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Zum Ausdruck der Evidentialität im Baltischen: die litauische Partikel „nevà“

Daniel Petit

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Acta Linguistica Lithuanica LIX (2008), 57 – 80 Zum Ausdruck der Evidentialität im Baltischen: die litauische Partikel nevà Für Marianne Giedra Daniel Petit École Normale Supérieure, Paris Evidentiality is here understood as the linguistic marking of the speaker’s distance to the contents of his utterance. In Lithuanian, evidentiality can be expressed synthetically by means of the so-called relative mood, consisting in the use of participles instead of finite verb forms, or analytically by means of adverbs or particles. This paper deals with the origin of one of these particles, Lith. nevà ‘allegedly’. It is not attested before the 19th century and seems to consist of the negative nè and the presentative particle và. There are typological difficulties, however: evidentiality is never expressed by a bare negation; and presentative particles (like Lat. ecce, Russ. вот, French voici, voilà) are known to be non-negatable. This suggests that nè in nevà cannot have had its basic negative meaning. We could therefore assume it to have been used in its comparative function (‘as, like’), which has left numerous relics in Baltic and could go back to Indo-European (cf. OInd. ná ‘not’ and ‘as, like’). I. EINLEITUNG1 In der sprachtypologischen Literatur wird in der letzten Zeit dem Begriff der Evidentialität eine große Bedeutung beigemessen2. Unter Evidentialität 1 Vortrag gehalten in der XIV. Fachtagung der indogermanischen Gesellschaft (Salzburg, 22. September 2008). Für Diskussion und Hinweise danke ich Björn Wiemer, Georges-Jean Pinault und Axel Holvoet. 2 Während die englischsprachigen Sprachwissenschaftler (z.B. Aikhenvald und Dixon 2003, Aikhenvald 2004) jetzt weitgehend die Bezeichnung evidential, bzw. evidentiality verwenden, hat sich in der französischen Linguistik zumindest seit Lazard (1956: 149, Fußnote 2) und neuerdings Guentcheva (1996, 2007) die Bezeichnung médiatif, bzw. médiativité durchgesetzt – explizit mit dem Streben, der Spezifizität des Worts 57 Daniel Petit versteht man alle Sprachmittel, die Angaben über die Stellung des Sprechenden gegenüber dem Inhalt einer Aussage zum Ausdruck bringen. Evidentiale Merkmale zeigen, wie der Sprechende vom Vorgang Kenntnis nahm, ob er ihn unmittelbar erlebte oder nicht, schließlich auch ob er dessen Wahrheit garantiert oder nicht. Nach Guentcheva kann Evidentialität im engeren Sinne des Wortes grundsätzlich als Nicht-Aneignung des informationellen Inhalts definiert werden3. Evidentiale Ausdrucksstrategien können je nach den Sprachen verschiedenartig erfolgen. Es gibt Sprachen, in denen Evidentialität eine sehr komplexe Kategorie sein kann. Z.B. können in der Sprache der Tuyuca (Brasilien, Kolumbien) bis zu 5 Sätzen regelmäßig gebildet werden, je nach der Informationsquelle und je nach der Stellung des Sprechenden gegenüber dem Wahrheitsgehalt der Aussage4: (1a) Díiga apé-wi „Er hat Fußball gespielt [ich sah ihn spielen]‘ (1b) Díiga apé-ti „Er hat Fußball gespielt [ich hörte ihn spielen, sah ihn aber nicht]‘ (1c) Díiga apé-yi „Er hat Fußball gespielt [ich sah Indizien, die zeigen, daß er Fußball gespielt hat, z.B. seine Fußspur auf dem Platz]‘ (1d) Díiga apé-yigi „Er hat Fußball gespielt [ich habe die Information von jemand bekommen]‘ (1f) Díiga apé-hỹi „Er hat Fußball gespielt [die Vermutung liegt nahe]‘ Öfter drückt sich Evidentialität im Rahmen eines binären Kontrasts aus, indem zwischen einer externen Information, von der sich der Sprechende dis- évidence im Französischen gegenüber dem Englischen gerecht zu werden (vgl Guentcheva, 1996: 13, Lazard, 2000: 209-210). Andere Bezeichnungen wurden ebenfalls vorgeschlagen, z.B. médiaphorique von Hagège (1995: 15). Bezeichnungen wie testimonial, indirektiv, distanziv, imperzeptiv, quotativ, usw., sind ebenfalls gelegentlich anzutreffen. Johanson (2000: 61) verwendet die Bezeichnung indirective. 3 Guentcheva (1996: 13) : „non-prise en charge du contenu informationnel“. Vgl. auch Joseph (2003: 97) : „ Evidentiality can be defined as the indication of the source of a speaker’s information, of the modality by which that information was gained, and/or of the speaker’s stance (i.e., attitude) towards the truth of the information.“ 4 Klassisches Beispiel nach Barnes (1984: 255–271), s. auch Guentcheva (1996: 13). Ein anderes Beispiel ist Fasu, eine Papuasprache, mit 6 verschiedenen Möglichkeiten (vgl. Joseph, 2003: 98). 