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Pranas Skardžius ir didysis „Lietuvių kalbos žodynas“

Aldonas Pupkis

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ALDONAS PUPKIS Institut für Litauische Sprache Forschungsschwerpunkte: litauische Phonetik, Theorie und Praxis der Sprachkultur, Dialektologie, Geschichte der litauischen Sprachwissenschaft. PRANAS SKARDŽIUS UND DAS GROSSE LITAUISCHE SPRACHWÖRTERBUCH1 Pranas Skardžius und das große Wörterbuch der litauischen Sprache ZUSAMMENFASSUNG Der Artikel untersucht die Beziehungen des bedeutenden litauischen Linguisten Pranas Skardžius zu dem Ende 1930 begonnenen großen Wörterbuch der litauischen Sprache und dessen Redakteur Juozas Balčikonis. Die Umstände der Ernennung des Wörterbuchredakteurs werden neu interpretiert; außerdem werden Skardžius’ späterer Wunsch und seine Bemühungen dargestellt, das Wörterbuch zu verbessern, die Forderungen, seine bevorzugte Rechtschreibung zu übernehmen, sowie sein Bestreben, unter günstigen Umständen selbst die Stelle des Wörterbuchredakteurs zu übernehmen. Der Artikel vertritt die Auffassung, dass die Diskussionen bedeutender Linguisten allmählich zu einem Kampf um persönliche Ambitionen wegen geringfügiger Rechtschreibfragen wurden. Es wird geschlussfolgert, dass die 1942 eigens zur Verbesserung der Wörterbucherstellung eingerichtete Wissenschaftliche Hilfskommission zwar auch gute Vorschläge annahm, zugleich aber Balčikonis’ grundlegende Auffassungen zum Typ des Wörterbuchs und zu weiteren zentralen Prinzipien der Wörterbucherstellung bestätigte. Balčikonis’ Beharrlichkeit und die historischen Umstände führten dazu, dass die Bände I und II des Wörterbuchs nach den von Balčikonis entwickelten Prinzipien redigiert und in der damals gebräuchlichen Rechtschreibung veröffentlicht wurden. ZUSAMMENFASSUNG Der Artikel behandelt die Beziehungen des bekannten litauischen Linguisten Pranas Skardžius zum großen Wörterbuch der litauischen Sprache, dessen Zusammenstellung Ende 1930 begann, und zu dessen Redakteur Juozas Balčikonis. Er bietet eine neue Interpretation der Umstände, unter denen der Wörterbuchredakteur ernannt wurde, und zeigt Skardžius’ späteren Wunsch und seine Bemühungen 1 Der Artikel entstand im Rahmen des vom Forschungsrat Litauens geförderten Projekts Juozas Balčikonis als Lexikograf (Nr. LTI-5-14). SCHLAGWÖRTER: Geschichte der litauischen Sprachwissenschaft, Lexikografie, Wörterbuch der litauischen Sprache, Wörterbuchkartei, Rechtschreibung. SCHLAGWÖRTER: Geschichte der litauischen Sprachwissenschaft, Lexikografie, Wörterbuch der litauischen Sprache, Wörterbuchkartei, Rechtschreibung. Straipsniai / Articles 101 ALDONAS PUPKIS seine Forderungen, das Wörterbuch zu verbessern, die von ihm befürwortete Rechtschreibung zu billigen und das Amt des Wörterbuchredakteurs zu übernehmen, sobald die Umstände es zuließen. Der Artikel stellt fest, dass sich die Diskussionen der berühmten Linguisten allmählich zu einem Kampf um persönliche Ambitionen bei nebensächlichen Rechtschreibfragen entwickelten. Abschließend wird festgestellt, dass die 1942 zur Verbesserung der Wörterbucherarbeitung eingesetzte Wissenschaftliche Hilfskommission zwar einige gute Vorschläge übernahm, jedoch Balčikonis grundlegende Positionen zum Wörterbuchtyp und zu anderen wesentlichen Prinzipien der Wörterbucherarbeitung billigte. Balčikonis’ Beharrlichkeit und die historischen Umstände führten dazu, dass Band I und Band II des Wörterbuchs nach den von Balčikonis festgelegten Prinzipien redigiert und in der damals verwendeten Rechtschreibung veröffentlicht wurden. DIE ERNENNUNG DES REDAKTEURS DES GROSSEN WÖRTERBUCHS Über das Verhältnis des bekannten litauischen Linguisten des 20. Jahrhunderts, Prof. Pranas Skardžius, zum großen Lietuvių kalbos žodynu zu sprechen und zu schreiben, ist deshalb sinnvoll, weil bislang keine analytischen Arbeiten zu dieser Frage veröffentlicht worden sind und das Problem tatsächlich komplex und kompliziert war. Die Gedanken aus Skardžius’ in der Presse geführten Diskussionen mit dem Redakteur des großen Wörterbuchs, Juozas Balčikonis (Skardžius 1997: 227–230; 1999: 665–666, 666–667; Balčikonis 1978: 172–175), die verstreuten Informationen über die Tätigkeit der 1942 gebildeten Wissenschaftlichen Hilfskommission [für das Wörterbuch] (siehe zum Beispiel Dėk žodi prie žodžio 2006: 198–199, 380 u. a.) sowie die Aussagen aus späteren Diskussionen zu Rechtschreibfragen (siehe zum Beispiel Balčikonis 1978: 183–187, 187–188; Raila 1943; Salys 1944 u. a.) sind überliefert, aber nicht zusammengeführt. Sie erlauben weder ein klareres Bild der damaligen Meinungsverschiedenheiten zwischen zwei bedeutenden Linguisten – Balčikonis und Skardžius – bei der Vorbereitung von Band I des großen Wörterbuchs noch ein gutes Verständnis ihres Ursprungs, ihrer Ursachen und ihres Wesens. In diesem Artikel wird erstmals versucht, anhand einer systematischen Analyse der genannten Diskussionen, der in der Literatur veröffentlichten Aussagen anderer Autoren, der Erinnerungen von Zeitgenossen und insbesondere neu entdeckter Archivdokumente das vorhandene Material zusammenzuführen und eine neue Interpretation der Geschichte der Erarbeitung des damaligen Lietuvių kalbos žodyno vorzulegen. Wie bekannt, kam die Erarbeitung des Lietuvių kalbos žodyno nach Kazimieras Būgas Tod mehrere Jahre lang vollständig zum Stillstand. Das bedeutet nicht, dass man sich überhaupt keine Gedanken über Būgas Wörterbuchnachlass machte. 1925 sichtete Antanas Salys, der letzte Mitarbeiter Būgas und als Student Sekretär des Wörterbuchs, das Būga-Archiv und veröffentlichte die Ergebnisse in der wissenschaftlichen Sammelschrift Tauta ir žodis (Salys 1985: 136–154). Wegen der in der Presse geäußerten Kritik, dass die Wörterbucharbeit nicht vorankomme, schaltete sich die Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Litauens ein. In der Fakultätsratssitzung vom 14. September 1926 wurden auch die Angelegenheiten des Lietuvių kalbos žodyno erörtert. Laut dem Bericht des Fakultätsdekans Vincas Krėvė-Mickevičius hatte das Bildungsministerium die Fakultät mit der Betreuung der Wörterbuchangelegenheiten beauftragt 102 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Pranas Skardžius ir didysis Lietuvių kalbos žodynas und auf Vorschlag des Dekans setzte der Rat eine Kommission ein: den Vorsitz führte Jonas Jablonskis, Mitglieder waren Balčikonis, Antanas Smetona, Alfredas Senas (Senn) und Krėvė-Mickevičius. Dem Vorsitzenden wurde eine monatliche Vergütung von 800 Litų bewilligt (CVA F. 4, ap. 817, lp. 7). Später wurden außerdem Mittel für den Kauf von Möbeln bereitgestellt. Die Kommission beauftragte Balčikonis, den Wörterbuchnachlass Būgas zu prüfen. Am 2. Oktober 1926 legte er der Kommission seinen Prüfbericht vor. Am Ende heißt es: „Die Truhen, in denen das Wörterbuch liegt [d. h. die Zettelkästen des Wörterbuchs. – A. P.], sind sehr dürftig, aus ungleichmäßigen Brettern gefertigt, ohne ordentlichen Deckel und überall verstaubt. Die Kommission ist der Ansicht, dass das Wörterbuch, bis sich ein Redakteur findet, so untergebracht werden sollte, dass es nicht verstaubt, verloren geht oder verdirbt“ (Balčikonis 1978: 47). Dem Bericht ist der Vermerk beigefügt, dass die Kommission am 13. Oktober beschlossen habe, die Arbeit aufzunehmen. „Für diese Arbeit wird eine Person eingestellt, die nach den Anweisungen der Kommission und unter ihrer Aufsicht arbeiten soll. Als solche Person ist vorläufig Herr Kepalas2 vorgesehen. Der Dekan wurde beauftragt, mit ihm und dem Bildungsministerium die Arbeitsbedingungen zu besprechen“ (ebd.). Ob Kazys Kepalas für die Arbeit eingestellt wurde und wie viel die Kommission tatsächlich leistete, ließ sich bislang nicht feststellen. Aus Balčikonis’ Bericht bleibt jedoch besonders wichtig die erwähnte Tatsache, dass es damals keinen Kandidaten für das Amt des Wörterbuchredakteurs gab; folglich war auch Balčikonis’ Kandidatur nicht im Blickfeld der Kommission. Dennoch wurde Balčikonis vier Jahre später zum Wörterbuchredakteur ernannt. Bislang hieß es in der Literatur, Balčikonis sei der einzige Kandidat für das Amt des Wörterbuchredakteurs gewesen. So äußerte Vytautas Vitkauskas vorsichtig: „Einen anderen Menschen, der das große Wörterbuch der litauischen Sprache hätte erarbeiten können, gab es wahrscheinlich auch nicht“ (Vitkauskas 1986: 186). Einer anderen Quelle zufolge (Pupkis 2010: 150) sagte Kazys Ulvydas in den 1970er-Jahren am Institut für Litauische Sprache und Literatur bei der Erörterung einer Ausgabe von Balčikonis’ Rinktinių raštų, um den Posten des Redakteurs des Lietuvių kalbos žodyno habe es keinerlei Konkurrenz gegeben, und andere bekanntere Linguisten hätten sich um diesen Posten gedrückt3. Tatsächlich zeigen neue Archivdokumente, dass diese Aussagen grundlegend überprüft werden sollten. Dass die genannten Aussagen nicht durch gewichtigere Belege gestützt waren, zeigt auch, dass Ulvydas damals noch Schüler des Jesuitengymnasiums war, erst 1930 sein Universitätsstudium aufnahm und diese Dinge wohl kaum unmittelbar aus den betreffenden Angelegenheiten kannte- 2 Kazys Kepalas (geb. 1891 in der Gemeinde Kamajai), Philologe, Neffe der Schwester von Jurgis Šlapelis; Šlapelis ermöglichte ihm den Schulbesuch. Er absolvierte das II. Gymnasium Vilnius und studierte Philologie an der Universität Sankt Petersburg. Nach dem Krieg arbeitete er in der Terminologiekommission und schloss 1926 sein Studium an der Universität Litauen ab (Studium der klassischen Sprachen und der Litauistik). Er unterrichtete an verschiedenen Schulen alte Sprachen und lehrte von 1926 bis 1932 an der Universität klassische Sprachen und Litauisch (für Nichtfachleute). Er übersetzte eine Chrestomathie lateinischer Autoren ins Litauische und veröffentlichte Artikel zu Terminologiefragen. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs ging er in den Westen. 