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Étymologie du lituanien „vienas“ ‘un’

Witold Mańczak

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Acta Linguistica Lithuanica LIX (2008), 51 – 55 Etymologie des litauischen vienas „eins“ WITOLD MAŃCZAK Cracovie Fraenkel leitet lit. vienas aus idg. *oinos her und nimmt an, dass eine Partikel ve- eine Veränderung von *oi zu ei bewirkt habe > ie statt ai, während Smoczyński idg. *h₁oi-no- als zugrunde liegende Form angibt, ohne den Übergang *oi > ie zu erklären. Der Verfasser leitet lit. vienas aus idg. *oinos her und beruft sich zur Erklärung des Reflexes ie auf einen unregelmäßigen, durch Häufigkeit bedingten Wandel. Zur Stützung dieser Auffassung führt er slawische, romanische und germanische Daten an, die die unregelmäßige Kürzung des Zahlworts „eins“ in diesen Sprachen veranschaulichen. Im etymologischen Wörterbuch von Fraenkel liest man Folgendes: “viénas […] preuß. eins ‘eins […]’. Die preuß. Form deckt sich genau mit griech. οἰνή ‘Eins auf dem Würfel’, lat. ūnus (*oinos), air. óin, anord. éin, got. ains, ahd. ein […]; *oi ist also wie sonst im Balt. regular zu ai geworden. Da lit. lett ie auf. *ei, nicht auf *ai oder *oi beruht […], haben die im Gegensatz zu preuß. ains stehenden lit. vienas und lett. viēns ie aus *ei erhalten. Das für sie vorauszusetzende *ei liegt vor in Bildungen wie vičvėnelis […] ‘ganz allein’ (Tilsit) […] Nicht mit Sicherheit zu klären ist das anlautende v-; wahrscheinlich ist eine Partikel ve- vor das idg. Einerzahlwort *oinos getreten; sie kann die Umfärbung des Wz.-Vokals verursacht haben […] Die balt. Zahlwörter für ‘eins’ werden für verw. gehalten mit slav. *inъ ‘anderer’ und ‘ein’ (in Zusammensetzungen […]); doch besteht keine Klarheit über die genaue vokalische Entsprechung. Vasmer […] nimmt ferner Urverw. von slav. inъ mit lit. inas an, das er für eine Ablautsform zu dem idg. Zahlwort *oinos hält. Auch Trautmann […] sieht inas als Ablautsform zu preuß. ains an. Verf. dagegen trennt lit. inas […] von dem idg. Einserzahlwort und versteht es als n-Ableitung von idg. Pronominalstamm *i-. Die Deutungen, die Berneker […] s. v. inъ und […] s. v. edbnъ gibt, sind überholt, da er noch von einer Gdf. *bnъ ausgeht, die heute als falscher Ansatz erkannt ist […] Būga […] erwägt die Möglichkeit, daß preuß. wilenikis „Zelter, Pferd, das 51 WITOLD MAŃCZAK im Paß oder sanften Schritt geht’ [...] aus *winenikis hervorgegangen sei und dasselbe vorgeschobene v enthalte, wie lit. vienas [...]. Wäre dies richtig, so würde man hier und da auch im Preuß. für die in Rede stehende Sippe eine mit v beginnende Form antreffen. Aber vielleicht ist wilenikis aus ailenikis oder eilenikis korrumpiert [...].” Im etymologischen Wörterbuch von Smoczyński findet sich jedoch eine andere Auffassung: „vienas [...] Mit unklarem v- und unerwarteter Intonation, statt lit.-lett. *jēnas < pb. *aj-na < idg. *h₁oi-no. Vgl. altlat. oinom, lat. ūnus „eins“, gr. οἰνῆ f. „Augenpunkt (die Eins) auf einem Spielwürfel“, air. oen „eins“, got. ains ebenso. Pr. ains „ein“, Akk. Sg. ainan „einen“, das als unbestimmter Artikel fungiert, ist eine Entlehnung aus dem Deutschen ein, einen und kein Reflex von pb. *ajna-. — Im Slawischen gibt es keine Spur von *janu „eins“ < urslaw. *eńu < urslaw. *aj-na-. Aksl. inŭ „anders, ein“ [...], russ. inój „anders, nicht dieser“, tschech. jiný „anders“, altpoln. iny „nicht derselbe [...]“, selten „ein, einzig“ [...] kann nicht aus idg. *h₁ei-no- hergeleitet werden, da für die e-Stufe *h₁ei- kein vergleichender Beleg vorliegt. Wahrscheinlicher ist die Rekonstruktion einer Bildung mit Schwundstufe *jĭnŭ < idg. *h₁i-no-. Auch eine Metathese von *h₁i-no- zu *ih₁-no- ist erwägenswert, woraus urslaw. *inŭ hervorging.