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Wege der deutschen Entlehnungen in die ostpreußische Zeitung „Naujasis Tilžės keleivis“ (1924–1940)

Indrė Brokartaitė-Pladienė

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Acta Linguistica Lithuanica LIV (2006), 27 - 47 Wege der deutschen Entlehnungen in die ostpreuSische Zeitung Naujasis Tilzés keleivis (1924-1940) InpDRE BROKARTAITE-PLADIENE Siauliy universitetas In this article an attempt is made at evaluating the chronological layering of the German loanwords attested in the newspaper Naujasis Tilzés keleivis, whose period of publication spans the last decades of the existence of the Prussian-Lithuanian linguistic community. An overview is given of the typological properties (structure, chronological distribution) of this group of loanwords. The basic German language varieties serving, to various extents, as sources of German loanwords in the Lithuanian language of East Prussia are discussed: these are the Lower German dialects of East Prussia and the standard language that grew out of the written language and developed its professional and political variants. Attention is further given to the Lithuanian language varieties that could have influenced the structural transformation or ousting of German loanwords; the way in which German loanwords were adapted in Prussian Lithuanian from the 18th century onward; the public discussions regarding their use in the written Lithuanian language of East Prussia; and the extent to which the nascent standard language affected their use in the Naujasis Tilzés keleivis. ). VORBEMERKUNGEN Die litauische 7 Naujasis TilZés keleivis, die von 1924 bis 1940 in Gelegenheit, deutsche Entlehnungen in der i8ens fiir einen Zeitraum zu untersuchen, als schon eine eigenstindige Sprachvarietit bilIn der 0,e. Zeitung wird diese Minderheitensprache von den Sprachtragern selbst mit den synonymen Begriffen Prasy lietuviy/lietuvininky kalba (deutsch: Preugisch27 InDRE BROKARTAITE-PLADIENE dete, deren Spezifik mageblich durch die Folgen des Sprachkontakts und die gesellschaftliche Zweisprachigkeit gepragt war (vgl. Schiller 1999: 225-226, 228). Dieser auf den Grundlagen der Kontaktlinguistik? basierende Beitrag setzt sich zum Ziel, die Wege der deutschen Entlehnungen in die o.e. Zeitung zu verfolgen, und soll demnach zwei Aufgabenbereiche abdekken: 1. Theoretische Konzipierung des UnrersucHunescecenstannes (deutsche Entlehnungen im Naujasis TilZés keleivis), die sowohl einen breiteren theoretischen Ansatz (Analyse der typologischen und strukturellen Besonderheiten) als auch einen geschichtlichen Uberblick voraussetzt. 2. Eine exemplarische Darstellung pER WeEGE DEUTSCHER ENTLEHNUNGEN in den Naujasis Tilzés keleivis, die sich auf die qualitative Analyse des gesammelten Korpus stiitzt. 