, wenn wir bedenken, dass wir die Sprachen der Welt durch eine Lupe betrachten, welche alles im Brennpunkt der indogermanischen Sprachen zusammenfiihrt, welche uns am nachsten stehen, in denen wir uns am besten auskennen: Die Welt betrachten wir stets von irgendwoher.* Gerechterweise muss jedoch gesagt werden, dass auch bei der Auffassung der Gram- matizitat oder Grammatikalisierung, die ihre Kriterien sowohl in Inhalts- als auch im Ausdrucksplan findet, d.h. die Grammatizitat von Zeichen untersucht, Kriterien festge- setzt werden konnen, die nicht an den konkreten Charakter des signifiant gebunden, d.h. mit der Prager Typologie korrelierbar sind. Diese Kriterien sind zwei und wurden bereits erwihnt. Das eine ist die Einheitlichkeit der Bildung der Ausdrucksformen: Hier ist es gleichgiiltig, ob grammatische Funktionen durch Worter, Affixe, Endungen oder Introf- lexion ausgedriickt werden, nur soll der Ausdruck der einzelnen Glieder der betreffenden Kategorie derselbe sein. Das zweite Kriterium ist das Fehlen von Nullformanten: Kein Glied einer grammatischen Kategorie sollte durch einen Nullformanten ausgedriickt wer- den; mit anderen Worten bedeutet dies, dass die einzelnen Ausdriicke von Gliedern einer grammatischen Kategorie einander dquipollent, nicht privativ sein sollten (hierzu vgl. auch Skalicka 1960a und Vykypél 2005: 210). 3. Nun komme ich endlich zu Christian Lehmann und seinen Gedanken zur Grammati- kalisierung zuriick'. ! Ich beschrianke mich hier im Wesentlichen auf dieses Buch von Lehmann, obwohl natiirlich auch seine weiteren Texte zur Grammatikalisierung wichtig sind und das, was ich bisher gesagt habe und 126 | BOHUMIL VYKYPĖL 3.1. Es ist offensichtlich, dass Lehmanns Grammatikalisierung zur zweiten der zwei oben (§ 2) angefūhrten Gruppen gehėrt, denn was hinsichtlich der Grammatikalisierung zu untersuchen ist, sind Zeichen (vgl. Lehmann 2002: VII, 109f.). Daraus ergibt sich auch, dass man auch in diesem Falle so zu verfahren hat wie bei den anderen Grammati- kalisierungstheorien aus dieser Gruppe: Zuerst sind die relevanten Inhaltselemente fest- zusetzen, und erst dann konnen Zeichen, in welche diese Inhaltselemente treten, hinsich- tlich ihrer Grammatizitat untersucht werden”. Wichtig ist, dass im zweiten Schritt beide Seiten des Sprachzeichens berticksichtigt werden und somit sowohl die Bedeutung als auch der Ausdruck der betreffenden Inhaltselemente in die Grammatikalisierungspara- meter einbezogen wird (vgl. Lehmann 2002: Kap. 4). Mit Hjelmslev gesprochen, werden gewisse Inhaltselemente aus dem Sprachbau herausgegriffen und es wird ihr Schicksal im Sprachgebrauch verfolgt, und zwar sowohl in seinem Substanzaspekt (die Bedeutung der Inhaltselemente, die den signifi€ eines Zeichens bilden) als auch in seinem Zeichenas- pekt (der Ausdruck der Inhaltselemente im Rahmen eines Zeichens). Auf den ersten Blick konnte der erste Schritt, die Festsetzung jener Inhaltselemente, die bestimmen, welche Zeichen hinsichtlich der Grammatikalisierung untersucht werden und welche nicht, nicht unumginglich scheinen: Man wendet ja einfach die semantischen Kriterien und die Ausdruckskriterien auf die Zeichen der Sprache an und stellt fest, wel- che Zeichen sie erfiillen und in welchem Male und welche nicht. Es gibt jedoch einige Griinde, die fiir das Umgekehrte sprechen. Zunichst ist hier das, was bereits oben (§ 2.2.) angedeutet wurde: Im polysyntheti- schen Typ oder in Sprachen mit deutlich dominierendem polysynthetischem Typ wire es unmoglich oder schwierig, zwischen Grammatik und Lexikon zu unterschieden. Es wire beispielsweise nicht klar, wann ein Zeichen nur als Verb funktioniert und somit nicht in den Grammatikalisierungskanal tritt und wann es schon auch als Adposition funktio- niert und somit am Anfang der Grammatikalisierung steht (Lehmann 2002: 94; vgl. auch Haspelmath 1998: 328f.). Alles ware potentiell grammatisch oder mit Erharts Worten „kryptogrammatisch“; wenn jedoch etwas kryptisch ist, so sieht man es nicht (und wenn man etwas nicht sieht, so kann man kaum davon sprechen; und wovon man nicht sprechen kann, darūber muss man mit Wittgenstein schweigen...). Ein weiteres Argument fiir die Uberzeugung, dass man zuerst festsetzen muss, welche Inhaltskategorien fiir die Untersuchung der durch ihre Glieder mitgebildeten Zeichen hinsichtlich der Grammatikalisierung relevant sind, liefern die Begriffe der Renovation und Innovation (Lehmann 2002: § 2.4.). Die Renovation setzt die Existenz einer gemein- samen Inhaltskategorie voraus, deren Glieder in Zeichen treten, die sich an unterschied- lichen Stellen auf der Grammatikalisierungsskala befinden. Den Ausgangspunkt der In- was ich noch sagen will, illustrieren. Fiir das Haupthema dieses Beitrags, den Versuch, die Gramma- tikalisierungstheorie vorldufig in einen weiteren theoretischen Rahmen einzugliedern, diirfte es indessen ausreichen, sich auf dieses Hauptwerk zu berufen. Zeichen verstehe ich bilateral als untrennbare Verbindung von Elementen des Ausdrucks- und des Inhaltsplans (die Elemente der beiden Sprachplidne als zwei Teile des Sprachbaus sind potentielle Komponenten von Sprachzeichen, die in den Sprachgebrauch gehoren). Deshalb kann man sagen, dass ein Inhaltselement (oder natiirlich ein Ausdruckselement) in ein Sprachzeichen tritt, indem es dieses (mit)bildet. (Vgl. auch unten § 4.3., Bem. I.) GEDANKEN ZUR GRAMMATIKALISIERUNG | 127 novation bildet wiederum die Entstehung einer grammatischen Inhaltskategorie (oder genauer einer Inhaltskategorie, deren Glieder dann hinsichtlich der Grammatikalisie- rung verfolgte Zeichen mitbilden), und man muss daher ein Kriterium besitzen, anhand dessen uber die Entstehung der Kategorie und ihre Absonderung von den anderen In- haltskategorien entschieden wird: Es stimmt, dass „Latin had no grammatical category which corresponded to the French articles, so that nothing has been renovated by these“ (Lehmann 2002: 18), denn das Latein hatte nur eine korrespondierende lexikalische Ka- tegorie, es stellt sich indessen die Frage, wie eine lexikalische Kategorie wie die lateini- schen Demonstrativpronomina und eine grammatische wie der franzosische Artikel eben zu unterscheiden sind. Wenn eine solche Frage nicht relevant oder wichtig schiene, so ist es auch nicht klar, wovon man spricht und warum, wenn von lexikalischen und grammati- schen Kategorien die Rede ist. Die Notwendigkeit eines inhaltlichen Verbindungsgliedes zwischen den verschiedent- lich grammatikalisierten Zeichen thematisiert auch Lehmann (2002: 111f., 150), wenn er von der Forderung der funktionalen Ahnlichkeit zwischen den zu vergleichenden Zei- chen oder von ihrer gemeinsamen funktionalen Basis spricht. Es ist hinzuzufiigen, dass dies sowohl sprachintern, beim Vergleich von Zeichen einer Sprache hinsichtlich der Gram- matikalisierung als auch sprachvergleichend gilt. 3.2. Allgemein gilt auch, dass sich auf zweierlei Weise vergleichen lasst (vgl. Vykypel 2005: 195, 286): entweder aufgrund einer auersprachlichen Axiomatik, des Hjelm- slevschen Stoffs, oder aufgrund einer innersprachlichen Axiomatik, d.h. einer allgemei- nen, ,,panchronischen® Theorie. Die allgemeine Theorie die im Falle der Grammatikali- sierung als der benotigte Ausgangspunkt auftritt, ist eine Theorie des Inhalts. Das kann auch so ausgedriickt werden, dass durch die Grammatikalisierungstheorie, eine zur zwei- ten der oben (§ 2) angefiihrten Gruppen gehorende Konzeption, eine der Grammati- zitatstheorien aus der ersten der zwei obigen Gruppen vorausgesetzt wird. Diese voraus- gesetzte Theorie kann Sgalls funktional-generative Beschreibung mit ihrer tektogrammatischen Ebene, Mathesius’ funktionale Linguistik mit ihren zwei Akten oder Hjelmslevs Sprachtheorie mit seinem Inhaltsplan sein. Der Bedarf einer allgemeinen THEORIE DES INHALTS kann an mehreren Beispielen ge- sehen werden. 3.2.1. Man kann beispielsweise meinen, dass die Klarheit der Bezichungen innerhalb einer Kategorie, die im Grammatikalisierungsparameter der Paradigmatizitat vorkommt (Lehmann 2002: 118), grundsitzlich von der Klarheit ihrer Beschreibung abhédngt (um wieder aus dem Hjelmslev-Brevier zu zitieren, „if a thing looks complicated, it is chiefly because it is looked upon in a complicated way“; Hjelmslev 1973: 120). Ahnlich steht es mit der Homogeneitét der Kategorie als „a certain amount of similarity among its mem- bers and of regularity in their differences” (Lehmann 2002: 120): Man kann beispiels- weise mit Hjelmslev (1959: 157) klare Grundbedeutungen auch da finden, wo herkommli- cherweise keine gesehen werden’. 3 Mit dem Begriff der Grundbedeutung beriihrt man nebenbei auch ein anderes Problem. Der Unterschied zwischen der Grundbedeutung und der Gesamtbedeutung lasst sich sicherlich (mit Lehmann 2002: 114) als einer zwischen zwei Bezeichnungen auslegen und metaphorisch auffassen: 128 | BOHUMIL VYKYPĖL 3.2.2. Einen anderen Punkt stellt die paradigmatische Variabilitat dar (Lehmann 2002: § 4.2.3.): Je mehr grammatikalisiert ein Element ist, desto weniger hangt die Freiheit der Wahl unter den Gliedern einer Kategorie von der Benennungsabsicht des Sprechers ab. Dies ist jedoch nicht ohne Weiteres anzunehmen. Zunichst sind unbedingt zwei Arten von Beziehungen zu unterschieden: jene zwischen Kategorien und jene zwischen Elemen- ten. Wie bereits Hjelmslev gezeigt hat, kann beispielsweise zwischen der Kategorie des Numerus und jener des Kasus Interdependenz bestehen, aber ein einzelnes Glied der Numeruskategorie und ein einzelnes Glied der Kasuskategorie sind untereinander frei kombinierbar (vgl. Vykypėl 2005: 69f.). Vom Gesichtspunkt des Sprachbaus (der Sprach- struktur) aus lasst sich voraussetzen, dass in verschiedenem Malle geregelte (obligate) Beziehungen nur zwischen Kategorien bestehen, wihrend die Regelung der Kombinatio- nen zwischen den Elementen aus unterschiedlichen Kategorien zum Sprachgebrauch gehort. Der Sprachgebrauch kann dabei einige dieser Kombinationen zwischen Elementen mehr oder weniger obligat machen und andere ausschlieSen. Dies beruht jedoch vom Gesichts- punkt des Sprachbaus aus auf den durch die innere Struktur der jeweiligen Kategorien bestimmten Eigenschaften der Elemente oder — wenn diese manifestiert werden — auf ihrer Semantik (im Inhaltsplan). So bestehen Erscheinungen wie Rektion oder Valenz darin, dass ein Inhaltselement durch ein anderes „verlangt“ wird, aber dieses ,,Verlan- gen“ als Beziehung zwischen Elementen (nicht zwischen Kategorien) lasst sich als durch eine Konvention des Sprachgebrauchs gegeben betrachten: Verbindungen zwischen In- haltselementen, die den Forderungen der Rektion oder Valenz nicht entsprechen, werden fiir „unsinnig“ gehalten, d.h. fiir solche, die keinen Sinn, keinen Teil der (aktuellen) Welt formen oder formen konnen (durch die Elemente der Sprache und ihre verschiedenen Kombinationen wird die Welt als der Sinn in verschiedener Weise geformt)®. Uber die lateinische Priposition ad wird behauptet: „Ad can only have a complement in the accusative. While this would be expectable on semantic grounds in sentence as E72.a [Caesar legatos ad Hannibalem misit], it would be inappropriate in b [Caesar ad Cannas pugnam commisit] if the case of an NP dependent on a preposition had an inde- pendent semantic function” (Lehmann 2002: 82). Als inappropriate” kann die Kombi- nation zwischen ad und dem Akkusativ im zweiten Satz jedoch nur vom Gesichtspunkt der Konventionen einer anderen Sprache aus betrachtet werden, in der die Verbindung zwischen der Entsprechung von ad aus dem ersten Satz mit der Entsprechung vom Akku- sativ aus dem zweiten Satz fiir „unsinnig“ gehalten wird. (Das Gegenstiick dazu stellen ūbrigens im Ausdrucksplan die sog. ,,ungewohnlichen” Phonemkombinationen: Sie sind meistens vom Gesichtspunkt eines anderes phonologischen Systems aus ungewohnlich.)’ Die Grundbedeutung ist etwas mehr Konkretes (Grund-), die Gesamtbedeutung etwas mehr Abst- raktes (Gesamt-). Es sollte allerdings vielleicht auch nicht vergessen werden, dass diese Begriffe in zwei unterschiedliche theoretische Systeme gehoren, namlich in jenes von Hjelmslev und jenes von Jakobson, und somit eigentlich nicht unmittelbar vergleichbar sind (vgl. Vykypél 2005: 223-225). 4 Zur semantischen Definition der Erscheinung der Rektion vgl. — von einem anderen Gesichtspunkt aus — auch Isačenko (1948). Hier kann man einen Beriihrungspunkt zwischen der ,,amerikanischen® und der „europaischen“ Gram- matizitit zu finden meinen. Die ,,amerikanische® Grammatizitét entspricht etwa der Richtigkeit von sprachlichen Konstruktionen. Diese Richtigkeit lasst sich mit der Gewohnlichkeit einer Art GEDANKEN ZUR GRAMMATIKALISIERUNG | 129 3.2.3. Es scheint, dass man hier einem Echo von Jespersens squinting grammar begegnet. Ein dhnlicher Eindruck entsteht auch an anderen Stellen. Die Verbindung von infer und facere in interficere soll eine unreguldare Bedeutung ergeben, namlich ‘téten’ (Lehmann 2002: 88). Die Bedeutung ist jedoch unregulir (oder ,,unsinnig®) eher nur vom Gesichts- punkt einer anderen Sprachkonvention aus, in der die Verbindung der approximativen Entsprechungen von inter und facere keinen Sinn formt: Es gibt beispielsweise kein deut- sches Wort zwischenmachen. Weniger unregular konnte interficere allerdings beispiels- weise vom Gesichtspunkt des Tschechischen aus scheinen, in dem es ein Verb oddélat ‘interficere’ gibt, das durch od ‘ab’, d. h. auch eine Préposition, und délat ‘facere’ gebildet wird. Ahnlich ist nicht klar, weshalb beispielsweise die sog. Serialverben komplexe lexi- kalische Einheiten bilden, die diskontinuierlich sein konnen wie z.B. Efik da di im Satz da ikwa di! ‘bring a knife!” (Lehmann 2002: 94). Hoffentlich nicht deswegen, weil dd di mit einem einzigen Verb ins Englische iibersetzt werden kann’. Man unterscheidet wohl ein relationales Nomen und ein transitives Verb in polysynthetischen Sprachen nicht so, dass ersteres sich in eine westeuropaische Sprache durch ein Substantiv, letzteres durch ein Verb tibersetzten lasst (Lehmann 2002: 95). 3.24. Die angesprochene potentielle Irregularitit bildet angeblich ein Charakteristi- kum der Wortbildung im Vergleich mit der Grammatik. Ein weiteres soll die Tatsache darstellen, dass die wortbildenden Elemente nicht zu allen Lexemen treten, sondern un- terschiedliche Stufen der Produktivitiat aufweisen und dass sie zu verschiedenen Lexe- men mit verschiedenen Ergebnissen treten (Lehmann 2002: 89). Letzteres ist offensicht- lich ein anderer Aspekt der Irregularitiat: Die lexikalische Bedeutung ist — wenigstens aus einer gewissen Sicht — aufgrund der wortbildenden Bedeutung oder der wortbildenden Struktur nicht oder schwierig vorhersagbar. Man kann allerdings bemerken, dass dies auch bei einigen tiblicherweise als grammatisch betrachteten Elementen vorkommen kann (vgl. z.B. die altgriechischen Genera verbi!). Ersteres (die unterschiedlichen Stufen der Produktivitat) stellt wiederum einen Fall der Neutralisation dar. Allgemein lésst sich die Frage der Obligatoritit eines Elementes, die in einem indirekten Verhaltnis zum Mal seiner paradigmatischen Variabilitat und auch in einem direkten Verhiltnis zum Mal} seiner Integration in ein Paradigma steht, mit der Frage der Neutralisation korrelieren. Die Tatsache, dass je niedriger das Mal} der kontextuellen Beschrankungen fiir das Vorkommen eines Elementes ist, desto gramma- tischer es ist (vgl. Lehmann 2002: 10f., 125f.), bedeutet, dass ein Element in dem Male grammatisch ist, in welchem es nicht in syntagmatische Verbindungen tritt, die seinen Synkretismus mit einem anderen Element seiner Kategorie hervorrufen (zum Begriff und Weise von Formung der Welt vergleichen, und diese Richtigkeit scheint eben bei Elementen, die im „europaischen“ Sinne grammatisch sind, am besten erkennbar oder am auffilligsten. Es lasst sich wohl behaupten, dass die beiden Auffassungen etwa dasselbe, aber von unterschiedlichen Ge- sichtspunkten aus betrachten: die „amerikanische“ vom operationalen (die Feststellung von Bezie- hungen im Sprachsystem, und zwar durch Feststellung moglicher Elementenkombinationen), die „europaische“ vom formalen (die Definition von Elementen). 6 Vel. auch Haspelmath (1998: 332) zu Lehmann: „The main reason why [japanisch — B.V.J ue-ni [...] is taken as one constituent seems to be that semantically it corresponds to the single constituent on in En- glish.“ 130 | BOHUMIL VYKYPĖL der Neutralisation im Inhaltsplan vgl. auch Trnka 1982: 149-155, 311-314, 330-332, 336-339, 356-360). Es lassen sich allerdings mehrere Arten von Neutralisation in diesem Kontext unter- scheiden. Die herkommliche Neutralisation ist diejenige, die durch syntagmatische Ver- bindung zwischen zwei grammatischen Kategorien hervorgerufen wird und zur Neutrali- sation eines Gegensatzes zwischen zwei oder mehreren Gliedern einer der Kategorien fūhrt (z.B. Neutralisation von Kasus im Plural). Fir eine Neutralisation kann jedoch auch ein totaler Synkretismus zwischen den Gliedern einer Inhaltskategorie gehalten wer- den, der durch syntagmatische Verbindung der Inhaltskategorie mit einem Lexem oder einer lexikalischen Kategorie hervorgerufen und durch Null ausgedriickt wird. Katego- rien, die eine solche Neutralisation betrifft, werden gewohnlich wortbildende genannt. Eben wegen des Nullausdrucks sind indessen die Neutralisation und die Absenz der In- haltskategorie schwierig auseinanderzuhalten (man kann hier auch distributionalistisch ūber defektive Distribution sprechen). Eine noch andere Neutralisation beruht ebenfalls auf syntagmatischer Verbindung einer Inhaltskategorie mit einem Lexem oder einer lexi- kalischen Kategorie, der Synkretismus wird jedoch nicht durch Null ausgedriickt. Dies betrifft beispielsweise den Numerus bei Personennamen. Verbindung eines Personenna- mens mit Plural kann allerdings auch fiir eine ,,unsinnige” Verbindung gehalten werden, und eine solche Verbindung — dhnlich wie eine ,,unrichtige Klassifikation* eines Wortes mit Klassifikatoren, die Lehmann (2002: 54) behandelt — lasst sich „for jocular or dero- gatory effects” benutzen, denn der Sprecher hat immer die Freiheit, unter den Gliedern einer obligaten Kategorie zu wiahlen. Die Obligatoritit einer Kategorie bedeutet die Ob- ligatoritat eben dieser Kategorie, nicht ihrer Glieder. Was die Rolle von wortbildenden Elementen in der Grammatikalisierung angeht (die angezweifelt zu werden scheint; vgl. Lehmann 2002: 89ff.), so sei angemerkt, dass es gut vorstellbar ist, dass wortbildende Formanten in ein einheitliches Paradigma integriert und somit grammatikalisiert werden. Am Beispiel des Griechischen und Lateinischen hat das Helena Kurzova (1993) mit allgemeinen Implikationen gezeigt. Sie spricht von einer Paradigmatisierung von wortbildenden Elementen, d.h. ihrer Integration in ein Pa- radigma. (Allgemein zum Unterschied zwischen Wortbildung und Grammatik und dem potentiellen Ubergang der einen in die andere vgl. auch Dokulil 1968, 1994). 3.2.5. Beim Problem der Unterscheidung zwischen Wortbildung und Grammatik hat man es eigentlich mit dem Problem der paradigmatischen Definition des Wortes zu tun: Wann handelt es sich nur um eine andere Form eines einzigen Wortes und wann bereits um ein neues Wort? Oder mit anderen Worten, wann bildet eine Gesamtheit von para- digmatisch verbundenen Ausdrucksformen ein einziges Ganzes, ein Wort und wann im Gegenteil zwei oder mehrere solche Ganze? Die Losung ist in der Tat leicht: Es stellt sich hier (implizit) die Bedingung, in der betreffenden Gesamtheit eine Serie von Zeichen mit gewissen — grammatischen — Inhaltselementen nicht zu wiederholen, damit die Gesamt- heit als ein einziges Wort gilt. Offensichtlich setzt also die Unterscheidung zwischen Wort- bildung und Grammatik eine schon vorliegende Definition der grammatischen Elemente im Inhaltsplan voraus. 3.2.6. Die strukturelle Obligatoritat wiirde nach dem oben (§§ 3.2.2., 3.2.4.) Erwédhnten also die Interdependenz zwischen Kategorien darstellen. Das tatsiachliche Problem, das GEDANKEN ZUR GRAMMATIKALISIERUNG | 131 hier entsteht, ist allerdings die (angedeutete) operationale Frage, wie im Falle eines Null- ausdrucks zwischen dem Nullformanten eines Gliedes und der Absenz der Kategorie zu unterscheiden ist. Hier kommt man zu einer allgemeinen Frage der Sprachbeschreibung oder der Beschreibung des Inhalts, die nicht auf dem Ausdruck beruht. Ein anderes allgemeines und mit Letzterem zusammenhangendes Problem zeigt sich am Begriff des „structural scope”, des syntagmatischen Gewichts (Lehmann 2002: § 4.3.1.), und zwar die Frage, worauf die Beschreibung des Inhaltsplans aufzubauen ist: Soll man von der Analyse von Zeichen oder von der Analyse der Beziechungen unter Inhaltsele- menten (Bedeutungen) ausgehen? Der Parameter des syntagmatischen Gewichts beruht auf dem Umfang der durch das grammatische Element determinierten oder mitgebilde- ten Einheit. Es ist jedoch nicht ohne Weiteres klar, wie es festzustellen ist, was durch das jeweilige grammatische Element determiniert wird. Soll man seinen Ausgangspunkt im Zeichenaufbau des Satzes nehmen und beobachten, wo, bei welchem Zeichen das Zeichen steht, durch das das betreffende Element ausgedriickt wird? Oder soll man vom reinen Inhaltsplan oder der (Sgallschen) Ebene der Satzbedeutung ausgehen und den Zeichen keine entscheidende Rolle beimessen? Beispielsweise steht das Zeichen fiir Numerus zwar haufig beim Zeichen fiir das verbale Lexem, es determiniert jedoch nicht das verbale Lexem, sondern die verbale Person (hinsichtlich ihrer Konsistenz). Ahnlich hat Hjelm- slev (1959: 156, 165-191) bekanntlich behauptet und (am Beispiel des sog. Nominalsat- zes) ausfiihrlich bewiesen, dass die sog. verbalen grammatischen Inhaltselemente immer den ganzen Satz determinieren, auch wenn sie meistens durch Zeichen ausgedriickt wer- den, die enger oder loser mit dem Zeichen fiir verbale Lexeme verbunden sind. Einen umgekehrten Fall stellen Konstruktionen dar wie englisch all good old men’s works. Hjelmslev (1959: 199-210) betrachtet hier die vier ,lexikalischen® Inhaltsele- mente, die durch Ausdruckformen all, good, old und men ausgedriickt werden, alle als durch die ,,grammatische® Inhaltskategorie des Kasus determiniert. Der Unterschied besteht nur darin, dass bei all, good und old ein Synkretismus aller Glieder der Kasuska- tegorie steht und dieser durch die Position der entsprechenden lexikalischen Zeichen, die „feste Wortfolge“ (d.h. eine segmentale Null) ausgedriickt wird, wihrend bei men Geni- tiv steht und dieser durch das Zeichen -s ausgedriickt wird. Die englische Konstruktion wird somit vom Gesichtspunkt des Inhaltsplans aus gleich interpretiert wie ihre lateini- sche Entsprechung opera virorum omnium bonorum veterum, in der die sog. Kongruenz zur Geltung kommt (vgl. auch unten § 3.3.2.). Durch Apposition als feste Position eines Zeichens, das ein ,lexikalisches”, determiniertes Inhaltselement enthalt, und die Kon- gruenz als Wiederholung eines Zeichens, das ein ,,grammatisches”, determinierendes In- haltselement enthalt, wird dasselbe ausgedriickt: eine Dependenzbeziehung zwischen In- haltselementen, die selbst als ein Inhaltselement betrachtet werden darf. Zwei auf der Ebene der Zeichen verschiedene Erscheinungen, die Kongruenz und die Apposition, werden im Inhaltsplan gleich interpretiert, und zwar als eine Art Dependenz- beziehung. Im Falle der Kongruenz und Apposition stimmen so auch Sgall und Hjelmslev uberein (vgl. Vykypél 2005: 236-239): Erscheinungen, die auf einem Niveau, auf der morphematischen Ebene resp. im Zeichenaspekt des Sprachgebrauchs verschieden sind (verschieden ausgedriickt werden), interpretieren sie auf der tektogrammatischen Ebene resp. im Inhaltsplan des Sprachbaus als gleich (wo Hjelmslev dependente wiederholte 132 | BOHUMIL VYKYPĖL Inhaltselemente resp. Synkretismen von Gliedern von Inhaltskategorien sieht, erblickt Sgall Funktoren der tektogrammatischen Ebene). Hjelmslev geht allerdings noch weiter und behauptet, bei all, good und old in der erwahnten englischen Konstruktion stūnden auch Synkretismen aller Glieder der In- haltskategorie des Genus und jener des Numerus (und sie seien ebenso durch die „feste Wortfolge“ ausgedriickt). Der Synkretismus der Numeri ist dann bei men aufgelėst und der Plural ist in diesem Falle durch Introflexion ausgedrūckt, wahrend der Synkretismus der Genera im Englischen nur in Verbindung mit den Personalpronomina der dritten Person aufgelėst wird, was allerdings eben den Grund fiir die Postulierung der Inhaltska- tegorie des Genus im Englischen darstellt, denn sonst wiirde der totale Synkretismus der Absenz der Kategorie gleichen. Ich will nicht behaupten, dass diese konkreten Ausfithrungen zum Englischen ohne Wei- teres akzeptabel sind, sondern ich will nur skizzenhaft zeigen, dass die Parameter der Grammatikalisierung von einem gewissen anderen Gesichtspunkt aus als fiir Sprachbe- schreibung nicht aussagekriftig betrachtet werden konnen. 