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Wege der deutschen Entlehnungen in die ostpreußische Zeitung „Naujasis Tilžės keleivis“ (1924–1940)

Indrė Brokartaitė-Pladienė

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Acta Linguistica Lithuanica LIV (2006), 27 — 47 Wege der deutschen Entlehnungen in die ostpreuldische Zeitung Naujasis Tilžės keleivis (1924-1940) INDRE BROKARTAITE-PLADIENĖ Šiaulių universitetas In this article an attempt is made at evaluating the chronological layering of the German loanwords attested in the newspaper Naujasis Tilžės keleivis, whose period of publication spans the last decades of the existence of the Prussian-Lithuanian linguistic community. An overview is given of the typological properties (structure, chronological distribution) of this group of loanwords. The basic German language varieties serving, to various extents, as sources of German loanwords in the Lithuanian language of East Prussia are discussed: these are the Lower German dialects of East Prussia and the standard language that grew out of the written language and developed its professional and political variants. Attention is further given to the Lithuanian language varieties that could have influenced the structural transformation or ousting of German loanwords; the way in which German loanwords were adapted in Prussian Lithuanian from the 18th century onward; the public discussions regarding their use in the written Lithuanian language of East Prussia; and the extent to which the nascent standard language affected their use in the Naujasis Tilžės keleivis. 0. VORBEMERKUNGEN Die litauische Zeitung Naujasis TilZés keleivis, die von 1924 bis 1940 in Tilsit erschien, bietet die Gelegenheit, deutsche Entlehnungen in der litauischen Presse Ostpreuffens fiir einen Zeitraum zu untersuchen, als das Preultisch-Litavische' schon eine eigenstdandige Sprachvarietit bil- "In der o.e. Zeitung wird diese Minderheitensprache von den Sprachtragern selbst mit den synonymen Begriffen Prūsų lietuviy/lietuvininky kalba (deutsch: Preufisch- 27 INDRE BROKARTAITE-PLADIENE dete, deren Spezifik mallgeblich durch die Folgen des Sprachkontakts und die gesellschaftliche Zweisprachigkeit geprdgt war (vgl. Schiller 1999: 225-226, 228). Dieser auf den Grundlagen der Kontaktlinguistik? basierende Beitrag setzt sich zum Ziel, die Wege der deutschen Entlehnungen in die o.e. Zeitung zu verfolgen, und soll demnach zwei Aufgabenbereiche abdek- ken: 1. Theoretische Konzipierung des UNTERSUCHUNGSGEGENSTANDES (deutsche Entlehnungen im Naujasis Tilžės keleivis), die sowohl einen breiteren theoretischen Ansatz (Analyse der typologischen und strukturellen Be- sonderheiten) als auch einen geschichtlichen Uberblick voraussetzt. 2. Eine exemplarische Darstellung per WEGE DEUTSCHER ENTLEHNUNGEN in den Naujasis Tilžės keleivis, die sich auf die qualitative Analyse des gesammelten Korpus stiitzt. 1. ZU DEN BESONDERHEITEN DES UNTERSUCHUNGSGEGENSTANDES Die deutschen Entlehnungen in Naujasis TilZés keleivis lassen sich als nur schwer klassifizierbares und nicht systematisches Untersuchungs- objekt bezeichnen, das terminologische, typologische und strukturelle Litauisch) bzw. Rytprisiy lietuviy kalba (deutsch: Ospreufisch-Litauisch) bezeichnet. Von diesen beiden die politische Zugehorigkeit widerspiegelnden Bezeichnungen hat sich die erste mehr in der deutschsprachigen Literatur eingeburgert, die geographisch prazisere Bezeichnung Ostpreufisch-Litauisch wird von Zinkevičius (2002b: 476) verwendet. In der litauischen Sprachforschung wird der Terminus Mažosios Lietuvos lietuvių kalba (deutsch: das Kleinlitauische) bevorzugt, der bei deutschen Autoren auch als Synonym zu PreufSisch-Litauisch angefiithrt wird (vgl. Hinderling, Hasselblatt 2004: 3272). Heutzutage gelten alle diese Bezeichnung als historische Begriffe, weil die preulBisch-litauische Sprachgemeinschaft bereits am Aussterben ist. * Die Kontaktlinguistik erforscht Situationen, in denen zwei (oder mehr) Sprachen in Beriihrung stehen, und mindestens eine davon sich infolge dieses Kontaktes wandelt. Der Wandel ist als ein Komplex von eng verflochtenen linguistischen und aufer- linguistischen Phanomenen anzusehen (Oksaar 2004: 3160, Clyne 1996: 12). Die Sprachkontaktforschung gilt als verhaltnismadBig junge und dynamische linguistische Disziplin und bemuiht sich noch um eine klare Definition ihrer Theorien und Instru- mentarien, der bereits erreichte Wissensstand hat in den beiden Kontaktlinguistik- Būnden der HSK-Reihe (Goebl, Nelde, Stary, Wolck 1996, 1997) eine enzyklopadische Dokumentation gefunden. 28 Deutsche Entlehnungen 1m Naujasis Tilžės keleivis Prazisierungen erfordert. Soweit kein kompaktes Theoriegebaude fiir Forschungen solcher Art vorhanden ist, werden im vorliegenden Teil die grundlegenden Merkmale und die Erforschungsmethodik von Entlehnun- gen in der o.e. Zeitung anhand der konzeptuellen Lehngutsforschungen und Untersuchungen von deutschem Lehngut in anderen preufisch-li- tauischen Primarquellen diskutiert. 