1. ZU DEN BESONDERHEITEN DES UNTERSUCHUNGSGEGENSTANDES Die deutschen Entlehnungen in Naujasis Tilzés keleivis lassen sich als nur schwer klassifizierbares und nicht systematisches Untersuchungsobjekt bezeichnen, das terminologische, typologische und strukturelle Litauisch) baw. Rytprisiy lietuviy kalba (deutsch: Ospreuisch-Litauisch) bezeichnet. Von diesen beiden die politische Zugehdrigkeit widerspiegeInden Bezeichnungen hat sich die erste mehr in der deutschsprachigen Literatur eingebirgert, die geographisch prazisere Bezeichnung Ostpreuisch-Litauisch wird von Zinkevitius (2002b: 476) verwendet. In der litauischen Sprachforschung wird der Terminus Magosios Lietuvos lietuviy kalba (deutsch: das Kleinlitausche) bevorzugt, der bei deutschen Autoren auch als Synonym zu Preufisch-Litauisch angefiihrt wird (vgl. Hinderling, Hasselblatt 2004: 3272). Heutzutage gelten alle diese Bezeichnung als historische Begriffe, weil die preuRisch-litauische Sprachgemeinschaft bereits am Aussterben ist. 2 Die Kontaktlinguistik erforscht Situationen, in denen zwei (oder mehr) Sprachen in Berithrung stehen, und mindestens eine davon sich infolge dieses Kontaktes wandelt. Der Wandel ist als ein Komplex von eng verflochtenen linguistischen und au8erlinguistischen Phanomenen anzusehen (Oksaar 2004: 3160, Clyne 1996: 12). Die Sprachkontaktforschung gilt als verhaltnismagig junge und dynamische linguistische Disziplin und bemtht sich noch um eine klare Definition ihrer Theorien und Instrumentarien, der bereits erreichte Wissensstand hat in den beiden KontaktlinguistikBanden der HSK-Reihe (Goebl, Nelde, Stary, Wolck 1996, 1997) eine enzyklopadische Dokumentation gefunden. 28 Deutsche Entlehnungen im Naujasis Tilzés keletvis Prazisierungen erfordert. Soweit kein kompaktes Theoriegebaude fiir Forschungen solcher Art vorhanden ist, werden im vorliegenden Teil die grundlegenden Merkmale und die Erforschungsmethodik von Entlehnungen in der o.e. Zeitung anhand der konzeptuellen Lehngutsforschungen und Untersuchungen von deutschem Lehngut in anderen preufisch-litauischen Primarquellen diskutiert. 1.1. Terminologische, strukturelle und typologische Vorbemerkungen Der Untersuchungsgegenstand wird wegen der thematischen Spezifik der Zeitung mit dem ergebnisund prozessorientierten Terminus ENTLEHNUNG? bezeichnet. Dabei lasst sich vor allem die chronologische Vielschichtigkeit des Korpus an folgenden Beispielen veranschaulichen*: ... Bernas, ant Staldo (1) Bertainio (2) stowédamas, nuwirto .... (1926-52-3, I mufu Krafto), -» apfirédgiuji jiidu Kedeliu (3) ... (1924-62-3, I8 mufu Krafto), . atidengé Piningy (4) Sgmugelj (5)... (1938-72-3, I8 mufy Kra8to), . nuwirto ant Sgafijos (6) j Kampq fukdamas ... (1926-8-4, Margumynai), ... Wokietijos Fiihreris (7) ir Reichskancleris (8) Adolf Hitler ... (1937-46-2, Politikos Naujienos) Wahrend staldas ,Stall‘, bertainis ,ein Fach in der Scheune auf den Seiten der Dreschtenne liegend‘, kedelis ,Frauenrock, Kittel‘, piningas ,Geldstiick, Geldmiinze‘, szmugelis Schmuggel‘, szafija ,Chausee‘ auch in anderen Quellen (s. dazu: Alminauskis 1935, Cepiené 1995, Kurschat 1883) als deutsche Entlehnungen belegt sind, mégen fiihreris ,Leiter, Fiihrer‘, reichskancleris 2 Auf der Basis der Betzschen Typologie hat sich die Entlehnung in der deutschen Fachliteratur zu einem breiten Begriff entwickelt (als Ergebnis aus Wortentlehnung und Lehnpragung bestehend, aber auch als Lehnvorgang) und stimmt inhaltlich mit der lit. Entsprechung skolinys (Lehnwort) nicht mehr iiberein. * Die im Naujasis Tilzes keleivis