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Das geistliche Lied im Forschungsspektrum der Theolinguistik

Albrecht Greule

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120 acta Linguistica Lithuanica LXIV–LXV aLbrecht greuLe wissenschaftliche forschungsrichtungen: (besonders theolinguistik und geistliches Lied), textgrammatik, onomastik, historische syntax. das geistLiche Lied iM forschungssPektruM der theoLinguistik religinė giesmė teolingvistikos tyrimų spektre anMerkung theolinguistik beschreibt, wie es Menschen gelingt, mit sprache über das göttliche zu kommunizieren. eine aufgabe der theolinguistik besteht darin, eine taxonomie theolektaler texte aufzustellen. eine wichtige rolle spielen dabei Übersetzungstexte, z.b. Übersetzungen der bibel, die auch im volkssprachlichen gottesdienst verwendet werden. darüber hinaus spielen im gottesdienst seit der reformation im deutschsprachigen raum geistliche Lieder eine bedeutende rolle. aufgabe der theolinguistik ist es auch, die Liedtexte im hinblick auf ihre Verwendbarkeit im gottesdienst sprachkritisch zu analysieren. annotation theolinguistics describes how humans manage to communicate about the divine using language. it is a task of theolinguistics to establish the taxonomy of theolectal texts. thereby, translation texts play an important role, e.g. translations of the bible, which are also employed in church services, held in the vernacular. furthermore, since the Protestant reformation, hymns have played an important role in church services within the german-speaking area. it is also a task of theolinguistics to analyse the song texts critically in terms of language with regard to the usability of these texts in church services. 1 . theoLinguistik „nicht noch eine bindestrich-Linguistik!“ ich verstehe diesen einwand gegen den terminus theolinguistik gut, ich habe auch lange mit mir gerungen, wie ich schLÜsseLwörter: theolinguistik, religiöse sprache, sakralsprache, geistliches Lied, sprachkritik. keywords: theolinguistics, religious language, sacred language, hymn, linguistic criticism. das geistliche Lied im forschungsspektrum der theolinguistik 121straipsniai / articles das, was mich an diesem bereich der sprachverwendung interessiert und fasziniert, bezeichnen soll. Zunächst habe ich dafür den terminus „sakralsprache“ verwendet; andere sprechen von „sprache der religion“ oder von „religiöser sprache“. in anbetracht der schier unübersehbaren thematischen fülle und des enormen forschungspotenzials, das sich mit der Zeit besonders jenseits der germanistik angesammelt hat, wurde mir mehr und mehr klar, dass der terminus theo linguistik noch am ehesten geeignet ist, über nationalsprachliche und religionswissenschaftliche grenzen hinaus einigermaßen treffend zu benennen, um was es geht. woher kommt das interesse an theolinguistischen fragestellungen? fragen wir uns, was eine kultursprache ist, dann sehen wir, dass der katalog der kriterien, nach denen eine sprache als kultursprache bezeichnet wird, ohne die aufnahme des kriteriums, ob es in ihr eine religiöse ausprägung oder ein religiöses register gibt, also – in anderer terminologie – ohne das kriterium der „sakralität“ nicht auskommt (greule 2004: 140f.). wer sich einen Überblick über die gestalt und entstehung der kultursprachen in europa verschafft (janich, greule 2002), wird feststellen, dass vielfach die Übersetzung der bibel in die „Volkssprache“, oft als folge der reformation, den entscheidenden impuls für das aufkommen einer standardsprache oder gar für die Verschriftlichung der Volkssprache überhaupt war. die deutsche „einheitssprache“ ist dafür das beste beispiel. das heißt im rahmen der Varietätenlinguistik formuliert, dass es nach allen sprachgeschichtlichen erfahrungen in jeder sprachgemeinschaft, die sich ja jeweils über eine historische einzelsprache definiert, eine mehr oder minder stark ausgeprägte, durch eine oder mehrere religionen definierte sprachdomäne gibt. ihre Manifestation im Varietätengefüge kann man „theolekt“ nennen. dieser kann gesprochen, gesungen und geschrieben realisiert sein. wenn