1.1. Terminologische, strukturelle und typologische Vorbemerkungen Der Untersuchungsgegenstand wird wegen der thematischen Spezifik der Zeitung mit dem ergebnis- und prozessorientierten Terminus ENTLEHNUNG? bezeichnet. Dabei lasst sich vor allem die chronologische Vielschichtigkeit des Korpus an folgenden Beispielen veranschaulichen®: ... Bernas, ant Staldo (1) Bertainio (2) stowédamas, nuwirto .... (1926-52-3, If mufu Krafdto), ... apfiredziufi jūdu Kedeliu (3) ... (1924-62-3, If mulu Kral3to), . atidengė Piningy (4) Szmugeli (5)... (1938-72-3, I mulų Kralšto), . nuwirto ant Szafijos (6) į Kampą [ukdamas ... (1926-8-4, Margumynai), ... Wokietijos Fūhreris (7) ir Reichskancleris (8) Adolf Hitler ... (1937-46-2, Politikos Naujienos) Wahrend staldas „Stall“, bertainis ,ein Fach in der Scheune auf den Seiten der Dreschtenne liegend', kedelis ,Frauenrock, Kittel‘, piningas „Geldstūck, Geldmiinze“, sgmugelis ,Schmuggel, szafija „Chausee“ auch in anderen Quel- len (s. dazu: Alminauskis 1935, Čepienė 1995, Kurschat 1883) als deutsche Entlehnungen belegt sind, mogen fiihreris ,Leiter, Fūhrer“, reichskancleris * Auf der Basis der Betzschen Typologie hat sich die Entlehnung in der deutschen Fachliteratur zu einem breiten Begriff entwickelt (als Ergebnis aus Wortentlehnung und Lehnpragung bestehend, aber auch als Lehnvorgang) und stimmt inhaltlich mit der lit. Entsprechung skolinys (Lehnwort) nicht mehr ūberein. * Die im Naujasis Tilžes keleivis in deutscher Frakturschrift abgedruckten Beispielssat- ze werden hier in lateinischer Druckschrift wiedergegeben (mit Erhalt von einigen kennzeichnenden Frakturbuchstaben). 29 INDRE BROKARTAITE-PLADIENE ,Reichskanzler als spūter iibernommene Vokabeln gelten, die in anderen Schriften noch nicht eingebiirgert waren. Demnach ware es m.E. sinnvoll in chronologischer Hinsicht von zwei Gruppen der Entlehnungen zu sprechen: 1. Auf dem Wege der natiirlichen deutsch-litauischen Sprachkontakte tibernommener und sowohl im gesprochenen als auch im geschriebenen Preulisch-Litauischen verwendeter Lehnwortschatz, fiir den diese Zei- tung eindeutig nur als sekunddre Verwendungsquelle gilt (Bsp. 1, 2, 3, 4, 5, 6). Bei der Untersuchung von linguistischen Besonderheiten solcher deutschen Entlehnungen in Naujasis Tilžės keleivis stiitze ich mich auf die vergleichende Methode, bei der man die Beispiele mit Daten der dia- lektologischen Forschungen (in benachbarten Dialekten, s. Zinkevičius 2002a), mit Eintragen in ostpreuflischen Worterbiichern (Drotvinas 1987, Kurschat 1883, Alminauskis 1935) bzw. lexikologischen Studien zu diesen Wérterbiichern (Čepienė 1993, 1995, 2000b) oder anderen ostpreufi- schen Schriften (Cepiené: 1998a, 1998b, Kaukiené: 1997, Palionis: 1995) vergleicht. Der Vergleich mit anderen litauischen Zeitungen Ostpreuf3ens kann nur in sehr beschrédnktem Malle geschehen, denn nach J. Range (1994: 216) und Z. Zinkevičius (2002b) wurde das deutsche Lehngut in der preufdisch-litauischen Presse am Anfang des 20. Jhs. bis heute nur andeutungsweise erforscht, genauso wie die deutschen Entlehnungen in der Presse Ostpreulšens in friiherer Zeit (s. dazu Palionis 1995: 175). 2. Fir die Presse als Medium unentbehrliche neue Entlehnungen, die teilweise noch den Entlehnungsprozess darstellen, aber hohe Fre- quenz in den Texten zeigen (Bsp. 7, 8), von denen jedoch manche nur schwache phonologisch-morphologische Eingliederung aufweisen (Bsp. 7). Solche Vokabeln sind im Hinblick auf die Dynamik der Synchronie® den Entlehnungen zuzuordnen, weil fiir sie diese Zeitung iiberhaupt die primdre Erscheinungsquelle ist. Thre linguistische Analyse erfolgt vor allem mithilfe der Arbeiten von C. Berning (1960), K. Doerr (2002), S. Miiller (1994), A. Wolf (1991). * Vaicekauskiene (2004: 8) definiert die dynamische Synchronie als variablen Gebrauch von Fremdwaortern in Verbindung mit den primaren Ergebnissen dieser Entwicklung, d.h. als die Herausbildung bestimmter Verhéaltnisse zum Sprachsystem (s. dazu auch Tesch 1978: 23-24, Bechert, Wildgen 1991: 9, Wolff 2004: 21, Coseriu 1975: 138). 30 Deutsche Entlehnungen im Naujasis Tilžės keleivis Eine weitere Bemerkung bezieht sich auf die strukturelle Vielfalt des Kor- pus. Da die Sprachkontakte auf einem dynamischen Modell basieren, wei- sen auch die Beispiele strukturelle Mischbildungen und Hybridisierungen auf (vgl. Bechert, Wildgen 1991:154, Vaicekauskienė 2004: 124, Weinreich 1976). Die Struktur der Entlehnungen reicht von Wortentlehnung (Bsp.1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 12) liber Lehntibersetzung (Bsp. 9, 10, 11a) bis zu Hybriden (Bsp. 11b): Beto wažiūja wienas Trukis (9) iff Klaipėdos (1924-54-4, Gelgkeltrukiu (10) Wažiawimo Saralias) Orlaiwiu (11a) (1925-44-1, Naujaufios žinios) ... tapė didyfis Orf3epis (11D) ... fudraskytas (1925-72-1, Naujaulios žinios) Winterhilfes (12) Darbas bus [šią žiemą prawedamas. (1936-63-1, Politikos Apžwalga) Dabei soll man natūrlich strukturell prototypische und periphere Ele- mente