Elbe – zu den Quellen eines Hydronyms
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HARALD BICHlMEIER
Sächsische Akademie der Wissenschaften
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Wissenschaftliche Forschungsrichtungen: alteuropäische Hydronymie, indogermanische, keltische, germanische Etymologie, historische Phonologie und Morphonologie, Mykenisch, altindoiranische Syntax.
VÁCLAV BLAŽEK
Masaryk University
Wissenschaftliche Forschungsrichtungen: alteuropäische Hydronymie; indogermanische, keltische, baltische, slawische und tocharische Etymologie; historische Phonologie & Stammbildung, semantische Typologie.
ELBE – ZU DEN QUELLEN EINES HYDRONYMS*
Elbė: apie vieno hidronimo ištakas
A N N O T A T I O N
Der Artikel beleuchtet das Hydronym Albis/Elbe/Labe aus verschiedenen Blickwinkeln: aus dem der Geographie, aus dem der historischen Beleglage und aus dem der diachronischen Phonologie und Morphologie, besonders der Wortbildung. Die etymologischen Vorschläge, die im Kontext der germanischen, der keltischen sowie der so genannten ‘alteuropäischen Hydronymie’ geboten wurden, werden im Hinblick auf ihre semantische Motivation im Lichte der semantischen Typologie von Gewässernamen bewertet.
* Die Verfasser danken den beiden anonymen Rezensenten des Beitrags für diverse nützliche Hinweise bezüglich des Inhalts wie auch bezüglich übersehener Literatur.
S C H L Ü S S E L W Ö R T E R : Hydronym, historische Phonologie, historische Morphologie, Wortbildung, Etymologie, semantische Typologie, slawische Hydronymie, germanische Hydronymie, keltische Hydronymie, alteuropäische Hydronymie, Caland-Wackernagel’sches Suffixsystem.
K E Y W O R D S : Hydronym, historical phonetics, historical morphology, word formation, etymology, semantic typology, Slavic hydronymy, Germanic hydronymy, Celtic hydronymy, Old European hydronymy, suffix system of Caland and Wackernagel.
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HARALD BICHLMEIER, VÁCLAV BLAŽEK
ANNOTATION
In the article the hydronym Albis/Elbe/Labe is studied from various points of view: geography, historical documentation, diachronic phonetics and morphology, especially word formation. The etymological attempts in the context of Germanic, Celtic and so-called ‘Old European’ hydronymies are evaluated with respect to their semantic motivation in the light of semantic typology.
1. GEOGRAFISCHE ANGABEN
Die Elbe entspringt im Riesengebirge/Krkonoše auf der sog. Labská louka (wörtlich „Elbwiese“) in einer Seehöhe von 1.386 bzw. 1.387 m, etwa einen Kilometer südwestlich des Berges Violík. Sie mündet in die Nordsee zwischen den Städten Cuxhaven und Friedrichskoog in einem etwa 100 km langen und 2,5 bis 15 km breiten Mündungstrichter. Sie entwässert ein Gebiet von 144.055 bzw. 148.286 km2, ihre Länge beträgt 1.096 km (nach anderen Angaben 1.154 oder 1.165 km [abhängig davon, wo die eigentliche Mündung lokalisiert wird]). Der Verband von Elbe und Moldau mit der Quelle im Böhmerwald1 ist sogar 1.245 bzw. 1.329 km lang, denn die Moldau allein hat schon eine Länge von 430 bzw. 433 bzw. 440 km, während die Elbe bis zum Zusammenfluss mit der Moldau nur 255 km misst.
2. MODERNE BENENNUNGEN DER ELBE
Die Bezeichnungen in den modernen Sprachen lauten: nhd., ndl., engl., schwed., finn. Elbe, dän. Elben (einschl. des postponierten Artikels), ndd. Elv, katal., span., port., ital., rumän., ungar. Elba, russ. El’ba, obsorb. Łobio, ndsorb. Łobje, poln. Łaba.
3. HISTORISCHE DOKUMENTATION DES HYDRONYMS
Das Hydronym ist ab dem 1. Jh. n. Chr. bezeugt (nachfolgend Belege in Auswahl)2:
1 Ins bayerisch-böhmische Grenzgebiet verortet die Quelle der Elbe Tacitus am Ende des 1. Jh.s n. Chr. (vgl. Anm. 7). Erst Dio Cassius, vor dem Jahr 229 n. Chr. Proconsul in Pannonien, lokalisierte die Quelle der Elbe im Vandalengebirge, d.h. im Riesengebirge (vgl. Anm. 9).
2 Vgl. etwa schon Pape/Benseler 1863–1870: I, 53; Udolph 1990b: 89–98.
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18 n. Chr. Ἄλβις3 [Strabo VII, 292];
30 n. Chr. Albis4 [Velleius Paterculus II, 106.2];
44 n. Chr. Albis5 [Mela III, 30–31]; 61–65 n. Chr. Albis6 [Lucanus, Pharsalia II, 52];
77 n. Chr. Albis7 [Plinius IV, 100];
3 Διέχει δὲ τοῦ Ἄλβιος ὁ Ῥῆνος περὶ τρισχιλίους σταδίους, εἴ τις εὐθὺ πορεύσας εἴχε (v.l. ἔχει) τὰς ὁδούς νυνὶ δὲ διὰ σκολιάς καὶ ἑλώδους καὶ δρυμῶν κυκλοπορεῖν ἀνάγκη. „Von der Elbe ist der Rhein rund dreitausend Stadien entfernt, vorausgesetzt, man hätte gerade Straßen zur Verfügung; in Wirklichkeit muss man durch das krause, sumpfige und waldige Land viele Umwege machen müssen.“ (Radt 2003: 240f.).
