Zur Phraseologie in der Bibel des Johann Bretke
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RAINER ECKERT
Wissenschaftliche Forschungsrichtungen: Balto–Slawistik, Baltistik, Slawistik, historische Morphologie des Baltischen und Slawischen, Etymologie, Phraseologie der baltischen und slawischen Sprachen, Lexikologie, Sprache der baltischen und slawischen Folklore, Geschichte der Baltistik und Slawistik.
ZUR PHRASEOLOGIE IN DER BIBEL DES JOHANN BRETKE
Dėl Jono Bretkūno Biblijos frazeologijos
ANMERKUNG
Die vollständige Übersetzung der Bibel ins Litauische Ende des 16. Jh. von Johann Bretke beinhaltet eine Vielzahl komplexer Elemente (Idiome, Phraseme). Die biblischen Phraseologismen betreffend ist es wichtig zwischen zwei Kategorien zu unterscheiden: 1) Elemente, die auf biblische Idiome zurückgehen; 2) Elemente, die auf bestimmte Situationen zurückgehen.
Harald Burger beschrieb in seinem Handbuch der Phraseologie eine effiziente Methode idiomatische Ausdrücke in alten Übersetzungen zu eruieren. Unter anderem zeigte er eine Art der Äquivalenz idiomatischen Gebrauchs auf: „Ausgangssprache: ein Wort – Zielsprache: ein Phrasem“. So kann in Luthers Bibelübersetzung ein einzelnes Wort einer präpositionalen Phrase in Bretkes Übersetzung entsprechen. Ferner variieren Phraseologismen und treten oft in verschiedenen Formen auf. Zuletzt werden Beispiele von Phraseologismen mit Satzfunktionen, wie z. B. Grußformeln, erwähnt.
ANNOTATION
The first complete translation of the Bible into Lithuanian from the end of the 16th century by Johann Bretke contains many complex units (idioms, proverbs etc.). Regarding biblical phraseological units it is important to distinguish between two categories: 1) units, which go
SCHLÜSSELWÖRTER: Phraseologismus, Phrasem, Phraseotextem, Phrasemvariante, Übersetzungsentlehnung (Kalkierung), Phraseoschemata, figura etymologica, phraseologische Biblizismen (biblische Phraseologismen).
KEYWORDS: phraseologism, phraseme, phraseological texteme, phraseological variant, translation, phraseological scheme, figura etymologica, biblical phraseologisms.
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back to biblical idioms; 2) units, which go back to certain situations. One of the efficient methods to investigate idiomatic expressions in ancient translations is described by Harald Burger in his Handbook of Phraseology. Among other things, he pointed out the following type of equivalence of idiomatic usages: “source language: a word – target language: a phrase”. In Luther’s translation of the Bible a single word can correspond to a prepositional phrase in the translation of Bretke. Phraseological units often occur in different variants. Finally, I mentioned examples of phraseological units with the function of sentences like the greeting formula.
EINLEITENDES
Zur Begründung des Themas sei folgendes angeführt: Ich unternehme den Versuch, über die Phraseologie in der ersten Gesamtübertragung der Bibel ins Litauische durch Johann Bretke Ausführungen zu machen, da Texte nicht nur aus „freien Sätzen“ und diese nicht nur aus mehr oder minder „freien Wortfügungen“ bestehen, sondern auch aus spezifischen (stereotypen) Sätzen und aus spezifischen Wortfügungen (festen, idiomatischen). Die Kombinatorik, dank der Sätze und Texte, beschränkt sich demnach nicht auf die Verknüpfung elementarer (minimaler) Einheiten, sondern schließt auch ganze Blöcke (nichtminimale) Einheiten ein, die als solche unmittelbar am Aufbau von Sätzen und Texten beteiligt sind. Das gilt auch für den Text der Bibel.
In diesem Zusammenhang sind eine Reihe von Selbstreflexionen in der Bibel von besonderem Interesse. Man denke nur an Zitierungen wie gemeine Rede oder Sprichwort in der Lutherbibel, die Johann Bretke mit kalbefis (resp. kalbefys) bzw. paſaka und prikalbefys übertragen hat, vgl.:
(1) Ir anis ieme pinigus, ir dare, kaip buvo pamokiti. Schitai [toios paſpalitwas kalbeſis tarp Sżidu [iſcheio ta paſaka tarp Sżidu] ik ſchei dienai – Vnd ſie namen das geld, vnd theten wie ſie gelert waren. Solchs iſt eine gemeine rede worden bey den Jūden, bis auff den heutig tag – At illi, accepta pecunia, fecerunt, sicut erant docti. Et divulgatum est verbum istud apud Judaeos usque in hodiernum diem (Mt XXVIII 15) oder
(2) Bila iam io Apaſchtalai, Schitai atwirai kalbi, ir ne kalbi ne wieno prikalbeſio – SPrechen 3u jm ſeine Jünger, Sihe, nu redelſtu frey heraus, vnd jageſt kein Sprichwort – Dicunt diſcipuli eius: “Ecce nunc palam loqueris, et proverbium nullum dicis” (Jn XVI 29). (Hier und im weiteren gebe ich die entsprechenden Zitate aus der Vulgata nach NVBS).
Es handelt sich in den Beispielen (1) und (2) – und wahrscheinlich auch andernorts – wohl sicher um Textstellen mit einem übertragenen Sinn. Sprichwort wird hier in dem viel weiteren Sinne von Gleichnis, Parabel gebraucht. Eine gewisse Stabilität und semantische Spezifik treffen jedoch auf sie ebenso zu wie auf Einheiten der Phraseologie.
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Zur Phraseologie in der Bibel des Johann Bretke
An vielen Stellen werden in der Sprache der Bibel, die eindringlich und anschaulich ist, Bilder benutzt. Bildhaftigkeit, Emotionalität und Expressivität aber sind ureigene Felder der Phraseologie.
In der Nachkriegszeit hat sich die Phraseologie zu einer eigenständigen linguistischen Disziplin entwickelt, deren Forschungsergebnisse jedoch in der sprachlichen Analyse und auch z. B. in der lexikographischen Praxis noch ungenügend genutzt werden. Das gilt im besonderen hinsichtlich älterer Texte. Es ist auch kein Zufall, dass sich die phraseologische Forschung nach den umwälzenden Ereignissen in den Jahren 1989/1990 besonders sakralen Texten wieder stärker zugewandt hat. So fand 1996 im polnischen Opole eine erste Konferenz zum Thema „Phraseologie und Religion“ statt, deren Materialien 1997 erschienen sind1. Im Laufe des ganzen letzten Dezenniums kamen zahlreiche Beiträge über die Phraseologie in der Bibel, über Biblizismen im Phrasembestand verschiedener Sprachen u. dgl. heraus, wenngleich gesagt werden muss, dass diese Thematik auch die Forscher in den davor liegenden Zeiträumen beschäftigt hat.
Diese Arbeiten haben immer deutlicher werden lassen, dass die Phraseologie der Einzelsprachen in bedeutendem Maße von der Heiligen Schrift beeinflußt worden ist, wobei es hier zu einem interessanten Zusammenwirken von Internationalem und Nationalem in der Entwicklung der Phraseologie der einzelnen Nationalsprachen gekommen ist.
Schließlich ist nach einer längeren Phase der Ausarbeitung der synchronischen Phraseologieforschung diese durch die diachronische (historische) Phraseologieforschung zu komplettieren. Auf diesem Gebiet ist schon einiges erreicht worden, denken wir nur an die Arbeiten zur historischen Phraseologie des Deutschen von Harald Burger oder an die Vorbereitungen für historisch-etymologische Beschreibungen der Phrasemik einzelner slawischer Sprachen durch Valerij Mokienko und seine Gruppe (Бирих, Мокиенко, Степанова 1998). Die historische Phraseologie des Baltischen steckt noch in den Anfängen. Ich habe mich mit einer Monographie (Eckert 1991) und einer Reihe von Artikeln zur historischen Phraseologie des Litauischen, Lettischen und Altpreußischen an dieser jungen Forschungsrichtung beteiligt. In diesem Kontext nimmt die Untersuchung der Phraseologie der ersten Übersetzung der Gesamtbibel durch Johann Bretke ins Litauische eine besondere Stellung ein.
