Zum Ausdruck der Evidentialität im Baltischen: die litauische Partikel „nevà“
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Acta Linguistica Lithuanica LIX (2008), 57 ~ 80 Zum Ausdruck der Evidentialitat im Baltischen: die litauische Partikel neva Fiir Marianne Giedra Danie Petit Ecole Normale Supérieure, Paris Evidentiality is here understood as the linguistic marking of the speaker’s distance to the contents of his utterance. In Lithuanian, evidentiality can be expressed synthetically by means of the so-called relative mood, consisting in the use of participles instead of finite verb forms, or analytically by means of adverbs or particles. This paper deals with the origin of one of these particles, Lith. nevd ‘allegedly’. It is not attested before the 19th century and seems to consist of the negative né and the presentative particle va. There are typological difficulties, however: evidentiality is never expressed by a bare negation; and presentative particles (like Lat. ecce, Russ. gom, French voici, voila) are known to be non-negatable. This suggests that né in neva cannot have had its basic negative meaning. We could therefore assume it to have been used in its comparative function (‘as, like’), which has left numerous relics in Baltic and could go back to Indo-European (cf. OInd. nd ‘not’ and ‘as, like’). I, EINLEITUNG! In der sprachtypologischen Literatur wird in der letzten Zeit dem Begriff der Evidentialitat eine gro&e Bedeutung beigemessen?. Unter Evidentialitat : Vortrag gehalten in der XIV. Fachtagung der indogermanischen Gesellschaft (Salzburg, 22. September 2008). Fiir Diskussion und Hinweise danke ich Bjorn Wiemer, Georges-Jean Pinault und Axel Holvoet. ? Wahrend die englischsprachigen Sprachwissenschaftler (z.B. Aikhenvald und Dixon 2003, Aikhenvald 2004) jetzt weitgehend die Bezeichnung evidential, bzw. evidentiality verwenden, hat sich in der franzésischen Linguistik zumindest seit Lazard (1956: 149, Funote 2) und neuerdings Guentcheva (1996, 2007) die Bezeichnung médiatif, bzw. médiativité durchgesetzt — explizit mit dem Streben, der Spezifizitat des Worts
Danie Petit versteht man alle Sprachmittel, die Angaben iiber die Stellung des Sprechenden gegeniiber dem Inhalt einer Aussage zum Ausdruck bringen. Evidentiale Merkmale zeigen, wie der Sprechende vom Vorgang Kenntnis nahm, ob er ihn unmittelbar erlebte oder nicht, schlie&lich auch ob er dessen Wahrheit garantiert oder nicht. Nach Guentcheva kann Evidentialitat im engeren Sinne des Wortes grundsatzlich als Nicht-Aneignung des informationellen Inhalts definiert werden®. Evidentiale Ausdrucksstrategien kénnen je nach den Sprachen verschiedenartig erfolgen. Es gibt Sprachen, in denen Evidentialitat eine sehr komplexe Kategorie sein kann. Z.B. kénnen in der Sprache der Tuyuca (Brasilien, Kolumbien) bis zu 5 Siatzen regelma@ig gebildet werden, je nach der Informationsquelle und je nach der Stellung des Sprechenden gegentiber dem Wahrheitsgehalt der Aussage*: (la) Diiga apé-wi ,Er hat Fu&ball gespielt [ich sah ihn spielen]‘ (1b) Diiga apé-ti ,Er hat Fu@ball gespielt [ich horte ihn spielen, sah ihn aber nicht]‘ (le) Diiga apé-yi ,Er hat Fu&ball gespielt [ich sah Indizien, die zeigen, da& er Fuball gespielt hat, z.B. seine FuRspur auf dem Platz]‘ (1d) Diiga apé-yigi ,Er hat Fufball gespielt [ich habe die Information von jemand