4Fracti Langobardi, gens etiam Germana feritate ferocior; denique quod numquam antea spe conceptum, nedum opere temptatum erat, ad quadringentesimum miliarium a Rheno usque ad flumen Albim, qui Semnonum Hermundurorumque fines praeterfluit, Romanus cum signis perductus exercitus. Et eadem mira felicitate et cura ducis, temporum quoque observantia, classis, quae Oceani circumavigaverat sinus, ab inaudito atque incognito ante mari flumine Albi subvecta, cum plurimarum gentium victoria parta cum abundantissima rerum omnium copia exercitui Caesarisque se iunxit. <http://penelope.uchicago.edu/Thayer/L/Roman/Texts/Velleius_Paterculus/2D*.html> „Die Langobarden waren zerschlagen, ein Stamm, der noch wilder war als die wilden Germanen; und schließlich geschah, woran niemand jemals zuvor gedacht hätte, noch dass irgendjemand es zuvor versucht hätte, dass ein römisches Heer mit Feldzeichen bis zum 40. Meilenstein vom Rhein zum Elbstrom geführt wurde, der die Territorien der Semnonen und der Hermunduren durchfließt. Und aufgrund desselben wundersamen Glücks und der Sorgfalt des Anführers und auch aufgrund der (sorgsamen) Beachtung der (Jahres-)Zeiten vereinigte sich eine Flotte, die die Buchten des Ozeans durchschifft hatte und über ein völlig unbekanntes Meer kommend den Elbstrom hinabgefahren war, nachdem es den Sieg über eine Reihe von Völkerschaften errungen hatte und mit einer unermesslichen Menge an allen Gütern, mit dem Heer Caesars.“
5Montium altissimi Taunus et Retico, nisi quorum nomina vix est eloqui ore Romano. Amnium in alias gentes exeuntium Danuvius et Rhodanus, in Rhenum Moenis et Lupia, in oceanum Amissis, Visurgis et Albis clarissimi. Super Albim Codanus ingens sinus magnis parvisque insulis refertus est. [http://www.thelatinlibrary.com/pomponius3.html] „Von den Bergen sind die höchsten Taunus und Retico, wenn man einmal die weglässt, die ein römischer Mund kaum aussprechen kann. Von den Flüssen, die zu anderen Völkern fließen, sind Donau und Rhône am berühmtesten, von denen, die in den Rhein fließen, Main und Lippe, von denen, die in den Ozean fließen, Ems, Weser und Elbe. Jenseits/nördlich der Elbe, so wird berichtet, soll es eine gewaltige Bucht (namens) Codanus mit großen und kleinen Inseln geben.“
6Fundat ab extremo flavos Aquilone Suevos Albis, et indomitum Rheni caput. „Die Elbe fließt vom äußersten Norden zu den blonden Sueven, und unbezwingbar ist das Haupt /der Oberlauf des Rheins.“
7Amnes clari in oceanum defluunt Guthalus, Visculus sive Vistla, Albis, Visurgis, Amisis, Rhenus, Mosa. „Die folgenden berühmten Flüsse münden in den Ozean: Guthalus (heute der Pregel oder vielleicht die Oder), Visculus oder Vistla (Weichsel), Albis (Elbe), Visurgis (Weser), Amisis (Ems), Rhenus (Rhein), Mosa (Meuse).“ – Aus der Reihenfolge der Flüsse geht hervor, dass Plinius den Fluss Guthalus östlich der Weichsel lokalisierte; es könnte sich also um den Pregel handeln, vielleicht um die Memel / den Nemunas. Nach Solin [20] floss der Fluss Guthalus westlich der Weichsel/Wisa, also handelt es sich vielleicht am ehesten um die Oder. P. J. Šafárik (1862: 539f., Anm. 41) äußert den attraktiven Gedanken, dass dieses Hydronym dem skandinavischen Hydronym Göta-Älv = Gothelba bei Adam von Bremen entspreche. Dann wäre die Ausgangsform ein lateinisches Maskulinum*Gutalbus, d.h. ‘gotischer Albus’.
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98 n. Chr. Albis8 [Tacitus, Germania 41; Ann. I,59 u.ö.];
ca. 150 n. Chr. Ἄλβις⁹ [Ptolemaios II, 11, 1–2];
ca. 200 n. Chr. τοῦ Ἀλβίου¹⁰ [Cassius Dio LV, 1,2];
ca. 200 n. Chr. τὸν Ἀλβίαν [Cassius Dio LV 10a,2];
ca. 200 n. Chr. τοῦ Ἄλβιδος [Cassius Dio LV 1,28];
ca. 300 Alba [Mamertin. Senet. Maximiani 10,4];
ca. 300 ad Germanicum Albam (v.l. album) [Paneg. Constantino Aug. 21,5];¹¹
8 In Hermunduris Albis oritur, flumen inclutum et notum olim, nunc tamen auditur „Im Land der Hermunduren entspringt die Elbe, ein berühmter und einst bekannter Fluss, nun hört man selten von ihm“ [Germania 41].
9 1. Τῆς Γερμανίας τὴν μὲν δυσμικὴν πλευρὰν ἀφορίζει ὁ Ῥῆνος ποταμός, τὴν δὲ ἀρχικὴν ὁ Γερμανικὸς Ὠκεανός, ἧς ἡ περιγραφή ἔχει οὕτως. Μετὰ τὰς τοῦ Ῥήνου (ποταμοῦ) ἐκβολάς, ...
Οὐίσουρου ποταμοῦ ἐκβολαί κη° L´ (κζ° L´) νδ° γ´
Μαναρμανίς (Μαραρμανίς) λιμήν κη° νδ° Lδ´ (δ´)
Ἀμισίου ποταμοῦ ἐκβολαί κθ° νε°
αἱ πηγαὶ τοῦ ποταμοῦ λβ° νβ°
Οὐισούργιος (Οὐισουργός) ποταμοῦ ἐκβολαί λα° νε° δ´ (νε°)
αἱ πηγαὶ τοῦ ποταμοῦ λδ° νβ° L´
Ἄλβιος (Λάβιος) ποταμοῦ ἐκβολαί λα° νς° δ´
αἱ πηγαὶ τοῦ ποταμοῦ λη° νο°
2. Κιμβρικῆς Χερσονήσου
ἡ μετὰ τὸν Ἄλβιν ἐξοχή λβ° νς° Lγ´
„1. Die westliche Seite Germaniens begrenzt der Rhein, die nördliche Seite aber der Germanische Ozean / die Nord- und Ostsee, sie hat folgende Beschreibung:
Nach der [östlichen] Rheinmündung; ...
Vidrus-Mündung 28° 30´ (27° 30´) 54° 20´
Manarmanis-(Mararmanis-)Hafen 28° 54° 45´(15´)
Amisia-/Ems-Mündung 29° 55°
Quellen des Flusses 32° 52°
Visurgis-/Weser-Mündung 31° 55° 15´ (55°)
Quellen des Flusses 34° 52° 30´
Albis-/Elbe-Mündung 31° 56° 15´
Quellen des Flusses 39° 50°
2. Auf der Kimbrischen Halbinsel/Dänemark:
Landspitze nördlich der Elbe 32° 56° 50´“
(Stückelberger/Graßhoff 2006: 220–223).