3 Diese Aussage wird auch durch spätere Äußerungen Kazys Ulvydas’ bestätigt: „Und wer weiß, wie lange die von ihm [Kazimieras Būga] begonnene Arbeit noch unbewegt geblieben wäre, wenn nicht J. Balčikonis sich um ihre Fortsetzung bemüht hätte – überhaupt, wenn es damals keinen Menschen wie J. Balčikonis gegeben hätte. [...] Er argumentierte, dass das litauische Volk ein Wörterbuch dringend brauche und dass die von K. Būga begonnene Arbeit unbedingt fortgeführt werden müsse“ (Ulvydas 1987: 5). Straipsniai / Articles 103 ALDONAS PUPKIS aus den Lippen der beteiligten Menschen. Auch Vitkauskos Vermutung war durch keine konkreten Tatsachen begründet. Beiden Informanten – Ulvydas und Vitkauskas – entging wohl auch die Tatsache, dass es in der damaligen Presse deutliche Zweifel an Balčikonis Ernennung zum Wörterbuchredakteur gab. In dieser Hinsicht ist ein unter dem Namen Ant[anas] Valys unterzeichneter Artikel (Valys 1930) recht aufschlussreich, der am 27. November 1930 in der Tageszeitung Lietuvos žinių erschien, also kurz bevor Balčikonis am 1. Dezember offiziell zum Wörterbuchredakteur ernannt wurde. Darin heißt es, man habe gehört, die Wörterbucharbeit sei Herrn Dozenten B. anvertraut worden (gemeint ist zweifellos Balčikonis). Dass die Wörterbucharbeit wieder aufgenommen werde, sei durchaus erfreulich, doch scheine es nicht, dass alle besten Kräfte unserer Sprachwissenschaftler daran beteiligt würden. Herr B. sei ein guter Stilist, doch reiche das nach Ansicht des Autors noch nicht aus, um sich weiterhin mit der Wörterbucharbeit abzumühen. Für historisch-vergleichende und linguistisch-vergleichende Arbeit hätten wir keine Leute wie Būga; daher müsse man jüngere Kräfte aus der Sprachwissenschaft, Universitätsprofessoren, hinzuziehen. „Die Übertragung des Wörterbuchs in die Obhut von Herrn B. ist die höchste Anerkennung sowohl seines rechtlichen als auch seines moralischen Anspruchs auf die alleinige Zuständigkeit für B. Mit diesem Schritt [...] wird offenbar ein weiterer (historisch-vergleichender) linguistischer Blick auf die Fakten unserer Sprache ignoriert und die engere, dogmatischere linguistische Haltung bestimmter Sprachwissenschaftler unserer älteren Generation (Schule) offiziell gebilligt4. An den Wörterbuchmitarbeitern stoßen wir uns nicht, wohl aber an ihren Qualifikationen für eine breit angelegte wissenschaftliche Arbeit. Bei einer solchen Arbeit sollten wir, scheint mir, am wenigsten irgendwelche sachfremden, nichtwissenschaftlichen Erwägungen berücksichtigen“ (ebd.)5. Wer der Verfasser dieses Artikels war, ließ sich nicht feststellen. Es besteht kein Zweifel, dass er dem Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität nahestand und zu den jüngeren Sprachwissenschaftlern aus dem Umfeld von Salys und Skardžius gehörte, vielleicht sogar Skardžius selbst war. Wie bekannt, kehrte Skardžius Ende 1928 von seinem Auslandsstudium in Deutschland nach Kaunas zurück und begann im Frühjahrssemester 1929 an der Universität Litauens verschiedene sprachwissenschaftliche Lehrveranstaltungen abzuhalten. Es besteht kein Zweifel, dass er sein Arbeitspensum an der Universität zunächst mit dem Dekan der Fakultät, Krėvė-Mickevičius, besprach und dieser deshalb mit dem Bildungsministerium sprach. Bei den Abstimmungen wurde wahrscheinlich auch die Frage der Wörterbuchredaktion angesprochen, und offenbar wurde dies und jenes vereinbart. Dies wird indirekt durch einen Brief des damaligen Universitätsdozenten Juozas Tumas-Vaižgantas an Petras Klimas bestätigt, der am 29. Januar 1929 geschrieben wurde. Ein Auszug daraus sei hier zitiert. „Bei der Reform der Universität Litauens“, schreibt Tumas, „gehöre ich ab dem Herbstsemester nicht mehr zum Lehrpersonal. J. M. 4 Juozas Balčikonis war damals 46 Jahre alt, also im besten Alter für schöpferische und wissenschaftliche Arbeit. Wie ausgeprägt seine „dogmatischere Haltung“ tatsächlich war, ist eine diskutierbare Frage, insbesondere wenn man seine Arbeit an der Lexikografie bedenkt. 5 Nach dem Zeugnis von Aleksandras Žirgulys herrschte in der Öffentlichkeit eine gewisse Skepsis gegenüber Balčikonis’ Ernennung zum Redakteur: „Ein neuer Redakteur, in der sprachwissenschaftlichen Literatur fast unbekannt, der sich der Öffentlichkeit lediglich durch Märchenübersetzungen empfohlen hat, nimmt die Redaktion eines wissenschaftlichen Wörterbuchs der litauischen Sprache in Angriff. Na, sehen wir mal...“ (Dėk žodį prie žodžio 2006: 200). Als die Wörterbuchkartei von der Universität übernommen wurde, sagte Vincas Krėvė zu Napalis Grigas: „Jetzt wissen wir also, wer die Wörterbuchredaktion weiterführen wird, an die sich seit Būga bis heute niemand heranzuwagen wagte“ (ebd., 193). 104 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Pranas Skardžius ir didysis Lietuvių kalbos žodynas Der Präsident habe bereits mit J. M., dem Ministerpräsidenten, gesprochen, und sie hätten bereits beschlossen, mich am 20. IX. dieses Jahres mit Uniform in den Ruhestand zu versetzen. Man wolle mir die Sammlung von Ortsnamen übertragen (den Anfang habe ich schon 1903 gemacht, siehe „Dirva-Žinynas“, 5000 Namen); Skardžius bei der Redaktion des Litauischen Wörterbuchs helfen usw.“ (Vaižgantas 1998: 215). Ein weiteres äußerst wichtiges Dokument ist das von Krėvė (als Vorsitzendem, ohne Angabe, welcher Kommission) und Skardžius (als Sekretär) am 10. April 1929 unterzeichnete und an den Bildungsminister gerichtete „Memorandum zu den Angelegenheiten des Litauischen Sprachwörterbuchs“ (NMMB RS VKM F. 9–229). In der Handschriftenabteilung der Nationalbibliothek Martynas Mažvydas befinden sich in dieser Akte drei Dokumente: Skardžius’ Manuskript und zwei maschinenschriftliche Exemplare. Im Memorandum heißt es, die weitere Herausgabe des Lietuvių kalbos žodyną in der von Būga begründeten Form lohne sich aus zwei Gründen nicht: 1) Orts- und Personennamen müssten ausgesondert, überprüft, zusätzlich gesammelt und in einem eigenen Wörterbuch veröffentlicht werden; 2) 60–70% des gesamten Materials müssten noch überprüft werden, „denn vieles davon ist nicht ganz getreu und fachgerecht aufgezeichnet“ (ebd., 4). Die Sammlung neuen Materials müsse breit organisiert werden (Fahrten in ausländische Archive, etwa nach Königsberg wegen der Bibeln von Bretkūnas, Wolfenbüttel und Chylinskis, ebenso nach Vilnius, Moskau, in die Archive der litauischen Klöster, in die Provinz usw.). Damit die Arbeit schneller vorangehe, dürfe nicht nur eine Person daran arbeiten (auch im Ausland würden solche Arbeiten von Kommissionen mit einem Dutzend oder mehr Mitgliedern durchgeführt). „Für die Herausgabe dieses Wörterbuchs ist also auch bei uns eine Kommission von mindestens drei Personen erforderlich. Die Kommissionsmitglieder müssen wissenschaftlich höchstqualifizierte Personen sein, und ihre Vergütung muss daher der geleisteten Arbeit entsprechen“ (ebd.). Für die technische Arbeit (Wörter exzerpieren, katalogisieren, neue Wörter ordnen und überprüfen, abschreiben, korrespondieren usw.) brauche man zunächst zwei Personen, die sich ausschließlich dieser Arbeit widmeten: einen Sekretär mit abgeschlossenem Hochschulstudium in der Litauistik und einen Sekretärsassistenten mit mindestens Gymnasialabschluss. Die Kommission müsse in der Provinz über Personen verfügen, an die man sich wenden könne, um bestimmte Fakten überprüfen zu lassen und Wörter in der lebendigen Sprache zu suchen usw. (1 aus Klaipėda, 2 aus Niederlitauen, 1 aus Dzūkija, 1 aus Westoberlitauen, 2 aus Ostoberlitauen, 1 aus dem Gebiet von Vilnius); für sie müsse eine Zahlung von mindestens 50 Litas monatlich vorgesehen werden, zusätzlich zu einer besonderen Vergütung. Weiter heißt es im Memorandum, dass anfangs nicht alle Arbeiten gleichzeitig begonnen werden könnten. Zuerst müsse man sich den ausländischen Archiven widmen, anschließend der Provinz. Für das kommende Jahr werde ein Betrag von 10.000 Litas benötigt, mit sonstigen Ausgaben (für eine Schreibmaschine usw.) 12.000. Dieser Kostenvoranschlag gelte für 1930; die Hälfte der Summe wolle man noch in diesem Jahr erhalten6. „In diesem Jahr könnte man mit der Vorbereitung eines Wörterbuchs der litauischen Schriftsprache beginnen, das unsere Öffentlichkeit, insbesondere die Schulen, sofort benötigt, und ebenso könnte man mit der Arbeit am großen Wörterbuch selbst beginnen – wenn schon nicht mit seiner Herausgabe, so doch zumindest mit seiner Vorbereitung“ (ebd., 6). 6 Im Staatshaushaltsvoranschlag war vorgesehen, dem Wörterbuch einen bestimmten Geldbetrag zuzuweisen. Bei der Überprüfung des Haushalts im Jahr 1930 wurde dieser Betrag erheblich gekürzt. Straipsniai / Articles 105 ALDONAS PUPKIS Dass diese Vorhaben keine leeren Worte waren, zeigen auch zwei Briefe, die Skardžius im Februar 1930 an den Dekan der Fakultät für Geisteswissenschaften, Krėvė-Mickevičius, schrieb. Zu dieser Zeit war Skardžius in Leipzig und kümmerte sich um seine Dissertation. Unter anderem erkundigt sich Skardžius in seinem Brief vom 10. Februar bei Krėvė, was dieser vom Präsidenten über das Wörterbuch erfahren habe, „ob der Ministerrat den Kostenvoranschlag für das Wörterbuch bereits erneut geprüft hat“ (NMMB RS VKM–69 F. 69). Die Gedanken im Brief vom 22. Februar sind noch aufschlussreicher: „Was das Wörterbuch betrifft, denke ich Folgendes: Bukota7 muss unbedingt als Sekretär angenommen werden. Zunächst, bis zum Monat Juni, katalogisiert er das gesamte Wörterbuchmaterial. Orts- und Personennamen soll er gesondert herausziehen und katalogisieren. Salys könnte diese Arbeit beaufsichtigen. Wenn Sie sich wirklich mit dem Herrn Ministerium einigen, würde ich sofort an Salys schreiben, und wir würden uns über die Arbeit verständigen: Bis ich nach Litauen zurückkehre, könnte er aus dem von Bukota katalogisierten Wörterbuchmaterial Material für ein Wörterbuch der Schriftsprache zusammenstellen; außerdem könnte er damit beginnen, die Sammlung des Materials für das gesamte Wörterbuch zu organisieren. J. Gerulis sagte, wenn das Wörterbuch unter m e i n e r u n d S a l y s L e i t u n g steht, werde auch er sich sehr gern an der Arbeit beteiligen“ (ebd.; veröffentlicht in LK XVII 197; Hervorhebung A. P.). Dennoch wurde Skardžius nicht zum Redakteur des Wörterbuchs der litauischen Sprache ernannt. Was dafür ausschlaggebend war und welche Motive dabei die wichtigsten waren, lässt sich hier nicht genau sagen; klar ist nur, dass Skardžius diese Aufgabe wirklich übernehmen wollte, während Balčikonis erst auf Zureden anderer auf diesen Posten kam (siehe Fußnote 8 dieses Artikels). Skardžius’ Absichten werden durch zahlreiche Fakten bestätigt: durch seine späteren Beziehungen zum Wörterbuchredakteur Balčikonis ebenso wie durch den nach vielen Jahren (1962) fast mit Bedauern geäußerten Gedanken, das Wörterbuchprojekt sei von dem von Smetona ernannten Balčikonis geleitet worden8 (Skardžius 1997: 581). 7 Juozas Liudvikas Bukota (geb. 1896 im Kreis Marijampolė, Amtsbezirk Krosna, Dorf Išlandžiai) besuchte Schulen in Rudamina und Marijampolė und schloss 1917 das Gymnasium in Woronesch ab. Nach seiner Rückkehr nach Litauen studierte er an den Höheren Kursen und an der Universität Litauens. 1922 arbeitete er in der Redaktion von Būgas Wörterbuch. 1928 bildete er sich bei Jurgis Gerulis in Leipzig weiter; 1931 erwarb er an der Universität Paris den Grad eines Lizentiaten der vergleichenden Grammatik der indoeuropäischen Sprachen. Da er keine Stelle an der Vytautas-Magnus-Universität erhielt, arbeitete er im Verteidigungsministerium und kümmerte sich um militärische Terminologie (NMMB RS f. 130–1460, l. 612; LE III 334). 8 Balčikonis wurde durch einen Erlass des Bildungsministers Konstantinas Šakenis zum Redakteur ernannt, eines alten Bekannten von ihm, vermutlich noch aus der Studienzeit in Petersburg (später trafen sie sich in Zeitungsredaktionen; beide arbeiteten in der Litauischen Gesellschaft zur Unterstützung der Kriegsopfer und unterrichteten gemeinsam in Woronesch). Es besteht kein Zweifel, dass alles mit dem Staatspräsidenten abgestimmt wurde (vgl. den in der Presse veröffentlichten Bericht: „[u]nsere Regierung beschloss, angeregt durch den Präsidenten der Republik, Herrn Antanas Smetona, 1930, das Wörterbuch des seligen Prof. K. Būga herauszugeben.“ – Antanaitis 1933: 503). Balčikonis kannte Smetona seit dem Sommer 1909; später kreuzten sich ihre Wege in der Redaktion der Zeitung Viltis und bei anderen Gelegenheiten. 