Elbe – zu den Quellen eines Hydronyms
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125straipsniai / articles schLÜsseLWÖrter: hydronym, historische Phonologie, historische Morphologie, Wortbildung, etymologie, semantische typologie, slawische hydronymie, germanische hydronymie, keltische hydronymie, alteuropäische hydronymie, caland-Wackernagel’sches suffixsystem. keyWords: hydronym, historical phonetics, historical morphology, word formation, etymology, semantic typology, slavic hydronymy, germanic hydronymy, celtic hydronymy, old european hydronymy, suffix system of caland and Wackernagel. haraLd bichLMeier sächsische akademie der Wissenschaften Martin-Luther-universität halle-Wittenberg Wissenschaftliche forschungsrichtungen: alteuropäische hydronymie, indogermanische, keltische, germanische etymologie, historische Phonologie und Morphonologie, Mykenisch, altindoiranische syntax. VácLaV bLaŽek Masaryk university Wissenschaftliche forschungsrichtungen: alteuropäische hydronymie; indogermanische, keltische, baltische, slawische und tocharische etymologie; historische Phonologie & stammbildung, semantische typologie. eLbe – zu den QueLLen eines hydronyMs* elbė: apie vieno hidronimo ištakas annotation der artikel beleuchtet das hydronym Albis/Elbe/Labe aus verschiedenen blickwinkeln: aus dem der geographie, aus dem der historischen beleglage und aus dem der diachronischen Phonologie und Morphologie, besonders der Wortbildung. die etymologischen Vorschläge, die im kontext der germanischen, der keltischen sowie der so genannten ‘alteuropäischen hydronymie’ geboten wurden, werden im hinblick auf ihre semantische Motivation im Lichte der semantischen typologie von gewässernamen bewertet. * die Verfasser danken den beiden anonymen rezensenten des beitrags für diverse nützliche hinweise bezüglich des inhalts wie auch bezüglich übersehener Literatur.
126 haraLd bichLMeier, VácLaV bLaŽek acta Linguistica Lithuanica LXXI annotation in the article the hydronym Albis/Elbe/Labe is studied from various points of view: geography, historical documentation, diachronic phonetics and morphology, especially word fomation. the etymological attempts in the context of germanic, celtic and so-called ‘old european’ hydronymies are evaluated with respect to their semantic motivation in the light of semantic typology. 1. geografische angaben die elbe entspringt im riesengebirge/krkonoše auf der sog. Labská louka (wörtlich „elbwiese“) in einer seehöhe von 1.386 bzw. 1.387 m, etwa einen kilometer südwestlich des berges Violík. sie mündet in die nordsee zwischen den städten cuxhaven und friedrichskoog in einem etwa 100 km langen und 2,5 bis 15 km breiten Mündungstrichter. sie entwässert ein gebiet von 144.055 bzw. 148.286 km², ihre Länge beträgt 1.096 km (nach anderen angaben 1.154 oder 1.165 km [abhängig davon, wo die eigentliche Mündung lokalisiert wird]). der Verband von elbe und Moldau mit der Quelle im böhmerwald1 ist sogar 1.245 bzw. 1.329 km lang, denn die Moldau allein hat schon eine Länge von 430 bzw. 433 bzw. 440 km, während die elbe bis zum zusammenfluss mit der Moldau nur 255 km misst. 2. Moderne benennungen der eLbe die bezeichnungen in den modernen sprachen lauten: nhd., ndl., engl., schwed., finn. Elbe, dän. Elben (einschl. des postponierten artikels), ndd. Elv, katal., span., port., ital., rumän., ungar. Elba, russ. El’ba, obsorb. Łobjo, ndsorb. Łobje, poln. Łaba. 3. historische dokuMentation des hydronyMs das hydronym ist ab dem 1. jh. n. chr. bezeugt (nachfolgend belege in auswahl)2: 1 ins bayerisch-böhmische grenzgebiet verortet die Quelle der elbe tacitus am ende des 1. jh.s n. chr. (vgl. anm. 7). erst dio cassius, vor dem jahr 229 n. chr. Proconsul in Pannonien, lokalisierte die Quelle der elbe im Vandalengebirge, d.h. im riesengebirge (vgl. anm. 9). 2 Vgl. etwa schon Pape/benseler 1863–1870: i, 53; udolph 1990b: 89–98.