ich religion als bindung des und der Menschen an ein – gewöhnlich Gott (griechisch theós) genanntes – personal-transzendentes wesen verstehe, dann ist theolinguistik die wissenschaft, die sich mit den sprachformen befasst, in denen die Menschen diese beziehung zum theos ausgedrückt haben und ausdrücken. in die forschung eingeführt wurde der terminus „theolinguistik“ von jeanPierre van noppen, der ihn Mitte der 1970er jahre zum ersten Mal gebrauchte und in späteren arbeiten immer präziser definiert hat. 1995 schreibt van noppen: theolinguistics seeks to describe how human discourse may be employed to refer to the divine, and beyond that, how language operates in „religious“ situations in manners which may not meet the narrow standards of direct, univocal reference, but which nevertheless operate with a logic which can be demarcated in terms of known linguistic processes (metaphor, speech acts, ...) Zur eigentlichen Verbreitung und rezeption des terminus trug david crystal bei, der „theolinguistik“ 1987 in The Cambridge Encyclopedia of Language (deutsche 122 aLbrecht greuLe acta Linguistica Lithuanica LXIV–LXV ausgabe 1993): „theolinguistik. die untersuchung der sprache von bibelgelehrten, theologen und anderer mit religionstheorie und -ausübung befasster Personen“. nach wie vor stammen, wenn man das internet zu rate zieht, die meisten belege für den gebrauch dieses terminus aus den englischsprachigen Quellen. an dieser stelle muss der programmatische aufsatz von andreas wagner Theolinguistik? – Theolinguistik! (wagner 1999) hervorgehoben werden. in diesem leidenschaftlichen Plädoyer für theolinguistische forschung zeigt wagner Vorteile auf, die sich aus der Zusammenarbeit von Linguisten und theologen für beide disziplinen ergeben könnten. Zielgerichtet thematisiert er zahlreiche forschungslücken und postuliert konkrete forschungsprojekte. Von der theolinguistischen forschung ist keine religion ausgeschlossen, weder die so genannten heidnischen (vorchristlichen) noch die naturreligionen. allerdings ist der terminus „theolinguistik“ gerade in dieser hinsicht nicht unproblematisch. Theos steht ja für gott (im Monotheismus) bzw. götter (im Polytheismus) in personaler gestalt; somit würde theolinguistik – zumindest, wenn man sich von der etymologie dieses wortes leiten lässt, – religionen ausschließen, welche z.b. Mana verehren, d.h. eine welt durchdringende, eben nicht personale, übernatürliche Macht bzw. energie. außerdem liegt auf der hand, dass theolinguistik – vereinfacht gesagt – im grenzbereich zwischen Linguistik und theologie anzusiedeln ist, genauso wie sich ethno-, Psychooder soziolinguistik an der grenze zwischen Linguistik und – entsprechend – ethno-, Psychound soziologie bewegen. nur weist der terminus „theologie“ ein sehr markantes Profil auf: er leitet sich zwar aus der hellenistischen (kultisch-mythischen) tradition her, wurde aber im 4. jahrhundert in den christlichen sprachgebrauch einbezogen. wegen seiner rückbezogenheit auf „heidnische“ wurzeln dauerte es dann immerhin noch acht jahrhunderte, bis er zum oberbegriff für die wissenschaftliche beschäftigung mit glaubensfragen der christlichen tradition werden konnte, doch ist er heute ausgerechnet in dieser tradition am stärksten verankert. Zugespitzt formuliert wäre „theolinguistik“ also ziemlich euround sogar christozentrisch. daher ist hier auf dauer eine konsensfähige Lösung dringend notwendig, damit nicht der eindruck entsteht, eine einzige tradition möchte die gesamtheit der wissenschaftlichen reflexion über die religiöse sprache für sich in anspruch nehmen – ein einwand, der verstärkt aus anthropologischen, ethnologischen und zum teil religionswissenschaftlichen reihen kommt. diesen konsens vorausgesetzt soll theolinguistische forschung keine sprache und keine religion aus der untersuchung ausschließen. unter „sprachen“ werden nicht nur standardoder schriftsprachen verstanden; untersuchungsgegenstand sind grundsätzlich alle menschlichen Äußerungen, die eine theolektale kommunikationssituation konstituieren oder aus einer theolektalen kommunikationssituation