Bevor ich unmittelbar zur Bearbeitung des Themas übergehe, ist es erforderlich kurz einiges zu dem von mir verwendeten Phraseologie-Begriff zu sagen, der in einer Monographie ausführlicher dargelegt ist (Eckert, Günther 1992). Ich benutze als Oberbegriff Phraseologismus (−men) für sprachliche Einheiten, die sich durch
1 Frazeologia a religia. Problemy frazeologii europejskiej 2, pod red. Andrzeja M. Lewickiego i Wojciecha Chlebdy. Warszawa: Energeia, 1997.
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folgende Merkmale auszeichnen: 1) durch eine spezifische Semantik, 2) durch Hyperwortcharakter (d. h. Phraseologismen sind formal gesehen größer als Wortformen) und 3) durch ihre besondere Funktion. Was letztere betrifft, so gliedern sie sich in: 1) satzgliedwertige Phraseologismen = Phraseme und 2) satzwertige Phraseologismen = Phraseotexteme.
Phraseme zeichnen sich durch verschiedene Grade von Idiomatizität aus, d. h. ihre Bedeutung kann nicht (oder zumindest nicht ganz) aus der Bedeutung ihrer Komponenten abgeleitet werden. Ihre Gesamtbedeutung steht neben der wortwörtlichen Bedeutung, wobei letztere nicht realisiert wird. Entscheidend für ihren Gebrauch ist die durch Übertragung entstandene phraseologische Bedeutung. Die Phraseme werden im Satz mit Wortformen verknüpft und fungieren als Satzglieder. Hierauf beruht ihre Einteilung in Phrasemklassen (in einer gewissen Analogie zu den Wortarten). Phraseme bauen zusammen mit Wortformen und freien Wortfügungen Sätze auf.
Phraseotexteme sind vollständige Aussagen. Sie sind mit Sätzen verknüpfbar (in zusammengesetzten Sätzen) und bauen mit den Sätzen Texte auf. Hierher zählen z. B. Sprichwörter (Parömien), Aphorismen, Grußformeln etc. Sie bezeichnen Tatbestände und Situationen. Ihre Semantik ist im Vergleich zu der der Phraseme zweischichtig; denn sie besteht aus: 1) der wörtlichen Bedeutung (daher ihre Übersetzbarkeit in andere Sprachen) und 2) aus dem verallgemeinernden Sinn, der entscheidend ist für ihren Gebrauch.
Die Semantik zementiert in gewisser Weise die Phraseologismen - sie erlangen dadurch einen hohen Grad an Stabilität. Einzelne Komponenten können ausgelassen oder durch andere substituiert werden, d. h. es kommt zur Varianz von Phrasemen und Phraseotextemen. Auch das unterscheidet sie deutlich von freien Wortfügungen und „freien Sätzen“. Bildlichkeit, Expressivität, Emotionalität und Intensivität spielen für den Bereich der Phraseologie eine hervorragende Rolle.
Vorrangig werde ich mich im weiteren mit der Phrasemik befassen und nur am Schluß auch ganz knapp auf die Phraseotextemik (und hier vor allem auf einige Sprichwörter) eingehen.
EINIGE BESONDERHEITEN BEI DER ERFORSCHUNG DER PHRASEOLOGIE DER BIBEL
1. Es ist grundsätzlich zwischen zwei Kategorien von biblischen Phraseologismen zu unterscheiden: 1) Phraseologismen, die direkt auf sprachliche Einheiten in der Bibel zurückgehen (Vladimir Gak nennt sie biblische Phraseologismen mit Zi-
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tatcharakter (Гак 1996: 10)) und 2) Phraseologismen, die keine direkte Quelle in Form einer sprachlichen Einheit aufweisen, sondern eine bestimmte Situation (Begebenheit) aus der Heiligen Schrift widerspiegeln (Nach Gak – situative biblische Phraseologismen).
Es folgen zuerst zwei Beispiele (ein Phrasem und ein Phraseotextem) für die erstgenannte Kategorie:
(3) werkļmas ir griežumas dantų – heulen und zeenklappen (Lk XIII 28). Diesem Phrasem entspricht im modernen Litauischen dantų griežimas ‘ajmanavimas’ (LKŽ 60) und im heutigen Deutschen Heulen und Zähneklappern ‘allgemeine Angst und Verzweiflung’ (MDL 212);
(4) ką raščiau, tatai raščiau – was ich geschrieben hab, das hab ich geschrieben (Jh XIX 22). Vgl. lat. quod scripsi, scripsi. Das Phraseotextem hat den Sinn: „Was getan ist, ist getan und kann nicht mehr verändert werden“. Es handelt sich um den Aphorismus, der angeblich auf den Ausspruch von Pontius Pilatus zurückgeht, als er sich weigerte die Aufschrift, die über dem Haupte Christi am Kreuze angebracht werden sollte, zu ändern. Zur zweiten Kategorie, den sogen. situativen biblischen Phraseologismen, zählt z. B. das folgende Beispiel:
(5) modernes lit. atpirkimo ožys – von einem Menschen, auf den man die Schuld anderer ablädt (LKŽ VIII 1029): dt. Sündenbock : russ. козёл отпущения. Man vgl. folgende Textstelle aus 3 Mose XVI 22:
(6) Jog schitaipo Awins wifsus ių nuffideghimus ant sawens ing Pufchcze nu neſchtu, ir tepaliekt ghi puſtineie – Das also der Bock alle jre miſſethat auff jm in eine wildnis trage, und laſſe jn in die wuſte.
Mit der letztgenannten Kategorie von Phraseologismen, die erst sekundär auf der Grundlage biblischer Situationen (Kontexte) gebildet wurden und nicht mit sprachlichen Einheiten im Text der Bibel in Zusammenhang stehen, werde ich mich im weiteren nicht befassen.
2. Bei der Beurteilung biblischer Phraseologismen, die auf sprachliche Einheiten im Text der Heiligen Schrift zurückgehen, taucht als eine wesentliche Schwierigkeit im Verhältnis etwa zur Untersuchung der Phraseologie der Gegenwartssprachen das Problem auf, dass wir über keine sprachliche Kompetenz hinsichtlich früherer Sprachepochen verfügen und auch den Idiomatizitätsgrad bestimmter Wendungen nicht präzise ermitteln können. Aus diesem Grunde bleibt vieles hypothetisch. Es ist daher m. E. bei historischen Untersuchungen zur Phraseologie von einem sehr breiten Phraseologiebegriff auszugehen, der nicht nur Phraseme und Phraseotexteme beinhaltet, sondern auch präphraseologische Wendungen mit geringer Idiomatizität (etwa solche, die nur bestimmte Intensitätsgrade signalisieren) und sogar nur feste (stabile, stereotype) Wendungen einbezieht.
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In diesem Sinne möchte ich kurz auf zwei Typen derartiger Wendungen eingehen:
a) Auf solche, denen ein bestimmtes grammatisches Schema (von manchen Forschern auch Phraseoschema genannt) zugrunde liegt, wie z. B. die typisch litauischen Wendungen, die aus dem Infinitiv II (būdinys) + einer finiten Form des Verbs bestehen, wobei beide Formen dieselbe Wurzel aufweisen. Von ihrer Bedeutung her bringen sie eine Verstärkung, Intensivierung der in der Verbalwurzel enthaltenen Semantik zum Ausdruck und sollten daher nicht nur als rein grammatische Kategorie aufgefasst werden. Man vgl. Wendungen des Typs gužė gužės in:
(7) iog Strowe (upe) warlemis gu̇žete gu̇žes (krebždes) – das der f[t]rom fol von Frö[l]chen wimmeln (2 Mose VIII 3)2;
die Wendung dengte apdenge in:
(8) Bei Aarons ischtieje fawa Ranką and Wandenu Ægypto, ir j[chejia] warles, iog Ægyptų Sẓemę dengte apdenge [apdengta ftoioi] – Und Aaron recket sein hand über die Wasser in Egypten, und kamen Frösche herauff, das Egyptenland bedeckt ward (2 Moses VIII 6).
b) In der Bretke’schen Bibelübersetzung lässt sich eine größere Anzahl von Wendungen des Typs der figura etymologica ausmachen. Dies sind noch keine ausgebildeten Phraseme, aber im folgenden Beispiel scheint bereits eine gewisse semantische Spezialisierung vorzuliegen, die die figura zumindest in die Nähe eines Phrasems rückt, vgl.:
(9) Bet kaip tą Regeghima regeio, toiaus dumoiom eiti ing Macedonia... – Als er aber das Gefichte gesehen hatte, da trachten wir also bald zu reifen in Macedonian... – Ut autem visum vidit, statim quaesivimus proficisci in Macedoniam (Apg XVI 10);
(10) Tikejose regėjima regis (Vilentas, Epistolos ir Evangelios 156 – nach LKŽ XI 360). Man vgl. noch heutiges dt. Gesichte haben ‘Zukünftiges voraussehen’ (WW 268) und lat. visa videre ‘Traumgesichte sehen’.
