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Jürgen Udolph (Hrsg.). „Europa Vasconica – Europa Semitica? Kritische Beiträge zur Frage nach dem baskischen und semitischen Substrat in Europa“

Harald Bichlmeier

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196 acta Linguistica Lithuanica LXX haraLd bichLMeier Martin-Luther-universität halle-Wittenberg sächsische akademie der Wissenschaften zu Leipzig Mainzer akademie der Wissenschaften und der Literatur Wissenschaftliche forschungsrichtungen: indogermanistik, onomastik (ortsund gewässernamen), altiranistik (syntax). jürgen udolph (hrsg.) euroPa Vasconica – euroPa seMitica? kritische beiträge Zur frage nach deM baskischen und seMitischen substrat in euroPa (beiträge zur Lexikographie und namenforschung 6) hamburg: baar 2013. Paperback, 386 seiten + 3 seiten unpaginiert (mit angaben zu den beiträgern des bandes) isbn: 978-3-935536-06-6 Der vorliegende sammelband versteht sich als antwort auf die von theo Vennemann (und seinen schülern) seit etwa drei jahrzehnten immer wieder in dutzenden aufsätzen vorgetragene und durch etliche etymologien (oder was dafür ausgegeben wurde) vermeintlich belegte these, dass einerseits ein großteil des germanischen Wortschatzes, andererseits ein noch viel größerer teil der gemeinhin als ‚alteuropäische hydronymie‘ bezeichneten gewässernamenschicht gar nicht indogermanischen ursprungs sei, sondern sich eigentlich dem einen oder anderen vorindogermanischen substrat verdanke. eine summa seiner forschungen hat Vennemann in dem sammelband Europa Vasconica – Europa Semitica, berlin – new york 2003, vorgelegt, der 26 bereits publizierte und einen bis dato unpublizierten beitrag enthält. Vereinfacht lässt sich Vennemanns standpunkt so zusammenfassen: es gibt eine reihe von Wörtern, besonders im germanischen, die einer (guten) indogermanischen etymologie entbehren. dies liege daran, dass sie eben aus einer substratsprache stammen. als substratsprache kommt dabei im binnenland v.a. das „Vaskonische“ (eine art urbaskisch) in frage, da sich nach der letzten eiszeit die Wiederbesiedlung Mitteleuropas v.a. von südwesten, also von der iberischen jürgen udolph (hrsg.) Europa Vasconica – Europa Semitica? Kritische Beiträge zur Frage nach dem baskischen und semitischen Substrat in Europa 197recenzijos / reviews halbinsel her vollzogen habe, was sich auch an gewissen genetischen Markern bzw. deren jeweiligem prozentualen anteil noch nachweisen lasse, der im baskischen kernland jeweils am höchsten ist und in konzentrischen ringen um den kern herum abnehme. Vaskonisch sei mithin auch die älteste uns in (Mittel-)europa greifbare gewässernamenschicht, dies umso mehr, als man auch in diesem bereich das Problem hat, oft keine (saubere) indogermanische etymologie geben zu können. semitisch seien hingegen zahlreiche substratwörter in küstennahen gebieten, besonders auch im Westund nordgermanischen. diese seien v.a. mit phönizischen händlern in diese region gebracht worden (und letztlich stamme ja auch das runenalphabet vom phönizischen alphabet ab). die suche nach substratwortschatz gerade auch im Westgermanischen hat eine lange tradition, die besonders in der ‚Leidener schule‘ der indogermanistik weitergeführt wird. allerdings sind die grundannahmen völlig verfehlt, die einen substratanteil von bis zu 30% im germanischen Lexikon sehen wollen: bereits neumann (1971, 77–79 = 2008, 3–5) hat nachgewiesen, dass es sich hierbei um eine Verkettung von falschen annahmen, Missverständnissen und rechenfehlern handelt, die es aber in diverse handbücher und einführungen zum germanischen bzw. zu germanischen einzelsprachen geschafft hat. der anteil des substratwortschatzes liegt in sprachen in der regel im bereich von 2–5%. aus der arbeit am eWa kann rez. das nur bestätigen: Von den gut 130 (abzügl. ca. 20 suffixe) bislang von rez. bearbeiteten hauptlemmata (Wörter beginnend