58 Zum Ausdruck der Evidentialität im Baltischen tanziert, und einer internen Information, die der Sprechende als wahrheitsgetreu übernimmt, unterschieden wird. Bekannt ist z.B. der Modus Obliquus der ostseefinnischen Sprachen (Finnisch, Estnisch, Livisch), demzufolge Partizipialformen in prädikativer Verwendung eine evidentiale Bedeutung, d.h. eine Distanz des Sprechenden, ausdrücken, z.B. estn. Ma lugevat ‚Ich lese angeblich; man sagt, daß ich lese; es heißt, ich läse‘ (mit Partizipialendung -vat5). Die Zahl sprachtheoretischer, bzw. sprachtypologischer Untersuchungen über Evidentialität und deren Markierung hat sich in der letzten Zeit bedeutend vermehrt6. Es fällt aber auf, daß indogermanistisch orientierte Studien dieser Frage der Evidentialität mit einigen Ausnahmen7 bisher fast keine Aufmerksamkeit geschenkt haben — vielleicht schon deshalb, weil das rekonstruierbare Indogermanische als eine Sprache galt, in der Evidentialität keine Rolle spielte, und sich evidentiale Bildungen erst in späteren Phasen der indogermanischen Einzelsprachen entwickelt haben. Bekanntlich ist Evidentialität als morphosemantische Kategorie nur in einigen modernen Sprachen vertreten, insbesondere im Albanischen, im Bulgarischen, im Neupersischen, im Neuarmenischen sowie im Litauischen. Es ist wohl anzunehmen, daß die Kategorie der Evidentialität der indogermanischen Grundsprache fremd war. Daß dem uridg. Injunktiv eine evidentiale Grundbedeutung zuzuschreiben sei, wie Joseph unlängst (2003) vorschlug, ist eine Behauptung, für die es m.E. noch zu wenig Anhaltspunkte gibt. Das bedeutet jedoch nicht, daß die Frage der Evidentialität für Indogermanisten völlig uninteressant ist. Denn eine der Hauptaufgaben der modernen Indogermanistik besteht darin, zu untersuchen, wie die ererbten Sprachstrukturen zum Zustand der historischen Einzelsprachen geführt haben. Die Frage, wie Evidentialität entstehen kann, ist ein bisher fast unerforschtes Thema in der Indogermanistik. Typologisch gesehen hat man grundsätzlich mit zwei wichtigen Ausdrucksmitteln der Evidentialität zu rechnen. Entweder ist Evidentialität syn- 5 Vgl. Hasselblatt (²2001: 135). 6 Z.B. Chafe und Nichols, Hrsg. (1986), Guentcheva, Hrsg. (1996, 2007), Johanson und Utas, Hrsg. (2000), Aikhenvald und Dixon, Hrsg. (2003), Aikhenvald (2004). 7 Vgl. Gren-Eklund (2000), Joseph (2003). Vgl. auch eine allgemeine Darstellung bei Ramat (1996). 59 Daniel Petit thetischer Natur und wird in der Verbalform selbst markiert, meistens durch ursprüngliche Perfektformen, wie z.B. im Bulgarischen (z.B. Иван спял ‚Ivan schläft angeblich‘8 oder im Neuarmenischen (z.B. Gac‘er em ‚Angeblich bin ich weg‘9; das Albanische verfügt bekanntlich über einen spezifischen Modus, den sogenannten Admirativ, der u.a. eine evidentiale Bedeutung aufweisen kann (z.B. Punúakam ‚Ich habe angeblich gearbeitet‘10. Oder Evidentialität wird analytisch durch Hinzufügen adverbialer Bestimmungen ausgedrückt. Dies ist in vielen modernen Sprachen der Fall, z.B. im Deutschen (angeblich, vorgeblich), im Französischen (apparemment, prétendument), im Englischen (like), im Russischen (будто), im Polnischen (rzekomo), im Bretonischen (hervez), im Neuarmenischen (eyer), usw. Komplexere Ausdrucksmittel sind selten; ein Beispiel findet sich im Irischen is cosúil ‚angeblich‘ (< ‚es gibt Anschein‘). Bekanntlich spielt die Kategorie der Evidentialität in den baltischen Sprachen, insbesondere im Litauischen, eine große Rolle. Das Litauische kann die Distanz des Sprechenden gegenüber dem Inhalt einer Aussage zweifach ausdrücken, und zwar entweder synthetisch durch den sogenannten Modus Relativus oder analytisch durch Adverbialformen. Bei dem Modus Relativus handelt es sich bekanntlich um die Verwendung von Partizipialformen als Prädikaten mit evidentialer Bedeutung. Ein einfaches Beispiel: (2a) Indikativ, wenn der Sprechende die Wahrheit der Aussage für gesichert hält: Danutė dirba mokykloje ‚Danutė arbeitet in der Schule.‘ (2b) Partizip, wenn der Sprechende die Wahrheit der Aussage nicht für gesichert hält, sei es, weil sie ihm zweifelhaft erscheint, sei es, weil er die Information nicht persönlich, sondern durch eine äußere Quelle kennt. Danutė dirbanti mokykloje ‚Danutė arbeitet angeblich in der Schule.‘ 8 Beispiel bei Guentcheva (1996: 54). 9 Beispiel bei Donabédian (1996: 90). 10 Beispiel bei Duchet und Pernaska (1996: 31–46). 60 Zum Ausdruck der Evidentialität im Baltischen Die Literatur zum Modus Relativus im Litauischen ist unübersichtlich. Ich verweise hier nur auf die wichtige Monographie von Axel Holvoet, Mood and Modality in Baltic (2007), in dem ein Kapitel dem Modus Relativus gewidmet ist (S. 81–127)11. Es wird oft angenommen, daß der Modus Relativus durch den Kontakt mit den ostseefinnischen Sprachen entstanden ist. Sprachtypologisch gesehen ist aber zu bemerken, daß Evidentialität oft aus ursprünglichen Perfektbildungen stammt, was für die Partizipialformen des Baltischen auch passen würde, insofern sie in der Ausbildung von periphrastischen Perfekten eine wichtige Rolle spielen. Eine interne Deutung ist also durchaus möglich. Neben dem Modus Relativus gibt es im Litauischen eine ganze Reihe von Adverbien, bzw. Partikeln, die eine evidentiale Bedeutung tragen können. Bisher wurden sie nur skizzenhaft in einer Monographie von Roman Roszko (1993) sowie in einem wichtigen Aufsatz von Björn Wiemer (2007) gesammelt und untersucht. Man hat sich aber die Frage nach ihrem Ursprung meist nicht gestellt. Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist die Herkunft einer eben solchen evidentialen Partikel, nämlich lit. nevà ‚angeblich‘. 