1934 veröffentlichte Balčikonis anlässlich Smetonas 60. Geburtstags eine Reihe von Erinnerungen (Balčikonis 1934). Eine weitere Person, die für Balčikonis’ Ernennung entscheidend gewesen sein könnte, war Ministerpräsident Juozas Tūbelis (1882–1939). Auch sie waren seit der Zeit in Woronesch gut miteinander bekannt; als Balčikonis 1924 von Panevėžys nach Kaunas zog, wohnte er vorübergehend in der Wohnung der Tūbelis. Bronė Vosylytė, Mitarbeiterin der Wörterbuchredaktion, schrieb, „Minister Juozas Tūbelis habe den Dozenten Juozas Balčikonis überredet, diese Arbeit [die Redaktion des Wörterbuchs. – A. P.] zu übernehmen. Balčikonis selbst hat mir das gesagt“ (Dėk žodį prie žodžio 2006: 195). 106 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Pranas Skardžius ir didysis Lietuvių kalbos žodynas Daher lässt sich annehmen, dass bei der Ernennung des Wörterbuchredakteurs vor allem die Interessen zweier Institutionen aufeinandertrafen: die der Fakultät für Geisteswissenschaften der Vytautas-Magnus-Universität und die des Bildungsministeriums. Zwischen ihnen standen auch die beiden Bewerber, Skardžius und Balčikonis. Von Bedeutung könnte zudem gewesen sein, dass der Dekan der Fakultät, Krėvė-Mickevičius, und Staatspräsident Smetona damals keine Freunde oder Vertrauten waren und sich ihre Beziehungen nach dem Staatsstreich vom 17. Dezember 1926 verschlechtert hatten. Auch die nicht lange zurückliegende sogenannte Diskussion zwischen Sprachwissenschaftlern und Literaten darf nicht vergessen werden, in der Krėvė und Balčikonis gerade zu den wichtigsten Gegnern gehörten. So könnte Skardžius, den Krėvė unterstützte, in den Beziehungen zwischen zwei einflussreichen Institutionen zum Spielball von Interessen oder Ambitionen geworden sein. DIE ARBEIT DER WÖRTERBUCHREDAKTION UND IHRE KRITIK Nachdem Balčikonis die Leitung des Wörterbuchs übernommen hatte, blieb Skardžius dieser wichtigen lexikografischen Arbeit keineswegs völlig fern. Zweifellos lag ihm die Arbeit am Wörterbuch sehr am Herzen. Beachtenswert ist Skardžius’ Äußerung von 1934 während der Diskussion über die Rechtschreibreform, dass „das große Wörterbuch der litauischen Sprache, das derzeit für den Druck vorbereitet wird, in einer vereinheitlichten und nicht in der bisherigen uneinheitlichen Rechtschreibung herausgegeben werden muss“ (Skardžius 1999: 640). Schon zuvor hatten Skardžius und Salys an der Festlegung der Grundsätze für die Erstellung des Wörterbuchs mitgewirkt. Wie aus den Erinnerungen von Zeitgenossen und anderen Quellen bekannt ist, beriet sich der Redakteur regelmäßig mit litauischen und ausländischen Sprachwissenschaftlern über Art, Umfang und weitere Fragen des Wörterbuchs und traf Entscheidungen erst nach eingehender Prüfung und Abwägung aller Aspekte. So lehnte Balčikonis den Vorschlag des deutschen Sprachwissenschaftlers Ernst Frenkel (Fraenkel), den Wörterbuchartikeln einen etymologischen Teil hinzuzufügen, ohne Einschränkung ab (LKI RF LKŽ f. 5–7, l. 41). Er beriet sich häufig mit Jurgis Gerulis (Gerullis), Professor an der Universität Leipzig (ab 1934 in Königsberg), und fuhr im frühen Frühjahr 1935 zu ihm, um „sich auszusprechen und zu diskutieren“, „sich auseinanderzusetzen“ (ebd., 26). Es gab mehr als ein Gespräch mit den jungen Wissenschaftlern der Vytautas-Magnus-Universität Salys und Skardžius. Nach Skardžius’ eigener Aussage diskutierten die beiden sonntags in Aleksotas, wo die Wörterbuchredaktion untergebracht war, gemeinsam mit dem Redakteur über die Anlage des Wörterbuchs (Skardžius 1997: 601). An anderer Stelle schrieb Skardžius, dass Balčikonis, der zum Redakteur ernannt worden war, seine Arbeit nahezu von Anfang an habe beginnen müssen: „Zunächst musste er sich selbst in die Arbeit einarbeiten und einen Weg finden, das Wörterbuch zu redigieren – A. Salys und ich mussten lange mit ihm darüber diskutieren“ (ebd., 544). Aleksandras Žirgulis erinnerte sich: „Die Auffassung, die Wörter ‚in Nestern anzuordnen‘, war vielleicht noch mit anderen Sprachwissenschaftlern besprochen worden, vor allem mit Skardžius und Salys. Eine solche Wörterbuchstruktur hatten sie später nie … Straipsniai / Articles 107 ALDONAS PUPKIS nebuvo ginčijama“ (Dėk žodį prie žodžio 2006: 210). Napalys Grigas, ilgametis žodyno redakcijos sekretorius, atsiminimuose rašo, kad Skardžius ir Salys „irgi nemaža prisidėjo prie žodyno šablono sudarymo, nors dažnai su jais negalima buvo sutikti – jie vis daugiau norėdavo moksliškumo, kuris, kaip rodo praktika, buvo sunkiai pasiekiamas“ (Dėk žodį prie žodžio 2006: 194). Die Ansichten Balčikonis’ und Skardžius’ mit Salys unterschieden sich tatsächlich in mehr als einer Frage. So unterzeichnete Balčikonis am 8. Mai 1935 ein Schreiben an die III. Abteilung des Bildungsministeriums, der die Wörterbuchredaktion direkt unterstellt war, und führte darin aus, dass nach Ansicht der Wörterbuchredaktion und von Prof. Gerulis diejenigen Barbarismen ins Wörterbuch aufgenommen werden sollten, die in den Schriften der Gegenwart gebraucht würden; für die übrigen sollte ein eigenes Wörterbuch herausgegeben werden. Nach Ansicht von Salys und Skardžius sollten alle kulturellen Wörter aufgenommen werden, die in der lebendigen Sprache gebraucht würden, auch wenn die Schriftsprache der Gegenwart sie meide ( Pranas Skardžius ir didysis Lietuvių kalbos žodynas die derzeitige Redaktion habe über die Presse ständig darum gebeten, nur ungewöhnlichere Wörter zu sammeln11 (später wird im Artikel hinzugefügt, dass deshalb im Wörterbuch der tatsächliche Gebrauch dieser einfachen Wörter nicht zu sehen sein werde; auch aus den alten Schriften seien nur ungewöhnlichere Wörter gesammelt worden). Das Verfahren zur Wörtersammlung sei nicht im Voraus durchdacht, die Sammler seien nicht geschult gewesen. Interessantere Wörter hätten alle gesammelt, die nicht zu faul gewesen seien; ein paar hätten sie einfach auswendig gelernt. Die ungeschulten Sammler hätten auch nicht verstanden, wie man Wörter richtig aufzeichnet, besonders chaotisch sei die Akzentuierung gewesen. Schließlich habe man, da die Sammelarbeit nicht systematisch organisiert worden sei, aus manchen Orten viele Wörter erhalten, aus anderen hingegen sehr wenige. Ein weiterer Mangel sei die unzureichende Planung der redaktionellen Arbeit gewesen. Anfangs habe man ein stärker auf praktische Bedürfnisse zugeschnittenes Wörterbuch anstreben wollen, doch mit der Zeit habe sich herausgestellt, dass das Wörterbuch wegen seines Umfangs praktischen Bedürfnissen nicht gerecht werden könne. Daher habe man sich nach einiger Zeit dazu entschlossen, auch solche Lehnwörter ins Wörterbuch aufzunehmen, die irgendwann in Schriften oder Dialekten gebraucht worden waren, ausgenommen zufällige Barbarismen. Dieser Weg sei richtig: Solche Wörter seien Zeugen der Kultur und zudem für die Sprachgeschichte notwendig. Bedauerlich sei nur, dass diese Wörter anfangs aus dem Gesamtbestand ausgesondert worden seien und nun schwer wieder zusammenzutragen seien; deshalb werde das Wörterbuch nur ein blasses Bild ihres Gebrauchs vermitteln. Ein dritter Punkt sei die ungeregelte Rechtschreibung. Die Redaktion richte sich nach der vom Bildungsministerium vorgeschriebenen Rechtschreibung der Jablonskis-Grammatik von 1922, doch deren Widersprüche erschwerten es sehr, viele Erscheinungen der lebendigen Sprache klar zu beschreiben. Die Veröffentlichung dieses Wörterbuchs „in einer vorläufigen, ungeregelten Rechtschreibung ist ein großer Schaden für die gesamte Sprachwissenschaft und die praktische Anwendung unserer Sprache“ (ebd., 229). Am Ende des Artikels kommt der Autor zu dem Schluss, dass die Rechtschreibung, solange es noch nicht zu spät sei, unbedingt zu regeln und das Wörterbuch mit dieser Rechtschreibung herauszugeben sei. Schriftliche Quellen, insbesondere ältere, müssten systematisch und planmäßig durchgesehen werden; ferner müssten ständige und sachkundige Sammler von Wörtern aus der lebendigen Sprache an verschiedenen Orten Litauens organisiert und geschult werden. „[D]ie Wörterbuchredaktion muss vergrößert werden; die Arbeit an der Bearbeitung des Wörterbuchs muss weiter verbessert und strenger organisiert werden, damit ihre Früchte nicht nur für die praktische Anwendung im Leben, sondern auch für die Sprachwissenschaft selbst wirklich nützlich sind“ (ebd., 230). Balčikonis reagierte in der Presse nicht auf diese Vorwürfe von Skardžius. Viele der von Skardžius aufgezeigten Mängel bei der Erstellung des Wörterbuchs waren ihm und der Redaktion nicht weniger bekannt als seinem Opponenten. Viele davon traten zutage, als man mit dem Schreiben des Wörterbuchtexts begann, und der Redakteur machte sich bald daran, im Rahmen seiner Möglichkeiten bestimmte Mängel zu beseitigen (zum Beispiel ließ er einige alte Quellen erneut exzerpieren usw.). Was die Rechtschreibung betraf, brauchte Balčikonis sich vorerst keine Sorgen zu machen: Solange die Wörterbuchredaktion dem Bildungsministerium unterstellt war, richtete man sich beim Verfassen des Wörterbuchtexts ausschließlich nach den Anweisungen des Ministeriums. 11 Schon relativ früh (1933) begann Balčikonis zu erklären, dass auch bekannte Wörter geeignet seien, denn „für die Redaktion ist nicht das Wort selbst wichtig, sondern der ihm beigefügte Satz aus der lebendigen Sprache“ (Balčikonis 1978: 123). Straipsniai / Articles 109 ALDONAS PUPKIS DIE ANGELEGENHEITEN DES WÖRTERBUCHS IM LITUANISTISCHEN INSTITUT Der Status der Wörterbuchredaktion änderte sich 1939 mit der Gründung des Lituanistischen Instituts in Kaunas. Die Redaktion wurde zu einem Bestandteil der neuen wissenschaftlichen Einrichtung (der Abteilung für litauische Sprache, deren Mitglieder Mykolas Biržiška, Skardžius und Balčikonis waren; Abteilungsleiter war Salys) und hatte sich den allgemeinen Beschlüssen des Instituts zu fügen. Zu Beginn der Tätigkeit des Instituts wurde die Erstellung des großen Wörterbuchs zur vorrangigen Aufgabe des Instituts erklärt; man vereinbarte, die Regierung um die Einrichtung weiterer Stellen zu bitten. Für die breitere Öffentlichkeit beschloss man, ein praktisches Wörterbuch der Standardsprache zu erstellen, die Rechtschreibung zu regeln (Mitte 1939 wurde eine Rechtschreibkommission gebildet) und einen praktischen Leitfaden dazu auszuarbeiten sowie Kurse für Sammler sprachlicher Belege zu veranstalten (sie fanden im Mai und Juni 1939 statt). Größere interne Hindernisse für die weitere Erstellung des Wörterbuchs und die frühere Veröffentlichung des ersten Bandes schien es nicht zu geben. Zumal Balčikonis auf das Wohlwollen des damaligen Direktors des Lituanistischen Instituts, Kazimieras Masiliūnas12, zählen konnte (dazu siehe weiter unten). Diesmal kamen die Schwierigkeiten eher von außen. Nachdem Deutschland im Frühjahr 1939 das Memelgebiet von Litauen abgetrennt hatte, musste man sich darum kümmern, die Anlagen der Druckerei, in der der Wörterbuchtext gesetzt wurde, nach Kaunas zu verlegen. Im Oktober 1940 musste das gesamte Institut nach Vilnius umziehen. Ein nicht minder wichtiger negativer Faktor war die sowjetische Besetzung Litauens im Sommer 1940. Masiliūnas, Balčikonis’ Förderer, wurde sofort seines Amtes als Direktor des Lituanistischen Instituts enthoben (zu seinem Nachfolger wurde Biržiška ernannt). Bald begann Skardžius in der Presse erneut heikle Fragen zur „Verbesserung“ des Wörterbuchs aufzuwerfen. Bemerkenswert ist, dass Skardžius nur anderthalb Monate nach Beginn der sowjetischen Besetzung in der Tageszeitung Lietuvos žinių am 31. Juli einen Artikel veröffentlichte, in dem er die frühere nationalistische Regierung wegen der Zerstörung der lituanistischen Forschung kritisierte und seinem Ärger über die damals blühenden „sogenannten wissenschaftlichen Taschenspieler, Spekulanten oder irgendwelchen Windfänger“ Luft machte (Skardžius 1999: 992). Als eines der Beispiele wird die Geschichte des Būga-Wörterbuchs in Erinnerung gerufen. Nach Būgas Tod habe das Material für dieses Wörterbuch lange auf dem Dachboden gelegen, bis Außenstehende begonnen hätten, die Herausgabe des Wörterbuchs voranzutreiben; das Bildungsministerium habe sich dazu jedoch „weder gemuckst noch gerührt. Als die Universität schließlich ernsthaft entschlossen war, diese Arbeit zu übernehmen, besann sich das Ministerium, nahm ihr das Wörterbuchmaterial weg und übergab es zur Bearbeitung einem Mann, der seine Stelle an der Theologisch-Philosophischen Fakultät verloren hatte. Doch das war noch nicht genug: Später, als von außen die grundlegendsten 12 Kazimieras Masiliūnas (1902–1973), kalbininkas, visuomenės veikėjas. Įgijęs gerą išsilavinimą Lietuvoje ir užsienyje, nuo 1934 m. buvo Švietimo ministerijos departamento direktorius, generalinis sekretorius. Tapęs pirmuoju Lituanistikos instituto direktoriumi (1939–1940), visas atžvilgiais rėmė ir palaikė Balčikonį, pats buvo kilęs iš Balčikonio gimtojo krašto (Bistrampolio dvaro Ramygalos valsčiuje), taip pat buvo Balčikonio mokinys Panevėžio mokytojų seminarijoje. 110 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Pranas Skardžius ir didysis Lietuvių kalbos žodynas Wenn auch die lexikografischen Anforderungen am höchsten waren, wurde nicht nur darauf keine Rücksicht genommen, sondern selbst einige Jahre später, nachdem das Institut für Litauistik bereits gegründet worden war, schlug K. Masi­liūnas im Rat vor, die Herausgabe dieses Wörterbuchs aus der Tätigkeit der Sprachabteilung auszugliedern und es der uneingeschränkten Verfügung eines einzigen Menschen zu überlassen: Die jungen Leute könnten dieser Arbeit, so sagte er, mit ihren ständigen Forderungen und ihrer Unruhe nur schaden!“ (ebd.). Ein weiteres von Skardžius angeführtes Beispiel ist die Geschichte der Gründung des Instituts für Litauistik, in der ebenfalls die Interessen des Bildungsministeriums und der Universität aufeinandertrafen. Die Wissenschaftler seien von demselben Masi­liūnas zum Schweigen gebracht worden; zudem habe er dafür gesorgt, das Institutsgesetz in ein „arrogant smetonisches“ zu verwandeln (ebd., 993). Im Schlusswort heißt es, dies gehöre nun der Vergangenheit an, und es wird die Hoffnung geäußert, dass man sich künftig aufrichtiger um unsere jungen Wissenschaften kümmern und sorgfältiger arbeiten werde, „damit daraus unserem Volk möglichst viel Nutzen erwachse“ (ebd., 995). Balčikonis schwieg auch zu den Aussagen dieses Artikels. Wir wissen kaum, was sich innerhalb des Instituts für Litauistik abspielte; offenbar wurde hauptsächlich über die Rechtschreibung gestritten. Im Herbst, am 6. Oktober13, veröffentlichte Skardžius einen weiteren Artikel mit dem Titel „Ist das etwa richtig?“ (Skardžius 1999: 665–666). Ihm war ein redaktioneller Nachsatz beigefügt, wonach es sich um die Stellungnahme eines bedeutenden Sprachwissenschaftlers handle, die in dessen Verantwortung veröffentlicht werde. Dieser Aufsatz von Skardžius richtet sich nun ausschließlich gegen die Redaktion des großen Wörterbuchs. Zu Beginn wird wiederholt, was er bereits zuvor über Balčikonis’ Ernennung zum Redakteur des Wörterbuchs geschrieben hatte. „Die neue Redaktion, – schreibt der Autor weiter, – war mit der Wörterbucharbeit gänzlich unerfahren und wusste anfangs nicht, wo sie beginnen sollte: Später versuchte sie, ihre Auffassung zu ändern, Jablonskis’ Schriften als Maßstab heranzuziehen, flickte und fügte die begonnene Arbeit auf allerlei Weise zusammen, ließ jedoch nach wie vor die notwendige Systematik vermissen, besonders bei der Sammlung von Material aus der gesprochenen Sprache und den alten Schriften“ (ebd., 665)14. Inwieweit die Redaktion die in der Gimtojoje kalboje (1937) geäußerten Gedanken des Autors berücksichtigt habe, werde sich noch zeigen; nun gebe es aber einen weiteren Anlass, zu dem man sich unbedingt äußern müsse: „Die völlig unzureichend geregelte Rechtschreibung dieses großen Wörterbuchs darf nicht zugelassen werden“ (ebd., 665). Wenn schon die frühere Bildungsleitung keine Rechtschreibreform habe zustande bringen können, sei dem Redakteur immerhin vorgeschrieben worden, das Wörterbuch in einer geeigneteren, diakritischen Rechtschreibung herauszugeben; falls man dem nicht folgen wollte, hätte man sich an die amtliche Rechtschreibung Jablonskis halten müssen. Doch der Redakteur habe, ohne sich mit irgendjemandem zu beraten und die Meinung des Instituts für Litauistik einzuholen, „ganz allein eigenmächtig 13 In Skardžius’ Rinktiniose raštuose ist das Erscheinungsdatum seines aus Tarybų Lietuvos nachgedruckten Artikels falsch angegeben: Statt des 16. Oktober muss es der 6. Oktober heißen. 14 Skardžius bemühte sich stets, Balčikonis’ mangelnde Kompetenz bei der Leitung der Arbeiten am großen Wörterbuch hervorzuheben. Er hielt ihn nicht einmal für einen Wissenschaftler, sondern lediglich für einen Sprachpraktiker (vgl. seine 1962 geäußerte Auffassung, Balčikonis habe sich „nicht näher mit sprachwissenschaftlichen Fragen beschäftigt“ (Skardžius 1997: 564)). Aufgrund dieser verabsolutierten Trennung zwischen reiner Sprachwissenschaft und Praxis zählte Skardžius nicht einmal Jonas Jablonskis zu den Wissenschaftlern (dazu siehe Piročkinas 2010). Straipsniai / Articles 111 ALDONAS PUPKIS habe beschlossen und begonnen, eine etwas eigenwillig abgeänderte Rechtschreibung des „Höhlenmenschen“ zu verwenden, die bis dahin außer J. Jablonskis selbst, und zwar vor seinem Tod, niemand benutzt hatte“ (ebd., 666). Der Fehler dieser Rechtschreibung bestehe darin, dass an einer Stelle die morphologische Schreibung verwendet werde (kĭla, svĭla, kĭra, spūra), an anderer Stelle aber die lebendigste sprachliche Tatsache missachtet werde – nämlich in der Wortwurzel nach b, p ein į zu schreiben. „Ich kann mir diese Sache nur durch blinde Sturheit und Rücksichtslosigkeit gegenüber allen anderen erklären“ (ebd.). Der Vorstoß des Redakteurs sei also eindeutig misslungen und so schnell wie möglich zu korrigieren. „Die Leitung der Sprachabteilung des Instituts für Litauistik muss diese Initiative unverzüglich ergreifen oder, falls das nicht ausreicht, sogar das Bildungsministerium selbst“ (ebd.). Genau eine Woche später, am 13. Oktober, erschien in derselben Zeitung Tarybų Lietuvos ein Antwortartikel des Wörterbuchredakteurs Balčikonis mit dem Titel „Welches Ziel verfolgen Skardžius’ Schriften?“ (Balčikonis 1978: 172–175). Zu Beginn behauptet der Autor, Skardžius erhebe seine Vorwürfe nicht gegen eine abgeschlossene und bereits erschienene Arbeit, wie es gewöhnlich überall der Fall sei, sondern stütze sich auf Blätter, Korrekturfahnen oder sonstige Materialien, die er in der Redaktion gesehen habe. In Wirklichkeit, versichert Balčikonis, habe sich die Redaktion stets bemüht, die amtliche Rechtschreibung einzuhalten. Als eine Zeit lang der Eindruck entstanden sei, dass eine Strichrechtschreibung eingeführt würde15, habe die Redaktion der Druckerei sogar vorübergehend den Auftrag erteilt, den Satz des Wörterbuchtextes einzustellen, und beraten, wie er an die neue Rechtschreibung anzupassen sei. Nachdem diese Rechtschreibung verworfen worden und man zur Rechtschreibung von Jablonskis’ Grammatik aus dem Jahr 1922 zurückgekehrt sei, sei die Redaktion bereit gewesen, sich auch danach zu richten, habe aber erkannt, dass sich damit nichts erreichen lasse. Zuerst habe Skardžius diese Rechtschreibung herabgewürdigt und das Rechtschreibchaos ausgelöst, das sich durch die von ihm redigierte Zeitschrift Gimtąją kalbą, die ministerielle Buchverlagskommission und weitere Bereiche gezogen habe. Um ein Rechtschreibchaos zu vermeiden, habe die Redaktion beschlossen, sich auf die Rechtschreibung von 1929 im Werk Visuomenės įnamiai zu stützen und nicht auf die des Urvinio žmogaus, wie Skardžius behauptet. Erstere sei dem Geist Jablonskis’ am nächsten gewesen und habe ihre Wurzeln in der Rechtschreibung der Grammatik von 1901 gehabt. Im Folgenden antwortet der Redakteur auf den Vorwurf, aus angeblicher Sturheit nach Konsonanten b, p kein j zu schreiben. „Ein vernünftiger Mensch würde sagen, dass ein solcher Unterschied für ein Wörterbuch keine Kleinigkeit ist [...] Doch solange keine neue, für alle verbindliche Rechtschreibung verkündet worden ist, hat die Redaktion doch das Recht, jene Schreibweise zu wählen, die in unseren Schriften bisher gebräuchlicher war. Die Argumente Jablonskis überzeugen die Redaktion mehr als die Skardžius’“ (ebd., 173). Weiter wird eingeräumt, dass sowohl vor Beginn des Satzes als auch nach dem Druck der Korrekturfahnen ausreichend mit vielen Menschen, darunter auch Skardžius, gesprochen und beraten worden sei. „Warum die Redaktion diese und nicht jene Meinung wählt, ist ihre Sache – sie verantworte 15 1929 setzte das Bildungsministerium eine Rechtschreibreformkommission ein. In ihrem 1933 veröffentlichten Rašybos reformos projekte (siehe Salys 1979: 46–65) schlug sie vor, die sogenannte Strichrechtschreibung zu verwenden (lange Vokale sollten wie im Lettischen durch einen Strich über dem Buchstaben gekennzeichnet werden). Es begann eine lange und heftige Diskussion, die sich über mehrere Jahre hinzog. Nachdem die Öffentlichkeit sich dagegen ausgesprochen hatte und man deshalb die Strichrechtschreibung aufgab, wurde die 1935 ausgearbeitete sogenannte Kompromissvariante der Rechtschreibung (eine Verbindung morphologischer und lautlicher Schreibprinzipien) breit propagiert (dazu siehe Salys 1979: 65–68), doch auch sie wurde in der Praxis nicht eingeführt. 