10 κἀν τεῦθεν πρός τε τὴν Χερσουσίδα μετέστη, καὶ τὸν Οὐίσουργον διαβὰς ἤλασε μέχρι τοῦ Ἀλβίου, πάντα πορθῶν. ἐκεῖνον γάρ ῥεῖ δὲ ἐκ τῶν Οὐανδαλικῶν ὀρῶν, καὶ ἐς τὸν ὠκεανὸν τὸν προσάρκτιον πολλῷ μεγέθει. ἐπεχείρησε μὲν περαιωθῆναι, οὐκ ἠδυνήθη δέ, ἀλλὰ τρόπαια στήσας ἀνεχώρησε „Von dort zog er [Drusus] weiter zum Land der Cherusker, überschritt die Weser und drang bis zur Elbe vor, wobei er unterwegs alles zerstörte. Jene [die Elbe] entspringt in den Vandalenbergen und mündet als mächtiger Strom in den Nördlichen Ozean. Er unternahm es, diesen Fluss zu überqueren, aber als dies nicht gelang, stellte er Tropaia auf und zog sich zurück.“ <http://zocher-regel.gmxhome.de/ArbaloSchlacht/CassiusDioDrususTod.html>
11 Vgl. zum Zitat Udolph (1990b: 90), der dies als „Rasch 5“ zitiert, wobei wiederum „Rasch“ im Literaturverzeichnis nicht auftaucht. Gemeint ist wohl die Dissertation Gerhard Raschs, in deren gedruckter Version (Rasch 2005[1950]) befindet sich die Aufstellung auf S. 12.
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5. Jh. Alba [Solin XX 2];
ca. 700 Albis [Geograph von Ravenna IV, 18];
786 ab Albia fluvio [Hamburgisches Urkundenbuch I 3];
805 Albia [Chronicon Moissiacense; MMFH I: 58];
9. Jh. Ælfe mupa [Orosius] u.a.;12
um das Jahr 1120 benutzte der Chronist Kosmas von Prag nebeneinander die latinisierten Formen Alb, Albe, Albye, auch Albia, und die einheimische Form Labe, die mit der Form Albea abwechselte;13
die mittelhochdeutsche Form des Hydronyms war bereits Elbe;
aus den altenglischen Dokumenten sind die Formen Ielf, Ælf bezeugt.14
4. ETYMOLOGIE
Die bisherigen Überlegungen über den Ursprung des Hydronyms lassen sich nach der sprachlichen Bestimmung der mutmaßlichen Quelle in drei Gruppen zusammenfassen:
4.1. Germanisch
Holder (1896: 85) und Schwarz (1931: 28; 1961: 48) ordneten den Namen der Elbe unter den Hydronymen germanischen Ursprungs ein. Dies geschah im Hinblick auf aisl. elfr, nisl. elfur, fär. elvur/elfa, norw. elv > dän. elv, schwed. älv ‘Fluss’, schwed. dial. älv ‘vertieftes Flussbett’, älve ‘steiles Flussufer’, mnd. elve ‘Flussbett’.15
Aber schon in den Scholien zum Werk Adams von Bremen aus dem 11. Jh. (IV, 21; vgl. Udolph 1994: 857–859) taucht eine rationale Erklärung auf, die von einem Wandel des Propriums in ein Appellativum ausgeht:
GotheIba [heute Göta-Älv] fluvius a Nordmannis Gothiam separat, magnitudine non impar est Albiae Saxonum, unde ille nomen sortitur
„Der Fluss Gothelba trennt die Gothia von den Nordmännern. Ihrer Größe nach ist sie der Elbe der Sachsen nicht unähnlich, von der auch jener Name stammt.“
Eine ähnliche Entwicklung hat auch das Hydronym Wisła durchgemacht, das sich in südpoln. dial. wisła ‘Überschwemmung, (Frühlings-)Hochwasser’, kaschub.
Vgl. ausführlicher dazu Udolph 1990b: 89f.
Vgl. Bretholz 1923: 6, 39, 49, 56, 93, 206, 218.
Vgl. de Vries 1962: 100.
Vgl. de Vries 1962: 100; Magnússon 1995: 151; Bjorvand/Lindeman 2007: 223; Kroonen 2013: 20: *albī- f.
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vjislo ‘Flusslauf, Bach’16 wandelte, oder das Hydronym Dunaj (‘Donau’), das zu ukrain. dunáj ‘Überschwemmung, große Menge an Wasser’, russ. dial. ‘Bachlauf, der aus der Erde herauskommt’ wurde.17
Etwas ähnliches ist etwa auch aus der Transformation des Namens Karls d. Gr. in das gemeinslawische Appellativum *karlb ‘König’ bekannt.18 Als ein indirektes Argument gegen den germanischen Ursprung führt J. Udolph (1994: 857) die Überlegung an, dass es schon verwunderlich wäre, wenn ein derart großer und bedeutender Fluss einen jüngeren Namen trüge als seine Zuflüsse, für die regelmäßig ein vorgermanischer Ursprung angenommen wird, wie etwa im Falle der Namen von Iser/Jizera und Eger/Ohře in Böhmen oder von Saale, Ilm, Seeve, Bille, Oste und anderen in Deutschland.
4.2.
Keltisch
In der tschechischen historischen und archäologischen Literatur findet sich immer wieder die Behauptung, dass vorgermanische Hydronyme wie Elbe/Labe, Eger/Ohře, Iser/Jizera19 etc. keltischen Ursprungs seien.20 Aber keiner dieser Namen trägt Züge, die ausschließlich für die keltischen Sprachen charakteristisch wären. Ähnliche Flussnamen tauchen nicht nur in vormals keltisch besiedelten Gebieten auf, wie z.B.
Alba (ein küstennaher Bach in Spanien [Plinius 3, 22]);
Aube (Zufluss der Seine: 877 Alba, beim Geographen von Ravenna Albis);
Aubetin (Zufluss Grand-Morin: 632 Alba);
Albe (Zufluss der Saar: 1200 Alba);
Alb (Zufluss des Rheins bei Karlsruhe: 890 Alpa-gowe) etc.;21
möglicherweise auch der ostslowakische Flussname Laborec (Zufluss der Latorice: 1150 Loborcy, 1254 Laborch);22
aber auch weit jenseits der Grenzen jenes Siedelgebiets, z.B. gr. Ἀλφειός (Flüsse in Arkadien, der Elis und in Bithynien);
16 Vgl. Udolph 1990a: 309.
17 Vgl. ÉSSJa V, 156f.
18 Vgl. Berneker 1924: 572f.; ESJS 357.
19 Vgl. zu diesem Flussnamen Bichlmeier 2013: 425.
20 Vgl. z.B. Dobiáš 1964: 31; Drda/Rybová 1998: 11.
21 Vgl. Krahe 1964: 52f.
22 Vgl. Lutterer/Majtán/Šrámek 1982: 170.
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Albula (ein anderer Name des Tiber und ein Fluss bei Tibur – beide in Latium): Göta-Älv, Klar-Älv, Ljusne-Älv, Vindel-Älv u.a. Flüsse in Skandinavien.