herausarbeiten, wobei die Entlehnungen von ihren Erweiterungen (Ableitungen, Nachbildungen) in der Sprache zu trennen sind. Strukturell gesehen werden hier als deutsche Entlehnungen vor allem die Ergebnisse der Wortentlehnung bezeichnet (die ihrerseits in Lehn- worter und Fremdworter zerfallen; Range (1994: 218) hilt diese Unter- scheidung fiir die baltischen Sprachen allerdings nicht fiir sinnvoll). Die volkssprachlichen Entlehnungsformen umfassen alltagliche Bereiche des Wortschatzes und prasentieren sich meistens in der Form von assimi- lierten Lehnwortern (Bsp.1, 2, 3, 4, 5). In diese Gruppe fallen sowohl Internationalismen deutscher Herkunft (reichskancleris ,Reichskanzler*), als auch Internationalismen deutscher Vermittlung (szafija ,Chausse’, automobylas ,veralt. Form: Automobil®). Neben Wortentlehnungen werden hier auch die bevorzugten Formen der Lehnpragung (vor allem die Lehniibersetzungen (trukis < Zug, gelZkeltrukis < Eisenbahnzug, orlaivis < Luftschiff) und die Hybridformen (orsépis < lit. oras + lit. šėpis / dt. Schiff) untersucht. Die verschiedenen Entleh- nungsformen ringen meistens bei der Einfiihrung der neuen Bezeichnung um ihre Stellung, z.B. die Lehniibersetzung und die Hybridform (orlaivis vs. orsépis). J. Range (1994: 211) betrachtet die Lehnpragungen im Preu- Bisch-Litauischen als sprachliche Interferenzen, die sich auf dem Wege 31 INDRE BROKARTAITE-PLADIENE der literarischen Entlehnung ergaben. So geben die Beispiele 9, 10, 11 zur Vermutung Anlass, dass die Autoren der Texte auch absichtlich bei der Festlegung der Entlehnungsform mitgewirkt haben, und das verlangt nach einem geschichtsbezogenen Uberblick, der ermittelt, in welchem Male die geschichtlichen Voraussetzungen den deutschen Lehngutsbe- stand im Naujasis Tilžės keleivis beeinflussen konnten. 1.2. Zu den geschichtlichen Voraussetzungen Das gesammelte Korpus lasst sich nicht als wahres Abbild des realen Bestandes des deutschen Lehnwortgutes im geschriebenem Preuflisch- Litauischen am Anfang des 20. Jhs. betrachten, was in groffem Male auf die Spezifik der Zeitung zuriickzufiihren ist, z.B. Einstellung zur Sprache und linguistische Kenntnisse der Textverfasser, unterschiedliche Qualitat von Entlehnungen (allgemeine Lexik vs. Spezialausdriicke). Obwohl die Verwendung von Entlehnungen in litauischen Zeitungen Ostpreullens hdaufig personenbezogen war“, hegte der Naujasis Tilžės kelei- vis Ambitionen fiir den Erhalt der litauischen Sprache und wurde zu den patriotischen Zeitungen gerechnet. Neben Information ūber das politische, soziale und kulturelle Leben, engagierte sie die Litauer Ostpreuflens zur kultur-und sprachpflegerischen Téatigkeit (Kaunas 1996: 548). Ihr Heraus- geber Enzys Jagomast war bekannt als Verleger von litauischen Schriften in Ostpreulden, aktiver Kulturarbeiter, die Identitdtsfragen wurden in Vydunas’ Artikeln” behandelt. Aus diesem Grund ist der Naujasis Tilžės ® Nach Palionis (1995: 175) kam es dabei meistens auf den Herausgeber an: auch im Keleivis von F. Kurschat (bis 1880) gibt es entbehrliche Entlehnungen: festungas „Festung“, kurbas ,Korb‘. Alminauskis (1935: 14) fiihrt auch unbegriindete Verwendung von Entlehnungen an: ,Fehlt dem Zeitungsschreiber fiir irgendeinen Ausdruck das li- tauische Wort, so bedient er sich des deutschen Wortes mit litauischer Endung. Zu sol- chen Fremdwortern gehoren bestimmt armekoras „Armeechor“, haubitsas „Haubitze“. Am Anfang des 20 Jhs. storten solche Bildungen die zweisprachigen Leser nicht mehr. * Z.B. erschienen 1924 seine Artikel auf Deutsch und Litauisch: Nr. 1 Téviskes žemė / Heimaterde, Nr. 2 Tikrasis lietuvių gymis / Das wahre litauische Gesicht, Nr. 8 Klaipėdos krašto bažnyčia / Die Kirche im Memelgebiet (und Polemik: Nr. 20 Erwi- derung von Pfarrer Romer, Nr. 33 Vydiinas: Eine Erwiderung zur Erwiderung), Nr. 21 Vokiečiai ir Lietuviai / Deutsche und Litauer, Nr.37 Liikes¢iai / Erwartungen, Nr 43 Kaip mums pasielgt reikėtų / Wie wir uns verhalten sollten. 32 Deutsche Entlehnungen im Naujasis Tilžės keleivis keleivis nicht nur als Verzeichnis des Sprachgebrauchs*, sondern auch als Kulturprodukt, teilweise auch als korpusplanerisches Instrument zu verstehen, was sich in den raren Artikeln fiir Sprachpflege (besonders in den Jahren 1936-1938) widerspiegelt. 