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Einige ausgewählte Probleme der alteuropäischen Hydronymie aus Sicht der modernen Indogermanistik – Ein Plädoyer für eine neue Sicht auf die Dinge

Harald Bichlmeier

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HARALD BICHlMEIER Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Halle Sächsische Akademie der Wissenschaften, Jena Wissenschaftliche Forschungsrichtungen: Indogermanistik, Onomastik (Gewässernamen), Etymologie der germanischen Sprachen, Syntax des Altiranischen. EINIGE AUSGEWÄHLTE PROBLEME DER ALTEUROPÄISCHEN HYDRONYMIE AUS SICHT DER MODERNEN INDOGERMANISTIK – EIN PLÄDOYER FÜR EINE NEUE SICHT AUF DIE DINGE1 Kai kurios senosios Europos hidronimijos problemos šiuolaikinės indoeuropeistikos žvilgsniu: naujo požiūrio į šiuos dalykus ginamoji kalba ANMERKUNG Die etymologische Erforschung der Gewässernamen, die zur ‚alteuropäischen Hydronymie’ gezählt werden, erfolgt seit ihrer Grundlegung durch Hans Krahe in den 1940er und 1950er Jahren mit unveränderter Methodik. Die zur Etymologisierung verwendete Form der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft bzw. Indogermanistik entspricht somit letztlich dem Stand, 1 Bei diesem Beitrag handelt es sich um die überarbeitete und erweiterte Fassung meines gleichnamigen Vortrags, den ich durch Vermittlung von Frau Grasilda Blažienė auf Einladung von Frau Daiva Deltuvienė hin auf der Tagung „Regioninė onomastika: ką žinome iš vardyno? – Regional Onomastics: What do S C H L Ü S S E L W Ö R T E R : Indogermanistik, Onomastik, alteuropäische Hydronymie, Gewässernamen, Laryngaltheorie, indogermanisches Phonemsystem, Wortbildungsmorphologie, Lehnbeziehungen. K E Y W O R D S : Indo-European linguistics, onomastics, Old-European hydronymy, hydronyms, laryngeal theory, Indo-European phonemic system, historical morphology, loan words. Straipsniai / Articles 11 HARALD BICHLMEIER auf dem sie bereits vor dem Zweiten Weltkrieg war. Neuere Erkenntnisse der Indogermanistik des letzten halben Jahrhunderts im Bereich von Phonologie und Wortbildungsmorphologie wurden für die Erforschung der alteuropäischen Hydronymie bislang nicht nutzbar gemacht. Anhand der Flussnamen Save, Drau, Isar und damit verwandter Namen soll hier einerseits exemplarisch aufgezeigt werden, welche Erkenntnisse den Erforschern der ‚alteuropäischen Hydronymie’ dadurch bislang entgangen sind, und andererseits soll klar gemacht werden, dass aufgrund von Untersuchungen mit der neuen Methodik natürlich auch sicher geglaubte Erkenntnisse wieder ins Wanken geraten können. ANNOTATION The etymological research in hydronyms pertaining to the so called ‘Old-European hydronymy’ has been done since its beginnings in the 1940ies and 1950ies by Hans Krahe in the same, methodologically unchanged way. The kind of historical-comparative or Indo-European linguistics applied in this research is actually the kind that was used already before World War II. The new methodological approaches, especially in phonology and morphology, which have been developped in Indo-European linguistics in the last half century or so and the changes in the way things are seen in these fields that came along with these new approaches have been largely ignored by the protagonists of Old-European hydronymy research. This article wants to show on the one hand on the examples of the hydronyms Save, Drau, Isar and related names how many more things can be said about these hydronyms, when modern Indo-European linguistics instead of pre-war linguistics is applied. And on the other hand it will show that modern methodology can also lead to a point, where old certainties have to be discarded. 1. EINLEITUNG Die Namen der meisten größeren und vieler kleinerer Flüsse in Europa dürften mit Recht als die älteste (indogermanische) Namenschicht gelten, die wir in diesem Raum greifen können. Diese als ‚alteuropäische Hydronymie‘ bezeichnete Namenschicht reicht bekanntlich vom Atlantik bis ins Baltikum und von Südskandinavien we learn from the onomasticon“, Kaunas, 10.–11. November 2011, halten durfte. Für diese Möglichkeit sei den Veranstaltern der Tagung hiermit noch einmal herzlich gedankt. – Der Text des Vortrags und die Abfolge der Gedanken wurde weitgehend beibehalten, die dort auf der Tischvorlage gebotenen Beispiele wurden in den Text integriert und um die zugehörigen Sekundärliteraturnachweise ergänzt. Der Abschnitt 2.2 zu Isar und Verwandten ist gegenüber dem dieses Problem nur kursorisch behandelnden Vortrag deutlich erweitert und folgt weitgehend Bichlmeier 2011c, wurde gegenüber dieser Arbeit aber um neu erschienene Literatur und damit um etymologische Details erweitert. – Letztlich handelt es sich beim ersten Teil dieses Beitrags auch um eine Art Quintessenz meiner bislang erschienenen Arbeiten zur alteuropäischen Namenkunde (vgl. die im Literaturverzeichnis genannten Titel). 12 Acta Linguistica Lithuanica LXVI Einige ausgewählte Probleme der alteuropäischen Hydronymie aus Sicht der modernen Indogermanistik – Ein Plädoyer für eine neue Sicht auf die Dinge bis auf den Balkan. Die maßgeblichen Forschungen zu ihrer Etablierung wurden ab den 1940er Jahren besonders von Wissenschaftlern wie Hans Krahe, Wolfgang P. Schmid und Jürgen Udolph begründet und vorangetrieben. Das durch diese Forschungen zum Vorschein gekommene Netz2 aus Fluss- und sonstigen Gewässernamen, das die gerade genannten Teile Europas abdeckt, darf mittlerweile als ein gesichertes Faktum gelten. Wie alle großen und verdienstvollen Erkenntnisse in den Wissenschaften – und hier gerade in den Geisteswissenschaften –, verdienen auch diese Forschungen es, dass man sich in regelmäßigen Abständen kritisch mit ihnen und den Methoden, die zu ihrer Erarbeitung angewendet wurden, auseinandersetzt. In diesem Sinne folge ich gerne weiterhin der mehrmals von Herrn Udolph an mich persönlich und an die Indogermanisten insgesamt (so etwa auf der Arbeitstagung der Indogermanischen Gesellschaft „Die Ausbreitung des Indogermanischen. 2 Die Bezeichnung ‚Netz’ wird in den jüngeren Arbeiten Wolfgang P. Schmids und Jürgen Udolphs nun immer verwendet, wenn das System der alteuropäischen Flussnamen benannt werden muss. Sie lehnen es nun ab, von ‚Schichten’ zu reden. Letztlich dient diese Benennung aber wohl in erster Linie der Verschleierung der Tatsache, dass es eben bislang (auch den vorgenannten Autoren) nicht gelungen ist, die Sprachstufe selbst genauer zu bestimmen, in der die alteuropäische Hydronymie geprägt wurde, noch wurde deren Verhältnis zu den dann auf demselben Territorium später greifbaren bezeugten Einzelsprachen ordentlich herausgearbeitet. Es wurden bislang nur Vermutungen geäußert (so etwa die, es habe sich dabei letztlich noch um das voreinzelsprachliche Urindogermanische gehandelt), so dass hier alles sehr im Vagen bleibt. Auf meine Nachfrage dazu per Mail vom 3.11.11, wie er sich denn nun das gegenseitige Verhältnis der Sprache(n) der alteuropäischen Hydronymie und den späteren Einzelsprachen auf demselben Gebiet vorstelle, bekam ich von Herrn Udolph leider nur eine ausweichende und somit unbrauchbare Antwort. Man wird folglich davon ausgehen dürfen, dass auch ihm dieser Sachverhalt nicht völlig klar ist bzw. auch er keine belastbare Erklärung dafür hat. Notwendig wäre hier v.a. auch eine saubere sprachwissenschaftliche Analyse der stattgehabten Prozesse, die aber von Herrn Udolph wohl nicht geleistet werden kann. Als charakteristisch darf man in dieser Beziehung auch Udolph 1997 ansehen, wo an einer Stelle (S. 29) von „eine[r] kontinuierliche[n] Entwick-lung aus einem voreinzelsprachlichen Substrat.“ [Sperrung im Original] die Rede ist, an anderer Stelle (S. 47) dann von einem Territorium, „in dem sich das Slavische aus einer indogermanischen Grundlage heraus entfaltet hat.“ Hier ergeben sich doch gewisse Widersprüche, denn entweder hat man mit einem Substrat zu tun, dann müssen die slawischen Sprachen das Superstrat sein und müssen das Substrat überschichtet haben, oder sie haben sich aus einem vorschlawisch-indogermanischen Dialekt des Urindogermanischen (oder doch noch dem Urindogermanischen selbst? – auch dies bleibt weiterhin unklar) heraus entwickelt. Beides zugleich geht nicht. Vielleicht wurde hier aber nur der Terminus ‚Substrat’ unsauber verwendet. Wie dem auch sei: Wenn das am Ende für alle Sprachen gelten soll(te), deren Territorien an dem Gebiet der alteuropäischen Hydronymie Teil haben (zumindest für Keltisch, Germanisch, Baltisch und Slawisch wird man das dann annehmen müssen), müsste man daraus nicht schließen, dass sich erstens zumindest diese vier Sprachfamilien auch auf eine Zwischengrundsprache zurückführen lassen sollten, etwa ein ‚Nordindogermanisch’ (was m. E. nicht geht), und zweitens ganz Mittel- und große Teile des westlichen Osteuropas ‚schon immer’, das soll heißen seit der letzten Eiszeit, von Sprechern eines indogermanischen Idioms bewohnt waren? Hier besteht offensichtlich noch in etlichen Punkten Diskussions- und Forschungsbedarf. Straipsniai / Articles 13 HARALD BICH LMEIER Thesen aus Sprachwissenschaft, Archäologie und Genetik“, Würzburg, 24.–26. September 2009) herangetragenen Aufforderung, sich von indogermanistischer Seite endlich wieder mit der alteuropäischen Hydronymie zu beschäftigen.3 Denn innerhalb der Indogermanistik selbst ist die Tradition der alteuropäischen Namenkunde weitgehend abgerissen. Dies hängt mit zwei Faktoren zusammen: Erstens hat man es hier mit einem doch sehr fragmentarisch überlieferten Material zu tun, das zwar hinsichtlich des Orts seiner Herkunft eindeutig festgelegt ist – die meisten Gewässer, so also auch Flüsse, befinden sich auch heute noch dort, wo sie auch schon vor 2000, 3000 oder 4000 Jahren waren –, aber hinsichtlich des wirklichen Alters dieses Sprachmaterials ist man auch weiterhin letztlich auf Spekulationen angewiesen. Man kann meist nur sagen, dass irgendwelche Flussnamen eben vorgermanisch oder vorkeltisch oder vorbaltisch etc. sind – mehr nicht. Da aber in vielen Fällen und für viele Gebiete aufgrund der Diskrepanz der Forschungs- und Benennungsmethoden von Sprachwissenschaft und Archäologie immer noch nicht eindeutig geklärt ist, wann genau denn etwa Sprecher des Keltischen oder Germanischen an einen bestimmten Fluss gekommen sind, bleibt natürlich auch weiterhin unklar, wann denn eigentlich die vorgermanische, vorkeltische etc. Zeit endet, d.h. für welchen Zeitpunkt man also damit rechnen darf, dass ein vorkeltischer, vorgermanischer Name ins Keltische, Germanische usw. integriert wurde. Und ich nehme es gleich vorweg: Ich habe darauf ebenfalls keine Antwort und ich glaube auch nicht, dass man so bald eine finden wird. Die meisten Indogermanisten ziehen es deshalb vor, mit Material von Sprachen zu arbeiten, von denen auch Texte überliefert sind (aktuell sind besonders die anatolischen und tocharischen Sprachen en vogue), von denen man etwas über die Sprecher aussagen kann und die sich auch (besser bzw. überhaupt) datieren lassen. Nur an solchem Material lassen sich Forschungen zur historischen Entwicklung einer Sprache und – was zur Zeit in der Indogermanistik eine noch größere Rolle spielt – zur Syntax anstellen. Und es kommt – wenn man ehrlich ist – ein weiteres Problem hinzu: Man hat es bei dem in der alteuropäischen Hydronymie bezeugten Sprachmaterial oft mit Wörtern bzw. Namen zu tun, die sehr kurz sind. Da jegliches weitere Sprachmaterial (besonders flektierte Wortformen) fehlt, muss man letztlich eingestehen – und 3 Auf die angesichts dieser Aufforderung von demselben Autor unverständlicherweise in recht polemischem Ton in einem Beitrag in dieser Zeitschrift vorgetragene Kritik an einigen meiner bisherigen Ausführungen (Udolph 2011) soll an anderer Stelle in extenso eingegangen werden: Die von ihm dort geäußerten Vorwürfe und das dort ebenfalls deutlich gewordene niedrige Niveau der historisch-sprachwissenschaftlichen Kenntnisse des Verfassers im Allgemeinen und bezüglich der indogermanistischen Forschungen des letzten halben Jahrhunderts im Besonderen erfordern eine Bestandsaufnahme und eine ausführliche Antwort. 