Frydrichas Vilhelmas Hakas. „Vocabvlarivm Litthvanico–Germanicvm, et Germanico–Litthvanicvm… Nebst einem Anhang einer kurtzgefaßten Litthauischen Grammatic“ (1730)
Full text
VINCENTAS DROTVINAS
Pädagogische Universität Litauens
Friedrich Wilhelm Haack
VOCABVLARIVM LITTHVANICO-GERMANICVM, ET GERMANICO-LITTHVANICVM... NEBST EINEM ANHANG EINER KURTZGEFASSTEN LITTHAVISCHEN GRAMMATIC (1730)
I. Kritische Ausgabe; herausgegeben von Vilma Zubaitienė. Vilnius: Verlag der Universität Vilnius, 2012, 789 S.
II. Studie, Indizes, Register; herausgegeben von Vilma Zubaitienė, die Studie verfasst sowie die Indizes und Register erstellt hat. Vilnius: Verlag der Universität Vilnius, 2012, 335 S. ISBN 9786-09-158-7
Die erste Ausgabe des zweisprachigen Wörterbuchs von Friedrich Wilhelm Haack (Litauisch–Deutsch und Deutsch–Litauisch) mit einem Anhang zur litauischen Grammatik beschrieb Georg Heinrich Ferdinand Nesselmann, der es zu den Quellen seines „Wörterbuchs der litauischen Sprache“ (Wörterbuch der Littauischen Sprache. Königsberg, 1851) zählte, als lexikalisch dürftig. Ähnlich beurteilte es auch Kazimieras Būga, der in Königsberg ein Praktikum absolviert hatte: Es sei ein „armseliges Wörterbüchlein von geringem Wert“, schrieb er in der Vorrede zum ersten Heft des Lietuvių kalbos žodyno (Wörterbuch der litauischen Sprache) im Jahr 1924.
Damit die Leser besser verstehen, warum eine solche Quelle erforscht und neu herausgegeben wird, sollte kurz daran erinnert werden, welche historischen und kulturellen Bedingungen im Königreich Preußen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zur Entstehung litauischer Wörterbücher und Grammatiken führten.
Die Opfer der großen Pest und Hungersnot, die hier von 1709 bis 1711 wüteten, waren vor allem die litauischen Amtsbezirke; etwa ein Drittel ihrer Einwohner starb, und mehr als 20 Kirchen verloren ihre Prediger. Um die Wirtschaftskraft des Landes wiederherzustellen, setzte sich König Friedrich Wilhelm I. für den Ausbau der Ausbildung qualifizierter Fachkräfte ein. Auf königlichen Befehl wurde 1718 in Königsberg ein Litauisches Seminar gegründet, das der Ausbildung evangelisch-lutherischer Geistlicher für litauische Gemeinden und der Herausgabe religiöser Schriften in litauischer Sprache diente.
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Ein ähnliches Litauisch-Seminar (Littauisches Seminar, Seminarium Lithuanicum), das pietistisch geprägte evangelisch-lutherische Prediger und Lehrer ausbilden sollte, nahm 1727 an der Universität Halle den Betrieb auf. Bis 1740 studierten dort etwa 40 künftige Pfarrer Kleinlitauens. Ein Teil von ihnen stammte aus einem litauischsprachigen Umfeld, das heißt aus Kleinlitauen; einige hatten Litauisch bereits an der Universität Königsberg gelernt. Auch am Halleschen Litauisch-Seminar wurde Litauisch zu praktischen Zwecken unterrichtet und gelernt. Erfolgreiches Lernen erforderte Lehrkräfte für Litauisch sowie Grammatiken und Wörterbücher. Litauisch konnte anhand einer der drei litauischen Grammatiken gelernt werden (Daniel Klein, Grammatica Lithuanica, 1653; Compendium Lithuanico-Germanicum, 1654; und Sapūnas-Schulz, Compendium grammaticæ lithvanicæ, 1673). Bis dahin gab es jedoch kein gedrucktes litauisches Wörterbuch, das sich für deutschsprachige Lernende eignete. Daher sandte die Universität Königsberg ein handschriftliches deutsch-litauisches Wörterbuch unbekannter Autorschaft nach Halle; eine Abschrift davon wird heute in der Handschriftenabteilung der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen (Franckesche Stiftungen) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg aufbewahrt. Die Abschrift des Wörterbuchs wurde am 18. Juni 1728 abgeschlossen und dem Seminarlehrer Johann Richter zugeschrieben. Dieses Wörterbuch genügte offenbar jedoch nicht den Bedürfnissen des Litauischunterrichts am Seminar. Nachdem man den Bedarf an einem geeigneteren Wörterbuch erkannt hatte, wurde recht bald das Vocabularium... (Halle, 1730) von Frydrichas Vilhelmas Hakas, Dozent am Litauisch-Seminar, zusammengestellt und veröffentlicht.
