“Būdvardžių darybos raida. The Development of Adjective Formation”
Full text
WILLIAM R. SCHMALSTIEG
The Pennsylvania State University
Forschungsgebiete: Indogermanistik, Baltistik, insbesondere Altpreußisch, slawische Sprachen.
DIE ENTWICKLUNG DER ADJEKTIVBILDUNG
Saulius Ambrazas; herausgegeben von Danguolė Mikulėnienė
Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 2011, 274 p. ISBN 978-609-411-066-5
Mit dieser Monografie hat der Autor sein dreiteiliges Werk über die Entwicklung der Bildung litauischer Substantive abgeschlossen. Der erste Teil „Daiktavardžių darybos raida. Lietuvių kalbos veiksmažodiniai vediniai“, der der Entwicklung der Substantive (Verbableitungen) gewidmet ist, erschien 1993, der zweite Teil „Daiktavardžių darybos raida. Lietuvių kalbos vardažodiniai vediniai“, der der Entwicklung der Substantive (nominale Ableitungen) gewidmet ist, erschien 2000. Leider verstarb der Autor, bevor er die endgültige Fassung des dritten Teils seines Werks zur Veröffentlichung vorbereiten konnte. Diese Monografie wurde auf der Grundlage seiner Manuskripte und in litauischen und nichtlitauischen linguistischen Zeitschriften veröffentlichter Artikel erstellt. Sie ist in drei verschiedenen Sprachen verfasst. Der Hauptteil besteht aus sechs Kapiteln auf Litauisch zur Adjektivbildung (S. 7–155), gefolgt von einem Abschnitt auf Englisch mit dem Titel ‘Some Indo-European Features of the Baltic Adjectives’ (S. 156–180). Den Abschluss bildet ein von Daniel Petit ins Französische übersetzter Artikel mit dem Titel ‘Baltique oriental et baltique occidental, baltique et slav: le problème de leurs relations anciennes du point de vue de la formation des mots’, der ursprünglich in der Zeitschrift Histoire Épistémologie Langage 26/II (2004): 43–79 (S. 181–211) veröffentlicht wurde. Es folgen die Abkürzungen (S. 212–213), die Literaturangaben (S. 214–239), ein litauisches Wortregister (S. 240–266) und ein Namenregister (S. 267–272).
In Kapitel 1 schreibt der Autor, dass sich wichtige Informationen über die Bildung von Adjektiven bereits in den frühesten litauischen Grammatiken finden, den Grammatiken von Daniel Klein (1653 – Grammatica Litvanica; 1654 – Compendium Litvanico-Germanicum) sowie von Kristupas Sapūnas und Theophylus Gottlieb Schultz (1673 – Com-
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pendium Grammaticae Lithuanicae). Beide Grammatiken betonen, dass Diminutive sowohl das Genus als auch die Endungen des Grundworts beibehalten, z. B. hat juodas ‘schwarz’ das Diminutiv juodokas ‘schwärzlich’, während saldus ‘süß’ das Diminutiv saldokus ‘süßlich’ hat. Dieses Merkmal ist jedoch offenbar keine alte Wortbildungstechnik, sondern vielmehr eine Innovation, die besonders in östlichen Dialekten vorkommt. Ein weiteres Diminutivsuffix ist -intelis(-ė). So findet man in den erwähnten frühesten Grammatiken sowohl silpnintelis ‘ein wenig schwach’ als auch silpnokas ‘ebd.’. Die ersten Grammatiken verzeichnen auch die adjektivischen Suffixe -iškas und -inis, vgl. etwa kūniškas ‘körperlich, leiblich’ und geležinis ‘eisern’. In Kleins Grammatik finden sich einige Zahladjektive mit den Suffixen –(i)okas(–a)) und –(i)opas(–a)), z. B. vienokas und vieneropas ‘derselbe, ähnlich’, während wir in der Grammatik von Sapūnas und Schultz nur das Suffix -opas antreffen, z. B. vieneropas. Auch die Grammatiken von August Schleicher (1856) und Friedrich Kurschat (1876) werden erwähnt, ebenso wie die Arbeiten anderer Gelehrter, etwa August Leskiens, der als Erster litauische Nominalsuffixe vor dem Hintergrund der