2. DEUTSCHE ENTLEHNUNGEN IM NAUJASIS TILZES KELEIVIS: DIE ALS QUELLEN DIENENDEN DEUTSCHEN SPRACHVARIETATEN UND DIE PREUSSISCH-LITAUISCHE VERMITTLUNG Dieses Vorhaben steht natiirlich in engem Zusammenhang mit den ge- schichtlichen und soziokulturellen Erscheinungen in Preul8isch-Litauen vom 13. bis zur Mitte des 20. Jhs., wie auch mit soziolinguistischer Dif- ferenziertheit einer jeden Sprache. Die grundlegenden Fragen bei dieser Forschung lauten: Aus welchen deutschen Sprachvarietdaten haben schon frither Entlehnungen in preuf8isch-litauische Mundarten bzw. Schriften Eingang gefunden und tauchen deshalb auch in der Zeitung auf? Aus welchen deutschen Sprachvarietiten wurden die Entlehnungen direkt tiibernommen? Bei der Untersuchung der deutschen Ursprungsvarietiten zielt diese Analyse auf die ErschlieBung der kennzeichnenden thematischen Gruppen wie auch auf die sachbezogene Schichtung des Lehnwortgutes. Bei der Darstellung der preu8isch-litauischen Vermittlungsvarietdten wird auch behandelt, inwieweit die entsprechenden damaligen konzeptuel- len Tendenzen beim Gebrauch der Entlehnungen eingesetzt wurden. All das erfordert eine chronologische Vorgehensweise und terminologische Klarheit, was sich wiederum nur sehr schematisch darstellen lasst, weil immer mit Uberschneidungen und Uberlappungen zu rechnen ist. Als friiheste Entlehnungsquelle (deutsche Mundarten) kann der im ehemaligen Preullisch-Litauen hauptsédchlich verbreitete lokale Dialekt (Siedeldialekt) Niederpreufisch (auch: Ostpreufisch) gesehen werden, der unter dem Oberbegriff Niederdeutsch (auch: Plattdeutsch) zusam- mengefasst wird. Die auf westaukschtaitischen Merkmalen basierenden * Bei der Untersuchung der Entlehnungen wurde auch Grosses (2002: 257) Hinweis in Acht genommen, dass die Zeitung eine mosaikartige Gemeinschaftsarbeit vieler Autoren ist, wobei die Gefahr subjektiver Spracherscheinungen entsteht. Deswegen wurde in dieser Forschung die individuelle Verwendung (z.B. wenn die Entlehnung nur einmal vorkommt) als Sonderfall behandelt. 33 INDRE BROKARTAITE-PLADIENĖ preufšisch-litauischen Mundarten mogen als litauische Vermittlungsva- rietaten gelten. Als eine jūngere Varietat fūr Entlehnungen kann die unter histori- schem Gesichtspunkt unterscheidbare deutsche Schriftsprache angesehen werden. Die preufšisch-litauische Schriftsprache gilt dabei als eventuelle Vermittlungsvarietat. Die jūngste Entlehnungsvarietat wird als deutsche Standardsprache (so wie sie in Worterbiichern und Grammatiken gesammelt und normiert am Anfang des 20. Jhs. vorlag) oder Hochdeutsch (dieser Begriff gilt hier als Gegensatz zu Niederdeutsch, obwohl er in der Gegenwart mehrdeutig geworden ist) bezeichnet. Aus historischen Griinden lasst sich dabei keine preufdisch-litauische Sprachvarietat als Vermittlervarietat anfiihren. 2.1. Aus deutschen Siedeldialekten entiehnte Allgemeinlexik und ihre preussisch-litauischen Vermittlungsvarietaten Fiir die Entlehnungen aus deutschen Siedeldialekten gelten natiirlich als pri- mare Verwendungsquellen die litauischen Dialekte Ostpreuldens. Der deut- sche Wortschatz blieb im Preuf3isch-Litauischen seit Anfang 13. Jhs. durch intensive volkssprachliche Kontakte miindlich iibernommen. In der Zeitung werden aus deutschen Mundarten ins Preullisch-Litauische iibernomme- ne Substantive fiir die materielle Kultur verwendet, die einige Aspekte der osteuropiischen Sozialgeschichte aufdecken (vgl. Čepienė 1993, vgl. im Polnischen Wiktorowicz 2002: 337). Es handelt sich um Entlehnungen aus folgenden thematischen Gruppen: Haushaltsgegenstande (kurbas ,Korb‘< ostpr. korb, korv’, dekis ,Decke‘< ostpr. dek), Kleidung (kedelis ,Frauenkit- tel‘ < ostpr. kédel, ceikis ,Zeug‘< ostpr. zeik), Gebaude und Gebaudeteile (staldas „Stall“ < mnd. stall, stuba ,Stube‘< ahd. stuba), Baumaterial (balkis ,Balken, Sparren‘ < mnd. balke, planka ,Planke‘ < ostpr. planke), Verwaltungs- wortschatz (vaktmistras ,Wachtmeister‘ < ostpr. wachméster), Essen (šmanta ,Sahne, Schmand‘ < ostpr. Smant, plume / pliume ,Pflaume‘ < ostpr. plume). Von ihrer Einbiirgerung im Preullisch-Litauischen zeugen die Erweite- rungen, vor allem die Diminutivbildungen (Kedelukas kleiner Frauenkittel’, * Die ostpreuffischen Entlehnungsformen werden anhand Alminauskis (1935), Drotvi- nas (1987), Fraenkel (1962), Kurschat (1883) angefiihrt. 34 Deutsche Entlehnungen im Naujasis Tilžės keleivis Stubelė „kleine Stube“). An einigen Entlehnungen lūsst sich Entwicklung von niederdeutscher (Burgermiftras) zu hochdeutscher Form (Burgermeifteris, Biirgermeifteris) nachweisen. Da viele solche Entlehnungen aus dialektologischen Forschungen der westlitauischen Mundarten des 20 Jhs. bekannt sind, sollten sie auch im ge- sprochenen Preufšisch-Litauischen verbreitet gewesen sein. Was ihre Assimi- lation betrifft, lasst sich jedoch nur bei wenigen Beispielen nachweisen, dass die Zeitung sich direkt der im gesprochenen Preuflisch-Litauischen vorhan- denen Entlehnungsformen bediente: so steht fiir ,Gefangnis, Zuchthaus‘ im Naujasis Tilžės keleivis nicht die volksetymologisch veranderte Form Siktiizé, sondern Cuktuzé, was mehr der Ursprungsgestalt zuxthiis entspricht. Die Zeitungsbeispiele legen die Annahme nahe, dass im Naujasis Tilžės keleivis die in anderen Schriftstiicken verbreiteten Schriftformen volkssprachlicher Entlehnungen verwendet wurden. So erweist sich die preullisch-litauische Schriftsprache als Vermittlungsvarietat. Aus dem ge- sprochenen Preul3isch-Litauischen (in manchen Fallen auch direkt) gelangte das deutsche Lehngut in die geschriebene Variante (religiose Schriften, Worterbiicher, spater auch in die Pressesprache). In der Tat finden sich im Naujasis Tilžės keleivis Wortentlehnungen volkssprachlichen Ursprungs, die in den Schriften des 16.