2. DIE PARTIKEL nevà: PHILOLOGISCHER BEFUND Über die Herkunft der litauischen Partikel nevà ‚angeblich‘ wurde bisher sehr wenig geschrieben. Sie wird nur kurz von Fraenkel (LEW₁ 498) behandelt; sie fehlt ganz in dem unlängst erschienenen etymologischen Wörterbuch der litauischen Sprache von Wojciech Smoczyński (2007). Selbst der philologische Befund bleibt wenig erforscht. Soweit ich sehe, ist diese Partikel im altlitauischen Schrifttum nicht bezeugt. Die ersten Belege gehen auf das 18. Jahrhundert zurück. Im handschriftlichen Wörterbuch von Jakob Brodowski (1713–1744) tritt das Wort nevà ‚angeblich‘ zum ersten Mal auf. Anfang des 19. Jahrhunderts wird es im Wörterbuch von Christian Gottlieb Mielcke durch folgendes Beispiel illustriert (1800: 564): (3) Christian Gottlieb Mielcke, Littauisch-deutsches und Deutsch-littauisches Wörter-Buch (1800): Neva būk nekaltas esas ‚als ob er unschuldig wäre [angeblich unschuldig]‘ 11 Aus der älteren Literatur s. noch Ambrazas (1977). S. auch Wiemer (2006). 61 DANIEL PETIT Im 19. Jahrhundert taucht das Wort langsam in der Literatur auf, interessanterweise zunächst nur im informellen Sprachgebrauch oder in wenig formalen literarischen Gattungen. Charakteristisch ist z.B. der Gebrauch von nevà in Märchensammlungen, denen oft gesprochene mundartliche Varianten zugrundeliegen. Man findet z.B. in den Lietuviškos Pasakos von Jonas Basanavičius (1898: I, 178)12: (4) Jonas Basanavičius, Lietuviškos Pasakos (1898): O tas vaikinas ir neva nusidavė girtu, atsigulęs ant lovos, kelinę tą užsimaukė ir neva miegti. ‚Und der Bursche stellte sich betrunken, im Bett liegend, zog die Hosen auf sich und stellte sich schlafend.‘ Im 20. Jahrhundert ist das Wort in literarischen Werken häufiger belegt, insbesondere in Romanen und Novellen, die nach Wiedergabe der gesprochenen Sprache streben. z.B. bei Schriftstellern wie Mykolaitis-Putinas, Sruoga oder Tumas-Vaižgantas. Man hat z.B. bei Juozas Tumas-Vaižgantas (1869–1933)13: (5) Juozas Tumas-Vaižgantas (1869–1933): Saviški, tušti Aleksio įrodymai labiau įtikindavo Jokūbą, negu labai išmintingi ir neva mokslingi privedžiojimai. ‚Die eigentümlichen und leeren Erklärungen von Aleksis überzeugten Jakob mehr als sehr vernünftige, angeblich wissenschaftliche Täuschungen.‘ Eine andere literarische Gattung, in der der Gebrauch von nevà bevorzugt zu sein scheint, ist Privatliteratur, z.B. Privatbriefe oder Memoiren, die durch einen einfachen, der gesprochenen Sprache nahen Stil gekennzeichnet werden. Man findet die Partikel nevà z.B. in der Autobiographie des Ostpreußenlitauers Vilius Gaigalaitis (1870–1945)14: (6) Vilius Gaigalaitis (1870-1945): 12 Ähnlicher Gebrauch in den Litauischen Märchen und Erzählungen von Christoph Jurkschat (1898: 124). Vgl. LKŽVIII 749. 13 Zitiert nach dem LKŽVIII 749. 14 S. Kaukiene (1997: 323). 62 Zum Ausdruck der Evidentialität im Baltischen Buvome į blogą garsą įklampyti, neva neištikimi esanti? ,Genossen wir einen schlechten Ruf, als ob wir untreu wären?‘ Charakteristisch ist die Tatsache, daß die Partikel nevà bis zu den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts von den Puristen nicht empfohlen oder gar als Barbarismus verworfen wurde. 1911 schrieb der berühmte litauische Grammatiker Jonas Jablonskis in einem Brief, das Wort nevà in der Bedeutung ‚wie‘ (= lýg) sei unkorrekt15. Im litauisch-russischen Wörterbuch von B. Sereiskis (1933: 511) wird die Partikel nevà durch russ. будто, как-будто, будто-бы ‚angeblich‘ wiedergegeben und durch ein Beispiel illustriert: (7) B. Sereiskis, Lietuviškai-rusiškas žodynas (1933): Jie sako, neva aš sutrukdžiau visą dalyką. ‚Sie sagen, daß ich die ganze Sache angeblich gestört habe.‘ Sereiskis betont aber ausdrücklich, daß nevà mit dem Modus Relativus in der Bedeutung ‚daß... angeblich...‘ weniger korrekt ist als die Standardkonstruktion kàd (+ Mod. Rel.). Einige Jahre später (1935) tadelte der Grammatiker Juozas Balčikonis in einer Rezension den Schriftsteller Vincas Mykolaitis-Putinas für den Gebrauch von nevà in einem Satz seines Romans Altorių šešėly16. Nach Balčikonis sei nevà ein Slavismus; er wiederholte mehrmals dieselbe Meinung (vgl. RR₁ 148 und 331). Erst neuere Wörterbücher verzeichnen das Wort als neutral. Im großen Wörterbuch von Niedermann, Senn, Salys und Brender (1951: II 180) findet man zahlreiche Belege, z.B.: (8) Niedermann, Senn, Salys und Brender (WISⅡ 180): žinios neva apie einančias derybas ‚Nachrichten über angeblich im Gange befindliche Verhandlungen‘ (9) Niedermann, Senn, Salys und Brender (WISⅡ 180): vaistai, kurie neva palengvina kentėjimą ‚Heilmittel, die vorgeblich den Schmerz lindern‘ Im Standardwörterbuch der litauischen Sprache (Dabartinės lietuvių kalbos žodynas, DŽ ²2000: 423) wird nevà durch tarsi, lýg ‚sozusagen, wie‘ erläutert 15 Vgl. Piročkinas (1986: 164). S. auch Jablonskio laiškai, hrsg. von A. Piročkinas, Vilnius (1985: 28, 29). 16 Der Satz von Mykolaitis-Putinas lautet: jausdamasis neva kaltas ‚sich wie schuldig fühlend‘ (Altorių šešėly, I 233, 6). 63 DANIEL PETIT und durch zwei Beispiele illustriert, unter denen ich hier nur eines anführen möchte: (10) Dabartinės lietuvių kalbos žodynas, DŽ ⁴2000 (vgl. LKŽVIII 749): Atrodo, neva serga. ‚Es scheint, als ob er krank wäre.