112 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Pranas Skardžius ir didysis Lietuvių kalbos žodynas „… denn damit richtet er sich nicht gegen einen einzelnen Menschen, sondern gegen die Gesellschaft“ (ebd., 174). Am Ende des Artikels erklärt der Redakteur, er wolle noch eine weitere Behauptung Skardžius’ richtigstellen, wonach ihm die Redaktion des Wörterbuchs übertragen worden sei, als er seine Stelle an der Universität verloren habe16, „womit er offenbar andeuten will, dass dies jemandem als Gefälligkeit erwiesen oder erbettelt worden sei. Das ist nicht wahr: Die Redaktion wurde mir übertragen, als ich noch an der Universität tätig war. Skardžius selbst weiß das sehr gut; daher ist unverständlich, welches Ziel er mit dieser und anderen ähnlichen Behauptungen verfolgt“ (ebd., 174–175). Nicht lange danach veröffentlichte Skardžius in derselben Tarybų Lietuvoje einen Gegenartikel mit dem Titel „Vis dėlto ne taip“ (siehe Skardžius 1999: 666–667). Zunächst erklärte er, er wolle sich nicht auf größere Auseinandersetzungen einlassen, besonders nicht in der Tagespresse, sondern lediglich den einen oder anderen mit Balčikonis’ Antwort zusammenhängenden Punkt anmerken. Gleichsam zur Rechtfertigung einiger seiner früheren Gedanken erklärte er, er habe zuvor nur das Material auf Zetteln durchgesehen, inzwischen aber bereits 16 Druckbogen fertig gedruckt vor sich gesehen. Die Frage der Rechtschreibung hätte Balčikonis zunächst im Institutsrat vorbringen müssen, anstatt allein alles zu entscheiden. Die Schreibung mit Jota sei keine Frage der Hysterie (in Balčikonis’ Worten), sondern eine Angelegenheit der lebendigen Sprache – viele Sprachwissenschaftler bestätigten dies uneingeschränkt (Būga, Endzelīns, Trautmann, Nesselmann). „Das ganze Problem besteht darin, dass J. Balčikonis die weiter reichende, schwankende orthografische Argumentation von J. Jablonskis nicht sehen will oder kann“ (ebd., 667). Anschließend rechtfertigt sich der Autor erneut: „Wenn ich über das Wörterbuch schreibe, verfolge ich keinerlei verdächtige Absichten, wie J. Balčikonis fragend schreibt. Mir ist wichtig, dass die Herausgabe dieses Wörterbuchs nicht die Ausführung des höchst problematischen Wunsches eines Einzelnen ist, sondern eine begründete und mit den wissenschaftlichen Erfordernissen unserer Zeit in Einklang stehende Sache“ (ebd.). Deshalb schlägt er vor, die Frage von einer Kommission entscheiden zu lassen, zu der Endzelīns, Otrębski, Salys, Jonikas, Žiugžda und andere eingeladen werden sollten. Der Autor sei bereit, alle hier angesprochenen Punkte an geeigneter Stelle darzulegen und mit dokumentarischen Belegen zu untermauern. Es ist darauf hinzuweisen, dass man hinter den Kulissen zu der Zeit, als diese Diskussion stattfand, die Initiative ergriff, jenen „misslungenen Schritt des Redakteurs“ zu korrigieren, wie Skardžius es in der am 6. Oktober 1940 erschienenen Ausgabe von Tarybų Lietuvos gefordert hatte (Skardžius 1999: 666). Bemerkenswert ist, dass am 8. Oktober Entwürfe für Dokumente datiert wurden, die Balčikonis von seinem Amt als Redakteur des großen Wörterbuchs entlassen und Skardžius zum verantwortlichen Wörterbuchredakteur ernennen sollten. 16 Der Wahrheit halber muss gesagt werden, dass Skardžius’ Behauptung, Balčikonis sei von der Universität entlassen worden, nicht völlig aus der Luft gegriffen war; möglicherweise hatte er nur einige Umstände verwechselt oder vergessen. Denn gemäß der 1930 bestätigten Satzung der Vytautas-Magnus-Universität wurden zum 1. September 1930 die gesamte Universitätsleitung und das wissenschaftliche Personal entlassen. Viele Dozenten wurden unmittelbar danach wieder in dieselben oder ähnliche Ämter berufen, darunter auch Balčikonis. Bei der Umgestaltung der Theologisch-Philosophischen Fakultät gemäß den Änderungen der Satzung vom 14. August 1931 wurden jedoch fünf Professoren und vier Dozenten dieser Fakultät entlassen, darunter auch Balčikonis – und zwar zu einem Zeitpunkt, als er bereits seit mehr als einem halben Jahr das Amt des Redakteurs des Lietuvių kalbos žodyno innehatte. Straipsniai / Articles 113 ALDONAS PUPKIS ABB. 1. Faksimiles der Entwürfe von Schreiben des Direktors des Instituts für Litauistik an den Volkskommissar für Bildung 114 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Pranas Skardžius ir didysis Lietuvių kalbos žodynas Diese an den Volkskommissar für Bildung gerichteten Schreiben sind im Hausarchiv Balčikonis erhalten17 (siehe Abb. 1). Das erste ist ein handschriftlicher, auf den 8. Oktober 1940 datierter Antrag des Direktors des Instituts für Litauistik, Balčikonis mit Wirkung vom 15. Oktober 1940 von seinem Amt als Redakteur des Lietuvių kalbos žodynas zu entheben. Ein Schreiben gleichen Inhalts, ohne jegliche Angaben (es trägt lediglich den Stempel des Instituts für Litauistik) und ohne Unterschrift, wurde mit der Schreibmaschine abgetippt und befindet sich ebenfalls in der Akte der ausgehenden Schreiben des Instituts für Litauische Sprache im Archiv der Akademie der Wissenschaften (LMAA f. 2, ap. 1, b. 24, l. 339). Im zweiten Schreiben wird beantragt, eine Redaktionskommission für das Lietuvių kalbos žodynas einzusetzen, bestehend aus Skardžius, Salys, Balčikonis, Jonikas und Žiugžda, und Skardžius zum Kommissionsvorsitzenden und verantwortlichen Redakteur zu ernennen. Auch dieses Schreiben, maschinenschriftlich abgetippt und bereits vom Institutsdirektor Krėvė-Mickevičius18 unterzeichnet, befindet sich im genannten Archiv der Akademie der Wissenschaften (ebd., 341) (siehe Abb. 2). Auf diesem Schreiben steht vermutlich von der Hand des damaligen wissenschaftlichen Sekretärs des Instituts für Litauistik, Simas Sužiedėlis, die Resolution: „Der Vorsitzende des Kommissariatsrats wurde gebeten, Skardžius zum Vorsitzenden der Kommission zu ernennen. 1940.X.23“. Das dritte Schreiben (Entwurf) – ein in derselben Handschrift verfasster Dokumententwurf – ist der Antrag Nr. 30197 des Volksbildungskommissars Antanas Venclova vom 14. Oktober 1940 an den Vorsitzenden des Kommissariatsrats der Litauischen SSR, Balčikonis mit Wirkung vom 15. Oktober desselben Jahres von seinem Amt als Redakteur des Lietuvių kalbos žodynas des Instituts für Litauistik zu entlassen und den Dozenten Pranas Skardžius mit Wirkung vom 15. Oktober zum Vorsitzenden der zu bildenden Kommission zu ernennen (siehe Abb. 3). Eine Abschrift des Wortlauts dieses Beschlusses ließ sich in den Archiven nicht finden. Es ist darauf hinzuweisen, dass der handschriftliche Beschlusstext zwei Vermerke in derselben Handschrift enthält: „Beschl. [...] 1940“ und „Beschl. [...] 1941“. Vielleicht weisen sie darauf hin, dass, nachdem der Beschluss gleichen Inhalts 1940 nicht unterzeichnet worden war, 1941 erneut versucht wurde, ihn zu erlassen? Dass es sich nicht um einen völlig geheim vorbereiteten Umsturz handelte, zeigt der Antrag der Bediensteten der Redaktion des Lietuvių kalbos žodynas an den Volkskommissar für Bildung (LKI RF LKŽ f. 5–17, l. 47). Darin heißt es, der bisherige Redakteur des Lietuvių kalbos žodyno, Balčikonis, werde in diesen Tagen entlassen und die Redaktion des Wörterbuchs einer Kommission übertragen. Der bisherige Redakteur ziehe sich vollständig von der Arbeit zurück, weshalb sich die Herausgabe des Wörterbuchs erheblich verzögern werde. Ein Drittel des Wörterbuchs sei bereits endgültig gedruckt, sodass dieser Teil vollständig vernichtet werden müsste. Balčikonis sei mit dem Wörterbuchmaterial gut vertraut und habe fundierte 17 Von wessen Hand diese Schreiben (Abb. 1 und 3) verfasst wurden, lässt sich derzeit nur vermuten. Offenbar stammen sie weder von Salys noch von Mykolas Biržiška, Krėvė oder Sužiedėlis. Solange keine graphologische Untersuchung verschiedener Texte vorgenommen wurde, lässt sich schwer sagen, ob sie von Skardžius oder von jemand anderem geschrieben wurden. Die gesamte Ereignislogik zeigt, dass diese Schreiben, unabhängig davon, wer sie verfasst hat, ohne Skardžius’ Initiative nicht entstanden wären. 18 Fragen werfen die Daten dieser und anderer thematisch verwandter Schreiben auf, insbesondere aber die Unterschrift Krėvė-Mickevičius’. Offiziell wird angegeben, dass Krėvė-Mickevičius von November 1940 bis Januar 1941 Direktor des Instituts für Litauistik war (VLE XII 484); im Oktober hätte Biržiška demnach Direktor sein müssen. In der Gehaltsliste der Institutsbediensteten für Oktober 1940 ist vermerkt, dass Krėvė in diesem Monat bereits das Gehalt eines Institutsdirektors erhielt (LMAA f. 2, ap. 1, b. 37, l. 96). Straipsniai / Articles 115 ALDONAS PUPKIS ABB. 2. Faksimile des Schreibens des Direktors des Instituts für Litauistik, Vincas Krėvė-Mickevičius, an den Volkskommissar für Bildung (LMAA f. 2, ap. 1, b. 24, l. 341) 116 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Pranas Skardžius ir didysis Lietuvių kalbos žodynas ABB. 3. Faksimile des im Namen des Volkskommissars für Bildung, Antanas Venclova, vorgelegten Entwurfs zur Entlassung Juozas Balčikonis’ Straipsniai / Articles 117 ALDONAS PUPKIS kritisch (er prüfte jeden unklaren Fall und ließ erfundene Fakten beiseite). „Nachdem J. Balčikonis andere Aufgaben abgelehnt hat, lebt er ausschließlich der Arbeit am Wörterbuch“ (ebd.). Wird auch nur ein einziges Mitglied der Kommission, so wird im Schreiben gefragt, imstande sein, sich so rasch mit dem Material vertraut zu machen und es so hingebungsvoll zu redigieren? Da sie nichts gegen die Kommission einzuwenden haben, bitten die Mitarbeiter der Redaktion darum, den ersten Band des Wörterbuchs fertigstellen zu dürfen. Das Gesuch wurde am 15. Oktober 1940 verfasst, von N. Grigas, E. Horodničiūtė (Samaniutė), A. Liberis19, E. Mikalauskaitė, J. Mikeliūnas, J. Senkus, Z. Ūselis und K. Vosylius unterzeichnet und noch am selben Tag dem Volkskommissar für Bildung übergeben. Möglicherweise wurde Balčikonis wegen dieses Gesuchs der Redaktionsmitarbeiter – oder vielleicht auch aufgrund anderer, uns unbekannter Umstände – damals nicht von seinem Amt als Redakteur entlassen und blieb weiterhin mit der Redaktion des Wörterbuchs betraut. DIE WÖRTERBUCHREDAKTION IM SYSTEM DER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN UND DIE WISSENSCHAFTLICHE HILFSKOMMISSION Eine neue Etappe dieser ganzen Geschichte begann, als die Marionettenregierung Litauens am 16. Januar 1941 durch einen Beschluss die Litauische Akademie der Wissenschaften gründete. Es wurden mehrere Abteilungen der Akademie eingerichtet; die geisteswissenschaftliche Abteilung bestand aus dem umgestalteten Institut für Litauistik, das nun Institut für Litauische Sprache hieß, sowie den Instituten für Litauische Literatur, für Litauische Geschichte und für Ethnologie. Zum Direktor des Instituts für Litauische Sprache wurde Skardžius ernannt. In seinem ersten Presseinterview (1941, Gimtoji kalba; siehe Skardžius 1999: 995–996) berichtete der neue Direktor über die geplanten Arbeiten des Instituts, erwähnte das Wörterbuch jedoch mit keinem Wort. Erst etwas später sprach er darüber in einem in der Zeitschrift Gimtosios kalbos veröffentlichten Artikel (Skardžius 1999: 996–998). Die Arbeit am Wörterbuch werde nicht nur ununterbrochen fortgesetzt, sondern auch erheblich verbessert und intensiviert werden. „Der erste Band, der von der bisherigen Redaktion vorbereitet wurde, wird in Kürze so erscheinen, wie er nun vorliegt; die folgenden Bände aber müssen bereits ohne jene Mängel herausgegeben werden, die sich bei der Veröffentlichung des ersten Bandes finden ließen. Vor allem wird man sich bemühen, im gesamten Gebiet der Litauischen SSR eine bestimmte Zahl verantwortlicher Sammler und Prüfer des Wörterbuchmaterials zu organisieren [...] und überhaupt die lexikografische Anlage des Wörterbuchs so weit wie möglich zu verbessern“ (ebd., 998). Tatsächlich wurde der nach Balčikonis’ Grundsätzen redigierte erste Band des Wörterbuchs im späten Frühjahr 1941 gedruckt. Doch hier wurde er von der bolschewistischen Zensur zurückgehalten: Sie fand sowohl antisemitische als auch „Fehler“ bürgerlich-nationalistischen Charakters. Bekannt ist, dass deshalb 19 So wurde der Nachname Antanas Lyberis’ in der Vorkriegszeit geschrieben. 