-17. Jhs. verwendet wurden, z.B. stunda ,Stunde,, turmas ,Turm’, stukis ,Stiick‘ (vgl. Čepienė 1998a, 1998b, 2000b). Es lasst sich aber sagen, dass die sprachpflegerischen Ideen hinsichtlich der Entlehnungen in Preuf3isch-Litauen nur in bescheidenem Maf3e in die Praxis umgesetzt wurden. Die allgemeine litauische Schriftsprache Ostpreuflens bildete sich auf der Grundlage des westaukschtaitischen Dialektes heraus und wurde von Daniel Klein in seinen Grammatiken von 1653 und 1654 kodifiziert (Rimša 1972: 75, Palionis 1995: 39). Im 18 Jh. verbreiteten sich die Ideen der Sduberung und der breiteren Verwendung des Preul3isch-Li- tauischen gleichzeitig mit den Ideen zur Sauberung der deutschen Sprache. Michael Morlins Traktat Bedencken iber das principium primarium in lingva lithvanica (1706) war ein Projekt’? zur Reformierung der religiosen Schrif- ten (Girčienė 2003: 397, dazu auch Aleknavičienė, Schiller 2002: 91-97, 19 Das Traktat forderte, Polonismen und Germanismen zu vermeiden (alles, was deutsch ist, soll man nicht verwenden, wenn man dafiir eine andere Redensart finden kann) und der Volkssprache nicht so viel zu vertrauen, weil sie durch Germanismen vedorben ist. Die unverstandlichen Begriffe sollen Umschreibungen erhalten, keine 35 INDRĖ BROKARTAITĖ-PLADIENE Palionis 1995: 125). Dieses Traktat veranlasste philologische Diskussionen zur Sprachsauberung: Morlin z.B. sah keine Moglichkeit eines Kompromis- ses hinsichtlich der Verwendung von Wortern nichtlitauischer Herkunft, Perkuhn warf ihm die umschreibende Ubersetzung vor (Aleknavičienė, Schiller 2003: 36-47). Morlins Ideen hinsichtlich der Entlehnung wurden hauptsédchlich von Johannes Schulze, Philipp Ruhig, Ludwig Rhesa fortge- setzt. In den Schriften herrschte jedoch Unsicherheit bei der Verwendung von Entlehnungen. Die Textverfasser verwendeten fiir denselben Begriff an einer Stelle das Lehnwort, an einer anderen schon die litauische Entspre- chung (Palionis 1995: 84-88), nicht alle hatten ausreichende linguistische Kenntnisse: So schlug Rhesa vor, manche deutsche Entlehnungen durch Worter slawischer Herkunft zu ersetzen (Jonikas 1987: 402). Deutsche Entlehnungen waren bei manchen Autoren schon Bestandteil der Sprache und wurden in Worterbiichern nicht speziell markiert, Philipp Ruhig z.B. betrachtete sie als einheimische Worter und gab keine Randbemerkungen dazu (Girciené 2003: 398). Als die litauische Schriftsprache in Ostpreuf8en seit Mitte des 19. Jhs. wegen der aufšerst restriktiven sprachpolitischen Gesetze einem starken Assimilationsdruck seitens des Deutschen ausgesetzt war und stufenweise zuriickzog, vermieden nur bestimmte Einzelgidnger in ihren Schriften die deutschen Entlehnungen. So empfahl Ludwig Rhesa cuktūžė ,Zuchthaus’, jégéré Jager‘, bekeris ,Backer’, gruntas ,Grundlage’, skiiné ,Scheune‘ durch apkalimas, medéjas, kepéjas, tvirtumas, kluonas zu ersetzen (Palionis 1995: 174). Die Grammatiken und Worterbiicher in Ostpreufen konnen auch nicht als Stiitze dienen, weil sie nicht fiir die einfachen Sprecher bestimmt waren, sondern wissenschaftliche Interessen verfolgten. Von Vorteil er- weist sich nur die Tatsache, dass der Gebrauch der Schriftsprache in Ostpreullen durch die Grammatiken und Worterbiicher im 18. Jh. stan- dartisiert worden war (Palionis 1995: 169). Die lexikographische Arbeit in Ostpreufen intensivierte sich erst in der zweiten Halfte des 19. Jhs."', erreichte jedoch kein so breites Ausmalš wie in Grof3litauen. engen Dialektismen durfen verwendet werden. Das Ziel der Schriftsprache sei es, die erfolgreiche Kommunikation zu gewihrleisten (Jonikas 1986: 391-395). '' Das Worterbuch von Kurschat (Worterbuch der littauischen Sprache: Deutsch-lit- tauisches Worterbuch I. Teil 1870, II. Teil 1874, Littauisch-deutsches Worterbuch 1883) enthélt viel litauische Lexik, die in Umgebungen von Tilsit und Ragnit gesammelt 36 Deutsche Entlehnungen im Naujasis Tilžės keleivis 2.2. Das Lehngut aus der deutschen Schriftsprache und seine preufšisch-litauische Vermittlung Das Ausmalš an Entlehnungen in preuGBisch-litauischen Schriften des 18-19. Jhs. wurde sowohl durch Veranderungen der natiirlichen und sozialen Wirklichkeit als auch durch die Herausbildung der deutschen Schriftsprache hervorgerufen. Im 17-18. Jh. schrankten sich die Ge- brauchssphédren des Niederdeutschen auf die Haushaltskommunikation ein, Anfang des 17. Jhs. war auch die niederdeutsche Schriftsprache verdrangt worden. Wahrend der ganzen neuhochdeutschen Periode wird an der Normierung der Sprache gearbeitet, aber erst um 1900 wird eine Einheitlichkeit erreicht. Das Preuflisch-Litauische musste im 18-19. Jh. neue soziale, admi- nistrative und politische Verhéltnisse definieren und beschreiben. Das fremde Fachvokabular des Amtsstils ging im 18. Jh. wegen der haufigeren Nachdrucke der Gesetze in die preuflisch-litauische Schriftsprache als Entlehnung ein. Im Naujasis Tilžės keleivis finden sich viele wirtschaft- liche und rechtliche Termini als Wortentlehnungen, die nach Palionis (1995:152-154) schon in Prūsų valdžios gromatos, pagraudenimai ir pasaky- mai lietuvių valstiečiams erschienen waren, z.B. landrotas ,Landrat’, urlaubas ,Urlaub’. In der Zeitung werden Lehnprdagungen verwendet, die sich in der ostpreuldischen Presse des 19. Jh. als neue religiose und soziale Termini herausgebildet hatten, z.B. das von F. Kurschat stammende ligonbutis ,Krankenhaus‘, draugbrolis ,Mitbruder‘, gelZkeltriikis ,Eisenbahnzug‘, das vom Zeitungsherausgeber Kelkis entworfene gelZkelis „Bahn“. Es ist zu bemerken, das auch die Zahl der ūber die deutsche Schriftspra- che vermittelten Internationalismen im PreuRisch-Litauischen zunahm. Dies widerspiegelt die Tatsache, dass im 17.