14 Acta Linguistica Lithuanica LXVI Einige ausgewählte Probleme der alteuropäischen Hydronymie aus Sicht der modernen Indogermanistik – Ein Plädoyer für eine neue Sicht auf die Dinge ich sage das als überzeugter Indogermanist –, dass man gerade bei vielen einfachen Flussnamen, wie etwa Sala (> Saale), Sara (> Saar), Savus (→ Save) usw. eigentlich nicht einmal strictu sensu beweisen kann, dass sie indogermanischen Ursprungs sind. Dafür ist ihre Struktur zu simpel. Gleichzeitig werden diese Wörter aber seit Beginn ihrer Erforschung (von den meisten Forschern) für indogermanisch gehalten und folglich auch indogermanische Etymologien für sie geboten. Wenn man aber voraussetzt, was man eigentlich erst beweisen will oder müsste, hat man es mit einem klassischen Zirkelschluss zu tun. Man müsste eigentlich wesentlich vorsichtiger und gründlicher vorgehen, als dies in den letzten Jahrzehnten geschehen ist, – und viele der getroffenen Aussagen besser in den Konjunktiv setzen. Der zweite Grund für das Abflauen des Interesses an diesem Material seitens der Indogermanistik ist, dass die oben genannten Forscher in ihren ‚alteuropäischen‘ Arbeiten eine Art von Indogermanistik betrieben haben und betreiben, die innerhalb der Indogermanistik selbst seit einigen Jahrzehnten obsolet ist und so aus deren Sicht als überholt gelten muss (diese Ansicht dürften ca. 80–90% der Indogermanisten insgesamt und mind. 99% der unterfünfzigjährigen Indogermanisten mit mir teilen). Dies bedeutet wiederum, dass gerade auf jüngere Indogermanisten, die ja am ehesten aufgerufen wären, neuen Wind in diese Sache zu bringen, das alteuropäische Material in der Form, in der es nun unverändert seit Krahes Zeiten (also seit über fünf Jahrzehnten) dargeboten wird, in seiner Altbackenheit keinerlei Reiz ausüben dürfte. Dies schmälert den Wert der Forschungsergebnisse der erwähnten Forscher und ihrer ebenso arbeitenden Kollegen zunächst einmal nicht. Hier wurde durchaus einmal Großes geleistet, aber die Wissenschaft entwickelt sich eben weiter – und dies gilt in den letzten Jahrzehnten gerade auch für die Indogermanistik. Wenn nun die Alteuropäistik auch für die Indogermanistik resp. die Indogermanisten wieder interessant sein und von ihr wahrgenommen werden will, muss sie versuchen, den Erfordernissen gerecht zu werden, die die Indogermanistik heutzutage an Etymologien hinsichtlich der historischen Lautlehre und der Wortbildungslehre stellt. Um es plakativ auszudrücken: Natürlich kann man Wohnungen noch mit Holzöfen heizen und mit Petroleumlampen beleuchten – aber muss man das ohne Not (oder übertriebene Neigung zur Romantik), jetzt noch tun, da es Zentralheizungen und Glühbirnen gibt? Dieser angemahnte Nachholbedarf betrifft erstens die Darstellung der rekonstruierten Phonologie des Urindogermanischen. Hier ist besonders auf die Vernachlässigung der Phonemklasse der Laryngale hinzuweisen. Diese Phoneme muss es gegeben haben und sie müssen Konsonanten gewesen sein: Ihre einstmalige Existenz erklärt Dutzende von Erscheinungen in verschiedenen indogermanischen Sprachen als lautgesetzlich, die ohne sie nicht sinnvoll erklärt werden können, darunter etwa Strajpsniai / Articles 15 HARALD BICH LMEIER die Entstehung der Intonationen im Baltischen und Slawischen, die Herkunft des Phonems /h/ im Hethitischen, einige Erscheinungen bei den nasalinfigierenden Verben des Indoiranischen usw. Eine solche Erklärung ist in jedem Fall besser als Erklärungen, die statt mit Lautgesetzlichkeit mit Analogien arbeiten müssen.4 Und das muss ein Denkmodell, das das urindogermanische Phonemsystem ohne Laryngale ansetzt, in jedem Fall. Da dies so ist, ist folglich der Ansatz eines Phonemsystems mit Laryngalen effizienter und besser. Aus Sicht der Indogermanistik moderner Prägung sind Arbeiten, die weiter mit dem traditionellen Ansatz arbeiten, wie er schon vor dem Zweiten Weltkrieg üblich war, heutzutage hinsichtlich ihrer indogermanistisch-sprachhistorischen Komponente kaum mehr ernst zu nehmen.5 Das Phonemsystem des Urindogermanischen, wie es heute mehrheitlich von den Indogermanisten angenommen wird, hatte folgende Gestalt:6 4 Man vergleiche dazu das gute Dutzend Einführungen in die Indogermanistik, die Laryngaltheorie oder in etliche Einzelsprachen, die in den letzten beiden Jahrzehnten erschienen sind: Clackson 2007, Fortson 2004, 2009, Kapović 2008, Lindeman 1997, LIV, LIV², Mallory/Adams 2006, Matasović 1992, 2010, Mayrhofer 2005, Meier-Brügger 2000, 2002, 2010, Meiser 1998, Müller 2007, NIL, Ringe 2005, Rix 1992 etc. pp. – An davor erschienenen Werken sind als wichtigste u.a. zu nennen: Rix 1976, Collinge 1985, Mayrhofer 1981, 1986. – Die letzte quasi laryngalfreie Einführung in die Indogermanistik ist Szemerényi 1990. Kurz gesagt: Die laryngallose Indogermanistik ist seit nunmehr 20 Jahren tot. 5 Dass dies nicht erst eine Erscheinung neuesten Datums ist, wird daran ersichtlich, dass die mit dem veralteten Modell arbeitenden Forscher, wie eben Udolph oder dessen Lehrer Schmidt und Neu, auf die er sich gerne beruft, innerhalb der Indogermanistik und erst recht in deren Kernbereich, also der Rekonstruktion des Urindogermanischen, in den letzten Jahrzehnten allenfalls marginale Spuren hinterlassen haben. 6 Demgegenüber dürfte das Phonemsystem, das von der alteuropäischen Hydronymie widergespiegelt wird, mutmaßlich eher folgendermaßen ausgesehen haben: Tenuis (T) | Media (D) | Spirans | Nasal (N) labial | p | b | | m dental | t | d | s [s, z] | n (palatal | ḱ | ǵ) tektal: velar | k | g labiovelar | kʷ | gʷ Liquiden (R) | r | l Vokale (V) | i [i, i̯] | u [u, u̯] | e | ē | o | ō | a | ā Es weist gegenüber dem Ursprungssystem deutliche Vereinfachungen auf. So scheint es mir die palatale Reihe am ehesten schon eingebüßt zu haben, die Aspiraten sind wahrscheinlich ebenfalls geschwunden. Ebenso wurden die Laryngale je nach Position bereits vokalisiert bzw. an benachbarte Vokale assimiliert und sind somit als Phonemklasse geschwunden. – Sollte dieser Vorschlag das Rich- 16 Acta Linguistica Lithuanica LXVI Einige ausgewählte Probleme der alteuropäischen Hydronymie aus Sicht der modernen Indogermanistik – Ein Plädoyer für eine neue Sicht auf die Dinge Tenuis (T) Media (D) Media aspirata (Dh) Spirans Nasal (N) labial p b bh – m [m, m̥] dental t d dh s [s, z] n [n, n̥] palatal ḱ ǵ ǵh h1 [ç, j] – tektal velar k g gh h2 [χ, ɣ] – labiovelar ku gu guh h3 [χʷ, ɣʷ]7 – Liquiden (R) r [r, r̥] l [l, l̥] Vokale (V) i [i, i̥] u [u, u̥] e ē o ō a (ā) tige treffen (was allerdings noch zahlreicher Untersuchungen bis zur endgültigen Klärung des Problems bedarf, bislang scheint sich niemand explizit der Frage angenommen zu haben, wie das Phonemsystem der alteuropäischen Hydronymie denn nun ausgesehen hat), würde das allerdings bedeuten, dass Sprachen, die es erforderlich machen, dass die Phonemklasse der Laryngale noch bis in frühinselsprachliche Zeit hinein bestand, wie etwa das Baltische und Slawische, wo die Anwesenheit bzw. Abwesenheit von Laryngalen in einer Silbe zu Unterschieden in der Silbenintonation führte, nicht direkt aus der Sprachschicht, in der die alteuropäische Hydronymie geprägt wurde, sich entwickelt haben können. Dies hat dann natürlich entsprechende Folgen für die Stellung des Baltischen und Slawischen im Rahmen dieser Hydronymie: Die Träger dieser Sprachen müssten dann die Schicht der alteuropäischen Hydronymie überlagert haben, also sekundär in Gebiete der alteuropäischen Hydronymie zugewandert sein. – Sollte weiters die palatale Reihe in der Tat bereits geschwunden gewesen sein, die Sprache(n) der alteuropäischen Hydronymie also (eine) Kentumsprache(n) gewesen sein, könnte(n) diese indes als Substratsprache(n) vielleicht für die Kentumelemente im Baltischen und Slawischen verantwortlich sein. – In dieselbe Richtung weist auch Andersen 2009, der letztlich aufgrund der Untersuchung prosodischer Merkmale der baltischen und slawischen Sprachen zu dem Schluss kommt, dass diese Sprachen in der Frühzeit in Kontakt mit einer weiteren (wahrscheinlich) indogermanischen Sprache standen, die Initialakzent hatte, den diese mutmaßlich indogermanische Sprache selbst wiederum von einer nichtindogermanischen übernommen hatte. Diese indogermanische Kontaktsprache sei die Quelle der Kentum-Elemente im Baltischen und Slawischen gewesen. 7 Als integraler Bestandteil dieses Phonemsystems waren die Laryngale, wie auch schon ihre Position in der o.a. Tabelle suggeriert, vielleicht die Reibelaute der drei Tektalreihen, so wie /s/ der Reibelaut der Dentalreihe war. Die phonetische Bestimmung der Phoneme *h₁, *h₂, *h₃ ist natürlich spekulativ (so wie letztlich die exakte phonetische Bestimmung jedes rekonstruierten Phonems mehr oder weniger spekulativ bleiben muss), allerdings hat ihre Einstufung als Reibelaute der Tektalreihe aufgrund der umfärbenden Wirkung, die sie auf neben ihnen stehendes *e ausgeübt haben (*h₁e > *ē, *h₂e > *a, *h₃e > *o bzw. *eh₁ > *ē, *eh₂ > *ā, *eh₃ > *ō), eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich. Nicht zuletzt aufgrund von typologischen Erwägungen geht Kummel (2007: 327–336) nun davon aus, dass die ‚Laryngale’ genannten Phoneme am ehesten phonetisch [h, χ, ʁ] repräsentiert haben dürften, und schlägt als vereinfachende Schreibung h₁ = h, h₂ = x, h₃ = γ vor. Straipsniai / Articles 17 HARALD BICH LMEIER Was die Wortbildungsmorphologie angeht, so ist aus heutiger Sicht festzuhalten, dass gewisse Standards der historischen Sprachwissenschaft seitens der Alteuropäistik hier ebenfalls nicht eingehalten werden. Die ‚klassische Alteuropäistik’ gibt meist nur eine Beschreibung der Morphologie: Es heißt in jenen Arbeiten regelmäßig „an die Wurzel X tritt ein l-Suffix“ oder „an die Wurzel Y tritt ein nt-Suffix“ oder ähnliches. Es wird praktisch nie etwas darüber ausgesagt, welche Bedeutung diese Suffixe haben, und was das ganze Wort dann eigentlich bedeutet haben könnte oder sollte. Aber genau das will man doch wissen, gerade wenn man – wie auf dieser Tagung – fragt: „Was bedeuten die Namen?