elbe – zu den Quellen eines hydronyms 127straipsniai / articles 18 n. chr. Ἄλβις3 [strabo Vii, 292]; 30 n. chr. Albis4 [Velleius Paterculus ii, 106.2]; 44 n. chr. Albis5 [Mela iii, 30–31]; 61–65 n. chr. Albis6 [Lucanus, Pharsalia ii, 52]; 77 n. chr. Albis7 [Plinius iV, 100]; 3 Διέχει δὲ τοῦ Ἄλβιος ὁ Ῥῆνος περὶ τρισχιλίους σταδίους, εἴ τις εὐθυ πορούσας εἶχε (v.l. ἔχει) τὰς ὁδούς· νυνὶ δὲ διὰ σκολιᾶς καὶ ἑλώδους καὶ δρυμῶν κυκλοπορεῖν ἀνάγκη. „Von der elbe ist der rhein rund dreitausend stadien entfernt, vorausgesetzt, man hätte gerade straßen zur Verfügung; in Wirklichkeit muss man durch das krause, sumpfige und waldige Land viele umwege machen müssen.“ (radt 2003: 240f.). 4 Fracti Langobardi, gens etiam Germana feritate ferocior; denique quod numquam antea spe conceptum, nedum opere temptatum erat, ad quadringentesimum miliarium a Rheno usque ad flumen Albim, qui Semnonum Hermundurorumque fines praeterfluit, Romanus cum signis perductus exercitus. Et eadem mira felicitate et cura ducis, temporum quoque observantia, classis, quae Oceani circumnavigaverat sinus, ab inaudito atque incognito ante mari flumine Albi subvecta, cum plurimarum gentium victoria parta cum abundantissima rerum omnium copia exercitui Caesarique se iunxit. <http://penelope.uchicago.edu/thayer/L/ roman/texts/Velleius_Paterculus/2d*.html> „die Langobarden waren zerschlagen, ein stamm, der noch wilder war als die wilden germanen; und schließlich geschah, woran niemand jemals zuvor gedacht hätte, noch dass irgendjemand es zuvor versucht hätte, dass ein römisches heer mit feldzeichen bis zum 40. Meilenstein vom rhein zum elbstrom geführt wurde, der die territorien der semnonen und der hermunduren durchfließt. und aufgrund desselben wundersamen glücks und der sorgfalt des anführers und auch aufgrund der (sorgsamen) beachtung der (jahres-)zeiten vereinigte sich eine flotte, die die buchten des ozeans durchschifft hatte und über ein völlig unbekanntes Meer kommend den elbstrom hinabgefahren war, nachdem es den sieg über eine reihe von Völkerschaften errungen hatte und mit einer unermesslichen Menge an allen gütern, mit dem heer caesars.“ 5 Montium altissimi Taunus et Retico, nisi quorum nomina vix est eloqui ore Romano. Amnium in alias gentes exeuntium Danuvius et Rhodanus, in Rhenum Moenis et Lupia, in oceanum Amissis, Visurgis et Albis clarissimi. Super Albim Codanus ingens sinus magnis parvisque insulis refertus est. [ http://www. thelatinlibrary.com/pomponius3.html] „Von den bergen sind die höchsten taunus und retico, wenn man einmal die weglässt, die ein römischer Mund kaum aussprechen kann. Von den flüssen, die zu anderen Völkern fließen, sind donau und rhône am berühmtesten, von denen, die in den rhein fließen, Main und Lippe, von denen, die in den ozean fließen, ems, Weser und elbe. jenseits/nördlich der elbe, so wird berichtet, soll es eine gewaltige bucht (namens) codanus mit großen und kleinen inseln geben.“ 6 Fundat ab extremo flavos Aquilone Suevos Albis , et indomitum Rheni caput . „die elbe fließt vom äußersten norden zu den blonden sueven, und unbezwingar ist das haupt /der oberlauf des rheins.“ 7 Amnes clari in oceanum defluunt Guthalus, Visculus sive Vistla, Albis, Visurgis, Amisis, Rhenus, Mosa. „die folgenden berühmten flüsse münden in den ozean: guthalus (heute der Pregel oder vielleicht die oder), Visculus oder Vistla (Weichsel), albis (elbe), Visurgis (Weser), amisis (ems), rhenus (rhein), Mosa (Meuse).“ – aus der reihenfolge der flüsse geht hervor, dass Plinius den fluss Guthalus östlich der Weichsel lokalisierte; es könnte sich also um den Pregel handeln, vielleicht um die Memel / den nemunas. nach solin [20] floss der fluss Guthalus westlich der Weichsel/Wisła, also handelt es sich vielleicht am ehesten um die oder. P. j. Šafárik (1862: 539f., anm. 41) äußert den attraktiven gedanken, dass dieses hydronym dem skandinavischen hydronym Göta-Älv = Gothelba bei adam von bremen entspreche. dann wäre die ausgangsgform ein lateinisches Maskulinum*Gutalbus, d.h. ‘gotischer albus’.
