Zur Handhabung deutscher Realienbezeichnungen in den ins Litauische übersetzten „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm
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201straipsniai / articles hans-harry drÖßiger universität Vilnius, geisteswissenschaftliche fakultät kaunas Mokslinių tyrimų kryptys: kognityvinė lingvistika, metafora, metonimija, vertimo teorija ir praktika. Zur handhabung deutscher reaLienbe Zeichnungen in den ins Litauische ÜbersetZten KINDERUND HAUSMäRCHEN der brÜder griMM Vokiškų realijų pavadinimų atitikmenys brolių grimų Vaikų ir namų pasakų vertimuose į lietuvių kalbą annotation der beitrag beschäftigt sich mit der rolle der konzeptuellen Metonymie bei der denotativen Äquivalenz von deutschen realienbezeichnungen im Litauischen. er ist somit der Versuch einer interdisziplinären Verbindung von Übersetzungswissenschsaft und kognitiver Linguistik. untersuchungsobjekt sind die Kinderund Hausmärchen der brüder grimm, die mit ihren 200 Märchen ein geschlossenes untersuchungskorpus bilden und als texte des 19. jh. eine Quelle sozialund kulturhistorischer forschung darstellen. hauptmethode zur untersuchung der Äquivalenz ist der sprachvergleich, gestützt auf lexikografische kodifizierung von realienbezeichnungen in deutschen und litauischen Wörterbüchern. im abschnitt „theoretische grundlagen“ werden die begriffe Märchen, kultur, realien, realienbezeichnungen, Metonymie und das system der Äquivalenztypen nach Werner koller (2011) kurz erläutert. im abschnitt „realienbezeichnungen in den khM: Zwischen Äquivalenz und Metonymie“ wird die handhabung der deutschen realienbezeichnungen in den litauischen schLÜsseLWÖrter: Märchen, brüder grimm, realienbezeichnung, kontiguität, Metonymie, Äquivalenz, deutsche sprache, litauische sprache. keyWords: fairy tale, the brothers grimm, culture-bound words, contiguity, metonymy, equivalence, german language, Lithuanian language.
202 hans-harry drÖßiger acta Linguistica Lithuanica LXIX Märchenübersetzungen untersucht. aus dem Vergleich von original und Übersetzungen werden drei Äquivalenztypen herausgearbeitet: 1. Vollständige Äquivalenz, bei der die Metonymie keine rolle spielt; 2. Äquivalenz, bei der es konzeptuelle Verschiebungen im kontiguitätsraum gibt, die sich als metonymische Verschiebung, metonymische Verdrehung und metonymische Verzerrung präsentieren; 3. nulläquivalenz, deren hauptmerkmal die inkorporation von fremdwörtern bildet. schlussfolgerungen, in denen auf neue untersuchungsmöglichkeiten zur Äquivalenz und zur konzeptuellen Metonymie hingewiesen wird, schließen den beitrag ab. annotation the aim of the article is to connect the model of cognitive metonymy with the model of types of denotative equivalence on word level to check out the explanational potential of the model of cognitive metonymy for describing and explaining the use and occurance of word equivalents in the Lithuanian translations of the fairy tales of the brothers’ grimm by juozas balčikonis (1938–1939) and adomas druktenis (1999–2001). the brothers’ grimm fairy tales (gft) can be seen in a wide sense as a source of the history of culture and social life in the german speaking countries of the 19th century. culture-bound words a) refer to a special cultural knowledge, which is in a historical sense not or not completely compatible with the structure of knowledge in our present days, and b) refer to a common cultural knowledge of the community of german speaking countries. the translations of the gft present ways of handling of german culture-bound words for foreign readers. in this article i want to show, if and how the translators achieved a correct and appropriate understanding of the culture-bound words by choosing equivalents. this allows to show what semantic and cognitive procedures stand behind the use of certain equivalents. by comparing the german original with the two Lithuanian translations it is possible to work out if and how the culture-bound words of the