‘ In der heutigen litauischen Sprache ist der Gebrauch von nevà üblich. Roszko (1993: 53) und Wiemer (2007) führen mehrere Beispiele insbesondere aus der Presse an. Als charakteristisches Beispiel kann man folgendes vorbringen: (11) Roszko (1993: 54): Kiti astronautai, nusileidusieji Mėnulyje, juokiasi iš pasakų, kuriose neva susitikę su ateiviais iš kitų pasaulių. ‚Andere Astronauten, auf dem Mond gelandet, machen sich über die Geschichten lustig, in denen sie angeblich Bewohner anderer Welten hätten treffen sollen.‘17 Es ist schließlich keine Überraschung, daß die Partikel nevà in den litauischen Dialekten ziemlich gut belegt ist, denn die mundartlichen Aufnahmen, die meist seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts gemacht wurden, sind ja eine lebenswahre Wiedergabe der gesprochenen Sprache. In den sogenannten „kapsischen“ oder „zanavykischen“ Dialekten, die zur westlichen hochlitauischen Zone gehören (in der Nähe des Flusses Novà), wird die Partikel nèva (nèva) häufig verwendet. Da der Modus Relativus in diesem Dialekt fast völlig verloren ging, wird nèva (nèva) meist mit Indikativformen verbunden. Die Bedeutung ist oft evidential, wie aus folgendem Beispiel ersichtlich wird: (12) Zanavykischer Dialekt von Griškabudis (ZŠŽII, 270): Nèva ǵė.rt karėvei prašo ale iš_tikroˑiˑ mergà[s] ž̃ūri. ‚Angeblich bitten die Soldaten, etwas zu trinken, aber in der Tat gucken sie sich die Mädchen an.‘ Bemerkenswert ist der Kontrast zwischen nèva ‚angeblich‘ und iš tikro ‚in der 17 Vgl. Roszko’s polnische Übersetzung: Inni astronauci, którzy wylądowali na Księżycu, śmieją się z opowieści, w których niby się spotkali z przybyszami z innych światów. 64 Zum Ausdruck der Evidentialität im Baltischen Tat'. Es ist jedoch auffällig, daß næva (nėva) in demselben Dialekt manchmal eine allgemeinere Bedeutung (‚sozusagen, wie‘) ohne evidentiale Nuance aufweist, z.B.: (13) Zanavykischer Dialekt von Griškabudis (ZŠŽII 270): Jiz dė:ši[m] mǟ:tu: nėva gā:vo:. ‚Er erreichte ungefähr [ < sozusagen, wie] zehn Jahre.‘ In demselben Dialekt ist gelegentlich auch eine Variante nėvago·s (nėvagos) zu treffen18, z.B.: (14) Zanavykischer Dialekt von Griškabudis (ZŠŽII 270): Nėvago·z bān̄do· stūba· pasistatīt. ‚Angeblich versucht er, ein Haus zu bauen.‘ Weitere Beispiele (s. LKŽVIII 749) zeigen ein deutliches Überwiegen der mundartlichen Quellen. Es besteht also Grund zur Annahme, daß es sich bei der Partikel nevà „angeblich“ um ein populäres Wort handelt, das erst spät in die geschriebene Sprache, insbesondere in sprachnormorientierte, bzw. puristische Schriften, integriert wurde. Dies kann auch die Tatsache erklären, daß das Wort in der altlitauischen Literatur, soweit ich weiß, nie bezeugt ist: Diese Literatur, die fast ausschließlich religiöser Natur ist, gehört ja zum gehobenen Stil. Auffällig ist der Umstand, daß nevà von einer gewissen puristischen Tradition als unkorrekt oder gar als Slavismus verworfen wurde. Diese Eigentümlichkeit der Partikel nevà muß jeder, der sich um deren Herkunft kümmert, berücksichtigen. 3. HERKUNFT DER PARTIKEL nevà Bevor ich die Frage nach der Herkunft der Partikel nevà zu beantworten versuche, möchte ich auf eine Besonderheit ihres Gebrauches hinweisen. Nevà kann im Satz zwei Funktionen haben, es kann als Adverb (15a = dt. angeblich, poln. rzekomo) oder als Konjunktion (15b = dt. daß...angeblich, poln. jakoby) fungieren. Dafür zwei Beispiele aus der Monographie von Roszko (1993: 53): 18 Weitere Belege s. Senkus (KD 130) und LKŽVIII 749, 65 DANIEL PETTIT (15a) Roszko (1993: 53): Pateikiama ano meto statistika, kuri neva turi parodyti, kaip en tuziastingai balsavo Lietuva. ‚Es wird eine Statistik jener Zeit ausgestellt, die angeblich zeigen soll, mit welcher Begeisterung Litauen abgestimmt hat.‘ 19 (15b) Roszko (1993: 53): Ėmė sklisti gandai, neva nedirbs M. M. Mažvydo nacionalinė biblioteka. ‚Gerüchte begannen umzulaufen, daß die Nationalbibliothek M. Mažvydas nicht arbeiten würde.‘ 20 Diese Ambivalenz läßt sich m.E. durch die Reanalyse ursprünglich parataktischer Konstruktionen erklären. Beispiel 10 (atrodo, neva serga ‚es scheint, als ob er krank wäre‘) läßt tatsächlich beide Deutungsmöglichkeiten offen: Entweder ist nevà Adverb in einer asyndetischen Struktur (‚es scheint, angeblich ist er krank‘) oder Nebensatzkonjunktion (‚es scheint, daß er krank ist‘). Gerade in solchen Kontexten konnte der Gebrauch von nevà als Konjunktion entstehen. Ursprünglich war nevà wohl nur Adverb. Was nun die Herkunft von nevà betrifft, so müssen einige Fakten zunächst in Betracht gezogen werden. Zuerst die Betonung. In der heutigen litauischen Sprache ist Endbetonung regelmäßig (nevà), aber eine mundartliche Variante mit Anfangsbetonung (nèva) ist auch bekannt. Diese Schwankung ist sehr auffällig. Eine derartige Akzentvariation ist in einem unflektierbaren Wort grammatischer Natur schwer verständlich. Außerdem widerspricht die Variante nèva einem für das Litauische charakteristischen Lautgesetz, demzufolge der Vokal e (sowie a) im Inlaut in offener Silbe gedehnt wird und den Schleifton bekommt: Man würde *nèva erwarten (wie z.B. in lit. kèvalas ‚Eierschale‘, klèvas ‚Ahorn‘, drẽvę Akk. ‚Höhlung in einem Baumstamm‘, usw.), nicht nèva mit Gravis. Bekanntlich bezeichnet der Gravis im Litauischen betonte Kurzvokale. Offensichtlich trat hier die zu erwartende Dehnung nicht ein. Ein weiteres Problem ist die Tatsache, daß eine Sequenz *-ev- vor Hinter- 19 Roszko: Przytaczana jest statystyka z tamtego okresu, która ma rzekomo pokazać, jak entuzjastycznie miała głosować Litwa. 