-18. Jh. das Deutsche selbst einem massiven Einfluss von anderen Sprachen ausgesetzt war. Nachdem die niederdeutsche Hanse ihre Vormachtstellung im Handel verloren hatte, ibernahm man Entlehnungen niederldndischer Herkunft (šleuzė wurde. Die unklaren Worter stehen in Klammern, man streicht die authentischen Worter heraus, was auch durch deren Verwendung in den fiir Grof8litauen bestimmten Zeitungen Ausra und Varpas praktische Bedeutung erlangte. Besonders im deutsch- litauischen Teil dieses Worterbuchs gibt es jedoch viele lexikalische Germanismen (bukstavas, édelmonas, steliuoti, stundas) (Palionis 1995: 195-198). 37 INDRE BROKARTAITĖ-PLADIENĖ „Schleuse“, apfelsynė ,Apfelsine‘), in der absolutistischen Zeit wird der franzosische Einflusses deutlich (kostymas ,Kostiim‘, torté „Torte“, hotelė „Hotel“, gardynai „Gardinen“). Im 19. Jh.-20. Jh. nahm der englische Ein- fluss zu, durch direkte Kontakte ūber Politik, Wissenschaft und Handel vermehrten sich die Wortiibenahmen (sztreikis ,Streik‘, lokomotyvė ,Lo- komotive“). Daneben wurde im Naujasis Tilžės keleivis das erforderliche entlehnte Fachvokabular verwendet, das zum grofšen Teil aus lateinischen und griechischen Wortstammen gebildet war (z.B. Automobylas ,veralt. Form: Automobil‘) oder auch innovative Internationalismen von anderen periodischen Druckschriften Ostpreul3ens (z.B. deputiertas ,Deputierte’, profeseris ,Professor’, teateris ,Theater‘), wobei anhand vieler Details die deutsche Vermittlung klar ersichtlich ist (Palionis 1995: 218-220). So war fiir die Zunahme des Fremdwortanteils im Naujasis Tilžės keleivis (und im Preuf8isch-Litauischen allgemein) nicht nur die damalige politi- sche Situation verantwortlich, sondern auch die iibergreifende zivilisato- rische Entwicklung der Industriestaaten. Nach dem 1. Weltkrieg begann weltweit eine technische Evolution, die die betrachtliche Erweiterung fachsprachlicher Vokabelbestinde zur Folge hatte, Spezialwortschatz in Form von entlehnten Internationalismen (deutscher Herkunft oder Vermittlung) ging auch in die Texte der o.e. Zeitung ein. Ende des 19. Jhs. konnte man in Fragen zur Verwendung von Ent- lehnungen keine eindeutige Antwort finden. Die Herausgeber der Ausra (1883-1886) konnten weder theoretisch den Bann auf Fremdworter be- griinden, noch ihnen praktisch ausweichen. Dabei waren ihre nicht aus- reichende linguistische Vorbildung und romantische Einstellungen zur litauischen Sprache besonders hinderlich. Eine viel groRere Rolle spielte die Zeitung Varpas, besonders als Jablonskis dort seine Sprachartikel und Rezensionen nachdrucken lief8. Fiir die Sdauberung der Schriftsprache sorgte auch Kudirka. Im Varpas gab es viele lexikalische Nebenformen, indem man bemiiht war, die nichtlitauischen Worter zu ersetzen oder neue Termini zu bilden: ligonbutis / ligongulis / ligongulta / ligonnamis ,Krankenhaus‘ (Palionis 1995: 233-234). Die Redakteure der Zeitungen Varpas und Ūkininkas waren bei der Bildung von Neuw®értern zuriickhal- tender als die Herausgeber der Ausra. Die Variation neuer Termini in verschiedenen ostpreullischen Zeitungen lasst sich teilweise durch das Bemiihen um allgemeine Verstiandlichkeit, 38 Deutsche Entlehnungen im Naujasis Tilžes keleivis erklaren. So hielfš telegrafas ,Telegraph‘ im Keleivis etwa vielu pustas, vielinis pustas, žaibinis pustas, in der Zeitung Ausra dagegen tolrašis „Fernschreiber“. Es herrschte die Gewohnheit, neben der litauischen Entsprechung die Ent- lehnung in Klammern anzufiihren (Girčienė 2003: 403). Diese Tradition wird auch im Naujasis Tilžės keleivis fortgesetzt: Neben der Wortentlehnung fallfchirmas ,„Fallschirm“ finden sich litauische Entsprechungen in Form von Lehnbildungen (Iff/igelbėjimo Prietaifas, Nufileidimo Įtaifymas, Nufileidimo Skėtis, Oro Skėtis) oder Lehniibersetzungen (Kritimo Skėtis). 2.3. Entlehnungen aus dem Hochdeutschen und indirekter Einfluss der litauischen Standardsprache Fūr den Entlehnungsvorgang in der Schriftsprache Ostpreulšens Ende des 19.