Die Bedeutung ‘weiß(er Fluss)’, die dem Hydronym Albis zugesprochen wird, hat ebenfalls keine direkte Stütze in den keltischen Sprachen. Man kann lediglich Ableitungen finden, die von der primären Bedeutung ‘weiß’ oder ‘hell’ ausgehen. Diese haben die zunächst nichtschriftsprachlichen romanischen Dialekte bzw. Sprachen aus gallischen Dialekten übernommen: *albēna > schweiz.-frz. orbeina, Val Soana (Piemont) albena, rätorom. obwald. amblana u.a. ‘Schneehuhn’,23 *albūka > okzit. (Dauphiné) obūzo ‘weiße Waldrebe’ / ‘Clematis vitalba’,24 neben *albūka > okzit. (Morvand) obū, (Rouergue) aubūgo ‘weiße, mergelhaltige Erde’.25
Mit dem Namen Albion bezeichneten die antiken Autoren Britannien, z.B. in den 70er Jahren des 1. Jh.s. n. Chr. Plinius [4, 102]:
Albion ipsi [Britanniae insulae] nomen fuit, cum Britanniae vocarentur omnes, de quibus mox paulo dicemus.
„Früher hieß sie [die Insel Britannien] Albion, während nun alle [Inseln], über die wir gleich noch ein wenig sprechen wollen, Britannien genannt werden.“
Desselben Ursprungs ist die altirische Bezeichnung Britanniens und später auch Schottlands, Albu. Beide Toponyme, Albion und air. Albu, lassen sich von einer keltischen Vorform *albi̯ōn- herleiten, aus der auch kymr. elfydd ‘Welt’ stammt.26 Und offensichtlich gehört hierher auch das Kompositionsvorderglied gallischer Personennamen des Typs Albio-rix ‘Welt-König’ (vom gallischen Gott, der dem römischen Mars entspricht; vgl. CIL XII, 1300). Einen Zusammenhang mit ‘weiß, hell’, den lat. albus unmittelbar transportiert, sieht z.B. Holder (1896: 83f.) in den charakteristischen Kreidefelsen am Südufer der britischen Hauptinsel.27 Die kymrische und offenbar auch gallische Bezeichnung für ‘Welt’ hat ein Analogon in gemeinslaw. *soětъ ‘hell, Welt’.28
23 Vgl. REW Nr. 319b.
24 Vgl. REW Nr. 324a.
25 Vgl. REW Nr. 325.
26 Vgl. Meid 1990; EDPC 29.
27 Stüber 1998: 101f. trennt indes (im Gefolge von Hamp 1989: 109f.) urkelt. *albi̯ōn- ‘Welt’ von lat. albus etc., gibt aber (ebensowenig wie Hamp) eine Etymologie im eigentlichen Sinne bzw. eine für die dem keltischen Lexem zugrundeliegende Wurzel anzusetzende Grundbedeutung an. Die ebenda erwogene vor- bzw. nichtindogermanische Herleitung des Worts erscheint etwas an den Haaren herbeigezogen.
28 Vgl. IEW 30; ESJS 908–910.
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4.3. Alteuropäisch
Auf Grundlage des mehr oder weniger allgemeinen Auftretens von Hydronymen einer bestimmten Struktur, die besonders auf dem europäischen Kontinent verbreitet sind, wurde die Hypothese der sog. ‘alteuropäischen Hydronymie’ formuliert. Ihr Begründer, Hans Krahe, und seine Nachfolger, Wolfgang P. Schmid, Jürgen Udolph u.a., gehen davon aus, dass es sich um ein Erbe der ersten Migrationswelle handelt, die die indogermanische(n) Sprache(n) nach Europa gebracht hat. Es handelte sich dabei aber nicht mehr um die nicht differenzierte Ursprache, aber doch irgendwie um ihren Hauptstrom, der nach der Abspaltung des anatolischen, tocharischen, indoiranischen, armenischen und griechischen Zweigs übrig geblieben war. Die Derivationssuffixe, mit denen die hydronymischen Wortbasen erweitert werden, sind klar indogermanisch, wie auch die hydronymische Wurzel späturidg. *albh- < uridg. *h2el-bh-, auf der der Name der Elbe/Labe ebenso beruht wie zahlreiche weitere europäische Hydronyme:29
−ā
−ī/−iā
−nā
−rā
−lā
−(V)nt(i)ā
Albaₑ (1. Jh.) [Plin. 3, 22]
Albis (1. Jh.) > ElbeD&LaběCZ
Albina (777) > AlmA
AlvraCH
Albula = TiberI [Verg. Aen. 8,332]
Albenta (16. Jh.) > ElbentasLT
Alba (632) > AubetinF
ElberN
Albula [Plin. 3,110] > Fiume dell’AlberoI
Labenza (864) > LafnitzA
Alba (817) > AlfD
AlbueraE
AlfenzA
Alba (877) > AubeF
AubanceF
Alba (986) > AlbD
UlvundaNO
Alba (1095) > AlpCH
A B K Ü R Z U N G E N : A Österreich; CH Schweiz; CZ Tschechische Republik; D Deutschland; E Spanien; F Frankreich; I Italien; LT Litauen; No Norwegen.
Im Allgemeinen geht es hierbei um Ableitungssuffixe, die in der Mehrzahl der indogermanischen Sprachzweige produktiv waren und für die Grundsprache zu rekonstruieren sind. Es bleibt nun noch, den Ursprung und die Bedeutung der hydronymischen Basis späturidg. *albh- zu bestimmen.