mit ahd. i-, j-, l-, m-) konnte gerade einmal für eines (ahd. îtal ‚eitel, nichtig, leer‘; eWa V, 226–229) keine (gute) indogermanische etymologie vorgelegt werden. der vielleicht(!) auf substratwörter zurückgehende anteil lag in diesem ausschnitt aus dem Lexikon also unter 1%! der hier nun als antwort auf jene arbeiten vorzustellende sammelband enthält nach dem Vorwort (s. 7–9) acht aufsätze und ein interview. grundsätzlich problematisch an diesem band ist zunächst, dass es eine antwort ist, die zehn jahre brauchte, bis sie formuliert war, und dass sie in ihren einzelteilen alles andere als homogen ist: sie enthält aufsätze, die bereits vor Vennemanns buch einmal erschienen sind, solche, die offensichtlich schon bald nach Vennemanns buch fertig waren und solche, die erst später fertig wurden. so wie Vennemanns buch aus aufsätzen aus ca. 15 jahren besteht, stammen auch die antworten darauf aus ca. 15 jahren. ein wenig fragt man sich schon, ob man ein buch nach so vielen jahren noch einmal durch diese „kritischen beiträge“ würdigen musste, das de facto in der forschung (so weit rez. sie überblickt) ohnehin keine rolle speielt(e). Von den aufsätzen des sammelbandes wurden drei indogermanistisch(-onomastisch)e bereits früher einmal gedruckt: Michael Meier-brügger, historische sprachwissenschaft und ihre grenzen (s. 151–158 = Meier-brügger 2010, 166– 172), Lutz reichardt, nachfolger hans bahlows (s. 159–167 = reichardt 1996) 198 haraLd bichLMeier acta Linguistica Lithuanica LXX und Wolfgang P. schmid, Methodische bemerkungen zur klassifikation alteuropäisch (s. 169–180 = schmid 1998). die beiden beiträge aus den 1990er jahren sind natürlich aus indogermanistischer sicht völlig veraltet, auch wenn man an der zugrundeliegenden argumentation in der regel nichts aussetzen kann: reichardt hebt v.a. hervor, dass Vennemann den Vorschlägen bahlows zur hydronymie über weite strecken folgt, die allgemein auf wenig anerkennung gestoßen sind, während schmid v.a. auf regularitäten im bereich des ablauts und der Wortbildung hinweist, die eben typisch indogermanisch seien, weshalb sich spekulationen zu irgendwelchen substraten ohnehin erübrigten. allerdings finden sich in der argumentation und zumal in den beispielen, auf denen sie aufbaut, diverse sachliche fehler, so in der tabelle s. 174, in der bildungen zu angeblich drei urindogermanischen Wurzeln zusammengestellt werden, die freilich nach heutiger sicht vielmehr zu mindestens sechs (also zweimal drei) Wurzeln gehören, und in der Lautstufen für das (spät-?)urindogermanische angesetzt werden, die es nach auch schon vor zwanzig jahren in der indogermanistik allgemein verbreiteter ansicht niemals gegeben hat. der beitrag Meier-brüggers ist eher allgemein-theoretisch angelegt und berührt v.a. am ende auch fragen der (relativen) chronologie der abfolge von sprachschichten in europa. aber er – wie auch alle anderen beiträger des vorliegenden sammelbandes – kommt zu dem ergebnis, dass man natürlich mit einer oder mehreren vorbzw. nichtindogermanischen sprachen in europa wird rechnen müssen, aber bei aktuellen stand der forschung und v.a. angesichts des charakters der forschungen Vennemanns auch nicht ansatzweise eine Verbindung dieses substrats mit irgendwelchen anderen sprach(famili)en zu beweisen ist. Zu den indogermanistischen beiträgen gehört auch noch der erste beitrag des bandes, Peter anreiter, gedanken zum buch von theo Vennemann, Europa Vasconica – Europa Semitica (s. 11–63). dieser sehr zurückhaltend formulierte beitrag ist der einzige in diesem buch, der indogermanistik halbwegs auf dem heute üblichen niveau und mit den heute üblichen standards bietet. sämtliche gebotenen etymologien sind richtig (wenn auch nicht immer die einzig denkbaren). einschränkend ist aber hinzuzufügen, dass auch in diesem beitrag recht leger mit Wurzel(auslaut) varianten, schwebeablaut u.