118 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Pranas Skardžius ir didysis Lietuvių kalbos žodynas Zu Kazys Preikša20 ging Institutsdirektor Skardžius, um die Angelegenheit zu klären. Dieser habe „zugestimmt, keine repressiven Schlussfolgerungen zu ziehen“, doch sei verlangt worden, den Band neu zu redigieren (Sabaliauskas 1999: 31). Offenbar herrschte eine Zeit lang im Litauischen Sprachinstitut selbst eine normale, arbeitsame Atmosphäre. Es wurden mehrere Kommissionen für die vom Institut herausgegebenen Publikationen gebildet; in die Wörterbuchkommission wurden Balčikonis, Salys und Skardžius berufen. Für die Leitung der Akademie der Wissenschaften wurden Arbeitsberichte und Pläne verfasst. So heißt es im Jahresarbeitsbericht des Litauischen Sprachinstituts von 1941 (ab dem 15. Juni 1940), den Direktor Skardžius am 14. Juni 1941 unterzeichnete: „[d]er Sturz der bürgerlichen Regierung in Litauen und der Beitritt Litauens zur UdSSR waren der größte Erfolg für die Wissenschaft Litauens – die Akademie der Wissenschaften der Litauischen SSR wurde gegründet“ (LKI RF f. 6–2, l. 144). Weiter wird erfreut festgestellt, dass nun in der Redaktion des Lietuvių kalbos žodyno bereits 11 statt der zuvor beschäftigten 8 Personen arbeiten; es wird erklärt, dass „[d]as dank der Sowjetmacht gegründete Litauische Sprachinstitut in bolschewistischem Tempo wissenschaftliche Arbeit zur litauischen Sprache leistet und damit zu sämtlichen wissenschaftlichen Arbeiten und Errungenschaften unseres großen sozialistischen Vaterlandes beiträgt“ (ebd.). Der Bericht umfasst die Berichte aller Abteilungen des Instituts, darunter auch den von Balčikonis erstellten Arbeitsbericht der Wörterbuchredaktion. Dennoch fand im Litauischen Sprachinstitut zur selben Zeit eine umfassende Neuordnung der Stellen statt. Am 16. Juni 1941 unterzeichnete Institutsdirektor Skardžius ein Schreiben an das Präsidium der Akademie der Wissenschaften, in dem er beantragte, Balčikonis von seinem Amt als Redakteur des Lietuvių kalbos žodyno zu entlassen und ihn zum stellvertretenden Redakteur des LKŽ zu ernennen (LMAA f. 1, ap. 9, b. 3579, l. 16). Auf Grundlage des Antrags des Institutsdirektors Nr. 113–115 unterzeichnete der Präsident der Akademie der Wissenschaften, Krėvė-Mickevičius, am 19. Juni eine Verfügung, Balčikonis mit Wirkung vom 16. Juni desselben Jahres von seinem Amt als Wörterbuchredakteur zu entlassen und zum stellvertretenden Redakteur zu ernennen. Mit derselben Verfügung wurde Jonikas von seinem Amt als Leiter der Abteilung für praktische Sprache und Terminologie entlassen und zum Redakteur des großen Wörterbuchs ernannt21 (ebd.). Doch alles wurde durch den Ausbruch des Krieges zwischen Nazideutschland und der Sowjetunion auf den Kopf gestellt. Nachdem die deutsche Herrschaft bereits gefestigt war, unterzeichnete der Vorsitzende der Akademie der Wissenschaften, Krėvė-Mickevičius, am 26. Juli eine Verfügung, Balčikonis zum Redakteur des Lietuvių kalbos žodyno zu ernennen (das heißt, ihn wieder in dieses Amt einzusetzen) und Jonikas als Sekretär in die Abteilung für praktische Sprache und Terminologie zu versetzen (LKI RF LKŽ f. 5–18, l. 71). 20 Kazys Preikšas (1903–1961), sovietinis veikėjas, vienas iš komunistinės ideologijos diegėjų ir propag uotojų Lietuvoje. Kalbamu metu buvo LKP CK propagandos ir agitacijos skyriaus vedėjas. 21 Petras Jonikas war gerade einmal einen Monat und eine Woche lang Wörterbuchredakteur. Als Leiter des großen Wörterbuchs schaffte er es offenbar, in dieser Angelegenheit nur ein einziges Schreiben zu versenden (vgl. seinen Brief an den Wörterbuchmitarbeiter Leonas Kuodis: LKI RF LKŽ f. 5–18, l. 71). Straipsniai / Articles 119 ALDONAS PUPKIS Damit schienen Skardžiaus Versuche, die Angelegenheiten des Wörterbuchs an sich zu ziehen, beendet zu sein; doch das Versprechen, das Wörterbuch durch eine Kommission redigieren zu lassen und seinen Text ab Band II nach den Grundsätzen der sogenannten būginė-Orthografie zu bearbeiten, war offenbar nicht vergessen. Eine Zeit lang kam es dennoch offenbar zu keinen Auseinandersetzungen, zumal Skardžius am 11. November 1941 von seinem Amt als Direktor des Litauischen Sprachinstituts zurücktrat. Die Gründe für seinen Rücktritt sind unbekannt, könnten aber auch auf dem Wunsch beruhen, sich stärker den Publikationsangelegenheiten seines gerade fertiggestellten Werks Lietuvių kalbos žodžių darybos zu widmen (das Buch erschien mit dem Erscheinungsjahr 1943). Am 3. Dezember 1941 wurde das Amt des Institutsdirektors offiziell an Salys übergeben. Offenbar war Salys ein vergleichsweise gemäßigterer Leiter: Mit Balčikonis war er nie öffentlich in Konflikt geraten, hatte sich nicht in die Auseinandersetzung zwischen Skardžius und Balčikonis von 1940 eingemischt und sich stärker um die Arbeit in seinem eigenen Fachgebiet gekümmert. Dennoch richtete Direktor Salys am 31. Juli 1942 ein Schreiben an den Vorsitzenden der Akademie der Wissenschaften, in dem er seine Auffassung zur Bildung einer bestimmten Kommission für die Wörterbucharbeit darlegte. Der Verfasser des Schreibens argumentierte, dass der zweite Druck der ersten Lieferung wegen der langsamen Arbeit der Druckerei nur langsam gedruckt werden würde22; dadurch ergebe sich die Gelegenheit, diese Ausgabe zu ergänzen und zu korrigieren, damit die Änderungen auch in den anderen Bänden übernommen werden könnten. Zur Begründung wurde angeführt, dass diese große und äußerst wichtige Arbeit – das große Lietuvių kalbos žodynas – „für einen alleinigen Chefredakteur nicht zu bewältigen“ sei (LMAA f. 1, ap. 1, b. 68, l. 75); daher müsse eine Kommission gebildet werden. „Die Aufgabe dieser Kommission wäre es, über allgemeine Grundsätze des Wörterbuchaufbaus, orthografische Fragen und überhaupt alle Fragen zu entscheiden, die von der Redaktion selbst und von einzelnen Mitgliedern dieser Kommission aufgeworfen werden. [...] Diese Kommission wäre keine entscheidungsbefugte Redaktion, sondern eine wissenschaftliche Hilfskommission, deren Beschlüsse für die Wörterbuchredaktion verbindlich wären. Die Stellung des verantwortlichen Chefredakteurs würde dadurch in keiner Weise verändert“ (ebd.). Eine solche Arbeitsgruppe, die den Namen Wissenschaftliche Hilfskommission erhielt, wurde auf Antrag des Institutsdirektors von der Leitung der Akademie der Wissenschaften rasch bestätigt. Auf ihrer ersten Sitzung am 28. September wurde Salys zum Vorsitzenden gewählt. Ihr gehörten außerdem Skardžius, Balčikonis, Jonikas und der Professor der Universität Vilnius Otrembskis (Otrębski) an. Antanas Lyberis zufolge erwartete Balčikonis von der Kommission tatsächlich wissenschaftliche Unterstützung (Lyberis 2009: 272); als in einer Sitzung erneut die Orthografiefrage aufkam, widersetzte er sich jedoch entschieden jeder Orthografiereform. Auf der dritten Sitzung am 14. Oktober brachte er seine abweichende Meinung zur Orthografie vor und nahm an den weiteren Beratungen nicht mehr teil. Es sei darauf hingewiesen, dass die Wissenschaftliche Hilfskommission während ihrer gesamten Tätigkeit, in 44 Sitzungen (die letzte fand am 2. Juli 1943 statt), eine beträchtliche Zahl wichtiger Fragen zum Aufbau des Wörterbuchs erörterte. Die strukturellen Aspekte des Wörterbuchtexts wurden jedoch nicht überprüft- 22 Nach dem Erscheinen des ersten Wörterbuchbands im Jahr 1941 war die Auflage (3000 Exemplare) rasch ausverkauft, und die Leitung des Litauischen Sprachinstituts beschloss mit Zustimmung der Akademie der Wissenschaften, eine zweite Auflage dieses Bandes vorzubereiten. Der Text wurde bereits bearbeitet, Teile davon waren korrigiert, und die Druckarbeiten hatten begonnen. Man hoffte, den Band im Herbst 1942 herauszubringen, doch aufgrund der schwierigen Kriegsbedingungen schritt die Arbeit langsam voran, bis sie schließlich ganz eingestellt wurde. 120 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Pranas Skardžius ir didysis Lietuvių kalbos žodynas … wurden nur einzelne Fälle abgegrenzt oder präzisiert. So wurde in der I. Sitzung „im Hinblick auf das Verhältnis der Gliederung des I. Bandes zu den folgenden Bänden beschlossen: 1. Wortbedeutungen werden, wo möglich, nach historischem Prinzip gegliedert; 2. Hybride sind in den Fällen zu kennzeichnen, in denen ein litauisches Wort mit einem pejorativen [? – A. P.] Suffix oder Präfix vorliegt; 3. als Fremdwörter gelten nur direkte Entlehnungen, nicht aber ihre abgeleiteten Formen (mit litauischen Wortbildungselementen); 4. zur Festlegung der Rechtschreibung des Wörterbuchs werden die nächsten Sitzungen der Kommission angesetzt (als Grundlage dient der vom Institut für Litauische Sprache erstellte Entwurf); 5. mit Kreuzen sind nicht gebräuchliche Entlehnungen und Hybride sowie Archaismen zu kennzeichnen; 6. etymologische Worterklärungen sind wegzulassen“ (LMAA f. 1, ap. 1, b. 68, l. 85). Ohne diesen Beschluss näher zu analysieren, ist festzustellen, dass damit im Wesentlichen Balčikonis Auffassung vom Charakter des Wörterbuchs und die Grundsätze für die Bearbeitung des I. Bandes bestätigt wurden und keine grundlegenden Änderungen vorgesehen waren. Besonders hervorzuheben ist, dass in den Beschluss zentrale Festlegungen zum Aufbau des Wörterbuchs aufgenommen wurden: etymologische Worterklärungen wegzulassen und Wortbedeutungen nach historischem Prinzip zu gliedern. Einige weitere Grundsätze für den I. Band des Wörterbuchs wurden in anderen Sitzungen festgelegt, etwa alte Textbelege (einschließlich solcher von Klein) in der heutigen Rechtschreibung wiederzugeben. In den Sitzungen wurden diese Fragen hauptsächlich anhand des bereits geschriebenen Textes des II. Bandes (Spalten, Korrekturabzüge) erörtert; die Fälle des I. Bandes (Mängel, wie es im Protokoll heißt), insgesamt 29, wurden nur in einer Sitzung behandelt. Skardžius’ Bemühungen, das Wörterbuch zu „verbessern“ und zu „verwissenschaftlichen“, wurden also nicht umgesetzt, obwohl er selbst jahrelang darum bemüht gewesen war, dies zu propagieren. Während der deutschen Besatzung gestand er Grigui: „Ich selbst sah ein, dass meine Theorie im Wörterbuch schwer mit der Praxis vereinbar ist“ (Dėk žodį prie žodžio 2006: 194). Welche Theorie das war, hatte vermutlich nicht einmal Skardžius selbst ganz erfasst. Viel später, am 27. November 1970, schrieb er an Zigmas Zinkevičius: „Heute habe ich den VIII. Band des LKŽ erhalten, den ich bisher nur oberflächlich mit den Augen überfliegen konnte, doch schon daran sehe ich, welch großer und unsagbar wertvoller Schatz der litauischen Sprache er ist: Kein Erforscher der litauischen und überhaupt der baltischen Sprachen wird ohne ihn auskommen können. Dies ist natürlich in Wirklichkeit nur ein erklärendes Wörterbuch der litauischen Sprache, kein thesaurus linguae lituanicae, der mit der Zeit noch von bestimmten Fachleuten, nicht nur Sprachwissenschaftlern (Linguisten), sondern auch Philologen, ausgearbeitet werden muss. Mit diesem Wörterbuch wird vor allem die Geschichte der litauischen Sprache verbunden sein“ (zit. nach: Rosinas 