“ Mit dieser rein beschreibenden Arbeitsweise wird eine Erkenntnis sträflich vernachlässigt, zu der schon Ferdinand de Saussure (1857–1913) gelangt war, nämlich, dass das sprachliche Zeichen Form und Inhalt hat. Bei einer gründlichen Etymologisierung muss beides berücksichtigt und erklärt werden. Anders ausgedrückt: Praktisch alle von Vertretern der ‚klassischen Alteuropäistik’ gebotenen Etymologien sind eigentlich unvollständig! Nun kann man sich natürlich auf den Standpunkt stellen, dass Namen eben nichts bedeuten, sondern nur benennen. Aber damit geht man am Problem vorbei: Man muss ja schließlich davon ausgehen, dass auch der Namenschatz, der uns in der alteuropäischen Hydronymie vorliegt, aus dem appellativischen Wortschatz hervorgegangen ist. Nach allem, was wir aus anderen altindogermanischen Sprachen wissen, ist sicher, dass es hinsichtlich der Wortbildung zunächst keine Unterschiede zwischen Appellativa und Namen gegeben hat. Folglich sind diese Namen erst einmal in der Analyse wie Appellativa zu behandeln und folglich kann man natürlich auch eine einstmalige Bedeutung (zumindest tentativ) angeben. Und weiters ist folglich nicht zu erwarten, dass solche Namen Suffixe oder Suffixketten aufweisen würden, die aus dem appellativischen Wortschatz nicht bekannt sind. Da nun gerade die nominale Morphologie aus dem Vergleich der bezeugten altindogermanischen Einzelsprachen mittlerweile sehr gut erschlossen ist, sollte auch die Morphologie der alteuropäischen Hydronymie mit diesen bekannten Mitteln zu erklären sein. Weiter ist zu beachten, dass nicht nur die jeweiligen Morpheme eine Bedeutung in sich tragen, und Derivation nicht immer nur durch den Antritt von Suffixen geschieht, sondern dass es auch Derivationsvorgänge gibt, bei denen sich die Vokalquantität oder Vokalqualität der Wurzel oder eines Suffixes ändern, aber eben kein neues Suffix antritt. Gerade was die Derivationsvorgänge im Ganzen sowohl im Urindogermanischen als auch in den einzelnen Sprachen angeht, haben sich in der Indogermanistik in den letzten Jahrzehnten gewaltige Fortschritte und Umbrüche ereignet. All dies ist bislang für die Analyse der alteuropäischen Hydronymie praktisch nicht nutzbar gemacht worden: In der ‚Alteuropäistik’ wird allenfalls darauf hingewiesen, dass Ablauf vorliege, welche semantischen Veränderungen im Wort damit einhergehen könn(t)en, darüber findet man keine Angaben. 18 Acta Linguistica Lithuanica LXVI Einige ausgewählte Probleme der alteuropäischen Hydronymie aus Sicht der modernen Indogermanistik – Ein Plädoyer für eine neue Sicht auf die Dinge Eines gilt es hinsichtlich der Relevanz des lexikalischen Materials der alteuropäischen Hydronymie für die Indogermanistik deutlich festzuhalten: Nur aus der appellativischen Verwendung von Wörtern, lassen sich überhaupt Rückschlüsse auf die Bedeutung von Wortstämmen und Wortwurzeln ziehen. Nur wenn man dieses Wissen hat, kann man auch an die Erforschung der alteuropäischen Hydronymie herangehen: Aus den Gewässernamen allein lässt sich praktisch nichts Verwertbares für die Indogermanistik selbst und ihr Ziel, die urindogermanische Grundsprache zu rekonstruieren, gewinnen: Man stelle sich vor, was man über die alteuropäische Hydronymie aussagen könnte, wenn man die altindogermanischen Einzelsprachen nicht hätte: Man könnte vielleicht Wurzeln und Suffixe isolieren, hätte aber keinen Anhaltspunkt, was sie bedeuten. Man sähe vielleicht, dass es eben eine Erscheinung wie Ablaut gibt, dass also die Wurzeln oder Suffixe verschiedene Vokale aufweisen können, könnte aber über die mit den verschiedenen Vokalen vielleicht einher gehenden verschiedenen Bedeutungen nichts Sinnvolles aussagen. All dies kann nur aus den bezeugten Sprachen heraus erschlossen werden. Folglich muss man mit dem Wissen, das die Indogermanistik jetzt hat und das eben aus dem Vergleich der bezeugten (alt)indogermanischen Einzelsprachen gewonnen wurde, die alteuropäischen Hydronyme neu untersuchen und bestrebt sein, die Forschungen auf den aktuellen Stand der Wissenschaft bringen. Die Forschung im Bereich der alteuropäischen Hydronymie erfolgt immer noch mit den Mitteln der Indogermanistik, die auch Krahe schon angewendet hat. Krahe ist nun mittlerweile fast 50 Jahre tot und war zu seiner Zeit in Bezug auf die Indogermanistik schon alles andere als fortschrittlich. Mit anderen Worten: Man hat es hier mit Vorkriegsindogermanistik zu tun. Gleichzeitig ist klar, dass die Anwendung der Methoden und Modelle der heutigen Indogermanistik nicht nur zur Vertiefung der schon gewonnenen Er-kenntnisse führen wird, sondern dass auch Gewissheiten wieder abhanden kommen können. Dies soll nun in aller Kürze an Beispielen illustriert werden. Hierbei kommt es nicht so sehr auf die endgültige Lösung der Probleme an, sondern v.a. darauf, zu zeigen, welche Fragen noch offen sind. Fragen, die sich die klassische Forschung zur alteuropäischen Hydronymie größtenteils nie gestellt hat, die aber notwendig beantwortet werden müssen, wenn die grundlegenden Standards der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft eingehalten werden sollen. Es sind dies alles Fragen, zu denen in Einzelfällen bereits versucht wurde, Antworten zu geben. Oft sind diese Antworten nicht eindeutig, denn es wird immer wieder deutlich, dass mehrere Lösungen möglich sind. Eindeutige Lösungen, wie sie von früheren Forschern oft vorgeschlagen wurden, scheinen in der Realität eher selten zu sein: Es entsteht vielmehr der Verdacht, dass diese Eindeutigkeit oft nur darauf beruht, Straipsniai / Articles 19 HARALD BICH LMEIER dass von jenen Forschern Alternativen entweder gar nicht gesucht wurden oder aber aus Unkenntnis der dazu notwendigen wissenschaftlichen Methodik einfach nicht gefunden werden konnten. 2. BEISPIELE Im Folgenden seien einige Beispiele zur Untermauerung der oben geäußerten Thesen angeführt.8 2.1. Save und Drau Die Namen der Sava/Save und Drava/Drau gehören um Standardrepertoire der alteuropäischen Hydronymie. Die ältesten Belege stammen noch aus der Antike und lauten Σάουος (Ptol. II 15,1.4), Σάος, Akk. Σάον, Akk. Σάβον, Σαῦος (Strab. 7,5,2 und öfter), Savus, Saus, Akk. Saum, Abl. Savo, Sabo Einige ausgewählte Probleme der alteuropäischen Hydronymie aus Sicht der modernen Indogermanistik – Ein Plädoyer für eine neue Sicht auf die Dinge Ausgehend von dieser Situation ergeben sich diverse Fragen: Fragenkomplex 1: Wie passt das o.g. Rekonstrukt noch sinnvoll zu den rekonstruierten urindogermanischen Wurzeln, die nach Struktur und Bedeutung in den Flussnamen stecken könnten, die hier angeführt sind? Darf man wirklich weiterhin davon ausgehen, dass ein Flussname von einer Wurzel gebildet wurde, der man nun die Bedeutung ‚auspressen’ zuschreibt? Geht man nun vom aktuellen Stand des indogermanistischen Wissens aus, wird natürlich sehr fraglich, ob ein Rekonstrukt *s̑ou̯o- noch den Erfordernissen entspricht. Die nun als uridg. *seu̯- ‚auspressen’ angesetzte Wurzel passt semantisch nur schwer zu einem Flussnamen. Da dürfte eine Ableitung von dem o.g. uridg. *sh₂eu̯- ‚schütten, regnen’ doch naheliegender sein. Aufgrund der Wurzelgestalt denkbar wären weiterhin uridg. *seu̯h₁- ‚antreiben, in Bewegung halten’, wenngleich es wegen seiner Grundbedeutung vielleicht weniger gut mit einem Flussnamen zu vereinbaren sein dürfte, sowie uridg. *seu̯h₃- ‚voll sein/werden’, das aber wiederum wohl besser für einen See oder ggf. Gebirgsfluss passen würde. Mir scheint von diesen Wurzeln *sh₂eu̯- ‚schütten, regnen’ die wahrscheinlichere zu sein. Grundsätzlich gilt aber hier wie auch sonst öfter, dass man in den seltensten Fällen sagen kann, dass definitiv eine bestimmte Wurzel zugrunde gelegen haben muss: Das Material der alteuropäischen Hydronymie gibt solche Aussagen bei nüchterner Betrachtung oft einfach nicht her. Fragenkomplex 2: Indogermanische Nomina hatten immer einen Akzent. Davon ist also auch bei Gewässernamen auszugehen. Wo war er und welche Bedeutung ging mit dem jeweiligen Akzentsitz einher? In den althergebrachten Etymologien wird darüber grundsätzlich nichts ausgesagt. Hierzu kann man aber durchaus Aussagen machen: Setzt man eine thematische Ableitung in der e-Stufe an, uridg. *sh₂éu̯-o-, ergibt sich bereits späturidg. *s(h)au̯-o-, was keine weiteren Umwege nötig macht und direkt zu den in der Antike belegten Formen führt. Rechnet man entgegen der althergebrachten Auffassung mit einer e-stufigen Form, wäre dieses Wort am ehesten als Nomen actionis ‚das Schütten, das Regnen’ zu klassifizieren. Daneben kann man aber nach klassischer Weise auch eine o-stufige Wurzel ansetzen. Nach dem klaren Ausweis des Altindischen und des Griechischen ist bei o-stufigen Nominalableitungen, die nur durch Antritt eines Themavokals gebildet wurden, mit zwei Typen zu rechnen: dem auf der Wz. betonten tómos-Typ, der resultative Bedeutung hat, und dem auf dem Suffix betonten tomós-Typ, der agentivische Bedeutung hat.⁽¹⁴⁾ Legt man uridg. *sh₂eu̯- ‚schütten, regnen’ zugrunde, ¹⁴ Die Typen sind benannt nach gr. τόμος ‚Holzscheit; Stück, Balken’ < *‚das Abgespaltene’ vs. τομός ‚scharf, schneidend’ < *‚spaltend; Spalter’. Vgl. dazu Fortson 2004: 116; Fortson 2009: 129f.; Risch 1974: 8–10; Müller 2007: 325. Straipsniai / Articles 21 HARALD BICHLM EIER ergäbe sich also bei wurzelbetontem uridg. *sh₂óu-o- eine Bedeutung ‚das Geschüttete, das Herabgeregnete’ o.