128 haraLd bichLMeier, VácLaV bLaŽek acta Linguistica Lithuanica LXXI 98 n. chr. Albis8 [tacitus, Germania 41; ann. i,59 u.ö.]; ca. 150 n. chr. Ἄλβις9 [Ptolemaios ii, 11, 1–2]; ca. 200 n. chr. τοῦ Ἀλβίου10 [cassius dio LV 1,2]; ca. 200 n. chr. τὸν Ἀλβίαν [cassius dio LV 10a,2]; ca. 200 n. chr. τοῦ Ἄλβιδος [cassius dio LV 1,28]; ca. 300 Alba [Mamertin. senet. Maximiani 10,4]; ca. 300 ad Germanicum Albam (v.l. album) [Paneg. constantino aug. 21,5];11 8 In Hermunduris Albis oritur, flumen inclutum et notum olim, nunc tamen auditur „im Land der hermunduren entspringt die elbe, ein berühmter und einst bekannter fluss, nun hört man selten von ihm“ [Germania 41]. 9 1. Τῆς Γερμανίας τὴν μὲν δυσμικὴν πλευρὰν ἀφορίζει ὁ Ῥῆνος ποταμὸς, τὴν δὲ ἀρκτικὴν ὁ Γερμανικὸς Ὠκεανός, ἧς ἡ περιγραφὴ ἔχει οὕτως. Μετὰ τὰς τοῦ Ῥήνου (ποταμοῦ) ἐκβολάς , … Οὐίδρου ποταμοῦ ἐκβολαί κη° L´ (κζ° L´) νδ° γ´ Μαναρμανὶς (Μαραρμανὶς) λιμήν κη° νδ° Lδ´ (δ´) Ἀμισίου ποταμοῦ ἐκβολαὶ κθ° νε° αἰ πηγαὶ τοῦ ποταμοῦ λβ° νβ° Οὐισούργιος (Οὐισουργ ὸ ς) ποταμοῦ ἐκβολαί λα° νε° δ´ (νε°) αἰ πηγαὶ τοῦ ποταμοῦ λδ° νβ° L´ Ἄλβιος (Λάβιος) ποταμοῦ ἐκβολαί λα° νϛ° δ´ αἰ πηγαὶ τοῦ ποταμοῦ λθ° ν° 2. Κιμβρικῆς Χερσονήσου ἡ μετὰ τὸν Ἄλβιν ἐξοχή λβ° νϛ° Lγ´ „1. die westliche seite germaniens begrenzt der rhein, die nördliche seite aber der germanische ozean / die nordund ostsee, sie hat folgende beschreibung: nach der [östlichen] rheinmündung; … Vidrus-Mündung 28° 30´ (27° 30´) 54° 20´ Manarmanis-(Mararmanis-)hafen 28° 54° 45´(15´) amisia-/ems-Mündung 29° 55° Quellen des flusses 32° 52° Visurgis-/Weser-Mündung 31° 55° 15´ (55°) Quellen des flusses 34° 52° 30´ albis-/elbe-Mündung 31° 56° 15´ Quellen des flusses 39° 50° 2. auf der kimbrischen halbinsel/dänemark: Landspitze nördlich der elbe 32° 56° 50´“ (stückelberger/graßhoff 2006: 220–223). 10 κἀν τεῦθεν πρός τε τὴν Χερουσκίδα μετέστη, καὶ τὸν Οὐίσουργον διαβὰς ἤλασε μέχριτοῦ Ἀλβίου, πάντα πορθῶν. ἐκεῖνον γάρ ῥεῖ δὲ ἐκ τῶν Οὐανδαλικῶν ὀρῶν, καὶ ἐς τὸν ὠκεανὸν τὸν προσάρκτιον πολλῷ μεγέθει. ἐπεχείρησε μὲν περαιωθῆναι, οὐκ ἠδυνήθη δέ, ἀλλὰ τρόπαια στήσας ἀνεχώρησε „Von dort zog er [drusus] weiter zum Land der cherusker, überschritt die Weser und drang bis zur elbe vor, wobei er unterwegs alles zerstörte. jene [die elbe] entspringt in den Vandalenbergen und mündet als mächtiger strom in den nördlichen ozean. er unternahm es, diesen fluss zu überqueren, aber als dies nicht gelang, stellte er tropaia auf und zog sich zurück.