bekommen]‘ (1f) Diiga apé-hiyi ,Er hat Fufball gespielt [die Vermutung liegt nahe]‘ Ofter driickt sich Evidentialitit im Rahmen eines binaren Kontrasts aus, indem zwischen einer externen Information, von der sich der Sprechende disévidence im Franzésischen gegenuber dem Englischen gerecht zu werden (vgl Guentcheva, 1996: 13, Lazard, 2000: 209-210). Andere Bezeichnungen wurden ebenfalls vorgeschlagen, z.B. médiaphorique von Hagége (1995: 15). Bezeichnungen wie testimonial, indirektiv, distanziv, imperzeptiv, quotativ, usw., sind ebenfalls gelegentlich anzutreffen. Johanson (2000: 61) verwendet die Bezeichnung indirective. ® Guentcheva (1996: 13) : ,non-prise en charge du contenu informationnel“. Vgl. auch Joseph (2003: 97) ,, Evidentiality can be defined as the indication of the source of a speaker's information, of the modality by which that information was gained, and/or of the speaker’s stance (i.e., attitude) towards the truth of the information.“ * Klassisches Beispiel nach Barnes (1984: 255-271), s. auch Guentcheva (1996: 13). Ein anderes Beispiel ist Fasu, eine Papuasprache, mit 6 verschiedenen Moglichkeiten (vgl. Joseph, 2003: 98). 58
Zum Ausdruck der Evidentialitat im Baltischen tanziert, und einer internen Information, die der Sprechende als wahrheitsgetreu iibernimmt, unterschieden wird. Bekannt ist z.B. der Modus Obliquus der ostseefinnischen Sprachen (Finnisch, Estnisch, Livisch), demzufolge Parialformen in pradikativer Verwendung eine evidentiale Bedeutung, d.h. eine Distanz des Sprechenden, ausdriicken, z.B. estn. Ma lugevat ,Ich lese angeblich; man sagt, da ich lese; es heift, ich lase‘ (mit Partizipialendung -vat)°. Die Zahl sprachtheoretischer, bzw. sprachtypologischer Untersuchungen iiber Evidentialitat und deren Markierung hat sich in der letzten Zeit bedeutend vermehrt®. Es fallt aber auf, da& indogermanistisch orientierte Studien dieser Frage der Evidentialitat mit einigen Ausnahmen’ bisher fast keine Aufmerksamkeit geschenkt haben — vielleicht schon deshalb, weil das rekonstruierbare Indogermanische als eine Sprache galt, in der Evidentialitat keine Rolle spielte, und sich evidentiale Bildungen erst in spaiteren Phasen der indogermanischen Einzelsprachen entwickelt haben. Bekanntlich ist Evidentialitat als morphosemantische Kategorie nur in einigen modernen Sprachen vertreten, insbesondere im Albanischen, im Bulgarischen, im Neupersischen, im Neuarmenischen sowie im Litauischen. Es ist wohl anzunehmen, da& die Kategorie der Evidentialitat der indogermanischen Grundsprache fremd war. Da& dem uridg. Injunktiv eine evidentiale Grundbedeutung zuzuschreiben sei, wie Joseph unlangst (2003) vorschlug, ist eine Behauptung, fiir die es m.E. noch zu wenig Anhaltspunkte gibt. Das bedeutet jedoch nicht, da die Frage der Evidentialitat fiir Indogermanisten vollig uninteressant ist. Denn eine der Hauptaufgaben der modernen Indogermanistik besteht darin, zu untersuchen, wie die ererbten Sprachstrukturen zum Zustand der historischen Einzelsprachen gefiihrt haben. Die Frage, wie Evidentialitat entstehen kann, ist ein bisher fast unerforschtes Thema in der Indogermanistik. Typologisch gesehen hat man grundsatzlich mit zwei wichtigen Ausdrucksmitteln der Evidentialitat zu rechnen. Entweder ist Evidentialitat syn- * Vgl. Hasselblatt (#2001: 135). ° Z.B. Chafe und Nichols, Hrsg. (1986), Guentcheva, Hrsg. (1996, 2007), Johanson und Utas, Hrsg. (2000), Aikhenvald und Dixon, Hrsg. (2003), Aikhenvald (2004). 7 Vgl. Gren-Eklund (2000), Joseph (2003). Vgl. auch eine allgemeine Darstellung bei Ramat (1996). 59
