Das Nomem, das Allonom und die Nomematik. Zugleich Besprechung von Silvio Brendlers Buch „Nomematik“
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283Įžvalgos / insights VoLker kohLheiM bayreuth forschungsrichtungen: Personennamenkunde, literarische onomastik, namenstheorie. das noMeM, das aLLonoM und die noMeMatik. ZugLeich besPrechung Von siLVio brendLers buch NOMEMATIK nomema, alonomas ir nomematika. Pastabos apie silvio brendlerio knygą Nomematik I Wenn etwas die moderne Linguistik seit etwa dem beginn des 20. jahrhunderts charakterisiert, so ist es die abkehr von einer rein historischen betrachtung der sprache, wie sie noch hermann Paul apodiktisch verteidigte. einher mit dieser abkehr von der rein sprachgeschichtlichen betrachtung ging die betonung der synchronie als bevorzugtes untersuchungsobjekt linguistischer studien und damit eine „reduktion der anzahl der elementaren beschreibungseinheiten“, und zwar „vor allem durch etablierung des Phonembegriffs in der Phonologie [und] des Morphembegriffs in der Morphologie.“ (thümmel 2005: 651). Wie sehr sich die aktuelle Linguistik auch vom klassischen strukturalismus inzwischen entfernt haben mag, so sind diese termini, denen man noch das Lexem an die seite stellen kann, und die mit ihnen verbundenen theoretischen annahmen, z. b. von den distinktiven Merkmalen, den oppositionen, sowie analytische Vorgehensweisen wie die segmentierung doch zum unverzichtbaren repertoire der sprachwissenschaft geworden. es fällt nun auf, dass es sich die onomastik bis heute weitgehend erlauben zu können meint, auf dieses begriffsinstrumentarium verzichten zu dürfen. dieser Mangel beziehungsweise methodologische rückstand mag in der immer noch weitgehend sprachhistorisch, etymologisch orientierten toponomastik weni-
284 VoLker kohLheiM acta Linguistica Lithuanica LXIX ger von bedeutung sein (vgl. aber kohlheim, hengst 2004), er macht sich aber vor allem in der anthroponomastik negativ bemerkbar. insbesondere bei untersuchungen, die auch statistische fragestellungen implizieren, bei denen also immer die frage eine rolle spielt, welche namenformen als zusammengehörig, als „identisch“ anzusehen sind, resultiert das fehlen eines methodologisch konsequenten und auf der höhe der allgemeinen Linguistik stehenden begriffsund Methodeninventars oft genug in zumindest terminologischer unklarheit, wenn nicht sogar in angreifbaren resultaten. dabei existiert seit 1977 ein strukturalistisch geprägtes begriffsinventar, das hier abhilfe schaffen kann. angeregt durch einen Vorschlag rudolf freudenbergs (freudenberg 1967/68), wurde in Volker kohlheims arbeit über die regensburger rufnamen des 13. und 14. jahrhunderts dem Paar Phomem und Allophon das onomastische Paar Nomem und Allonom zu seite gestellt (kohlheim 1977: 71). eine terminologische Lücke wurde dadurch gefüllt. sinn und Zweck dieser terminologischen neuprägung war zunächst, der bei der untersuchung der spätmittelalterlichen regensburger rufnamen anfallenden onymischen formenvielfalt herr zu werden. es galt sich darüber klar zu werden, ob urkundlich belegte formen wie Gumbertus, Cumbertus, Gumprecht, Gumpprecht, Gumplinus bei der namenstatistischen untersuchung als ein oder mehrere namen aufgefasst werden müssten (kohlheim 1977: 36). dabei, und dies war der entscheidende gedanke, sollte nicht nach etymologischen kriterien verfahren werden, die für die sprecher/ schreiber des 13./14. jahrhunderts sicher keine bedeutung mehr hatten, sondern die namenidentitäten sollten dem bewusstsein der namenbenutzer entsprechen, sollten ihre onymische kompetenz