“ <http://zocher-regel.gmxhome.de/arbalo schlacht/cassiusdiodrusustod.html> 11 Vgl. zum zitat udolph (1990b: 90), der dies als „rasch 5“ zitiert, wobei wiederum „rasch“ im Literaturverzeichnis nicht auftaucht. gemeint ist wohl die dissertation gerhard raschs, in deren gedruckter Version (rasch 2005[1950]) befindet sich die aufstellung auf s. 12.
elbe – zu den Quellen eines hydronyms 129straipsniai / articles 5. jh. Alba [solin XX 2]; ca. 700 Albis [geograph von ravenna iV, 18]; 786 ab Albia fluvio [hamburgisches urkundenbuch i 3]; 805 Albia [chronicon Moissiacense; MMfh i: 58]; 9. jh. Ælfe muþa [orosius] u.a.;12 um das jahr 1120 benutzte der chronist kosmas von Prag nebeneinander die latinisierten formen Alb, Albe, Albye, auch Albia, und die einheimische form Labe, die mit der form Albea abwechselte;13 die mittelhochdeutsche form des hydronyms war bereits Elbe; aus den altenglischen dokumenten sind die formen Ielf, Ælf14 bezeugt. 4. etyMoLogie die bisherigen Überlegungen über den ursprung des hydronyms lassen sich nach der sprachlichen bestimmung der mutmaßlichen Quelle in drei gruppen zusammenfassen: 4.1. germanisch holder (1896: 85) und schwarz (1931: 28; 1961: 48) ordneten den namen der elbe unter den hydronymen germanischen ursprungs ein. dies geschah im hinblick auf aisl. elfr, nisl. elfur, fär. elvur/elfa, norw. elv > dän. elv, schwed. älv ‘fluss’, schwed. dial. älv ‘vertieftes flussbett’, älve ‘steiles flussufer’, mnd. elve ‘flussbett’.15 aber schon in den scholien zum Werk adams von bremen aus dem 11. jh. (iV, 21; vgl. udolph 1994: 857–859) taucht eine rationale erklärung auf, die von einem Wandel des Propriums in ein appellativum ausgeht: Gothelba [heute Göta-Älv] fluvius a Nordmannis Gothiam separat, magnitudine non impar est Albiae Saxonum, unde ille nomen sortitur „der fluss gothelba trennt die gothia von den nordmännern. ihrer größe nach ist sie der elbe der sachsen nicht unähnlich, von der auch jener name stammt.“ eine ähnliche entwicklung hat auch das hydronym Wisła durchgemacht, das sich in südpoln. dial. wisła ‘Überschwemmung, (frühlings-)hochwasser’, kaschub. 12 Vgl. ausführlicher dazu udolph 1990b: 89f. 13 Vgl. bretholz 1923: 6, 39, 49, 56, 93, 206, 218. 14 Vgl. de Vries 1962: 100. 15 Vgl. de Vries 1962: 100; Magnússon 1995: 151; bjorvand/Lindeman 2007: 223; kroonen 2013: 20: *albīf.