in deutscher Frakturschrift abgedruckten Beispielssatze werden hier in lateinischer Druckschrift wiedergegeben (mit Erhalt von einigen kennzeichnenden Frakturbuchstaben), 29 InpRE BROKARTAITE-PLADIENE ,Reichskanzler‘ als spater iibernommene Vokabeln gelten, die in anderen Schriften noch nicht eingebiirgert waren. Demnach ware es m.E. sinnvoll in chronologischer Hinsicht von zwei Gruppen der Entlehnungen zu sprechen: 1. Auf dem Wege der natiirlichen deutsch-litauischen Sprachkontakte tibernommener und sowohl im gesprochenen als auch im geschriebenen Preufisch-Litauischen verwendeter Lehnwortschatz, fiir den diese Zeitung eindeutig nur als sekundare Verwendungsquelle gilt (Bsp. 1, 2, 3, 4, 5, 6). Bei der Untersuchung von linguistischen Besonderheiten solcher deutschen Entlehnungen in Naujasis Tilzés keleivis stiitze ich mich auf die vergleichende Methode, bei der man die Beispiele mit Daten der dialektologischen Forschungen (in benachbarten Dialekten, s. Zinkevitius 2002a), mit Eintragen in ostpreuRischen Woérterbiichern (Drotvinas 1987, Kurschat 1883, Alminauskis 1935) bzw. lexikologischen Studien zu diesen Worterbiichern (Cepiené 1993, 1995, 2000b) oder anderen ostpreufischen Schriften (Cepiené: 1998a, 1998b, Kaukiené: 1997, Palionis: 1995) vergleicht. Der Vergleich mit anderen litauischen Zeitungen Ostpreufens kann nur in sehr beschranktem Ma&e geschehen, denn nach J. Range (1994: 216) und Z. Zinkevitius (2002b) wurde das deutsche Lehngut in der preuRisch-litauischen Presse am Anfang des 20. Jhs. bis heute nur andeutungsweise erforscht, genauso wie die deutschen Entlehnungen in der Presse Ostpreufens in friiherer Zeit (s. dazu Palionis 1995: 175). 2. Fiir die Presse als Medium unentbehrliche neue Entlehnungen, die teilweise noch den Entlehnungsprozess darstellen, aber hohe Frequenz in den Texten zeigen (Bsp. 7, 8), von denen jedoch manche nur schwache phonologisch-morphologische Eingliederung aufweisen (Bsp. 7). Solche Vokabeln sind im Hinblick auf die Dynamik der Synchronie® den Entlehnungen zuzuordnen, weil fiir sie diese Zeitung tiberhaupt die primare Erscheinungsquelle ist. Ihre linguistische Analyse erfolgt vor allem mithilfe der Arbeiten von C. Berning (1960), K. Doerr (2002), S. Miiller (1994), A. Wolf (1991). ® Vaicekauskiene (2004: 8) definiert die dynami Sync ie als variablen Gebrauch von Fremdwértern in Verbindung mit primaren Ergebnissen dieser Entwicklung, d.h. als die Herausbildung bestimmter Verhaltnisse zum Sprachsystem (s. dazu auch Tesch 1978: 23-24, Bechert, Wildgen 1991: 9, Wolff 2004: 21, Coseriu 1975: 138). 30 Deutsche Entlehnungen im Naujasis TilZés keleivis Eine weitere Bemerkung bezieht sich auf die strukturelle Vielfalt des Korpus. Da die Sprachkontakte auf einem dynamischen Modell basieren, weisen auch die Beispiele strukturelle Mischbildungen und Hybridisierungen auf (vgl. Bechert, Wildgen 1991:154, Vaicekauskiené 2004: 124, Weinreich 1976). Die Struktur der Entlehnungen reicht von Wortentlehnung (Bsp.1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 12) iiber Lehniibersetzung (Bsp. 9, 10, 11a) bis zu Hybriden (Bsp. 11b): Beto wa§itija wienas Trukis (9) if Klaipédos (1924-54-4, Gelgkeltrukiu (10) Wa%iawimo Sarafas) Orlaiwiu (11a) (1925-44-1, Naujaufios 3inios) ... tapé didyfis Orfépis (11b) ... fudraskytas (1925-72-1, Naujaufios 3inios) Winterhilfés (12) Darbas bus fsiq Ziemq prawedamas. (1936-63-1, Politikos Ap3walga) Dabei soll man natiirlich strukturell prototypische und periphere Elemente herausarbeiten, wobei die Entlehnungen von ihren Erweiterungen (Ableitungen, Nachbildungen) in der Sprache zu trennen sind. Strukturell gesehen werden hier als deutsche Entlehnungen vor allem die Ergebnisse der Wortentlehnung bezeichnet (die ihrerseits in Lehnworter und Fremdwérter zerfallen; Range (1994: 218) halt diese Unterscheidung fiir die baltischen Sprachen allerdings nicht fiir sinnvoll). Die volkssprachlichen Entlehnungsformen umfassen alltagliche Bereiche des Wortschatzes und priasentieren sich meistens in der Form von assimilierten Lehnwortern (Bsp.1, 2, 3, 4, 5). In diese Gruppe fallen sowohl Internationalismen deutscher Herkunft (reichskancleris ,Reichskanzler‘), als auch Internationalismen deutscher Vermittlung (sgafija ,Chausse‘, automobylas ,veralt. Form: Automobil‘). Neben Wortentlehnungen werden hier auch die bevorzugten Formen der Lehnpragung (vor allem die Lehniibersetzungen (trukis < Zug, gelzkeltrukis <Eisenbahnzug, orlaivis < Luftschiff) und die Hybridformen (orsépis < lit. oras + lit. Sépis / dt. Schiff) untersucht. Die verschiedenen Entlehnungsformen ringen meistens bei der Einfiihrung der neuen Bezeichnung um ihre Stellung, z.B. die Lehniibersetzung und die Hybridform (orlaivis vs. orsépis). J. Range (1994: 211) betrachtet die Lehnpragungen im PreuRisch-Litauischen als sprachliche Interferenzen, die sich auf dem Wege 31 InpRE BROKARTAITE-PLADIENE der literarischen Entlehnung ergaben. So geben die Beispiele 9, 10, 11 zur Vermutung Anlass, dass die Autoren der Texte auch absichtlich bei der Festlegung der Entlehnungsform mitgewirkt haben, und das verlangt nach einem geschichtsbezogenen Uberblick, der ermittelt, in welchem Mae die geschichtlichen Voraussetzungen den deutschen Lehngutsbestand im Naujasis Tilés keleivis beeinflussen konnten. 1.2. Zu den geschichtlichen Voraussetzungen Das gesammelte Korpus lasst sich nicht als wahres Abbild des realen Bestandes des deutschen Lehnwortgutes im geschriebenem PreufischLitauischen am Anfang des 20. Jhs. betrachten, was in groRem Mafe auf die Spezifik der Zeitung zuriickzufiihren ist, z.B. Einstellung zur Sprache und linguistische Kenntnisse der Textverfasser, unterschiedliche Qualitat von Entlehnungen (allgemeine Lexik vs. Spezialausdriicke). Obwohl die Verwendung von Entlehnungen in litauischen Zeitungen OstpreuSens haufig personenbezogen war®, hegte der Naujasis Tilzés keleivis Ambitionen fiir den Erhalt der litauischen Sprache und wurde zu den patriotischen Zeitungen gerechnet. Neben Information iiber das politische, soziale und kulturelle Leben, engagierte sie die Litauer Ostpreufens zur kultur-und sprachpflegerischen Tatigkeit (Kaunas 1996: 548). Ihr Herausgeber Enzys Jagomast war bekannt als Verleger von litauischen Schriften in Ostpreufen, aktiver Kulturarbeiter, die Identitatsfragen wurden in Vydiinas’ Artikeln’ behandelt. Aus diesem Grund ist der Naujasis