29 Vgl. Krahe 1953: 40–42; Krahe 1964: 52f., 76, 101f.; Tab. 1 zwischen S. 63 und 64.
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4.3.1. Krahe (1964: 52f.) meinte, dass es um die Bezeichnung der ‘weißen’ oder ‘hellen’ Farbe des Wassers eines bestimmten Flusses oder einer bestimmten Landschaft(sformation), durch die ein Gewässer fließt, gehe. Er stütze sich dabei auf Daten besonders des italischen Zweigs der indogermanischen Sprachfamilie: lat. albus ‘weiß’ mit den Ableitungen lat. alburnus ‘weißlich’, albarus ‘Weißpappel’,30 umbr. Akk. Pl. n. alfu, Abl. Pl. n. alfer ‘weiß’.31 Die Bedeutung ‘weiß’ bewahren auch die jüngeren griechischen Glossen ἀλφούς · λευκούς32 und ἄλωφούς · λευκούς,33 die um 500 n. Chr. der alexandrinische Lexikograph Hesych bezeugt. Älter ist gr. ἀλφός ‘weißer Ausschlag o.ä. bei Lepra’; dieses Wort kannte bereits Hesiod ca. 700 v. Chr.34
Wahrscheinlich verfügten verwandte Formen in anderen indogermanischen Sprachen bereits nicht mehr über die Möglichkeit des direkten Rückgriffs auf das ursprüngliche Appellativum: urgerm. *alb-it-/-ut- > anord. elptr und ǫlpt, später auch álpt, nisl. álft, ae. (Kent) ælbìtu, (Wessex) ielfetu, später ylfet(t)e, ahd. elbìz, Var. albìz, alpiz, aluiz etc. ‘Schwan’, aber nndl. alft, elft ‘Alse (Alosa Alosa)’;35 gemeinslaw. *olb-ędb/-ǫdb > bulg. lébed, mak. labed/lebed, serb.-kroat. läbūd, slowen. labód, slowak., tschech. labuť, poln. łabędź, kaschub. łabądz, wruss. lébedz’, ukrain. lébid’, russ. lébed ‘dss.’.36
Die hypothetische Wurzel urgerm. *alb- mit der Bedeutung ‘weiß, von heller Farbe’ konnte auch die Entstehung solcher Wörter wie nhd. dial. Alben ‘kalkhaltiger Sand unter fruchtbarer Erde’, schwed. dial. alf ‘dss.’ motivieren.
Verwandt sind weiters wohl alb. elb ‘Gerste’ (~ gr. ἄλφι ‘Gerstenmehl oder -graupen’) und heth. alpa- ‘Wolke’ mit regulärem Verlust des Laryngals *h₂- im Anlaut in der Ablautvariante *h₂olbh₀-37.
4.3.2. Auch die ‘alteuropäische’ Hypothese durchläuft eine Entwicklung. Die jüngere Generation ihrer Vertreter mit W. P. Schmid und Jürgen Udolph an der Spitze bevorzugt eine ‚hydrologischere‘ Etymologie des Hydronyms Elbe/Albis/Labe. Es wird angenommen, dass Hydronyme des Typs *Al⁰, *Alb⁽ʰ⁾⁰, *Ald⁽ʰ⁾⁰,
30 Vgl. REW Nrr. 318, 329a.
31 Vgl. Untermann 2000: 79f.; EDL 32.
32 Vgl. Latte 1953: 117.
33 Vgl. Latte 1953: 119.
34 Vgl. LfgrE I, 591.
35 Vgl. EWA II, 1032–1036.
36 Vgl. Vasmer 1986–1987: II, 470f.; ESSJa VI, 19; 32, 50f.; EDPS 365.
37 Vgl. IEW 30f.; EDHIL 169; EDG 77f.; Bichlmeier 2012: 388f.
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*Alm⁰, *Aln⁰, *Al(V)nt⁰, *Als⁰, *Alist⁰ alle letztlich desselben Ursprungs sind, d.h. auf dieselbe urindogermanische Wurzel zurückgehen. 38 Die Frage der Herkunft des labialen Elements nach dieser Wurzel (sei es nun eine Wurzelerweiterung oder ein Suffix) wurde von diesen beiden Forschern nicht ernsthaft gestellt und folglich auch nicht zufriedenstellend gelöst (siehe dazu unten). Als Ausgangspunkt sehen sie die Verbalwurzel (ur)idg. *el-/*ol- ‘fließen’.39 Der Ablaut *e- : *o- impliziert dabei nach heutiger Auffassung der Indogermanistik einen anlautenden Laryngal *h₁-. Es dürfte also nach aktueller Lehrmeinung die Wurzel uridg. *h₁elh₂- ‘wohin treiben’ (LIV2 235) vorliegen, die mithin eine Bedeutung hat, die recht problemlos Namen von Flüssen mit (schnell) fließendem Wasser motivieren kann.
Schwieriger zu erklären ist das anlautende a- anstelle von zu erwartendem e- oder o- in Sprachen, in denen späturidg. *a und *o nicht zusammenfielen (wie im Baltischen, Slawischen, Germanischen), also im Keltischen, und Italischen (sowie dem zur Kontrolle beizuziehenden Griechischen). P. Schrijver (1991: 65–73) zeigte, dass die Folgen *h₁RC- und *h₂RC- sich in den italischen Sprachen wahrscheinlich in gleicher Weise zu *aRC- entwickelten. Im Keltischen kann eine parallele Entwicklung zumindest für die Mehrzahl der Fälle angenommen werden,40 allerdings gilt die Regel nicht, wenn nach *-l- ein Vokal folgte. Am einfachsten bleibt folglich die Annahme zweier verschiedener ursprünglicher Bewegungsverben, die sich zumindest im anlautenden Laryngal unterschieden. Diese liegen auch in dem schon erwähnten uridg. *h₁elh₂- ‘wohin treiben’ (LIV2 235) neben uridg. *h₂elh₂- ‘ziellos gehen’ (IEW 27f.; LIV2 264) durchaus vor, wobei hinsichtlich der Bedeutung die erste Wurzel eher für rasch fließende, die zweite eher für langsamere, vielleicht für mäandrierende Wasserläufe in Frage kommt. Ein solcher mäandrierender Wasserlauf war auch über weite Strecken noch im 19. Jh. die Elbe, bevor entsprechende bauliche Veränderungen an ihr vorgenommen wurden.