ä.; bei einem suffixbetonten, agentivischen uridg. *sh₂ou-ó- dagegen ‚Schütter, Regner; schüttend’. Da es sich um einen Fluss handelt, ist vielleicht die agentivische Bedeutung, die den Fluss als eine Art ‚Wasserbringer’ bezeichnet, vorzuziehen. Die resultative Bedeutung wäre wohl für ein stehendes Gewässer passender, ist natürlich aber auch für einen Fluss denkbar. Fragenkomplex 3: Wie kommt eigentlich beim klassischen Ansatz mit o-stufiger Wurzel der a-Vokalismus zustande? Das -a- in der Wurzel ist sicher alt. Entweder ist es ererbt, oder es verdankt sich dem Lautwandel *o > *a, den andere Sprachen in Europa auch zeigen, z.B. das Baltische und Germanische. Während eine Bildung uridg. *sh₂éu-o- > späturidg. *s(h)a-o- nun lautlich (sowohl hinsichtlich des Wurzelvokals wie auch hinsichtlich des Akzents) den einfachsten Weg zu den überlieferten Formen bietet und semantisch wohl durchaus angehen mag, bietet das vorgenannte uridg. *sh₂ou-ó- m. E. hinsichtlich der Semantik die beste Lösung. Beide Erklärungen sind möglich, eine klare Entscheidung indes vorläufig nicht. Fragenkomplex 4: Wenn das Rekonstrukt einen Kurzvokal hatte,15 wie kommt der slawische Langvokal zustande? Hierzu gibt es zwei Lösungen: Schon in den 1930er Jahren wurde vorgeschlagen, dass es eine romanische Zwischenstufe gegeben habe. Eine jüngere Theorie nach Schmid und Udolph16 rechnet damit, dass derartige kurzvokalische Flussnamen plötzlich bei der Übernahme ins Slawische einen Langvokal bekamen. Aber kann das überhaupt sein? Bei der Übernahme der Bezeichnungen der Küstenstädte und Inseln der Adria ab etwa 600 n. Chr. wurde roman. /ă/ – soweit ich sehe – immer in slaw. /o/ überführt und nicht zu /ā/ gedehnt, vgl. etwa den Ortsnamen lat. Parentium > kroat. Poreč, čak. Porěč17. Folglich ist die von Udolph (2007: 545) zitierte Auffassung Schmids, dass derartige Bildungen „in einen im Slawischen schon vorhandenen Typ mit Dehnstufe und Genuswechsel integriert [wurden]“, im Prinzip zwar sicherlich denkbar – sie widerspricht aber ganz klar den sonst zu beobachtenden Vorgängen bei der Übernahme von vorslawischem Wortmaterial ins Ur(west)südslawische, vielleicht in diesem Falle auch in ein dem Alpenslawischen nahestehendes Pannonisch-Slawisch – möglicherweise ist aber auch, da der Zeitpunkt nicht 15 Nach Schramm (1981: 348) sei nach Ausweis eines Hexameterbelegs aus dem 4. Jh. mit Kürze des -a- im Lateinischen zu rechnen. 16 Vgl. Udolph 2007: 545. 17 Vgl. Holzer 2007: 126; ERHSJ III 11. 22 Acta Linguistica Lithuanica LXVI Einige ausgewählte Probleme der alteuropäischen Hydronymie aus Sicht der modernen Indogermanistik – Ein Plädoyer für eine neue Sicht auf die Dinge genauer eingegrenzt werden kann, mit einem noch weitgehend undifferenzierten Urslawischen zu rechnen. Auch bei den allgemein anerkannten (ur)germanischen Lehnwörtern im Slawischen ist eine derartige Dehnung m. W. nirgends zu beobachten. Und das Postulat, dass Wortformen anders behandelt werden, weil sie einer bestimmten semantischen Klasse – hier: den Flussnamen – angehören, bedürfte m. E. noch einer gesonderten Begründung und in diesem Falle besser auch noch typologischer Parallelen. Mir ist solches bislang für ältere Sprachstufen nicht als gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis bekannt – zumal es sich bei den indogermanischen Sprachen auch nicht gerade um ‚Klassensprachen’ im typologischen Sinne handelt. Es handelt sich dabei folglich um eine reine ad-hoc-Erklärung. Daraus ergibt sich m. E. zwangsläufig: Es ist wahrscheinlicher, dass bereits ein Langvokal vorhanden war, als die Slawen das Wort kennen lernten; dieser kann aber am ehesten im Munde von Romanen entstanden sein18. Nachweislich der ins Kroatische gelangten romanischen Ortsnamen an der Adriaküste und deren Hinterland und anderer romanischer Lehnwörter, waren dort im Frühromanischen betonte Kurzvokale in offener vorletzter Silbe gedehnt worden, bevor die ankom- 18 Dieser schon von Kretschmer 1937 unterbreitete, lautgesetzlich argumentierende Lösungsansatz, der eine in keiner Weise abwegige romanische Zwischenstufe postuliert, wird auch von Anton Mayer (1957: 297) aufgenommen, dieser schließt aber auch ursprüngliches /ā/ nicht aus. Diese im Romanischen lautgesetzliche Dehnung wird bei Franze Bezlaj (1961: 174) jedoch nicht angeführt, dieser bezeichnet das Problem als „noch nicht in Angriff genommen“. Auch Udolph (2007: 541) zitiert Kretschmer, verwirft dessen Lösung aber schließlich (2007: 542) zugunsten der m. E. gänzlich spekulativen Idee Schmids (1979: 410f. = 1994: 259f.), dass die Dehnung letztlich irgendwie automatisch mit der Slawisierung der jeweiligen Gebiete einhergegangen sei. Angesichts der o.a. Prozesse im südslawischen Bereich ist die Behauptung, slaw. -a- (nota bene: ursl. *ā/!) sei gerade „Zeichen früher Slavisierung“ (Udolph 1997: 41) gänzlich abwegig. Zu dieser letztgenannten These sei bemerkt, dass, wie auch Schmid (a.a.O.) geäußert hat, die Dehnstufe zu gewissen Zeiten ein durchaus produktives Wortbildungselement (i.d.R. zur Bildung von Zugehörigkeit ausdrückenden Adjektiven, die dann natürlich auch substantiviert werden konnten) darstellte (das damals gerade neu zur Verfügung stehende Standardwerk dazu, Darms 1978, ist von Schmid noch nicht rezipiert worden), und die Frage etwa innerslawisch gebildeter oder ererbter Dehnstufen (im Zusammenhang mit den hier behandelten Wörtern ebenso wie hinsichtlich der von Schmid angeführten Lexeme) trotz Schmid 1986 (wo er Darms 1978 nach der zitierten Literatur zu urteilen ebenfalls noch nicht rezipierte) noch nicht als völlig geklärt gelten darf. Zur Frage des dort abgelehnten Wirkens resp. der Existenz des solche Dehnstufen im Baltischen und Slawischen ggf. sekundär hervorrufenden Winterschen Gesetzes, also *VD > balto-sl. *VD (vgl. dazu auch Collinge 1985: 225–227) vgl. neben Schmid 1986 passim auch Birnbaum 1999 gegen dieses Lautgesetz, aber jetzt mit sich immer noch vermehrenden Beispielen dafür Dybo 2002 und Young 2008. Aufgrund der genannten Arbeiten und einiger weiterer in ihnen zitierter Literatur scheint sich die Forschung nun eher wieder in Richtung der Anerkennung des Winterschen Gesetzes, ggf. mit gewissen Einschränkungen hinsichtlich der Lautumgebung (u.U. Wirkung nur in geschlossener Silbe, vgl. Matasović 1996, so übernommen von de Lamberterie 2007: 16–22) zu bewegen. Vgl. zum Problem nun abwägend auch Petit 2010: 132ff. Straipsniai / Articles 23 HARALD BICHlMEIER menden Slawen diese Wörter übernahmen.19 M. E. spricht nichts dagegen, auch für Pannonien, das als Bestandteil des Imperium Romanum über Jahrhunderte römischem Einfluss ausgesetzt war, diesen frühromanischen Lautwandel anzusetzen, und anzunehmen, dass sich der Flussname in einer Form (früh)rom. *sāu̯ bzw. *sāu̯o o.ä. bis zur Ankunft der Slawen erhalten habe.20 Denn es bliebe doch ein gehöriges Unbehagen zurück, wenn eine Sprache, die Längen und Kürzen bei den Vokalen immer und überall (d.h. in diesem Falle zumindest bis zum sogenannten Quantitätenkollaps etwa im 10./11. Jh. im Ostslawischen, Bulgarischen und Makedonischen bzw. im 15. Jh. im Polnischen) klar unterschied21 und z.T. bis heute unterscheidet, eben das (Ur-)Slawische, plötzlich in der Gebersprache vorhandene Kurzvokale als Langvokale realisiert haben sollte. Allenfalls könnte erwogen werden, dass, da bereits das späte Gemeinslawische nur mehr den Gegensatz /o/ :: /ā/ kannte, fremdes /ă/ als /ā/ ins Slawische integriert worden wäre. Solche Fälle von Lautsubstitution gibt es grundsätzlich natürlich, für das Slawische sind sie mir nicht bekannt. In unserem Falle entstünde zudem ein unüberwindliches chronologisches Problem: Anzunehmen ist ein Zusammenfall von späturidg. */a/ und */o/ (welchen Ursprungs auch immer) in balto-sl.22 */a/ > ursl. */ă/ und von späturidg. */ā/ und */ō/ in balto-sl. */ā/ > ursl. */ǭ/. Während hin zum späteren Gemeinslawischen, wohl ab dem späten 8. Jh., der Kurzvokal zu /o/ geschlossen und weiter gerundet wurde, wurde der Langvokal zu /ā/ entrundet.23 Fordert man nun für die Save die vorgenannte Lautsubstitution nach Schmid und Udolph, bedeutet das, dass das Slawische bereits den späteren Zustand erreicht haben musste, als der Flussname übernommen wurde, d. h. als die Slawen die Save erreichten. Andererseits muss das Slawische der Slawen, die ca. 600 n. Chr. die Adria erreichten, noch den älteren Zustand aufgewiesen haben, da eben alle 19 Vgl. Holzer 2006: 38; 2007: 37–39. 20 Gestützt wird diese These weiter u.a. durch den Namen der Raab in Niederösterreich (vgl. dazu genauer Bichlmeier 2010d), für den bereits Wiesinger (1985: 332f.; inhaltlich und textlich praktisch identisch mit Wiesinger (1990: 291–293), dafür beide Male ohne Bezug auf Bezlaj (1961: 130f.), wo schon weitgehend das Gleiche steht) genau diese vulgarlateinisch-frühromanische Dehnung des Wurzelvokals in offener Silbe für die Zeit vor der Übernahme ins Slawische und Ungarische annimmt. 21 Vgl. dazu alle gängigen Einführungen in die historische Lautlehre der slawischen Sprachen. Als Spezialuntersuchung sei auf Mate Kapović 2006 verwiesen. 22 Den Terminus ‚balto-sl.’ verwende ich aus reiner Bequemlichkeit und absichtlich zur Bezeichnung eines Zwischendings zwischen ‚baltosl.’ und ‚balt. und sl.’, da ich mir bislang nicht endgültig darüber klar geworden bin, wie ich mir die Vorgeschichte der baltischen und slawischen Sprachen denn nun vorstellen soll. Keines der bisher vorgeschlagenen Modelle kann schließlich als widerspruchsfrei bezeichnet werden. Dem Leser sei freigestellt, diesen Terminus je nach eigenem Geschmack zu interpretieren, an der Argumentation ändert dies nichts. 23 Vgl. etwa Lamprecht 1987: 32f., 70, 161f. 24 Acta Linguistica Lithuanica LXVI Einige ausgewählte Probleme der alteuropäischen Hydronymie aus Sicht der modernen Indogermanistik – Ein Plädoyer für eine neue Sicht auf die Dinge romanischen */ă/ als */ǝ/ übernommen und zu /o/ weiterentwickelt, aber nie durch /ă/ substituiert worden sind. Geht man nun von einer Ausbreitung der Slawen vom Karpatenraum her aus, würde das dann aber bedeuten, dass sie entweder die Save deutlich später (in diesem Falle würde das heißen etwa zwei Jahrhunderte später!) erreicht hätten als die Adriaküste, was nur schwer vorstellbar ist, oder dass das Urslawische doch schon in recht früher Zeit sehr deutliche Dialektunterschiede aufgewiesen hätte – aber das wird allgemein bestritten. Und auch die Karte bei Udolph24, die die Ausbreitung der slawischen Gewässernamen und damit ja auch in gewisser Weise der Slawen selbst beschreibt, zeigt klar, dass die Save früher erreicht worden sein sollte als die Adria.25 Was sich jedenfalls nicht lautgesetzlich erklären lässt, ist der Übergang dieses in romanischer Lautform weitergegebenen Wortes in die Flexion der ā-Stämme. Hier wird man über die Mutmaßung, dass solche Wörter eben in eine bestimmte semantische Gruppe (hier Flussnamen) gehören und damit in das dort vorherrschende Flexionsmuster eingereiht wurden/werden (hier: die ā-Stämme, vielleicht auch weil das Hyperonym aksl. rěka < gemeinsl. *rēkā < ursl. *rajkā- ebenfalls dieser Flexion angehörte)26, vorläufig nicht hinauskommen.27 Was nun die weitere lautliche Geschichte dieses Worts angeht, dürfte Folgendes geschehen sein: Die stammbetonte romanische Form wird ins Slawische übernommen, wobei der Langvokal zirkumflektierte Intonation erhält, gleichzeitig findet die Überführung in die ā-Flexion statt, deren Nom.Sg.