hervorgehen. Zudem ist die theolinguistik nicht auf die synchronie be- das geistliche Lied im forschungsspektrum der theolinguistik 123straipsniai / articles schränkt, sie hat durchaus auch historische tiefe. so wie es den Vergleich in der historischen tiefe gibt, kann es auch den interlingualen, kontrastiven Vergleich ebenso geben wie den interreligiösen. ich meine mit letzterem, dass beispielsweise, wie schon geschehen, das jüdische gebet mit dem christlichen verglichen wird. in diesen bereich gehört das große Problem der Übersetzung kanonischer texte in die Volkssprachen. theolektale forschungen können in dem gesteckten, sehr weiten untersuchungsrahmen auf allen ebenen des sprachsystems erfolgen, also auf der ebene der Phonetik (z.b. rhetorik bei der Predigt, aber auch gesänge), der graphetik (z.b. tetragramm), der Morphologie (z.b. sakralität markierende Morpheme), der Lexik, der syntax, der Phraseologie, der textgrammatik (z.b. textgrammatik des gebets) und der Pragmatik. nicht zu vergessen ist die kategorie theonym, die sich mit den namen und beinamen von gott und göttern befasst. ebenso kann die untersuchung die theolektalen textsorten betreffen, auch wenn wir noch lange nicht über eine halbwegs verbindliche taxonomie theolektaler textklassen verfügen; auf sie – religion für religion und sprache für sprache – hinzuarbeiten, ist eine der zukünftigen aufgaben der theolinguistik. die komplexität einer solchen taxonomie entspricht durchaus der komplexität des terminus „theolekt“, den ich mit dem älteren terminus „religiöse sprache“ gleichsetzen möchte. angesichts dieser komplexität sind die nachfolgenden Überlegungen zu möglichen kategorien theolektaler textklassen logischerweise unvollständig und beruhen hauptsächlich auf den bislang gemachten erfahrungen im bereich der christlichen religion. 1. relativ einfach abzugrenzen ist die kategorie kanonischer texte, zu der etwa die bibel und ihre Übersetzungen, die thora, der koran u.a. – ähnlich grundlegende – schriften gehören. 2. deutlich heterogener ist der kultisch-rituelle bereich, zu dem alle texte und textexemplare gleich welcher sprache gerechnet werden können, die in gottesdienst und andacht verwendet werden. das spektrum dieser texte reicht für einen katholischen gottesdienst (als beispiel) von den in hieratischer sprache verfassten festen bestandteilen der Liturgie, über kanonische texte, die als Lesungen vorgetragen werden, über die Predigt, die sich sehr verschiedener Varietäten einer sprache bedienen kann, des weiteren über oft durch archaismen gekennzeichnete kirchenlieder, bis hin zu spontanen fürbitten (z.b. in einem kinder-, jugendoder gruppengottesdienst), die verstärkt in einer religiösen umgangssprache formuliert werden. 3. der nächste bereich wäre die persönliche gotteserfahrung des einzelnen, die sich am ehesten in privaten (oft selbstständig, spontan formulierten) gebeten und den sog. Zeugnissen, aber auch in gegen gott rebellierenden aussagen ausdrückt. 124 aLbrecht greuLe acta Linguistica Lithuanica LXIV–LXV 4. ein bereich für sich ist der amtssprachliche bereich für den fall, dass eine religion institutionalisiert ist. 5. nicht scharf voneinander zu trennen sind der religionsdidaktische und der theologisch-wissenschaftliche bereich, in dem in einer besonderen ausprägung des theolekts gesprochen und geschrieben wird. 6. nicht zuletzt soll hier auch der künstlerische bereich hervorgehoben werden mit den texten der religiösen dichtung bzw. des religiösen (in dem fall aber nicht theologisch-wissenschaftlichen oder publizistischen) schrifttums. da es nicht selten gerade die persönliche gotteserfahrung ist, die einen dichter oder einen schriftsteller inspiriert, können solche texte durchaus die form eines gebets oder eines Zeugnisses annehmen. 7. wenn wir uns dann noch an die „religiöse“ sprache in den Massenmedien heranwagen möchten, stellen wir zwar weitere besonderheiten aber auch zahlreiche Überschneidungen mit den bisher genannten bereichen fest. so wird aus dieser Zusammenstellung ersichtlich, dass die frage nach der taxonomie theolektaler texte vor allem die frage nach kriterien bzw. nach einem kriterienkatalog ist. der weit verstandene kommunikative kontext, Varietät, stilebene, funktion, intentionalität oder Medium – sie alle (und sicherlich noch viele andere Variablen) spielen hier mit. es gilt herauszuarbeiten, wie dieses gefüge letztendlich aussieht und was es tatsächlich hergibt. 