indogermanischen Wortbildung untersuchte. Die Arbeiten von Pranas Skardžius, Kazimieras Būga, Pranas Kniūkšta, Jan Otrębski, Jan Endzelin und anderen werden erörtert. Das Kapitel endet mit Adelė Valeckienės Klassifikation von sechs Adjektivkategorien: 1) Adjektive, die Verstärkung oder Quantität bezeichnen; am wichtigsten sind hier die Diminutive mit dem Suffix –(i)okas(–a)); 2) Adjektive, die inhärente Eigenschaften bezeichnen; zu dieser Kategorie gehören Ableitungen mit dem Suffix -ingas(–a) sowie die äußerst produktiven Verbaladjektive mit dem Suffix –us(–i), die eine aus der entsprechenden Handlung (dem entsprechenden Zustand) hervorgehende charakteristische Eigenschaft bezeichnen, z. B. apdairūs(–i) ‘umsichtig’, atsargūs(–i) ‘vorsichtig’ usw.; 3) Adjektive, die äußere Eigenschaften bezeichnen –(i)uotas(–a), –(i)otas(–a)), –ėtas(–a); 4) Adjektive, die ähnliche oder charakteristische Eigenschaften bezeichnen und größtenteils mit dem Suffix -iškas(–a) gebildet werden; 5) Adjektive, die kennzeichnende Merkmale bezeichnen; zu dieser Kategorie gehören die produktiven Ableitungen mit –inis; 6) Adjektive, die resultierende Eigenschaften bezeichnen; dies sind größtenteils Verbalableitungen mit dem Suffix –us(–i), z. B. aptakūs(–i) ‘stromlinienförmig’, išlaidūs(–i) ‘verschwenderisch’. Wie Ambrazas jedoch anmerkt, sind die Grenzen zwischen den Kategorien nicht immer ganz eindeutig.
Kapitel 2 ist den Kategorien der Adjektivbildung aus historischer Sicht gewidmet. Wie die Substantive lassen sich auch die Adjektive in verbale und nominale Kategorien einteilen. Verbaladjektive bezeichnen gewöhnlich Eigenschaften, die aus Handlungen (oder Zuständen) hervorgehen, und werden meist mit dem Suffix –us(–i) gebildet, z. B. platūs(–i) ‘breit’, našūs(–i) ‘produktiv’. Dieser alte Wortbildungstyp wurde sehr produktiv und breitete sich auf Kosten anderer Typen aus. Das Litauische hat aus dem Indogermanischen auch weitere, seltenere Suffixe mit ähnlicher Funktion geerbt: *–no–, *–lo–, *–ro–, *–to–, *–uo–. Diese werden durch alte Ableitungen repräsentiert, die in einer Reihe verwandter Sprachen Kognaten haben, z. B. pilnas ‘voll’, tūlas ‘viele’, aštras ‘scharf’, stãtas und statūs ‘steil, senkrecht’, gyvas ‘lebendig’. Die Suffixe *–to– und *–no– weisen eine alte semantische
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Zusammenhänge, vgl. bál-tas ‚weiß‘ und bál-nas ‚mit weißem Rücken‘. Das Suffix –t– wurde im Baltischen zur Bildung des Passivpartizips verwendet; anders als im Slawischen übernahm das Suffix –n– diese Funktion dort nicht. Die litauischen nominalen Adjektive weisen mehrere Arten produktiver Bildungen auf. Ihre semantische Differenzierung ist stärker ausgeprägt, doch wenn man sie historisch untersucht, findet man Verbindungen zwischen früheren semantischen Beziehungen und Bildungstypen, die auf den ersten Blick recht unterschiedlich sind. Bereits Pranas Skardžius stellte fest, dass Adjektive mit den Suffixen –(i)otas(–a), –(i)uotas(–a), –ėtas(–a) nicht nur äußere, oberflächliche, sondern auch innere Merkmale bezeichnen (wie Ableitungen mit dem Suffix –ingas(–a)). Das Alter der semantischen Ableitungen dieses Typs wird durch Kognaten wie lit. barzdótas ‚bärtig‘ bestätigt, das gut zu OCS *bradatъ, poln. brodaty, russ. borodatyj, lat. barbātus entspricht. Zugleich können Ableitungen mit demselben Suffix eine innere Eigenschaft bezeichnen, z. B. lit. dievótas ‚fromm, gottesfürchtig‘, lett. dievuots ‚gut, prächtig‘, OP deiwuts ‚gesegnet, gerettet‘, ebenso wie OCS *bogatъ ‚reich‘ und lat. fortūnātus ‚glücklich‘.