-Endung im Urslawischen akutierte Intonation auf- 24 Vgl. Udolph 1979: 622. 25 Ob die Slawen nun den Namen der Save noch aus dem Munde von Romanischsprachigen übernommen haben, soll einmal dahingestellt bleiben; vielleicht ist ja auch mit einer germanischen bzw. germanisierenden Zwischenstufe zu rechnen, schließlich waren ja Goten und Langobarden auch einige Zeit in der Gegend: Mit germanischer Vermittlung resp. Beeinflussung bei der Tradierung dieser Namen (Sáva, Dráva etc.) rechnete auch schon Adolf Bach (1954: 25), der diesem Einfluss auch das feminine Genus dieser Flussnamen zuschrieb. 26 Solches postulierte (in diesem Falle für Dráva) schon Mayer (1959: 42), der zudem die mündliche Mitteilung Ivšićs zitiert, dass Dráva, da es einem im Kroatischen seltenen Akzenttyp angehöre, letztlich als eine Abstraktion aus einem mask. Nom.Sg. *Drāv, Gen.Sg. *Dráva in Hinblick auf kroat. rijeka darstelle. Gleiches könnte dann ja wohl auch für Sáva angenommen werden, also eine zugrundeliegende maskuline Form Nom.Sg. *Sāv, Gen.Sg. *Sáva. Solches wurde aber von Mayer (1957; 1959) offenbar nicht erwogen. – Dagegen geht Matasović (2007: 113) nun wieder genau von einer solchen maskulinen Zwischenstufe und anschließender Angleichung an ursl. *rěka (in seiner Terminologie) aus und begründet dies ebenso wie der gerade genannte Ivšić bei Mayer (auf den er aber keinen Bezug nimmt) mit der Tatsache, dass die romanischen Lehnwörter Dráva und Sáva dem slawischen Akzentparadigma b zugeordnet wurden, in das sonst praktisch ausschließlich maskuline Lehnwörter aus dem Vulgärlateinischen/Frühromanischen eingereiht worden sind. 27 Eher als Beitrag zur Mythenbildung darf wohl die Erklärung in ERHSJ III, 208 gelten, nach der das Genus femininum deshalb aufgekommen sei, weil der lateinischen (Fluss-)Gottheit Savus (vgl. zu dieser die Belege ACS II, 1390f.) eben eine heidnisch-slawische Göttin entsprochen habe. Straipsniai / Articles 25 HARALD BICH LMEIER wies.28 Die Tatsache der zirkumflektierten Wurzelsilbe bewirkte den Eintritt von Dybos Gesetz, das besagt, dass nicht akutiert intonierte Silben den Iktus an die nachfolgende Silbe abgeben.29 Da dieses Gesetz noch gemeinslawisch gewirkt hat und sicher auch noch in frühen romanischen Lehnwörtern im Kroatischen nachweisbar ist30, 31 steht der Annahme auch für das Pannonien-Slawische nichts entgegen. In dieser akutiert-endbetonten Form erfolgt die lautgesetzliche Kürzung des akutierten Vokals (Leskiens Gesetz)32, und schließlich entsteht durch die neštokavische Akzentzurückziehung, bei der der Iktus von allen nichtersten Silben um eine Silbe zum Wortanfang hin verschoben wurde,33 wodurch die bislang nicht vorhandenen steigenden Intonationen entstanden, die heutige standardkroatische Form Sáva. Aus all dem ergibt sich kurz zusammengefasst am ehesten folgende Entwicklung des Flussnamens: ur idg. *sh₂eu-o-/*sh₂ou-o- >34 nachuridg. *saųo-/*sąua- →35 lat. Sāvus > roman. */'sāųu/ bzw. */'sąųo/ → pannon.-sl. */'sāųā/ > geme insl. */'sǫųā/ bzw. */sąųā/ > ur(west)südsl./urkroat. */sāvā/ > kroat. Sáva. 36 28 Nach Holzer (2007: 45) gilt: „Lange betonte Silben in frühen romanischen Entlehnungen haben im Slawischen oft den Akut (´) bekommen und erscheinen dann folgerichtig im Kroatischen als Kürzen.“ (ähnlich schon Holzer 2006: 57–59). Weiter S. 46: „Dagegen haben in vielen anderen Entlehnungen lange betonte Silben keinen Akut bekommen, so dass sie lange Silben geblieben und, wenn die Entlehnung früh genug stattgefunden hat, von Dybos Gesetz (...) erfasst worden sind.“ In diesem Sinne auch schon Holzer 2006: 59f. – Mit anderen Worten: Bei der Übernahme von Fremdwörtern mit Langvokalen ist bislang keine Ratio erkennbar, mit welcher Intonation ein Langvokal in einem Lehnwort im Slawischen versehen wird. 29 Zu Dybos Gesetz vgl. Collinge (1985: 31–33) sowie Kapović (2008a: 5f.) mit Verweis auf weitere Literatur, die wahrscheinlich macht, dass dieses Gesetz nicht notwendig die ganze Slavia einheitlich betroffen haben dürfte; mit Diskussion vgl. auch Olander 2009 passim. 30 Vgl. Holzer 2006: 44–46; 2007: 56f. 31 Man beachte dagegen nun aber Matasović (2007: 116f.), der alternativ vorschlägt, diese Entlehnungen könnten nach dem Wirken von Dybos Gesetz und der Retraktion des Akzents von wortauslautenden Jers stattgefunden haben und je nachdem, ob die romanische Betonung mit dem Neoakut oder dem alten Akut identifiziert wurde, eben dem slawischen Akzentparadigma b resp. a zugeordnet worden sein. Das heißt im Falle von kroat. Sáva, dass der lang-steigende Akzent nicht notwendig der neštokavischen Akzentrückziehung geschuldet sein muss, sondern auch Reflex des Neoakuts sein könnte. – Zur Verbreitung dieser Akzentretrak tion auch im angrenzenden Čakavischen und Kajkavischen vgl. Kapović 2008a: 28–31. 32 Vgl. dazu Collinge 1985: 114f. 33 Wohl im 15./16. Jh.; vgl. Holzer 2006: 65f.; 2007: 86f. 34 „wird lautgesetzlich zu“. 35 „wird umgestaltet zu“. 36 Hinsichtlich der Etymologie gilt natürlich für den von diesem Flussnamen resp. demselben Wort innerslawisch abgeleiteten Namen anderer Flüsse wie Savica (Bezlaj 1961: 172), Savin ja (Bezlaj 1961: 174–176), Savinka (Bezlaj 1961: 176) u.ä. dasselbe. 26 Acta Linguistica Lithuanica LXVI Einige ausgewählte Probleme der alteuropäischen Hydronymie aus Sicht der modernen Indogermanistik – Ein Plädoyer für eine neue Sicht auf die Dinge Letztlich kann also für diesen Namen eine fast vollständige lautgesetzliche Erklärung gegeben werden. Lediglich der Übertritt in eine neue Flexionsklasse bei der Übernahme ins Slawische muss weiterhin als mit heutigen Modellen und Erkenntnissen nicht sauber erklärbar gelten. Für den Namen der Drau kann man ein analoges Szenario annehmen: uridg. *drou-o- > nachuridg. *drua- → lat. Drāvus37 > roman. */ˈdrāu̯/ bzw. */ˈdrāu̯o/38 → pann.-slaw. */ˈdrūā/ > gemeinslaw. */dr̥̄u̯ā/ bzw. */dr̥u̯ā/ > ur(west) südslaw./urkroat. */drāvā/ > kroat. Dráva, slowen. Dráva39. Allerdings ergibt sich hierbei ein Problem, auf das es hinzuweisen gilt: Man kann zwar für die Drava/Drau mit einer romanischen Zwischenstufe rechnen, aber selbstverständlich ist für die Drawa/Drage bzw. auch die Sawa in Polen40 oder die drei im Gebiet des oberen Dnepr gelegenen Flüss(ch)e(n) namens Sava (und weitere mit Sav- beginnende Gewässer im Baltikum) sowie eine Reihe weiterer russischer Flüsse, deren Namen als Ableitungen von einer Wurzel slaw. Sav- angesehen werden können,41 Vergleichbares nicht möglich.42 Für die Sawa wurde der Einfachheit halber früher eine Ableitung von einer dehnstufigen Wurzel postuliert, also uridg. (?) *sōu-ā-, ohne aber auf die Frage der Herkunft der Dehnstufe überhaupt einzugehen43, während in jüngerer Zeit dann auch bei diesem Namen als Erklärung für den anzunehmenden Lautwandel *o > *ā der schon o.g. Vorgang herhalten musste, „daß der Name durch slavischen Mund gegangen ist“44. Für die 37 Diese Wortform ist nicht nur ins Lateinische, sondern offensichtlich auch ins Keltische übernommen worden, immerhin ist bei Ptolemaios ein Stamm der Ἀμβίδρανοι (so ACS I, 120) bzw. Ἀμβιδρανοί (so Pape 1911: 71), latinisiert Ambid्रabus bezeugt, der aufgrund der Gestalt des Erstgliedes /ambi-/ kelt. sein muss. 38 ESSZI 124 rechnet ganz selbstverständlich mit einer Zwischenstufe vulgärlat. *Drāvus. Genauere Angaben zur Wortbildung werden aber nicht gegeben; es erfolgt nur der Hinweis auf poln. Drawa, und dass beide Flussnamen zu uridg. *dreǵ- gehören. 39 Mayer (1957: 128f.) rechnet hier wie bei der Sava/Save mit Genusangleichung an kroat. rijeka, verliert aber kein Wort über die hier natürlich ebenso wie dort erfolgte Dehnung des Wurzelvokals. 40 Vgl. Udolph 1990: 103–107. 41 Vgl. WRG IV, 141ff. 42 Fraglich bleibt in diesem Zusammenhang vorerst die Stellung von vier Flüsschen in Russland (in den Gebieten Orel und Brjansk), die das Element Drov- enthalten (vgl. WRG I, 642): Drovenena, Drovka, Drovosečnaja, Drovjanskoe (GewNN mit dem Element Drav- scheinen in Russland nicht vorzukommen). Zumindest beim ersten der vier ist ein Zusammenhang mit russ. dé́revo ‚Holz, Baum’ resp. drová ‚Brennholz’ nicht völlig auszuschließen und beim dritten dürfte er sicher sein. 43 Vgl. SSS V 78. Ebenso letztlich auch Udolph (1990: 274) bei der Besprechung eines anderen FlNs: „… etwa Dehnstufe wie bei Drawa, Sawa, Drama etc.?“ 44 Udolph 1979: 635. Straipsniai / Articles 27 HARALD BICH LMEIER Draua wird eine solche Dehnstufe in der Wurzel offenbar ohnehin angenommen, aber eine Erklärung wird für sie nicht gegeben. 45 Sollte für die slawischen Formen in der Tat eine dehnstufige Wurzel anzusetzen sein, bleibt festzuhalten, dass dann die baltischen Formen der mit Savo beginnenden Gewässernamen von jenen zu trennen sind, da diese keinesfalls die Dehnstufe, sondern eben die Vollstufe aufweisen. An der letztendlichen etymologischen Zusammengehörigkeit dieser beiden Flussnamen-Paare ist aber wohl kaum sinnvoll zu zweifeln. Am wahrscheinlichsten scheint mir nach dem oben Ausgeführten, dass die beiden heute west- und südslawischen Flussnamen schon ursprünglich verschieden waren. Schließlich sind die Belege für die polnischen (und russischen) Flüsse zudem ein gutes Jahrtausend jünger und müssen nicht notwendig auf dieselben Vorformen zurückgehen wie die südslawischen. Diese Theorie wurde bislang scheinbar noch nicht explizit diskutiert. 46 Während in Pannonien (und im Baltikum) die Substratformen *drou̯o-/*draua-, *sou̯o-/*sau̯a-, da waren, lägen den polnischen und russischen Flussnamen schon dem Substrat zuzuschreibende dehnstufige Formen *drōu̯o/ā-, *sōu̯o/ā- zu Grunde47, die von den ankommenden Slawen in ur(west/ost)sl. *drāu̯ā-, *sāu̯a- überführt wurden. Die Dehnstufe, bei der es sich um eine sog. Vṛddhi-Bildung handelt, muss hier aber zunächst überhaupt erst einmal motiviert werden: Normalerweise entstehen durch sie Adjektive, die eine Zugehörigkeit zum Grundwort bezeichnen, hier wäre also etwa für *drōu̯o- von einer Bedeutung ‚zum Lauf(en) gehörig’ o.ä. auszugehen. Sollte das Femininum alt sein, könnte hier ein ursprüngliches Kollektivum vorliegen.48 Die Bedeutung wäre dann etwa als ‚die Gesamtheit des zum (Fluss-) Lauf Gehörigen’ anzusetzen. Da das wieder eher wie eine Benennung für das Ge- 45 Udolph 1990: 107: „Wie im Fall der Drama fällt die Dehnstufe in der Wurzelsilbe auf.“ 46 Man vgl. aber die Bemerkung von Toporov–Trubačev 1962: 226 s. v. Sava: „riskovanno otoždestvlyat’ v etimologičeskom otnošenii s izvestnym dunajskim gidronimom Sava“, die durchaus in diese Richtung weist. 