2. theoLinguistische forschung in der PraXis den fortgang der theolinguistischen forschung beschreibe ich aus meinem eigenen erleben: aus der Perspektive eines germanistischen sprachwissenschaftlers und Philologen. aus dieser Perspektive ist allerdings zu berichten, dass die beschäftigung mit „religiöser“ sprache in der germanistischen Linguistik der gegenwart und jüngeren Vergangenheit sehr klein geschrieben wird – um nicht zu sagen ignoriert wird, obwohl – wie ich oben angedeutet habe – die „theoglossie“, wie man das sprechen zu oder über gott auch nennen könnte – essentiell zur beschreibung des sprachkulturellen niveaus einer sprachgemeinschaft gehört. es scheint sich insofern ein umdenken anzubahnen, als vor kurzem ein wichtiger sammelband Sprache und Religion erschienen ist, der den aktuellen forschungsstand zusammenfasst (gerber, hoberg 2009). gleichsam ein dauerbrenner germanistischer forschung sind die sehr wichtigen forschungen zur sprache von Luthers bibelübersetzung. in diesen bereich wurden das geistliche Lied im forschungsspektrum der theolinguistik 125straipsniai / articles allmählich auch die von Martin Luther verfassten Liedtexte einbezogen (siehe unten kapitel 4). das theolinguistisch wichtige ergebnis dieser untersuchungen ist die feststellung, dass die deutsche Volkssprache nicht nur den titel „vierte heilige sprache“ erhielt, sondern auch zur sprache des evangelischen gottesdienstes wurde. damit war für die evangelischen kirchen das Problem, mit dem sich die katholische kirche bis zum 2. Vatikanischen konzil herumschlug, vom tisch, nämlich das Problem, die Liturgie in einer fremden und toten sprache feiern zu müssen. welche attraktivität das Übersetzen der bibel für germanisten noch immer hat und welche brisanz für das interkirchliche Verhältnis darin verborgen liegt, zeigen die Probleme beim entstehen der „einheitsübersetzung“. noch 2005 ist eine Pressemitteilung der ekd mit den dramatisch klingenden worten überschrieben: „evangelische beteiligung an der ‚einheitsübersetzung’ der bibel nicht mehr möglich“ es ging um die revision der einheitsübersetzung vor dem hintergrund der rigiden römischen instruktion „Liturgiam authenticam“ von 2001. die instruktion Liturgiam authenticam war es, die das umfangreiche großprojekt der Messbuchrevision („Messbuch 2000“) zum scheitern brachte. im jahre 1988 setzte die „internationale arbeitsgemeinschaft der liturgischen kommissionen im deutschen sprachgebiet“ eine studienkommission ein, die letztlich eine neuauflage des deutschen, nach dem ii. Vaticanum geschaffenen Messbuchs von 1975 vorbereiten sollte. Über meine arbeit in der kommission habe ich mehrfach berichtet. die revision und neu-Übersetzung tausender liturgischer texte, die von den ungefähr 10 Mitgliedern der ag3 geleistete arbeit, war schlussendlich – leider – für den Papierkorb bestimmt. allerdings lernte ich im rahmen des Projekts „Messbuch 2000“ auch die forschungslage zur polnischen sakralsprache kennen. ein Vergleich der deutschen forschung mit der polnischen ist äußerst aufschlussreich. sie stehen zueinander in krassem gegensatz. erstens sind es in Polen die Polonisten, welche die theolinguistische forschung vorantreiben. Zweitens wird sie, nachdem die erforschung der religiösen sprache in Polen vor der wende so gut wie verhindert war, jetzt umso dynamischer betrieben. die religiöse sprache ist inzwischen zu einem der populärsten untersuchungsgegenstände schlechthin in der polnischen Linguistik geworden. es existiert jede Menge kleinerer und größerer studien zu einzelnen religiösen textsorten (gebet, Predigt, kirchenlied, bibelübersetzungen); es werden viele wichtige theoretische und praktische aspekte sowohl synchron als auch diachron verfolgt; und wenn auch mehrere bereiche erst in ansätzen