-Anfang des 20. Jhs. ist die Herausbildung der deutschen Hochspra- che von besonderem Interesse. Nach der Reichsgriindung 1871 nahm die Aufwertung der deutschen Sprache aggressive Ziige an, Deutsch war Weltsprache geworden und sollte entsprechend beachtet werden. Im 20. Jh. war Preul3en zu offener kultureller Assimilationspolitik der Minder- heiten tibergegangen (Palionis 1995: 256, Polenz 1998: 9), was natiirlich Auswirkungen im Lehnwortschatz des Preuf8isch-Litauischen hatte. Zur nationalen deutschen Hochsprache fiihrte die Verbreitung einer standardsprachlichen Norm und neues Interesse fiir Purismus (z. B. Ende des 19. Jhs. wird die Terminologie der Eisenbahn und des Postwesens schon frūh planmassig eingedeutscht (Bahnsteig fiir Perron, Fahrkarte fiir Billet, Briefumschlag fiir Kuvert), der 1885 gegriindete allgemeine deut- sche Sprachverein arbeitet im Namen von Sprachpflege, Sprachsauberung und Nationalbewul3tsein (Stedje 1989: 148-151). Diesen Ideen folgend wurden neue Begriffe und Verdeutschungen im Bereich des Turnwesens entworfen, die auch im Naujasis TilZés keleivis als Wortentlehnungen verwendet wurden: marsuoti ,marschieren’, turnuoti .turnen’. Der Nationalsozialismus fiihrte diese aggressive Sprachenpolitik in OstpreufSen verschéarft weiter. Das nationalsozialistische Fachwortgut setzte sich vorwiegend aus altbekanntem Vokabular zusammen, das teil- weise eine Umwertung oder Umdeutung erfuhr, deutlich war die Neigung zu Schlagwortern und Abkiirzungen (vgl.Wolf 1991, Miiller 1994: 57, INDRĖ BROKARTAITE-PLADIENĖ Doerr 2002: 32). Zwei Gruppen von Neubildungen der sog. Reichssprache lassen sich im Naujasis Tilžės keleivis erkennen: (a) als Funktionsworter dienende Neupragungen, die haufig durch Halbaffixe gekennzeichnet sind, z.B. Reich- (reichskancleris ,Reichskanz- ler“), -karte (lebensmitelkartė ,Lebensmittelkarte). (b) die Neubildungen mit propagandistischen Oualitaten, die als Tarn- worter und Euphemismen funktionieren, z.B. Winterhilfė ,Winterhilfs- werk“ (s. dazu auch Doerr 2002: 38). Im Naujasis Tilžės keleivis neigt man dazu, daraus Lehniibersetzungen (Žiemos pagalba) zu machen, der richtige Inhalt bleibt jedoch versteckt'*. Viele dieser Begriffe besitzen in der o.e. Zeitung nicht selten zwei Formen: Wortentlehnung (mit ge- ringer linguistischer Eingliederung) und Lehniibersetzung (Beispiel fiir die literarische Entlehnungsform). Selbst im deutschem Reich wurde in der Zeit um den 1. Weltkrieg die Sprachpflege starker in den Dienst des Nationalismus gestellt und der Fremdwortgebrauch als geistiger Landesverrat bezeichnet (Stedje 1989: 164, Miiller 1994: 95-96). Hitler dagegen betrachtet die Fremdworter positiv: die Mehrheit des Volkes, welche die fremden Ausdriicke nicht oder nur ungenau versteht, soll durch deren Verwendung beeindruckt werden (Miiller 1994: 54). Der Naujasis Tilžės keleivis erweist sich bei vielen dieser Entlehnungen als primédre Verwendungsquelle, die Text- verfasser bemiihen sich, die Flut des neuen politischen Lehnguts aufzu- nehmen und dem Leser in Texten vorzulegen, obwohl kaum diskutiert wird, welche Form — Wortentlehnung oder Lehnpragung — die passende sei. Die Bezeichnung einer litauischen Vermittlungsvarietat fallt dabei besonders schwer. Schon im 18. Jh. funktionierte und entwickelte sich die litauische Schriftsprache in Ostpreufen und Grof3litauen unterschiedlich (Palionis 1995: 163). Das Verhaltnis zwischen diesen 2 Varietaten scheint paradoxal zu sein: Obwohl der preul8ische Zweig der litauischen Schriftsprache in der Mitte und in der zweiten Hélfte des 19. Jhs. wesentliche Einschrankung im Gebrauch erfuhr und aus soziopolitischen Griinden nie das Niveau der Hochsprache fiir die preulisch-litauische Sprachgemeinschaft erreich- '* Winterhilfswerk (Abkiirzung Winterhilfe) wurde vordergriindig als Funktionswort ausgelegt, ist aber ein Tarnwort fiir Steuer und Kriegsfinanzierung. 40 Deutsche Entlehnungen im Naujasis Tilžės keleivis te, diente sie als Grundlage fiir die Herausbildung der gegenwirtigen litauischen Standardsprache'"““. Und andererseits, obwohl in den Jahren der Unabhangigkeit (1918-1940) das Litauische zur Staatssprache wur- de, konnte es bei der Entlehnung im Preufšisch-Litauischen nur einen indirekten Einfluss haben, weil diese Sprachen zwei unterschiedliche Lebensrealitūten (soziale, politische etc. Wirklichkeiten) darstellten. Obwohl man den Eindruck hat, dass den Textverfassern des Naujasis Tilžės keleivis bei der Ubernahme und Wiedergabe der neuen Entlehnun- gen vieles selbst ūberlassen wurde, lūsst sich bei einer genaueren Ana- lyse feststellen, dass einige sprachpflegerischen Ideen doch von Litauen ūbernommen wurden. In Litauen wurden 1918-1940 die grundlegenden Prinzipien zur Normierung von Entlehnungen formuliert (basierend auf theoretischen Arbeiten von Būga, Slavismenforschungen von Skardžius und Germanismenforschungen von Alminauskis). Die Reinigung und Be- reicherung der Lexik der litauischen Standardsprache in der Zwischen- kriegszeit basierte auf den Daten der Volkssprache (Mundarten) (Palionis 1995: 252-256). Dieses Prinzip konnte leider in der Zwischenkriegszeit in Ostpreulšen nicht mehr praktisch eingesetzt werden, da dort die litau- ische Sprachminderheit schon in hohem Malle zweisprachig war. Im Naujasis Tilžės keleivis werden als Entsprechungen die Neuworter