47 Damit rechnet auch implizit Schmid (1998: 23), wenngleich die dort postulierte Ablautstufe (ob uridg. oder alteurop. wird nicht klar) –āu̯– aus indogermanistischer Sicht einen verfehlten Ansatz resp. ein bei dieser Wz. unmögliches Rekonstrukt darstellt. – Es mag sich dabei um einen Reflex der völlig überholten Annahme von Kranzmayer (1956: 20) mit Verweis auf (IEW 795) handeln, dem FlN läge „indogerm. *drāu-“ zugrunde. Als Variante bietet Kranzmayer 1997 [1960]: 374, 377 „altkelt. Drāvos ‚die Fließende’ für die Drau“ an. Immerhin kommt auch hier der Gedanke an eine Dehnstufe in der Wz. ins Spiel. 48 Eine der gängigen Theorien zur Entstehung des Genus femininum im Uridg. rechnet damit, dass zumindest einer, wenn nicht der Ausgangspunkt zur Entstehung dieser Kategorie in ursprünglichen Kollektiv-Bildungen liegt. Vgl. dazu etwa die entsprechenden Abschnitte in gängigen Einführungen in die Indogermanistik. Vgl dazu mit neuen Gedanken zum Verlauf der Ausbildung und Diskussion älterer Vorschläge Luraghi 2009. 28 Acta Linguistica Lithuanica LXVI Einige ausgewählte Probleme der alteuropäischen Hydronymie aus Sicht der modernen Indogermanistik – Ein Plädoyer für eine neue Sicht auf die Dinge biet entlang des Flusses als für den Fluss selbst klingt, müsste dann auch noch Übertragung der Benennung des Flussgebiets auf den Fluss selbst angenommen werden. Gleiches gälte dann analog für *sōu̯ā- (< uridg. *sₕ₂ōu̯-ah₂-), ‚Gesamtheit des zum befeuchteten (Gebiet) Gehörigen’. Zu vergleichen ist hierzu als typologische Parallele die Verwendung von urgerm. *aǵʰiō- (< uridg. *h₂ekᵘ-iāh₂-), ‚(Gesamtheit des) zum Wasser Gehörig(en)’ > ahd. ouwe > nhd. Au, das in deutschen Flussnamen als Bezeichnung des Gewässers selbst auftritt. Das klingt alles recht kompliziert, aber: Das ist genau der Wortbildungsprozess und die semantische Entwicklung, die auch für viele der anderen dehnstufigen Flussnamen postuliert werden müssen, an die dann nach der weiter oben geschilderten Theorie von Schmid und Udolph die vorslawischen Formen *sou̯o-/*sau̯a-, *drou̯o-/*drau̯a- o.ä. angepasst worden wären! Wenn man nun aber diesen Prozess ohnehin motivieren muss, fragt sich, ob man das dann nicht auch gleich beim zu erklärenden Wort selbst machen kann – man spart sich dadurch die Annahme eines zusätzlichen analogischen Prozesses, von dem ohnehin nicht mehr zu klären sein dürfte, wo er seinen Anfang genommen hat. M. E. bleiben hier zu viele Möglichkeiten der Etymologisierung und Fragen der Laut- und Formenlehre offen, um weiterhin so eindeutige Aussagen treffen zu können, wie es bislang üblich war. Wie das im Vorhergehenden erfolgte Durchspielen verschiedener Möglichkeiten gezeigt haben sollte, können neue Erkenntnisse gelegentlich eben auch dazu führen, dass bislang als gesichert Geltendes in Frage gestellt werden muss. 2.2. Isar und Verwandtes Einen ähnlichen Fall stellt auch eine weitere Flussnamensippe dar. Zu ihr gehören u.a. der Name der Isar (mit den mittelalterlichen Belegen Isara und Isura, antik bereits Ἰσάρας (Strab. 4,6,9]), daneben aber auch ὁ Ἰσάρας (Ptol. 3,49,6) und τοῦ Ἴσαρος bzw. ὁ Ἴσαρο ποταμός (Strab. 4,1,11) für die Isère, weiters der alte Name der Donau, Ἴστρος. Zugehörig ist auch der Name des Eisack, ital. Isarco, in Südtirol (Strabo IV 207: Akk. Ἰσάραν, Nom. *Ἰσάρας, lat. Isarcus mit sekundärem *-k- wohl aus der Anwohnerbezeichnung Isarci; Isargus49),50 der aufgrund des deutschen Ei- einen Anlaut mit langem ī- erfordert. Und ein letzter zu nennender Flussname stammt aus Unteritalien, ital. Esaro < lat. Aisarus, gr. Αἴσαρος.51 49 Vgl. ACS II 75; Kühebacher 1995: 60. 50 Vgl. zu weiteren Belegen auch ACS II 72–75. 51 Zu weiteren Anschlüssen zu dieser Sippe vgl. auch Tovar 1977: 17, 35. Straipsniai / Articles 29 HARALD BICHlMEIER Der Name der Isar wird bereits seit Beginn der Forschungen zur Etymologie der Gewässernamen mit der in veralteter Schreibung als *eis-/*ojs-/*is- ‚heftig, ungestüm, schnell bewegen, antreiben’ notierten Wurzel zusammengestellt, und als mit einem r-Suffix bzw. dem Suffix *-rā- von dieser Wurzel abgeleitet analysiert.52 Genauere Angaben zur Wortbildung, gar zur Bedeutung des Gesamtworts scheint es in der älteren Literatur nirgends zu geben. Es stellen sich aber wieder ähnliche Fragen wie zuvor: Was liegen hier überhaupt für Suffixe vor? Was ist ihre Funktion? Wie erklären sich die unterschiedlichen Abl autformen in der Wurzel, die angenommen werden müssen? Da nominale Fortsetzer dieser Wurzel (mit Ausnahme des ‚Eisen’-Worts, s. u.) sonst im Germanischen nicht existieren, wird wohl zu recht von einem vorgermanischen Namen ausgegangen. Was in den etymologischen Analysen aber nie thematisiert wird, ist die Frage nach der Herkunft des mittleren -a- von Isara bzw. des mittleren -u- von Isura, die im 8.-10. Jh. nebeneinander stehen (s. dazu im Weiteren). Nach heute am meisten verbreiteter Auffassung ist die o.g. Wurzel nun als uridg. *h₁eish₂- ‚kräftigen, antreiben’53 anzusetzen. Daneben besteht vereinzelt weiter auch die Auffassung, sie habe vielmehr die Gestalt uridg. *h₁eish₁-54 gehabt. Im Weiteren wird der Einfachheit halber und weil es wahrscheinlicher ist, von der Mehrheitsmeinung ausgegangen: Denn hinzu kommt die allgemeine Seltenheit von Wurzeln im Urindogermanischen, die mit identischen Konsonanten an- und auslauten; identische Verschlusslaute etwa im An- und Auslaut scheint es gar nicht gegeben zu haben. Für Reibelaute hat eine derartige Beschränkung vielleicht nicht gegolten, vgl. etwa uridg. *ses- ‚schlafen’55. Ein zu dieser Wurzel regulär gebildetes ró-Adjektiv ist als uridg. *h₁ish₂-ró- ‚angetrieben, geschwind’ zu rekonstruieren. Dieses ist direkt in ai. isirā-56 ‚stark, aktiv’57 und gr. att. ἱερός, NW-gr. ιαρός, ion., poet. ἰρός, äol. ἶρος ‚heilig’ fortgesetzt. Die häufigste Form im Griechischen ist die mit ἱε-, was auf uridg. *h₁ish₁-ró- deu- 52 So etwa Krahe 1953: 121; 1954: 207f., 215; 1963: 293 [9], 299f. [15f.], 327 [43f.]; 1964: 55f., 71, 104, 163; Snyder 1964: 42f.; Snyder 1965: 184; Snyder 1966: 63; Snyder 1967: 163; ANB 561f.; LbO² 195; LbO³ 125 etc. 53 Vgl. LIV² 234. 54 So etwa Anreiter 2005: 45; EDG 580f. 55 Vgl. LIV² 536f. 56 Vgl. EWAia I 199. 57 Vgl. dazu auch Lipp II 410f. mit Anm. 125. 30 Acta Linguistica Lithuanica LXVI Einige ausgewählte Probleme der alteuropäischen Hydronymie aus Sicht der modernen Indogermanistik – Ein Plädoyer für eine neue Sicht auf die Dinge ten könnte. Allerdings kann gerade diese Form nach der recht zahlreichen Klasse der Adjektive auf -ερος generiert sein, so dass der Typ mit ια- folglich den Archaismus und somit die eigentlich zu erwartende Form darstellt. Allerdings muss dieser Suffixersatz dann schon sehr früh erfolgt sein, da die bereits mykenischen Ableitungen zu dieser Wurzel durchweg -e- zeigen: i-je-ro /hiiero-/ ‚heilig’, i-je-re-u /hiiereus/ ‚Priester’, i-je-re-ja /hiierejā/ ‚Priesterin’ u.a. Der eine Name der Isar, Isara, könnte nun problemlos ein Femininum zu diesem o.g. ró-Adjektiv darstellen, also uridg. *h₁ish₂-réh₂-, wobei nur angenommen werden muss, dass ähnlich, wie es in bestimmten Positionen im Lateinischen (sicher in jedem Fall in der ersten Silbe) geschieht, der interkonsonantische Laryngal zu -a- vokalisiert worden ist58 (parallel zur Vokalisierung zu -i- im Altindischen, vgl. das o.a. ai. isirā-, oder zur Vokalisierung im Griechischen, wo sich die Dreiheit der Laryngale in deren Reflexen ε, α, ο widerspiegelt). Es ergibt sich somit ein vorgermanisches (alteuropäisches?) *isarā- f., das schließlich als *isarā- f. ins Keltische und von dort (ggf. über lateinisch-romanische Vermittlung) ins Westgermanische gelangte. Die Existenz des Adjektivs ist für das Keltische auch unabhängig von irgendwelchen Flussnamen erwiesen, da das Wort für das Eichhörnchen im Altirischen, íaru, als Weiterbildung zu diesem mit dem individualisierenden on-Suffix zu erklären und auf vorurir. *isaron- ‚der Flinke’ zum Adj. vorurir. *isaro- ‚flink’ zurückzuführen ist.59 Die Übernahme ins Westgermanische muss vergleichsweise spät erfolgt sein: Zwar wurde in jedem Fall, was das Ausbleiben des Rhotazismus erklärt, der Akzent auf der ersten Silbe fixiert (die Tendenz dazu mag bereits im Festlandkeltischen angelegt gewesen sein), zur Senkung des -i- vor dem -a- der Folgesilbe ist es nicht (mehr) gekommen. Der gleiche Entwicklungsgang ist für den Namen der Isère in Frankreich anzunehmen, nur dass dieser dort dann die normale Entwicklung im Französischen genommen hat, ausgehend von lat. Isara (Liv. 21,31,3) etc. > vulgärlat./frühroman. *isára > *isára. Ein gewisses Problem stellen in diesem Zusammenhang die bereits oben erwähnten antiken Formen des Namens der Isère, τοῦ Ἴσαρος bzw. ὁ Ἴσαρ ποταμός (Strab. 4,1,11) dar. Sie erwecken den Eindruck, als läge ein alter maskuliner Konsonantenstamm vor. Da es allerdings für einen Konsonantenstamm (r-Stamm) kein aus indogermanistischer Sicht überzeugendes Wortbildungsmuster gibt, bleiben zwei Möglichkeiten: Entweder handelt es sich hier um einen schon vorindogermanischen Flussnamen, der dann bei der Integration ins Keltische an ein dort vorhandenes Wort angeglichen wurde, oder man hat es mit einer eher späten, dialektalen Form zu tun, die bereits Apokope des auslautenden Vokals von *isar-ā 58 Vgl. Schrijver 1991 passim, bes. 86–115; Meiser 1998: 107f. 59 Vgl. Ziegler 2001. Straipsniai / Articles 31 HARALD BICH LMEIER bzw. Synkope des Themavokals einer neben der femininen Form auch existiert habenden maskulinen Form mit anschließender Assimilation der Nom.-Sg.-Endung: *isar-os > *isars > *isar(r). Das Genus kann entweder auf das keltische Wort zurückgehen oder dem griechischen Hyperonym ὁ ποταμός geschuldet sein. Grundsätzlich nicht auszuschließen ist aber auch, dass das mittlere -a- seinen Ursprung einem sekundär angefügten Suffix *-ro- verdankt, das an einen zuvor schon bestehenden thematischen Stamm *h₁ish₂-é/ó- angetreten sein könnte. Dabei kann -a- entweder lautgesetzlich aus *-h₂-e- bereits spätgrundsprachlich entstanden sein oder später auch durch den ggf. das ‚Alteuropäische’ oder Teile davon ohnehin wohl auszeichnenden Wandel (uridg. *-h₂-o- > *o > *a. Hier ist eine Entscheidung nicht möglich. Gleiches gilt letztlich auch für den Eisack in Südtirol (Akk. ’Ισάραν, Nom. *’Ισάρας, lat. Isarcus mit sekundärem *-k-)⁶⁰, wobei hier noch das Problem hinzukommt, dass der deutsche Name des Flusses die Diphthongierung im Anlaut aufweist, was bei der Übernahme aus dem Romanischen ins Althochdeutsche vorhandenes *īsa(r)k-° voraussetzt. Ob dieser Langvokal wirklich schon alt ist und zur Annahme eines vollstufigen uridg. *h₁eish₂-reh₂- (neben dem o.a. regulären *h₁ish₂-ró- mit schwundstufiger Wurzel) zwingt (wie Krahe 1953: 121 meint), ist fraglich: Man müsste dann erstens annehmen, dass Strabo (ca. 63 v. Chr. – 23 n. Chr.) eine bereits monophthongierte lateinische⁶¹ Form *īsara⁶² übernommen hätte (was durchaus denkbar wäre, diese Monophthongierung war auf jeden Fall im Lateinischen um die Mitte des 2. Jh.s v. Chr. abgeschlossen)⁶³ und zweitens, dass es neben der morphologisch zu erwartenden und ja auch belegten schwundstufigen Bildung noch eine vollstufige Bildung gegeben habe. Diese wäre dann am ehesten als Vṛddhi-Bildung uridg. *h₁eish₂-ré/ó- zum aus dem Adjektiv *h₁ish₂-ró- gebildeten, durch Kontrastakzent substantivierten *h₁ísh₂-re/o- ‚Kräftigung, Schnellig- 60 ANB 311 wird nur die Wurzeletymologie in alter Schreibweise gegeben und die Tatsache beschrieben, dass ein Langvokal vorgelegen haben muss, es gibt aber keine Angaben zu dessen Herkunft: „antik Isāras (jünger Īsarcus) < *Īsaros (...), zu idg. *eis- ‚sich heftig bewegen’ (IEW 300f.).