Diminutive bilden eine besondere Kategorie nominaler Adjektive. Sie bezeichnen im Allgemeinen einen höheren oder geringeren Grad einer Eigenschaft und tragen eine Nuance der Zuneigung, z. B. gerókas ‚ziemlich gut, beträchtlich‘, didókas ‚ziemlich groß‘. Diese stehen in engem Zusammenhang mit Zahlwortableitungen, z. B. vienókas(–a) ‚gleich, gleichartig‘, dvejókas ‚zweierlei‘ (vgl. OCS двоjakъ), die bereits im 16. Jahrhundert durch Ableitungen auf –(i)opas(–a) ersetzt wurden.
Daher wären in der Geschichte der litauischen Adjektivableitung drei Kategorien zu unterscheiden: 1) Adjektive, die eine Handlung und deren Ergebnis bezeichnen; 2) Adjektive, die eine Eigenschaftszuweisung bezeichnen; 3) diminutive Adjektive. Diese Kategorien wurden höchstwahrscheinlich aus der späteren indogermanischen Grundsprache ererbt, waren jedoch seit alters her eng miteinander verbunden.
Kapitel 3 behandelt die Ableitungssuffixe von Adjektiven, die eine Handlung oder deren Ergebnis bezeichnen. Am weitesten verbreitet ist das Suffix –us(–i) des *–u–Stammes, ein alter Ableitungstyp. So unterscheidet sich lit. platùs(–i) ‚breit‘ vom OI pr̥thú- und Avest. parəθu- sowie griech. πλατύς ‚breit‘ nur durch die Ablautstufe. Im Litauischen wurde dieser Ableitungstyp sehr produktiv, und Ableitungen entstehen häufig sowohl aus sekundären als auch aus primären Verben, z. B. skalùs ‚leicht spaltbar‘ zu skáldyti ‚spalten‘, manchmal auch mit Ablautwechsel, z. B. marùs ‚leicht sterbend‘ zu mìrti ‚sterben‘. Das Fehlen von *–u–Stamm-Adjektiven im OP und Lettischen scheint dafür zu sprechen, dass ihre Produktivität im Litauischen jüngeren Datums ist. Im Baltischen wie auch in anderen indogermanischen Sprachen gibt es eine recht große Zahl deverbal gebildeter *–no–Ableitungen, z. B. lit. pìlnas(–à), lett. pìlns, OP pilnan, slaw. *pъlnъ / pъlnъ, germ. fulna, altir. lān, Skt. pūrṇá, Avest. parəna- ‚voll‘. Im Litauischen gibt es viele solche Ableitungen, z. B. drėgnas ‚feucht‘ (vgl. drėkti ‚feucht werden‘) usw. Im LKŽ finden sich 105 Beispiele, von denen 73 *–u–Stamm-Dublettformen haben, z. B. kìlnas(–à) ‚edel‘ und kìlnus(–ì). Ableitungen mit *–no– haben häufig Dubletten auf *–lo–, vgl. krėsnas ‚schwer und kräftig gebaut‘ und
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krēslas. Verbale Adjektive mit dem Suffix *-ino-, die aus einer kleinen Zahl von Verben gebildet werden, sind für westliche Dialekte charakteristisch. Einige davon, die von transitiven Verben abgeleitet sind, stehen ihrer Bedeutung nach den Partizipien nahe, z. B. nėšinas(-ā) ‚tragend‘. Im Allgemeinen sind verbale Adjektive mit Ableitungssuffixen aus *-no- im Baltischen und in verwandten Sprachen nicht mehr produktiv. Verbale Adjektive mit dem Suffix -tinas(-ā) haben im Allgemeinen eine Notwendigkeitsbedeutung und werden häufig als ‚Notwendigkeitspartizipien‘ bezeichnet, so etwa nėštinas(-ā) ‚zu tragen‘. Ähnlich wie das Suffix -tinas wird das Suffix -tinis von Passivpartizipien auf *-to- abgeleitet, doch sind diese Bildungen jüngeren Datums, entstanden nur im Litauischen und begegnen vorwiegend in den Wörterbüchern von Sirvydas, z. B. abejotinis ‚wątpliwy (zweifelhaft)‘. Einige litauische verbale Adjektive auf *-lo- haben tiefe historische Wurzeln. So lässt sich die Ableitung tūlas(-ā) ‚viele‘ aus synchronischer Sicht nicht mehr in ihre Bestandteile tū-las(-ā) zerlegen. Aus dem indogermanischen Verb *teu-/tu-/tū- ‚anschwellen, zunehmen‘ haben wir auch lit. tù-mtas, tu-ñtas / tù-ntas ‚große Menschenmenge, Regiment‘, tù-mstas, tū́kstantis ‚tausend‘.