Dantet Perit thetischer Natur und wird in der Verbalform selbst markiert, meistens durch urspriingliche Perfektformen, wie z.B. im Bulgarischen (z.B. Mean cnat Ivan schlaft angeblich‘)® oder im Neuarmenischen (z.B. Gac‘er em ,Angeblich bin ich weg‘)’; das Albanische verfiigt bekanntlich iiber einen spezifischen Modus, den sogenannten Admirativ, der u.a. eine evidentiale Bedeutung aufweisen kann (z.B. Puntiakam ,Ich habe angeblich gearbeitet‘)'®. Oder Evidentialitat wird analytisch durch Hinzufiigen adverbialer Bestimmungen ausgedriickt. Dies ist in vielen modernen Sprachen der Fall, z.B. im Deutschen (angeblich, vorgeblich), im Franzésischen (apparemment, prétendument), im Englischen (like), im Russischen (6yémo), im Polnischen (rzekomo), im Bretonischen (hervez), im Neuarmenischen (eyer), usw. Komplexere Ausdrucksmittel sind selten; ein Beispiel findet sich im Irischen is costil ,angeblich‘ (< ,es gibt Anschein‘). Bekanntlich spielt die Kategorie der Evidentialitat in den baltischen Sprachen, insbesondere im Litauischen, eine groe Rolle. Das Litauische kann die Distanz des Sprechenden gegeniiber dem Inhalt einer Aussage zweifach ausdriicken, und zwar entweder synthetisch durch den sogenannten Modus Relativus oder analytisch durch Adverbialformen. Bei dem Modus Relativus handelt es sich bekanntlich um die Verwendung von Partizipialformen als Pradikaten mit evidentialer Bedeutung. Ein einfaches Beispiel: (2a) Indikativ, wenn der Sprechende die Wahrheit der Aussage fiir gesichert halt: Danité dirba mokykloje ,Danuté arbeitet in der Schule.‘ (2b) Partizip, wenn der Sprechende die Wahrheit der Aussage nicht fiir gesichert hilt, sei es, weil sie ihm zweifelhaft erscheint, sei es, weil er die Information nicht persénlich, sondern durch eine auere Quelle kennt. Danitté dirbanti mokykloje ,»Danuté arbeitet angeblich in der Schule.‘ ® Beispiel bei Guentcheva (1996: 54). ° Beispiel bei Donabédian (1996: 90). ' Beispiel bei Duchet und Pérnaska (1996: 31-46). 60
Zum Ausdruck der Evidentialitat im Baltischen Die Literatur zum Modus Relativus im Litauischen ist uniibersichtlich. Ich verweise hier nur auf die wichtige Monographie von Axel Holvoet, Mood and Modality in Baltic (2007), in dem ein Kapitel dem Modus Relativus gewidmet ist (S. 81-127)''. Es wird oft angenommen, dafg der Modus Relativus durch den Kontakt mit den ostseefinnischen Sprachen entstanden ist. Sprachtypologisch gesehen ist aber zu bemerken, daf§ Evidentialitat oft aus urspriinglichen Perfektbildungen stammt, was fiir die Partizipialformen des Baltischen auch passen wiirde, insofern sie in der Ausbildung von periphrastischen Perfekten eine wichtige Rolle spielen. Eine interne Deutung ist also durchaus méglich. Neben dem Modus Relativus gibt es im Litauischen eine ganze Reihe von Adverbien, bzw. Partikeln, die eine evidentiale Bedeutung tragen kénnen. Bisher wurden sie nur skizzenhaft in einer Monographie von Roman Roszko (1993) sowie in einem wichtigen Aufsatz von Bjorn Wiemer (2007) gesammelt und untersucht. Man hat sich aber die Frage nach ihrem Ursprung meist nicht gestellt. Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist die Herkunft einer eben solchen evidentialen Partikel, namlich lit. neva ,angeblich‘. 2. DIE PARTIKEL neva: PHILOLOGISCHER BEFUND Uber die Herkunft der litauischen Partikel nevd ,angeblich‘ wurde bisher sehr wenig geschrieben. Sie wird nur kurz von Fraenkel (LEW, 498) behandelt; sie fehlt ganz in dem unlangst erschienenen etymologischen Wérterbuch der litauischen Sprache von Wojciech Smoczyriski (2007). Selbst der philologische Befund bleibt wenig erforscht. Soweit ich sehe, ist diese Partikel im altlitauischen Schrifttum nicht bezeugt. Die ersten Belege gehen auf das 18. Jahrhundert zuriick. Im handschriftlichen Worterbuch von Jakob Brodowski (1713-1744) tritt das Wort neva ,angeblich‘ zum ersten Mal auf. Anfang des 19. Jahrhunderts wird es im Worterbuch von Christian Gottlieb Mielcke durch folgendes Beispiel illustriert (1800: 564): (3) Christian Gottlieb Mielcke, Littauisch-deutsches und Deutsch-littauisches Worter-Buch (1800): Neva biik nekaltas esqs ,als ob er unschuldig ware [angeblich unschuldig]‘ * Aus der alteren Literatur s. noch Ambrazas (1977). S. auch Wiemer (2006). 61
Danie. Petit Im 19. Jahrhundert taucht das Wort langsam in der Literatur auf, interessanterweise zunachst nur im unformellen Sprachgebrauch oder in wenig formalen literarischen Gattungen. Charakteristisch ist z.B. der Gebrauch von neva in Marchensammlungen, denen oft gesprochene mundartliche Varianten zugrundeliegen. Man findet z.B. in den Lietuviskos Pasakos von Jonas Basanavitius (1898: I, 178)}*: (4) Jonas Basanavi¢ius, Lietuviskos Pasakos (1898): O tas vaikinas ir neva nusidavé girtu, atsigules ant lovos, keline tq uzsismauké ir neva miegti. ,Und der Bursche stellte sich betrunken, im Bett liegend, zog die Hosen auf sich und stellte sich schlafend.‘ Im 20. Jahrhundert ist das Wort in literarischen Werken haufiger belegt, insbesondere in Romanen und Novellen, die nach Wiedergabe der gesprochenen Sprache streben. z.B. bei Schriftstellern wie Mykolaitis-Putinas, Sruoga oder Tumas-VaiZgantas. Man hat z.B. bei Juozas Tumas-VaiZgantas (1869-1933)": (5) Juozas Tumas-Vaizgantas (1869-1933): Saviski, tusti Aleksio jrodymai labiau itikindavo Jokiiba, negu labai ismintingi ir neva mokslingi privedziojimai. »Die eigentiimlichen und leeren Erklarungen von Aleksis tiberzeugten Jakob mehr als sehr verniinftige, angeblich wissenschaftliche Tauschungen.‘ Eine andere literarische Gattung, in der der Gebrauch von neva bevorzugt zu sein scheint, ist Privatliteratur, z.B. Privatbriefe oder Memoiren, die durch einen einfachen, der gesprochenen Sprache nahen Stil gekennzeichnet werden. Man findet die Partikel neva z.B. in der Autobiographie des OstpreuSenlitauers Vilius Gaigalaitis (1870-1945)"*: (6) Vilius Gaigalaitis (1870-1945): »2 Khnlicher Gebrauch in den Litauischen Marchen und Erzdhlungen von Christoph Jurkschat (1898: 124). Vgl. LKZ,,,, 749. ‘VI © Zitiert nach dem LKZ,,, 749. *§. Kaukiene (1997: 323). 62