3. Die Reformation sah es als eine ihrer Hauptaufgaben an, das Wort Gottes den Menschen nahezubringen und zwar in den Sprachen, die sie verstanden und benutzten. Martin Luthers Bibelübertragung ins Frühneuhochdeutsche war bekanntlich von großer Bedeutung für die Verbreitung der protestantischen Lehre in Nord-, Ost- und Südosteuropa und die damit einsetzende erstmalige Übertragung der Heiligen Schrift in die verschiedenen Sprachen dieser Region. In diesen Kontext ist die Entstehung des alten baltischen Schrifttums im 16. Jahrhundert einzu-
2 Siehe Rainer Eckert (1987: 20), wo zu der Wendung aus der Bibelübersetzung des Bretke noch. lit. krebždėte krebžda – von einem Gewimmel von Wildenten (LKŽ VI 487) und russ. kimša kišit – von einem großen Gewimmel, gestellt wird.
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A c t a L i n g u i s t i c a L i t h u a n i c a L X I V – L X V
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ordnen und schließlich auch die Großtat von Johann Bretke, die erste Übersetzung der Gesamtbibel in eine baltische Sprache, nämlich ins Litauische, im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts. Als Vorlage diente ihm in erster Linie die Luthersche Übertragung, Teile hat er aber auch aus dem Lateinischen übersetzt. Die Untersuchung von Phraseologismen in einem solchen Text hat mit einer Reihe von Eigenheiten zu rechnen:
a) Zuallererst ist natürlich ein besonders enges Verhältnis zu den Vorlagen kennzeichnend. Dem heiligen Text ist streng zu folgen und Freizügigkeiten sind nicht ohne weiteres erlaubt. Gleichzeitig soll jedoch die Übertragung den Hörer und Leser erreichen und verständlich sein. In diesem Spannungsfeld treten besondere Probleme auf, wenn in der Übertragung Phraseme der Ausgangssprache (d. h. der unmittelbaren Vorlage) in der Zielsprache wiederzugeben sind. Das heutige lit. Phrasem (sàvo) krỹžių nešti ‘labai vargti’ (FŽ 353) hat bereits in der Bretke-Bibel einen Vorläufer und eine Variante dazu, die sich eng an die Vorlage bei Luther anschließen:
(11) ir jei kas ne neſchaie krížaus sawa ir eit paskui manes : ne gal buti mana Apaſchtalas – Vnd wer nicht ſein Creutz tregt, vnd mir nachfolget, der kan nicht mein Jĕnger ſein – Et, qui non baiulat crucem suam et venit post me, non potest esse meus discipulus (Lk XIV 27);
(12) Kurſai mane nor ſekti, te uſsigina pats sawe ir teim Krížu ant sawes – Wer mir wil nachfolgen, der verleugne ſich ſelbs, vnd neme sein Creutz auff sich, vnd folge mir nach (Mk VIII 34). Vgl. dt. sein Kreuz tragen; sein Kreuz auf sich nehmen ‘seine Leiden geduldig ertragen’ (MDI 271), das ebenfalls im Lateinischen vorgeprägt ist, wobei sicher in den Fällen, in denen die Rede davon ist, dass Jesus sein Kreuz trägt, noch die präphraseologische Wendung vorliegt.
In einer Reihe weiterer Fälle liegen, eng an der Vorlage, sich anschließende Übertragungen von Verbalphrasemen vor, wie z. B. bùrną laikýti ‘schweigen’, eigentl. ‘den Mund halten’ und láužti širdį ‘j-n durch Kummer (fast) töten’, eigentl. ‘das Herz brechen’:
(13) Bei ſchitai eſti pawarguliojo Nūdeia, jog Piktenibe sawa Burną turres laikiti – Vnd ift des Armen hoffnung, das die bosheit wird iren mund müſſen zuhalten – et erit egeno spes, iniquitas autem contrabet os suum (Hiob V 16);
(14) Ka darot, werkdomi, ir lauſzdami mano ſchirdi? – Was machet jr, das jr weinet, vnd brechet mir mein Hertz? – Tunc respondit Paulus: „Quid facitis flentes et affligentes cor meum?“ (Apg XXI 13).
Das Phrasem bùrną laikýti ist nicht charakteristisch für die litauische Standardsprache, es kommt nach Ausweis des FŽ 114 in den westlichen und nordwestlichen Mundarten, sowie bei Kristijonas Donelaitis, Philip Ruhig, Johannes Brodowski
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und Ieva Simonitytė vor. Übrigens hat die Quandtbibel hier einen sehr ähnlichen Ausdruck (sawo burną užlaikyti), der ebenfalls unter wahrscheinlich deutschem Einfluss zustande gekommen ist, vgl.:
(14a) Ir yra warg=dieno nuflitikkėjimas, kad piktenybe turrės sawo burna užlaikyti.
Was das Phrasem láužti širdį betrifft, so konnte ich es aus späteren Quellen nicht ermitteln. Im Litauischen Akademiewörterbuch (LKŽ XIV 884) sind nur Phraseme mit präfigierten Verben und anderen Bedeutungen festgehalten, sodass ich vermute, dass Bretke hier in beiden Fällen Äquivalente zu dt. den Mund halten bzw. das Herz brechen anführt, die sich eng an die Luthersche Vorlage anlehnen. Die lateinische Vorlage weicht mit dem Verb affligere ‘gewaltsam werfen; schmettern; zu Boden schlagen, verletzen; das Gemüt niederschlagen; das Herz schwer machen’ formal deutlich ab. In der Quandt-Bibel haben wir einen Ausdruck des Typs ‘das Herz schwermachen’, vgl.:
(14b) Bet Powil’s atfake: ką dárote jūs, werkdami, ir mano Birdį funkindami?
Bretke versteht in der Regel die Phraseme in der Luther-Vorlage recht gut und gibt sie entsprechend richtig, wenn auch nicht selten in enger Anlehnung an Luther wieder. Im folgenden führe ich einen der wenigen missglückten Übertragungsfälle an:
(15) Anis wiſzą ſawa Nora iſchpilde ant manes – Sie haben iren mut mit einander an mir geküelet – Aperuerunt super me ora sua (Hiob XVI 10). Jonas Palionis hat nicht zufällig die ziemlich unverständliche Übersetzung dieses Prädikativphrasems durch Bretke in B RR 14 dann in seinem Kommentar dazu berichtigt in:
(16) Jie visą savo apmaudą išgiežė ant manęs, vgl. lit. apmaudą giežti ant ko, kam ‘ärgern; seinen Ärger auslassen an j-m’. Das heutige dt. sein Mütchen an j-m kühlen hat die Bedeutung ‘seine übermütige (schlechte) Laune, (seinen Ärger) an j-m auslassen’. Bei Luther kommt noch das nichtdiminuierte Mut vor, aber er gebraucht auch schon mütlein, vgl. LSR III 664 (dazu siehe ausführlicher: Eckert 2004).
b) Es ist damit zu rechnen, dass die Wendung in der Vorlage, d. h. bei Luther, sich vom heutigen Deutschen unterscheidet und dementsprechend das Übersetzungsäquivalent bei Bretke einzuschätzen ist. Lehrreich in dieser Hinsicht sind die folgenden Beispiele:
(17) ...wadinamas Hiobas, tas buwa praſtas ir geras [teiſus] Diewobians ir pikta wengis – der hies Hiob, Derſelb war ſchlecht und recht, Gottfürchtig, und meidet das böſe – ...nomine Job, et erat vir ille simplex et rectus ac timens Deum et recedens a malo (Hiob I 1);
(18) Er ne dabóieisi mana Tarno Hiobo? Neſa nera iem ligaus Sžemeie, praſtas ir geras /teiſus/, Diewo bijans ir pikta wengis – Hastu nicht acht gehabt auff meinen knecht Hiob? Denn es
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ist sein Gleiche nicht im Lande, schlecht und recht. Gottfürchtig... – Numquid considerasti servum meum Iob, quod non sit ei similis in terra, homo simplex et rectus ac timens Deum et recedens a malo (Hiob I 8).