Diese Lösung impliziert freilich die Existenz eines labialen Suffixes und führt zur Notwendigkeit, ein solches Suffix auch erklären zu müssen. Eine befriedigende Lösung dafür hat nun Hyllested (2010: 203–208) vorgelegt, wenn er zeigt, dass
38 So folgt etwa auch Fischer 1996: 65 dem Vorschlag Schmids 1993: 39f. und setzt mit diesem idg. *albhā- ‘Fluss’ an (wobei völlig unklar bleibt, wie daraus ebenda genanntes aisl. elfr entstanden sein soll, wenn kein Umlaut bewirkendes *-i/ī- im Suffix enthalten ist), während etwa HOS I, 239 neben der traditionelleren Ansicht, dass der Name der Elbe auf einem Adjektiv der Bedeutung ‘weiß’ beruhe auch eine Vorform germ. *albhī- ‘Fluss’ erwägt.
39 Vgl. Schmid 1983: 305f.; ders. 1985: 139; ders. 1986: 100f.
40 Vgl. Zair 2012: 29–38.
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Suffixe auf der Basis von uridg. *–bʰ– Verbalsubstantive (Nomina agentis, Nomina actionis, Nomina rei actae41) gebildet haben können.42
4.3.3. Unabhängig davon, ob man nun die ‘weiße’ oder die ‘mäandrierende’ Etymologie bevorzugt,43 ist es notwendig, den Auslaut des Hydronyms zu klären. Aus Sicht der späturindogermanischen Morphologie zeichnen sich folgende Möglichkeiten ab:44
(a) Ein Abstraktum *albʰi– zum Adjektiv *albʰo–. Sofern die Bedeutung des Adjektivs ‘weiß, hell’ war, bedeutete das Abstraktum ‘Weiße, Helligkeit’.
(b) Späturídg. *albʰi– als Bestandteil eines nicht erhaltenen, gekürzten Kompositums im Rahmen des Caland-Wackernagelschen Suffixsystems. Hier ist hinzuzufügen, dass eine derartige hydronymische Wurzel späturídg. *albʰ– auch mit dem weiteren Caland-Wackernagelschen Suffix –ro–(/–rā–) auftritt: Elber, Alwra, Albuera (siehe Tabelle 1).
(c) Ein hysterodynamischer *–ī–Stamm (Nom. *–ih₂ : Gen. *–ih₂–ós); Muster ved. urḱís ‘Wölfin’, Gen. urḱyàs, anord. ylgr ‘dss.’ (< urgerm. *uulgʷīz), Gen. ylgar.
(d) Ein proterodynamischer *–ī–Stamm (Nom. *–ih₂ : Gen. *–i̯eh₂–s); Muster ved. devī́ ‘Göttin’, Gen. devyās, got. mawi ‘Mädchen’ (< urgerm. *mag̑uî), Gen. maujos.
(e) Einige Adjektive auf späturídg. *–ī(–) können auch komitative Funktion haben, sofern man ihren Auslaut mit der Endung des Instrumentals *–i–h₁
41 Vgl. etwa neben weiteren Farbadjektiven Bildungen wie uridg. *tih₁–bʰo– > gr. τῖφος ‘stehendes Wasser, Sumpf’ neben uridg. *tih₁–ro– > lit. týras ‘Brei’ oder uridg. *sal–bʰo– *grau ‘schmutzig’ > ‘Schmutz, Exkrement’ > arm. alb ‘Mist, Dung’, heth. *šal–pa– ‘(Hunde-)Kot’ etc. (vgl. Hyllested 2010: 203–205).
42 Hierbei ist anzumerken, dass letztlich für das im Weiteren als *–bʰo– notierte Suffix sowohl die Erklärung als tatsächliches Suffix in Frage kommt, als auch die Möglichkeit besteht, dass es sich hierbei auf einer älteren Stufe eigentlich um ein Kompositionshinterglied *–bʰh₂–o– zur Wurzel uridg. *bʰeh₂– ‘glänzen, leuchten, scheinen’ (LIV² 68f.) gehandelt haben kann.
43 Des öfteren werden in der Literatur auch beide Lösungen nebeneinander angeführt, ohne eine Entscheidung zu treffen, so etwa in Bily 1996: 160, oder HOS I, 239.
44 Vgl. Bichlmeier 2012: 384–388; ebenda 381 werden der Vollständigkeit halber auch die hypothetischen Kandidaten *h₁el–bʰ–/*h₁ol–bʰ– ‘rot(braun) seiend’ angeführt, deren Nullstufe uridg. *h₁l̥–bʰ– sich auf keltischem und wohl auch auf alteuropäischem Boden zu *albʰo entwickelte. Die Schwäche dieser Erklärung bleibt freilich, dass eine Bildung aus uridg. *h₁el– ‘rot(braun)’ mit dem Ableitungssuffix *–bʰ– im urindogermanischen Lexikon keine direkte materielle Stütze hat (vgl. IEW 462–464), wenngleich freilich Ableitungen von einem auch sonst nachweisbaren n-Stamm zu dieser Wurzel durchaus existieren, vgl. gr. ἔλαφος ‘Hirsch’ < uridg. *h₁el–n–bʰo– neben gemeinlaw. *jelenъ < urslaw. *(j)eleni– < *h₁el–en– + –i–).
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der i-Stämme verbindet. 45 Im Prinzip kann auch ved. devī ‘Göttin’ ein komitatives Derivat von ved. devá- ‘Gott’ darstellen und ursprünglich ‘mit einem Gott zusammen (auftretend)’ o.ä. bedeutet haben.
Nach den Modellen (c) und (d) werden Feminina gebildet, Substantive ebenso wie Adjektive. Im Hinblick auf die Präferenz (indes nicht völlige Dominanz) des Genus femininum in indogermanischen Flussnamen erscheinen diese beiden Modelle als die wahrscheinlichsten Kandidaten. Wenn der Ausgangspunkt westgerm. *Albī, Gen. *Alb(i)jōz richtig ist, worauf auch die Resultate der Entlehnungen in den westslawischen Sprachen deuten, dann würde sich die Auswahl auf Modell (d) einenge(n), also auf das ‘Muster’ devī. Dies hat noch ein weiteres attraktives Nebenergebnis: Ein Reihe von Flüssen erfreute sich in verschiedenen indogermanischen Traditionen der Verehrung als Gottheiten. Die Deklination eines solchen Flussnamens, der einen als Gottheit verehrten Fluss bezeichnete, nach dem Muster devī ‘Göttin’ muss also keine anachronistische Fiktion sein.