ä. umgegangen wird, was bei einem nicht indogermanistisch vorgebildeten Leser leicht ein gefühl des anything goes hinterlassen könnte. solche unmotivierten Varianten werden heute in der regel nicht mehr als Möglichkeiten anerkannt. ein weiteres Problem ist, dass bisweilen keine Wurzelbedeutungen angegeben werden, sondern einfach aus dem überlieferten Wortmaterial nach bekannten regeln urindogermanische transponate erstellt werden, bisweilen ohne sie mit etwaigem sonst belegtem Material (bzw. rekonstrukten) zu korrelieren. trotzdem zeigt der beitrag klar, dass Vennemanns annahmen und Mutmaßungen jeglicher jürgen udolph (hrsg.) Europa Vasconica – Europa Semitica? Kritische Beiträge zur Frage nach dem baskischen und semitischen Substrat in Europa 199recenzijos / reviews notwendigkeit entbehren, damit durchweg auch jeglicher etymologischen Wahrscheinlichkeit widersprechen und folglich auch ebenso überflüssig sind, wie sie falsch sein werden. Wirklich bedenkenswert ist anreiters schlussfolgerung zum „aqualen a“ (die etwas zurückhaltender auch schon von rez. geäußert wurde; vgl. bichlmeier im druck d), dass dieses nämlich nicht reflex irgendeiner nichtindogermanischen substratschicht sei, sondern einer indogermanischen schicht angehört habe, die eben den Wandel *o > *a zeigte. geschieht dies in einem gebiet, auf dem nachmalig sprachen gesprochen wurden/werden, die diesen Wandel nicht zeigen (wie etwa keltisch und italisch), ist mit zwei verschiedenen indogermanischen schichten zu rechnen, muss also letztlich mit mindestens zwei Wellen von einwanderern von sprechern indogermanischer sprachen gerechnet werden (s. 57f.). befremdlich wirkt an diesem beitrag aber, dass er abgesehen von vereinzelten nennungen (meist direkt zitierter) Literatur fast gänzlich auf sekundärliteratur verzichtet. dies schmälert den Wert des beitrags erheblich. der längste indogermanistisch (im weiteren sinne) zu nennende beitrag ist der des herausgebers des bandes, jürgen udolph, Vaskonisches und semitisches in europa aus namenkundlicher sicht (s. 211–324). dieser weist indes die typischen schwächen zahlreicher arbeiten jenes Verfassers auf, auf die rez. schon mehrfach aufmerksam gemacht hat (vgl. zuletzt bichlmeier 2013a, 2013b), und deren schwerwiegendste ist: die indogermanistische fachliteratur der letzten 50 jahre wird praktisch nicht rezipiert. folglich befinden sich alle äußerungen des Verfassers zur indogermanistik letztlich auf dem stand der Vorkriegszeit. dies zeigt sich besonders in seinen völlig veralteteten ansichten zum phonologischen system des urindogermanischen, zur Wortbildung auf dieser sprachstufe und erscheinungen von akzent und ablaut und den damit zusammenhängenden fragen der semantik der jeweiligen bildungen. all die unter diesen bereich fallenden problematischen stellen des beitrags zu behandeln, ist hier nicht zu leisten. dies würde einen eigenen längeren aufsatz erforderlich machen. immerhin fällt schon an dieser stelle eine erstaunliche Parallele in der arbeitsweise zu der theo Vennemanns auf: relevante Literatur wird nicht (angemessen) rezipiert. ein Vorwurf, den udolph in seinem beitrag ja selbst mehrfach an die adresse Vennemanns richtet. so führt udolph etwa in seinem beitrag mehrfach fälle von ‚konsonantenwechsel‘ an, darunter auch wieder sein Lieblingsbeispiel nhd. Hass vs. Hader (s. 241, 264, 306). unter ‚konsonantenwechsel‘ versteht er einen offensichtlich frei stattfinden könnenden Wechsel von konsonanten (v.a. im auslaut von Wurzeln), wobei die Wurzeln aber gleiche bedeutung haben. dass er sich dabei auf hirt beruft (s. 256) zeigt nur ein weiteres Mal die unzeitgemäßheit seiner einlassungen. dieser erscheinung ist ein längerer abschnitt in seiner Monographie zum germanenproblem gewidmet (udolph 1994, 51–118), worauf er in seinem beitrag mehrfach verweist. aber 200 haraLd bichLMeier acta Linguistica Lithuanica LXX schon sein o.a. Lieblingsbeispiel ist