130 haraLd bichLMeier, VácLaV bLaŽek acta Linguistica Lithuanica LXXI vjislo ‘flusslauf, bach’16 wandelte, oder das hydronym Dunaj (‘donau’), das zu ukrain. dunáj ‘Überschwemmung, große Menge an Wasser’, russ. dial. ‘bachlauf, der aus der erde herauskommt’ wurde.17 etwas ähnliches ist etwa auch aus der transformation des namens karls d. gr. in das gemeinslawische appellativum *karlь ‘könig’ bekannt.18 als ein indirektes argument gegen den germanischen ursprung führt j. udolph (1994: 857) die Überlegung an, dass es schon verwunderlich wäre, wenn ein derart großer und bedeutender fluss einen jüngeren namen trüge als seine zuflüsse, für die regelmäßig ein vorgermanischer ursprung angenommen wird, wie etwa im falle der namen von iser/jizera und eger/ohře in böhmen oder von saale, ilm, seeve, bille, oste und anderen in deutschland. 4.2. keltisch in der tschechischen historischen und archäologischen Literatur findet sich immer wieder die behauptung, dass vorgermanische hydronyme wie Elbe/Labe, Eger/Ohře, Iser/Jizera19 etc. keltischen ursprungs seien.20 aber keiner dieser namen trägt züge, die ausschließlich für die keltischen sprachen charakteristisch wären. Ähnliche flussnamen tauchen nicht nur in vormals keltisch besiedelten gebieten auf, wie z.b. Alba (ein küstennaher bach in spanien [Plinius 3, 22]); Aube (zufluss der seine: 877 Alba, beim geographen von ravenna Albis); Aubetin (zufluss grand-Morin: 632 Alba); Albe (zufluss der saar: 1200 Alba); Alb (zufluss des rheins bei karlsruhe: 890 Alpa-gowe) etc.;21 möglicherweise auch der ostslowakische flussname Laborec (zufluss der Latorice: 1150 Loborcy, 1254 Laborch)22; aber auch weit jenseits der grenzen jenes siedelgebiets, z.b. gr. Ἀλφειός (flüsse in arkadien, der elis und in bithynien); 16 Vgl. udolph 1990a: 309. 17 Vgl. ėssja V, 156f. 18 Vgl. berneker 1924: 572f.; esjs 357. 19 Vgl. zu diesem flussnamen bichlmeier 2013: 425. 20 Vgl. z.b. dobiáš 1964: 31; drda/rybová 1998: 11. 21 Vgl. krahe 1964: 52f. 22 Vgl. Lutterer/Majtán/Šrámek 1982: 170.