original texts are rendered in the translations, and finally to inductively conclude how far the conceptual metonymy takes part in rendering of culture-bound words in the target texts. investigating this, there can be established modifications in the theory of conceptual metonymy in the framework of cognitive linguistics. einLeitung: ZieL, untersuchungsobjekt und Methoden des beitrages das Ziel des vorliegenden beitrages besteht darin, mithilfe von Überlegungen zur konzeptuellen Metonymie beziehungen zum Modell der denotativen Äquivalenztypen nach Werner koller (2011) herzustellen und dadurch zu prüfen, inwiefern das Potenzial der konzeptuellen Metonymie geeignet ist, auf die handhabung deutscher realienbezeichnungen in den litauischen Übersetzungen der kinderund
Zur handhabung deutscher realienbe zeichnungen in den ins Litauische übersetzten Kinderund Hausmärchen der brüder grimm 203straipsniai / articles hausmärchen der brüder grimm von juozas balčikonis und adomas Pranas druktenis angewendet zu werden. das untersuchungskorpus bildet die Märchensammlung der brüder grimm, die unter dem titel Kinderund Hausmärchen (khM) weltweit bekannt geworden ist. diese sammlung hat seit dem ersten erscheinen 1812 mehrere, zum teil deutlich überarbeitete ausgaben und auflagen erfahren. in meinen untersuchungen stütze ich mich auf die Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm von 1857, in einer neuauflage von 2010, die die 200 kanonisierten Märchen enthält. daraus folgt, dass die khM ein abgeschlossenes korpus bilden, was für die intendierten untersuchungen von Vorteil ist, da die inhaltliche Qualität (im sinne einer kulturhistorischen und sozialgeschichtlichen Quelle) und die sprachliche gestaltung der Märchen eng an den Zeitraum ihrer sammlung, schriftlichen fixierung und drucklegung (1812–1857) gebunden sind. die beiden litauischen Übersetzungen basieren auf der Ausgabe letzter Hand, doch sind chronologische und editorische unterschiede festzustellen. die Übersetzung von balčikonis entstand 1938–1939, die von druktenis 1999–2001. in der ausgabe der Übersetzung von balčikonis (2010) fehlen 20 Märchen1; die ausgabe der Übersetzung von druktenis (1999–2001) ist vollständig. die Zuwendung zu den realienbezeichnungen in den khM ist damit begründet, dass diese speziellen lexikalischen einheiten a) auf kulturelles Wissen referieren, das im historischen sinne nicht (mehr) zu den Wissensstrukturen der gegenwart kompatibel ist und b) auf allgemeines kulturelles Wissen der deutschen sprachund kulturgemeinschaft verweisen. die in den Übersetzungen gebrauchten litauischen Äquivalente beeinflussen die Verfügbarmachung jenes räumlich und zeitlich fremden kulturellen Wissens für litauische Leser. im allgemeinen ist die handhabung der realienbezeichnungen beim Übersetzen mit dem Problem der lexikalisch-semantischen Äquivalenz zwischen zwei sprachen verbunden. Zur erreichung des genannten Zieles – das Modell der Äquivalenztypen nach koller deduktiv durch Wortanalyse in den zugrunde gelegten Märchentexten zu überprüfen – wird das Wortgut, das kulturelle objekte in den Märchenhandlungen benennt, aus dem textkorpus ermittelt, wobei als entscheidungsgrundlage, ob es sich um realienbezeichnungen handelt, neben den aktuellen und historischen Wörterbüchern des deutschen besonders das onomasiologische Wörterbuch von franz dorn1 es fehlen die Märchen nr. 38 „die hochzeit der frau füchsin“, 39.2 „die Wichtelmänner. Zweites Märchen“, 39.3 „die Wichtelmänner. drittes Märchen“, 41 „herr korbes“, 42 „der herr gevatter“, 43 „frau trude“, 45 „daumerlings Wanderschaft“, 66 „häsichenbraut“, 95 „der alte hildebrand“, 105 „Märchen von der unke“, 131 „die schöne katrinelje und Pif Paf Poltrie“, 132 „der fuchs und das Pferd“, 138 „knoist und seine drei söhne“, 139 „das Mädchen von brakel“, 140 „das hausgesinde“, 149 „der hahnenbalken“, 150 „die alte bettelfrau“, 170 „Lieb und Leid teilen“, 183 „der riese und der schneider“, 190 „die brosamen auf dem tisch“.