repräsentieren. Prinzipiell war also bei der linguistischen analyse des spätmittelalterlichen namensystems regensburgs ebenso vorzugehen wie bei der untersuchung des onymischen systems einer unbekannten sprache. das theoretische gerüst dieses „ethnologischen“ Vorgehens hatte damals bereits kenneth Lee Pike geliefert. nach Pike (1967) bezeichnen wir eine untersuchungsmethode, die nach kriterien verfährt, die von außen an das zu untersuchende system herangetragen wurden, als „etisch“. eine derartige Methode hat als einstieg ihre berechtigung, doch kann sie nur vorläufig sein, denn sie entspricht nicht unbedingt den tatsächlichen Verhältnissen. Zwei namenformen, die wir aufgrund gleicher etymologischer herkunft als „identisch“ bezeichnen, können für das bewusstsein der sprecher einer vergangenen – oder auch gegenwärtigen – epoche durchaus als zwei getrennte namen aufgefasst werden. es geht also um die rekonstruktion der onymischen kompetenz der sprecher eines vergangenen Zeitraums. gelingt sie, erhalten wir, in der ausdrucksweise Pikes, „emische“ einheiten. ein beispiel aus der gegenwart: die namen Adelheit, Aleida und
285 das nomem, das allonom und die nomematik. Zugleich besprechung von silvio brendlers buch Nomematik Įžvalgos / insights Elke gehen alle auf adal-heit zurück, werden aber heute durchaus als drei verschiedene namen aufgefasst. umgekehrt wurden im mittelalterlichen regensburg die etymologisch auf zwei unterschiedliche hebräische etymologien zurückgehenden formen Matheus und Mathyas als austauschbar empfunden, wie die belegreihe hern Mathyas dez Wakchers hausfrawe (a. 1341), Matheis der Wacher (a. 1342), Matheus der Wachker (a. 1342), bei Metlein dem Wocher (a. 1345) zeigt (kohlheim 1977: 511), denn es handelt sich jeweils um ein und dieselbe Person. Wir müssen also annehmen, dass es für die regensburger sprecher der damaligen Zeit eine mentale einheit gegeben hat, die es ihnen erlaubte, die soeben angeführten namensformen als identisch zu erkennen. diese abstrakte mentale einheit nennen wir Nomem, seine realisierungen in mündlicher sprache oder Verschriftlichung Allonom (kohlheim 1977: 71). entscheidend dabei ist, dass das Nomem als abstrakte mentale einheit aufgefasst werden muss. seine notierung ist daher rein konventionell. das ist in der späteren Literatur zum nomem nicht immer verstanden worden. so wurden in kohlheim (1977) die nomeme als althochdeutsche etyma wiedergegeben (also „kuon-rāt“ als nomem für die allonome Chunrat, Konrad, Chuntz, Kunz etc.). in einem späteren aufsatz wurde vorgeschlagen, in analogie zur üblichen notierung von Phonemen das nomem zwischen schrägstrichen zu notieren. im falle der oben angeführten allonome Mathyas, Matheis, Matheus und Metlein bietet sich als notierung des allen diesen allonomen zugrunde liegenden nomems /Matheis/ an (kohlheim 2001: 148.) allerdings besteht auch bei dieser notierung die gefahr, /Matheis/ als die „relevanteste“ form anzusehen. schon 1966 hatte rudolf freudenberg vorgeschlagen, für die notierung von Phonemen auf die „trügerische assoziationen“ an phonetische Werte hervorrufenden buchstaben zugunsten ganz neu gewählter symbole zu verzichten (freudenberg 1966: 9). Man könnte sich also vorstellen, für die notierung des nomems /Matheis/ einfach die notation /M/ oder auch eine Ziffer einzuführen. als die begriffe Nomem und Allonom erstmals definiert wurden, herrschten behavioristische Methoden in der Linguistik vor. die analyse des regensburger namenmaterials erfolgte daher nach den Methoden des amerikanischen distributionalismus, wie sie Zellig s. harris entwickelt hatte (harris 1969; vgl. kohlheim 1977: 67–80). „Mentalistisch-psychologische“ auffassungen galten als überholt. aus heutiger sicht lässt sich dagegen feststellen, dass es sich bei der einführung des begriffs Nomem in gewissem sinn um eine Vorausnahme kognitivistischer Positionen handelte. Wenn freudenberg 1966 formulierte: „Phoneme sind durch gedankliche synthese gewonnene begriffe“ (freudenberg 1966: 13), so galt dasselbe auch für den kurze Zeit später definierten begriff des Nomems. aus heutiger