elbe – zu den Quellen eines hydronyms 131straipsniai / articles Albula (ein anderer name des tiber und ein fluss bei tibur – beide in Latium); Göta-Älv, Klar-Älv, Ljusne-Älv, Vindel-Älv u.a. flüsse in skandinavien. die bedeutung ‘weiß(er fluss)’, die dem hydronym Albis zugesprochen wird, hat ebenfalls keine direkte stütze in den keltischen sprachen. Man kann lediglich ableitungen finden, die von der primären bedeutung ‘weiß’ oder ‘hell’ ausgehen. diese haben die zunächst nichtschriftsprachlichen romanischen dialekte bzw. spachen aus gallischen dialekten übernommen: *albēna > schweiz.-frz. orbeina, Val soana (Piemont) albena, rätorom. obwald. amblana u.a. ‘schneehuhn’,23 *albūka > okzit. (dauphiné) obüzo ‘weiße Waldrebe’ / ‘Clematis vitalba’,24 neben *albūka > okzit. (Morvand) obü, (rouergue) aubügo ‘weiße, mergelhaltige erde’.25 Mit dem namen Albion bezeichneten die antiken autoren britannien, z.b. in den 70er jahren des 1. jh.s. n. chr. Plinius [4, 102]: Albion ipsi [Britanniae insulae] nomen fuit, cum Britanniae vocarentur omnes, de quibus mox paulo dicemus. „früher hieß sie [die insel britannien] albion, während nun alle [inseln], über die wir gleich noch ein wenig sprechen wollen, britannien genannt werden.“ desselben ursprungs ist die altirische bezeichnung britanniens und später auch schottlands, Albu. beide toponyme, Albion und air. Albu, lassen sich von einer keltischen Vorform *albiōnherleiten, aus der auch kymr. elfydd ‘Welt’ stammt.26 und offensichtlich gehört hierher auch das kompositionsvorderglied gallischer Personennamen des typs Albio-rix ‘Welt-könig’ (vom gallischen gott, der dem römischen Mars entspricht; vgl. ciL Xii, 1300). einen zusammenhang mit ‘weiß, hell’, den lat. albus unmittelbar transportiert, sieht z.b. holder (1896: 83f.) in den charakteristischen kreidefelsen am südufer der britischen hauptinsel.27 die kymrische und offenbar auch gallische bezeichnung für ‘Welt’ hat ein analogon in gemeinslaw. *světъ ‘hell, Welt’.28 23 Vgl. reW nr. 319b. 24 Vgl. reW nr. 324a. 25 Vgl. reW nr. 325. 26 Vgl. Meid 1990; edPc 29. 27 stüber 1998: 101f. trennt indes (im gefolge von hamp 1989: 109f.) urkelt. *albiōn- ‘Welt’ von lat. albus etc., gibt aber (ebensowenig wie hamp) eine etymologie im eigentlichen sinne bzw. eine für die dem keltischen Lexem zugrundeliegende Wurzel anzusetzende grundbedeutung an. die ebenda erwogene vorbzw. nichtindogermanische herleitung des Worts erscheint etwas an den haaren herbeigezogen. 28 Vgl. ieW 30; esjs 908–910.
132 haraLd bichLMeier, VácLaV bLaŽek acta Linguistica Lithuanica LXXI 4.3. alteuropäisch auf grundlage des mehr oder weniger allgemeinen auftretens von hydronymen einer bestimmten struktur, die besonders auf dem europäischen kontinent verbreitet sind, wurde die hypothese der sog. ‘alteuropäischen hydronymie’ formuliert. ihr begründer, hans krahe, und seine nachfolger, Wolfgang P. schmid, jürgen udolph u.a., gehen davon aus, dass es sich um ein erbe der ersten Migrationswelle handelt, die die indogermanische(n) sprache(n) nach europa gebracht hat. es handelte sich dabei aber nicht mehr um die nicht differenzierte ursprache, aber doch irgendwie um ihren hauptstrom, der nach der abspaltung des anatolischen, tocharischen, indoiranischen, armenischen und griechischen zweigs übrig geblieben war. die derivationssuffixe, mit denen die hydronymischen Wortbasen erweitert werden, sind klar indogermanisch, wie auch die hydronymische Wurzel späturidg. *albh- < uridg. *h2el-bh-, auf der der name der elbe/Labe ebenso beruht wie zahlreiche weitere europäische hydronyme:29 -ā -ī/-ā -nā -rā -lā -(V)nt()ā Albae (1. jh.) [Plin. 3, 22] Albis (1. jh.) > ElbeD&Laběcz Albina (777) > Alma Alvrach Albula = TiberI [Verg. Aen. 8,332] Albenta (16. jh.) > EbentasLt Alba (632) > Aubetinf Elbern Albula [Plin. 3,110] > Fiume dell’AlberoI Labenza (864) > Lafnitza Alba (817) > AlfDAlbueraeAlfenza Alba (877) > AubefAubancef Alba (986) > AlbDUlvundano Alba (1095) > Alpch abkÜrzungen: a Österreich; ch schweiz; cz tschechische republik; d deutschland; e spanien; f frankreich; i italien; Lt Litauen; no norwegen. im allgemeinen geht es hierbei um ableitungssuffixe, die in der Mehrzahl der indogermanischen sprachzweige produktiv waren und für die grundsprache zu rekonstruieren sind. es bleibt nun noch, den ursprung und die bedeutung der hydronymischen basis späturidg. *albhzu bestimmen. 29 Vgl. krahe 1953: 40–42; krahe 1964: 52f., 76, 101f.; tab. 1 zwischen s. 63 und 64.