aus der litauischen Standardsprache angefiihrt, es wird darauf hinge- wiesen, dass manche davon als Ersetzungen fiir deutsche Lehnworter dienen konnten'4, auch werden die Aquivalente aus dem Litauischen fiir die im PreufBisch-Litauischen eingebiirgerten deutschen Entlehnungen angefiihrt'®, wobei haufig nicht die linguistische Begriindung folgt, son- dern die Gefiihle angesprochen werden: '* Auf der Grundlage der Mundart der im stidlichen Ostpreuf3en ansassigen Litauer bildete sich in der Mitte des 17. Jhs. die hochlitauische Schriftsprache heraus. '* Z. B. sąjunga, paskaita, uždavinys (1936-16-3), menas, įvykis, gamta (1936-18-3), padermė, tauta (1940-13-3) u.a. > „Medžiaga — wokifškai būtų Material arba Stoff, dėl to nereikia wartoti nelietuwiBka žodį „Ceikis“, o lakyti „Medžiaga“ Rūbams, MaiRas yra tas pats kaip „žakas“, bet žodis ,Zakas“ (wok. Sack) liet. Rafšto Kalboje newartojamas“ (1936-71-2). „Krofnis — tai yra lietuwifškafis Pawadinimas Wietoje žodžių „Kakalis“ arba „Peczius“, Kakalis i wok. „Kachel-Ofen“ (1936-23-4, Jaunimo Kampelis) 41 INDRE BROKARTAITE-PLADIENE Daugiau nebegalime [akyti „S3pygelis“ arba , 3erkolas“, nes wienas žodis yra wokilškas, kitas lenkilškas, bet mes turime gražiai fakyti „Weidrodis“, tai yra tas Daiktas, kuris Weidą rodo, Kedė reikia fakyt Wietoj negražaus žodžio „S3tūlė“, kuris imtas ifš wokifškofios Kalbos. Taip pat netinka wartoti ir žodį „Kralė“, nes tai yra [lawilškolios Kalbos žodis. Laikrodis — graželnis žodis negu Pawadinimas „3ėgorius“, kuris palidarė i} wok. Žodžio „3eiger“ arba platt-wokilškojo ,,3éger, Sėger“ (1936-23-4, Jaunimo Kampelis). Solche Rubriken zur Sprachpflege erschienen im Naujasis Tilžės ke- leivis hauptsachlich in den Jahren 1936-1938, die sich herausbildende litauische Hochsprache galt nur in bestimmten Spharen und nicht ohne Absicht des Verlegers'* als Vorbild bei der Normierung. 3. SCHLUSSBEMERKUNGEN Im Allgemeinen lasst sich sagen, dass der in der Zeitung Naujasis Tilžės keleivis prasente deutscher Lehnwortschatz aufgrund von engen deutsch- litauischen Sprachkontakten in Ostpreufšen entstanden ist, wobei die deutschen Sprachvarietūten von deutschen Siedeldialekten bis zum Hochdeutschen reichen und in unterschiedlichem Umfang als Entleh- nungsguellen gelten konnen. Dabei darf auch die Vermittlungsarbeit von preulšisch-litauischen Sprachvarietūten (Mundarten, Schriftsprache) nicht unterschatzt werden. Dieses komplizierte Gebilde wird sehr vereinfacht durch die Abb. 1 veranschaulicht. Die volkssprachlichen Wortentlehnungen (Allgemeinwortschatz) im Naujasis Tilžės keleivis mogen natiirlich nicht direkt aus deutschen Sie- deldialekten entlehnt sein, sondern durch das gesprochene Preufšisch-Li- tauische und besonders die preufšisch-litauische Schriftsprache vermittelt worden sein, wo sie schon friiher ihre linguistische Anpassung gefunden haben. Viele dieser Wortentlehnungen wurden schon im 17.-18. Jh. disku- tiert und hatten treffende litauische Entsprechungen, trotzdem haben sie sich im Preufl8isch-Litauischen eingebiirgert. In der preuffisch-litauischen Schriftsprache (Bibeliibersetzungen, Zeitungen) wurde die literarische Entlehnung gepragt, d.h. viele individuelle Lehnpriagungen entworfen, die spater Eingang in die Texte des Naujasis Tilžės keleivis fanden. ‘** Laut D. Kaunas wurde die Herausgabe dieser Zeitung auch von der litauischen Re- gierung mitfinanziert. 42 Deutsche Entlehnungen im Naujasis Tilžės keleivis Beim entlehnten Fachvokabular ist vor allem der starke Einfluss der deutschen Schriftsprache und der deutschen Hochsprache hervorzuheben, wobei die Entlehnungen in bestimmte Fachsprachen (mit entlehnten In- ternationalismen) und in die Reichssprache zerfallen. Bei der Entlehnung wahlten die Textautoren verschiedene Lehnformen, die untereinander konkurrierten. Die Zeitung galt dabei in vielen Fallen als priméare Er- scheinungsquelle von deutschen Entlehnungen, die Standardsprache des unabhédngigen Litauens iibte nur einen indirekten Einfluss aus, indem von ihr die Tendenzen zur Sduberung des Preuflisch-Litauischen und die Entsprechungen fiir manche der alten Wortentlehnungen angeboten wurden. Abb 1. Wege der deutschen Entlehnungen in den Naujasis Tilžės keleivis oT hy | hy "Te ; » s ARTF rT Sa Py A Sd Deutsche Entlehnungen im gesprochenen PreulBisch- Litauischen (in den Mundarten) (z.B.: kurbas Korb’, staldas Stall’, šmanta Sahne, Schmand‘) Deutsche Entlehnungen in der preuBisch-litauischen Schriftsprache (z.B.. stundas Stunde’, urlaubas Urlaub’, landrotas €—> Landrat’) Relig. Bucher Worterbiicher Presse „Naujasis Tilžės keleivis“ (z.B. gardynai ,Gardinen’, hotele „Hotel“, profeseris Professor’, automobylas „Auto“, štreikis Streik’, draugbrolis Mitbruder’, gelfkeltrukis Eisenbahnzug') 43 INDRE BROKARTAITE-PLADIENE LITERATUR ALEKNAVICIENE, O., ScHiLLER, Ch. 2002: Rastas antras Michaelio Morlino Principium primarium in lingva Lithvanica (1706) egzempliorius. Archivum Lithuanicum 4, 79-98. 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