Tilzés © Nach Palionis (1995: 175) kam es dabei meistens auf den Herausgeber an: auch im Keleivis von F. Kurschat (bis 1880) gibt es entbehrliche Entlehnungen: festungas »Festung‘, kurbas ,Korb‘. Alminauskis (1935: 14) fiihrt auch unbegriindete Verwendung von Entlehnungen an: ,,Fehlt dem Zeitungsschreiber fiir irgendeinen Ausdruck das litauische Wort, so bedient er sich des deutschen Wortes mit litauischer Endung. Zu solchen Fremdwértern gehéren bestimmt armekoras ,,Armeechor“, haubitsas ,,Haubitze“. Am Anfang des 20 Jhs. stérten solche Bildungen die zweisprachigen Leser nicht mehr. 7 Z.B. erschienen 1924 seine Artikel auf Deutsch und Litauisch: Nr. 1 Téviskes Zemé / Heimaterde, Nr. 2 Tikrasis lietuviy gymis / Das wahre litauische Gesicht, Nr. 8 Klaipédos kraSto bazny¢ia / Die Kirche im Memelgebiet (und Polemik: Nr. 20 Erwiderung von Pfarrer Romer, Nr. 33 Vydiinas: Eine Erwiderung zur Erwiderung), Nr. 21 VokieGiai ir Lietuviai / Deutsche und Litauer, Nr.37 Likes¢iai / Erwartungen, Nr 43 Kaip mums pasielgt reikéty / Wie wir uns verhalten sollten. 32 Deutsche Entlehnungen im Naujasis Tilzés keleivis keleivis nicht nur als Verzeichnis des Sprachgebrauchs®, sondern auch als Kulturprodukt, teilweise auch als korpusplanerisches Instrument zu verstehen, was sich in den raren Artikeln fiir Sprachpflege (besonders in den Jahren 1936-1938) widerspiegelt. 2. DEUTSCHE ENTLEHNUNGEN IM NAUJASIS TILZES KELEIVIS: DIE ALS QUELLEN DIENENDEN DEUTSCHEN SPRACHVARIETATEN UND DIE PREUSSISCH-LITAUISCHE VERMITTLUNG Dieses Vorhaben steht natiirlich in engem Zusammenhang mit den geschichtlichen und soziokulturellen Erscheinungen in Preu@isch-Litauen vom 13. bis zur Mitte des 20. Jhs., wie auch mit soziolinguistischer Differenziertheit einer jeden Sprache. Die grundlegenden Fragen bei dieser Forschung lauten: Aus welchen deutschen Sprachvarietiten haben schon friiher Entlehnungen in preufisch-litauische Mundarten bzw. Schriften Eingang gefunden und tauchen deshalb auch in der Zeitung auf? Aus welchen deutschen Sprachvarietaten wurden die Entlehnungen direkt iibernommen? Bei der Untersuchung der deutschen Ursprungsvarietaten zielt diese Analyse auf die Erschlieung der kennzeichnenden thematischen Gruppen wie auch auf die sachbezogene Schichtung des Lehnwortgutes. Bei der Darstellung der preuSisch-litauischen Vermittlungsvarietaten wird auch behandelt, inwieweit die entsprechenden damaligen konzeptuellen Tendenzen beim Gebrauch der Entlehnungen eingesetzt wurden. All das erfordert eine chronologische Vorgehensweise und terminologische Klarheit, was sich wiederum nur sehr schematisch darstellen lasst, weil immer mit Uberschneidungen und Uberlappungen zu rechnen ist. Als friiheste Entlehnungsquelle (deutsche Mundarten) kann der im ehemaligen PreuRisch-Litauen hauptsachlich verbreitete lokale Dialekt (Siedeldialekt) Niederpreufisch (auch: Ostpreufisch) gesehen werden, der unter dem Oberbegriff Niederdeutsch (auch: Plattdeutsch) zusammengefasst wird. Die auf westaukschtaitischen Merkmalen basierenden * Bei der Untersuchung der Entlehnungen wurde auch Grosses (2002: 257) Hinweis in Acht genommen, dass die Zeitung eine mosaikartige Gemeinschaftsarbeit vieler Autoren ist, wobei die Gefahr subjektiver Spracherscheinungen entsteht. Deswegen wurde in dieser Forschung die individuelle Verwendung (z.B. wenn die Entlehnung nur einmal vorkommt) als Sonderfall behandelt. 