Im Vorwort des Wörterbuchs zog Gotthilfas Augustas Francke, der Leiter der Halleschen Pietisten, Bilanz über die drei erfolgreichen Jahre des Litauisch-Seminars: 10 Personen arbeiteten bereits als Prediger in litauischen Gemeinden, weitere 13 Hörer studierten noch. Zugleich erläuterte er die Bedeutung des Werkes und die Quellen des Wörterbuchs und lobte öffentlich den Beitrag des Dozenten Hakas.
Obwohl das Wörterbuch mit seiner Grammatik das Lernen des Litauischen erleichterte, gewährleistete es keine weitere Entwicklung des Seminars: Die Diaspora seiner Hörer ließ sich nur schwer erweitern, und die tatkräftigsten Personen sahen im Seminar keine weiteren Karrieremöglichkeiten. Richter kehrte im Sommer 1728 nach Kleinlitauen zurück. Ähnlich entschied sich F. W. Hakas, der dazu bestimmt worden war, die Salzburger Kolonisten nach Kleinlitauen zu begleiten, 1732 für eine litauische Gemeinde, wurde zum Priester geweiht und kehrte trotz Franckes Bedauerns darüber, dass er dadurch einen Lehrer am Litauisch-Seminar verlor, nicht nach Halle zurück.
Die besprochene Ausgabe besteht aus zwei Bänden. Band I beginnt mit den für eine kritische Ausgabe notwendigen Bestandteilen: dem Vorwort (S. 6–7), den Editionsprinzipien (S. 8–9), gefolgt von den lateinischen Abkürzungen des Wörterbuchs (S. 10–11), den lateinischen Abkürzungen der Grammatik (S. 13) und dem Inhalt der Grammatik mit Verweisen auf die Seiten des grammatischen Originals (S. 14–15). Den Hauptteil des Bandes bilden die Faksimiles des Vocabularium... (verwendet wurde das Exemplar der Bibliothek der Universität Vilnius mit handschriftlich eingetragenen diakritischen Zeichen) und die buchstabengetreuen Transkriptionen. Vilma Zubaitienė erarbeitete die Transkription des Wörterbuchs samt textologischen und kritischen Kommentaren (S. 17–487) sowie die Transkription der Grammatik mit Sachkommentaren (S. 489–789). Das Vorwort des Wörterbuchs wurde von Liucija Citavičiūtė aus dem Deutschen übersetzt, die Grammatik (S. 701–789) von
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Acta Linguistica Lithuanica LXX
Frydri̇chas Vilhelmas Hakas
Vocabularium Litthvanico-Germanicum, et Germanico-Litthvanicum…
Nebst einem Anhang einer kurtzgefaßten Litthauischen Grammatic (1730)
Lina Plaušinait y tė. Die Ausgabe bietet somit eine Wahlmöglichkeit: Man kann den in Fraktur reproduzierten Originaltext des Wörterbuchs oder dessen buchstabengetreue Transkription lesen; die Übersetzung der Grammatik dürfte manchen leichter zugänglich sein.
Der zweite Band der Ausgabe (II. Studija, indeksai, rodyklės) ist der Untersuchung und wissenschaftlichen Beschreibung des Wörterbuchs und der Grammatik gewidmet. Er besteht aus V. Zubaitienės Studie „Das Wörterbuch und die Grammatik von Frydrichas Vilhelmas Hakas: historische Entstehungsumstände, Struktur und Verhältnis zu den Quellen“ (S. 7–123) sowie Indizes, von denen drei dem litauischen Wortschatz des Wörterbuchs gewidmet sind (der erste enthält die Appellativa des Wörterbuchs (S. 141–262), der zweite die Eigennamen des Neuen Testaments, bezeichnet als Ortsnamen und Var da žodžiai (S. 263–265), der dritte die Wortverbindungen des Wörterbuchs (S. 266–274)). Zwei weitere Indizes gelten Hakas Grammatik: ein Index der Appellativa (S. 278–311) und ein Index der Eigennamen (S. 312). Darauf folgen ein Sachregister zur Grammatik (S. 313–317) sowie zwei zweisprachige Glossare grammatischer Termini (Lateinisch–Litauisch, S. 318–322, und Litauisch–Lateinisch, S. 323–327). All dies soll den Lesern helfen: Sie erhalten gleichsam Gebrauchsanleitungen.