elbe – zu den Quellen eines hydronyms 133straipsniai / articles 4.3.1. krahe (1964: 52f.) meinte, dass es um die bezeichnung der ‘weißen’ oder ‘hellen’ farbe des Wassers eines bestimmten flusses oder einer bestimmten Landschaft(sformation), durch die ein gewässer fließt, gehe. er stütze sich dabei auf daten besonders des italischen zweigs der indogermanischen sprachfamilie: lat. albus ‘weiß’ mit den ableitungen lat. alburnus ‘weißlich’, albarus ‘Weißpappel’,30 umbr. akk. Pl. n. alfu, abl. Pl. n. alfer ‘weiß’.31 die bedeutung ‘weiß’ bewahren auch die jüngeren griechischen glossen ἀλφούς · λευκούς32 und ἀλωφούς · λευκούς,33 die um 500 n. chr. der alexandrinische Lexikograph hesych bezeugt. Älter ist gr. ἀλφός ‘weißer ausschlag o.ä. bei Lepra’; dieses Wort kannte bereits hesiod ca. 700 v. chr.34 Wahrscheinlich verfügten verwandte formen in anderen indogermanischen sprachen bereits nicht mehr über die Möglichkeit des direkten rückgriffs auf das ursprüngliche appellativum: urgerm. *alƀ-it-/-ut- > anord. elptr und lpt, später auch álpt, nisl. álft, ae. (kent) ælbitu, (Wessex) ielfetu, später ylfet(t)e, ahd. elbiz, Var. albiz, alpiz, aluiz etc. ‘schwan’, aber nndl. alft, elft ‘alse (alosa alosa)’;35 gemeinslaw. *olb-ędь/-dь > bulg. lébed, mak. labed/lebed, serb.-kroat. lȁbūd, slowen. labód, slowak., tschech. labuť, poln. łabędź, kaschub. łabądz, wruss. lébedz’, ukrain. lébid’, russ. lébed’ ‘dss.’.36 die hypothethische Wurzel urgerm. *alƀmit der bedeutung ‘weiß, von heller farbe’ konnte auch die entstehung solcher Wörter wie nhd. dial. Alben ‘kalkhaltiger sand unter fruchtbarer erde’, schwed. dial. alf ‘dss.’ motivieren. Verwandt sind weiters wohl alb. elb ‘gerste’ (~ gr. ἄλφι ‘gerstenmehl oder -graupen’) und heth. alpa- ‘Wolke’ mit regulärem Verlust des Laryngals *h2im anlaut in der ablautvariante *h2olbho-.37 4.3.2. auch die ‘alteuropäische’ hypothese durchläuft eine entwicklung. die jüngere generation ihrer Vertreter mit W. P. schmid und jürgen udolph an der spitze bevorzugt eine ‚hydrologischere‘ etymologie des hydronyms Elbe/Albis/ Labe. es wird angenommen, dass hydronyme des typs *Alo, *Alb(h)o, *Ald(h)o, 30 Vgl. reW nrr. 318, 329a. 31 Vgl. untermann 2000: 79f.; edL 32. 32 Vgl. Latte 1953: 117. 33 Vgl. Latte 1953: 119. 34 Vgl. Lfgre i, 591. 35 Vgl. eWa ii, 1032–1036. 36 Vgl. Vasmer 1986–1987: ii, 470f.; ėssja Vi, 19; 32, 50f.; edPs 365. 37 Vgl. ieW 30f.; edhiL 169; edg 77f.; bichlmeier 2012: 388f.