erforscht sind, sind die nötigen kapazitäten vorhanden und günstige rahmenbedingungen für die weiterentwicklung geschaffen. drittens finden in Polen zyklisch große interdiziplinäre konferenzen zur re- 126 aLbrecht greuLe acta Linguistica Lithuanica LXIV–LXV ligiösen sprache statt. einige von ihnen verstehen sich als ein forum zu verschiedensten theolinguistischen fragen, andere stellen eine erscheinungsform oder einen aspekt der religiösen sprache, z.b. die sprache der katechese, die religiöse sprache in den Medien, funktionen einzelner theolektaler textsorten, in den Vordergrund. Viertens sind die wissenschaftlichen bemühungen um die religiöse sprache in Polen inzwischen auch institutionell verankert. es gibt eine (interdisziplinär und ökumenisch zusammengesetzte) kommission für religiöse sprache, die im rat für Polnische sprache am Präsidium der Polnischen akademie der wissenschaften angesiedelt ist. die kommission geht einschlägigen Projekten gezielt nach und die forschungsergebnisse werden dann veröffentlicht. eine detaillierte darstellung bei greule, kucharska-dreiß, Makuchowska 2005. aus dem Vergleich mit der Lage der forschung in deutschland und in der Zusammenarbeit mit polnischen theolinguistinnen entstand die idee, der theolinguistischen forschung einen internationalen rahmen zu geben. der internationale arbeitskreis, der zum ersten Mal 2006 in breslau dann jährlich in bochum, kouvola, jena, freiburg und Prag tagte, hat es sich zur aufgabe gemacht, die erforschung der vielfältigen erscheinungen religiöser sprache in europa zu fördern. die ergebnisse der tagungen werden in der buchreihe Theolinguistica, herausgegeben. 3 . iM ZentruM der theoLinguistik: die sPrache der Liturgie Liturgie bezeichnet generell religiöse rituale zur Verehrung gottes und zur stärkung des gemeinschaftlichen glaubens. sie wird vollständig sprachlich realisiert. deshalb ist es unerlässlich, die sprache der Liturgie genau zu untersuchen, und gerade ein sprachwissenschaftlicher blickpunkt kann dabei sehr aufschlussreich und fruchtbar sein. während in den reformatorischen kirchen die deutsche sprache als sprache des gottesdienstes auf eine lange tradition zurückblicken kann, blieb in der römisch-katholischen kirche das Latein, eine „tote“ sprache, die sprache des gottesdienstes. die bei der Liturgie verwendeten texte, ihr sprachstil und die frage ihrer klassifikation waren hier verständlicherweise kein thema für die germanistik, der wissenschaft von einer „lebenden“ einzelsprache, ihrer geschichte und ihrer sprachkultur. die gravierende Änderung brachte das ii. Vatikanische konzil (19621965), das den gebrauch der Volkssprache in der Liturgie als für das Volk nicht selten sehr nützlich anerkannte. Zu den sprachwissenschaftlichen Voraussetzungen einer Lehre von den liturgischen textund redesorten, vor allem im bezug auf den katholischen gottesdienst, das geistliche Lied im forschungsspektrum der theolinguistik 127straipsniai / articles gehört das wissen um folgende grundlegende kategorien: (1) ritualität des gottesdienstes, (2) kommunikative struktur des gottesdienstes, (3) erscheinungsweisen der sprache im gottesdienst. bei den erscheinungsweisen, in denen sprache im gottesdienst vorkommt, werden unterschieden: (1) Mehrsprachigkeit, (2) texthaftigkeit, (3) gesprochene sprache, (4) geschriebene sprache, (5) gesungene sprache. Zur gesungenen sprache gehören neben der für die Liturgiewissenschaftler wichtigen kantillation die für die hymnologen und sprachwissenschaftler interessanten texte der kirchenlieder. Mit der gründung des interdisziplinären arbeitskreises gesangbuchforschung an der universität Mainz 1991 und der anschließenden einrichtung eines gesangbucharchivs an derselben universität bekam die erforschung des kirchenliedes und der sprache des kirchenliedes in deutschland nicht nur eine heimstätte, sondern von dort gehen auch entscheidende forschungsimpulse aus. Man kann behaupten, dass durch die einrichtung des graduiertenkollegs Geistliches Lied und Kirchenlied interdisziplinär (1996-2005) Mainz zum Zentrum der hymnologischen forschung in