Zum Ausdruck der Evidentialitat 1m Baltischen Buvome j blogg garsq iklampyti, neva neistikimi esanti? ,Genossen wir einen schlechten Ruf, als ob wir untreu waren?‘ Charakteristisch ist die Tatsache, da die Partikel neva bis zu den dreiRiger Jahren des 20. Jahrhunderts von den Puristen nicht empfohlen oder gar als Barbarismus verworfen wurde. 1911 schrieb der beriihmte litauische Grammatiker Jonas Jablonskis in einem Brief, das Wort neva in der Bedeutung ,wie‘ (= lyg) sei unkorrekt'®. Im litauisch-russischen Wérterbuch von B. Sereiskis (1933: 511) wird die Partikel neva durch russ. 6ydmo, kax-6ydmo, 6ydmo-6vi ,angeblich‘ wiedergegeben und durch ein Beispiel illustriert: (7) B. Sereiskis, Lietuviskai-rusiskas Zodynas (1933): Jie sako, neva a§ sutrukdziau visq dalykq. Sie sagen, da ich die ganze Sache angeblich gestért habe.‘ Sereiskis betont aber ausdriicklich, da& neva mit dem Modus Relativus in der Bedeutung ,da&... angeblich...‘ weniger korrekt ist als die Standardkonstruktion kad (+ Mod. Rel.). Einige Jahre spater (1935) tadelte der Grammatiker Juozas Baléikonis in einer Rezension den Schriftsteller Vincas Mykolaitis-Putinas fiir den Gebrauch von neva in einem Satz seines Romans Altoriy Sexély'*. Nach Baléikonis sei neva ein Slavismus; er wiederholte mehrmals dieselbe Meinung (vgl. RR, 148 und 331). Erst neuere Worterbiicher verzeichnen das Wort als neutral. Im gro%en Wérterbuch von Niedermann, Senn, Salys und Brender (1951: II 180) findet man zahlreiche Belege, z.B.: (8) Niedermann, Senn, Salys und Brender (WIS, 180): Zinios neva apie einancias derybas sNachrichten iiber angeblich im Gange befindliche Verhandlungen‘ (9) Niedermann, Senn, Salys und Brender (WIS, 180): vaistai, kurie neva palengvina kentéjimq sHeilmittel, die vorgeblich den Schmerz lindern‘ Im Standardworterbuch der litauischen Sprache (Dabartinés lietuviy kalbos Zodynas, DZ 2000: 423) wird neva durch tarsi, lyg ,sozusagen, wie* erlautert 15 Vgl. Pirotkinas (1986: 164). S. auch Jablonskio laiskai, hrsg. von A. Piroékinas, Vilnius (1985: 28, 29). 16 Der Satz von Mykolaitis-Putinas lautet: jausdamasis neva kaltas ,sich wie schuldig fiihlend‘ (Altoriy Sesély, 1 233, 6). 63
Danie. Petit und durch zwei Beispiele illustriert, unter denen ich hier nur eines anfiihren méchte: (10) Dabartinés lietuviy kalbos Zodynas, DZ ‘2000 (vgl. LKZ 749): Atrodo, neva serga. ,Es scheint, als ob er krank ware.‘ In der heutigen litauischen Sprache ist der Gebrauch von neva iiblich. Roszko (1993: 53) und Wiemer (2007) fiihren mehrere Beispiele insbesondere aus der Presse an. Als charakteristisches Beispiel kann man folgendes vorbringen: (11) Roszko (1993: 54): Kiti astronautai, nusileidusieji Ménulyje, juokiasi i¥ pasaky, kuriose neva susitike su ateiviais if kity pasauliy. ,Andere Astronauten, auf dem Mond gelandet, machen sich iiber die Geschichten lustig, in denen sie angeblich Bewohner anderer Welten hatten treffen sollen.“”” Es ist schlieBlich keine Uberraschung, da die Partikel neva in den litauischen Dialekten ziemlich gut belegt ist, denn die mundartlichen Aufnahmen, die meist seit den fiinfziger Jahren des 20. Jahrhunderts gemacht wurden, sind ja eine lebenswahre Wiedergabe der gesprochenen Sprache. In den sogenannten ,,kapsischen“ oder ,,zanavykischen“ Dialekten, die zur westlichen hochlitauischen Zone gehéren (in der Nahe des Flusses Nova), wird die Partikel néva (néva) haufig verwendet. Da der Modus Relativus in diesem Dialekt fast véllig verloren ging, wird néva (néva) meist mit Indikativformen verbunden. Die Bedeutung ist oft evidential, wie aus folgendem Beispiel ersichtlich wird: (12) Zanavykischer Dialekt von Griskabudis (252, 270): Neva g’e.rt karéivei pra&-Soale_i§_tikroi_ meerga[s] 2itri. ,Angeblich bitten die Soldaten, etwas zu trinken, aber in der Tat gucken sie sich die Madchen an.‘ Bemerkenswert ist der Kontrast zwischen néva ,angeblich‘ und is tikro ,in der 17 Vgl. Roszko’s polnische Ubersetzung: Inni astronauci, ktérzy wylqdowali na Ksiezycu, Smiejq sig z opowiesci, w kt6rych niby sie spotkali z przybyszami z innych Swiatéw. 64