20 Roszko: Poczęły rozchodzić się plotki, jakoby biblioteka narodowa imienia M. Mažvydasa miała nie pracować. 66 Zum Ausdruck der Evidentialität im Baltischen vokal im Litauischen regelmäßig zu *-av- wird; *-ev- wird nur vor Vordervokal erhalten. Demzufolge hat man z.B. sāvas ‚sein, eigen‘ (< idg. *seu̯-o-, gr. ἐός) gegenüber devyni ‚neun‘ (< *dev-in- mit sekundärer Dehnung zu *dev-yn- nach aštuoni ‚acht‘ < idg. *h₁neṷ-n̥, lat. nouem). Die Erhaltung der Sequenz *-ev- vor dem Hintervokal *-a in nevà ist erklärungsbedürftig21. All diese Probleme können eine Lösung finden, wenn man annimmt, daß nevà aus zwei ursprünglich unabhängigen Wörtern *nè + *và zusammengesetzt ist. Nur diese Vermutung macht verständlich, warum der Vokal è im Inlaut nicht gedehnt wurde: Er stand ursprünglich nicht im Inlaut, sondern im Auslaut eines unabhängigen Wortes (*nè) und in dieser Position trat die in Frage stehende Dehnung nicht ein. Diese Annahme macht auch verständlich, warum die Sequenz *ev nicht zu *av wurde: Die Univerbierung von *nè und *và muß jünger sein als der Lautwandel *ev > *av vor Hintervokal. Schließlich ist die Akzentschwankung (nevà / nèva) unter der Annahme, daß hier zwei ursprünglich autonome Wörter vorliegen, durchaus verständlich; sie reflektiert entweder die Betonung des ersten Glieds oder die des zweiten. Nevà muß demnach wahrscheinlich als späte Univerbierung zwei unabhängiger Wörter *nè + *và aufgefaßt werden. Angesichts dieser Fakten liegt die Annahme nahe, daß das erste Glied von nevà die indogermanische Negation *nè fortsetzt. Es ist bemerkenswert, daß einige der oben beschriebenen Besonderheiten des Worts nevà Parallelen in der Negation haben: Bei der Negation auch tritt keine Dehnung des Vokals e vor (z.B. nèkalba ‚er spricht nicht‘); der Lautwandel *-ev- > *-av- ist ihr auch fremd (z.B. neválgo ‚er ißt nicht‘); schließlich ist auch der Akzent ähnlicherweise mobil (z.B. nèkalba / neválgo). Daß die Negation in dieser Struktur ursprünglich unabhängig war, ist keineswegs überraschend; die regelmäßige Univerbierung (z.B. lit. nesāko ‚er sagt nicht‘) ist sekundär22. Die Frage ist nun, welche Rolle eine Negation bei der Entstehung einer evidentialen Partikel spielen konnte. Hier beginnen typologische Schwierigkeiten. Das Litauische verfügt über andere Partikeln, die eine evidentiale Bedeutung 21 Eine Variante navà ist sehr selten. 22 In der Vorgeschichte der baltischen Sprachen war die Negation noch ein autonomes Wort. Davon zeugen Spuren von Tmesis im Altpreußischen (apr. neggi “noch, und nicht” < *ne-gi + Verb, III 31₄, 33₃, 45₉, 109₄) sowie im Litauischen (z.B. nesidúoda “er gibt sich nicht” < *ne-si-dúoda). 67 DANIEL PETIT tung innehaben23. In semantischer Hinsicht lassen sich diese Partikeln in mehrere Untergruppen klassifizieren. Es kann sich um Verbalformen handeln, insbesondere aus dem Wortfeld des Sprechens, wie z.B. sāko (< ‚man sagt‘ aus sakyti ‚sagen‘), tarši (< ‚du wirst sagen‘ aus tārti ‚sagen‘), tārtum oder tarýtum (< ‚du würdest sagen‘ ebenfalls aus tārti ‚sagen‘). Sie können auch auf dem Existenzverbum būti ‚sein‘ beruhen, im Modus Relativus (esą, Partizip Aktiv Nt.) oder im Imperativ (būk, mit Variante būktai, vielleicht Nachahmung von russ. будто). Evidentialität kann schließlich durch Vergleichspartikeln ausgedrückt werden, z.B. durch lýg ‚wie‘ (mit Variante lýg-tai). Außer nevà ist die am weitesten verbreitete Partikel nun esą. Zwischen beiden Partikeln scheint der Unterschied darin zu bestehen, daß nevà eine größere Distanz des Sprechenden als esą ausdrückt. Diese Frage bedürfte noch einer gründlicheren Untersuchung. Dieselben Kategorien lassen sich auch in anderen indogermanischen Sprachen, in denen Evidentialität als eine markierte Kategorie fungiert, nachweisen. Oft liegen evidentialen Partikeln ursprüngliche Verbalformen mit der Bedeutung ‚sprechen, sagen‘ zugrunde, wie z.B. dt. angeblich (< angeben), fr. prétendument (< prétendre), pol. rzeko-mo (< rzec ‚sprechen‘), heth. -ua(r)- (< *-uorh₁-, vgl. gr. εἴρω ‚sprechen‘)24. Ebenso oft sind evidentiale Partikeln aus ursprünglichen Vergleichspartikeln entstanden, wie z.B. engl. like (< ‚wie‘), russ. якобы (< jako ‚wie‘ + Konditional by). Manchmal stammen evidentiale Partikeln aus Existenzverben (vgl. russ. будто < Imper. Sg. 2 *bǫdi + -to) oder aus Verben, die das Scheinen, bzw. Erscheinen bezeichnen (vgl. fr. apparemment, ir. is cosúil ‚es gibt Anschein‘). Im Bretonischen ist hervez ‚angeblich‘ ursprünglich eine Präposition ‚nach, laut‘, die die indirekte Quelle der Information angibt25. Der Vergleich außer-indogermanischer Sprachen bestätigt dieselben Tendenzen bei der Ausbildung evidentialer Partikeln. Auffällig ist aber, daß keiner evidentialen Partikel eine negative Bildung zugrundeliegt. Und dies ist wahrscheinlich kein Zufall. Evidentialität drückt die verschiedenen Stufen der Distanz aus, die den Sprechenden und das Gesprochene trennen kann. Sie setzt nicht unbedingt, oder nicht in erster 23 Zu den evidentialen Partikeln des Litauischen s. grundsätzlich Wiemer (2007). 