falsch: dieses Wortpaar wird schon seit Langem (mindestens schon seit 20 jahren) auf zwei semantisch ursprünglich verschiedene Wurzeln zurückgeführt (*kat- ‘streit, kampf’ und *ḱad- ‘fallen’ [LiV² 318], ggf. auch ‘stürzen auf’; oder uridg. *ḱeh2d- ‘seelisch aufgewühlt sein’ [LiV² 319] zu gr. κῆδος ‘sorge, trauer’), deren ableitungen sich lediglich im germanischen semantisch angenähert haben (kluge/seebold 1995/1999, 346, 359; 2002, 381, 395f.; 2011, 383, 398; eWa iV, 871–873). eine systematische durchsicht des genannten abschnitts aus udolph 1994 dürfte sicher noch etliche vergleichbare fehleinschätzungen aufdecken. als weitere auch sonst zu bemerkende schwäche zeigen sich unsauberkeiten beim Zitieren anderer autoren (was udolph ja Vennemann ebenfalls vorwirft) und bei der anführung von beispielen: so wird etwa s. 253 bichlmeier (2010, 16f.) stark verkürzt so wiedergegeben, dass dort die existenz einer Wurzel *el-/olgrundsätzlich bestritten werde. richtig daran ist, dass es nach heutiger sicht der indogermanistik eine Wurzel der struktur VKim urindogermanischen niemals gegeben haben dürfte, sondern diese immer die Mindeststruktur KVKhatten, mithin in diesem falle eben uridg. *Hel(H)- zu rekonstruieren ist. gleiches gilt natürlich auch für die s. 225ff. bemühte Wurzel „*er-/*or-“: es ist nicht von einer, sondern von mind. zwei Wurzeln der struktur *Her(H)- auszugehen (am ehesten kommen *h1er- ‘wohin geraten’ (LiV² 238) und *h3er- ‘sich (aufwärts) in bewegung setzen’ (LiV² 299f.) in frage, aber weitere können noch ins spiel kommen, je nachdem, ob es nun um die bezeichnung eines gewässers oder eines bergs geht; die herleitung von arnaus „*er-(n)- ‘hügel erhebung’“ [s. 240] ist so jedenfalls falsch). da aber udolph ja eben die letzten jahrzehnte indogermanistischer forschung nicht rezipiert und ja auch festgestellt hat: „auf diesem niveau diskutiere ich nicht.“ (udolph 2013: 438), zeigt sich an dieser bemerkung neben der mutmaßlich der diskreditierung des Zitierten dienenden darstellungsweise, nur wieder seine mangelnde indogermanistische fachkompetenz. eine falsche sprachzuordnung erfolgt etwa im falle von mati- ‘Vorgebirge’ o.ä. (s. 278), das nicht altindisch, sondern vielmehr avestisch ist (bartholomae 1904: 1112f.). die etymologie (uridg. *mñ-ti-) stimmt wenigstens. dass udolph auch ältere indogermanistische forschungen nicht sonderlich gut bekannt sind, zeigt sich auch darin, dass er s. 220f. und 303 im Zusammenhang mit dem gewn Oder und Verwandtem (vgl. dazu greule 2008: 70f. [den udolph gar nicht erst erwähnt…] und aktuell bichlmeier im druck a, b sowie dgnb 384f.) auf das caland-Wackernagelsche suffixsystem verweist (ohne es aber beim namen zu nennen) und einen aufsatz bloomfields von 1925 zitiert, der in der forschungsgeschichte de facto keine rolle spielt, aber nicht auf die anfänge der erkenntnis der Zusammengehörigkeit der suffixe uridg. *-round *-u- (und jürgen udolph (hrsg.) Europa Vasconica – Europa Semitica? Kritische Beiträge zur Frage nach dem baskischen und semitischen Substrat in Europa 201recenzijos / reviews weiterer) bereits in den 1890er jahren verweist (vgl. dazu bichlmeier 2008, bichlmeier im druck c). auch auf theoretischer ebene unterlaufen udolph fehler, so wenn er s. 275 schreibt: „nur dann, wenn eine zufriedenstellende erklärung aus dem hochdeutschen, germanischen, keltischen oder alteuropäischen nicht erbracht werden kann, darf zu einer noch älteren sprachschicht gegriffen werden.