Die Reim- oder Paarformel schlecht und recht ist schon im Mittelhochdeutschen bekannt und Luther verwendet sie mehrmals in der Bibelübersetzung außer den oben zitierten Stellen noch 2 Sam XV 3 und im Psalm XXV 21. Zur letztgenannten Stelle vgl.:
(18a) Pratibe ir teifibe [tai] teiffaugoia mane, nefa esch tawes laukiu – Schlecht und recht das behütete mich, Denn ich harre dein (TE 84–85)3.
Die frühneuhochdeutsche Wendung schlecht und recht hatte die Bedeutung ‘einfach (=schlicht) und richtig’, vgl. LSR III 853. Erst nach Luther veränderte sich die Bedeutung immer mehr zum Negativen, vgl. heutiges schlecht und recht ‘mit Mühe, in unvollkommener Weise’; mehr schlecht als recht ‘so gut es möglich ist, aber unvollkommen’ (MDI 415). Bretke überträgt schlecht (=schlicht) überzeugend mit Hilfe des wohl aus dem Slawischen entlehnten prastas, das auch die Bedeutung ‘einfach’ (neben dem schon mehr negativen ‘arm, gering’) haben konnte, vgl. Skardžius (1931: 176). Für die zweite Komponente der Paarform setzt er geras bzw. teisus, das u. a. auch die Bedeutung ‘redlich, rechtschaffen’ hat. In der Quandt-Bibel steht für diese Zwillingsform in beiden Textstellen wiernas ir teisus, wobei wiernas wiederum ein Slawismus ist, der die Bedeutung ‘treu, gläubig, redlich’ hatte, vgl. Skardžius (1931: 236).
c) Die enge Beziehung des Übersetzers zur Vorlage wirft schließlich die Frage nach der Entlehnung, im Falle der Phraseologie vor allem der Übersetzungsentlehnung (Kalkierung) auf, die jedoch häufig nicht leicht zu entscheiden ist. Man kann möglicherweise annehmen, dass in den obigen Fällen wie z. B. burną laikyti, širdį laužti sowie für eine Reihe weiterer Beispiele derartige Kalkierungen vorliegen. Eindeutig lassen sich partielle oder hybride Übersetzungsentlehnungen bestimmen, die dadurch gekennzeichnet sind, dass eine Komponente direkt aus der Ausgangssprache übernommen (entlehnt) wird, während die andere Komponente (oder andere Komponenten) übersetzt werden, vgl.:
(19) PONas ufžu ius Baiu mufch [kariaus] – Der HERR wird fur euch streiten... – Dominus pugnabit pro vobis (2 Mose XIV 14). Für streiten setzt Bretke baju mušti, wobei dieses auf ein ostslawisches *bojb biti ‘Schlacht schlagen’ zurückzuführen ist. Lit. mušti ist die Übersetzung von ostsl. biti, während bojb (poln. boj, weißruss., russ. boj) als bajus, bojus ‘Streit, Schlacht’ direkt ins Litauische entlehnt wurde und zwar nach Ausweis
3 Dieses Werk ist mir erst kurz vor Fertigstellung des vorliegenden Artikels zugänglich geworden.
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von Fraenkel (LEW I 30) bei Bretkun und im Kniga Nobaznistes. In der Sprache der litauischen Folklore ist übrigens die figura etymologica mūši mūšti ‘Kampf, Krieg führen’ gebräuchlich, vgl.:
(20) Aš buvau didžiam kare, ten didį mūšį mušė, ten kardų tvorą tvėrė (aus L. Rhesa’s Volksliedersammlung nach LKŽ VIII 454–455). Auch ostsl. *biti bojb stellt eine figura etymologica dar, die sicher auf Grund der Ablautverhältnisse im Wurzelvokalismus sehr alt ist. Sie wird bezeugt durch folgende Beispiele, die schon eine gewisse Bedeutungsverschiebung aufweisen, vgl.:
(21) altweißruss. боем бул ‘schlug durch Prügelei, Schlägerei’ (GSBM 120; das Beispiel stammt aus dem 15. Jahrhundert);
(22) russ. dial. Чему ж меня отец-мать не учила – До кровавого боя не била ‘Warum haben mich meine Eltern nicht gelehrt / Mich nicht blutig geschlagen’ (um Smolensk – nach SRNG 66). Die Glossierung von baju muš ti durch kariauti ‘Krieg führen’ verweist auf die ursprüngliche Bedeutung der Wendung. Skardžius (1931: 37) führt altlit. bajus, bojus auf weißruss. boj oder poln. boj zurück. Mir scheint, dass in erster Linie das Ostslawische als Quellsprache in Frage kommt. Es ist von Interesse, dass die Quandt-Bibel hier auch karauti hat (entsprechend der frühneuhochdeutschen Vorlage streiten und der Vulgata pugnare):
(22a) Pons Diew’s karáus už jus...
d) Es ist nicht auszuschließen, dass Bretke in einer Reihe von Fällen für einzelne Wortformen im Luther-Text Umschreibungen anbietet, die Wortfügungen darstellen. Ob sie stabil oder gar leicht idiomatisch sind, ist schwer zu beurteilen. Man vgl. dt. frönen – lit. dirbti per baudžiavą:
(23) Eikitegi dirbkite per baudzevą (verbessert aus baudžiwą) – So gehet nu hin vnd frönet (2 Mose V 18);
dt. pfeifen – lit. giedojome wamzdeis:
(24) Giedaiame iumus wamzdeis (wam/ḑziu) a ne schakinieiat – Wir haben euch gepfiffen, vnd jr habt nicht getantzet – Cantavimus vobis tibiis, et non saltastis (Lk VII 32).
ZUR ERMITTLUNG VON PHRASEMEN IM BRETKE’SCHEN BIBELTEXT
1. Harald Burger hat sich ausführlich mit der Identifizierung von Phrasemen in älteren Texten des Deutschen befasst (Burger und andere 1982: 346–382) und ist dabei speziell auf Indizien eingegangen, die sich aus Übersetzungstexten erge-
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ben (op. cit.: 356–360). Aus seiner Typologie der Entsprechungen möchte ich nur auf einen Typ eingehen, für den ich zahlreiche Beispiele in dem von mir gesammelten Material gefunden habe.
Es handelt sich um den Typ „Ausgangssprache: ein Wort – Zielsprache: eine Wortfügung“, wobei jedoch noch zusätzliche Kriterien für den wahrscheinlichen phraseologischen Charakter der Wortfügung in der Zielsprache hinzukommen müssen. In der Bretke’schen Bibelübertragung lässt sich eine bedeutende Anzahl von Beispielen ermitteln, die zwei Untergruppen bilden:
a) Die Ausgangssprache (der Luther-Text) hat die Präposition frühnhdt. fur ‘vor’, der in der Zielsprache Altlitauisch die Wendung po akim (wörtlich: ‘vor den Augen’) zugeordnet wird, mit der Bezeichnungen von Personen, Institutionen, Völkern etc. verknüpft werden, die im Gen. Sg. oder Gen. Pl. stehen, vgl.:
(25) ...idant mano Wardą neſchotu po akim Pagonų ir karalių, ir po akim waikų Iſrael – das er meinen Namen trage fur den Heiden, vnd fur den Königen, vnd fur den kindern von Israel – ut portet nomen meum coram gentibus et regibus et filiis Israel (Apg IX 15);
(26) Po akim Karaliaus ne tieſa dariti (...) ira ne apikanta. Nefa per teiſibe Sołtas ira pałtiprinamas – (1546) Fur den Königen vnrecht thun, ist ein Grewel. Denn durch gerechtigkeit wird der Thron befestiget – Abominantur reges agere impie, quoniam iustitia firmatur solium (Spr Sal XVI 12). Für dieses Beispiel ist anzunehmen, dass Bretke die Bibelausgabe von 1546 benutzt hat und nicht die von 1522; denn hier lesen wir: Es iſt der könige grewel wo ſie gottlos handeln. Denn durch gerechtickeyt wird der thron gefertiget. Auch die lateinische Vorlage liefert keinen Anlass für den Gebrauch von po akim, nur die Lutherübersetzung aus dem Jahre 1546.
b) In vielen Beispielen kommt die Präposition frühnhdt. fur ‘vor’ in Verknüpfung mit Pronomina vor und entsprechend die altlit. Wendung po akim:
(27) Ir kada iſchwilawo (iſhwiſdawo) io ne cʒistos Dwaſias, parpuldawo po io akim, ſchauke, ir biloio. Tu eſi Diewo Sunus – Vnd wenn jn die vnſaubern Geiſter ſahen, fielen ſie fur jm nider, ſchrien, vnd ſprachen, Du biſt Gottes ſon – Et spiritus immundi, cum illum videbant, procidebant ei et clamabant dicentes: „Tu es Filius Dei!“ (Mk III 11);
Auch hier ist es die Luthersche Übersetzung, die den Grund für den Gebrauch von po akim abgibt.