In einigen Fällen begegnet der Wechsel der drei Suffixe -lo-, -ro- und -no- bei derselben Wurzel, vgl. kiblūs(-i) ‚anhaftend, klebend‘, kibnùs ‚anhaftend‘, kibrùs(-i) ‚neugierig‘. Das Suffix -lus(-i) ist recht produktiv geworden; dabei haben die u-stämmigen Formen die o-stämmigen ersetzt. So wurde das ältere Adjektiv gāilas(-ā) ‚traurig, kummervoll‘ durch die u-stämmige Form gailùs (-i) ersetzt. Das Suffix -lus(-i) weist auch die Varianten -slus(-i) und -šlus(-i) auf, so etwa bailus ‚ängstlich, feige‘ und baislùs sowie tuklùs ‚fettleibig‘ und tukšlùs–(i) ‚weich‘.
Das Suffix *-mo- dient seit frühester Zeit dazu, Adjektive von Verben abzuleiten. Die indogermanischen Formen *kai-ma- / *kei-ma- haben lit. káimas, OP caimis ‚Dorf‘, lit. kiēmas ‚Hof‘ und lett. ciems ‚Dorf‘ hervorgebracht. (Ambrazas’ Literaturangabe PKEŽ III 76ff. ist in PKEŽ II 76ff. zu korrigieren.) Ambrazas merkt an, dass das Suffix -mas(-ā) auch mit der Variante des –u–Stammes -mus(-i) vorkommt; belegt sind beispielsweise beide Varianten lai-mas(-ā) ‚glücklich‘ und lai-mus(-i).
Die meisten verbalen Adjektive mit dem Suffix *-mo- sind in den baltischen Sprachen zu Passivpartizipien geworden, obwohl einige von ihnen auch heute noch eher Adjektiven zu ähneln scheinen, z. B. lit. gāl imas ‚möglich‘, įmā no mas ‚vorstellbar‘, ištikimas ‚treu‘ usw. Interessanterweise weist das germanische *werma- ‚warm‘ dasselbe adjektivische Suffix auf.
Auf der Grundlage von Ableitungen mit dem Suffix *-mo- entstand das abgeleitete Suffix *-imo/ -īmo, das nicht nur Adjektive, sondern auch Handlung und Eigenschaften bezeichnende Substantive bildet, z. B. gyvėnimas ‚Leben‘, rāšymas ‚Schreiben‘. Verbale Adjektive mit dem Suffix *-to- sind in den indogermanischen Sprachen seit frühester Zeit belegt, z. B. lit. stā́tas, lat. status, griech. στατός, Skt. sthi-tá ‚stehend‘. Die meisten verbalen Adjektive mit diesem Suffix sind im Litauischen (wie in vielen anderen indogermanischen Sprachen) zu Passivpartizipien geworden. Nur ein Teil von ihnen (vorwiegend Ableitungen von intransitiven Verben) hat die ursprüngliche adjektivische Bedeutung bewahrt, z. B. lit.
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báltas(–à) „weiß“, keĩstas(–à) „seltsam“ usw.
Ambrazas merkt an, dass das Suffix *–uo– höchstwahrscheinlich bereits ein eigenständiges Wortbildungssuffix war und eng mit den Suffixen *–no–, *–to–, *–mo– verbunden war. Besonders alt sind Lith. gyvas, Latv. dzīvs, Slavic živъ, Lat. vīvus, OI jívá- „lebendig“ < IE *gʷei–/*gʷī–. Ambrazas vermutet, dass Lith. kliėpas und Latv. klāips „Brot“ auf die indoeuropäische Wurzel *kʷlei– „sich neigen, sich beugen“ zurückgehen, und verweist auf Otkupščikov 2001b (ein Druckfehler für 2001a). Ambrazas erwähnt weder die Auffassungen von Būga und Alminauskis, die annehmen, dass das litauische Wort vom altisländischen hleifr stammt, noch die Auffassung meines eigenen Lehrers Alfred Senn, das Wort leite sich vom Belorussian chlėb oder Pol. chleb ab (siehe LEW 271).