33 INDRE BROKARTAITE-PLADIENE preufisch-litauischen Mundarten mégen als litauische Vermittlungsvarietaten gelten. Als eine jiingere Varietat fiir Entlehnungen kann die unter historischem Gesichtspunkt unterscheidbare deutsche Schriftsprache angesehen werden. Die preufisch-litauische Schriftsprache gilt dabei als eventuelle Vermittlungsvarietat. Die jiingste Entlehnungsvarietiat wird als deutsche Standardsprache (so wie sie in Wérterbiichern und Grammatiken gesammelt und normiert am Anfang des 20. Jhs. vorlag) oder Hochdeutsch (dieser Begriff gilt hier als Gegensatz zu Niederdeutsch, obwohl er in der Gegenwart mehrdeutig geworden ist) bezeichnet. Aus historischen Griinden lasst sich dabei keine preufisch-litauische Sprachvarietat als Vermittlervarietat anfiihren. 2.1. Aus deutschen Siedeldialekten entiehnte Allgemeinlexik und ihre preussisch-litauischen Vermittlungsvarietaten Fiir die Entlehnungen aus deutschen Siedeldialekten gelten natiirlich als primare Verwendungsquellen die litauischen Dialekte OstpreuRens. Der deutsche Wortschatz blieb im Preufisch-Litauischen seit Anfang 13. Jhs. durch intensive volkssprachliche Kontakte miindlich iibernommen. In der Zeitung werden aus deutschen Mundarten ins Preufisch-Litauische iibernommene Substantive fiir die materielle Kultur verwendet, die einige Aspekte der osteuropiischen Sozialgeschichte aufdecken (vgl. Cepiené 1993, vgl. im Polnischen Wiktorowicz 2002: 337). Es handelt sich um Entlehnungen aus folgenden thematischen Gruppen: Haushaltsgegenstande (kurbas ,Korb‘< ostpr. korb, korv’, dekis ,Decke‘< ostpr. dek), Kleidung (kedelis ,Frauenkittel‘< ostpr. kédel, ceikis ,Zeug‘< ostpr. zeik), Gebaude und Gebaudeteile (staldas ,Stall‘< mud. stall, stuba ,Stube‘< ahd. stuba), Baumaterial (balkis ,Balken, Sparren‘ < mnd. balke, planka ,Planke‘ < ostpr. planke), Verwaltungswortschatz (vaktmistras ,Wachtmeister‘< ostpr. wachméster), Essen (Smanta Sahne, Schmand‘< ostpr. 5mant, plume / pliume ,Pflaume‘< ostpr. plume). Von ihrer Einbiirgerung im Preuisch-Litauischen zeugen die Erweiterungen, vor allem die Diminutivbildungen (Kedelukas ,kleiner Frauenkittel’, ° Die ostpreuBischen Entlehnungsformen werden anhand Alminauskis (1935), Drotvinas (1987), Fraenkel (1962), Kurschat (1883) angefiihrt. 34 Deutsche Entlehnungen im Naujasis Tilzés keleivis Stubelé ,kleine Stube‘). An einigen Entlehnungen lasst sich Entwicklung von niederdeutscher (Burgermiftras) zu hochdeutscher Form (Burgermeifteris, Biirgermeifteris) nachweisen. Da viele solche Entlehnungen aus dialektologischen Forschungen der westlitauischen Mundarten des 20 Jhs. bekannt sind, sollten sie auch im gesprochenen Preufisch-Litauischen verbreitet gewesen sein. Was ihre Assimilation betrifft, lasst sich jedoch nur bei wenigen Beispielen nachweisen, dass die Zeitung sich direkt der im gesprochenen Preufisch-Litauischen vorhandenen Entlehnungsformen bediente: so steht fiir ,Gefangnis, Zuchthaus‘ im Naujasis Tilzés keleivis nicht die volksetymologisch