286 VoLker kohLheiM acta Linguistica Lithuanica LXIX kognitivistischer sicht lässt sich feststellen: Nomeme entsprechen den konzepten, die im gehirn der sprecher bezüglich einzelner namenausdrücke existieren.1 es mag aufgefallen sein, dass bei der oben angeführten reihe von allonomen Gumbertus, Cumbertus, Gumprecht, Gumpprecht und Gumplinus zwei unterschiedliche typen vertreten sind, die wir traditionellerweise als „Vollformen“ und als „kurzformen“ bezeichnen. schon in der arbeit von 1977 hatte Volker kohlheim vorgeschlagen, hier von Realisierungstypen zu sprechen: „der realisierungstyp gehört zwar immer noch der virtuellen [also der emischen] ebene an, doch wird die Wahl des jeweiligen realisierungstyps vom sprecher oder schreiber erst in der aktuellen sprechoder schreibsituation vollzogen, und diese Wahl ist in jedem fall situationsbzw. kontextbedingt und abhängig von der intention des sprechers/ schreibers sowie von der vom sprecher/schreiber angenommenen ewartung seines kommunikationspartners“ (kohlheim 1977: 79f.). so muss sich ein sprecher/ schreiber, der das nomem /Margarete/ realisieren möchte, klar darüber werden, ob er dies mit dem allonom Margarete tut, das einer formellen kommunikationsebene (domäne) angehört, oder eines der allonome Grete, Gretchen, Gretel, Gretelchen verwendet, die einer informellen kommunikationsebene (domäne) angehören und sprachlich dem realisierungstyp „hypokoristikon“ zugehören. damit kommen auch pragmalinguistische aspekte in das vorgestellte, primär systemlinguistische Modell, kommt es doch auf die jeweilige pragmatische situation an, welchen realisierungstyp der sprecher verwendet. das heute in der onomastischen theorie so zentrale thema der referenz spielte in der arbeit von 1977 höchstens indirekt eine rolle. es ging ja darum, aus dem korpus der zwei bände des regensburger urkundenbuchs, das chronologisch bis 1378 reicht, die namen zu analysieren und für namenstatistische untersuchungen aufzubereiten. und zwar rein korpusbezogen, systemintern. Zwei unterschiedliche namensformen galten demnach als „identisch“, wenn sie in gleicher „umgebung“ auftraten. die weitaus meisten rufnamen – und nur um diese ging es – traten in einem namensyntagma auf, das im normalfall aus drei elementen bestand: rufname + bestimmter artikel + beiname. bei frauen kam zum beinamen noch das Movierungssuffix -in hinzu. erschienen nun zwei namensformen, etwa Stepfan und Stepfel, austauschbar in Verbindung mit dem beinamen der Enichl, war die 1 Vgl. zu kognitiven Wortkonzepten rickheit, Weiss, eikmeyer (2010: 73–76). silvio brendler (2008: 75) allerdings gesteht erst der späteren Version des nomematischen ansatzes, wie sie in kohlheim, hengst (2004) vorliegt, ein kognitivistisches herangehen an die Problematik zu. Wortwörtlich hieß es aber bereits in der fassung kohlheim (1977: 71): diejenige sprachliche einheit, die es dem kompetenten sprecher einer sprachgemeinschaft erlaubt, verschiedene namensformen als identisch zu erkennen, nennen wir ‚nomem’ […]“. „erkennen“ aber ist eine kognitive Leistung.