24 Zum Hethitischen s. Kloekhorst (2008: 958). 25 Vgl. Hemon (1975: 94) : ‚according to‘. 68 Zum Ausdruck der Evidentialität im Baltischen Linie, eine Negierung der Realität voraus. Sprachtypologisch gesehen steht fest, daß Evidentialität nirgends als Negierung des unmittelbaren Erlebnisses aufgefasst wird. Eine zweite typologische Schwierigkeit hängt mit der Deutung des zweiten Glieds -và zusammen. Angenommen, daß es sich um ein ursprünglich autonomes Wort handelt, liegt die Vermutung nahe, daß es mit der deiktischen Partikel và ‚da! hier! siehe da! schaue!‘ identisch ist. Diese Partikel, die in gesprochenen Sprache ziemlich häufig Verwendung findet, wird durch ihren populären Charakter gekennzeichnet. Sie fehlt ganz in der altlitauischen Literatur; ihre ersten Belege gehen auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurück (s. Büga, RRI 328, RRII 47). Ihrer Funktion nach erinnert sie an Formen, die in anderen Sprachen unter dem Cover-Namen präsentative Partikeln zugeordnet sind, z.B. russ. вот, lat. ecce, fr. voici, voilà, usw. Die Funktion solcher Formen ist nämlich, eine unmittelbar vor den Augen stehende Realität stark deiktisch zu präsentieren. In den meisten Fällen kann và durch den französischen Präsentativ voici oder voilà übersetzt werden. Beispiele: (16a) Jan Otrębski, GJLIII 371: Và, ką aš radau. ‚Siehe da, was ich gefunden habe!‘ (fr. ‚Voici ce que j’ai trouvé!‘) (16b) Hochlitauischer Dialekt von Pivašiūnai (s. LKŽXVII 763) : Dabar và laiko y[ra]. ‚Nun gibt es wirklich Zeit‘ (fr. ‚Voilà, il y a du temps.‘) (16c) Hochlitauischer Dialekt von Pivašiūnai (s. LKŽXVII 763) : Aš và pinigų turiu. ‚Siehe, ich habe Geld!‘ (fr. ‚Voilà, j’ai de l’argent.‘) Eine Variante vã (mit Dehnung) ist seltener belegt, z.B. : (17) Hochlitauischer Dialekt von Miežiškiai (s. LKŽXVII 763) : Vã keturi arkliai – pasigauk kątrą nori. ‚Siehe da vier Pferde – nimmt dasjenige, das du willst‘ (fr. ‚Voici quatre chevaux – prends celui que tu veux!‘) Angenommen, daß ein etymologischer Zusammenhang zwischen và und nevà besteht, ist zu bemerken, daß beide Formen durch denselben populären Charakter gekennzeichnet werden. Beide sind spät bezeugt, zunächst nur in umgangssprachlichen Texten oder in Dialektaufnahmen, beide gehören 69 Daniel Pettit offensichtlich zur gesprochenen Sprache. Ich vermute, daß die Partikel và dafür verantwortlich ist und nevà eben ihr diesen Charakter verdankt. Daß nevà von einigen litauischen Grammatikern als Slavismus betrachtet wurde, hängt wohl mit der falschen Auffassung zusammen, và sei aus dem Russischen vom ‚siehe da! schaue!‘ entlehnt. Diese Annahme ist aber unbegründet. Büga (RRII 46, RRIII 826) hält và mit Recht für ein rein litauisches Wort (savas žodis). Eine Entlehnung aus dem Russischen hätte nicht và, sondern vàt ergeben. Diese Form vàt tritt allerdings tatsächlich in einigen litauischen Dialekten auf26, aber sie darf nicht mit der Partikel và identifiziert werden. Höchstens könnte man annehmen, daß và und vàt angesichts ihrer völligen Synonymie und ihrer phonetischen Ähnlichkeit sekundär als freie Varianten derselben Partikel empfunden wurden. Von ursprünglicher Identität darf keine Rede sein. Interessanterweise gibt es neben và / vàt kein entsprechendes Paar nevà / *nevàt27. Neben và gibt es Varianten mit weiteren deiktischen, bzw. emphatischen Partikeln, z.B. vàge (LKŽXVII 814), vàgi (LKŽXVII 815), usw. Nach dem Modell von niekadà / niekadõs ‚nie, niemals‘ wurde zu và eine dehnstufige Form võs (s. LKŽXIX 957) geschaffen28. Ähnlicherweise wurde neben *neva-gà (mit Partikel -gà) eine Variante nèvagos gebildet, die u.a. in den Dialekten von Šakiai, Geist ar ai, Žalioji (in der Nähe von Vilkaviškis) bezeugt ist. Andere Varianten sind vielleicht hier einzuordnen, z.B. vaĩ (LKŽXVII 831), vaigi (LKŽXVII 847), vajè (LKŽXVII 980), vajãĩ (LKŽXVII 979), obwohl unsicher bleibt, ob hier tatsächlich dieselbe Partikel vorliegt, da die Bedeutung etwas verschieden ist. Vaĩ und vajè drücken eher einen Ausruf des Erstaunens aus. Schließlich ist auch auf eine Variante vè (LKŽXVIII 460) hinzuweisen, die genau dieselbe Bedeutung wie và aufweist (‚siehe da! schaue!‘) und meist in niederlitauischen Dialekten bezeugt ist; eine Variante vègi (LKŽXVIII 502) ist äußerst selten. Wie der ursprüngliche Auslaut vokal zu rekonstruieren ist (*và oder *vè), läßt sich angesichts der Unstabilität der Ablautverhältnisse in der Morphologie der Partikeln kaum entscheiden. 26 S. die Belege in LKŽXVIII 391. 27 Eine Form nèvat ist zwar in den litauischen Dialekten gelegentlich bezeugt, aber nur als Lehnwort aus dem Polnischen nawet ‚sogar‘. Vgl. ZŠŽII 270. 28 Diese Form ist sehr selten (wahrscheinlich wegen der Homonymie mit der weit verbreiteten Partikel võs ‚kaum, schwerlich‘). 70 Zum Ausdruck der Evidentialität im Baltischen Die Herkunft der Partikel và ist dunkel. Wahrscheinlich handelt es sich ursprünglich um einen deiktischen Stamm. In anderen indogermanischen Sprachen gibt es deiktische, bzw. anaphorische Partikeln, die zu einem Stamm *uo- gehören, z.B. russ. его ‚da, sieh da!‘ s.kr. ево ‚da, da schau!