veranderte Form Siktizé, sondern Cuktugé, was mehr der Ursprungsgestalt zuxthis entspricht. Die Zeitungsbeispiele legen die Annahme nahe, dass im Naujasis Tilzés keleivis die in anderen Schriftstiicken verbreiteten Schriftformen volkssprachlicher Entlehnungen verwendet wurden. So erweist sich die preufisch-litauische Schriftsprache als Vermittlungsvarietat. Aus dem gesprochenen Preufisch-Litauischen (in manchen Fallen auch direkt) gelangte das deutsche Lehngut in die geschriebene Variante (religiése Schriften, Worterbiicher, spater auch in die Pressesprache). In der Tat finden sich im Naujasis Tilés keleivis Wortentlehnungen volkssprachlichen Ursprungs, die in den Schriften des 16.-17. Jhs. verwendet wurden, z.B. stunda ,Stunde,, turmas ,Turm‘, stukis ,Stiick‘ (vgl. Cepiené 1998a, 1998b, 2000b). Es lasst sich aber sagen, dass die sprachpflegerischen Ideen hinsichtlich der Entlehnungen in PreuSisch-Litauen nur in bescheidenem Mafe in die Praxis umgesetzt wurden. Die allgemeine litauische Schriftsprache Ostpreuens bildete sich auf der Grundlage des westaukschtaitischen Dialektes heraus und wurde von Daniel Klein in seinen Grammatiken von 1653 und 1654 kodifiziert (Rima 1972: 75, Palionis 1995: 39). Im 18 Jh. verbreiteten sich die Ideen der Séuberung und der breiteren Verwendung des Preuftisch-Litauischen gleichzeitig mit den Ideen zur Sauberung der deutschen Sprache. Michael Morlins Traktat Bedencken tiber das principium primarium in lingva lithvanica (1706) war ein Projekt zur Reformierung der religidésen Schriften (Giréiené 2003: 397, dazu auch Aleknavidiené, Schiller 2002: 91-97, *° Das Traktat forderte, Polonismen und Germanismen zu vermeiden (alles, was deutsch ist, soll man nicht verwenden, wenn man dafiir eine andere Redensart finden kann) und der Volkssprache nicht so viel zu vertrauen, weil sie durch Germanismen vedorben ist. Die unverstandlichen Begriffe sollen Umschreibungen erhalten, keine 35 InpRE BROKARTAITE-PLADIENE Daugiau nebegalime fakyti ,,S3pygelis“ arba ,,3erkolas“, nes wienas Zodis yra wokifkas, kitas lenki®kas, bet mes turime graZiai fakyti ,,Weidrodis“, tai yra tas Daiktas, kuris Weida rodo, Kédé reikia fakyt Wietoj negrazaus Zodzio »53talé“, kuris imtas i& woki&kofios Kalbos. Taip pat netinka wartoti ir Zodj »Krafé“, nes tai yra MawiSkofios Kalbos Zodis. Laikrodis — grazefnis Zodis negu Pawadinimas ,,3égorius“, kuris pafidaré i& wok. Zodzio »3eiger® arba platt-woki&kojo ,,3éger, Séger“ (1936-23-4, Jaunimo Kampelis). Solche Rubriken zur Sprachpflege erschienen im Naujasis Tilzés keleivis hauptsachlich in den Jahren 1936-1938, die sich herausbildende litauische Hochsprache galt nur in bestimmten Spharen und nicht ohne Absicht des Verlegers’® als Vorbild bei der Normierung. 