287 das nomem, das allonom und die nomematik. Zugleich besprechung von silvio brendlers buch Nomematik Įžvalgos / insights „identität“ erwiesen, das heißt, die beiden (realisierten) allonome Stepfan und Stepfel gehörten einem (virtuellen) nomem /stePhan/ an. diese Methode folgte streng dem distributionalimus, wie ihn harris (1969) formuliert hatte. dass die in den dokumenten des urkundenbuchs verzeichneten namenformen sich auf (damals) konkrete Personen bezogen, also eine referenzfunktion hatten, war zwar vorausgesetzt, spielte aber für die bestimmung der nomeme nur eine indirekte rolle. eine weitere folge dieser sehr korpusbezogenen sichtweise war, dass ein anderer gesichtspunkt, der heute im Vordergrund steht, überhaupt keine rolle spielte: da es um die analyse eines Inventars von namen ging, und zwar um rufnamen, konnte der gedanke, dass sich „ein“ name nur auf eine Person beziehen könne, gar nicht aufkommen. im Zusammenhang mit der diskussion, wie drei allonome, die sich im formbereich weitgehend gleichen, aber in unterschiedlicher „umgebung“ stehen, also im namensyntagma zusammen mit unterschiedlichen beinamen auftreten, dennoch einem nomem zugeordnet werden können – auf die einzelheiten des Prozederes kann hier nicht näher eingegangen werden – hieß es: „Wollten wir nur das kriterium der diskursbedeutung [das heißt der umgebung in der realisierung] gelten lassen, wären die drei allonome [Ruger der Pochner, Ruger der Prunnhofer, Ruger vor der Chappel] nicht identisch und folglich drei verschiedenen nomemen zuzuordnen. diese folgerung ist jedoch absurd: bekanntlich benutzt jede sprachgemeinschaft weitaus weniger namen, als sie entitäten benennt“ (kohlheim 1977: 72). nicht, dass die Problematik dieser aussage damals nicht erkannt worden wäre, doch wurde sie mit bezug auf eugenio coseriu (1967: 268: „[…] los nombres propios pueden ser multívocos, pero son siempre monovalentes“) und farhang Zabeeh (1968: 57: „We may use, for example, […] ‚joan’ to refer to many women“) entkräftet. im grunde handelt es sich um das auch heute noch virulente namenstheoretische und -philosophische Problem des spannungsverhältnisses zwischen onymischer „Monovalenz und klassenbildung“ (Windberger-heidenkummer 2011). Wir sprechen heute nicht mehr so problemlos von „einem namen“. heute steht uns eine differenziertere terminologie zur Verfügung: so würde Willy Van Langendonck (2007) in dem angeführten fall nicht von einem „name“, sondern von einem „proprial lemma“ sprechen und silvio brendler in dem sogleich vorzustellenden buch von einem „archinomem“. als Lemmata eines historischen nameninventars freilich wurden die zu eruierenden nomeme damals auch aufgefasst. in einer erweiterten fassung der theorie wurde noch der begriff des Archinomems eingeführt (kohlheim 2001), der uns in teil ii dieses aufsatzes in anderem sinne als bei kohlheim wieder begegnen wird. nur kurz wurde die anwendung auf familiennamen reflektiert (kohlheim 2005), während die begriffe Nomem und Allonom im bereich der toponomastik von karlheinz hengst im anschluss an
288 VoLker kohLheiM acta Linguistica Lithuanica LXIX kohlheim erörtert wurden (kohlheim, hengst 2004; kohlheim, hengst 2006). die nomematische terminologie wurde gelegentlich auch von anderen autoren verwendet, zuletzt von renāte siliņa-Piņķe (2009), und fand eingang in das handbuch Die Personennamen im Deutschen von Wilfried seibicke (2008:101). II im jahr 2008 legte brendler mit seinem buch Nomematik. Identitätstheoretische Grundlagen der Namenforschung (insbesondere der Namengeschichte, Namenlexikographie, Namengeographie, Namenstatistik und Namenstheorie) eine gründlich erweiterte und verfeinerte theorie zur feststellung onymischer identitäten vor. das umfangreiche Werk (448 seiten, zahlreiche abbildungen, 6 karten) ist durch ein namenund ein sachregister (421–428; 429–448) gut zu