(28) Jei paſſėdes walgiſi ſu Ponu, tad dabokes. Kas po tawa akim ira – Wenn du sitzest vnd iſſeſt mit einem Herrn, So mercke, wen du fur dir haſt – Quando sederis, ut comedas cum principe, diligenter attende, quae apposita sunt ante faciem tuam (Spr Sal XXIII 1). Auch hier nehme ich an, dass Bretke am ehesten die Luther-Ausgabe von 1546 (die eben zitiert wurde) benutzt hat, obgleich auch die Ausgabe von 1522 ein fur enthält: So mercke drauff was fur dyr ſtehet. Die lateinische Vorlage hat allerdings hier das noch deutlichere ante faciem ‘vor dem Angesicht’.
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c) In einigen Fällen gibt Bretke bei Luther vorkommendes bey dir mit po tawa akim wieder:
(29) Kas po tawa akim ko ƒtow? – Wer gilt bey dir etwas? – Quid ad te? (Hiob XXXV 3);
(30) Neƒa ir tarnƒibes po tawa akim ne tamƒibes ira. Ir naktiſ ƒzib kaip diena, tarnƒibe ira kaip ƒchwieƒibe – Denn auch finƒternis nicht finƒter iſt bey dir, vnd die nacht leuchtet wie der tag, Finƒternis iſt wie das liecht – etiam tenebrae non obscurabuntur a te (Ps 139 12).
d) In einer Reihe von Fällen gibt po akim ira Vorhandensein, Dasein von etwas wieder:
(31) ...neƒa Piuwe po akim ira – denn die Erndte iſt da – quoniam adest messis (Mk IV 29);
(32) Schi tai, hadina po akim ira, kaip Sunus ƒzmog aus ingi rankas Griefchnuj tur buti iſchdu- tas – Sihe die ƒtund iſt hie, das des menƒchen Son in der S✓nder hende vberantwortet wird – ecce appropinquauit hora (Mt XXVI 45). Die Ausgabe von 1522 hat etwas abweichend: ƒihe, die ƒtund iſt er bey komen (d.h. ist herbeigekommen) ähnlich wie in der lateinischen Vorlage (sich nähern, herankommen).
Est ist allerdings auch festzustellen, dass Bretke in einigen wenigen Fällen die Wortfügungen von ihren Augen mit pa akim iu und vor mein Angesicht mit mano akim, also völlig wörtlich überträgt:
(33) Girpelnei ne iſſilaika po tawa akim – Die Rhurredtigen beſtehen nicht fur deinen Augen – neque permanebunt iniusti ante oculos tuos (Ps 5 6);
(34) Eƒch Wieƒchpati wiƒsada tureiau po mano akim – (1546) Ich habe den HERRN allezeit furgeſetzt fur mein angesichte (Apg II 25). Die Luther-Ausgabe von 1522 hat hier: Ich hab den herren allȝeyt furgeſeſt fur meyn gesicht (Apg II 25).
Die Frage, ob schon zu Bretkes Zeiten eine Varianz von po akim // po akiu zu verzeichnen ist, konnte ich nicht ganz klären. Jolanta Gelumbeckaitė (2002: 167–168) ist in ihrer Monographie der Meinung, dass pa akiu in pa akim korrigiert worden ist in folgendem Beispiel:
(35) ...nuleida pa akiu (verbessert in: pa akim) Jesaus – mitten vnter ƒie fur Ihesum – summiserunt ... ante Iesum (Lk V 19).
Ob das auch in den folgenden Beispielen so ist, konnte ich auf Grund der mir zur Verfügung stehenden Fakten nicht entscheiden:
(36) ... ir nuwede ghi po akiu (po akim) Rodos – ...vnd ƒureten jn fur den Rat – et adduxerunt in concilium (Apg VI 12);
(37) Ir atwadina anus po ƒawo akiu (po sawo akim) – vnd ƒtelleten ƒie fur ſich (Apg IV 7). Schließ- lich kommt es zu einem Wechsel der Konstruktionen į akis // po akim ‘entgegen’:
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A c t a L i n g u i s t i c a L i t h u a n i c a L X I V – L X V
Zur Phraseologie in der Bibel des Johann Bretke
(38) ...ir kaip ne mȧgzas furtmas prieſch mus buwo (po akim, į akis) wissa nussitikȩghima sziwato pametem – (1546) und nicht ein klein Vngewitter vns wider war, war alle hoffnung vnſers lebens dahin – et tempestate non exiqua imminente (Apg XXVII 20). Übrigens lautet diese Stelle in der Luther-Ausgabe von 1522 abweichend von der eben angeführten: vnd nit eyn kleyne vnftumickeyt vns auff dem hals lage, war alle hoffnung vnſers lebens dahyn. Ebenso hat hier die Vulgata eine andere Formulierung. Es muss hervorgehoben werden, dass hier po akim // į akis auf Grund seiner Bedeutung als separat gegenüber dem Phrasem po akim ‘vor’ anzusehen ist.
Von Interesse ist, dass die Beziehungen zwischen frühnhdt. fur ‘vor’ und altlit. po akim typologisch sich mit den Etymologien von lat. coram und griech. ἐν-ώπιον vergleichen lassen, vgl. latein. coram Präposition ‘angesichts’; in Gegenwart von; vor’ das auf co(m) ‘mit’ + ōram zu ōs, ōris ‘Mund, Antlitz, Öffnung’ zurückgeht4 und griech. ἐν-ώπιον Präposition 1. ‘gegen(über)’, 2. ‘vor’, 3. ‘in Beziehung zu’, 4. ‘in Gegenwart von’ seinerseits mit griech. ὤψ, ἡ, Pl τα ὦπα ‘Blick; Aussehen; Pl ‘Augen, Gesicht’ in Verbindung steht, vgl. homer. εἰς ὦπα ἰδέασθαι ‘ins Gesicht sehen; in die Augen blicken’. Dazu ausführlicher Eckert (2004: 51–62).
2. Ein wichtiges Kriterium für die Ermittlung eines Phrasems ist m. E. die Auffindung von Phrasemvarianten (im Bibeltext bei Bretke, in anderen altlitauischen Sprachdenkmälern und auch für die Sprache der Vorlage). Freie Wortfügungen bilden keine Varianten aus. Im weiteren führe ich nur einige Beispiele aus einer größeren Anzahl von Fällen an, vgl.:
a) Das Substantivphrasem bei Luther heulen und zeenklappen5, unser heutiges Heulen und Zähneklappern ‘allgemeine Angst und Verzweiflung’ (MID 212) ist bei Bretke durch folgende variative Wendungen repräsentiert:
(39) ...werkſmas ir grieſzumas dantų – Da wird ſein heulen vnd zeenklappen – Ibi erit fletus et stridor dentium (Lk XIII 28) : kaukim as ir dantu drebeghimas (Gallus: kaukim as ir dan-tu klabeghimas) (Mt XIII 42). B. Vilentas hat verksmas ir griežimas dantų (nach LKŽ XVIII 760), während die litauische Gegenwartssprache die bereits verkürzte Variante dantų griežimas (FŽ 129) aufweist.
b) Das Verbalphrasem griežti dantis ant ko resp. griežti dantimis ant ko, wörtlich ‘die Zähne (mit den Zähnen) knirschen auf j-n’ mit der phraseologischen Bedeutung ‘auf j-n böse sein’ ist belegt durch folgende Stelle:
4 Siehe Alois Walde (1910: 191). Für den wertvollen Hinweis auf latein. cōram und griech. ἐν-ώπιον in der Diskussion zu meinem Vortrag bin ich Frau Prof. Dr. Jolanta Gelumbeckaitė (Frankfurt) sehr dankbar.