Zum Ausdruck der Evidentialitat im Baltischen Tat‘. Es ist jedoch auffallig, da& n@va (néva) in demselben Dialekt manchmal eine allgemeinere Bedeutung (,sozusagen, wie‘) ohne evidentiale Nuance aufweist, z.B.: (13) Zanavykischer Dialekt von Griskabudis (282, 270): Jiz dési[m] mé&tu né&va g&-vo-. »Er erreichte ungefahr [< sozusagen, wie] zehn Jahre.‘ In demselben Dialekt ist gelegentlich auch eine Variante n@vago:s (névagos) zu treffen'®, z.B.: (14) Zanavykischer Dialekt von Griskabudis (282, 270): Neévago-z bafido: stba: pasistati-t. ,Angeblich versucht er, ein Haus zu bauen.‘ Weitere Beispiele (s. LKZ, dartlichen Quellen. Es besteht also Grund zur Annahme, daf es sich bei der Partikel neva ,,angeblich” um ein populares Wort handelt, das erst spat in die geschriebene Sprache, insbesondere in sprachnormorientierte, bzw. puristische Schriften, integriert wurde. Dies kann auch die Tatsache erklaren, daf§ das Wort in der altlitauischen Literatur, soweit ich wei, nie bezeugt ist: Diese Literatur, die fast ausschlie@lich religiéser Natur ist, gehdrt ja zum gehobenen Stil. Auffallig ist der Umstand, da neva von einer gewissen puristischen Tradition als unkorrekt oder gar als Slavismus verworfen wurde. Diese Eigentiimlichkeit der Partikel neva muf§ jeder, der sich um deren Herkunft kiimmert, beriicksichtigen. vm 749) zeigen ein deutliches Uberwiegen der mun3. HERKUNFT DER PARTIKEL neva Bevor ich die Frage nach der Herkunft der Partikel nevd zu beantworten versuche, méchte ich auf eine Besonderheit ihres Gebrauches hinweisen. Neva kann im Satz zwei Funktionen haben, es kann als Adverb (15a = dt. angeblich, poln. rzekomo) oder als Konjunktion (15b = dt. daf...angeblich, poln. jakoby) fungieren. Dafiir zwei Beispiele aus der Monographie von Roszko (1993: 53): 18 Weitere Belege s. Senkus (KD 130) und LKZ,,,, 749, vn 65.
Danie. Petit Prisentativ ecce ,sieh da, schaue!‘ kein negatives Gegenstiick *non ecce. Dasselbe gilt fiir den russichen Prasentativ om, dem kein *Heeom gegeniibersteht, sowie fiir lit. Stai, das ebenfalls isoliert ist (kein *nestai). Robert Forest (2000: 21-31) hat gezeigt, da& diese Unméglichkeit, prasentative Partikeln zu negieren, fast eine Universalie in den Sprachen der Welt bildet. In der Sprache der Peul (Afrika) z.B. ist ein Satz wie padao i ,siehe da ein/das Feld!‘ (fr. ,voila un/le champ‘) negationsunfahig. Der Ansatz einer negativen Struktur *ne-va auf der Basis des Prasentativs va ware im Litauischen eine typologische Inkongruitat. Diese Situation ist exemplarisch fiir die Probleme, mit denen die heutige Indogermanistik konfrontiert wird. Was soll man machen, wenn eine etymologische Rekonstruktion der Sprachtypologie widerspricht? Es ist heute nicht mehr denkbar, typologische Unméglichkeiten einfach in Kauf zu nehmen undsich so zu verhalten, als gabe es sie nicht. Man mu8 die typologischen Widerspriiche fiir genauso zwingend halten wie die Evidenz der historischen Lautund Formenlehre. Das heift in unserem konkreten Fall: Wenn die Rekonstruktion von neva als {Negation né + Prasentativ va} sich als typologisch unméglich erweist, mu sie irgendwie falsch formuliert sein und unbedingt durch eine andere Rekonstruktion ersetzt werden. Das Problem liegt m.E. in der Negation né. Eine Negation ist hier aus den zwei Griinden, die oben angegeben wurden, unerwartet. Erstens wird Evidentialitat nirgends durch Negierung der Realitat ausgedriickt. Und zweitens ist eine prasentative Partikel wie va normalerweise negationsunfahig. Es ist also anzunehmen, da né eine andere Funktion besitzt als die einer Negation. 