5. ZUR ENTWICKLUNG AUF SLAWISCHEM BODEN
Die Slawen werden mit dem Hydronym Elbe/Albis frühestens im 6. Jh. n. Chr. bekannt. Die westslawischen Formen wie polab. Lābi, obsorb. Łobjo, ndsorb. Łobje, atschech. Labě, tschech. Labe (n.!)46 widerspiegeln dabei nicht, wie lange in der Literatur zu lesen war, eine Ausgangsform gemeinslaw. *Olbbji, Gen. *Olbbję47, sondern vielmehr gemeinslaw. *Olb’e n. (wie gemeinslaw. *pol’e ‘Feld’, *mor’e ‘Meer’) lautete. Gemeinslaw. *Olbbji, Gen. *Olbbję wäre eher eine feminine Form gewesen und hätte ebenso wie gemeinslaw. *Olbbję n. zu tschech. *Labí etc. geführt.48 Davon ausgehend kann man spekulieren, ob zur Zeit des Kontakts in den westgermanischen Dialekten der damaligen Bewohner des Stromgebiets der Elbe das Hydronym offenbar die Form westgerm. *Albī, Gen. *Alb(i)jōz hatte, also der Deklination nach dem Muster ved. devī – s.o. (d) – folgte, oder die Gestalt westgerm. *Albīz, Gen. *Alb(i)jaz hatte, also nach dem Muster ved. vṛkís – s.o. (c) – dekliniert wurde. Im Slawischen ist dann freilich in jedem Falle ein paradigmatischer Ausgleich des Nominativs nach der Stammform der anderen Kasus sowie die
45 Vgl. Widmer 2005.
46 Vgl. Shevelov 1964, 396.
47 Vgl. etwa Profous 1949: 472.
48 Vgl. Rozwadowski 1948: 170f. mit Anm. 2.
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Überführung von ursprünglich femininem in neutrales Genus anzunehmen. Diese kann freilich eher ausgehend von einem Paradigma des Typs (c) aus erfolgt sein, das auf westgerm. *Alb(i)ja- (→ gemeinslaw. *Olb’e) aufgebaut war, da ein Paradigma aufbauend auf einem Stamm westgerm. *Alb(i)jō- f. (mit einem langen ‘Themavokal’) wohl eher zu gemeinslaw. *Olb’a- f. bzw. *Olbbja- f. geführt hätte, woraus die bezeugten neutralen Formen der westslawischen Sprachen schwerer zu erklären sind. Zur Übernahme muss es noch vor dem Beginn der Umlautprozesse im westgermanischen Dialektkontinuum gekommen sein. Nach der slawischen Liquidametathese in der Gruppe *oRT, die ungefähr in die Zeit von 750–850 n. Chr. zu datieren ist,49 also noch vor dem Zerfall des westslawischen Zweigs um 900 n. Chr.,50 erlangte das Hydronym auf westslawischem Boden die Form *Lab’e, die aufgrund ihrer phonologischen Gestalt das neutrale Genus erhielt.51 Innerhalb der tschechischen (und auch sonst der slawischen) Flussnamenlandschaft steht der Name mit diesem Genus recht isoliert. Zumindest anfänglich könnte der Name freilich noch feminines Genus gehabt haben, nachweisen lässt es sich nicht. Der Übergang dürfte zwar aufgrund der Endungsgleichheit passiert sein, da atschech. -ě > tschech. -e eben sowohl in neutralen wie in femininen Deklinationsparadigmen auftritt, aber die Analogie, nach der der Übertritt erfolgt sein müsste, bleibt angesichts der sonst fast durchweg femininen Flussnamen völlig im Dunkeln.
Ein wenig abseits steht hier poln. Łaba < gemeinslaw. *olba- ← westgerm. *albō-52, dem offenbar eine movierte Form eines alten o-Stamms zugrunde liegt, wie ihn etwa (Identität der Etymologie vorausgesetzt) lat. albus ‘weiß’ zeigt.
6. EIN BLICK AUF DIE SEMANTISCHE TYPOLOGIE
Die Benennung von Wasserläufen nach der Farbe stellt eine sehr frequente semantische Motivation dar, und weiße bzw. helle Farbe erfreut sich hierbei besonderer Beliebtheit.53 In der Tschechischen Republik gehören hierher z.B.
49 Vgl. Shevelov 1964: 633f.; Lamprecht 1987: 161–163.
50 Vgl. Novotná/Blažek 2007: 201.
51 Die ältere Ansicht (vgl. Profous 1949: 472; Schwarz 1961: 363), nach der *Labbъji, Gen. *Labbję entstanden sei, ist nicht länger haltbar; vgl. dazu auch die oben in Anm. 47 zitierte Literatur.
52 Vgl. Rozwadowski 1948: 171f.
53 Betont werden muss hier freilich, dass zumindest, wenn neben einem ‘weißen’ Fluss auch ein ‘schwarzer’ Fluss existiert, dies nicht notwendig etwas mit einer Färbung zu tun haben muss, sondern einfach der Differenzierung nahe beieinander gelegener Flüsse bzw. sich irgendwo vereiniger Oberläufe eines
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Bílina (84 km), links zur Elbe/Labe; Bělůnka (25 km), links zur Elbe/Labe; Bílá voda (nach dem Zusammenfluss mit dem Sloupský potok entsteht die Punkva); nicht weniger als sechs Bäche mit dem Namen Bělá (Zuflüsse der Svitava, der Kladská Nisa/Nysa Kłodzka/Glatzer (Schlesischen) Neiße, der Jizera/Iser, der Divoká Orlice, der Hejlóvka und des Chotovický potok); drei Gewässer mit dem Namen Bílý potok (Zuflüsse der Bílina, des Bezdrevský potok, der Svratka); Quellflüsse größerer Flüsse wie Bílé Labe/Weißwasser (linker Zufluss der Elbe/Labe), Bílá Opava/Weiße Oppa (rechter Zufluss der Střední Opava), Bílá Desná (rechter Zufluss der Desná), Bílá Ostravice/Weiße Ostrawitza (nach dem Zusammenfluss mit der Černá Ostravice/Schwarzen Ostrawitza entsteht die Ostravice/Ostrawitza). Nicht übergangen werden sollten die Svitava/Zwitta(wa) (97 km), links zur Svratka/Schwarza(ch), und die Světlá (12 km), rechts zur Studená Vltava/Kalten Moldau. Zu den slawischen Hydronymen dieses Ursprungs gehört der längste Flusslauf des russisch-baschkirischen Gewässersystems, die Belaja (1430 km), ein Zufluss der Kama. Transparent ist auch die Benennung zweier isländischer Flüsse namens Hvítá (185 und 117 km). In Asien ist anzuführen: der westiranische Fluss Sefid-Rūd (670 km), der von Süden in das Kaspische Meer mündet; der altindische Flussname Śvetyā [RV X,75,6], in vedischer Zeit der Name einer der Zuflüsse des oberen Indus. In Zentralasien geht es z.B. um den uighurischen Fluss Aksa (282 km), der einer der Hauptquellflüsse des Flusses Tarim in Nordwestchina ist, und den gleichnamigen Fluss Aksa (316 km) in Kasachstan, der den See Balchasch speist. In China ist der längste ‘Weiße Fluss’ der 白河 Bái Hé (1329 km), der durch Peking/Beijing fließt, heute Hǎi Hé ‘Meeresfluss’ genannt. In Afrika ist neben dem Weißen Nil z.B. der westafrikanische Fluss Bakoye (560 km) zu nennen, dessen Name in der Sprache Mandingo ‘weißer Fluss’ bedeutet; nach dem Zusammenfluss mit dem Fluss Bafing (‘Schwarzer Fluss’) trägt der Fluss den Namen Senegal. In Amerika gehört zu diesen transparenten Hydronymen z.B. der White River (265 km), ein Zufluss des Yukon in Alaska; der Blanco River (140 km) in Zentraltexas, der in den San Marcos River mündet; der brasilianische Rio Branco (1300 km, Einzugsgebiet 195 000 km2), ein Zufluss des Río Negro (2300 km), der wiederum einer der nördlichen Zuflüsse des Amazonas ist. In Ozeanien gehört dazu z.B. der Maoriname Waima auf der Nordinsel Neu Seelands und viele weitere.