5 Keith Spalding (HDGFU III 1319) verzeichnet bei Hans Sachs die Variante: heulen, grießgramen und zeenklappern.
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RAINER ECKERT
(40) Kaip tai girdeio, eio iemus per schirdi, ir griežę dantis (dantimis) ant jo – (1546) DA fie solchs hōreten, Giengs jnen durchs hertz, vnd bißen die zeene zufammen vber jn – Audien-tes autem haec, dissecabantur cordibus suis et stridebant dentibus in eum (Apg VII 54). Die Ausgabe von 1522 hat eine etwas abweichende Fassung: Da fie solchs horeten, zůschneyds yhn yhr hertz, vnd kyrreten mit zeenen vbir yhn. Altlt. griesze dantis weist wohl die morphologische Variante griesze dantimis auf. Das neue akademische Wörterbuch der litauischen Phraseologie (FŽ 131–132) führt eine ganze Reihe von Varianten für dieses Phrasem an: danįti giẽžti, danįti griežti, dančių griežti, dantis griežti und dantimis griežti – alle mit der Bedeutung ‘böse sein; pykti’. A. Kurschat (LDW I 646) fixiert noch die Variante sàvo iltį grięžti ant ko (wörtlich ‘seinen Augenzahn auf j-n knirschen’) ‘auf einen böse sein’.
c) Bei Bretke lauten die Äquivalente für dt. zu Herzen nehmen: deti širdina sowie deti širdiesp(i):
(41) Bei dek schirdina mana pamokſła – Vnd nim zu herczen meine Lere – Inclina aurem tuam et audi verba sapientium, appone autem cor ad doctrinam meam (Spr Sal XXII 17);
(42) ...ir giwenafis tai deſt schirdielpi – vnd der Lebendige nimpts zu hertzen (Pred VII 3).
d) Das Adverbialphrasem iš visos sylos tritt bei Bretke noch in der Variante iš visų sylų auf, vgl.:
(43) Milek Wieſchpati Diewa tawa iſch wiſsas schirdes tawa, ir iſch wiſsas duſchas tawa, ir iſch wiſsa filas (isch wissu silu) tawa – Du solt Gott deinen HERRN lieben, von gantzem hertzen, von gantzer ſeele, von allen krefften... (Lk X, 27). In den Anmerkungen zur Textausgabe des Neuen Testaments (Range Ed 488) wird auf die Sandhi-Erscheinung in wissa silas (< visos sylos) hingewiesen, sowie auf die Wendungen in den Vorlagen: Luther – von allen krefften, Vulgata – et ex omnibus viribus tuis.
3. Indizien zur Ermittlung eines Phrasems gibt die Verankerung eines Bildes und der dieses Bild wiedergebenden Wendung in einer bestimmten Kultur und Sprache ab, wobei eine deutliche Abhebung dieser Wendung von ähnlichen aber separaten Wendungen in anderen Sprachen und Kulturen erfolgt. Dies trifft besonders auf Phraseme zu, die einen gewissen Symbolcharakter annehmen. Man vgl. z. B. alttestamentliches „Milch und Honig“, repräsentiert durch „Land, wo Milch und Honig fließen“ = ‘ein Land des Reichtums, Überflusses, Wohlstandes, außerordentlicher Möglichkeiten; ein gelobtes Land’, vgl.:
(44) ...ir idant ios iſchweſcziau iſch ſchos Szemes, ing gera ir platų Szemę, ing Szemę, pluſtanczę Pienu ir Medumi – ...und fie ausfure aus dieſem Lande, in ein gut vnd weit Land, In ein land, darinnen milch vnd honig fleuſſt... – et educam de terra illa in terram bonam et spatiosam, in terram quae fluit lacte et melle (2 Mose III 8).
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Acta Linguistica Lithuanica LXIV–LXV
Zur Phraseologie in der Bibel des Johann Bretke
(45) ...Sżemena /ing Sżeme/ Pienu ir Midumi plutancze... – In das Land darinne milch und honig fleußt – ad terram fluentem lacte et melle (2 Mose III 17)6.
Neben den Varianten pienas ir medus resp. pienas ir midus kommt noch ein medus ir sviestas ‘Milch und Butter’ vor, das bereits in der Vorlage bei Luther und in der Vulgata in dieser Form vorkommt:
(46) Ghis ne ischwijs Strowiu nei Vpių Ṁedumi ir Swieftu plustancziu – Er wird nicht sehen die Strōme noch die waßerbeche, die mit honig und butter fließen – Non videat rivulos olei, torrentes melles et butyri (Hiob XX 17).
Die Paarformel mit ‘Honig und Milch’ kommt auch im Hohelied Salomons, im Anschluß an einen Vergleich, der die Bezeichnung für Honigseim enthält, vor:
(47) Tawa lupos, miela Marti, ira kaip koris mædaus, mædus ir piens ira po tawa ließuwio... – Deine Lippen, meine Braut, sind wie triefender honigseim, honig und milch ist unter deiner Zungen – Favus distillans labia tua, sponsa; mel et lac sub lingua tua (Hohel Sal IV 11).
An einer anderen Stelle in Hohelied Salomos liegt wahrscheinlich noch der präphraseologische Gebrauch von „Honigseim“, „Honig“, „Wein“ und „Milch“ vor und damit auch gleich die Ausgangssituation für die Variante „Milch und Wein“, vgl.:
(48) Esch sawa korio ir mædaus walĝiau, Esch sawa Wino ir Pieno geriau – Ich hab meines Seims sampt meinem Honige gessen, Ich hab meins Weins sampt meiner Milch getruncken – comedi favum cum melle, bibi vinum cum lacte meo (Hohel Sal V 1)
Keith Spalding (HDGFU V 1692) vermerkt, dass auch „Milch“ und „Wein“ in Juxtaposition vorkommen und zwar ebenfalls in der Bibel, vgl.:
(49) ...werden die Berge von jüffem Wein trieffen, und die Hügel von Milch fließen – stillabunt montes mustum, et colles fluent lacte (Joel IV 18). Er führt noch die Wendungen „Milch“ und „„süße Kost“ bzw. „Milch und Wein“ aus Schriften der Barockzeit an, z. B.
(50) dem Mund hat mich gelabet mit Milch und süßer Kost’;
(51) zum gelobten Land, da Milch und Wein stets fleuß herein.
Die Quand-Bibel weist in den oben angeführten Belegstellen dieselben Wendungen auf, nämlich pienas bey meddus resp. meddus ir swi estas, vgl.:
(51a) ...ir ißwelti jüs iß ßôs źémės i géra ir plácze źéme, i źéme, kurroį pienas bey meddus įklyfta (2 Mose III 8);
6 Hier gebraucht Bretke anstelle des sonst üblichen altlit. medus ‘Honig’, das etwas abweichende midus ‘Met, Honigseim’ das semantisch sehr gut paßt un einen gewissen Übergang zu den Varianten mit „Wein“ darstellt. Fraenkel nimmt für midus Entlehnung aus dem Germanischen an (LEW 446–447).
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R A I N E R E C K E R T
(51b) aβ jus iβwellu...i žėme...kur pien’s bey meddus ʃklyfta (2 Mose III 17);
(51c) Jis ne mattys ʃtrowės, ney páuppes, meddumi ir ʃwieftu tékanʒes (Hiob XX 17);
Kazys Grigas behandelt in seiner Monographie Литовские пословицы (1987: 77–95) das litauische Sprichwort Kur mūšų nēra, veršiai midų geria (wörtlich: ‘Wo wir nicht sind, trinken die Kälber Honigtrank’; Sinn: ‘Wo wir nicht sind, ist es sehr gut’) und seine vielzähligen Varianten. Dabei streift er die biblischen Wendungen des Typs „Milch und Honig“ und verbindet das lit. Sprichwort Kur mūšų nēra, ten ir upės pienu plaukia damit. Er unterstreicht allerdings, dass letzteres ironisch gebraucht wird, was auf die biblischen Wendungen keineswegs zutrifft, allerdings ist der Einfluss der biblischen Wendung augenscheinlich. Von besonderem Interesse jedoch ist, dass Grigas unter Verweis auf meinen ersten Aufsatz zur historischen Phraseologie des Baltischen und Slawischen (siehe Eckert 1968: 79–81) für diese Sprachen eine alte Wendung „Honig & Bier trinken“ voraussetzt, der gegenüber das oben erwähnte litauische Sprichwort spezieller und jünger ist. Nach meiner Meinung existiert neben der biblischen (alttestamentlichen und möglicherweise mit der hebräischen Folkloretradition in Zusammenhang stehenden) Wendung „Milch und Honig“ bzw. „Honig und Wein“ eine davon völlig separat zu betrachtende Wendung „Honig & Bier“ (ostbalt. medus & alus; ursl. medъ & olъ) im Baltischen und Slawischen, die auf die Verknüpfung (und Opposition) der Bezeichnungen für das alte berauschende Süßgetränk und Bittergetränk zurückgehen. Es liegen hier von ihrem Inhalt gesehen ziemlich ähnliche Wendungen vor, die jedoch ganz verschiedenen Traditionen und damit zusammenhängenden Kulturen entspringen.