204 hans-harry drÖßiger acta Linguistica Lithuanica LXIX seiff zur feststellung der sachverhaltssystematik zu umfang und inhalt des kulturellen Wissens dient2. durch den textvergleich von deutschem original mit den beiden litauischen Übersetzungen kann letztlich herausgearbeitet werden, ob und wie die im original gegebenen realienbezeichnungen mit ihrer kulturreferenz in den Übersetzungen wiedergegeben wurden, so dass induktiv geschlussfolgert werden kann, inwiefern die konzeptuelle Metonymie an der handhabung der realienbezeichnungen in Übersetzungen beteiligt ist. daraus ergeben sich schließlich Möglichkeiten zur Modifizierung kognitionslinguistischer ansätze zur konzeptuellen Metonymie. theoretische grundLagen 1. Märchen das Märchen gilt als epische gattung (auch genre) und wird hierbei charakterisiert als phantastische, realitätsüberhobene, variable erzählung, die sich vom Mythos durch das fehlen der göttersphäre und von der sage durch das fehlen konkreter historischer und geografischer bezüge abgrenzen lässt. als hauptkennzeichen des Märchens werden im allgemeinen genannt raumund Zeitlosigkeit, aufhebung der naturund kausalgesetze als eine selbstverständlichkeit (z. b. Verwandlungen, sprechende tiere, Pflanzen oder gegenstände) und das auftreten von fabelwesen wie riesen, Zwerge, hexen, drachen (vgl. Metzler Literatur Lexikon 1990: 292). gleichwohl erscheinen in Märchen bestimmte requisiten, die oft wesentlicher teil der Märchenhandlung sein können, die aber auf jeden fall gegenstände der durch das Märchen vermittelten kultur (alltags-, staatlich-gesellschaftliche, höfische kultur u. ä.) sind und somit ein indiz für historische authentizität darstellen. folgt man der auffassung von den Märchen als kulturhistorische und sozialgeschichtliche Quellen (vgl. Metzler Literatur Lexikon 1990: 293), können die khM gerade durch das auftreten jener requisiten zur erarbeitung von Vorstellungen über die zurückliegenden historischen epochen genutzt werden, die sich i. w. s. als Mittelalter bezeichnen lassen. das, was hier requisiten genannt wird, sind jene historischen kulturobjekte, auf die durch spezielle realienbezeichnungen referiert wird. doch ist natürlich auch festzustellen, dass die khM ein teil des allgemeinen literarischsprachlichen erbes der deutschen sprachund kulturgemeinschaft darstellen und dass dadurch zahlreiche lexikalische einheiten als allgemeinere realienbezeichnungen auch auf den allgemeinen kulturhintergrund referieren. 2 es handelt sich nach der systematik von franz dornseiff (2004) um die sachgruppen 2 „Leben“, 4 „größe, Menge, Zahl“, 8 „ort und ortsveränderung“, 11 „das denken“, 14 „kunst und kultur“, 15 „Zusammenleben“, 16 „essen und trinken“, 18 „gesellschaft“, 19 „geräte, technik“, 20 „Wirtschaft, finanzen“, 21 „recht, ethik“, 22 „religion, Übersinnliches“.