“ – Kühlebacher 1995: 59–61. 61 Da Norditalien seit spätestens dem 4. Jh. v. Chr. keltisch besiedelt war, wird man am ehesten eine keltische Zwischenstufe postulieren müssen: Im Keltischen wird uridg. *e̯i > *ē monophthongiert; folglich könnte eine Form kelt. *ēsara als *ēsara im 3. Jh. v. Chr. ins Lateinische übernommen worden sein, wo dieses *ē dann (wie im Lateinischen selbst aus uridg. *e̯i entstandenes *ē) im 2. Jh. v. Chr. zu ī weiter verengt wurde. 62 Eine der Zeit der Entstehung entsprechende Lösung bietet Julius Pokorny (1914: 293), der das Wort für illyrisch hält, eine Vollstufe der Wurzel („*eisa-“) und implizit eine -ko-Ableitung von einem vollstufigen Adjektiv (?) *eisaro- o.ä. anzunehmen scheint. Die bayerische Isar gilt ihm als Fluss mit keltischem Namen. 63 Vgl. Meiser 1998: 58. 32 Acta Linguistica Lithuanica LXVI Einige ausgewählte Probleme der alteuropäischen Hydronymie aus Sicht der modernen Indogermanistik – Ein Plädoyer für eine neue Sicht auf die Dinge keit, Antrieb’ einzustufen. Sie müsste in etwa ‚durch Schnelligkeit gekennzeichnet’ o.ä. bedeutet haben, wäre also mit dem ursprünglichen ró-Adjektiv praktisch synonym gewesen. Der Weg ist sowohl hinsichtlich der Wortbildung, der Semantik als auch der lautlichen Entwicklung gangbar. Es fragt sich aber doch, ob nicht vielleicht eher eine Dehnung in der Tonsilbe im Vulgärlateinischen/Frühromanischen anzunehmen ist, die *ísara zu *ī́sara gedehnt hätte, das dann ins Althochdeutsche übernommen und nach dem 11. Jh. diphthongiert worden wäre. Problematisch bleibt dabei aber dann der im Vergleich zur oben angeführten Entwicklung beim GewN frz. Isère (< *isára) verschiedene Akzentsitz in der vulgärlateinischen/frühromanischen Form. Möglicherweise lag beim Eisack auch eine Nebenform mit bereits synkopierter Endung vor, wodurch die erste Silbe zugleich die Pänultima und so die Akzentverschiebung auf diese ebenso regulär gewesen wäre wie die anschließende Dehnung des anlautenden *i- in offener Silbe. Als weitere Möglichkeit ist zu erwägen, ob nicht auch bald nach der Übernahme eine volksetymologische Eindeutung von ahd. îs ‚Eis’ (oder eine Einkreuzung einer ggf. einmal vorhandenen Benennung ahd. *îsaha ‚Eisfluss’) erfolgt sein kann;64 da der Eisack am Brenner auf 1990 m Seehöhe entspringt, ganzjährig kalt und im Winter streckenweise zugefroren ist, kein gänzlich abwegiger Gedanke. Sicher eine vollstufige Wurzelgestalt, am ehesten in der o-Stufe, bezeugt ein etymologisch zugehöriger Flussname in Unteritalien, ital. Esaro < lat. Aisarus, gr. Αἴσαρος < uridg. *h₁oish₂-(e)ro65, der ebenfalls einer voritalischen Sprachschicht entstammen dürfte, die den Wandel *o > a kannte. Allgemein angenommen wird weiters, dass der alte Name der Donau, 66 Ἴστρος,67 zu derselben Flussnamensippe zu stellen und ebenfalls als uridg. *h₁ish₂-ró- > ‚alteurop.’(?) *is-ro- > Istros zu rekonstruieren ist. Trifft dies zu, ist dieser Name der Donau unter der Annahme der Zugehörigkeit zur selben Sprachschicht entweder morphologisch nicht mit dem der Isar ursprungsgleich (da Isara, Isura eben einen ursprünglich vorhandenen, zusätzlichen mittleren Vokal enthält) oder er gehört, wenn er ursprungsgleich ist, also tatsächlich identische Etymologie vorliegt, aufgrund der klar anderen lautlichen Entwicklung eines inlautenden interkonsonantischen Laryngals nicht derselben Sprache an wie der der Isar: Der vielleicht vorliegenden Vokalisierung eines interkonsonantischen Laryngals bei den Sprach- 64 Vgl. dazu auch Kühebacher 1995: 60. 65 Vgl. Krahe 1953: 120. 66 Vgl. die Belege in ANB 257–265; Anreiter 2001: 229–237; LbO² 105f.; LbO³ 59f.; Borchers 2006: 11–19. – Zur Etymologie des Namens ist bei Anreiter 2001: 237f., alles Notwendige gesagt. – Ähnlich schon, wenngleich in heute veralteter Notation Krahe 1953: 103. 67 Vgl. die Belege bei Borchers 2006: 28–33. Straipsniai / Articles 33 HARALD BICH LMEIER trägern am Oberlauf der Donau steht der Ausfall des Laryngals und anschließende Entstehung eines epenthetischen -t- in der Gruppe *-sr- bei der doch sicher einheimischen Bezeichnung der Donau an deren Unterlauf gegenüber. Wenn man indes mit Peters68, gefolgt von Mayrhofer69, davon ausgeht, dass ein schon gemeinindogermanischer Schwund von Laryngal zwischen s und r anzunehmen ist (schematisch in etwas weiterer Fassung: H > Ø/s__K), wofür es gute Beispiele gibt,70 so wären gr. ion., poet. ἰρός, äol. ἰρος ‚heilig‘ < urgr. *isro- < uridg. *h₁ish₂-ró- und Ἴστρος lautgesetzlich, während sowohl gr. att. ἱερός, NW-gr. ιαρός als auch ai. iṣirá- und schließlich auch Isara nach den häufigen Typen auf gr. -αρος, -ερος bzw. ai. -ira-, die nach anderen Konsonanten als -s- zu erwarten wären, analogisch erneuert sein müssten. In eine ähnliche Richtung weisen nun auch die Ausführungen von Hardarsson 2011 und 2011a, die er im Rahmen seiner Untersuchungen zu den keltischen und germanischen Bezeichnungen für ‚Eisen’ gemacht hat, die er völlig überzeugend als je eigenständig entstandene und eben nicht, wie zuvor meist vermutet, gegenseitig entlehnte Bildungen erklären kann: Einerseits wird ein Adj. uridg. *h₁ish₂-er-nó- lautgesetzlich zu urkelt. *isarno- ‚kräftig stark‘, dessen neutrale Form zu ‚das Starke‘ substantiviert wurde: urkelt. *isarnon > urir. *isarnan > *iharnan > *eharna > *earna > air. iarn ‚Eisen‘ (zunächst zweisilbig, später einsilbig). Demgegenüber ist frühurgerm. *eisar­na- > urgerm. *īsarna- die Fortsetzung einer substantivischen Vr̥ddhi-Ableitung uridg./vorurgerm. *(h₁)éis(h₂)-er-no- ‚das durch Stärke ausgezeichnete, mit Stärke versehene‘ o.ä. zum o.g. Adj. uridg. *h₁ish₂-er-nó-. Der Unterschied zwischen der keltischen und der germanischen Form liegt somit darin, dass der keltischen Form ein Adjektiv, der germanischen aber bereits ein Substantiv zugrunde liegt. Ausgangspunkt ist für beide Ableitungen o.g. uridg. *h₁ish₂-ró- ‚kräftig, rasch etc.‘. Dazu wurde mit Vr̥ddhierung des Suffixes ein Adj. uridg. *h₁ish₂-eró- ‚dss.‘ gebildet. Ursprüngliche Bedeutung dieser Bildungen mit vr̥ddhiertem Suffix scheint eine Nuancierung des Grundworts gewesen zu sein, wie sie im Englischen etwa Ableitungen auf -ish (grey :: greyish) oder im Neuhochdeutschen Ableitungen auf -lich (blau :: bläulich) zum Ausdruck bringen, weshalb sich dieser einmalige Kontrast kaum mehr greifen lasse;71 vgl. etwa uridg. *pik-ró- ‚spitz, scharf‘ > gr. πικρός 68 Vgl. Peters 1980: 160f., 172, Anm. 124; 325. 69 Vgl. Mayrhofer1986: I/2 150. 70 Am deutlichsten zeigt den Schwund das Heterokliton uridg. Nom. *h₁ésh₂-r̥, Gen. *h₁es-nós ‚Blut’ > heth. eshar, esnas, während das vedische Pendant bereits Verallgemeinerung der laryngallosen Form zeigt, vgl. ai. áṣr̥-k, asnáś (vgl. EDHIL 256–260; EWai 149 mit älterer Literatur). 71 So Nussbaum 2009; zitiert nach Hardarsson 2011, 2011a. 34 Acta Linguistica Lithuanica LXVI Einige ausgewählte Probleme der alteuropäischen Hydronymie aus Sicht der modernen Indogermanistik – Ein Plädoyer für eine neue Sicht auf die Dinge ‚dss.‘ vs. uridg. *piḱ-eró- > toch. A pśar ‚dss.‘: Von einem derartigen sekundären Adjektiv konnte dann ein weiteres semantisch kaum zu unterscheidendes Adj. uridg. *h₁ish₂-er-nó- ‚dss.‘ abgeleitet werden, vgl. uridg. *tig-ró- ‚spitz, scharf‘ → *tig-eró- → *tig-er-nó- > air. tigern ‚Herr‘ (< ‚der an der Spitze ist‘) etc. Schließt man sich der Erklärung der morphologischen Prozesse nach Nussbaum an und hält Vrddhierung im Suffix für möglich, stellen die unterschiedlichen Formen mit und ohne ‚Bindevokal‘ kein Problem mehr dar. Auf eine weitere bei Hardarsson (2011: 109f.; 2011a: 4) gebotene Präzisierung älterer Erklärungen, wie sie oben dargeboten wurden, ist noch hinzuweisen: Nimmt man den de Saussureschen Laryngalschwund neben uridg. *o ernst, sollte in einem normalen thematischen Paradigma, in dem der Themavokal ablautet, also uridg. *h₁ish₂-ró- :: *h₁ish₂-ré-, bereits spätgrundsprachlich *h₁is-ró- :: *h₁ish₂-ré- entstanden sein, das je einzelsprachlich in die eine oder andere Richtung ausgeglichen worden sein konnte: Aus der erstgenannten Form wären gr. ion., poet. ἰρός, äol. ἶρος ebenso lautgesetzlich wie der nichtgr. Flussname Ἴστρος, während aus der zweiten Form NW-gr. ἰαρός und ai. iṣirá- lautgesetzlich entstanden sind. Hinsichtlich Isara muss als Vorform dem Adj. uridg. *h₁ish₂-eró-/-eráh₂- so lange der Vorzug vor uridg. *h₁ish₂-ró-/-ráh₂- gegeben werden, so lange keine eindeutigen Fälle gefunden werden können, in denen inlautende interkonsonantische Laryngale (im Bereich der alteuropäischen Hydronymie) vokalisiert wurden.72 Als Problem kommt nun noch hinzu, dass von den etwa zwei Dutzend Belegen bis etwa zum Jahr 1000 n. Chr. ca. zwei Drittel die Gestalt Isura, aber nur ein Drittel die Gestalt Isara zeigt. Dass in so vielen Fällen Verschreibung vorliegt, ist schwerlich anzunehmen; Isura dürfte also eine sprachwirkliche Form darstellen.73 Nach 1000 n. Chr. wird die Gestalt Isar(a) fest, neben der dann auch schon Belege mit Nebensilbenschwächung Iser(a) begegnen. Die Form Isura ist nun nicht einfach auf eine gesicherte Vorform zurückzuführen: Es gibt kein Suffix uridg. *-uro- o. ä. Denkbar ist zunächst, dass es sich um einen weiteren Fall des im Germanischen so häufigen Suffixwechsels handelt: Ausgehend von Fällen, in denen in im Ablaut 72 Eigens zu untersuchen wäre noch, ob der Flussname tschech. Jizera, dt. Iser (1297 Gizera; rechts zur Elbe) dafür Argumente liefern könnte: Die tschechische Form erfordert jedenfalls eine westgermanische Ausgangsform */izerō-/ < frühergerm. *isa/erā- < uridg. *h₁ish₂-(e)ró/éh₂-, die im 6. Jh. unmittelbar nach der Einwanderung der Slawen ins Böhmische Becken, aber noch vor der Durchführung des Rhotazismus urgerm. *-z- > -r- ins Urtschechische entlehnt worden sein muss. Falls diese Etymologie richtig ist, gewönne man nebenbei auch noch mit 500 n. Chr. einen terminus post quem für diese westgermanische Lauterscheinung. 