4. Bei der Ermittlung von Phrasemen sind mehrere Belege aus einem Sprachdenkmal bzw. mehrere Belege aus verschiedenen Sprachdenkmälern derselben Epoche hilfreich. Ein Beispiel dafür ist der stehende Vergleich (oder das Komparativphrasem) „A ist weiß wie der Schnee“:
(52) Ir io Weidas buwa kaip Sӡiebai, ir io Rubas baltas kaip Sniegas – Vnd ſeine geſtalt war wie der bliʒ, vnd ſein Kleid weis als der ſchnee – Erat autem aspectus eius sicut fulgur, et veſtimentum eius candidum sicut nix (Mt XXVIII 3).
Aus der Postille des Bretke von 1599 (II 399) ist nach Klementina Vosylyte (LKPŽ 250) folgender Beleg (in bereits der heutigen Norm angeglichener Schreib-ung) bekannt:
(53) Ir rūbas jo baltas kaip sniegai.
In der Bibelübersetzung von Samuel Boguslav Chylinski lautet dieselbe Stelle:
(54) Rūbai jo balti kaipo sniegas (Nach LKŽ XIII 250 ebenfalls mit angeglichener Schrei-bung).
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Zur Phraseologie in der Bibel des Johann Bretke
ZU EINIGEN SPRICHWÖRTERN UND ZWEI GRUSSFORMELN
In diesem letzten Abschnitt will ich einige wenige Ausführungen zur Phraseotextemik machen und zwar zu einem wichtigen Bereich daraus, zu den Parömien oder Sprichwörtern.
1. Verweilen wir zuerst bei dem deutschen Sprichwort Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, als dessen Quelle im „Sprichwörterlexikon“ von Horst und Annelies Beyer (1987: 232) die Sprüche Salomos bezeichnet werden. Dort heißt es:
(55) Kafasis dübe, ipuls. Ir kas raicӡoji (?) [anstelle von ausgestrichenem ritta] akmeni, ant to puls (ateis) – Wer eine Gruben macht, der wird drein fallen, Vnd wer einen stein waltzet, auff den wird er komen – Qui fodit foveam, incidet in eam; et, qui volvit lapidem, revertetur ad eum (Spr Sal XXVI 27) und
(56) O kaſanſis dübe, pats ipuls. Ir ardanti tworą, kirmis (ſzaltis, ingels) įkas – Aber wer eine Gruben macht, der wird ſelbs drein fallen, Vnd wer den Zaun zureiſſet, den wird eine Schlange ſtechen (Pred X 8). Beide Belegstellen enthalten jeweils noch ein synonymisches Sprichwort. Man kann wahrscheinlich den Sinn des uns interessierenden bildlichen Sprichwortes wie folgend wiedergeben: ‘Ein Ungemach erleidet der selbst, der es einem anderen zufügen möchte’.
Es existiert ein Zusammenhang zwischen Phraseotextemen und Phrasemen, der vor allem darin besteht, dass nicht wenige Phraseme aus Teilen (Segmenten) von Phraseotextemen bestehen, d. h. einer der Wege der Phrasembildung ist die Verselbstständigung von Teilen von Phraseotextemen. Man vgl. dazu:
(57) Jus uſӡpūlat Sȳrata, ir kaſat Artimoiui iuſu Dūbe – (1545) Ir fallēt uber einen armen Waisen, vnd grabt ewrn Nehesten gruben – Super pupillum irruitis et subvertere nitimini amicum vestrum (Hiob VI 27). Wahrscheinlich greift auch hier Bretke auf die Luther-Ausgabe von 1545 zurück; denn die Ausgabe von 1524 weist einen etwas anderen Wortlaut auf: yhr fallet uber eynen armen wayſen, vnd rottet ewern nehſten aus.
2. Auch Sprichwörter weisen häufig Varianten auf, vgl.:
(58) Ne wienas bernas ne gal dwiem ponam ſluſziti – Kein Haushnecht kan zweien Herrn dienen – Nemo servus potest duobus dominis servire (Lk XVI 13) und
(59) Newienas negal dwiem Ponam ſluſziti – Niemand kan zweien Herrn dienen (Mt VI 24). Das eben zitierte Sprichwort weist durch den Wegfall des bernas bereits eine stärkere Verallgemeinerung auf.
3. Obwohl die folgenden Beispiele sich z. T. erheblich voneinander unterscheiden, sind sie doch wohl als Varianten eines Phraseotextems (hier Sprichwortes) aufzufassen:
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RAINER ECKERT
(60) Bet Jefus biloio jemus. Nera Prarakas be czel̄ties, tiktai Tiewifchkioia ir namie prieg ſawuiu – Jheſus aber ſprach zu jnen, Ein Prophet gilt nirgend weniger, denn im Vaterland, vnd daheim bey den ſeinen – Et dicebat eis Iesus: “Non est propheta sine honore nisi in patria sua et in cognatione sua et in domo sua” (Mk VI 4).
(61) Prarakas niekur ne tur maſz̄efnios garbes, net Tiewifchkioia sawa, ir sawa Namūſu – (1546) Ein Prophet gilt nirgend weniger, denn in ſeinem Vaterland vnd in ſeinem Hauſe (Mt XIII 57). Auch hier unterscheidet sich die Lutherausgabe von 1522: Eyn prophet gilt nyrgend weniger denn da heym vnd bey den ſeynen.
(62) Ne wienas prarakas (wiens praraks) priīmtas ira tewiſchkiei sawa – Kein Prophet iſt angenem in ſeinem Vaterlande (Lk IV 24).
(63) Nesa ghis pats Jeſus liudīja, ſog Prarakas ſawo tiewiſchkeie garbes ne tur – Denn er ſelber Jhesus zeugete, das ein Prophet da heim nichts gilt (Jh IV 44).
Es versteht sich, dass in Bretkes Bibelübersetzung viel mehr Sprichwörter vorkommen und hier nur exemplarisch auf einige eingegangen werden konnte. Überhaupt lässt sich feststellen, dass der Sprichwortschatz der modernen europäischen Sprachen in bedeutendem Maße von den Parömien, die schon in der Bibel vorkommen, geprägt worden ist.
Der Vollständigkeit halber führe ich ganz am Schluss noch zwei Phraseotexte-me mit appellativischer Funktion (hier: Grußformeln) an:
(64) Giwenk ſu Diewu [weikas]! – Gehab dich wol! (Apg XXIII 30). Hier ist es notwendig einen größeren Kontext heranzuziehen: Es handelt sich um einen Brief, den der Oberhauptmann an Klaus ius Lysias schrieb, der in diesem 23. Kapitel zitiert wird und an dessen Ende die erwähnte Grußformel steht. Der alternativ angefügte Gruß (Swei-kas!) lässt keinen Zweifel daran, dass es sich bei Giwenk su Diewu! (wörtlich: ‘Leb’ mit Gott!’) um eine Grußformel handelt. In verkürzter Form tritt diese Grußformel noch in folgendem Beispiel auf:
(65) Su Diewu (!) – Gehabet euch wol! – ...abstinere ab idolothytis et sanguine et suffocatis et fornicatione; a quibus custodientes vos bene agetis. Valete (Apg XV 29). Einen erweiterten Kontext führe ich nach der Luther-Ausgabe von 1546 an: Das jr euch enthaltet vom Götzenopffer vnd vom Blut, vnd vom Erſticktem, vnd von Hurerey, von welchen, so jr euch enthaltet, thut jr recht, Gehabete euch wol.
Natürlich ließen sich auch für diesen Typ von Phraseotextemen weitere Beispiele anführen.