Zur handhabung deutscher realienbe zeichnungen in den ins Litauische übersetzten Kinderund Hausmärchen der brüder grimm 205straipsniai / articles 2. kultur, realien, realienbezeichnungen haß-Zumkehr, die sich des neueren, erweiterten kulturbegriffs von hansen bedient3, beschreibt den kulturbegriff so: er „geht über politisch-soziale faktoren hinaus und bezieht Werthaltungen und orientierungen sozialer Milieus sowie ihren konstruktiven charakter ein. kulturelle orientierungen werden von sozialen gruppen nicht nur rezeptiv ‚umgesetzt‘, sondern eben auch aktiv verändert und tradiert.“ (haß-Zumkehr 2001: 2) cavagnoli schätzt in ähnlicher Weise ein, dass sprache sowohl als Produkt einer kultur als auch als spiegel und Medium kultureller Vorstellungen begriffen werden könne; und kultur schließe jegliche Verhaltensschemata und Werte sowie erfahrungen ein (vgl. cavagnoli 2005: 79 f.). dieses „einbeziehen“ oder „einschließen“ referiert auf das sog. hintergrundwissen, das wesentlich an der ausprägung einer sprachund kulturgemeinschaft beteiligt ist. somit ist Wissen ohne kultur nicht denkbar. und Wissenstransfer mittels sprache, z. b. beim Übersetzen, ist prinzipiell immer auch ein transfer von kultur4. die kultur ist „ein vielschichtiges system bedeutungsvoller Zeichen, die dazu dienen, sich in der jeweiligen Welt zurecht zu finden (...) in diese orientierungsleistung sind sowohl die existenziell grundlegenden Werte einbezogen wie auch die alltäglich-praktischeren konventionen.“ (haß-Zumkehr 2001: 15) dies bedeutet: 1. kultur gibt orientierung – in einer kultur muss man sich orientieren. 2. kulturelles Wissen ist konventionalisiert und in bestimmter form in einer sprachund kulturgemeinschaft kodifiziert. 3. kultur als Wissensraum hat stabile und interpretierbare (vgl. haß-Zumkehr 2001: 16 f.) komponenten. eine sachgerechte Versprachlichung des kulturellen hintergrundwissens kann auf verschiedenen Wegen erreicht werden, z. b. durch definitionen verschiedener art in texten (auch in fachtexten), in zweiund mehrsprachigen fachwörterbüchern und fachenzyklopädien und beim Übersetzen durch den gebrauch kodifizierter Äquivalente oder bei deren fehlen durch Verfahren zur schaffung von Äquivalenten. ausgehend von diesem weiten kulturbegriff ist es möglich, nicht nur objekte, handlungen von Personen, eigenschaften / Merkmale von objekten, Personen und handlungen, sondern auch moralische, ästhetische, voluntative und utilitaristische konzepte als teil einer kultur zu verstehen. ein solch weiter kulturbegriff führt dann logischerweise zu einem weiten Verständnis des begriffs realien. Wenn man der allgemeinen definition von realien 3 bibliografische angaben zu hansen s. haß-Zumkehr (2001). 4 dornseiff (1964: 305 f.) nannte dies „kulturübertragung“, und zwar im sinne einer „erfreulichen bereicherung im begriffsvorrat“ einer Zielsprache.
206 hans-harry drÖßiger acta Linguistica Lithuanica LXIX als kulturspezifische gegenstände und handlungen (vgl. nord 1993: 224) sowie als identitätsträger einer nationalen/ethnischen kultur im weitesten sinne (vgl. snell-hornby et al. 1999: 288) folgt, wird zunächst klar, „dass die realien per se und de facto zum Wissensbestand einer sprachund kulturgemeinschaft gehören, innerhalb dieses Wissensbestandes definierbar und dort stets kommunikativ verfügbar sind, also mit entsprechenden bezeichnungen auf sie referiert und rekurriert werden kann. durch diese – gelegentlich auch exklusive – Zugehörigkeit zu einer sprachund kulturgemeinschaft stellen realien und ihre bezeichnungen ein spezifisches Übersetzungsoder (allgemeiner) ein sprachmittlungsproblem dar.