3.2.7. Das Beispiel der Auflosung des Synkretismus der Genera in Verbindung mit den Personalpronomina der dritten Person im Englischen lehrt iibrigens noch etwas anderes, und zwar dass ein und dasselbe Inhaltselement ein und desselben Inhaltssystems in ver- schiedenen Verbindungen verschieden ausgedriickt werden kann. So werden im Engli- schen der „Nominativ“ (Subjektiv) und der „Akkusativ“ (Objektiv) in Verbindung mit sog. Substantiven durch die „feste Wortfolge®, in Verbindung mit Personalpronomina dagegen durch Introflexion oder Suppletivismus ausgedriickt. Man wiirde sagen, die je- weiligen Ausdriicke sind verschieden stark grammatikalisiert. Konnen aber Zeichen mit demselben Inhaltselement verschieden grammatikalisiert werden? Und hat man es hier eigentlich mit demselben Inhaltselement zu tun? 3.2.8. Einen anderen Aspekt der (oben in § 3.2.6. gestellten) Frage, wie eine Analyse des Inhalts aufzubauen ist, stellt das Mall an Relevanz der Formanten (signifiants) der be- schriebenen Inhaltselemente dar. Es stellt sich beispielsweise die Frage, weshalb die la- teinischen Prapositionen causa und gratia Ablative von causa und gratia sein sollen (Leh- mann 2002: 70). Die Identifikation der in den Pripositionen enthaltenen Inhaltselemente mit den Ablativen erfolgt implizit aufgrund der Identitét ihrer Formanten. A.a.O. wird zugleich ein Kriterium fiir die Unterscheidung zwischen einer Form eines Substantivs und einer Praposition angefiihrt: Wenn eine Substantivform zur Praposition wird, lasst sie sich nicht mehr durch ein Attribut erweitern. Man kann dazu zunéachst anmerken, dass dies eine Veranderung der Stellung des betreffenden Inhaltselementes in der Struktur des Inhaltsplans und auch einen nichtgraduellen Gegensatz zwischen den lexikalischen und den grammatischen Elementen im Inhalt voraussetzt (vgl. oben § 3.1. und noch unten § 3.4.): Die Veranderung besteht darin, dass das Element nun determi- nieren kann, aber nicht mehr determiniert werden kann oder dass es dependent sein kann, aber nicht independent; d.h. es wird zum konvertierten Morphem von Hjelmslev (1959: 192-198). Unter die konvertierten Morpheme zéihlt Hjelmslev auBer den Préapositionen beispielsweise auch die Personalpronomina, und somit komme ich zum Zweiten, was ich sagen will. Personalpronomina wie Prépositionen stellen grammatische Inhaltselemente oder Hjelmslevs Morpheme dar, in diesem Falle konvertierte Morpheme, und sie lassen GEDANKEN ZUR GRAMMATIKALISIERUNG | 133 sich daher gewohnlich nicht durch ein Attribut erweitern. Sie lassen sich jedoch in un- gewohnlichen Fallen durch ein Attribut entwickeln: das ewige Ich oder das ewige Vor (um dessen Semantik beispielsweise einige Sprachwissenschaftler ewig streiten). Sind Ich und ich und Vor und vor dasselbe, wenn sie denselben Formanten haben, wie das bei den Préapo- sitionen und Ablativen causa und gratia der Fall war? (Allgemein zur Frage der Identifi- zierung der Inhaltselemente vgl. Vykypél 2005: 87-90, 133-135, 344-346, 349-353.) 3.29. SchlieBlich lasst sich das ganze Kapitel 3 von Lehmann (2002) betrachten als Sammlung von Beispielen dafiir, welche Teile des Inhaltsplans hinsichtlich des Aufbaus von Zeichen, in die sie treten, zu verfolgen sind. Man findet hier herkommliche gramma- tische Inhaltselemente wie Modus (o.c., § 3.1.3.), Tempus und Aspekt (o.c., § 3.1.4.) Diathese (o.c., § 3.1.5.), Artikel und Person (o.c., §§ 3.2.1., 3.2.2.2.), Numerus (o.c., §§ 3.3.1.1.-2.) oder Kasus (o.c., § 3.4.), aber auch weniger herkommliche wie Emphase und Negation (o.c., §§ 3.1.5, 3.2.2.3). Fūr die Festsetzung der „grammatischen“ Inhaltsele- mente im Rahmen von Hjelmslevs Konzeption vgl. Hjelmslev (1959: 152-164) und Di- derichsen (1966: 148-168); fiir die Aufzahlung von Funktoren und Grammatemen der tektogrammatischen Ebene der funktional-generativen Beschreibung von Sgall vgl. Sgall, Hajicova, Panevova (1986: 154-174) und Panevova (1994). Allgemein gilt allerdings, dass keine allzu strengen oder klaren Kriterien angeboten werden, wie bestimmte Doménen, in denen die Grammatikalisierung vorkommt, abzu- grenzen sind. Es muss jedoch zugegeben werden, dass dies auch fiir die Definitionen der Komponenten der tektogrammatischen Ebene gilt, wo man eher einfache Aufzihlungen von Elementen findet. So kommt man iibrigens wieder zuriick zur Frage der Definition der grammatischen Elemente im Gegensatz zu den lexikalischen oder der Definition des Bereichs der grammatischen Elemente im Gegensatz zu jenem der lexikalischen Ele- mente (§§ 2.2., 3.1.). Es kann sich auch die Frage stellen, ob jedes lexikalische Element zu einem grammatischen werden oder von der Grammatikalisierung erfasst werden kann. Auf der einen Seite scheint es, dass dies nicht der Fall ist, denn das Schicksal einer Kate- gorie sei , largely predetermined”, wenn man ihre Bedeutung und syntaktische Funktion kennt (Lehmann 2002: 22). Das wiirde bedeuten, dass einige Kategorien mehr zur Gram- matikalisierung neigen als andere. Daneben wird jedoch (a.a.O.) behauptet, die Gramma- tikalisierung sei omniprasent und nicht fiir einen Bereich der Sprache spezifisch. 3.2.10. Auch trotz diesen Problemen sei mir noch einige Bemerkungen zu den Gramma- tikalisierungsdoménen gestattet. Interessant ist der Fall der Kopula (Lehmann 2002: § 3.1.2.). Die Kopula sei ,,a word which turns a nominal into a predicate” (Lehmann 2002: 23). Diese Funktion muss in- dessen nicht unbedingt ein Wort erfiillen, wie die tiirkischen pridikativen Suffixe zeigen, und sie kann sogar durch die feste Wortfolge ausgedriickt werden, wie wiederum die rei- Es sei in diesem Zusammenhang noch lose angemerkt, dass die Unterscheidung zwischen den relationalen und den absoluten grammatischen Elementen (Lehmann 2002: 115) sich mit der Un- terscheidung im Rahmen der Mathesiusschen Theorie zwischen den Elementen, die primar dem syntaktischen Akt dienen (Kasus, Person), und jenen, die primar dem onomatologischen Akt dienen (Numerus, Tempus), vergleichen lisst. Dabei konnen Elemente wie Artikel primar beiden Akten dienen (vgl. generische Bedeutung des Artikels und seine Rolle in der sog. funktionalen Satzpers- pektive). 134 | BOHUMIL VYKYPĖL nen Nominalsatzen jenes Typs zeigen, den man beispielsweise im Ungarischen findet (vgl. hierzu auch Giger, Vykypėl 2001: 72f.). Das bedeutet also einerseits, dass sich die Kopula auch als ein Inhaltselement betrachten lasst, und zwar eines aus der Kategorie von Hjelm- slevs extensen, d.h. ungefahr verbalen „grammatischen“ Inhaltselementen, und anderer- seits, dass der Ausdruck dieser Funktion verschieden sein kann, etwa in Abhangigkeit davon, welcher Sprachtyp in der jeweiligen Sprache dominiert. Wichtig ist dabei, dass den Ausgangspunkt eine Definition dieser Kopula-Funktion oder dieses Kopula-Inhaltsele- mentes bilden muss, von dem aus sich die Beobachtung von Zeichen, in die es tritt, hin- sichtlich ihrer Grammatikalisierung oder typologischen Verschiedenheit erst abwickeln kann. Noch interessanter scheint die Nominalisierung und Attribution (Lehmann 2002: §§ 3.3.2.-3.; vgl. auch Lehmann Ms.a: §§ 5.-6.). Uber die mėgliche Interpretation der Attri- bution und der damit eventuell verbundenen Kongruenz war schon oben (§ 3.2.6.) die Rede und vgl. noch unten (§ 3.3.2.). Was die sog. Nominalisierung angeht, so lasst sich aus der Hjelmslevschen Perspektive behaupten, dass in der Erscheinung dieser Dependenz zwischen zwei oder mehreren ,,verbalen Konzepten“ ein Inhaltselement namens Konnek- tiv auftritt, welches eben diese zwei Konzepte als komplexe Inhaltselemente oder Kom- plexe von Inhaltselementen verbindet (vgl. Hjelmslev 1959: 165-191, Vykypél 2005: 76f., 232f.). Der Ausdruck dieses Inhaltselementes kann verschieden sein. 1° Es kann sich nur um die ,.feste Wortfolge* handeln, d.h. eine bestimmte Aneinanderreihung von „Haupt-“ und ,,Nebensitzen®, aus der dann die gegenseitige Beziechung der Sitze (d.h. die Tatsache, welcher von welchem dependent ist) hervorgeht. 2° Es kann ein fiir diese Funktion nichtspezialisiertes Wort auftreten, welches in anderen Kontexten eine lexikalische Funk- tion erfiillt. 3° Es kann ein fiir diese Funktion spezialisiertes Wort auftreten. 4° Schlie3lich kann auch ein Affix auftreten. 1° kommt beispielsweise im Chinesischen vor, in dem die Temporal- und Konditionalnebensitze vor dem Hauptsatz stehen wie allgemein das De- terminans vor dem Determinatum, die Objektnebensitze dagegen nach dem Hauptsatz wie allgemein das Objekt nach dem Subjekt und Préadikat, ohne dass in beiden Fallen der Nebensatz durch ein Zeichen bestimmt zu werden braucht. 2° kommt beispielsweise im Vietnamesischen vor, in dem Finalnebensitze durch die Worter @é oder cho determi- niert werden, welche auch ‘lassen, stellen’ resp. ‘geben’ bedeuten konnen. 3° ist der Fall der anstandigen Konjunktionen und 4° begegnet man etwa bei allen sog. Partizipien, Infi- nitiven, Gerundien etc. 1° und 2° lasst sich im Rahmen der Prager Typologie als poly- synthetisch, 3° als isolativ und 4° als agglutinativ bewerten. Fiir den flektierenden Sprach- typ wiirde man mit dem Ausdruck durch eine Endung rechnen, Skalicka (1979: 173-179) behauptet jedoch, der flektierende Typ l6se das Problem des zweiten Verbs (welches dem Problem der Nominalisierung entspricht) durch reich entwickelte Nebensitze. An einer anderen Stelle haben wir, Markus Giger und ich, nichtsdestotrotz zu zeigen versucht, dass diese Behauptung — wie andere sog. syntaktische Eigenschaften im Rahmen von Skali¢- kas Typologie — nicht problemlos ist (vgl. Giger, Vykypél 2001: 72-79). Jedenfalls sieht man hier wieder (wie im Falle der Kopula), dass die Stufen der Gram- matikalisierung sich mit den Typen der Prager Typologie ungefihr korrelieren lassen. Damit komme ich jedoch schon zum Thema des nachfolgenden Abschnitts. GEDANKEN ZUR GRAMMATIKALISIERUNG | 135 BEMERKUNG: Vorher noch erlaube ich mir bei dieser Gelegenheit indessen einen klei- nen typologischen Exkurs hinzuzufūgen. Sobald die Dependenz von „Sūtzen“ einen mehr oder weniger diskreten Ausdruck erhiilt, kann die „feste Wortfolge“ (Reihenfolge von Morphen) fūr den Ausdruck der aktuellen Gliederung (der funktionalen Satzperspektive) frei werden. Dasselbe gilt auch fūr die Satzglieder selbst. Beispiele lassen sich manche anfūhren. Wenn ein chinesischer Kausal- nebensatz durch yinwei ‘weil’ bestimmt wird, kann er auch nach dem Hauptsatz stehen, insbesondere wenn er kein Thema darstellt. Im Indonesischen muss ein Wort, das die Funktion des indirekten Objekts erfiillt, nach dem Verb und vor dem direkten Objekt stehen; wenn es jedoch durch eine Préaposition determiniert ist, kann es auch nach dem direkten Objekt stehen. Ahnlich steht es mit dem indirekten Objekt bekanntlich im Eng- lischen. Aus dem Englischen stammt ein Beispiel von