Kapitel 4 behandelt nominale Ableitungen. In der alten indoeuropäischen Grundsprache überwogen Ableitungen mit dem Affix *–(i)io–/–eiio–, z. B. Lat. patrius, Gk. πάτριος, OI pítriya- „des Vaters, väterlich“. Im Litauischen sind relativ wenige Ableitungen mit dem Suffix *–(i)io– erhalten geblieben. Dazu gehören Adjektive auf –ias(–ia), z. B. apsčias „reichlich“, šlāpias „nass“ usw. Im Litauischen gibt es etwas mehr Adjektive mit dem Suffix –is, –ys(–ė), die ebenfalls von *–(i)i– abgeleitet sind, z. B. kairỹs(–ė) „links gelegen“ usw. Neben den Ableitungen mit *–io–/–iio–-Stamm gibt es im Litauischen auch entsprechende Ableitungen mit *–o–-Stamm, z. B. neben apsčias(–ia) „reichlich“ auch ápstas(–à). Dieses Phänomen ist ziemlich alt; vgl. den litauischen *–io–-Stamm naũjas „neu“ mit dem altpreußischen *–o–-Stamm (Akk. Pl.) nawans „dasselbe“. Insgesamt führen die Daten zu dem Schluss, dass die Adjektive mit dem Suffix –(i)io im ostbaltischen Gebiet etwas länger produktiv blieben als in anderen baltischen Dialektgebieten.
Kapitel 5 behandelt die allgemeinen Merkmale der Bildung alter indoeuropäischer Adjektive im Baltischen. In den baltischen Sprachen begegnen uns archaische Verbaladjektive, die Eigenschaften bezeichnen, welche aus einer verbalen Handlung oder einem Zustand hervorgehen. Dazu gehören *–no–, *–ro–, *–lo–, *–to–, *–uo– sowie die Ableitungsendungen *–u– und *–o–. Beispiele sind pil-nas „voll“, ãš-t-ras „scharf“, tū-las „viele“, stā-tas „senkrecht“, gý-vas „lebendig“, plat-ùs „breit“, sēn-as „alt“. Ambrazas merkt an, dass mehrere frühere Gelehrte den Wechsel der Wurzelsuffixe l, n, r mit einer älteren heteroklitischen Deklination in Verbindung gebracht haben. Im Litauischen und verwandten Sprachen ist eine gewisse Zahl solcher Wechsel belegt, z. B. Lith. leĩ-las „dünn“, Altisländisch linr „weich, schwach“, Gk. λει-ρός. Das vermeintliche griechische Kognat ist jedoch zweifelhaft. Nach Frisk (1970: 101): „Wie lat. līlium stammt auch λείριον aus einer östlichen Mittelmeersprache... Auch das poetische λειριός und λειρός als Beiwörter der Haut und der Stimme dürften als Ableitungen von λείριον verständlich sein (‘lilienweiss, -zart’)...“ Überzeugender sind jedoch die lettischen Beispiele kūr-ls und kūr-ns „taub“.
Kapitel 6 behandelt die baltische Ethnogenese aus der Perspektive der Wortbildung. Der Autor merkt an, dass Wortbildungssuffixe leichter von einem Dialekt oder einer Sprache in einen anderen bzw. eine andere übergehen als Flexionsendungen. Daher können wortbildungsmorphologische Daten zur Lösung der schwierigen Fragen der baltischen Ethnogenese beitragen. Viele gemeinsame
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Wortbildungstypen des Baltischen sind aus dem Gemeinbaltischen oder noch früheren Zeiten überliefert. Dennoch unterscheiden sich die Wortbildungsprozesse im Litauischen, Lettischen und Altpreußischen erheblich. Anhand dieser Unterschiede und ihrer Beziehungen lassen sich einige Prozesse untersuchen, die sich in der fernen baltischen Vergangenheit vollzogen haben. Nomina actionis und Adjektive, die Handlung und Ergebnis bezeichnen, werden im Litauischen und Lettischen seit Langem mit Formen mit dem Suffix *-mo- gebildet; in dieser Hinsicht stimmen die ostbaltischen Sprachen mit den weiter entfernten slawischen, albanischen und hethitischen Sprachen überein. Im Altpreußischen dagegen findet sich das Suffix *-mo- nur in Zahlwörtern sowie in Adjektiven und aus Letzteren abgeleiteten Personennamen. Es gibt jedoch seltene Ausnahmen. Das Elbinger Vokabular (39) belegt dumis (Rouch), vgl. Lith. dūmas, Latv. dūmi, Slavic *dymъ, Lat. fūmus, OI dhūmá- „Rauch“ und das griechische Abstraktum θυμός „Seele“. Im Litauischen sind Handlungssubstantive mit den Suffixen *-i-mo-/-īmo- gebildet worden (z. B. nešìmas „Tragen“, rãšymas „Schreiben“), während es im Lettischen wie im Altpreußischen mit dieser Struktur nur Adjektive gibt. Bemerkenswert ist, dass im Lettischen, anders als im Litauischen, wo das Suffix -mo- gebräuchlich ist, das adjektivische Suffix *-no- in der Form -šana (<*-s-jo-nā) begegnet, vgl. etwa mir̃šana „Tod“. Das nächstverwandte Suffix findet sich nicht im Litauischen, sondern im Altpreußischen, wo das Suffix -sna vorkommt, vgl. altpreußisch billīsnā „Aussagen“.