3. SCHLUSSBEMERKUNGEN Im Allgemeinen lasst sich sagen, dass der in der Zeitung Naujasis Tilzés keleivis prasente deutscher Lehnwortschatz aufgrund von engen deutschlitauischen Sprachkontakten in OstpreuSen entstanden ist, wobei die deutschen Sprachvarietéten von deutschen Siedeldialekten bis zum Hochdeutschen reichen und in unterschiedlichem Umfang als Entlehnungsquellen gelten kénnen. Dabei darf auch die Vermittlungsarbeit von preuSisch-litauischen Sprachvarietaten (Mundarten, Schriftsprache) nicht unterschatzt werden. Dieses komplizierte Gebilde wird sehr vereinfacht durch die Abb. 1 veranschaulicht. Die volkssprachlichen Wortentlehnungen (Allgemeinwortschatz) im Naujasis TilZés keleivis mégen natiirlich nicht direkt aus deutschen Siedeldialekten entlehnt sein, sondern durch das gesprochene PreuRisch-Litauische und besonders die preufisch-litauische Schriftsprache vermittelt worden sein, wo sie schon friiher ihre linguistische Anpassung gefunden haben. Viele dieser Wortentlehnungen wurden schon im 17.-18. Jh. diskuund hatten treffende litauische Entsprechungen, trotzdem haben sie sich im Preufisch-Litauischen eingebiirgert. In der preuSisch-litauischen Schriftsprache (Bibeliibersetzungen, Zeitungen) wurde die literarische hnung gepragt, d.h. viele individuelle Lehnpragungen entworfen ater Eingang in die Texte des Naujasis Tilzés keleivis fanden. 6 Laut D, Kaunas wurde die Herausgabe dieser Zeitung auch von der litauischen Regierung mitfinanziert. Deutsche Entlehnungen im Naujasis Tilzés keleivis Beim entlehnten Fachvokabular ist vor allem der starke Einfluss der deutschen Schriftsprache und der deutschen Hochsprache hervorzuheben, wobei die Entlehnungen in bestimmte Fachsprachen (mit entlehnten Internationalismen) und in die Reichssprache zerfallen. Bei der Entlehnung wahlten die Textautoren verschiedene Lehnformen, die untereinander konkurrierten. Die Zeitung galt dabei in vielen Fallen als primaire Erscheinungsquelle von deutschen Entlehnungen, die Standardsprache des unabhangigen Litauens iibte nur einen indirekten Einfluss aus, indem von ihr die Tendenzen zur Sauberung des Preufisch-Litauischen und die Entsprechungen fiir manche der alten Wortentlehnungen angeboten wurden. Abb 1. Wege der deutschen Entlehnungen in den Naujasis Tilzés keleivis Deutsche Entlehnungen im gesprochenen PreugischLitauischen (in den Mundarten) (2.B.: kurbas Korb’, staldas Stall’, Smanta Sahne, Schmand) Deutsche Entlehnungen in der preuBisch-litauischen Schriftsprache (2... stundas Stunde’, urlaubas Urlaub’, landrotas fk} Landrat’) Relig. Buicher Wérterbiicher Presse (zB. gardynai Gardinen’, hotele Hotel’, rofeseris Professor’, automobylas Auto’, streilas Streik’, draugbrolis Mitbruder’, gelkeltrukis Risenbahnzug') 43 InDRE BROKARTAITE-PLADIENE LITERATUR ALEKNAVICIENE, O., ScuiLter, Ch. 2002: Rastas antras Michaelio Mérlino Principium primarium in lingva Lithvanica (1706) egzempliorius. Archivum Lithuanicum 4, 79-98. ALEKNAVICIENE, O., SCHILLER, CH. 2003: Jacobas Perkuhnas prie’ Michaelj Morlina, Johanna Schultza ir Philippa Ruhiga traktate Wohlgegruendetes Bedencken Uber die Ins Litthaufche Uberfetzte 3Zehen Fabeln Atfopi, Und derfelben pasfionirte 3ufchrifft (1706). Archivum Lithuanicum 5, 15-50. Auminauskis, K. 1935: Die Germanismen des Litauischen. Teil 1: Die deutschen Lehnwérter im Litauischen. Kaunas: Sv. Kazimiero D-jos Knygynas. Becuert, J., WiLpGEN, W. 1991: Einfiihrung in die Sprachkontaktforschung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. BerninG, C. 1960: Vom ,,Abstammungsnachweis“ zum ,,Zuchtwart“. 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