Sgall (1988: 465): Mary moved from Chicago to Philadelphia vs. Mary moved to Philadelphia from Chicago. Man kann diese Erscheinungen als eine Gelegenheit zur Uberlegung iiber die typologische Be- wertung des Ausdrucks der aktuellen Gliederung (der funktionalen Satzperspektive) nehmen. Wie oben (§ 2.1.) erwihnt, zahlt Sgall die aktuelle Satzgliederung gemeinsam mit den Funktoren und Grammatemen zum grammatischen Teil der tektogrammatischen Ebene, dessen Ausdruck folglich als die Dominante oder Grundeigenschaft der fiinf Sprachty- pen postuliert wird. Man begegnet hier jedoch gewissen Unklarheiten®. So bildet der Aus- druck durch Variierung der lexikalischen Morphe, d.h. durch Endungen, die Dominante des flektierenden Typs, aber die aktuelle Gliederung wird durch Reihenfolge von lexika- lischen Morphen ausgedriickt, was man jedoch als die Dominante des polysynthetischen Typs betrachtet. Die oben angefiihrten Beispiele aus dem Chinesischen, Indonesischen und Englischen wiirden bedeuten, dass im Falle des Ausdrucks von Funktoren oder Gram- matemen (hier Kasus- und Konnektivfunktionen) durch Reihenfolge von Morphen die aktuelle Gliederung anders, beispielsweise durch Intonation oder gewisse Konstruktio- nen ausgedriickt werden muss, wenn jedoch die Funktoren oder Grammateme durch ei- gene Morphe den Ausdruck finden, so wird die aktuelle Gliederung durch Reihenfolge von Morphen ausgedriickt. Man kann voraussetzen, dass es eine Art Kompensationsbe- ziehung zwischen dem Ausdruck der Funktoren und Grammateme (der ,.eigentlichen Grammatik“) auf der einen und jenem der aktuellen Gliederung auf der anderen Seite gibt’. Es stellt sich indessen die Frage, ob diese Kompensation zu den Konstrukten der Typen gehort oder ob sie eine Angelegenheit der einzelnen Sprachen darstellt, die in der Prager Typologie bekanntlich als hierarchisierte Kombinationen von Eigenschaften ver- schiedener Typen betrachtet werden. Es kann hier beispielsweise auf den berithmten ja- panischen Topikalisierungsaffix -wa verwiesen werden, den man im (angeblich) dominant agglutinierenden Japanischen findet: Hier hat man es also mit derselben (in diesem Falle einer agglutinativen) Losung fiir den Bereich der Grammateme und Funktoren und je- 8 Zur aktuellen Gliederung vom typologischen Gesichtspunkt aus vgl. auch Sgall (1982) und Sgall, Hajicova, Panevova (1986: 241-244). Zum Begriff der Kompensation beim Deduzieren von Eigenschaften der Sprachtypen vgl. Skalicka (1966: 27). 9 136 | BOHUMIL VYKYPĖL nen der aktuellen Gliederung zu tun. Umgekehrt konnte man glauben, dass der Ausdruck der aktuellen Gliederung durch Reihenfolge von Morphen in dominant flektierenden Sprachen ein Merkmal des polysynthetischen Typs darstellt. Man kommt wieder zur zwei- fachen theoretischen Unsicherheit der Prager Typologie: Wie sind die Typen eigentlich zu konstruieren und wie ist die typologische Dominante einer Sprache festzustellen? (Vgl. auch Vykypéel 2005: 197-203.) Eine mogliche Losung der zweiten Frage bietet eine Hie- rarchisierung des Sprachsystems hinsichtlich der Relevanz fiir die Festsetzung der ein- zelsprachlichen typologischen Dominante: Das Wichtigste wire beispielsweise der Aus- druck von Funktoren und Grammatemen bzw. jener von Funktoren und dann jener von Grammatemen; danach wiirde der Ausdruck der aktuellen Gliederung folgen; weiter kamen die Bereiche der Bennenung (Wortbildung), der Semantik, der Syntax und auch jener der Phonologie. 3.3. Die Grammatikalisierungstheorie, d.h. eine bestimmte Beurteilung von einigen Zei- chen, zerfillt also in zwei Teile. In ihrem , Inhaltsaspekt” korrespondiert sie mit einer Theorie des Inhalts (vgl. oben § 3.2.). In ihrem ,,Zeichenaspekt® kann sie wiederum verglichen werden mit der Beschreibung des Sprachgebrauchs von Hjelmslev (und zwar sowohl in seinem Substanz- als auch seinem Zeichenaspekt; vgl. oben § 3.1.), mit Mathe- sius’ Morphologie oder mit der Beschreibung der morphematischen Ebene von Sgall. Am direktesten lasst sie sich jedoch mit der PRAGER TyproLOGIE vergleichen, die sich ūbrigens auch als Beschreibung von Typen des Hjelmslevschen Sprachgebrauchs, der Mat- hesiusschen Morphologie oder der Verbindung zwischen Sgalls tektogrammatischer und morphematischer Ebene betrachten lasst. Zunichst lassen sich zwei allgemeine Eigenschaften anfithren, welche die Grammati- kalisierung und die Prager Typologie gemeinsam haben (und auf die Markus Giger auf- merksam gemacht hat). Wenn man vorlaufig und approximativ einzelne Phasen der Gram- matikalisierung mit den Prager Typen gleichsetzt, so ist zweierlei ersichtlich: Die Tatsache, dass in ein und derselben Sprache verschieden stark grammatikalisierte Zeichen vor- kommen, entspricht der Prager These von der einzelnen Sprache als einer Kombination von Eigenschaften mehrerer Sprachtypen, und die Tatsache, dass die Parameter der Gram- matikalisierung bei einzelnen Zeichen verschieden stark sind, entspricht dem, dass Ei- genschaften mehrerer Sprachtypen auch im Rahmen eines einzigen Zeichen kombiniert werden konnen. AuBlerdem konnen konkrete Beispiele fiir die Korrelierung zwischen Phasen der Gram- matikalisierung und den Prager Sprachtypen angefiihrt werden. Die Ubereinstimmun- gen sind zahlreich (vgl. auch Sgall 1992a: 205f., 1993a: 323, 1999: 31; Giger 2002: 46), ich beschrianke mich nur auf einige von ihnen. 33.1. So weisen beispielsweise hoch grammatikalisierte Kasus (Lehmann 2002: 76f.) Merkmale des flektierenden Typs auf: Die Formanten kumulieren mehrere Funktionen, sind kiirzer, treten in die Kongruenz, werden fusioniert und von einer Stammalternation begleitet. 0 Zur Typologie (allerdings iiberwiegend der vorstrukturellen Vorlauferin der Prager Typologie) aus der Sicht der Grammatikalisierungstheorie vgl. Lehmann (1985; 1986; 1987). GEDANKEN ZUR GRAMMATIKALISIERUNG | 137 Vielleicht am auffalligsten ist die Korrelierung im Bereich der syntagmatischen Kohision, der Gebundenheit (Lehmann 2002: § 4.3.2.). Die Stufen der Fusion zwischen dem lexikalischen Stamm und dem grammatischen Element (S. 132) entsprechen genau denen der Prager Typologie; die undeutliche Grenze zwischen Morphemen und die Ku- mulierung von Funktionen in Morphemen als Merkmale einer hohen Grammatikalisie- rung (S. 137) entsprechen Eigenschaften des flektierenden Typs. 3.3.2. Im Abschnitt zur Gebundenheit werden auch Koordinationssyntagmen behandelt (Lehmann 2002: 133f., 135f.). In Koordinationssyntagmen treten Inhaltselemente auf, die im Verhaltnis zueinander gleichberechtigt sind. Wenn sie durch ein anderes Inhalts- element determiniert werden, kann dieses entweder wiederholt bei jedem der von ihm determinierten Inhaltselemente ausgedriickt werden oder es kann nur einmal ausgedriickt werden. Die erste Ausdrucksweise wird als Merkmal einer hoheren Grammatikalisie- rung des determinierenden Zeichens betrachtet. Die Wiederholung eines Zeichens stellt auch das Wesen der sog. Kongruenz dar (vgl. Skalička 1937): Durch die Wiederholung eines Zeichen, in dem ein bestimmtes Inhaltselement enthalten ist, wird die Dependenz eines lexikalischen Inhaltselementes von einem anderen ausgedriickt. Die Kongruenz als Ausdruck einer solchen Dependenzbeziehung kommt im flektierenden (oder dem introf- lexiven) Typ vor, wihrend in den anderen Typen die Beziechung durch Apposition, d.h. feste Wortfolge ausgedriickt wird. AuBBer dem, was schon oben (§ 3.2.6.) erwahnt wurde, und zwar dass zwei auf der Ebene der Zeichen verschiedene Erscheinungen, die Kongru- enz und die Apposition, im Inhaltsplan gleich interpretiert werden konnen, wird hier er- sichtlich, dass der Ausdruck der betreffenden Inhaltsbeziehung sowohl fiir die Typologie als auch fir die Grammatikalisierung relevant ist: Die Kongruenz und Wiederholung eines Zeichens ist flexiv und mehr grammatikalisiert, die Apposition und Nichtwieder- holung eines Zeichens ist nichtflexiv und weniger grammatikalisiert. Wieder sieht man die Entwicklung zum flektierenden Typ als Starkung der Grammatikalisierung. 333. Die behandelten (§§ 3.2.6., 3.2.10., 3.3.2.) Erscheinungen der Attribution, Pra- dikation, Nominalisierung oder Kongruenz lassen sich als bestimmte syntagmatische Beziehungen im Inhaltsplan oder Reflexe dieser Beziechungen beschreiben oder als In- haltselemente, durch welche diese Beziehungen gebildet werden. Die ,lexikali- schen® Inhaltselemente, die so miteinander verbunden werden, bilden verschiedene Grup- pen je nachdem, in welche syntagmatischen Beziehungen sie treten (oder durch welche ~grammatische® Inhaltselemente sie determiniert werden). Diese Gruppen werden herkommlicherweise Wortarten genannt', und sie konnen verschieden stark ausgepragt und im Ausdruck untereinander unterschieden werden". Eine starke Differenzierung "Zum Begriff der Wortarten vgl. Trnka (1982: 315, 327f.) (vgl. auch die inspirierenden Bemer- kungen beim frithen Hjelmslev 1928: Kap. V). 2 Bei dieser Unterscheidung geht es um Verschiedenheit oder Gleichheit des Ausdrucks der ent- sprechenden grammatischen und lexikalischen Inhaltselemente. So werden beispielsweise im Chine- sischen und Vietnamesischen die Substantive” auf der einen und die „Verben“ und „Adjektive“ auf der anderen Seite so unterschieden, dass die ersteren im Gegensatz zu den letzteren im Pradikat mit der Kopula stehen, d.h. die erste Gruppe erfordert im Gegensatz zur zweiten einen expliziten Aus- druck der Kopula-Funktion, und es besteht somit ein Unterschied im Ausdruck der grammatischen Inhaltselementes ‘Kopula’; andere Unterschiede finden sich aber kaum und auch die „Verben“ und 138 | BOHUMIL VYKYPĖL von Wortarten wird in der Prager Typologie als eine Eigenschaft des flektierenden Typs betrachtet, wahrend in den anderen Sprachtypen Wortarten schwacher unterschieden wer- den (vgl. z.B. Skalička 1979: 87, 117, 190, 201, 336, 338-341). Nun findet man ein hohes Mal} der Unterscheidung von Wortarten, das dem flektierenden Typ zugeschrieben wird, in der Grammatikalisierungstheorie als Reflex einer hohen Grammatikalisierung: Je kla- rer die Wortarten unterschieden werden, desto mehr sind sie grammatikalisiert (vgl. Leh- mann Ms.a). 3.3.4. Neben der Homogeneitit eines Paradigmas (vgl. § 3.2.1.) wird auch eine entgegen- gesetzte Eigenschaft als ein anderes Merkmal einer hohen Stufe der Grammatikalisie- rung postuliert, und zwar die Allomorphie (und der Suppletivismus) (Lehmann 2002: 122). Dies scheint etwas iiberraschend, denn die Homogeneitit stellt eine Regularitét dar, wiahrend die Allomorphie eine Irregularitit ist, findet jedoch seine Erklarung in der Korrelierung zwischen hohen Stufen der Grammatikalisierung und dem flektierenden Typ und auBBerdem auch im Zustand in altindogermanischen Sprachen. 3.3.5. Ein anderes Beispiel fiir die Ahnlichkeit der hochsten Stufen der Grammatikali- sierung mit dem Zustand in den altindogermanischen Sprachen kann der Gipfel der Gram- matikalisierung des Numerus darstellen (Lehmann 2002: 52): Die Anzahl von Gliedern der Kategorie wird reduziert, die Numerusformanten werden obligat und fusioniert, die Kongruenz im Numerus entsteht, urspriinglich semantisch unterschiedliche Formanten werden zu Allomorphen und auch Stammsuppletivismus kommt vor. Alles auch Eigen- schaften des flektierenden Typs. Eine dhnliche Beschreibung der vollgrammatikalisier- ten Numeruskategorie, die ,,zuféllig” mit dem Zustand in altindogermanischen Sprachen tibereinstimmt, finden man bei Erhart (1970: 69f.). 