‘ (aus *e-uo). Man könnte z.B. annehmen, daß và eine neutrale Form dieses Stammes in adverbialer Verwendung fortsetzt, etwa idg. *uo(d) ‚auf diese Weise, so‘ (oder mit lokativer Bedeutung ‚hier‘). Verschiedene Pronominalformen, die auf *e/o-uo- beruhen, sind auch zu erwähnen: slav. *ovo- (aksl. овъ ... овъ ὁ μέν, ὁ δέ, russ. овый, s.kr. òvāj, sloven. όv, tsch. ov, pol. ów ‚dieser‘, vgl. auch apol. owo ‚ecce‘), i.-ir. *ava- (avest. auua-, apers. ava- ‚dieser‘, aind. avóṣ Gen. Du. ‚jener beiden‘29. Eine Verknüpfung mit der altindischen hervorhebenden Partikel vává ‚gerade, gewiß, eben‘ (mit Reduplikation und Doppelbetonung) ist möglich. Ob auch aind. váí ‚wahrlich, fürwahr‘ (vgl. avest. uōi „wahrlich“ Y 36, 3) dazu gehört oder gar mit lit. véi ‚sieh da!‘ unmittelbar zu vergleichen ist, muß als unsicher angesehen werden, solange die Struktur der Partikel nicht geklärt wird30. Nebenbei sei bemerkt, daß im Altindischen die Partikel váí negiert werden kann, vgl. ná váí ‚wahrlich nicht, überhaupt nicht, ja nicht‘ RV + (s. auch javest. na-ua “durchaus nicht”). Die Annahme liegt also nahe, daß nevà aus zwei Teilen {Negation nè + Präsentativ và} besteht. Hier wird man aber mit einer zweiten typologischen Schwierigkeit konfrontiert. Sprachtypologisch ist bekannt, daß präsentative Partikeln in den meisten Sprachen negationsunfähig sind. Im Französischen z.B. dürfen voici, voilà nicht negiert werden: Neben voici/voilà des fleurs sind *voici/voilà pas des fleurs unmöglich31. Im Lateinischen gibt es neben dem 29 Trautmann (BSW 20), Vasmer (III 116-117), Hoffmann und Forssman (1996: 167), Kent (1953: 85). Russ. сом gehört nicht hierzu, denn es ist als *v-oto (mit *v-Prothese) zu deuten und mit poln. oto ‚dss.‘ zu vergleichen. 30 Im Litauischen kann véi analogisch zu néi “nicht, als” (< *nei mit unklarem Akut) sein. 31 Es ist zu bemerken, daß die französische gesprochene Sprache eine Negierung von voilà, aber nur in der Form einer rhetorischen Frage bilden kann: voilà-t-il pas, vgl. Voilà-t-il pas Monsieur qui ricane déjà? (Molière, Tartuffe, I 1), vgl. auch Voilà-t-il pas de quoi pousser des cris sinistres! (Victor Hugo, Ruy Blas III 5). Weitere Belege bei Grevisse (¹²1986 : 642, § 387). Die Präsentativpartikel voilà ist aber als solche negationsunfähig. 71 Daniel Petit Präsentativ ecce ‚sieh da, schaue!‘ kein negatives Gegenstück *non ecce. Dasselbe gilt für den russischen Präsentativ вот, dem kein *невот gegenübersteht, sowie für lit. štai, das ebenfalls isoliert ist (kein *neštai). Robert Forest (2000: 21–31) hat gezeigt, daß diese Unmöglichkeit, präsentative Partikeln zu negieren, fast eine Universalie in den Sprachen der Welt bildet. In der Sprache der Peul (Afrika) z.B. ist ein Satz wie padao i ‚siehe da ein/das Feld!‘ (fr. ‚voilà un/le champ‘) negationsunfähig. Der Ansatz einer negativen Struktur *ne-và auf der Basis des Präsentativs và wäre im Litauischen eine typologische Inkongruität. Diese Situation ist exemplarisch für die Probleme, mit denen die heutige Indogermanistik konfrontiert wird. Was soll man machen, wenn eine etymologische Rekonstruktion der Sprachtypologie widerspricht? Es ist heute nicht mehr denkbar, typologische Unmöglichkeiten einfach in Kauf zu nehmen und sich so zu verhalten, als gäbe es sie nicht. Man muß die typologischen Widersprüche für genauso zwingend halten wie die Evidenz der historischen Laut- und Formenlehre. Das heißt in unserem konkreten Fall: Wenn die Rekonstruktion von nevà als {Negation nè + Präsentativ và} sich als typologisch unmöglich erweist, muß sie irgendwie falsch formuliert sein und unbedingt durch eine andere Rekonstruktion ersetzt werden. Das Problem liegt m.E. in der Negation nè. Eine Negation ist hier aus den zwei Gründen, die oben angegeben wurden, unerwartet. Erstens wird Evidentialität nirgends durch Negierung der Realität ausgedrückt. Und zweitens ist eine präsentative Partikel wie và normalerweise negationsunfähig. Es ist also anzunehmen, daß nè eine andere Funktion besitzt als die einer Negation. 4. NEGATION UND VERGLEICH IM LITAUISCHEN Es ist bekannt, daß die negative Partikel *nè in den baltischen Sprachen auch eine vergleichende Funktion haben kann. Die Frage wurde bereits Gegenstand mehrerer Untersuchungen. Ich verweise hier insbesondere auf den wichtigen Aufsatz von Georges-Jean Pinault über Negierung und Vergleich im Vedischen (1985), der auch viel baltisches Material anführt (s. insb. S. 131–132)32. Im heutigen Litauischen beschränkt sich diese vergleichende 32 S. auch Pinault (1989: 53–74). Viel Material auch bei Būga (RR, 470–471). 72 Zum Ausdruck der Evidentialität im Baltischen Funktion fast ausschließlich auf komparativischen Strukturen, wo erweiterte Formen der Negation nẽ oder negù (seltener nekâip) die Ergänzung einführen. Beispiele aus der altlitauischen (18a) sowie aus der modernen litauischen (18b) Sprache: (18a) J. Bretkūnas, Postilė (1591: 37, 17–18)33 Tassai daug geresnis ira nei wissu praraku Seno Sokano. ‚Dieser ist viel besser als alle Propheten des Alten Testaments‘ (18b) Hochlitauischer Dialekt von Naujamiestis (LKŽVIII 621) Geriau duoti, negu prašyti. ‚Es ist besser zu geben als zu bitten.