Der zweite Band der Ausgabe (und der zweibändigen Ausgabe insgesamt) endet mit einer recht knappen Zusammenfassung (Zusammenfassung, S. 328–329) und zwei Registern (Personenregister, S. 330–333, und Ortsregister, S. 334–335). Wissenschaftlicher Herausgeber der gesamten Ausgabe ist Bonifacas Stun džia. Die Autorin zieht die abschließenden Schlussfolgerungen ihrer Untersuchung (II, S. 122–123): Hakas Vocabularium… sei das erste in Ostpreußen gedruckte zweisprachige Wörterbuch (das Wörterbuch besteht also aus zwei Teilen; der litauisch-deutsche Teil umfasst 4886 litauische Wörter, der deutsch-litauische Teil 500 Wörter weniger). Es sei das erste Wörterbuch mit einem litauischen Lemmaregister und deutschen Entsprechungen, wobei sich der Wortschatz der beiden Teile geringfügig unterscheide. Hinsichtlich seiner Makrostruktur handle es sich um ein Wörterbuch der religiösen Lexik, das auf dem Wortschatz des Neuen Testaments (1727) und des Psalters (1728) beruhe und den Lehrzwecken des Halleschen Litauisch-Seminars diene. In lexikografischer Hinsicht würden grammatische, phonetische und semantische Angaben zu den Wörtern systematisch und konsequent präsentiert. Zur Bedeutung von Hakas Wörterbuch für die spätere Lexikografie Kleinlitauens, auf die bereits in den eingangs erwähnten Bewertungen des Wörterbuchs verwiesen wurde, ist festzuhalten, dass 70% der Wörter in Pilypas Ruigys Lietuvių–vokiečių ir vokiečių–lietuvių žodyne (Königsberg, 1747) aus Hakas Wörterbuch übernommen wurden. Obwohl Hakas Grammatik als Zusammenfassung der Grammatiken Kleins gelten kann, enthält sie auch Neuerungen, die die Besonderheiten des grammatischen Systems angemessener wiedergeben.
In der umfangreichen und recht komplexen Ausgabe ließen sich „Begleiterscheinungen“ – editorische Lücken und Druckfehler – nicht vermeiden. So bleibt etwa das genaue Druckdatum des Wörterbuchs unklar: Wie konnte der König Francke am 31. März 1730 für das zugesandte Wörterbuch danken, wenn Francke dessen Vorwort mit den 17. Nov. 1730 datierte (II, S. 30)? Der Titel der Zeitung Neue Zeitungen… wird uneinheitlich zitiert (II, S. 27 und 28). Als Druckfehler seien genannt: S. 58, 59 – adverbum; S. 60 – zwischen praep. und praepoff. fehlt ein Komma; S. 97 – Gramatica; S. 102, 103 – ablatyvas ir abliatyvas; S. 107 –
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vacabula; vgl. ferner S. 57 die Abkürzungen active, passive, die andernorts (S. 86) als „lateinische Wörtchen“ bezeichnet werden; auf S. 78 gilt das lateinische Wort copuliren als solches; vgl. ferner S. 54 – mit drei Endungen; S. 107 – prusas und Prusija; S. 60 – Junktoren, S. 118 – Junktors; S. 101 – empfohlen; S. 318 – Paradigmen. Natürlich können diese Kleinigkeiten den wissenschaftlichen Wert der Publikation nicht mindern.
Der Verfasser dieser Rezension hat sich bereits mit der Geschichte des litauischen Sprachseminars in Halle sowie mit Haks Wörterbuch und Grammatik befasst. Zusammenfassend lässt sich daher sagen, dass V. Zubaitienė, die spiritus movens der Publikation und als Forscherin der Wörterbücher Kleinlitauens bekannt (vgl. ihre Monografie Pilypo Ruigio Littauisch-deutsches und deutsch-littauisches lexicon (1747): šaltiniai ir leksikografinis metodas. Vilnius: Vilniaus universiteto leidykla, 2010), nun unterstützt von Fachleuten für alte Schriftzeugnisse, eine für die litauische Kultur bedeutsame Edition eines alten Textes vorgelegt hat – eine Quelle des zweisprachigen lexikografischen Erbes Kleinlitauens. Diese Publikation ist ein Beispiel gemeinschaftlicher Arbeit im Dienste der Geschichte der litauischen Lexikografie; sie beleuchtet den Inhalt und die Quellen von Haks Wörterbuch und Grammatik sowie deren Bedeutung für spätere Arbeiten anderer so umfassend wie bisher wohl noch nie. Die Studie erweitert wesentlich unsere Kenntnisse über das litauische Sprachseminar in Halle als Zentrum der Litauistik in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Eingereicht am 21. Mai 2014.
V I N C E N T A S D R O T V I N A S
Litauische Universität für Bildungswissenschaften
Taraso-Ševčenkos-Straße 31, LT-03111 Vilnius, Litauen
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