3.3.6. Ein subtileres und interessantes Beispiel stellt der Fall der sog. festen Wortfolge dar. Im letzten Abschnitt seines spannenden Buches 16st Lehmann (2002: § 4.4.4.) eine letzte spannende Frage, und zwar jene, dass die sog. feste Wortfolge sowohl am Anfang als auch am Ende der Grammatikalisierung vorkommen kann. Ich mochte dazu vom Ge- sichtspunkt der Prager Typologie aus etwa Folgendes anmerken: Ahnlich wie im Rahmen der Grammatikalisierung kommt auch im Rahmen der Prager Typologie die sog. feste Wortfolge an zwei Stellen vor, und zwar im polysynthetischen und im isolierenden Typ. Es ist indessen zu betonen, dass ein wesentlicher Unterschied zwi- schen diesen zwei festen Wortfolgen besteht. Die erste, polysynthetische und am Anfang der Grammatikalisierungsskala stehende feste Wortfolge lasst sich als semantisch be- zeichnen und mit Skalickas impliziter oder lexikalischer Syntax vergleichen: Skalicka (1960b) unterscheidet bekanntlich mehrere ,,besondere Formen der Syntax”, und eine dieser Formen ist die implizite oder lexikalische Syntax, in der die Beziechungen zwischen „Adjektive“ werden nicht unterschieden. Im Ungarischen sind die nominalen Possessivsuffixe und die verbalen Personalsuffixe teilweise gleich, und im Tirkischen ist das Pluralsuffix bei den Nomina und in der dritten Person der Verben gleich; umgekehrt kann in diesen Sprachen dieselbe lexikali- sche nominale Ausdrucksform sowohl abhingig (d.h. adjektivisch) als auch unabhéangig (d.h. substanti- visch) sein. Haufig sind jedoch auch Unterschiede in den entsprechenden Ausdrucksformen. Dagegen sind in Sprachen wie Tschechisch oder Litauisch beispielsweise sowohl die Ausdrucksformen von abhédngigen Nomina und den sie determinierenden Grammemen als auch jene von unabhéngigen Nomina und ihren Grammemen meistens verschieden, womit die sog. Adjektive und die sog. Substantive im Ausdruck deut- lich unterschieden sind. GEDANKEN ZUR GRAMMATIKALISIERUNG | 139 Wortern (Lexemen oder Zeichen) durch die Bedeutung der Worter selbst gegeben sind“. Die Beziehungen zwischen Wortern kommen zwar durch die Reihenfolge, die Position der Worter im Rahmen des Satzes zum Ausdruck, aber sie werden durch diese nicht be- stimmt, sondern eben durch die Semantik der Worter. Im Gegenteil lasst sich die andere, isolative und am Ende der Grammatikalisierungsskala stehende feste Wortfolge als „for- mal“ bezeichnen: Die Beziehungen zwischen den Wortern sind durch ihre Reihenfolge ausgedriickt und bestimmt. Der Unterschied zwischen den zwei Arten der festen Wortfolge lasst sich auch folgen- dermaBen formulieren: Im zweiten (isolativen) Falle verandert jede Anderung der Rei- henfolge der Worter auch die Satzbedeutung, die Beziechung zwischen den Wortern. Da- gegen wird die Satzbedeutung, die Beziehung zwischen den Wortern durch eine Anderung der Reihenfolge der Worter im ersten (polysynthetischen) Falle nicht unbedingt verandert: Wenn namlich aus der Semantik (der Bedeutung) der Worter selbst die Beziehung zwi- schen ihnen im Rahmen des Satzes, d.h. auch die Satzbedeutung klar hervorgeht, so ist es nicht unbedingt notwendig, ihre Reihenfolge unverdndert zu lassen. Dies stimmt mit Ska- lickas allgemeiner Parole tiberein, der polysynthetische Typ versuche seine Grammatik auf der Semantik aufzubauen. Beispiele aus dem dominant polysynthetischen Chinesischen fiir die Freiheit der Wort- folge, falls die Bezichungen zwischen Wortern aufgrund von deren Bedeutung klar sind, findet man bei Skalicka (1946: 400f., 409; verkiirzt in Skalicka 1979: 192) selbst. Dazu kann ein Beispiel aus dem ebenso stark polysynthetischen Vietnamesischen hinzugefiigt werden. Im Vietnamesischen kann die Zukunft einer Handlung so ausgedriickt werden, dass das betreffende Zeichen fiir eine Zeitangabe vor oder nach dem Subjekt, aber noch vor dem Pridikat steht: Chieu hom nay toi mua ti’ dién ‘Heute nachmittag kaufe ich ein Worterbuch’. Die Vergangenheit einer Handlung wird dagegen dadurch ausgedriickt, dass das Zeichen am Satzende steht: Toi mua quyén sdach tru'a hom nay ‘Ich habe das Buch heute mittag gekauft’. Wenn aber die Zeitangabe aus der Wortbedeutung klar wird, sind die Zeichen nicht durch diese Regeln gebunden: Chiéu hom qua ti di xem chiéu bong ‘Gestern nachmittag bin ich ins Kino gegangen’ und Ti di xem chiéu bong chiéu hom qua ‘Ich bin gestern nachmittag ins Kino gegangen’ (vgl. Vii 1998: 64). 33.7. Im Zusammenhang mit dem Fall von zweierlei fester Wortfolge sei mir gestattet, noch einige weitere Bemerkungen zu machen. Die auffilligste oder banalste Bemerkung ist, dass man hier ein instruktives Beispiel fur Gabelentz’ typologische Spirale sieht: Der Anfang und das Ende — hier die sog. feste Wortfolge — sind dhnlich, aber nicht gleich. Weiter kann konstatiert werden, dass die Behauptung, die isolative feste Wortfolge stelle das Ende der Grammatikalisierung dar, eigentlich kaum theoretisch begriindet zu sein scheint, sondern eher empirisch, durch die Entwicklung westeuropaischer Sprachen nach dem Verlust der Flexion (der empirische Standpunkt gleicht hier also dem histori- schen, d.h. einem potentiell zufilligen). Ahnlich steht es mit dem Verlust oder der ma- Hier sei nebenbei auch eine andere Parole von Skalicka (1962a) erwihnt, und zwar diejenige, die Syntax sei anthropozentrisch (und die Morphologie tiberfliissig), was insbesondere eben fiir die implizite oder lexikalische Syntax gilt. 140 | BOHUMIL VYKYPĖL ximalen Reduktion grammatischer Zeichen, d.h. ihrer Reduktion zu Null, welche als die hochste Stufe der Grammatikalisierung betrachtet wird (z.B. Lehmann 2002: 12, 57f., 64, 121, 137): Diese (unmittelbar der Bildung der isolativen festen Wortfolge vorange- hende) Reduktion folgte in westeuropaischen Sprachen der als vorletzt bezeichneten Phase der Grammatikalisierung, die dem Maximalisierung des flektierenden Typs entspricht. Allgemein ist allerdings auch die Behauptung, die Reduktion zu Null stelle das Ende oder das Maximum der Grammatikalisierung dar, nicht ohne Weiteres zu akzeptieren, denn Nichts ist nichts und nicht etwas, d.h. auch kein Ende. Das Ende der Grammatikalisie- rung stellt vielmehr jenes ,,Panultimastadium® dar (z.B. Lehmann 2002: 77), das dem flek- tierenden oder noch eher dem introflexiven Typ entspricht (vgl. Giger, Vykypél 2001: 79f.). 3.3.8. Man kann die Frage stellen, was das (in §§ 3.3.1-7.) Geschilderte bedeutet. Es kann auch bedeuten, dass die Ausdruckskriterien in der Grammatikalisierungstheorie auf einer squinting grammar beruhen, die nach dem flektierenden Latein und dessen isolierenden westeuropaischen Tochtersprachen schielt. Schirfer gesagt ist das stark grammatikalisiert, was etwa so aussicht wie das, was die lateinische Grammatik grammatisch nennt, und noch strarker grammatikalisiert ist das, wozu es in westeuropaischen Sprachen wurde. Man kommt zu den oben (§ 2.2.) zitierten Worten von Hoskovec ūber Erhart zurtick. Wenn man an das oben (§ 3.2.) Gesagte erinnert, so lassen sich die zwei dort erwahnten Ver- gleichsaxiomatiken, die auBBersprachliche (d.h. praktisch die allgemeine Phonetik fiir den Ausdrucksplan und fiir den Inhaltsplan die Metaphysik bei der traditionellen Sprachwi- senschaft, eine Art Logik bei den Chomskyanern oder die sog. kognitive Linguistik im Falle der allerletzten Mode in der Sprachwissenschaft) und die innersprachliche, explizite Vergleichsbasen nennen. Deneben kann auch eine implizite und daher in Hjelmslevscher Art apriorische Vergleichs- und Beschreibungsbasis bestehen, eine squinting grammar. 34. Die Korrelierung zwischen hohen Stufen der Grammatikalisierung und den Ei- genschaften des flektierenden Typs wurde vorwiegend auf Erscheinungen gegriindet, wel- che die Ausdrucksseite von sprachlichen Zeichen betreffen (und es konnen auch weitere angefiihrt werden). Dies ist ūbrigens auch verstindlich, denn der Kern der Prager Typo- logie besteht ja in der Beobachtung, welche Formen den in Sprachen vorhandenen Funk- tionen zugeordnet werden. Lehmann (2002: 1091.) betont allerdings mit Recht, dass die Grammatikalisierungsparameter beide Seiten des sprachlichen Zeichens betreffen, auch wenn es manchmal schwierig ist, sie zu unterscheiden. Wenn es nun méglich wire, eine Grammatikalisierungsskala auch aufgrund von Inhalts- oder semantischen Parametern aufzustellen, so wire es unmoglich, diese mit der Prager Typologie zu korrelieren, denn diese Typologie geht eben davon aus, dass es im Inhaltsplan (in der tektogrammatischen Ebene) keine solche Skala gibt, sondern nur Elemente, die entweder , lexikalisch® oder ~grammatisch® sind, und dass in der verschiedenen Sprachtypen die lexikalischen Ele- mente gleich und die grammatischen verschieden ausgedriickt werden. An dieser Stelle sind also noch diejenigen Grammatikalisierungsparameter zu bespre- chen, die mehr oder weniger den Inhalt (die Semantik) betreffen. “Fir einen interessanten Versuch, eine Basis fiir den Sprachvergleich im Inhalt, eine ,funktionale Linguistik“ aufzustellen vgl. Lehmann (2004a, 2004b). — Zur semantischen Grundlage eines syn- chronen Vergleichs von Sprachen vgl. auch Sgall (1978) und auch Haspelmath (2004: 572f.). GEDANKEN ZUR GRAMMATIKALISIERUNG | 141 3.4.1. Der Parameter der Variabilitat kann im diesem Zusammenhang beiseite gelassen werden. Die beiden Variabilitiaten, die paradigmatische und die syntagmatische (Leh- mann 2002: §§ 4.2.3., 4.3.3.), setzen eine nichtgraduelle Veranderung im Inhaltsplan vo- raus. Im Falle der syntagmatischen Variabilitit wird eine neue oder andere Form von Verhiltnissen zwischen gewissen Inhaltselementen durch neue Verhiltnisse zwischen den ihnen zugeordneten Ausdriicken reflektiert. Die paradigmatische Variabilitit wird als Ganzes durch Beziehungen im Inhaltsplan, nicht durch Zeichen bestimmt (vgl. auch oben $322). Im Parameter der paradigmatischen Kohdsion (Lehmann 2002: § 4.2.2.) lassen sich semantische resp. inhaltliche Aspekte einer Grammatikalisierung besser identifizieren. Einen von ihnen stellt der geringe Umfang des Paradigmas (oder der Kategorie) dar. Allerdings kann man hier zweierlei anmerken: Einerseits scheint dies wieder mit dem Zustand in den hochflektierenden altindogermanischen Sprachen korrelierbar (vgl. auch oben § 3.3.5.), andererseits stellt sich grundsitzlich die Frage, was zu einem Paradigma (einer Kategorie) gehort (vgl. auch Vykypél 2005: 215-223). Man kann beispielsweise sehr gut ein Kriterium aufstellen, nach dem die Préipositionen und die affixalen Kasus in eine einzige Kategorie eingegliedert werden. Mit anderen Worten, auch dieser Parameter setzt eine Inhaltsbeschreibung voraus, durch die folglich der graduelle Charakter im Verhiltnis zwischen den betreffenden Kategorien bezweifelt werden kann (wie im Falle von Kasus und Prépositionen). Ein weiterer semantischer Aspekt der paradigmatischen Kohision, die einfachen Beziehungen innerhalb der Kategorie, wurde schon oben (§ 3.2.1.) behandelt. Lehmann (2002: § 4.3.2, S. 138-140) macht auch auf den semantischen Aspekt der syntagmatischen Kohésion (der Gebundenheit) aufmerksam®. Diese Voraussetzung ist sehr interessant (u.a. auch durch alle ihren Implikationen, die Lehmann a.a.O. behan- delt). Sie scheint uns jedoch wieder vor das Problem einer Theorie des Inhalts zu stellen. Es stellt sich hier zunéchst die Frage, was woran gebunden ist, d.h. wodurch was determi- niert wird, und welche Abhdngigkeit gemeint ist (denn beispielsweise auch zwischen Tei- len eines Kompositums, d.h. im Bereich des Lexikons kann Abhingigkeit bestehen). Es stellt sich auch die Frage, wie die angeblich geringeren und groBeren Anhingigkeiten zu unterscheiden sind. Man stot an die allgemeine Unsicherheit von Kriterien in der Se- mantik und den Kontinuumcharakter des Sprachgebrauchs. Das bedeutet auch, dass man hier wieder kaum natiirliche graduelle Gegensitze finden kann, sondern nur durch die Form involvierte diskrete Gegensitze. Das syntagmatische Gewicht (Lehmann 2002: § 4.3.1.) entspricht der Frage, was wo- durch determiniert wird. Wie oben (§§ 3.2.6., 3.3.2.) angedeutet, muss vom Gesichtspunkt des Inhaltsplans kein Unterschied zwischen Konstruktionen bestehen, die ein einziges de- terminierendes Zeichen enthalten, und jenen, in denen mehrere solche Zeichen enthalten sind. Somit bestehen auch hier kaum graduelle inhaltliche oder semantische Unterschiede. 