‘ In der litauischen Standardsprache werden in dieser Funktion nur noch nẽ oder negù (und nekâip) verwendet, aber in den alten Texten und Dialekten ist manchmal auch einfaches nè nach Komparativformen zu treffen, z.B.: (19) Jakob Brodowski, Lexikon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum (1713–1744)34 Keturios akys daugiaus mato ne viena. ‚Vier Augen sehen besser als eines.‘ Außer den komparativischen Strukturen, wo die Negation nè die Funktion einer vergleichenden Partikel besitzt (vgl. die Parallelkonstruktion: Kompar. + kaîp ‚wie‘), lässt sich ein freierer Gebrauch von nè als Vergleichspartikel (‚wie‘) nur noch in den alten Texten nachweisen35. Man findet z.B. im ersten litauischen Wörterbuch (Sirvydas DTL III 84): (20) Konstantynas Sirvydas, Dictionarium trium linguarum (³1643) s.u. jakoby: Ne zerketas žiba. ‚Wie ein Spiegel glänzt er.‘ Im 18. Jahrhundert findet man denselben Gebrauch noch bei J. Brodowski (1713–1744): 33 Beispiel und Analyse bei Leskien (1903: 111). 34 Vgl. LKŽVIII 596. 35 Vgl. LKŽVIII 597. 73 Daniel Petit (21) Jakob Brodowski, Lexikon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum (1713–1744): Auga vaikai ne giroj medžiai. ‚Kinder wachsen wie Bäume in einem Wald.‘ Erweiterte Formen der Negation können ebenfalls diese Funktion aufweisen, z.B.: (22) Hochlitauischer Dialekt von Suvalkų Naumiestis (Būga RRIII 826): piktas nēi velnias ‚böse wie der Teufel‘ Diese Ambivalenz der Negation nè (‚nicht / wie‘) stellt eine Altertümlichkeit des Litauischen dar. Eine Parallele liegt im Vedischen vor, wo die Partikel ná bekanntlich entweder als Negierung36 oder als Vergleichspartikel37 fungieren kann. Im Rig-Veda ist der vergleichende Gebrauch von ná sogar häufiger belegt als der negative; in dieser Bedeutung konkurriert ná kontextbedingt mit iva (man hat iva nach Vokal, ná nach Konsonant)38. Es ist anzunehmen, daß die vergleichende Funktion sekundär aus der negativen Funktion entstanden ist, und zwar durch Uminterpretierung sogenannter ‚Negativvergleiche‘ (comparaisons négatives). Nehmen wir mit Pinault (1989: 64) als Beispiel RV VI 10.2: (23) RV VI 10.2 Ghṛtám ná śúci matáyah pavante. ‚Rein wie Schmalz klären sich (meine) Gedanken.‘ Ursprünglich war der Satz als negativer Vergleich zu deuten, etwa: ‚Nicht der Schmalz ist rein, rein sind die Gedanken, die sich klären‘. Später wurde er uminterpretiert als ‚Rein wie Schmalz klären sich (meine) Gedanken‘. Diese Stilfigur, der negative Vergleich, ist auch in der litauischen Volksdich- 36 Z.B. RV IV 30.19: ná tát te sunnám āṣṭave ‚diese deine Güte ist nicht [mit Worten] zu erreichen‘. Vgl. Pinault (1985: 115). 37 Z.B. RV VI, 10.2: Ghṛtám ná śúci matáyah pavante ‚rein wie Schmalz klären sich (meine) Gedanken‘. Vgl. Pinault (1989: 64). 38 Zum Vedischen vgl. Pinault (1995–1996, 1997, 2004). 74 Zum Ausdruck der Evidentialität im Baltischen tung weit verbreitet. Dafür ein einfaches Beispiel aus einer alten Volksliedersammlung: (24) August Leskien und Karl Brugmann, Litauische Volkslieder und Märchen (1882: 16): Neí vėjes púte, “Nicht der Wind wehte, neí šódai užė, nicht die Gärten rauschten, tik aužulai lingáva nur die Eichen wiegten hin und her”. Das heißt: ‚Eichen wiegten hin und her, wie der Wind wehte, wie die Gärten rauschten.‘ Die Annahme liegt nahe, daß diese Tendenz zur Uminterpretierung negativer Vergleiche bereits indogermanisch war. Dies erklärt die Tatsache, daß die Negation in vielen Sprachen noch als Vergleichspartikel in komparativischen Strukturen fungiert, vgl. z.B. engl. than (<þat + Negation ne), engl. (USA) he is taller nor me, usw. Es stellt sich nun die Frage, ob nevà auf eben diesem vergleichenden Gebrauch der negativen Partikel beruhen kann. Dieser Ansatz würde die typologischen Schwierigkeiten lösen, die wir in diesem Aufsatz ausführlich diskutiert haben. Es ist mehrmals betont worden, daß evidentiale Partikeln oft aus Vergleichspartikeln stammen, wie z.B. lit. lýg (< ‚wie‘). Typologisch gesehen steht der Annahme, daß der Partikel nè in nevà tatsächlich eine vergleichende Funktion zugrundeliegt, nichts im Wege. Dies war schon die Meinung von Fraenkel (LEWI 498), der nè in nevà als ‚gleichsam, wie‘ übersetzt. Bildungsmäßig denkt man an die Parallele von kaĩp và, das in einigen litauischen Dialekten mit der Bedeutung ‚wie zum Beispiel‘ (= in der Standardsprache kaĩp antai) verwendet wird. Gegenüber và, das die unmittelbar vor den Augen stehende Realität beschreibt (‚genauso, wie ich die Sache hic et nunc sehe‘), bringt die Vergleichspartikel nè in nevà eine semantische Nuance der Unbestimmtheit, der Ungenauigkeit (‚ungefähr so, nur vergleichsweise so, mehr oder weniger so, aber eben nicht so‘), die es leicht zum Ausdruck der Evidentialität geeignet machen konnte. Für Sprachtypologen ist die Herkunft von nevà also insofern interessant, als sie zeigt, wie sich eine evidentiale Partikel als Ergebnis eines Vergleichsprozesses auf der Basis einer präsentativen Partikel entwickelte, was natürlich ein gewisses Licht auf das ganze Phänomen der Evidentialität werfen kann. 75 Daniel Petit LITERATUR Aikhenvald, A. u. R. M. W. Dixon, Hrsg., 2003: Studies in Evidentiality. Amsterdam, Philadelphia: John Benjamins. Aikhenvald, A. 2004: Evidentiality. Oxford: Oxford University Press. Ambrazas, V. 1977: Nietiesioginės nuosakos (modus relativus) paplitimas ir kilmės problema. 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