“ richtig wäre, dass man das dann nicht muss (eine richtigere formulierung findet sich s. 303), dürfen darf man natürlich, denn grundsätzlich immer möglich bleibt ja, dass eine ‚volksetymologische‘ resemantisierung einer älteren namenform stattgefunden hat, die nur aufgrund der tatsache, dass keine älteren namenbelege vorhanden sind, nicht mehr sicher nachgewiesen werden kann (vgl. dazu bergmann 2011). Vieles Weitere, besonders bezüglich etlicher detailfragen zu etymologien, ließe sich noch anführen, dies würde aber endgültig den rahmen sprengen. trotz der genannten und weiterer Mängel in jenem beitrag wird natürlich klar, dass die arbeiten Vennemanns methodologisch und hinsichtlich der wissenschaftlichen usancen (rezeption und bewertung der relevanten sekundärliteratur, ggf. auswertung der Primärquellen etc.) nicht dem gerecht werden, was man erwarten darf. die Parallelen im Vorgehen zwischen Vennemann und udolph sind jedoch ebenfalls unübersehbar. Wenn nun aus der Zusammenschau der indogermanistischen beiträge auch jedem Leser klar geworden sein sollte, welcher (un-)art die arbeiten Vennemanns auf dem gebiet der onomastik sind, so ist doch ebenso zu konstatieren, dass die im vorliegenden buch versammelten, in indogermanistischer tradition stehenden beiträge selbst alle in der einen oder anderen hinsicht mehr oder weniger weit hinter dem zurückbleiben, was heute in der indogermanistik standard ist. neben den indogermanistischen aspekten werden in dem sammelband auch noch von experten der hamito-semitischen sprachen und dem baskischen stellungnahmen zu Vennemanns äußerungen zu diesen sprachen bzw. zu den von ihm aus diesen sprachen herangezogenen Vergleichswörtern abgegeben. es sind dies folgende drei beiträge: joseba L. Lakarra, on ancient european and the reconstruction of Proto-basque (s. 65–150), hayim y. sheyim, indo-european, old-european, and afrasian, or contra Vennemann (s. 181–210), und rainer Voigt, europa semitica? bemerkungen zu Vennemanns semit(ohamit)istisch-(indo)germanistischer komparatistik (s. 325–359). diese drei artikel machen deutlich, dass Vennemanns kompetenzen auf diesen gebieten eher bedenklich stimmender natur sind: sie sind etwa den indogermanistik-kenntnissen udolphs zu vergleichen: die relevante Literatur ist unbekannt, stattdessen wird Überholtes und von der fachgemeinschaft oft genug längst Verworfenes zitiert und zur grundlage der argumentation macht. Wesentlich bedenklicher ist aber Vennemanns method(olog)isches 202 haraLd bichLMeier acta Linguistica Lithuanica LXX Vorgehen, das ihm von früheren autoren schon mehrfach angekreidet worden ist: er vergleicht munter drauf los rekonstruiertes hier mit aktuell bezeugtem da, ohne sich beim aktuell bezeugten um das aussehen der Vorstufen zu kümmern. rezensent hält es grundsätzlich für aller ehren wert, nach resten der vorindogermanischen sprachen in europa zu suchen. nur wenn man dann das indogermanische in europa mit baskischem oder semitischem vergleichen will, muss man das auch auf derselben stufe tun (worauf auch die autoren der drei beiträge hinweisen), d.h. man muss das alles eben auf der stufe des 1. oder gar 2. vorchristlichen jahrtausends vergleichen, sonst kann nichts (oder allerhöchstens zufällig einmal etwas) richtiges herauskommen. alles andere hieße äpfel mit birnen vergleichen. und aus indogermanistischer sicht ist hier noch hinzuzufügen, dass ohnehin das oben schon angesprochene Problem besteht, dass man, wenn man eine indogermanische etymologie für einen namen plausibel machen kann, eigentlich nicht (mehr) im eigentlichen sinne beweisen kann, dass der name ursprünglich nichtindogermanisch gewesen sein muss/kann. es hat keinen sinn zu leugnen, dass zahlreiche dieser namen sich einer einfachen indogermanischen etymologisierung verweigern, aber das kann auch einfach daran liegen, dass wir es mit einer sprachschicht zu tun haben, die in den uns heute bezeugten sprachen nicht fortlebt, sondern von deren Vorgängerformen überschichtet wurde (vgl. oben die anmerkungen zum beitrag anreiters), weshalb wir sie (noch) nicht genügend gut kennen. aber wenn man sich der Methoden der heutigen indogermanistik bedient, kommt man doch schon ein stück weiter. den abschluss des bandes bildet ein beitrag zu fragen der genetik (jürgen udolph, fragen an die genforschung, s. 