2011: 144). FOLGEN DER RECHTSCHREIBUNGSDIFFERENZEN Nachdem Balčikonis sich geweigert hatte, über Änderungen der Rechtschreibung zu beraten, und den Sitzungen der Kommission fernblieb, wurde auf Anordnung des Präsidiums der Akademie der Wissenschaften am Institut für Litauische Sprache eine Rechtschreibungskommission gebildet (aus denselben Mitgliedern wie die vorherige Kommission, mit Ausnahme von Balčikonis). Sie bestätigte bereits am 11. November 1942, äußerst rasch, die zuvor vom Institut für Litauische Sprache ausgearbeiteten Grundlagen der Rechtschreibung. Straipsniai / Articles 121 ALDONAS PUPKIS Sie wurden von der Vollversammlung der Abteilung für Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften der Akademie der Wissenschaften beraten und bestätigt; danach unterzeichnete sie am 19. November auch der Generalbevollmächtigte für Bildung, Pranas Germantas23. Seit Beginn der Arbeit der Wissenschaftlichen Hilfskommission tobte ein regelrechter Krieg zwischen der Kommission, vor allem Skardžius und Salys, und dem Redakteur Balčikonis24. Nachdem Skardžius eine Zeit lang gleichsam im Schatten gestanden hatte, versuchte er in den Sitzungen und bei anderen Gelegenheiten mit seinen Forderungen wieder die Oberhand zu gewinnen (es kam auch zu äußerst heftigen Auseinandersetzungen und Wortwechseln) und Balčikonis mit administrativen Mitteln zum Einlenken zu zwingen. Die Leitung des „Krieges“ übernahm kraft seines Amtes Institutsdirektor Salys, und um die neue Rechtschreibung in die Praxis der Erstellung des großen Wörterbuchs einzuführen, musste die Kommission lange und geduldig auf ihr gesetztes Ziel hinarbeiten25. Ohne den gesamten Verlauf dieses Kampfes näher zu betrachten, ist festzustellen, dass die Kommission, genauer gesagt Skardžius mit Salys’ Unterstützung26, ihre Ziele mehr oder weniger erreichte: Die neue Rechtschreibung wurde offiziell bestätigt. Allerdings wurde weder auf der Ebene der Bildungsverwaltung noch von der Leitung der Akademie der Wissenschaften die Forderung bestätigt, den Wörterbuchtext entsprechend umzuarbeiten. Eine solche Forderung konnte nur die Leitung des Instituts für Litauische Sprache stellen. Im Institut für Litauische Sprache herrschte mehrere Monate lang völlige Verwirrung. Gleich von Anfang an, noch bevor die Grundlagen der Rechtschreibung bestätigt waren, wurde von den Mitarbeitern des Wörterbuchs verlangt, die neue Rechtschreibung zu beachten; die Beschäftigten wagten jedoch nicht, sich öffentlich gegen den Redakteur zu stellen. Auf Anweisung des Direktors wurden inmitten dieser Auseinandersetzungen die Druckarbeiten ausgesetzt, bis die Rechtschreibungsfragen geklärt wären. Als der Generalbevollmächtigte für Bildung schließlich die Grundlagen der Rechtschreibung bestätigte, reichte Balčikonis am 24. November sein Rücktrittsschreiben ein. 23 Pranas Germantas (bis 1940 Meškauskas) (1903–1945), gesellschaftlicher Akteur, Sprachwissenschaftler, Doktor der Wissenschaften. Er absolvierte die Universitäten Litauens und Leipzigs, arbeitete im litauischen Staatssicherheitsdepartement im Bereich der Presse und wurde nach dem Einmarsch der Deutschen Generalbevollmächtigter für Bildung (Ministerium). Wegen seiner Bemühungen, die Litauer vor den deutschen Plänen zu schützen, Jugendliche in nationalsozialistische Aktivitäten einzubeziehen, sowie wegen weiterer antifaschistischer Handlungen wurde er 1943 im Konzentrationslager Stutthof inhaftiert und starb dort. Er verfasste unter anderem zahlreiche Arbeiten zur Sprachpraxis. 24 In meinem Tagebuch habe ich am 19. September 1980 meine Eindrücke von der Sitzung der Redaktionskommission zum II. Band der Rinktinių raštų von Balčikonis festgehalten: „Bei der Erörterung [der Aussagen in Balčikonis’ Brief an Alfredas Senas über die Redaktion des Wörterbuchs] widersprach Lyberis nicht, kochte aber innerlich. Als wir hinausgingen, schüttete er mir seine ganze Galle aus. Er sei Balčikonis nah gewesen und davon überzeugt, dass Skardžius und Salys Balčikonis’ Arbeit hätten an sich reißen wollen, indem sie unbedingt das eine oder andere (konkret zumindest die Rechtschreibung) einbringen und so zu den Autoren des Wörterbuchs gehören wollten. Skardžius sei ein besonders großer Intrigant gewesen.“ 25 Dies ist eine der interessanteren, zugleich aber auch dunkelsten Seiten in der Geschichte der Erstellung des Lietuvių kalbos žodyno; dieses Thema ist jedoch eigenständig und speziell und sollte bei anderer Gelegenheit behandelt werden. 26 In der Kommission war Jonikas gewissermaßen nur Statist, und Janas Otrembskis mischte sich nicht in die Rechtschreibungsstreitigkeiten ein; er bemühte sich eher, beide Seiten zu versöhnen, als sich eindeutig einer von ihnen anzuschließen. Übrigens schätzte Balčikonis Otrembskis Meinung besonders und stützte sich bisweilen sogar unkritisch auf sie. 122 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Pranas Skardžius ir didysis Lietuvių kalbos žodynas Es begann ein Marathon des Schriftwechsels zwischen dem Direktor Salys, dem Redakteur Balčikonis und der Leitung der Akademie der Wissenschaften sowie der Bildungsverwaltung. Ohne hier die Argumente beider Seiten anzuführen, ließe sich lediglich Skardžius’ gesondert geäußerte Meinung wiedergeben, die dem Präsidenten der Akademie in einem Schreiben vom 7. Dezember 1942 übermittelt wurde: Darin heißt es, dass selbst nach der Bestätigung der Rechtschreibungsgrundlagen Menschen aufträten27, die noch etwas ändern wollten. Angeblich werde dies damit begründet, dass Balčikonis der Testamentsvollstrecker Jablonskis sei und ihm deshalb gestattet werden müsse, das Wörterbuch weiterhin in der Rechtschreibung zu verfassen, die er dort bereits eingeführt habe. Skardžius schreibt dazu, dass Lietuvių kalbos žodynas nicht Jablonskis, sondern Būgas Vermächtnis sei und Būga in seinem Wörterbuch nicht Jablonskis’ Rechtschreibung verwendet habe. „Die gegenwärtige Rechtschreibung, die J. Balčikonis in seinem litauischen Wörterbuch verwendet, ist in Wirklichkeit nicht jablonskisch, sondern balčikonisch“ (LMAA f. 1, ap. 1, b. 68, l. 106). Doch die Rechtschreibung sei nicht alles. Aus Balčikonis’ Verhalten und Äußerungen sei zu ersehen, dass er mit der Kommission nichts zu tun haben wolle und ihr von vornherein ablehnend gegenübergestanden habe. Die nur kurze Zeit tätige Kommission habe „so viele zu berichtigende Dinge gefunden, dass jeder objektive Mensch dies feststellen kann“ (ebd., 107). Daher, so schlussfolgert Skardžius, müsse das große Lietuvių kalbos žodynas „unbedingt und könne nur in der neu bestätigten Rechtschreibung herausgegeben werden“ (ebd., 108), während alles Übrige so bleiben solle, wie es gewesen sei. Sollte jedoch keine Einigung zustande kommen, „müssen andere unverzüglich und entschlossen diese Arbeit sofort übernehmen und fortsetzen“ (ebd.). Abschließend erklärt Skardžius, wenn Nichtfachleute von außerhalb alles in Ordnung bringen sollten, könne er selbst nicht am Lietuvių kalbos žodynas mitwirken und „fühlte mich damit zugleich von jeglicher Verbindung zur Litauischen Akademie der Wissenschaften gelöst“ (ebd.) (siehe Abb. 4). Trotz Skardžius’ ultimativem Schreiben wurde Balčikonis nicht von seinem Amt als Wörterbuchredakteur abberufen, sondern rückwirkend beurlaubt, um „seine Gesundheit wiederherzustellen“ (vom 1. Dezember 1942 bis zum 1. Januar 1943). Obwohl später große Anstrengungen unternommen wurden, den Konflikt zumindest etwas zu entschärfen, kehrte Balčikonis nicht in die Redaktion zurück. Diese hier vorgelegte Übersicht kann, da nicht alle oder zumindest die wichtigsten Argumente Balčikonis’ bekannt sind, einseitig und voreingenommen beurteilt werden. Die Argumente des Redakteurs sind am besten in den während des Krieges veröffentlichten Artikeln dargelegt; daher müssen einige ihrer Aussagen zumindest mit ein paar erläuternden Worten kommentiert werden. Am 31. Dezember 1942 wurde in Panevėžio apygardos balse Balčikonis’ Artikel „Geflickte Rechtschreibung“ veröffentlicht (Balčikonis 1978: 183–187). Darin schreibt der Autor, man müsse angeblich wissen, warum der Redakteur die Grundlagen der neuen Rechtschreibung nicht habe anwenden wollen. Es wird daran erinnert, dass die Redaktion sich von Beginn ihrer Arbeit an bemüht habe, sich nach der amtlichen Rechtschreibung zu richten; anschließend wird erklärt, warum die Rechtschreibung von Visuomenės įnamių gewählt worden sei. Re- 27 Welche Menschen dies waren und wo es sie gab, ließ sich nicht feststellen. Später jedoch, nachdem Balčikonis’ Artikel in Panevėžio apygardos balse erschienen war (Balčikonis 1978: 183–187), wurden in der Presse Artikel veröffentlicht (ähnliche Schreiben wurden auch an das Institut gesandt), in denen die Rechtschreibreform abgelehnt und Balčikonis’ Position unterstützt wurde (siehe Raila 1943, Kronika 1943). Straipsniai / Articles 123 ALDONAS PUPKIS ABB. 4. Faksimile eines Ausschnitts aus Pranas Skardžius’ Schreiben vom 7. Dezember 1942 an den Präsidenten der Akademie der Wissenschaften (LMAA f. 1, ap. 1, b. 68, l. 108) 124 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Pranas Skardžius ir didysis Lietuvių kalbos žodynas Der Redakteur habe nicht gewollt, dass im bereits in Bearbeitung befindlichen Band zwei Rechtschreibungen vorkämen oder wegen der Rechtschreibung nahezu der ganze Band umgearbeitet werden müsse. „Andererseits“, schreibt der Autor, „solange andere unserer Schriften die neue Rechtschreibung nicht verwenden und ungewiss ist, ob sie sie verwenden wollen – insbesondere wenn sich nach dem Krieg das ganze Volk versammelt und in Ruhe mit der Kulturarbeit beginnt –, welchen Sinn hat es dann, als Erstes das Wörterbuch in ihr zu verfassen? Besteht das Wesen eines Wörterbuchs etwa aus der Rechtschreibung?“ (ebd., 185). Im Folgenden zeigt der Autor, dass in den Rechtschreibungsgrundlagen etymologische und phonologische Prinzipien vermischt angewandt werden: An einer Stelle wird die etymologische, an einer anderen die lautgetreue Schreibweise empfohlen (baigštus, weil es angeblich baigus, baiginti heiße, obwohl man diesen Wörtern in heutigen Schriften und in der lebendigen Sprache weder begegne noch sie höre, aber žymus, obwohl es etymologisch žimus heißen müsste). „Die Rechtschreibung verfolgt keine weiter zurückliegenden Ursprünge; ihre Aufgabe ist es nicht, Etymologie zu lehren“ (ebd.). Der größte „Kriminalfall“ sei wegen der Schreibung des j entstanden, denn die Verfasser hätten ihr selbst aufgestelltes etymologisches Rechtschreibprinzip erneut vergessen (bjaurus, pjauti und kiaulė, šiaudas zu schreiben, sei, wie Jablonskis richtig gezeigt habe, „bloß eine Mischung zweier Rechtschreibungen“ (ebd., 186)). „Wenn die ‚Rechtschreibungsgrundlagen‘ kein gelungener Versuch sind, eine geeignetere Rechtschreibung vorzuschlagen, was bleibt dann als Ausweg?