4. NEGATION UND VERGLEICH IM LITAUISCHEN Es ist bekannt, da die negative Partikel *né in den baltischen Sprachen auch eine vergleichende Funktion haben kann. Die Frage wurde bereits Gegenstand mehrerer Untersuchungen. Ich verweise hier insbesondere auf den wichtigen Aufsatz von Georges-Jean Pinault iiber Negierung und Vergleich im Vedischen (1985), der auch viel baltisches Material anfiihrt (s. insb. S. 131-132)". Im heutigen Litauischen beschrankt sich diese vergleichende * §. auch Pinault (1989: 53-74). Viel Material auch bei Baga (RR, 470-471). 72
Zum Ausdruck der Evidentialitat im Baltischen Funktion fast ausschlieSlich auf komparativischen Strukturen, wo erweiterte Formen der Negation nei oder negi (selterer nekaip) die Erginzung einfiihren. Beispiele aus der altlitauischen (18a) sowie aus der modernen litauischen (18b) Sprache: (18a) J. Bretkiinas, Postilé (1591: 37, 17-18)" Tassai daug geresnis ira nei wissu praraku Seno Sokano. ,Dieser ist viel besser als alle Propheten des Alten Testaments‘ (18b) Hochlitauischer Dialekt von Naujamiestis (LKZ,,, 621) Geriau duoti, negu prasyti. ,Es ist besser zu geben als zu bitten.‘ In der litauischen Standardsprache werden in dieser Funktion nur noch nei oder negit (und nekaip) verwendet, aber in den alten Texten und Dialekten ist manchmal auch einfaches né nach Komparativformen zu treffen, z.B.: (19) Jakob Brodowski, Lexikon Germanico-Lithvanicum et LithvanicoGermanicum (1713-1744)* Keturios akys daugiaus mato ne viena. ,Vier Augen sehen besser als eines.‘ Aufer den komparativischen Strukturen, wo die Negation né die Funktion einer vergleichenden Partikel besitzt (vgl. die Parallelkonstruktion: Kompar.+ kaip ,wie‘), lat sich ein freierer Gebrauch von né als Vergleichspartikel (,wie‘) nur noch in den alten Texten nachweisen®>. Man findet z.B. im ersten litauischen Wérterbuch (Sirvydas DTL III 84): (20) Konstantynas Sirvydas, Dictionarium trium linguarum (21643) s.u. jakoby : Ne zerkatas iba. Wie ein Spiegel glanzt er.‘ Im 18. Jahrhundert findet man denselben Gebrauch noch bei J. Brodowski (1713-1744): * Beisprel und Analyse bei Leskien (1903: 111). Vgl. LKZ,,,, 596. 35 Vgl. LKZ,,, 597. vt 73
DANIEL PETIT (21) Jakob Brodowski, Lexikon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum (1713-1744): Auga vaikai ne girioj medZiai. ,Kinder wachsen wie Baume in einem Wald.‘ Erweiterte Formen der Negation kénnen ebenfalls diese Funktion aufweisen, Z.B.: (22) Hochlitauischer Dialekt von Suvalky Naumiestis (Biiga RR, 826): piktas néi velnias ,bose wie der Teufel’ Diese Ambivalenz der Negation né (,nicht / wie‘) stellt eine Altertiimlichkeit des Litauischen dar. Eine Parallele liegt im Vedischen vor, wo die Partikel nd bekanntlich entweder als Negierung*® oder als Vergleichspartikel*’ fungieren kann. Im Rig-Veda ist der vergleichende Gebrauch von nd sogar haufiger belegt als der negative; in dieser Bedeutung konkurriert nd kontexbedingt mit iva (man hat iva nach Vokal, nd nach Konsonant)*®. Es ist anzunehmen, dafs die vergleichende Funktion sekundar aus der negativen Funktion entstanden ist, und zwar durch Uminterpretierung sogenannter ,Negativvergleiche‘ (comparaisons négatives). Nehmen wir mit Pinault (1989: 64) als Beispiel RV VI 10.2: (23) RV VI10.2 Ghrtdm nd Stici matdyah pavante. ,Rein wie Schmalz klaren sich (meine) Gedanken.