73 Reitzenstein 2001/2002 erwägt bereits für die Antike die Namensform Isura, macht aber keine Angaben zu deren Etymologie. – Nach Krahe (1964: 55) ist auch für den Ure, einen Nebenfluss des Swale in Yorkshire eine Vorform *Isura anzunehmen; an diesem Fluss und nach diesem benannt ist ein römisches Kastell namens Ἰσούριον (Ptol. II 316) bzw. Isurium (It. Ant. 465, 3) bezeugt. Straipsniai / Articles 35 HARALD BICHlMEIER zueinander stehenden Suffix- (uridg. *enḱó- > urgerm. *-inga-, uridg. *-ṇḱó- > urgerm. *-unga- etc.) oder Flexionsformen (vgl. etwa bei den n-Stämmen: uridg. *ṇ > urgerm. *un, uridg. *en > urgerm. *in, uridg. *on > urgerm. *an) Vokalalternationen entstanden waren,⁷⁴ konnten diese dann auch auf andere Fälle übertragen werden, in denen etymologisch eigentlich nicht mit Ablaut zu rechnen war bzw. dieser gar nicht auftreten konnte. So kann vielleicht auch sekundär zu urgerm. *Isarō ein *Isurō gebildet worden sein. Zu beweisen ist dies aber natürlich nicht. Eine andere Möglichkeit könnte darin bestehen, zu erwägen, ob nicht dieser u-haltigen Form ein altes Partizip Perfekt Aktiv zugrunde liegt. Das Femininum dieses Partizips zur o. a. Wurzel wäre als uridg. Nom. *h₁e-h₁ish₂-us-íh₂, Gen. *h₁e-h₁ish₂-us-iéh₂-s anzusetzen, woraus Nom. *e.isusī, Gen. *e.isusiās > Nom. *eisusī, Gen. *eisusiās zu erwarten ist. Diese Form könnte nun nach den häufigeren Feminina auf Nom. *-ā, Gen. *-ās analogisch zu Nom. *eisusā, Gen. *eisusās umgeformt worden sein. Eine derartige keltische (?) Form kann aber nicht direkt bei Übernahme ins Westgermanische die bezeugten Ergebnisse liefern. Sicher anzunehmen ist die Monophthongierung der anlautenden Silbe zu Nom. *īsusā, Gen. *īsusās. Weiter ist wohl mit einer lateinisch-romanischen Zwischenstufe im Süden Bayerns zu rechnen: Auf dieser Stufe wurde der Akzent auf die Pänultima verlegt, wodurch die Anfangssilbe ihre Länge verlor und das nachtonige -s- schließlich als [z] artikuliert wurde. Die ankommenden Germanen haben damit dann den Flussnamen am ehesten als [ˈisu(ː)za] gehört und als [ˈisu(ː)za] in ihre Sprache integriert, wo das [z] schließlich dem Rhotazismus unterlag und belegtes Isura entstanden sein dürfte.⁷⁵ Nicht zu klären ist, ob es sich bei den beiden belegten Formen Isara und Isura nun um in irgendeiner Form diachron und/oder diatopisch verschiedene Bildungen handelt, oder diese doch einer Sprache und Zeitstufe angehören. Ersteres ist wahrscheinlicher, da sicher nicht oft zu beobachten ist, dass Mitglieder einer Sprechergruppe ein und denselben Fluss mit unterschiedlichen Ableitungen einer Wortwurzel benennen bzw. benannt haben. Vielleicht muss man hier tatsächlich mit zwei unterschiedlichen Benennungen eines Flusses, die von derselben Wurzel abgeleitet sind (ggf. zu verschiedenen Zeiten geprägt und/oder ursprünglich verschiedene Flussabschnitte bezeichnend), die sich bis ins Hochmittelalter gehalten hätten, als sich dann eine der beiden, eben Isara, durchsetzte. 74 Vgl. dazu auch mit weiteren Beispielen Schaffner 1999: 187f. mit Anm. 205; Casaretto 2000: 218. 75 Sollte dieses Szenario richtig sein, kann die von Wolf-Armin Reitzenstein 2001/2002 dargestellte Möglichkeit der Existenz des FINs Isura bereits in der Antike nicht zutreffen. Nach obigem Szenario wäre dann ja noch *Isusa zu erwarten. Sollte die Form Isura aber tatsächlich schon antik so gelautet haben, wäre deren morphologische Struktur indes nur analogisch zu erklären. – Denkbar wäre allenfalls noch eine sekundäre adjektivische (festlandkeltische?) ro/ā-Ableitung zu einem ehemals ablautenden, am ehesten proterodynamisch flektierenden u-Stamm *h₁ēish₂-u-, *h₁ish₂-éu-. 36 Acta Linguistica Lithuanica LXVI Einige ausgewählte Probleme der alteuropäischen Hydronymie aus Sicht der modernen Indogermanistik – Ein Plädoyer für eine neue Sicht auf die Dinge Auch die hier vorgelegte Untersuchung der etymologischen Herkunft des Namens der Isar und damit verwandter Flussnamen dürfte gezeigt haben, dass durchaus noch Präzisierungen hinsichtlich der exakten Herleitung von Namen der ältesten uns greifbaren Schicht von Flussnamen möglich sind – gleichzeitig damit aber immer wieder auch neue, bislang vernachlässigte oder übersehene Probleme auftauchen. 3. FAZIT Wie die vorangehenden Ausführungen klar gezeigt haben sollten, kann man mit Hilfe der modernen Form der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft deutlich über die Ergebnisse der ‚klassischen Alteuropäistik’ hinausgelangen. Aus dem Dargelegten ergeben sich für die Forschung weitere Fragen und Aufgaben: Gehören all die Namen der alteuropäischen Hydronymie überhaupt derselben Sprache oder Sprachschicht an? Gehören auch unterschiedliche Namen für ein und denselben Fluss immer derselben Sprachschicht an? Falls sie das tun, muss man oft verschiedene Vorformen ansetzen. Diese unterschiedlichen Formen müssen jede für sich ordentlich etymologisiert, d.h. auch hinsichtlich der Wortbildung vollständig erklärt werden. Gehören solche Namenvarianten/-dubлетten nachweislich nicht derselben Sprachschicht an (wobei dieser Nachweis im Einzelfall recht schwierig sein dürfte), sollte man überlegen, inwieweit man wirklich von einer einheitlichen Sprache der Träger der alteuropäischen Hydronymie ausgehen darf: War das ‚Alteuropäische‘ dialektal gegliedert? Wenn ja, wie? Einige weitere Fragen zu den genannten Flussnamen und zur alteuropäischen Hydronymie als ganzer ließen sich anschließen: Haben sich die späteren Sprachen auf dem Gebiet der alteuropäischen Hydronymie tatsächlich aus jener Sprachschicht heraus entwickelt? Lässt sich das überhaupt beweisen? Dies soll hier erst einmal als Überblick und Anregung zu weiteren Forschungen genügen. Zum Schluss der Ausführungen soll noch einmal der Beginn des Beitrags aufgegriffen werden: Eine Onomastik, die sich mit der alteuropäischen Hydronymie beschäftigt, und die es mit der Beantwortung der Frage „Was besagen die Namen?“ ernst meint, ist heutzutage ohne die Methoden und Modelle der modernen Indogermanistik nicht mehr sinnvoll möglich: Sie wird schlicht keinerlei relevanten Erkenntnisgewinn mehr erzielen. Fortschritte auf diesem Gebiet können nur noch mit Hilfe moderner Indogermanistik erfolgen. Die in der ‚klassischen Alteuropäistik’ übliche Vorkriegsindogermanistik ist in jeder Hinsicht überholt und hat in Straipsniai / Articles 37 HARALD BICHLM EIER den letzten Jahrzehnten wenig Neues gebracht, das allgemeine wissenschaftliche Anerkennung gefunden hätte. Zudem ruhten ihre Ergebnisse dabei kaum einmal auf auch nur halbwegs vollständigen Etymologien. Man wird deshalb an einer Neubetrachtung des gesamten vorhandenen Materials der alteuropäischen Hydronymie schwerlich vorbeikommen. Erst dann wird sich abschließend der Wert der bisherigen Forschungen beurteilen lassen. Denn durch die neue Betrachtung des Materials werden natürlich auch vermeintliche Gewissheiten ins Wanken geraten. Die Indogermanistik hat sich in den letzten 50 Jahren in allen Bereichen gewaltig weiterentwickelt, während die Erforschung der alteuropäischen Hydronymie in methodischer Hinsicht auf dem damaligen Stand stehengeblieben ist. Es wird Zeit, dass dieser lohnende Bereich der Onomastik diesen Rückstand gegenüber der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft aufholt und so wieder zu einer Wissenschaft wird, an deren Ergebnissen auch Indogermanisten nicht vorbeikommen. Dies erfordert natürlich die Bereitschaft und Fähigkeit gerade der Protagonisten der ‚Alteuropäistik’, sich eben die Methodik und Inhalte der modernen Indogermanistik anzueignen. Eine Wissenschaft, die sich nicht beständig selbst erneuert und weiterentwickelt, ist – eher früher als später – zur Irrelevanz und/oder zum Aussterben verdammt. Es gibt weiterhin eine Menge zu tun, hunderte Fragen sind noch zu beantworten. LITERATURVERZEICHNIS ACS I–III – Holder Alfred: Alt-celtischer Sprachschatz 1–3. Leipzig: Teubner 1896–1907. ANB – Altdeutsches Namenbuch. Die Überlieferung der Ortsnamen in Österreich und Südtirol von den Anfängen bis 1200, bearbeitet von Isolde Hausner, Elisabeth Schuster. Wien: Österreichische Akademie der Wissenschaften 1989ff. Andersen Henning 2009: The Satem Languages of the Indo-European Northwest. First Contacts? – The Indo-European Language Family: Questions about its Status (Journal of Indo-European Studies Monograph Series, No. 55), ed. by Angela Marcantonio. Washington, DC: Institute for the Study of Man 2009, 2: 1–31. Anreiter Peter 2001: Die vorrömischen Namen Pannoniens (Archaeolingua, Series minor 16). 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Per pastaruosius 50 metų indoeuropeistikos mokslas visose sferose smarkiai pažengė į priekį, o senosios Europos hidronimijos tyrimo metodika liko tokia pati kaip anuomet. Atėjo laikas šiai perspektyviai onomastikos sričiai įveikti atsilikimą nuo istorinės-lyginamosios kalbotyros ir vėl tapti mokslu, kurio rezultatų neapeitų ir indoeuropeistai. Šitai, suprantama, iš ryškiausių „senosios europeistikos“ atstovų reikalauja pasirengimo ir sugebėjimų perimti šiuolaikinės indoeuropeistikos metodus bei turinį. Mokslas, kuris nuolatos neatsinaujina ir netobulėja, anksčiau ar vėliau bus pasmerktas tapti nereikšmingu ir mirti. Šiame straipsnyje remiantis upių vardų Save, Drau bei Isar ir su jais susijusių vardų pavyzdžiu parodoma, kokios „senosios Europos hidronimijos“ tyrėjų mokslinės išvados dėl minėto atsilikimo tebėra nepastebėtos. 46 Acta Linguistica Lithuanica LXVI Einige ausgewählte Probleme der alteuropäischen Hydronymie aus Sicht der modernen Indogermanistik – Ein Plädoyer für eine neue Sicht auf die Dinge Kažin ar nors kartą iki šiol „senosios europeistikos“ išvados rėmėsi ir kiek išsamesnėmis etimologijomis, kaip tai įprasta indoeuropeistikai, todėl vargu ar bus galima išvengti naujo visos turimos senosios Europos hidronimijos medžiagos tyrimo. Tik tuomet ligšiolinių tyrimų reikšmė galės būti galutinai įvertinta, nes remiantis nauju medžiagos traktavimu, žinoma, bus suabejota ir tariamomis tiesomis. Įteikta 2011 m. gruodžio 19 d. HARALD BICH LMEIER Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Orientalisches Institut Seminar für Indogermanistik und Allgemeine Sprachwissenschaft Heinrich-und-Thomas-Mann-Str. 26, 06108 Halle (Saale) [email protected] Sächsische Akademie der Wissenschaften Arbeitsstelle Jena Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen Zwätzengasse 12, 07743 Jena [email protected] Straipsniai / Articles 47