“ (drößiger 2010: 36 f.) nord empfiehlt für den fall der notwendigkeit des umgangs mit realienbezeichnungen, eine „erklärende Übersetzung“ vorzunehmen, um hinweise auf die „kulturelle einbettung“ in der ausgangssprache geben zu können (vgl. nord 1993: 226). doch in kognitionslinguistischer Weise formuliert, geht es darum, kulturelles Wissen einer sprachund kulturgemeinschaft einer anderen geistig verfügbar und dadurch sprachlich kommunizierbar zu machen, ohne das kulturelle Wissenssystem der Zielsprache und -kultur nachhaltig modifizieren zu wollen. im falle der khM betrifft es die o. g. zwei arten des kulturellen Wissens. ungeachtet verschiedener klassifizierungsmodelle von realien5 und ihren bezeichnungen, kann man aufgrund der einfachen erzählstruktur der Märchen (vgl. kindlers neues Literatur-Lexikon 1996: 916) induktiv bestimmte kategorien von realien herausarbeiten, die mit den komponenten des erzählens im Märchen korrespondieren. diese komponenten sind Personen, handlungsort, handlungszeit, handlungsverlauf, requisiten der Personen, orte und handlungen. der terminus realienbezeichnung ist der Versuch, linguistische und übersetzungswissenschaftliche auffassungen zu diesem Phänomen zu vereinen. so erfuhren und erfahren realienbezeichnungen u. a. folgende terminologische fassungen: „fremde Wörter“ (h. Paul, W. schmidt), „Lehngut“ (W. schmidt), „bezeichnungsexotismus“ (t. schippan, h. glück), „landestypische realien“ (W. fleischer), „exotismen“ (ch. römer / b. Matzke), „realienwort / realienbezeichnung“ (e. riesel, ch. nord).6 der terminus Realienbezeichnung sollte in einer übergreifenden, 5 eines der Modelle wäre das von Влахов/Флорин (s. 2009: 49–72), auf das aber hier aus Platzgründen nicht eingegangen werden kann. ebenso geeignet sind systematische darstellungen des Wortschatzes, wie sie für das deutsche in gestalt von systematischen Wörterbüchern, z. b. von dornseiff Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen, entwickelt wurden. 6 Zu ausführlichen erläuterungen zum begriff der realienbezeichnungen und zu den konkreten Quellenangaben verweise ich auf drößiger (2010: 36–52), wo ich die auffassungen aus verschiedenen disziplinen der Linguistik und der Übersetzungswissenschaft vorgestellt habe.
Zur handhabung deutscher realienbe zeichnungen in den ins Litauische übersetzten Kinderund Hausmärchen der brüder grimm 207straipsniai / articles allgemeinen Lesart verwendet werden, ohne das kriterium der „fremdheit“, das sehr oft in Lexikologie und stilistik als darstellungskriterium herangezogen wird, ins spiel zu bringen, weil dadurch die Verbindung zur genealogischen sprachforschung möglich wird, die die gemeinsamkeiten zwischen den ide. sprachund kulturgemeinschaften stärker betont als die unterschiede zwischen ihnen. 3. Äquivalenztypen und Metonymie die systematik der denotativen Äquivalenztypen nach koller (s. 2011: 230–243) orientiert sich an den Äquivalenzbeziehungen zwischen den Lexemen zweier sprachen (vgl. koller 2011: 230), so dass die anwendung dieser systematik auf die handhabung von realienbezeichnungen im rahmen von Übersetzungen sinnvoll erscheint. eine gewisse analogie zwischen den Äquivalenztypen nach koller und den auffassungen zur Metonymie (eine Übersicht hierzu s. drößiger 2004: 30) führt zu der schlussfolgerung, dass das Potenzial der Metonymie (des kontiguitätsraumes) bei der suche nach Äquivalenten für bestimmte bezeichnungen der ausgangssprache (as) in einer Zielsprache (Zs) angewendet werden kann. die folgende Übersicht verdeutlicht die gemeinte analogie: tabeLLe 1. Äquivalenztypen und Metonymie (Quelle: autor des beitrages) Äquivalenztyp (nach koller) Metonymietypen / Verschiebungen im kontiguitätsraum eins-zu-eins-entsprechung keine Metonymie möglich oder nötig, da as und Zs über semantisch äquivalente bezeichnungen verfügen; das schließt auch konnotative und pragmatische Äquivalenz ein, z. b. dt. Ungeheuer > lit. siaubūnas. 7 eins-zu-viele-entsprechung in der Zs werden verschiedene Lexeme eines bestimmten kontiguitätsraumes benutzt, wofür es in der as ein polysemes Lexem gibt, z. b. dt. Frau > lit. moteris (grundbedeutung in opposition zu „Mann“), žmona (ehefrau, verheiratete frau), šeimininkė (hausfrau, gastgeberin), ponia (anrede). Viele-zu-eins-entsprechung Mehrere Lexeme der as repräsentieren einen ausschnitt eines kontiguitätsraumes, wobei in der Zs ein hyperonymisches Lexem eingesetzt wird, z. b. dt. Kammer, Stube, Zimmer > lit. kambarys. 7 alle angegebenen beispiele aus den khM (deutsches original und litauische Übersetzungen).