Aus dem Dargelegten geht hervor, dass in der Gesamtübersetzung der Bibel durch Johann Bretke ins Altlitauische der ganze Reichtum und die große Vielfalt phraseologischer Einheiten, die in der Heiligen Schrift enthalten sind, ihren Niederschlag gefunden haben. Das betrifft die verschiedenen Kategorien phraseologischer
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Zur Phraseologie in der Bibel des Johann Bretke
gischer Einheiten, angefangen von Minimalphrasemen des Typs alit. po akim, über die verschiedenen Phrasemklassen (wie Substantivphraseme, Verbalphraseme, Prädikativphraseme, Adverbialphraseme etc.) bis zu besonderen Typen wie Paarformeln, stehenden Vergleichen, Phraseoschemata, figurae etymologicae und schließlich verschiedenen Typen von Phraseotextemen (Sprichwörter, Grußformeln). Einen bedeutenden Raum in der Untersuchung nehmen die Ausführungen über die Wiedergabe der bei M. Luther vorkommenden idiomatischen Wendungen und ihre Übertragungen durch Bretke ein, die, abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen, als gelungen bezeichnet werden können. Die Problematik der Kalkierung wird detailliert erörtert. Besondere Beachtung fanden die Probleme der phraseologischen Varianten sowie die verschiedenen Stufen der Idiomatizität der betrachteten Wendungen.
Einige der genannten Probleme (so das Verhältnis von frühneuhochdeutsch fur ‘vor’ und altlit. po akim sowie die Äquivalente für frühneuhochdeutsches seinen Mut / Mütelein / an j-m (ab)kühlen in der Bretke-Bibel sowie in weiteren altlitauischen Denkmälern und im modernen Litauischen) wurden in meinem Aufsatz Phrase and Idiom in Bretke’s Old Lithuanian Bible weiter untersucht und beschrieben.
Resümierend möchte ich nur eines festhalten: Der Idealfall wäre, wenn es gelänge, für jedes einzelne Phrasem und Phraseotextem aus der Bibel eine knappe monographische Beschreibung zu erstellen unter Berücksichtigung der Ausgangssprache (Luther-Bibel, aber auch deren Vorlagen in lateinischer, griechischer und hebräischer Sprache) und der Zielsprache (Altlitauisch des letzten Drittels des 16. Jh). Dies wäre eine in jeder Hinsicht befriedigende Grundlage für die diachronische Phraseologieforschung des Litauischen.
LITERATUR
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Zur Phraseologie in der Bibel des Johann Bretke
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SRNG – Словарь русских народных говоров, ред. Ф. П. Филин, вып. 3. Ленинград: Наука, 1968.
TE – Textkritische Edition der Übersetzung des Psalters in die Litauische Sprache von Johannes Bretke, Pastor zu Labiau und Königsberg i. Pr., nach der Handschrift aus dem Jahre 1580 und der überarbeiteten Fassung dieses Psalters von Johannes Rehsa, Pastor zu Königsberg i. Pr., nach dem Druck aus dem Jahre 1625 nebst der Übersetzung des Psalters in die deutsche Sprache von Martin Luther nach der Ausgabe aus dem Jahre 1545, unter Mitarbeit von Friedemann Kluge, mit eine Einleitung versehen und hrsg. von Friedrich Scholz, Biblia Slavica, hrsg. von Hans Rothe und Friedrich Scholz, unter Mitarbeit von Christian Hannick und Ludger Udolph, Serie VI: Supplementum: Biblia Lithuanica, Reihe 2: Editionsbände, Band 6, Paderborn, München, Wien, Zürich: Ferdinand Schöningh, 2002.
Walde Alois 1910: Lateinisches etymologisches Wörterbuch, 2. Auflage. Heidelberg: Carl Winter Verlag.
WW – Wörter und Wendungen. Wörterbuch zum deutschen Sprachgebrauch, hrsg. von Erhard Agricola unter Mitwirkung von Herbert Görner und Ruth Küfner. Leipzig: Bibliographisches Institut, 1975.
Бирих Александр, Мокиенко Валерий, Степанова Людмила 1998: Словарь русской фразеологии. Историко-этимологический справочник. Под ред. В. М. Мокиенко, Санкт-Петербург: Фолио-Пресс.
Гак Владимир 1996: Специфика библейских фразеологизмов в русском языке. – Frazeologia a religia. Tezy referatów międzynarodowego sympozjum naukowego. Opole, 4–6 września 1996 r., 10.
DIE QUELLEN
I. Aus dem Alten Testament habe ich für meine Untersuchung nur Teile herangezogen, nämlich jene, die in der Edition von J. Palionis und J. Žukauskaitė Jonas Bretkunas. Rinktiniai raštai (abgekürzt: B, RR), Vilnius 1983: 33–312 enthalten sind. Auch der Kommentarteil dazu (S. 332–359) wurde berücksichtigt.
II. Das Neue Testament der Bretke’schen Bibelübersetzung konnte ich anhand des noch nicht veröffentlichten Editionsbandes 7 (abgekürzt: Range Ed) durcharbeiten. Ich möchte an dieser Stelle für das freundliche Entgegenkommen, mir eine Zeit diesen Band zu überlassen, Prof. Dr. Jochen D. Range herzlich danken.
Es handelt sich um die Edition: Navias Testamentas Ing Lietuwischka Lieszuwi perraschitas per Jana Bretkuna Labguwos plebona 1580. Das Neue Testament in die litauische Sprache übersetzt von Johann Bretke, Pastor zu Labiau 1580. Edition der Handschrift, Bd. 7 und 8,
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RAINER ECKERT
Labiau i. Pr. 1580. Bd. 7: Evangelien und Apostelgeschichte. Bearbeitet von Jochen D. Range. Ferdinand Schöningh Paderborn–München–Wien–Zürich sowie um das Beiheft zu Bd. 7: Anmerkungen und Erläuterungen (S. 520–544) bearbeitet von Jochen D. Range.
III. Für die Luther’sche Vorlage wertete ich folgendes Werk aus: D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe. Die Deutsche Bibel 1522–1546. Bd. 1 – Weimar, 1906; Bd. 2 – Weimar, 1909; Bd. 6 – Weimar, 1929; Bd. 8 – Weimar, 1954; Bd. 10, 1. Hälfte – Weimar, 1956; Bd. 10, 2. Hälfte – Weimar, 1957; Bd. 11, 2. Hälfte – Weimar, 1960.
IV. Die Quandt-Bibel zitiere ich nach: Biblia Tai esti Wissas Szwentas Raßtas Seno ir Naujo Testamento, Karalauczuje, 1736.
[Bemerkung des Autors: Der vorliegende Beitrag stellt den Vortrag dar, den ich am 27.09.2002 auf der internationalen Tagung „400 Jahre Litauische Bibel: Philologische und theologische Aspekte der Bretke-Forschung“ gehalten habe. Die erwähnte Konferenz wurde vom 26. bis 29. September 2002 an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald von Prof. Dr. Jochen D. Range veranstaltet. Da bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt (08.04.2011) die Materialien dieser Konferenz nicht erschienen sind, sehe ich mich veranlasst, auf diesem Wege die Publizierung meiner Arbeit zu realisieren. – R. E.].
Dėl Jono Bretkūno Biblijos frazeologijos
SANTRAUKA
Straipsnio tikslas – aptarti Jono Bretkūno Biblijos vertimo frazeologizmus. Šiame vertime daug kompleksinių elementų, idiomų ir frazemų. Straipsnyje skiriamos dvi kategorijos: elementai, besiremiantys biblinėmis idiomomis, ir elementai, kurie remiasi tam tikromis situacijomis. Straipsnyje pateikiama daug pavyzdžių, parodančių, jog Bretkūno vertime prielinksniinė konstrukcija gali atitikti Liuterio Biblijos vieną žodį. Iš straipsnyje pateikiamos medžiagos matyti, kaip frazeologizmai įvairuoja ir kaip yra reiškiami. Straipsnyje minimi ir frazeologizmai, atliekantys sakinio funkciją kaip pasisveikinimo formulės, pvz.: Liuterio Biblijoje parašyta: Gehab dich wol! : sen. lie. Giwenk su Dievu! (sveikas) : lot.: Valete! (Apg XV 29). Būtų svarbu parengti trumpą kiekvienos Biblijos frazemos raiškos abiejose – tiek šaltinio, tiek vertimo – kalbose aprašymą, aptariant variantus ir jų specifinius semantinius bruožus.
Įteikta 2011 m. balandžio 8 d.
RAINER ECKERT
Murtzner Ring 16, D-12681 Berlin, Deutschland
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Acta Linguistica Lithuanica LXIV–LXV