erschließen; ein als „konkretisierungen“ bezeichneter teil (321–391) dokumentiert die erwähnten namen auch optisch. das reichhaltige Literaturverzeichnis (393–419) zeugt von der gründlichkeit des autors, dem wohl kaum ein zur näheren und weiteren thematik des buches gehörendes Werk entgangen sein dürfte. gleich zu beginn der „einleitung“ (25–52) wird festgestellt: „der terminus ‚namenidentität’ bezeichnet das Vorkommen von einund demselben namen zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der kommunikation, also im sprachgebrauch“ (31). synonym hierzu werden die ausdrücke „isonymie“ oder „onymische identität“ verwendet. Voraussetzung dafür, dass zwei (oder mehr) namen identisch, „isonym“ sind, ist ihre gleiche etymologische herkunft u n d die tatsache, dass sie ein und dasselbe objekt benennen, das heißt, dass sie „referenzidentisch“, koreferent sind. hiermit ist schon der wichtigste unterschied zu den arbeiten von kohlheim benannt, in denen „identität“ formale identität bedeutete. gebrauchsidentität, koreferenzialität, war dort nur der ausgangspunkt zum nachweis von nomemen, die, einmal festgestellt, sich dann durchaus auf mehrere Personen beziehen konnten. für brendler liegt dann keine onymische identität mehr vor, sondern lediglich homonymie (33). scharfsinnig unterscheidet brendler zwischen onymischer identität (isonymie) und namengleichheit und weist nach, dass es unterschiedliche arten von onymischer gleichheit gibt (33–38): (1) etymologische namengleichungen, (2) formale gleichungen (bei etymologischer ungleichheit), z. b. die deutschen ortsnamen Koblenz < lat. Confluentes und Koblenz < altsorbisch *Kobyl’no/* Kobyl’na ‚die siedlung, wo es stuten gibt’, (3) semantische namengleichheit, z. b. deutsch Schwarza, englisch Blackwater, (4) referenzidentische namengleichungen, die sich wiederum differenzieren lassen in solche mit gleicher etymologie, z. b. deutsch
289 das nomem, das allonom und die nomematik. Zugleich besprechung von silvio brendlers buch Nomematik Įžvalgos / insights Deutschland, dänisch Tyskland, mit gleicher semantik, z. b. deutsch Schwarzwasser, altsorbisch *Čornica und solche, bei denen nur das objekt gleich ist, auf das mit formal, etymologisch und semantisch unterschiedlichen namen referiert wird, z. b. deutsch Deutschland, englisch Germany, finnisch Saksa. schließlich gibt es noch (5) „namenidentische namengleichungen“, bei denen alle soeben angeführten teil-gleichungen zugleich zutreffen, so wie bei den belegen aus dem Österreich des 15. jahrhunderts Bertl Menhart = Partl Menhart. nur letztere gleichungen, so brendler, sind „namenidentitätstheoretisch relevant“ (38). bei der betrachtung von onymen unterscheidet brendler zwischen der „perzeptiven ebene“ und drei „kognitiven ebenen“ (40f.): auf der perzeptiven ebene sind die (mündlichen oder schriftlichen) konkretisierungen des onyms angesiedelt (bei kohlheim waren das die realisierten allonome). die ebene der kognition unterteilt sich in die ebene der realisierungen, auf der verschiedene namen-konkretisierungen als Varianten innerhalb eines onymischen systems erkannt werden, der systematisierungen, auf der im gehirn der sprachteilnehmer ein system gebildet wird, und der archisystematisierungen, die bei „nachdenken und Äußern“ über namen zustande kommt. Wenn wir einen namen hören oder lesen, so identifizieren wir das mit ihm benannte objekt zunächst „als ein bestimmtes, aber nicht näher spezifiziertes individuum“ (44). im unterschied zu diesem akt der „identifizierung“ erfolgt die „identifikation“ bei „feststellung der durch einen namen festgelegten identität eines individuums“ (44). jedenfalls lehnt brendler eine „trägerunabhängige namenbetrachtung“ – „da dem Wesen des namens nicht gerecht werdend“ – ab (50). kapitel 1 des buches (53–80) enthält in einem „wissenschaftshistorischen Überblick“ eine