208 hans-harry drÖßiger acta Linguistica Lithuanica LXIX Äquivalenztyp (nach koller) Metonymietypen / Verschiebungen im kontiguitätsraum eins-zu-null-entsprechung für ein Lexem der as existiert kein Äquivalent in der Zs, wobei in der Zs auf die bedeutung des as-Lexems mithilfe anderer benennungsverfahren referiert werden kann, z. b. dt. ein rechtes Höllenfeuer > lit. baisiai prikūrenta. in solcherart fällen ist beispielsweise eine metonymische relation des typs Ur s a c h e -Wi r k U n g zu beobachten. eins-zu-teil-entsprechung für ein Lexem der as wird in der Zs ein Lexem als Äquivalent eingesetzt, das nur auf einen teil der bedeutung des as-Lexems referiert, was in der regel der metonymischen relation ga n z e s -Te i l entspricht, z. b. dt. Keller > lit. pogrindis. die unikalität bestimmter realien und ihrer bezeichnungen innerhalb einer sprachund kulturgemeinschaft zwingt den Übersetzer oft dazu, nach Verfahren zu suchen, um sachgerecht und adressatengerecht (vgl. drößiger 2011: 7 f.; drößiger 2012: 8 f.) mit den deutschen realienbezeichnungen umzugehen. das betrifft auch die Möglichkeiten, die die Metonymie bietet, denn die o. g. einzelprozeduren erlauben es nicht, alle in den übersetzen texten tatsächlich praktizierten metonymischen typen theoretisch abzubilden. der grund dafür liegt im Wesen der Metonymie, da „es sich bei Metonymie (resp. kontiguität) auch um einen Prozess handelt, der es sprechern/schreibern erlaubt, in z. t. kreativer Weise das gegebene Wissen zu modifizieren (...)“. (drößiger 2007: 175) Mitunter schießt der Übersetzer dabei über das Ziel hinaus, d. h. die Verschiebung im kontiguitätsraum wird zu weit vorangetrieben, so dass das gleichgewicht von sachgerechtheit und adressatengerechtheit gestört wird, was dazu führt, dass nicht mehr im üblichen sinne von „Verschiebung“ gesprochen werden kann (s. u. abschnitt zur metonymischen Verzerrung). reaLienbeZeichnungen in den khM: ZWischen ÄQuiVaLenZ und MetonyMie das Wissen über die grundlagen des alltäglichen Lebens in sozialen gemeinschaften, über das kulturelle, ökonomische, geistige und soziale Potenzial der natur, über die Meisterung des daseins in gestalt der arbeit und der spirituellen
Zur handhabung deutscher realienbe zeichnungen in den ins Litauische übersetzten Kinderund Hausmärchen der brüder grimm 209straipsniai / articles handlungen findet zwar in sprachspezifischen lexikalischen einheiten seinen ausdruck, stellt jedoch ein gemeinsames Wissen für große geografische räume dar, so dass unter Verwendung des o. g. weiten kulturbegriffs postuliert werden kann, dass jede ide. sprachund kulturgemeinschaft einen eigenen Wortschatz für die bezeichnung der allgemeinen komponenten des kulturellen hintergrundes herausgebildet hat. i. VoLLstÄndige ÄQuiVaLenZ – keine MetonyMie es zeigt sich in den Übersetzungen der khM ins Litauische im Vergleich mit dem deutschen original, dass in diesen beiden sprachen Grundwörter für die bezeichnung jener kulturellen alltagsobjekte zur Verfügung stehen, die zu einem bedeutenden anteil nicht auf einen gemeinsamen ide. grundwortschatz zurückgehen, woraus