Ambrazas merkt an, dass man bei der Erörterung der Ethnogenese der Litauer berücksichtigen muss, dass eine Reihe von Wortbildungsisoglossen die Litauer mit den Prußen verbindet und von den Letten abgrenzt. So entspricht Lith. šeimýna „Familie“ dem altpreußischen seimīns „Hausgesinde“. Kollektivbildungen mit dem Suffix *-īno- kommen auch in den slawischen Sprachen vor (vgl. Lith. beržýnas „Birkenhain“ und Slavic *beržina-). Im Lettischen findet sich hingegen nur die Ablautvariante *-ei-no-/-oi-no-, vgl. Lith. eglýnas „Tannenhain“ gegenüber Latv. egliene, eglien̄s „dasselbe“. Da IE *-ei- im Urslawischen ebenfalls *-ī- ergibt, lässt sich nicht feststellen, ob die slawische Rekonstruktion *berzina die älteste Form ist. Ebenso gut könnte man ein frühes Urslawisch *berzeina- rekonstruieren; in diesem Fall entspräche das Suffix der lettischen statt der litauischen Suffixform.
Der Abschnitt mit dem Titel „Einige alte indoeuropäische Merkmale der Bildung baltischer Adjektive“ (S. 156–180) ist im Wesentlichen eine englische Übersetzung von Kapitel 5, Senieji indoeuropietiškieji baltų kalbų būdvardžių darybos bruožai. Die englische Übersetzung ist ausgezeichnet, doch konnte ich weder eine Erklärung dafür finden, warum gerade dieser Abschnitt ins Englische übersetzt wurde, noch den Namen des Übersetzers.
Im abschließenden Artikel (auf Französisch) konzentriert sich Ambrazas auf die zahlreichen strukturellen Unterschiede zwischen dem Litauischen und dem Lettischen, insbesondere bei der Bildung von Handlungssubstantiven, Kollektivsubstantiven und Diminutiven. Bemerkenswert ist, dass das Suffix *-imo/-īmo, das aus litauischen Substantiven wie nešìmas „Tragen“ und rãšymas „Schreiben“ bekannt ist, im Lettischen und Altpreußischen nur
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bei Adjektiven, z. B. lett. dial. tālīms ‚fern‘, vgl. lit. tólimas, tólymas ‚dass.‘ Es fällt auf, dass im Lettischen das adjektivische Suffix *–no- in der Form –šana (<*–s–io–nā) anzutreffen ist, während im Litauischen üblicherweise das Suffix –mo- verwendet wird; vgl. etwa miršana ‚Tod‘. (Ein Druckfehler auf S. 126 bietet nomina actinis statt nomina actionis.) Das nächstliegende Suffix dazu findet sich nicht im Litauischen, sondern im Altpreußischen, wo das Suffix –sna begegnet, vgl. OP billīšna ‚Aussagen‘. Litauisch und Lettisch unterscheiden sich auch in der Bildung von Diminutiven: Im Litauischen wird gewöhnlich das Suffix *–elio- verwendet, häufig begleitet von der Palatalisierung des vorangehenden Konsonanten. Dennoch findet sich dieses Suffix gelegentlich auch im Lettischen, z. B. maišelis (Diminutiv von maiss ‚Sack‘), vgl. lit. maišėlis ‚dass.‘ Für dieses Suffix gibt es im Altpreußischen nur sehr wenige Belege, z. B. (EV 179) patowelis ‚Stiefvater‘ und vielleicht das Wort tewelyse ‚Väterchen‘ aus dem Basler Epigramm sowie einige Personennamen. Das übliche lettische Diminutiv wird dagegen mit den Suffixen *–inio- und *–ītio- gebildet, z. B. dê,liņš aus dê.Is ‚Sohn‘ und brālītis aus brālis ‚Bruder‘. Im Litauischen sind Diminutive auf *–ītio- weitaus seltener als im Lettischen, doch begegnet auch lit. brolýtis, abgeleitet von brólis ‚Bruder‘. Andererseits ist im Litauischen eine andere Ablautstufe desselben Suffixes, nämlich *–oitio-, weit verbreitet, z. B. broláitis aus brólis. Dieses Suffix ist im Lettischen nicht bekannt.