auseinandersetzung mit den autoren, die vor brendler die nomematische terminologie verwendet haben. Wie schon dargelegt, unterscheidet sich kohlheims auf die sprachform konzentrierter ansatz vom brendlerschen vor allem dadurch, dass bei kohlheim ein nomem sich (in der realisierung) auf unendlich viele namensträger beziehen kann. für brendler handelt es sich hierbei um „homonyme nomeme“ (63). immer noch bezug nehmend auf kohlheim (und kohlheim, hengst 2004) schlägt er eine sprachlich homogenere terminologie vor, indem er „allonom“ auf der ebene der konkretisierung durch „nom“ ersetzt und „realisierungstyp“ durch „allonom“ (64). er geht dann ein auf die in dem Zeitraum seit kohlheim (1977) erschienenen arbeiten, die die nomematische terminologie verwenden, und kommt resümierend zu dem urteil, dass sie alle nicht das für ihn entscheidende kriterium der funktionalen identität berücksichtigen; „offenbar verwechselt man schlichtweg etymologische identität mit namenidentität (hält isogenie für isonymie)“ (80).
290 VoLker kohLheiM acta Linguistica Lithuanica LXIX kapitel 2 (81–170) trägt die Überschrift „nomematik“.2 entscheidend für die nomematische, also eine emische, betrachtungsweise ist, die namen im system zu sehen, wobei das namensystem, ähnlich wie schon bei kohlheim (1998), als subsystem des lexikalischen und dieses wiederum des sprachlichen systems zu verstehen ist (82). die „beschreibung konstitutiver sprachlicher eigenschaften der namen […] als nomeme“, also die beschreibung ihrer phonematisch/graphematischen form, bezeichnet brendler als „namengrammatik“ (85). im folgenden werden die einheiten nom, allonom und nomem neu definiert: „ein nom ist die konkretisierung eines funktional und zugleich grammatisch identischen nomems, während ein allonom die realisierung eines funktional und zugleich grammatisch identischen nomems herstellt“ (89). Zwei unterschiede zum kohlheimschen Modell werden hierbei evident: Während bei kohlheim ein nomem als bloße formeinheit, als „proprial lemma“ im sinne von Van Langendonck (2007), auf der realisierungsebene auf mehrere namenträger referieren konnte, ist das im brendlerschen Modell nicht der fall. Zweitens repräsentieren bei brendler „namen mit unterschiedlichen Wortlauten, die jedoch einund dasselbe objekt benennen, […] verschiedene nomeme und somit verschiedene namen“ (103). freilich wird damit die intention des ansatzes von kohlheim (1977) verfehlt. dort war es ja gerade darum gegangen, die unterschiedlichen zu einem nomem gehörenden Varianten, vor allem also kurzformen und koseformen einer Vollform, entsprechend der onymischen kompetenz der spätmittelalterlichen namengeber und -träger zusammenzufassen, um sie statistisch verwertbar zu machen. dagegen sieht brendler in kurzformen und koseformen „eigenständige“ namen und spricht daher von „kurznamen und kosenamen“ (103). Wenn man das tut und auch in der Praxis anwendet, ist es allerdings nicht möglich, etwa die Verbreitung von heiligennamen im Mittelalter diachronisch und diastratisch angemessen zu untersuchen. es würde dann immer derjenige name (nomem) statistisch bevorzugt werden, der keine oder nur wenige alloformen aufweist. da im Mittelalter eine nomematisierung von alloformen (im gegensatz zu heute) nur sehr selten vorkam, würde das bild durch eine solche Vorgehensweise gründlich verfälscht. bei „laienhafte[m] oder sprachwissenschaftliche[m] nachdenken über die Zusammenhänge von namen und/oder namen(s)formen“ (112) begeben wir uns auf die kognitive ebene der „archisystematisierungen“. so gelangen wir zu „archinomemen“, wenn wir über realiter oder auch nur scheinbar zusammenhängende namensformen nachdenken oder sprechen, und zwar vor festlegung irgendeiner referenz. daher handelt es sich bei Äußerungen wie „ich kenne zwei Leute mit 2 dieser terminus wurde von brendler bereits im jahr 2003 eingeführt (81).