140 haraLd bichLMeier, VácLaV bLaŽek acta Linguistica Lithuanica LXXI 7. zusaMMenfassung es ist offensichtlich, dass nicht nur aus lautlicher sicht, sondern auch aus sicht der semantischen typologie etymologien für den namen der elbe/Labe denkbar sind, die auf Lexemen für ‘weiß, hell’, ‘langsam’ oder ‘sich schlängeln’ u.ä. basieren. die einzige schwäche der letztgenannten besteht darin, dass im appellativischen Wortschatz der indogermanischen einzelsprachen keine erweiterung der Wurzelnuridg. *h1elh2und uridg. *h2elh2mit einem labialen element/suffix nachzuweisen ist. Vergleicht man diese etymologien, so geht aus dem Vergleich die auf ‘weiß’ basierende etymologie als die wahrscheinlichere hervor, ohne dass die anderen beiden aber wirklich ausgeschlossen werden könnten. die zu bevorzugende etymologie stützt sich auf den klar definierten Wurzelkomplex uridg. *h2el-bh-, zeigt wahrscheinlich einen hysterodynamischen (weniger wahrscheinlich einen proterodynamischen) ih2-stamm, der feminine substantive und adjektive bildet, und hat semantische Parallelen in zahlreichen ‘weißen’ flüssen sowie in der Verwendung von farbbezeichnungen allgemein bei der benennung von gewässern. LiteraturVerzeichnis adam brémský 2009: Činy biskupů hamburského kostela. Praha: argo. berneker erich 1924: Slavisches etymologisches Wörterbuch. Erster Band: A–L. 2. unveränd. aufl. heidelberg: Winter. bi chlmeier har ald 2012: anmerkungen zum terminologischen Problem der ‚alteuropäischen hydronymie’ samt indogermanistischen ergänzungen zum namen der elbe. – Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 47/4, 2012, 365–395. bi c hlmeie r haral d 2013: analyse und bewertung der sprachwissenschaftlichen standards aktueller forschungen traditioneller art zur ‚alteuropäischen hydronymie’ aus der Perspektive der heutigen indogermanistik. – Namenkundliche Informationen 101/102, 2013, 397–437. billy Pierre-henri 1993: Thesaurus Linguae Gallicae. hildesheim – zürich – new york: olms-Weidmann. bily inge 1996: Ortsnamenbuch des Mittelelbegebietes. (deutsch-slawische forschungen zur namenkunde und siedlungsgeschichte 38) berlin: akademieverlag. bjorvand harald / Lindeman frederik otto 2007: Våre arveord. Etymologisk ordbok. revidert ok utvidet utgave. oslo: novus forlag (instituttet for sammenlignende kulturskning). bl ažek Václav 2000: keltové – germáni – slované. Lingvistické svědectví o kontinuitě a diskontinuitě osídlení střední evropy. – Čeština: univerzália a specifika 2, ed. zdeňka hladká, Petr karlík. brno: Masarykova univerzita, 9–30.
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146 haraLd bichLMeier, VácLaV bLaŽek acta Linguistica Lithuanica LXXI elbė: apie vieno hidronimo ištakas santrauka straipsnio tikslas – apibendrinti svarbią istorinę informaciją, susijusią su hidronimu Albis / Elbe / Labe bei kitais hidronimais, padarytais su ta pačia šaknimi, aptarti žodžių darybos sunkumus ir galiausiai įvertinti įvairius etimologinius bandymus atsižvelgiant į semantinę tipologiją. du sprendimai atrodo priimtinesni nei kiti: „baltoji“ etimologija, kurią pasiūlė hansas krahe, ir „lėtai tekanti“ etimologija, kurią pirmas pasiūlė, bet plačiau nei ištyrė Volfgangas P. schmidas. Įteikta 2014 m. spalio 14 d. haraLd bichLMeier Sächsische Akademie der Wissenschaften Arbeitsstelle Jena: Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen Zwätzengasse 12, D-07743 Jena [email protected] Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Orientalisches Institut, Seminar für Indogermanistik und Allgemeine Sprachwissenschaft D-06099 Halle (Saale) [email protected] VÁCLAV BLAŽEK Ústav jazykovědy a baltistiky, Filozofická fakulta Masarykovy University A. Nováka 1, CZ-60200Brno [email protected]