361–386), der aus einer einleitung udolphs mit darstellung der Vennemannschen einlassungen zu dieser Problematik und der einiger weiterer autoren sowie einem interview udolphs mit zwei genetikern besteht. Leider erfährt man weder den Zeitpunkt des interviews noch in welcher form es eigentlich stattfand (es sieht eher nach einem schriftlichen interview aus, da die gesprächspartner des öfteren auf „oben“ verweisen). die beiden interviewPartner sind in sehr unterschiedlichem Maße mitteilsam. in dem gespräch geht es um die bewertung der von Vennemann und seinen schülern für ihre argumentation herangezogenen genetischen forschungen. als Quintessenz kann man daraus vielleicht ziehen, dass man eigentlich diese untersuchungen nur mit größter Vorsicht verwenden sollte, da je nachdem, welche Marker untersucht werden, recht unterschiedliche ergebnisse herauskommen, die dann jeweils noch verschieden interpretiert werden können. insgesamt zu kurz kommt dabei ohnehin der knackpunkt der ganzen angelegenheit: die an-/abwesenheit bestimmter gene/Marker/blutgruppeneigenschaften mag ja durchaus jürgen udolph (hrsg.) Europa Vasconica – Europa Semitica? Kritische Beiträge zur Frage nach dem baskischen und semitischen Substrat in Europa 203recenzijos / reviews etwas über die Wahrscheinlichkeit der Zugehörigkeit eines individuums/einer gruppe von individuen zu einer bestimmten Population zu einem bestimmten Zeitpunkt aussagen; über die von dieser gruppe von individuen gesprochene sprache sagt das alles natürlich nichts aus, sofern diese gruppe von individuen nicht auch schriftliche Zeugnisse hinterlassen hat. (und daran dürfte sich in absehbarer Zeit nichts ändern.) da es nun im falle etwa der (Prägung der) ‚alteuropäischen hydronymie‘ um eine vorschriftliche Periode geht, wird die Wahrscheinlichkeit, dass man aus der Wahrscheinlichkeit der durch eine genetische konstellation zu erschließenden gruppenzugehörigkeit auf die sprache dieser gruppe schließen kann, doch recht gering. fasst man abschließend zusammen, was sich aus dem hier vorliegenden sammelband für die thesen Vennemanns ergibt, so darf man wohl füglich sagen: sie sind tot. auch wenn sie immer wieder einmal in Zeitschriften o.ä. auftauchen, so haben sie doch eigentlich kaum ernstzunehmende anhänger gefunden. und dies wird zumindest so lange so bleiben, so lange die Verfechter dieser thesen nicht beginnen, sich auch methodologisch auf den heutigen stand der einzelnen teilbereiche der historischen sprachwissenschaften (sei es nun semitistik, indogermanistik oder baskologie) zu bringen. nur interessante ideen reichen für die Wissenschaft eben nicht. bedauerlich bleibt freilich, dass der hier vorgestellte, in seiner gesamtheit durchaus notwendige sammelband mit derart starker zeitlicher Verzögerung erschienen ist und dann qualitativ so ungleichartige beiträge enthält. Mittlerweile ist längst der nächste sammelband Vennemanns erschienen: Germania Semitica, berlin – new york 2012. Man darf gespannt sein, ob diesem buch auch wieder ein vergleichbarer sammelband entgegengestellt wird. und für ende 2015 ist auch beim Verlag schon der nächste band angekündigt: robert Mailhammer, theo Vennemann: The Semitic Component of Early Germanic Language and Culture, berlin – boston. sollte sich in diesen büchern die Wissenschaftlichkeit bzw. die sauberkeit der angewandten Method(ologi)e nicht gewaltig erhöht haben bzw. erhöhen, werden aber auch sie in der seriösen historischen sprachwissenschaft und onomastik außer hochgezogenen augenbrauen keine spuren hinterlassen oder gar Veränderungen bewirken. LITerATur bartolomae christian 1904: Altiranisches Wörterbuch. strassburg: trübner. ber gman n rol f 2011: das methodische dilemma der interferenz-onomastik. oder: ist altmühl ein deutscher name? – haubrichs, Wolfgang / tiefenbach, heinrich (hgg.). interferenz-Onomastik. 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