deutschland wurde. ausgesprochen sprachwissenschaftliche Monographien zur sprache des deutschen kirchenliedes sind daraus zwar nicht hervorgegangen, aber die sprachwissenschaft findet gehör und ihr wissen trägt zur erhellung der thematik bei, wie z.b. aus dem standardwerk Geistliches Wunderhorn (becker 2001) hervorgeht. desgleichen beteiligen sich sprachwissenschaftler an der „gotteslob“-revision. gefordert ist hier in erster Linie die sprachkritik und besonders sprachwissenschaftlich fundierte kritik am neuen geistlichen Lied. 4 . das geistLiche Lied – aLt und neu 4 .1 . geschichte gegenstand der folgenden darstellung sind die texte der geistlichen Lieder, die auch kirchenlieder genannt werden und im Zeitraum zwischen circa 1450 und circa 1550 (erstmals) überliefert sind. als das älteste deutschsprachige kirchenlied, sieht man vom althochdeutschen Petruslied ab, gilt „christ ist erstanden“. nicht nur das initium, sondern den gesamten text des ursprünglich einstrophigen, vierzeiligen Liedes und eine vollständige aufzeichnung der neumen bietet erstmals eine klosterneuburger handschrift des 14. jahrhunderts (faksimile bei becker 2001: 29). der älteste nachweis, dass und wo „christ ist erstanden“ vom Volk („populus“) gesungen wurde, findet sich im salzburger Liber ordinarius um die Mitte des 12. jahrhunderts: in das ende der Matutin (nachtgottesdienst) des ostersonntags wurde ein „osterspiel“ integriert, ein gang zum „heiligen grab“, an 128 aLbrecht greuLe acta Linguistica Lithuanica LXIV–LXV dessen höhepunkt die Verkündigung der auferstehung für klerus und Volk erfolgte. die antwort der gemeinde auf die botschaft der auferstehung war das Lied „christ ist erstanden“. „gemeindegesang ist hier ein integraler bestandteil der Liturgie, amtlich geregelt, bewusst konzipiert und organisch eingefügt in deren ablauf, keineswegs inoffizielle ‚Zutat’, die beliebig weg gelassen werden könnte“ (Praßl 2000: 36). welche Lieder wann im kirchenjahr von der gemeinde in der Messe gesungen wurden bzw. werden sollten, teilt der Pfarrer Paul gössel in dem zwischen 14191437, also vorreformatorisch, von ihm verfassten Pfarrbuch (pagina 92v) der gemeinde gebenbach unweit amberg mit: von Lichtmess bis Palmsonntag Nu bitte wir den heilig(e)n geist, ferner Sancta maria muter reyne meid / alle vnß(er) not die sey dir geklaid und des helf uns sancta maria; in der Zeit von ostern bis Pfingsten Crist ist erstanden und Also her ist dieser tag / das den nyemend mit lobe erfullen mag; in der weihnachtszeit: vns ist geborn ein kind (greule 1998: 386). Martin Luther begann 1523 mit dem dichten und komponieren deutscher geistlicher Lieder. in seinen Überlegungen zur neuordnung des gottesdienstes äußerte er den wunsch nach möglichst vielen deutschen Liedern, die das Volk im gottesdienst singen sollte. in genf führte 1542 calvin den kirchengesang mit einem Psalmlied (vor und nach der Predigt) ein und sorgte dafür, dass 1562 ein vollständiger Liedpsalter entstand. es handelt sich bei den kirchenliedern, die vom „Volk“ auswendig gesungen wurden, um sprachdenkmäler, deren kommunikativer radius dank ihrer weiten Verbreitung und ihrer beliebtheit über dialektale und konfessionelle grenzen hinweg reicht. deshalb waren sie seit dem 16. jahrhundert sehr wahrscheinlich auch am sprachausgleich und an der entstehung der neuhochdeutschen schriftsprache beteiligt. hierzu besteht aber noch erheblicher forschungsbedarf. 4.2. Überlieferung „kirchenlied und gesangbuch erleben im 16. jahrhundert eine blütezeit. Vieles, was schon im Mittelalter herangewachsen war, kam mit hilfe der reformation neu zur blüte. die lebhafte entfaltung des volkssprachlichen kirchengesangs und der daraus erwachsenen gesangbücher hat auch eine technische Voraussetzung: die erfindung des buchdrucks 1492 und die erfindung des notendrucks mit beweglichen typen um 1520“ (Möller 2000: 69). die Überlieferung der texte erfolgte auf unterschiedliche arten: die frühesten sind handschriftlich überliefert; später liegen die texte gedruckt vor. sowohl handschriftliche als auch gedruckte Liedtexte kommen vereinzelt vor; meist sind sie