15 Es sei darauf verwiesen, dass sich semantische (inhaltliche) Gebundenheit des grammatischen Elementes an ein lexikalisches unter den konstitutiven Eigenschaften der grammatischen Elemente auch bei Erhart findet (vgl. oben § 2.2.) und dass es im iibrigen mėglich ist, sie auch bei den mittel- alterlichen Modisten in ihren modi significandi zu erblicken. 142 | BOHUMIL VYKYPĖL Am besten scheint der semantische und der formale Aspekt beim Parameter des pa- radigmatischen Gewichts unterschieden werden zu konnen (Lehmann 2002: § 4.2.1.): Eine starkere Grammatikalisierung eines Zeichens ist mit seiner starkeren Desemanti- sierung verbunden. Diesem Kriterium begegnet man auch bei Skaličkas Definition von grammatischen Bedeutungen (vgl. oben § 2.2.). Man kann dazu jedoch einige Bedenken aussprechen. Zunichst stellt die semantische Beschreibung bekanntlich im Allgemeinen ein ziem- lich groBes Problem dar, und man wird oft mit Vagheit oder schwieriger Erfassbarkeit der Begriffe oder Interventionen von auBer- oder zumindest metasprachlichen Faktoren konfrontiert. Die Semantik lisst sich auBerdem (in einer Hjelmslevschen Perspektive) als Manifestation von relationell definierten Inhaltselementen, d.h. als Durchdringung von Sprachstruktur und Welt und somit als fiir die Definition der Elemente und ihrer Kategorien irrelevant betrachten. Von einem gnoseologischen oder operationalen Ge- sichtspunkt aus kann die Semantik oder die semantische Beschreibung auch als eine „Ūber- setzung“ in eine andere Sprache aufgefasst werden. (Vgl. auch oben §§ 3.2.3.-4. und die Unterscheidung von Miloš Dokulil (1978) zwischen der wortbildenden, d.h. strukturell bestimmten, und der lexikalischen, d.h. durch den Usus bestimmten Bedeutung.)'* Die Semantik kann also fiir etwas gehalten werden, was einerseits fiir die Definition von Inhaltselementen irrelevant ist resp. eine Folge dieser Definition (der Position der Elemente in der Struktur des Inhaltsplans) darstellt (vgl. hierzu auch Hjelmslev 1959: 192-198), und andererseits hinsichtlich seiner Abstraktheit oder Konkretheit nur auBer- sprachlich oder aufgrund des Usus bestimmt werden kann, kaum jedoch im Rahmen der Sprachstruktur (der Struktur des Inhaltsplans) selbst. Der graduelle Charakter des se- mantischen Gegensatzes zwischen den verwandten lexikalischen und grammatischen Ele- menten ist auersprachlich gegeben. Mit dem Gesagten hiangt letzten Endes auch der kontinuierliche Charakter der Erscheinungen in diesem Bereich zusammen, den auch Skalicka (1959, 1979: 297-299) thematisierte, als er die grundsitzliche semantische Ver- wandtschaft zwischen einigen lexikalischen und einigen grammatischen Elementen be- schrieb und ūber die Transposition der einen in die anderen sprach. Hjelmslev hielt eben diese Tatsache fiir den (operationalen) Grund der Unmdglichkeit, grammatische Ele- mente semantisch zu definieren (vgl. Vykypél 2005: 244f.). Man kommt hier auch zu der oben (§ 3.1.) erwihnten Frage zuriick, wann ein Zeichen hinsichtlich seiner Grammatika- lisierung schon zu untersuchen ist und wann noch nicht. 3.4.2. Nichtdestoweniger ist zu erwihnen, dass man bei Skali¢ka (1955b, 1960a) die Be- wertung seiner Sprachtypen hinsichtlich ihrer Grammatizitat und Abstraktheit oder ge- nauer der von ihnen produzierten Grammatizitiat und Abstraktheit findet", die also mit ' Die Frage, wie man erkennt, dass etwas weniger semantische Merkmale hat, beantwortet tibrigens auch Lehmann (2002: 114) mit einem Verweis auf eine Metasprache (es wird durch weniger meta- sprachliche Sitze beschrieben). — Die allgemeine Problematik der Semantik lasst sich auch an einem einzelnen Problem demonstrieren, und zwar jenem der Abstufung der Kasus(funktionen) hinsicht- lich ihres grammatischen Charakters (Lehmann 2002: 84f. und § 3.4.2.2): Die semantischen Krite- rien scheinen etwas vage, und schlieBlich wird das Mal} der Grammatikalisierung im Inhalt an jenes im Ausdruck gebunden (Lehmann 2002: 85, 100). 7 Vgl. auch Skalicka (1949). GEDANKEN ZUR GRAMMATIKALISIERUNG | 143 dem semantischen Aspekt des Grammatikalisierungsparameters des paradigmatischen Gewichts verglichen werden kann. Man kann dies auch als Skaličkas eigene Grammatika- lisierungsinterpretation seiner Sprachtypologie nennen. Interessant ist dabei, dass Ska- lickas Typologie hier im Unterschied zu den Ausdruckskriterien mit der Grammatikali- sierungsskala nicht tibereinstimmt. Die Sprachtypen lassen sich gemaB Skalicka (a.a.O.) hinsichtlich ihrer Grammatizitat etwa in zwei bindre Oppositionen gruppieren: Der polysynthetische Typ steht dem isolie- renden gegeniiber und der agglutinierende dem flektierenden. Der polysynthetische Typ baut seine Grammatik (Mathesius’ In-Beziechung-Setzen) auf der Semantik auf (er besitzt keine spezialisierten grammatischen Zeichen) und ist somit semantisch und agrammatisch, wahrend der isolierende seine Grammatik auf for- malen Elementen (mit dem Status von Wortern) aufbaut und somit formal und gramma- tisch ist. Ahnlich verhilt sich der polysynthetische Typ bei der Bildung von Wortern, Lexemen (Mathesius’ Onomatologie) sehr deskriptiv, d.h. seine Lexeme sind stark moti- viert (das Hauptverfahren der polysynthetischen Wortbildung stellt die Komposition dar), wiahrend der isolierende Typ in diesem Bereich stark etikettierend ist, d.h. seine Lexeme stark unmotiviert, arbitrar sind (der isolierende Typ bevorzugt Schaffung von ganz neuen Wortern, z.B. auch von Abkiirzungen, oder die Entlehnung)'®. (Zum Unter- schied in der Semantizitiat zwischen dem polysynthetischen und dem isolierenden Typ vgl. auch die Ausfithrungen zur sog. festen Wortfolge oben in § 3.3.6.) Der agglutinierende Typ produziert eine Menge von Affixen und 16st mit diesen so- wohl Probleme der Grammatik als auch jene der Onomatologie. Diese zwei Eigenschaf- ten fūhren folglich einerseits zur Moglichkeit den Asymmetrismus des sprachlichen Zei- chens zu reduzieren (das Verhiltnis zwischen Form und Bedeutung im Rahmen des Zeichens wird klarer) und andererseits zur Verunkliarung des Verhiltnisses zwischen der Grammatik und der Onomatologie (der Wortbildung). Beides hat somit auch zur Folge, dass der agglutinierende Sprachtyp weniger grammatisch und abstrakt und eher agram- matisch und deskriptiv ist (mit motivierten komplexen Zeichen), wenn auch nicht in sol- chem Male wie der polysynthetische Typ. Der flektierende (und der introflexive) Typ reduziert im Gegenteil die Anzahl von Affixen, bis sie zu Endungen werden. Dies fiihrt zur Starkung des Asymmetrismus des sprachlichen Zeichens (Synonymie und Homony- mie, Kumulierung von Funktionen in Morphemen). Die Grammatik und die Onomato- logie haben im flektierenden Typ komplizierte Siatze (Paradigmen) von Zeichen mit kei- ner oder niedriger Motivierung und mit starker Verunkliarung des Verhiltnisses zwischen Form und Bedeutung zur Verfligung. Der flektierende Sprachtyp ist somit mehr gram- matisch und abstrakt, aber nicht so abstrakt und unmotiviert wie der isolierende Typ, denn die flexiven Formanten bilden doch formal (im Ausdruck) mehr zusammenhangen- de, wenn auch komplizierte Systeme. Das Mall an Abstraktheit in Skalickas Sprachtypen lisst sich etwa folgendermalien schematisch darstellen: * Zur Unterscheidung zwischen den deskriptiven und den etikettierenden Benennungen, die auf Mathesius zuriickgeht, und zu diesen deutschen Termini vgl. Daneš (2003: 37). 144 | BOHUMIL VYKYPĖL grammatisch | abstrakt POLYS. ISOL. AGGL. FLEKT. Die Ausdruckskriterien schaffen dagegen eine gerade Linie (die sich ggf. in Gabelentz’ Spirale verwandeln kann): grammatisch et Ti + POLYS. ISOL. AGGL. FLEKT. oder: - grammatisch + » Lai POLYS. ISOL. AGGL. FLEKT. Fir eine gerade Linie sind die Typen im Falle der semantischen Kriterien anders zu ordnen grammatisch | abstrakt + POLYS. AGGL. FLEKT. ISOL. oder: grammatisch/ — abstrakt + POLYS. AGGL. FLEKT. ISOL. Es ist nicht ohne Interesse, dass man auch im berithmten typologischen Dreieck von Ska- licka (1935: 81) den polysynthetischen und den isolierenden Typ als zwei Randpunkte findet': Ebenso nicht ohne Interesse ist es, dass die angefiihrte alternative Anordnung von Sprachtypen sich mit den Phasen der Lexikalisierung vergleichen lieBen, wie sie Lehmann (2005: § 3.5.) formu- liert: ,,Recalling the techniques of expressing a semantic component in linguistic structure [...], we can say that lexicalization leads from (lexical-)syntactic expression via derivational to lexical ex- pression of a concept [...].“ Das Hauptverfahren bei Wortbildung im polysynthetischen Typ stellt die Komposition dar, im agglutinierenden die affixale Derivation, im flektierenden die morphologische GEDANKEN ZUR GRAMMATIKALISIERUNG | 145 FLEKT. Satz :: Wort :: Morphem :: Sem Satz = Wort Wort = Sem Satz :: Sem POLYS. AGGL. ISOL. Satz :: Wort Satz :: Wort :: Morphem = Sem 4. Nun mochte ich noch einige ALLGEMEINE BEMERKUNGEN wagen, die sogar mit der Fra- ge der linguistischen Methode zusammenhéngen konnen. 4.1. Im Vorwort zu seiner Abhandlung verrat Lehmann (2002: VII): „I must also warn the reader that I have great conceptual difficulties with the present subject, and I will leave many questions open. The problem is not so much an empirical one: there are sufficient analyzed data, and the empirical phenomena in themselves appear to be reasonably clear. What is highly unclear is how the phenomena are to be interpreted, classified and related to each other.” Man kann anmerken, dass die Interpretation von empirischen Daten immer hochgradig unklar ist, wenn man kein Realist ist und die Wirklichkeit einem somit als Kontinuum erscheint, zu dessen Interpretation man eine Theorie, die nomina braucht. Aber auch wenn man sich nicht fiir einen Nominalisten hilt, dringt sich im Falle der sog. grammati- schen Entitaten doch die Notwendigkeit einer interpretierenden Theorie auf, denn diese finden in der Empirie kaum Grenzen an sich. Dies hat Skalicka (1962b: 211) mit der Metapher der zweifachen Stilisierung der Welt durch die Sprache erfasst (vgl. Vykypél 2005: 192-194): Die grammatischen oder morphologischen Kategorien bilden die zwei- te Stufe dieser Stilisierung und reflektieren daher die Welt nur mittelbar. Hjelmslev (1943: § 5) lost das Dilemma bekanntlich durch seine These vom zweifa- chen, realistischen und arealistischen Charakter der Sprachtheorie: Die Sprachtheorie baut zwar auf gewissen Erfahrungsdaten, auf einer Empirie, sie befreit sich jedoch zu- gleich von diesen”. Aus anderer Sicht lasst sich das so ausdriicken, dass die Sprachtheorie Konversion und im isolierenden die Entlehnung oder die Schaffung von ganz neuen oder nur konzeptuell verbundenen Wortern (vgl. auch Vykypél 2004b: 131). (Zum Wandel von der Komposition zur affixalen Derivation als einem Ausdruck der Grammatikalisierung vgl. auch Haspelmath 1992: 70-74.) 20° Mit Skalickas zweifacher Stilisierung, die ich a.a.O. ausfiihrlicher zu beschreiben versucht habe, konnte Lehmanns (1993: 320f.) Unterscheidung zwischen dem Bereich der universalen Konzepte und jenem der sprachspezifischen Kombinierung dieser Konzepte in interessanter Weise verglichen werden. Dariiber jedoch wohl ein anderes Mal. — Ubrigens sei nebenbei angemerkt, dass sich Lehmann in seiner neueren Prizisierung des Unterschiedes zwischen Lexikon und Grammatik (und entsprechend zwischen Lexikali- sierung und Grammatikalisierung) Mathesius’ Unterschied zwischen Benennung und In-Beziehung-Setzen einigermalBen anzunihern scheint (vgl. Lehmann 2002a, 2005: § 3.5.). Dies wire indessen auch ein anderes Thema... to Vom operationalen Gesichtspunkt aus kann der arealistische Charakter auch mit einem Grundsatz verglichen werden, dass man nicht unbedingt die Fakten des Sprachgebrauchs berūcksichtigt, d.h. im Inhaltsplan die Ausdrucksform der Zeichen und die Semantik der Inhaltselemente. Was die 146 | BOHUMIL VYKYPĖL deduktiv sein soll: Den Ausgangspunkt soll eine definierende Klassensetzung bilden, ein einfaches festes und intersubjektiv kontrollierbares System, von dem man zu den Kom- ponenten der Klasse zielt, d.h. man schreitet vom geschlossenen einfachen System der sprachlichen Kategorien und ihrer Elemente zur Frage nach der Realisierung dieses Sys- tems in den einzelnen Sprachen. Auch Lehmann (2002: 108) erwihnt, dass eben im Falle der Untersuchung der grammatischen Entitaten das deduktive Verfahren vorteilhafter ist als das induktive und im Kapitel 4 eine Klasse, die Parameter der Grammatikalisie- rung festsetzt. 