‘ Urspriinglich war der Satz als negativer Vergleich zu deuten, etwa: ,Nicht der Schmalz ist rein, rein sind die Gedanken, die sich kliren‘. Spater wurde er uminterpretiert als ,Rein wie Schmalz klaren sich (meine) Gedanken‘. Diese Stilfigur, der negative Vergleich, ist auch in der litauischen Volksdich- *° Z.B. RV IV 30.19 : nd tdt te sumndm dstave ,diese deine Giite ist nicht [mit Worten] zu erreichen‘. Vgl. Pinault (1985: 115). 3’ Z.B. RV VI, 10.2 : Ghrtdm nd Stici matdyah pavante ,rein wie Schmalz kliren sich (meine) Gedanken‘. Vgl. Pinault (1989: 64). ** Zum Vedischen vgl. Pinault (1995-1996, 1997, 2004). 74
Zum Ausdruck der Evidentialitat im Baltischen tung weit verbreitet. Dafiir ein einfaches Beispiel aus einer alten Volksliedersammlung: (24) August Leskien und Karl Brugmann, Litauische Volkslieder und Marchen (1882: 16): Net véjes ptite, “Nicht der Wind wehte, nei s6dai tize, nicht die Garten rauschten, tik auzulai lingéva nur die Eichen wiegten hin und her”. Das heift: ,Eichen wiegten hin und her, wie der Wind wehte, wie die Garten rauschten.‘ Die Annahme liegt nahe, daf§ diese Tendenz zur Uminterpretierung negativer Vergleiche bereits indogermanisch war. Dies erklart die Tatsache, da die Negation in vielen Sprachen noch als Vergleichspartikel in komparativischen Strukturen fungiert, vgl. z.B. engl. than (<pat + Negation ne), engl. (USA) he is taller nor me, usw. Es stellt sich nun die Frage, ob neva auf eben diesem vergleichenden Gebrauch der negativen Partikel beruhen kann. Dieser Ansatz wiirde die typologischen Schwierigkeiten lésen, die wir in diesem Aufsatz ausfiihrlich diskutiert haben. Es ist mehrmals betont worden, da evidentiale Partikeln oft aus Vergleichspartikeln stammen, wie z.B. lit. l¥g (< ,wie‘). Typologisch gesehen steht der Annahme, daf der Partikel né in nevd tatsichlich eine vergleichende Funktion zugrundeliegt, nichts im Wege. Dies war schon die Meinung von Fraenkel (LEW, 498), der né in neva als ,gleichsam, wie‘ iibersetzt. BildungsmaRig denkt man an die Parallele von kaip va, das in einigen litauischen Dialekten mit der Bedeutung ,wie zum Beispiel‘ (= in der Standardsprache kaip antai) verwendet wird. Gegeniiber va, das die unmittelbar vor den Augen stehende Realitat beschreibt (,genauso, wie ich die Sache hic et nunc sehe‘), bringt die Vergleichspartikel né in neva eine semantische Nuance der Unbestimmtheit, der Ungenauigkeit (,ungefahr so, nur vergleichsweise so, mehr oder weniger so, aber eben nicht so‘), die es leicht zum Ausdruck der Evidentialitat geeignet machen konnte. Fiir Sprachtypologen ist die Herkunft von neva also insofern interessant, als sie zeigt, wie sich eine evidentiale Partikel als Ergebnis eines Vergleichsprozesses auf der Basis einer prasentativen Partikel entwickelte, was natiirlich ein gewisses Licht auf das ganze Phinomen der Evidentialitat werfen kann. 75
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