sie sich sprachspezifisch entwickelt hätten, sondern dass jede sprache ihre eigenen Wortstämme und – je nach morphologischer charakteristik der jeweiligen sprache – grundwörter herausbildete. die folge dessen sind vollständig äquivalente Lexeme in diesen sprachen, deren gebrauch in Übersetzungen keine Probleme bereitet, da sie sowohl sachgerecht als auch adressatengerecht sind. tabeLLe 2. Vollständig äquivalente realienbezeichnungen (Quelle: autor des beitrages) deutsch Litauisch deutsch Litauisch Axt kirvis Nadel adata Besen šluota Ofen krosnis Brot duona Schloss dvaras, pilis Garn siūlai Schnur virvė Glocke varpas Stube pirkia Herd židinys Wiege lopšys Hof kiemas Witwe našlė Kasten skrynia Zwirn siūlas einige beispiele können als entlehnungen aus dem deutschen ins Litauische aufgrund bestimmter historischer bedingungen gelten:
216 hans-harry drÖßiger acta Linguistica Lithuanica LXIX onymie kombiniert werden kann, um den umgang mit bestimmten Wortschatzbereichen im rahmen von Übersetzungen besser zu erfassen und zu beschreiben. aus solchen kombinationen erwachsen Veränderungen in den jeweiligen theoretischen konstrukten, z. b. dass ein übersetzungswissenschaftliches lexikalisches Äquivalenzmodell auf drei Äquivalenztypen vereinfacht werden kann: (1) vollständige Äquivalenz, (2) metonymische Äquivalenz als bewegungen im kontiguitätsraum, (3) nulläquivalenz, die zur fremdwortübernahme zwingen kann. für kognitionslinguistische theorieansätze zur Metonymie kommen ebenfalls Überprüfungen und Veränderungen in betracht, denn die unterscheidung von metonymischen Verschiebungen, Verdrehungen und Verzerrungen zeigt, dass aufbau und Prozesse im kontiguitätsraum weiter erforscht werden müssen, um bessere aussagen über das menschliche Wissen im allgemeinen erarbeiten zu können. QueLLen broliai gr imai 1999–2001: Vaikų ir namų pasakos 1–4. iš vokiečių kalbos vertė adomas Pranas druktenis. Vilnius: alma littera. Brolių Grimų Pasakos 1–2. 2010. iš vokiečių kalbos vertė juozas balčikonis [original der Übersetzung: 1938–1939]. kaunas: Vaiga. grimm jacob, grimm Wilhelm 2010: Kinderund Hausmärchen. ausgabe letzter hand mit den originalanmerkungen der brüder grimm. Mit einem anhang sämtlicher, nicht in allen auflagen veröffentlichter Märchen und herkunftsnachweisen hrsg. von heinz rölleke. 3 bde. [original: 1857] [= khM]. stuttgart: reclam. fachLiteratur cavagnoli stefania 2005: Vom Paradigma zur umsetzung: das bozner Modell. – Wissenstransfer durch Sprache als gesellschaftliches Problem, hrsg. von gerd antos, sigurd Wichter. frankfurt/Main: Peter Lang, 77–89. dornseiff franz 1964: Sprache und Sprechender, hrsg. von jürgen Werner. Leipzig: koehler & amelang. drößiger hans-har r y 2004: bemerkungen zur kommunikativen und kognitiven charakteristik der Metonymie im deutschen. – Kalbų studijos 5, 30–40. drößiger hans-harry 2007: Metaphorik und Metonymie im Deutschen. Untersuchungen zum Diskurspotenzial semantisch-kognitiver Räume. hamburg: dr. kovač. drößiger hans-har r y 2010: Zum begriff und zu Problemen der realien und ihrer bezeichnungen. – Vertimo studijos 3, 36–52.