291 das nomem, das allonom und die nomematik. Zugleich besprechung von silvio brendlers buch Nomematik Įžvalgos / insights dem namen ronny“ auch noch nicht um vollwertige namen (116). archinomeme können in Lautung oder graphie leicht voneinander abweichen (brendlers beispiel lautet Gerit/Gerrit, s. 116). Werden aussagen über die diachronie von namensformen getroffen, seien diese nun sprachwissenschaftlich korrekt oder nicht, spricht brendler von „archiallonomen“ (118). im folgenden geht es um die mentalen Vorgänge, die bei der abstraktion, das heißt dem Weg von der konkretisierung bis zur archisystematisierung, und ihrem gegenstück, der spezifikation nomematischer einheiten, auftreten (126–128). auch die beziehungen zwischen nomematischen entitäten, insbesondere isonymie und anisonymie, werden thematisiert (130–140). aufmerksamkeit dürften die folgenden seiten erregen, in denen brendler sein konzept der „nomematik als dynamische sprachbetrachtung“ vorstellt (140–144). er versucht hier, den angeblich ganz „auf die synchronie konzentriert[en]“ (140) ansatz von kohlheim durch ein „panchronisches“ Vorgehen zu überwinden, berücksichtigt dabei allerdings nicht, dass auch in kohlheim (1977) die diachronie als abfolge synchronischer schichten eine entscheidende rolle spielte.3 die „dynamik der nomematischen systembetrachtung“ ergibt sich laut brendler aufgrund der „hauptantriebskräfte der sprachdynamik: konkretisierung, realisierung und systematisierung“ (141). Wie sich hieraus, einer doch zunächst synchronischen klassifizierung mentaler Vorgänge, diachronischer Wandel ableiten lässt, legt brendler nicht näher dar. Zu recht betont er die „Problembehaftetheit der feststellung der identität sprachlicher einheiten in der diachronie“ (142). diese Problematik war auch kohlheim (1977) begegnet und er hatte sie für das zeitliche kontinuum vom jahr 893 bis 1378 durch die abfolge synchronischer schichten zu lösen versucht, wobei dann Phänomene onymischen Wandels wie aufspaltung eines nomems in zwei verschiedene oder kontamination, Verschmelzung zweier nomeme zu einem, zu beobachten waren (kohlheim 1977: 100–106). und wenn brendler auf s. 144 die entwicklung des heutigen ortsnamens ‚chemnitz’ von „kaMeniZ“ (um 1100) über „keMeniZ“ (um 1200) zu „keM(e)niZ“ (um 1300) graphisch darstellen will, rekurriert er de facto ebenso auf „synchronische schichten“, wie dies kohlheim (1977) für die regensburger rufnamen zu tun gezwungen war. ein „komplexkontinuum“, wie auf s. 143 behauptet, ist dies jedenfalls noch nicht. Zu recht schreibt brendler daher, „daß die namenforschung geeignete Methoden für die diachronische erforschung dynamischer namensysteme [noch] wird entwickeln müssen“ (143). Mit seinem begriffsinstrumentarium hat er dafür bereits ein brauchbares Werkzeug entwickelt, wird sich doch der onymische Wandel zunächst in vereinzelt auftretenden konkretisie3 siehe kohlheim (1977: 100–106): „diachronischer Wandel des namensystems“.