“ Da uns keine Sprache bekannt ist, in der der Artikel fremden Ursprungs wäre, sind wir der Ansicht, dass pruß. ains einheimisch ist. Unserer Meinung nach gehen lit. vienas und urslaw. inъ auf idg. *oịnos zurück, dessen *oị- im Litauischen regelmäßig zu ai- und im Altslawischen zu *ě- > *ja- hätte werden müssen, während sich lit. ie- und urslaw. i- durch das erklären lassen, was wir eine unregelmäßige, durch Häufigkeit bedingte Lautentwicklung nennen. Seit vielen Jahren vertreten wir die Auffassung, dass die Wortform in allen Sprachen von drei Hauptfaktoren abhängt: nicht nur von der regelmäßigen Lautentwicklung und der analogischen Entwicklung, sondern auch von der unregelmäßigen, durch Gebrauchshäufigkeit bedingten Lautentwicklung. Häufig verwendete Wortgruppen, Wörter und Morpheme unterliegen oft unregelmäßigen Kürzungen, zum Beispiel turi būti > turbūt, broterėlis > brolis, (vaika)-mus > (vaika)-ms. Der unregelmäßigen, durch Häufigkeit bedingten Lautentwicklung haben wir drei Monographien (Mańczak 1969, 1977 und 1987) sowie zahlreiche Artikel gewidmet. Unter den Argumenten, die wir zur Stützung unserer Auffassung anführen, findet sich folgendes: Wenn es für die betreffende Sprache und den betreffenden Zeitraum ein Häufigkeitswörterbuch gibt, kann man es nutzen, weil die große 52 Étymologie du lituanien vienas ‘un’ Die Mehrheit der Wörter, die aufgrund ihrer Häufigkeit eine unregelmäßige lautliche Entwicklung durchlaufen, findet sich unter den am häufigsten verwendeten Wörtern. Eine Analyse des litauischen Häufigkeitswörterbuchs (Grumadienė et Žilinskienė 1997) hat es uns ermöglicht, festzustellen, dass sich die litauischen Wörter, die statistisch gesehen unregelmäßige Reduktionen erfahren haben, wie folgt darstellen (Mańczak 2001): 1er tausend 79 2e tausend 26 3e tausend 13 4e tausend 9 5e tausend 7 6e tausend 6 Außerdem muss betont werden, dass in allen Sprachen das Wort für ‘1’ sehr häufig verwendet wird. So steht beispielsweise laut dem Häufigkeitswörterbuch von Lewicki et alii (1971) das polnische Zahlwort jeden ‘1’ an 39e. Stelle. Darüber hinaus ist darauf hinzuweisen, dass es neben der durch Häufigkeit bedingten unregelmäßigen lautlichen Entwicklung noch eine andere unregelmäßige Entwicklung gibt, die in lautlichen Veränderungen besteht, die seit Langem als Assimilationen, Dissimilationen oder Metathesen bekannt sind, sowie in hyperkorrekten oder expressiven Formen. Diese gesamte Entwicklung zeichnet sich dadurch aus, dass sie in verschiedenen Sprachen bei den unterschiedlichsten Wörtern auftritt. Chercher < cercher weist eine Assimilation auf, faible < flebilem eine Dissimilation, troubler < *turbulare eine Metathese, während das s in besicles hyperkorrekt und das h in herse angeblich expressiv ist. Es wäre jedoch schwierig, in einer anderen indoeuropäischen Sprache ein Wort für ‘schwach’ mit einer Dissimilation, ein Wort für ‘stören’ mit einer Metathese oder ein Wort für ‘Egge’ mit einem expressiv bedingten Phonem zu finden. Kurz gesagt, zwischen den als Assimilationen, Dissimilationen, Metathesen usw. bezeichneten Unregelmäßigkeiten besteht keinerlei Parallelität. Dagegen verläuft die durch Häufigkeit bedingte unregelmäßige lautliche Entwicklung in verschiedenen Sprachen mehr oder weniger parallel, weil die häufigsten Wörter trotz der Unterschiede zwischen den Sprachgemeinschaften überall mehr oder weniger dieselben sind. So weist beispielsweise das Verb für ‘sprechen’ in vielen Sprachen unregelmäßige Reduktionen auf, vgl. fr. parler, it. parlare < lat. parabolare, Formen von narrare, das im Sardischen zu nárrere geworden ist (nau, nas, nat, 53 WITOLD MAŃCZAK usw.), lat. ajo < *agio (gegenüber dem regelmäßigen adagium), engl. says, said (gegenüber dem regelmäßigen lays, laid, bei dem der Diphthong erhalten blieb), russ. dial. gyt < gryt < govorit, altpoln. pry < prawi usw. Es ist nun interessant festzustellen, dass das sehr häufig verwendete Zahlwort ‘1’ in vielen Sprachen unregelmäßige Kürzungen aufweist. Litauisch vienas und altkirchenslawisch jedinъ (die letztlich auf idg. *oinos zurückgehen) hätten jeweils *ai statt ie und *ē statt i aufweisen müssen. In diesen Fällen liegt eine Verringerung des Öffnungsgrads des Vokals vor (a > o > u oder a > e > i), die charakteristisch ist für den unregelmäßigen, durch Häufigkeit bedingten Lautwandel. Alle modernen slawischen Sprachen weisen noch weitere Reduktionen auf, wie der Vergleich des Zahlworts ‘1’ mit dem Adjektiv für ‘einzig’ in diesen Sprachen zeigt: ‘eins’ ‘einzig’ Niedersorbisch jaden, jana jadny (früher jadyny) Belarussisch adzin, adna adziny Bulgarisch edin, edna edinstven Obersorbisch jedym, jena jedynki Mazedonisch eden, edna edinstven Polabisch jadān, janū (Neutrum) jidainē Polnisch jeden, jedna jedyny Russisch odin, odna edinyj Serbokroatisch jedan, jedna jedini Slowakisch jeden, jedna jediný Slowenisch eden, ena edin Tschechisch jeden, jedna jediný Ukrainisch odym, odna jedynyj Man sieht also, dass das Zahlwort ‘1’ in den modernen slawischen Sprachen gegenüber dem Adjektiv ‘einzig’ (das seltener verwendet wird als das Zahlwort) verschiedene unregelmäßige Kürzungen aufweist. Das polnische Femininum jedna (gegenüber jedyny) zeichnet sich durch den Ausfall von y aus; das slowenische Femininum ena (gegenüber edin) weist den Ausfall von di auf usw. Näheres siehe Mańczak (1977a). Der lateinische Akk. Sg. unum entwickelte sich regelmäßig zu uno im Portugiesischen, Spanischen und Italienischen, während port. um und span., ital. un reduzierte Formen sind. Auch die rumänische Form o < unam ist nicht regulär. Im Englischen wurde one zu an >a gekürzt, und a wird nicht nur [ei], sondern auch [ə] ausgesprochen. Im Deutschen ist eins gegenüber dem Adjektiv feines eine reduzierte Form. 54 Étymologie du lituanien vienas ‘un’ Schließlich darf nicht vergessen werden, dass litauisch vien (< vėna) und išvien (< iš vieno) Kurzformen sind. Angesichts all dieser Tatsachen besteht kein Zweifel daran, dass lit. vienas < *oįnos einen unregelmäßigen, durch Häufigkeit bedingten Lautwandel durchlaufen hat. RÉFÉRENCES Fraenkel, E. 1955–1965: Litauisches etymologisches Wörterbuch (unter Mitarbeit von A. Slupski, fortgeführt von E. Hofmann und E. Tangl). I–II. Heidelberg: Carl Winter, Göttingen: Vandenhoeck u. Ruprecht. Grumadienė, L., V. Žilinskiene 1997: Dažninis dabartinės rašomosios lietuvių kalbos žodynas. Vilnius: Mokslo aidai. Lewicki, A., W. Małowski, J. Sambor, J. Woronczak 1971: Słownictwo współczesnej publicystyki polskiej. Listy frekwencyjne. Warszawa: PAN. Mańczak, W. 1969: Le développement phonétique des langues romanes et la fréquence. Kraków: Uniwersytet Jagielloński. Mańczak, W. 1977: Słowiańska fonetyka historyczna a frekwencja. Kraków: Uniwersytet Jagielloński. Mańczak, W. 1977a: Rozwój *jedinъ w językach słowiańskich. Prace Filologiczne 27, 309–320. Mańczak, W. 1987: Frequenzbedingter unregelmässiger Lautwandel in den germanischen Sprachen. Wrocław: Ossolineum. Mańczak, W. 2001: Coup d’œil sur le dictionnaire de fréquence du lituanien. Munera linguistica et philologica M. Hasiuk dedicata. Poznań: Katedra Skandynawistyki i Bałtologii, 47–53. Smoczyński, W. 2007: Słownik etymologiczny języka litewskiego. Wilno: Uniwersytet Wileński. Witold Mańczak Zakątek 13/59 PL-30-076 Kraków, Pologne 55