Zur handhabung deutscher realienbe zeichnungen in den ins Litauische übersetzten Kinderund Hausmärchen der brüder grimm 217straipsniai / articles drößiger hans-har r y 2011: terminologie in theorie und Praxis unter dem besonderen aspekt der interkulturellen kommunikation. – Inostrannye jazyki v vys ej kole 2(17), 5–13. drößiger hans-har r y 2012: realien, ihre bezeichnungen und aspekte der interkulturalität. – Kalbų studijos 20, 5–11. haß-Zumkehr ulrike 2001: Deutsche Wörterbücher – Brennpunkt von Sprachund Kulturgeschichte. berlin, new york: de gruyter. Kindlers neues Literatur-Lexikon 1996: bd. 6. hrsg. von Walter jens. München: kindler. koller Werner 2011: Einführung in die Übersetzungswissenschaft. 8., neubearbeitete auflage. tübingen: francke. Metzler Literatur Lexikon 1990: hrsg. von günther und irmgard schweikle. 2., überarbeitete auflage. stuttgart: Metzler. nord christiane 1993: Einführung in das funktionale Übersetzen. tübingen, basel: francke. snell-hornby M., hönig h. g., kußmaul P., schmitt P. a. (hrsg.) 1999: Handbuch Translation. 2., verbesserte auflage. tübingen: stauffenburg. Влахов Сергей, Флорин Сидер 2009: Непереводимое в переводе. Москва: Р. Валент. WÖrterbÜcher dornseiff franz 2004: Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen. 8., völlig neu bearbeitete auflage von uwe Quasthoff. berlin, new york: de gruyter. Duden. Das Herkunftswörterbuch 2005: 3., völlig neu bearbeitete und erweiterte auflage (cd-roM). Mannheim: bibliographisches institut & f. a. brockhaus ag. Duden. Deutsches Universalwörterbuch 2006: 6., überarbeitete und erweiterte auflage (cd-roM) [= duW]. Mannheim: bibliographisches institut & f. a. brockhaus ag. grimm jacob, grimm Wilhelm 1998–2004: Deutsches Wörterbuch. [original: 1852–1960] [= dWb]. urL: http://www.dwb.uni-trier.de/ [2013.02.22.] Lietuvių kalbos žodynas, elektroninis variantas, redaktorių kolegija: gertrūda naktinienė (vyr. red.), jonas Paulauskas, ritutė Petrokienė, Vytautas Vitkauskas, jolanta Zabarskaitė. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 2008. Prieiga internete: www.lkz.lt. [2013.02.22].
218 hans-harry drÖßiger acta Linguistica Lithuanica LXIX Vokiškų realijų pavadinimų atitikmenys brolių grimų Vaikų ir namų pasakų vertimuose į lietuvių kalbą santrauka Šio straipsnio tikslas – remiantis rinktiniais pavyzdžiais apžvelgti vokiškų realijų pavadinimų atitikmenų vartojimą juozo balčikonio ir adomo Prano druktenio į lietuvių kalbą verstose brolių grimų Vaikų ir namų pasakose. Vartojant realijų pavadinimų atitikmenis, didelis vaidmuo tenka metonimijai. Metonimija gali būti sąmoningai pavartota ieškant atitikmens, antra vertus, metonimija gali tapti išeitimi, kai atitikmenų lietuvių kalboje nėra. dalis brolių grimų pasakose esančių realijų pavadinimų ypatingi tuo, kad žymi informaciją, nebeatitinkančią šiuolaikinio žmogaus žinių. taigi nuo lietuviškų atitikmenų parinkimo priklauso tai, kaip lietuvis skaitytojas supras šį jam erdvės ir laiko atžvilgiu svetimą kultūrinį pasaulį. atitikmens parinkimas susijęs su bet kurių dviejų kalbų leksinės-semantinės ekvivalencijos problema. Pasitelkiant lietuviškus atitikmenis straipsnyje įvertinami Wernerio kollerio (2011) atitikmenų tipai. Įteikta 2013 m. liepos 5 d. hans-harry drÖßiger Vilniaus universitetas, Kauno humanitarinis fakultetas Muitinės g. 8, LT-44280 Kaunas, Lietuva [email protected]