Kollektivbezeichnungen für eine Gruppe von Menschen oder Lebewesen sind im Lettischen verschwunden, während diese Kategorie im Litauischen erhalten geblieben ist; vgl. lit. brolija ‚Brüder und Schwestern‘, slaw. *bratrьja ‚Brüder‘, gr. φρατρία ‚Stamm, Sippe‘. In lettischen Dialekten gibt es zahlreiche Ableitungen, die eine Gruppe von Pflanzen oder Gegenständen bezeichnen, die sich an einem Ort befinden, z. B. mit dem Suffix *–ā-io-; vgl. lett. dial. ālksnājs ‚Erlenhain‘, während das Litauische álksna, alksnà ‚dass.‘ hat. Das am reichsten belegte litauische Suffix zur Bezeichnung einer Gruppe von Pflanzen oder Gegenständen an einem Ort ist *–ī-no (vgl. lit. šeimýna, OP seimīns ‚Hausgesinde‘). Einige ost- und westhochlitauische Dialekte haben Kollektivbezeichnungen auf –ytė; vgl. lit. alksnytė ‚Erlenhain‘, eglýtė ‚Kiefernwald‘, karklýtė ‚Weidengehölz‘ (hier auf S. 190 als karklýlė falsch gedruckt). Dieses Suffix muss einst auch im Lettischen existiert haben, wie die Ortsnamen Apsīte, Kalmīte usw. zeigen; heute findet sich im Lettischen jedoch eine Ablautbildung, vgl. bē,rzaite neben lit. beržytė ‚Wald mit jungen Birken‘. Ambrazas erörtert das Suffix –ysta (häufiger auch –ystė bei Substantiven, die eine Eigenschaft bezeichnen) und schreibt, dass lit. krikščionystà ‚Christentum‘ genau OP (EV 794) cristion-isto entspricht (hier auf S. 192 als cristiomsto falsch gedruckt), siehe PKEŽ II 280. Neben Substantiven auf –ulis(-ė), die den Träger einer Eigenschaft bezeichnen, gibt es im Litauischen auch Substantive auf –uõlis(-ė), z. B. bičiùlis and bičiùolis ‚Freund‘. Das Altpreußische und ostlitauische Dialekte haben das Suffix –ena, das die Haut oder das Fell eines Tieres bezeichnet, z. B. lit. arklenà ‚Pferdeleder‘, OP (EV 498) nognan ‚Leder‘, sofern das Wort von *nōgenan abgeleitet ist. Im Lettischen gibt es das Suffix dagegen nicht in dieser Form, obwohl dort das Suffix *–enio- vorkommt, z. B. vecenis ‚alter Mann‘, rītenis
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‚Ostwind‘. Im Litauischen gibt es nur wenige derartige Ableitungen, z. B. bergždėnis(-ė) ‚unfruchtbares Tier‘. Das wichtigste litauische Suffix zur Bezeichnung des Trägers einer Eigenschaft, -inykas, hat eine genaue Entsprechung im Altpreußischen, nicht aber im Lettischen; vgl. etwa lit. laukinỹkas ‚Feldbewohner‘, OP (EV 407) laukinikis ‚Leman, Pächter‘, dagegen lett. laučinieks ‚Bauer‘. Ambrazas schreibt, dass Substantive auf *-iniko-/*-ineiko-, die den Träger einer Eigenschaft bezeichnen, auch im Slawischen produktiv sind und häufig von Adjektiven auf *-ino- abgeleitet werden; vgl. etwa grěšьnikъ ‚Sünder‘ < grěšьnъ ‚sündhaft‘. Es scheint jedoch, dass man grěšьnikъ auch als Agensnomen verstehen könnte (siehe Vaillant 1964: 211). Ist ein Sünder also als Träger der Eigenschaft Sünde oder als Agens zu verstehen, das Sünde hervorbringen kann? Das scheint eher eine theologische als eine linguistische Frage zu sein.