“ (ebd.). Der Ausweg sei die nach dem etymologischen Prinzip gebildete Rechtschreibung Jablonskis. In einem weiteren Artikel, der 1944 in der bereits mit Salys geführten Auseinandersetzung verfasst wurde (Balčikonis 1978: 187–188), wird betont, der Redakteur habe die von der Kommission vorgeschlagene Rechtschreibung nicht akzeptiert, weil dann die Redaktion den Text hätte durchsehen, die Druckerei ihn hätte umarbeiten und die Redaktion ihn hätte korrigieren müssen usw. „Das Wörterbuch wird dadurch doch nicht umfangreicher! Das Wörterbuch braucht Wörter, keine Änderungen an Buchstaben! [...] Doch die Kommission war hartnäckiger als diese Argumente“ (ebd., 187). Nach Ansicht des Redakteurs hätte der zweite Band des Wörterbuchs im Frühjahr 1943, spätestens im Sommer, erscheinen sollen. „Ich war der Meinung, dass eine Änderung der Rechtschreibung während des Krieges überhaupt Unsinn sei. Ich habe vielerorts gesagt, dass es sich während des Krieges beinahe lohnen würde, das Wörterbuch sogar mit Korrekturfehlern herauszugeben; Korrekturfehler könnte man später berichtigen, doch wenn die Zettel mit den Wörtern verloren gingen, bekäme man sie um kein Geld der Welt zurück. Aber die wissenschaftlichen Einrichtungen schlugen einen anderen Weg ein“ (ebd., 188). ZUSAMMENFASSENDE BEMERKUNGEN 1. Der Beitrag untersucht die Umstände der Ernennung des Redakteurs des großen Lietuvių kalbos žodyno, dessen Neubearbeitung Ende 1930 wieder aufgenommen worden war, und korrigiert die bisherige Auffassung, der Sprachwissenschaftler Balčikonis sei der einzige Kandidat für das Amt des Wörterbuchredakteurs gewesen. Den neu entdeckten Archivdokumenten zufolge war der erste Kandidat der Sprachwissenschaftler Skardžius, der gerade sein Studium im Ausland abgeschlossen hatte. Man kann annehmen, dass gerade er die Wiederbelebung der Arbeit an der Wörterbuchredaktion initiierte, sich um die Finanzen, Mitarbeiter und andere Angelegenheiten des Wörterbuchs kümmerte und zu Recht Anspruch darauf erhob, zum Redakteur des Wörterbuchs ernannt zu werden. Der Grund, warum Skardžius nicht zum Redakteur des großen Wörterbuchs ernannt wurde, Straipsniai / Articles 125 ALDONAS PUPKIS könnte die langjährige Gegnerschaft zwischen der Smetona-Regierung – insbesondere Präsident Smetona – und dem Dekan der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Vytautas-Magnus-Universität, Krėvė-Mickevičius, gewesen sein, dessen Schützling Skardžius war. Skardžius könnte somit zum Opfer der Ambitionen oder Interessen zweier Institutionen geworden sein. 2. Skardžiaus Wunsch und seine Bemühungen, Redakteur des großen Wörterbuchs zu werden, werden durch zahlreiche Fakten sowie durch den später in verschiedener Form zutage tretenden Groll darüber belegt, dass Balčikonis zum Redakteur ernannt wurde. Die Beziehungen zu Balčikonis wurden immer kühler, bis sie schließlich in einen offenen Krieg mündeten, der sich in nicht immer lauteren Versuchen äußerte, Balčikonis aus seinem Redakteursamt zu verdrängen und selbst seinen Platz einzunehmen. Skardžiaus Beweggründe könnten vor allem durch eine übersteigerte Trennung von Sprachwissenschaft und Sprachpraxis bestimmt gewesen sein. Da er selbst Jablonskis nicht als Wissenschaftler betrachtete, bezeichnete er Balčikonis erst recht nur als einfachen Sprachpraktiker, der sich angeblich „auch nicht eingehender mit sprachwissenschaftlichen Fragen beschäftigte“. Skardžius betrachtete die Erstellung des Wörterbuchs als eine ausschließlich der reinen Sprachwissenschaft dienende Arbeit und propagierte öffentlich die Idee, die Wörterbucharbeit auf wissenschaftlicher Grundlage zu verbessern. Andererseits war Skardžius ein wahrer leidenschaftlicher Anhänger der sprachwissenschaftlichen Arbeit, und seine Bemühungen, sich an der Erstellung des äußerst vielversprechenden Wörterbuchs zu beteiligen, lassen sich auch durch übersteigerte wissenschaftliche Ambitionen erklären. 3. Skardžius war wohl der Erste, der 1937 in der Presse zahlreiche Kritikpfeile wegen der Qualität der Wörterbuchkartei und der Planung der Redaktionsarbeit abschoss. Erst mit der Gründung des Lituanistik-Instituts im Jahr 1939 konnte er seine Kritik jedoch unmittelbar gegenüber den Wörterbuchbearbeitern äußern und, als sich die Gelegenheit bot, versuchen, die Wörterbucharbeit selbst in die Hand zu nehmen. Eine der schmutzigsten Phasen der Wörterbucharbeit waren der Sommer und die zweite Jahreshälfte 1940, als Skardžius, nur anderthalb Monate nach Beginn der Besatzung, eine Diskussion mit dem Redakteur Balčikonis begann, in der er die alte Regierung und Balčikonis wegen des Wörterbuchs angriff. Damals wurde nicht ohne Skardžiaus Initiative versucht, Balčikonis auf administrativem Wege durch Skardžius als Redakteur zu ersetzen. Eine kaum ehrenvollere Position nahm Skardžius 1942 ein, als die sogenannte Wissenschaftliche Hilfskommission gebildet wurde, deren Aufgabe es war, über die allgemeinen Grundsätze der Wörterbucherstellung, Fragen der Rechtschreibung und Ähnliches zu entscheiden. Die Diskussion zwischen Skardžius, Salys und Balčikonis entfernte sich rasch von allgemeinen Fragen des Wörterbuchs und verwandelte sich in einen Kampf persönlicher Ambitionen um einige Fälle der Rechtschreibung, insbesondere um die Schreibung von j in den Stämmen einiger Wörter. 4. Skardžiaus veröffentlichte Kritik am Wörterbuch und an Balčikonis war nicht immer gut durchdacht und nicht in jedem Fall durch tatsächliche Fakten und deren Chronologie begründet. Ihre Aussagen waren mitunter recht beleidigend und stützten sich häufig eher auf Emotionen als auf Argumente. Weitaus mehr begründete Vorschläge zur Präzisierung des Wörterbuchs wurden in den Sitzungen der Wissenschaftlichen Hilfskommission formuliert. Einige davon fanden bei der weiteren Wörterbucharbeit durch Balčikonis selbst und spätere Redakteure Verwendung. Es ist zu betonen, dass weder Skardžius noch die Kommission grundlegende strukturelle Reformkonzepte für das Wörterbuch vorlegten; vielmehr festigte die Kommission lediglich die wichtigsten Grundsätze der von Balčikonis redigierten Wörterbucherstellung 126 Acta Linguistica Lithuanica LVII Pranas Skardžius ir didysis Lietuvių kalbos žodynas . Somit blieben alle Bemühungen Skardžiaus, „das Wörterbuch zu verbessern“, auf der Ebene der Rhetorik, was der Sprachwissenschaftler später selbst eingeräumt hat. Seine vorgestellte lexikografische Theorie wurde nirgendwo ausführlicher dargelegt oder beschrieben und blieb vage und unklar. Allgemeine Überlegungen zur „Historizität“ und „Wissenschaftlichkeit“ des Wörterbuchs legten den Kern von Skardžiaus Theorie nicht offen; daher bleibt nur zu spekulieren, wie das große Lietuvių kalbos žodynas wohl ausgesehen hätte, wenn nicht Balčikonis, sondern der andere bedeutende Sprachwissenschaftler jener Zeit, Skardžius, die gesamte Wörterbucharbeit geleitet hätte. LITERATŪRA Antanaitis J. 1933: Lietuvių kalbos žodynas. Netrukus sulauksime pirmojo lietuvių kalbos žodyno tomo. – Naujoji romuva 125, 503–504. Balčikonis Juozas 1934: Keletas atsiminimų apie Antaną Smetoną. – Vairas 8–9, 109–113. Balčikonis Juozas 1978: Rinktiniai raštai 1, sud. Aldonas Pupkis. Vilnius: Mokslas. CVA – Lietuvos centrinis valstybės archyvas. Dėk žodį prie žodžio 2006: Dėk žodį prie žodžio – turėsi žodyną: Atsiminimai apie kalbininką Juozą Balčikonį, sud. Birutė Goberienė ir Aldonas Pupkis. Vilnius: Lietuvių kalbos instituto leidykla. Kronika 1943: Varpai. Šiauliai, 322. Lyberis Antanas 2009: Leksikografijos teorija ir praktika, sud. Zita Šimėnaitė. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas. LE – Lietuvių enciklopedija 1–37. Bostonas: Lietuvių enciklopedijos leidykla, 1953–1985. LK – Literatūra ir kalba 1–22. Vilnius: Valstybinė grožinės literatūros leidykla, 1956–1995. LKI RF – Lietuvių kalbos instituto Rankraščių fondas. LMMA – Lietuvos mokslų akademijos archyvas. NMMB RS – Nacionalinės Martyno Mažvydo bibliotekos Rankraščių skyrius. Piročkinas Arnoldas 2010: Dėl kurių ne kurių samprotavimų apie Jono Jablonskio kalbinę veiklą. – Mokslo Lietuva, spalio 7 d. Pupkis Aldonas 2010: Lietuvių kalbos normintojai ir puoselėtojai. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos centras. Raila Bronys 1943: Ir vėl nauja rašyba. – Tėviškė, sausio 8 d. Rosinas Albertas 2001: Pranas Skardžius: Gyvenimas ir darbai. Vilnius: Vilniaus universitetas. Straipsniai / Articles 127 ALDONAS PUPKIS Sabaliauskas Algirdas 1999: Lietuvių kalbotyra ir kalbininkai 1940–1945 metais. – Vilniaus kultūrinis gyvenimas 1940–1945. Vilnius: Lietuvių literatūros ir tautosakos institutas. Salys Antanas 1944: Paaiškinimas Lietuvių kalbos žodyno reikalu. – Ateitis, balandžio 11 d. Salys Antanas 1979: Raštai 1: Bendrinė kalba, red. Petras Jonikas. Roma: Lietuvių Katalikų Mokslo Akademija. Salys Antanas 1985: Raštai 3: Įvairūs straipsniai, red. Petras Jonikas. Roma: Lietuvių Katalikų Mokslo Akademija. Skardžius Pranas 1943: Lietuvių kalbos žodžių daryba. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas. Skardžius Pranas 1997: Rinktiniai raštai 2: Bendrinės kalbos dalykai, sud. Albertas Rosinas. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas. Skardžius Pranas 1999: Rinktiniai raštai 5: Akcentologija. Bendrinės kalbos kultūra. Publicistika, sud. Albertas Rosinas. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas. Ul vydas Kazys 1987: J. 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It corrects the idea expressed in the history of Lithuanian linguistics to this day that in 1930, when the work of compilation of the dictionary of Kazimieras Būga was resumed, Balčikonis was the only candidate for the editor’s position. The data from the new archival documents show that a young linguist Pranas Skardžius, who had just 128 Acta Linguistica Lithuanica LXVII Pranas Skardžius ir didysis Lietuvių kalbos žodynas made his return from the studies in Germany, was the first candidate. New sources lead to a conclusion that it was most likely him who initiated the revival of the dictionary’s compilation and took care of the staff and finances. His non-appointment as the editor could have been determined by the conflict of interests and ambitions of the government of that time and the dean of the faculty of Vytautas Magnus University Vincas Krėvė-Mickevičius. Even if he was not elected the editor of the dictionary, Skardžius always showed his interest in the work of compilation of the dictionary and contributed to the determination of the type of the dictionary and the principles of its compilation along with Salys, even though the opinions of the editor and the young linguists did not always coincide. Whenever possible, he did not hesitate to criticise Balčikonis in the press and often brought up the editor’s incompetence in directing the work of such significance. His continuous requests focused on the improvement of the compilation of the dictionary on scientific grounds and its publishing only after making the necessary spelling corrections. Such requests gradually evolved into a one-sided requirement to introduce the spelling promoted by him and turned into an ill-favoured war of personal whims and ambitions. This war witnessed Skardžius’ attempts to remove Balčikonis from the office of the editor of the grand dictionary by administrative means and to take up his position. Įteikta 2012 m. gegužės 18 d. ALDONAS PUPKIS Lietuvių kalbos institutas Petro Vileišio g. 5, Vilnius LT-10308, Lietuva [email protected] Straipsniai / Articles 129