4.2. Man konnte indessen auch die (oben in § 1.2. schon erwiahnte) Frage stellen, wel- chen Sinn es hat, den Bereich der grammatischen Elemente und der Grammatikalisie- rung auszugliedern. Ohne eine allgemeinen Theorie scheinen die Themen der Gramma- tikalisierung nicht sinnvoll oder relativ endgiiltig 16sbar. Wenn sie in eine Theorie eingegliedert werden, scheinen sie eigentlich zu verschwinden: Ich habe versucht zu zei- gen, dass die Grammatikalisierung einerseits eine Theorie des Inhalts voraussetzt, ande- rerseits sich mit der Prager Typologie deckt™. Zudem scheint die Prager Typologie auch mehr explikative Kraft zu besitzen. Markus Giger hat in seinem Vortrag Grammatikalisierung und Sprachtypologie im Prager linguis- tischen Zirkel am 6. 1. 2003, dessen schriftliche Version leider immer noch nicht erschie- nen ist, mehrere Ubereinstimmungen zwischen der Grammatikalisierungstheorie und der Prager Sprachtypologie gezeigt, von denen einige oben (§ 3.3.) erwahnt wurden. Er hat auch die Frage gestellt, welche die Grammatikalisierungstheorie nicht 16st, und zwar, warum Grammatikalisierungsprozesse in einigen Sprachen bis zu ihrem Ende gefiihrt werden, wahrend sie in anderen auf einer bestimmten Stufe gestoppt werden, und hat eine Losung angedeutet: Dies hangt damit zusammen, welcher Sprachtyp in der jeweili- gen Sprache dominant ist (vgl. auch Giger 2002: 46f.). Wenn beispielsweise der poly- synthetische Typ dominiert, sind die Grammatikalisierungsprozesse wesentlich schwicher als bei der Dominanz des flektierenden Typs®. In seinem Vorwort beschreibt Lehmann (2002: VII) die Sprachtheorie, die fiir die Er- fassung des Problems der Grammatikalisierung geeignet ware: Zeichen betrifft, hat man die Unmoglichkeit oder Schwierigkeit eines konsequent ,realistischen® Verfahrens beispielsweise auch oben (§§ 3.2.4.,3.2.6.,3.3.2., 3.3.7.) an solchen Fragen gesehen wie j enen, wie zu entscheiden ist, ob in gewissen Fallen kein Glied einer grammatischen Kategorie (einer Inhaltskategorie) anwesend ist oder ob man es mit einem durch Null oder wenigstens durch eine segmentale Null ausgedriickten Synkretismus aller Glieder dieser Kategorie zu tun hat. ** Essei ausdriicklich betont, dass diese Behauptung nicht etwa so verstanden werden soll, die Grammatikalisierung sei ein Unsinn, wie dies die ,,Antigrammatikalisten” wahrscheinlich meinen, mit denen Lehmann (2005) berechtigt polemisiert. Die Grammatikalisierungsforschung zeigt im Gegenteil viele wertvolle und interessante, manchmal sogar spannende Tatsachen. Es geht hier vielmehr um Klarung von Gesichtspunkten oder um gegenseitiges Verstandnis. 9 w Auch bei der allgemeinen Fragestellung nach der Erklarung des Sprachwandels, wenn die Sprache als ein Zeichensystem betrachtet wird, was auch in der Grammatikalisierungstheorie der Fall ist, zeigt sich die Prager Theorie als aussagekriftig. Lehmann (2002: 3f.) erwahnt zwei Faktoren der Sprachentwicklung, den Bequemlichkeits- und den Deutlichkeitstrieb, die man bei Georg von der Gabelentz und in modifizierter Form bei Antoine Meillet findet (vgl. auch Haspelmath 1998: 318-322). Man kann diese — auf eine semio- logisch-funktionale Grundlage gestellt — auch bei den Prager Linguisten finden (vgl. Vykypél 2005: 28-31, 256-258 mit Literatur). GEDANKEN ZUR GRAMMATIKALISIERUNG | 147 „The theory of language which is to account for the systematicity, goal-directedness and dyna- mism inherent to grammaricalization must be structural, functional and operational in nature. It is essentialy the theory of Wilhelm von Humboldt (1836), which has been elaborated in more recent times by Eugenio Coseriu (1974) and Hansjakob Seiler (1978). This theory has never been made fully explicit; but will become transparent through all of the present treat- ment, and an attempt to make it more explicit will be presented in the last chapter.” Leider blieb das letzte Kapitel aus (vgl. allerdings Lehmann 1993 und auch Lehmann 2005). Ein Anhénger der Prager Schule kann jedoch nicht unerwihnt lassen, dass die Sprachtheorie, die hier gesucht wird, eben jene der Prager Schule ist, die auch einerseits begrifflich klarer scheint und andererseits etwas durchdachter und thematisch mannig- faltiger ist. Man kann nur bedauern, dass die Prager Schule seltsamerweise immer noch so wenig bekannt ist (trotz aller Propagationsbemiihung insbesondere seitens von Josef Vachek, vgl. u.a. Vachek 1964, 1966, 1976, 1983, 2002, 2003 und Hladky 1997, Ehlers 1999; vgl. auch Trnka 1982, Luelsdorff 1994, Luelsdorff, Panevova, Sgall 1994, Leska 1995, 1996, 1998, 1999, Sgall 1992b, 1993b, 1997, Leška, Nekvapil, Soltys 1993, Winner 1998, Schooneveld 1996, Nekula 2003). Wer in der Prager Sprachtheorie Explizitat und/ oder Operationalitit vermissen sollte, kann sich zudem an die funktional-generative Be- schreibung von Petr Sgall halten (vgl. Sgall 1984, Sgall, Hajičova, Panevova 1986, Pane- vova 1994, Sgall 1995, Hajicova, Panevova 1996). 43. Ein Sinn der Grammatikalisierungstheorie, nach dem oben (§§ 1.2, 4.2.) gefragt wurde, wird von Lehmann (2002: 108f.) implizit angeboten: Die Grammatikalisierung reflektiert die Freiheit im Gebrauch von Sprachzeichen, d.h. je mehr ein Zeichen gram- matikalisiert ist, desto weniger frei kann es gebraucht werden (die „Messung“ der Gram- matikalisierung kann die Messung der Autonomie des Zeichens oder der Freiheit seiner Benutzung darstellen) (vgl. auch Lehmann 2005: § 6.1.). Eine sachlich korrespondieren- de, wenn auch an den Begriff der Grammatikalisierung nicht gebundene Ansicht haben Skalicka (1948) und spiter Jakobson (den auch Lehmann 2002: 147 zitiert) formuliert (vel. Vykypél 2005: 129-131): Je umfangreicher eine Zeicheneinheit ist, desto freier wird sie gebildet. Man kann allerdings mit Erfolg behaupten, dass die Bildung aller Zeichen immer so- wohl frei als auch gebunden oder determiniert ist, und zwar sowohl vom Gesichtspunkt des (etwa als Hjelmslevschen Sprachbau betrachteten) Sprachsystems aus als auch von jenem der Intention des Sprechers oder dem auBersprachlichen Gesichtspunkt: Determiniert vom Gesichtspunkt des Sprachbaus aus ist die Bildung von Zeichen dadurch, dass bei ihr die (paradigmatischen und syntagmatischen) Beziehungen zwi- schen den Ausdrucks- und Inhaltskategorien des Sprachbaus und die Struktur dieser Kategorien respektiert werden miissen (vgl. auch oben § 3.2.2. zur sog. Rektion). Frei vom Gesichtspunkt des Sprachbaus aus ist die Bildung von Zeichen dagegen deswegen, well die Elemente oder Kategorien, zwischen denen keine Interdependenz oder Depen- denz besteht und die zugleich kombinierbar sind, frei nach der Erwiagung des Sprechers kombinierbar sind. Determiniert vom auflersprachlichen Gesichtspunkt aus ist die Bildung von Zeichen durch das, was der Sprecher sagen will, denn dies muss folglich nur auf eine bestimmte 148 | BOHUMIL VYKYPĖL Art und Weise und auf keine andere gesagt werden. Frei ist sie wiederum deswegen, weil der Sprecher sagen kann, was er will, auch das, was als unsinnig erscheint, d.h. was kein Stūck der Welt zu formen scheint (dies kann durch eine ungewohnliche Verbindung von Lexemen oder auch durch eine nicht gestattete Rektion geschehen; Ersteres lasst sich als Lyrik bezeichnen und wird meistens gelobt, Letzteres lasst sich ungrammatische Konstruk- tion nennen und wird meistens nicht gelobt...). Damit sollte einigermal3en schwerfallig etwa gesagt werden, dass die Frage der Freiheit in der Sprache und die Frage, wodurch die Freiheit bestimmt wird, grundsétzlich mit dem zusammenhéangt, was man unter der Sprache versteht. Was Hjelmslev Sprachgebrauch, d.h. eine einerseits durch die Struktur des Sprachbaus determinierte und andererseits eventuell durch weitere Konventionen verschiedentlich regulierte Anwendung des Sprach- baus in einer Sprechergemeinschaft, nennen wiirde, hat Lehmann (2002: 108) in einer genial treffenden Verkiirzung als Sprache bezeichnet: „Language is an activity which consists in the creation of interpersonally available meanings, i.e. signs. This activity can be more free or more regulated; accordingly, the ways in which the signs are formed will either depend more on the actual decision of the language user or more on the social conventions laid down in the grammar.” Der Grundunterschied zwischen dem Sprachbau und dem Sprachgebrauch, die Inten- tion Hjelmslevs, die der Unterscheidung zwischen diesen zwei Begriffen zugrundeliegt, besteht darin, dass Ersteres etwas Festes, Sicheres, Invariables, Bestimmbares ist, wahrend Letzteres etwas Unfestes, Unsicheres, Variables, Unbestimmbares ist und dass das im- manente Objekt der Sprachwissenschaft als einer autonomen neuzeitlichen Wissenschaft folglich eben der Sprachbau darstellen soll, wahrend sie den Sprachgebrauch hochstens in Verbindung mit anderen Wissenschaften untersuchen kann. Man kann vermuten, dass eine dhnliche Intention auch bei Ferdinand de Saussure wirkte, als er langue und parole auseinandergehalten hatte; nur beschrinkte er den Bereich der langue nicht so sehr wie Hjelmslev jenen des Sprachbaus und bezog in ihn beispielsweise auch Zeichen ein. (Vgl. Vykypél 2005: 191.) Man kann den Unterschied zwischen der Auffassung der Sprache bei Hjelmslev oder de Saussure und jener, die beispielsweise Lehmann reprasentiert, auch erfassen als Un- terschied zwischen einer entitativen und einer prozessualen Auffassung der Sprache. Ein solcher Unterschied wird tibrigens auch durch die zwei moglichen Termini fiir das zugrun- deliegende intuitive Objekt der vorliegenden Abhandlung ausgedriickt: Grammatizitét und Grammatikalisierung. Aus der Sicht von etwas, was sich allgemeine Methodologie nennen lie3e, konnte der behandelte Unterschied auch als einer zwischen dem gnoseologischen und dem ontolo- gischen Standpunkt betrachtet werden. In der gnoseologischen Sicht wird etwa gefragt, was und wie man sieht und wie man das Gesehene formulieren kann; in der ontologischen Sicht werden weniger Fragen des Sehens berticksichtigt und werden eher die unmittelba- ren Daten registriert und beschrieben. Am Ende seiner Ubersicht iiber die Geschichte der Grammatikalisierungsforschung schreibt Lehmann (2002: 7): GEDANKEN ZUR GRAMMATIKALISIERUNG | 149 „One tradition is conspicuously absent from this picture, namely that of structural linguis- tics, from de Saussure to our day. This is by no means an accident: whereas historical lin- guistics and typology have been concerned, from their beginning, with processes and conti- nuous phenomena and thus could easily accommodate grammaticalization as a process which creates such phenomena, structural linguistics has tended to favour a static view of language and clear-cut binary distinctions.” Man kann hier zunachst anmerken, dass auch im Rahmen der strukturalistischen Tra- dition ein Problem vorkommt, das mit jenem vergleichbar ist, welches die Grammatika- lisierungstheorie 16st (vgl. oben § 2.1.), dieses jedoch eben eher entitativ aufgefasst wird. Eine prozessuale Auffassung dieses Problems kann die Prager Typologie darstellen, wenn ihre Typen prozessual interpretiert werden — als Grammatikalisierungsstufen (vgl. oben §§ 2.2., 3.3.) Zur allgemeinen Charakterisierung der strukturalen Sprachwissenschaft ist zweierlei anzumerken. Einerseits ist die Tendenz, „a static view of language and clear-cut binary distinctions* zu favorisieren, als Ausdruck des gnoseologischen Grundstandpunktes zu verstehen, eine Bemūhung, die Erfahrungsdaten zu ordnen, um sich in ihnen auszuken- nen und sich dariiber klar zu