Ambrazas zufolge waren Substantive mit dem Suffix *-iko- in westhochlitauischen Dialekten verbreitet, während sie in den osthochlitauischen Dialekten seltener belegt sind. Dieses Suffix geht auf das Diminutivsuffix *-iko- zurück, das im Altpreußischen gut belegt ist; vgl. malnījikix ‚Kindlein, kleines Kind‘. Ambrazas schreibt, dass die slawischen Sprachen die Agenssuffixe *-tā-io- und *-ē-io- wahrscheinlich aus dem Baltischen übernommen haben; vgl. lit. artójas ‚Pflüger‘, lett. arājs < *artājs, OP (EV 236) artoys ‚Ackermann, Pflüger‘, das mit urslaw. *ortajь ‚dass.‘ verwandt ist. Während das adjektivische Suffix *-(i)i̯o- im Slawischen (z. B. člověčь ‚menschlich‘), im Griechischen (z. B. ἵππιος ‚pferdereich‘) und im Indischen produktiv ist (vgl. ved. áśo(i)ya-, hier fälschlich als áśviya- gedruckt, ‚zu Pferden gehörig oder von Pferden stammend‘), ist dieser Adjektivtyp im Baltischen nur schwach vertreten, obwohl es solche Adjektive gibt; vgl. lit. šlāpias ‚feucht‘, lett. slapjš.
Ambrazas merkt an, dass der archaische Charakter der baltischen Sprachen wohlbekannt ist, dass es jedoch Fälle gibt, in denen die slawischen Sprachen einen älteren Zustand bewahrt haben als die baltischen. So hat das Slawische das alte Suffix *-tel- bewahrt, während dieses Suffix im Baltischen vollständig beseitigt und durch die Suffixe *-tāio- und *-io- ersetzt wurde. Bestimmte Neuerungen in der Wortbildung verbinden Balten, Slawen und Germanen, z. B. die Possessivadjektive auf *-isko-; vgl. etwa aksl. božьskъ, got. gudisk s, lit. dieviškas ‚göttlich‘.
Zusätzlich zu den bereits erwähnten wenigen Druckfehlern seien hier noch einige weitere genannt. Die Jahreszahl in der Literaturangabe „Vanags 1951“ (S. 18) ist sicher ein Druckfehler, da er 1962 geboren wurde. Auf S. 116 und in der englischen Übersetzung auf S. 166 begegnet gr. ἅγιος ‚heilig, geweiht‘ mit spiritus lenis statt des korrekten ἅγιος mit spiritus asper; auf S. 194 steht ankštuõlis statt aukštuõlis; auf S. 211 exlusive statt exclusive. Auf S. 113, Fn. 8, ist oi. kṛṣṇasá ‚schwärzlich‘ korrekt transkribiert; in der englischen Übersetzung, Fn. 7 auf S. 163, wurde jedoch der Buchstabe -ṣ- ausgelassen, sodass kṛṇasá entstand.
Obwohl ich in dieser Rezension nur sehr geringfügige Kritik geäußert habe, scheint mir zusammenfassend, dass alle Baltisten Prof. Mikulėnienė dafür dankbar sein sollten, dass sie die Schriften dieses begabten, aber frühzeitig verstorbenen
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ein verstorbener Linguist, ein Mann, dessen profundes Wissen und scharfsinnige Einsichten zu wichtigen und interessanten Schlussfolgerungen geführt haben. Um eine Vorstellung von dem Verlust zu bekommen, den wir erlitten haben, empfehle ich, den von Grasilda Bl ažienė (2010) verfassten Nachruf auf Saulius Ambrazas zu lesen. Besonders beeindruckt hat mich die Bemerkung von Saulius’ Vater: „Nemėgstu, kai mane aplenkia“ (Blažienė 2010: 203). Baltisten meiner Generation mögen dieses Gefühl teilen.
ABKÜRZUNGEN
Gk. – Griechisch Latv. – Lettisch OCS – Altkirchenslawisch Pol. – Polnisch IE – Indogermanisch Lith. – Litauisch OI – Altindisch Russ. – Russisch Lat. – Latein OP – Altpreußisch
REFERENCES
Blažienė Grasilda 2010: Išėjęs, kad pasiliktų. – Acta Linguistica Lithuanica 62–63, 201–204.
EV – Elbing Vocabulary.
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Įteikta 2011 m. gruodžio 19 d.
WILLIAM R. SCHMALSTIEG
The Pennsylvania State University 814 Cornwall Road State College PA 16803, U.S.A. [email protected]
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