werden, woriiber man eigentlich spricht. Andererseits gilt die angefiihrte Charakterisierung vorwiegend nur fiir eine solche Konzeption der struk- turalen Sprachwissenschaft wie beispielsweise jene von Hjelmslev oder de Saussure (und auch fiir diese nicht uneingeschrinkt!), bei weitem jedoch nicht fiir den funktionalen Struk- turalismus der Prager Schule (wie tibrigens schon oben in § 4.2. erwihnt). Dies hat be- reits Bohumil Tinka in seinen programmatischen Texten aus den 40er Jahren anschaulich gezeigt (vgl. Trnka 1982: 32-60), und dies erfassen solche Parolen wie die Potentialitéit der sprachlichen Erscheinungen (Mathesius 1911), der nichtkonsequente Charakter der Sprache (Skalicka 1935), die Komplexitat der Einheiten der Sprache (Skalicka 1957), die dynamische Synchronie (Vachek 1983a) oder die Freiheit der Sprache (Sgall 2002)*. Die passendste Bezeichnung fiir die Sprachwissenschaft der Prager Schule ist sicherlich funk- tional-strukturale Linguistik (vgl. hierzu auch Skalicka 1947-48: 142 = 1965: 154): Sie verbindet in hohem Male die strukturale und die kommunikative Betrachtung der Spra- che, die Hjelmslevsche theoretische Strenge und die praktische Sichtweise der Tradition, die statische Synchronie der Theorie und die dynamische Praxis der Entwicklung, den gnoseologischen und den ontologischen Standpunkt in ihrer tiefsten phanomenologischen * Ahnlich wenn behauptet wird, ,structuralism has taught us that linguistic analysis starts from expressions and their structures, because this is the only way the linguist can access the meaning or function of the form“ (Lehmann Ms.b: § 5.4.4., S. 16), so stellt sich die Frage, welcher Strukturalismus gemeint ist. Man kann hier beispielsweise die berithmte Passage aus Hjelmslev (1943: 68) zur Kommuta- tion im Inhaltsplan erwahnen, in der die Forderung, den Ausgangspunkt grundsatzlich im Ausdruck einzunehmen, kritisiert wird; man kann Mathesius’ ,,funktionale Linguistik“ (vgl. oben § 2.1.) erwahnen, auf der Skali¢ka seine Typologie aufbaut, in welcher Sprachen als ,.verschiedene Losungen derselben Probleme™ betrachtet werden (vgl. Skalicka 1935: 62; Leska 1995: 14f.; Sgall 1971: 83 = 1984: 31; Sgall, Hajicova, Panevova 1986: 270): oder man kann schlieBlich auf Sgalls funktional-generative Beschreibung (vgl. oben § 4.2.) verweisen, die ihren Ausgangspunkt in der Ebene der Satzbedeutung (der tektogrammatischen Ebene) einnimmt und von da aus „nach unten“ bis zur phonetischen Ebene zielt. 150 | BOHUMIL VYKYPĖL Inspiration; in der Prager Schule findet man die Klarheit der Theorie mit der Unklarheit der Praxis, der „Wirklichkeit“ als eines empirischen Kontinuums verbunden. BEMERKUNG I: In diesem Zusammenhang mochte ich noch darauf aufmerksam zu ma- chen, dass die strukturelle Perspektive, welche die Prager Schule, aber auch andere eu- ropaische strukturalistische Richtungen reprasentieren, nicht mit der Perspektive des Ausdrucks zu verwechseln ist: Die Struktur gleicht nicht dem Ausdruck (fiir eine Bedeu- tung oder Funktion), wie das wohl im amerikanischen Deskriptivismus der Fall war und wie Lehmann (2004a: 149-154; 2004b: § 2.2.) vorauszusetzen scheint, sondern die Struktur ist das Sprachsystem selbst, durch das die Welt geformt, beobachtet und verstanden, wird und durch welches diese Formung approximativ determiniert wird (zum Begriff der Struk- tur vgl. Benveniste 1962). Und dieses System hat sowohl seine Ausdrucksseite (oder „formale“ Seite in Prag) als auch seine Inhaltsseite (oder „funktionale“ Seite in Prag). Vgl. hier z.B. nur die immer wiederholte Unterscheidung von Sgall in seiner funktional- generativen Beschreibung zwischen der sprachlich strukturierten Bedeutung und dem kognitiven Inhalt, bei der er sich sogar auf die Unterscheidung von de Saussure und Hjelm- slev zwischen der Inhaltsform und -substanz beruft (vgl. Sgall, Hajičova, Panevova 1986: 13; Vykypél 2005: 285). Das erwahnte doppelte Attribut , funktional-struktural® der Prager Schule driickt die Tatsache aus, dass die Prager Schule die sprachliche Struktur sowie ihre Beschreibung als grundsiatzlich durch die kommunikative Aufgabe der Spra- che determiniert betrachtet, was folglich auch bedeutet, dass sie von einer grundsatzlich reziproken Beziehung zwischen der Sprache und der Welt ausgeht (vgl. hierzu auch Va- chek 1975 = 1976: 91-103; Vykypél 2005: 272ff.). BEMERKUNG II: Wenn zu den oben (Anm. 20) gestreiften zu behandelnden Themen noch ein weiteres hinzugefiigt werden sollte, so konnte man an dieser Stelle auch Leh- manns Pladoyer fiir die Aktualitat und Notwendigkeit einer empirischen Sprachwissen- schaft erwahnen, die sich mehr (sowohl von theoretischen als auch praktischen Gesichts- punkten aus) an sprachlichen Daten orientiert und sich mit diesen befasst (u.a. auch an- gesichts des Aussterbens von Sprachen). Lehmann (2004c: § 4.1.) unterscheidet in inte- ressanter Weise etwa drei Arten, die Sprachwissenschaft zu betreiben: die logische (die gemal} ihm in der neueren Zeit v.a. die verschiedenen Richtungen des Strukturalismus reprasentieren), die hermeneutische und die empirische, wobei nur die letzte eine ange- messene Behandlung von Daten ermégliche. Man konnte allerdings anmerken, dass eben in der Prager Schule sich alle diese drei Aspekte in hohem Malle in Gleichgewicht und verbunden finden. Die , hermeneutische® Betrachtung der Sprache lisst sich v.a. in der entwickelten Literaturtheorie der Prager Schule erblicken, die weitgehend sprachlich begriindet ist und durch Namen wie Jan Mukarovsky, Felix Vodi¢ka oder Miroslav Cer- venka reprasentiert wird. Die „empirische“ Betrachtung mit all ihrem sorgféltigen Nach- denken, liber das Lehmann (2004c) schreibt, kommt wohl am deutlichsten in der Mate- rialsammlung zu Dialekten des Tschechischen (d.h. auch „bedrohten Sprachen®) seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zum Ausdruck: Einerseits entwickelte sich bei diesem Projekt eine natiirliche und spontane Zusammenarbeit zwischen , traditionellen® und strukturalistischen Sprachwissenschaftlern, andererseits wurde die Arbeit zu einem gro3en Teile auf der durch die Prager Sprachtheorie formulierten Grundlage durchgefiihrt (vgl. GEDANKEN ZUR GRAMMATIKALISIERUNG | 151 die Einleitung zum ersten Band des Tschechischen Sprachatlas — Balhar, Jančak 1992; eine ahnliche Situation findet man ūbrigens auch im Falle des Sorbischen Sprachatlas, vgl. SSA 1965-96). Von einem anderen Gesichtspunkt aus ist es indessen natūrlich gar nicht so eindeutig, was eigentlich Empirie ist, aber davon wieder ein andermal (vgl. hierzu meine verstreuten Bemerkungen in Vykypėl 2005: 317-332). AuBerdem sei noch auf zwei Aspekte der Sache verwiesen. Die Forderung (Lehmanns Forderung) nach einer vom Forscher unabhingigen Existenz und Fixierung von Daten entspricht gut der neopositivistischen (logisch-positivistischen) Bedingung einer inter- subjektiven Kontrollierbarkeit von Aussagen (die bekanntlich spater v.a. von W. V. Quine entwickelt wurde), und der Neopositivismus war bekanntlich eine wichtige Inspirations- quelle fiir Hjelmslev. Eine ernstzunehmende (wenn auch fragmentarische) Uberlegung zu dem, was Daten sind und wie mit ihnen umzugehen ist, findet man selbst im Herzen des ,,Extremstrukturalismus®, und zwar bei Hans Jgrgen Uldall (1959). BEMERKUNG III: Mit der oben (§ 4.3.) erwdahnten prozessual-ontologischen Auffas- sung der Sprache korrespondiert auch die durch die Grammatikalisierungstheorie vo- rausgesetzte Auffassung der Erklarung in der Sprachbeschreibung. Diese Erklarung ist im Wesentlichen diachron oder historisch (diachron ist eine Beschreibung, die zwei oder mehrere Systeme oder Teile von Systemen im Bezug auf ihre gegenseitige Verbundenheit als pontentieller zeitlicher Substituenten zum Objekt hat; eine historische Beschreibung befasst sich mit verwirklichten Substitutionen). Diachron oder historisch kann ein Sys- tem nur verstanden werden, wenn es in ein vorangegangenes System tiberfiihrt wird oder — von einem anderen Gesichtspunkt aus gesehen — wenn seine Elemente nach der Struk- tur des vorangegangenen Systems (re)strukturiert werden (mit gewisser Ubertreibung lasst sich beispielsweise die junggrammatische Sprachwissenschaft als eine squinting gram- mar betrachten, die nach der Ursprache schielt). Etwas Ahnliches findet man in der Gram- matikalisierungstheorie, wenn eine Erscheinung durch eine tentative Degrammatikali- sierung“ verstanden wird: „Human beings [...] want to make sense out of formal structure. Most of us will have made the experience that a grammatical feature of some language was totally obscure to them until they discovered that it was a grammaticalized variant of something which had more semantic content and therefore was understood from start. [...] Many people have gone through the experience that prior knowledge of Latin can be quite helpful in the learning of a Romance language, while the reverse sequence of learning does not provide any systematic aid (apart from cognate vocabulary, that is). This is another example of the phenomenon that laymen just as linguists understand grammatical structures in terms of less grammatica- lized structures. This example is particularly interesting for the theory of language, as it would appear to provide an argument for the psychological reality of the presence of diach- rony in synchrony.” (Lehmann 1993: 331, 332f.) Die Prisenz der Diachronie in der Synchronie (und der Synchronie in der Diachronie) oder der synchrone Dynamismus der Sprache stellt allerdings natiirlich nur eines der moglichen linguistischen Explikationsinstrumente dar und hat zudem fiir die Beschrei- bung der Sprache als eines Ganzen oder der Stellung eines Elementes oder einer Erschei- 152 | BOHUMIL VYKYPĖL nung im Sprachsystem, d.h. fūr deren Definition, keine entscheidende Wichtigkeit; im Gegenteil bildet diese Definition und somit die Beschreibung der Konfiguration von Sys- temen die Voraussetzung fūr die dynamisch-synchrone, diachrone oder historische Ex- plikation, denn sie entdeckt die strukturellen Spannungen als Potenzen zum Wandel. (In- struktiv zum historischen Charakter der durch die Grammatikalisierungstheorie implizierten Erklarung vgl. auch Haspelmath 1992: v.a. 72, 74, 81.) 5. Zum Schluss wage ich sogar zu behaupten, dass der innerste, anfangs wohl unbeab- sichtigte Sinn der Grammatikalisierungstheorie die Polemik mit der strukturalen Lin- guistik darstellt oder eine Verteidigung der vorstrukturalen Sprachwissenschaft, einer Sprachwissenschaft, die auf der tiefen alltūglichen menschlichen Erfahrung beruht, dass die Welt kompliziert ist oder einem wenigstens so erscheint. Ich glaube, dass die Struktu- ralisten, falls es sie in der Welt noch gibt, sich im eigenen Interesse mit der Grammatika- lisierungstheorie eingehend befassen sollten. Die obigen Skizzen sind nichts mehr als vorlaufige Bemerkungen. Allgemein gesprochen bestehen im Prinzip zwei Wege aus dem Gefiihl, die Wirklich- keit sei ein empirisches Kontinuum der Erscheinungen, ein theatrum mundi: Der eine Weg ist jener der mittelalterlichen Nominalisten und ihren groBartigen interpretieren- den Theorien, der andere jener der mittelalterlichen Realisten und ihrer demiitigen Bemiihung, die Welt zu verstehen, ohne den Anspruch, dass sie je verstanden sein wird. Der erste Weg droht, unsinnig zu werden, d.h. keinen Teil der Welt zu formen, der zweite kann wiederum zwecklos werden. Vielleicht gibt es auch ein Kompromiss: Eine approxi- mative demiitige Verstandlichung der Welt durch eine approximative groBartige Theo- rie. Ich habe zur Zeit das Gefiihl, dass eben die PRAGER ScHULE dem in der Sprachwis- senschaft am nachsten kommt. Vielleicht ist das mehr als nur Patriotismus. LITERATURVERZEICHNIS BALHAR, J., JANCAK, P., Hrsg., 1992: Cesky jazykovy atlas 1, Praha: Academia. BENVENISTE, E. 1962: « Structure » en linguistique. In: E. 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