In den indogermanischen Sprachen findet man mehrere Fälle, in denen sich die Bezeichnung einer Farbe in Namen findet, die sich auf Gewässer bezieht:
nach der Vereinigung größeren Flusses dienen kann, der dann keinen Zusatz mehr im Namen trägt. Vgl. etwa (mit einem anderen Farbenpaar) den Roten Main und den Weißen Main, die sich zum Main vereinigen etc. (vgl. Holzer 1994–1995; 2007: 96).
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(a) Urslaw. *balta- > gemeinslaw. *bolto- ‘Sumpf, Matsch’ vs. lit. báltas ‘weiß’; vgl. auch poln. dial. biel, wruss. bel ‘sumpfige Wiese’ vs. urslaw. *bēla- > gemeinslaw. *bělъ(jь) ‘weiß’.54
(b) Urkelt. *dubro- ‘dunkel’ > air. dobur ‘Wasser’ entstand offensichtlich aus der Kontamination von urkelt. *dubu- ‘schwarz’ und *dubno- ‘tief’ auf der einen Seite und *udro- ‘Wasser’ auf der anderen Seite.55
Die Beispiele langsamerer, mäandrierender Flüsse, deren Unterlauf sich (meist) bei der Namengebung als dominant erwies, sind geringer an Zahl, aber das ist vielleicht auch dadurch bedingt, dass sich solche weniger ausdrucksstarken Hydronyme eines geringeren Interesses seitens der Etymologen erfreuen. Es seien aber wenigstens einige der transparenten slawischen Hydronyme angeführt:
Mda – 101 km, Zufluss der Msta (445 km) in der Novgorodskaja oblast’;
Nemda – 162 km, rechts zur Pižma → Vjatka → Kama → Wolga;
Nëmda – 146 km, links zur Volga auf dem Gebiet des ehemaligen Gouvernements Kostroma;
Vasmer (1986–1987: 2, 588) erklärt beide Hydronyme als ein Gegensatzpaar *Mъda ‘langsamer (Fluss)’ : *Ne-mъda ‘nicht langsamer (Fluss)’, vgl. russ.-ksl. izmъděti ‘ohnmächtig, schwach werden, debilitari.
Auf westslawischem Gebiet begegnet ein ähnliches Hydronym, aber erweitert um ein l-Suffix (vgl. gemeinslaw. *mъdblъ(jь) > aksl. mъdlъ ‘νωθρός’, d.h. ‘faul, langsam’, tschech. mdlý und gemeinslaw. *mъd(b)lnъ(jь)56 (neben *mъdblъ° > russ. médlennyj ‘langsam’).
Mulde – 147 km, ein linker Zufluss der Elbe/Labe, in die sie bei Dessau mündet. Sie entsteht durch den Zusammenfluss der Zwickauer Mulde/Cvikovská Modla (167 km) und der Freiberger Mulde/Freiberská Modla (124 km) bei Sermuth (Sachsen).
Modla – ein 27 km langes Flüsschen, ein linker Zufluss zur Elbe/Labe, in die sie in Lovosice mündet, d.h. zwischen den Mündungen der Eger/Ohře und der Bílina.
Es sei hinzugefügt, dass es wahrscheinlich um Sorabismen geht, denn o ist der reguläre sorbische Reflex von gemeinslaw. *ъ, vgl. ndsorb. arch. módły ‘schwach, ohnmächtig, erschöpft; tot’, obsorb. modły neben ostndsorb. medly57.58
Vgl. ĚSSJa 2, 79–81 (*bělъ(jь)); 2, 179–181 (*bolto); ESJS 61 (bělъ), 65f. (blato).
Vgl. Hamp 1972: 236; EDPC 107f.
Vgl. Vasmer 1986–1987: 2, 590f.; ĚSSJa 20, 210f.; ESJS 516f.; EDPS 332.
Vgl. Schuster-Šewc 1983–1996: 939.
Vgl. zum Weiteren Vondrová/Blažek 2001, 312; Udolph 1986 lehnt die ganze auf ‘langsam’ aufgebaute Etymologie dieser slawischen Hydronyme ab und setzt stattdessen für die westslawischen Hydronyme eine Dissimilation aus *mold-l- vom Verb gemeinslaw. *melti ‘mahlen’ voraus.
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7. ZUSAMMENFASSUNG
Es ist offensichtlich, dass nicht nur aus lautlicher Sicht, sondern auch aus Sicht der semantischen Typologie Etymologien für den Namen der Elbe/Labe denkbar sind, die auf Lexemen für ‘weiß, hell’, ‘langsam’ oder ‘sich schlängeln’ u.ä. basieren. Die einzige Schwäche der letztgenannten besteht darin, dass im appellativischen Wortschatz der indogermanischen Einzelsprachen keine Erweiterung der Wurzeln-uridg. *h1elh2- und uridg. *h2elh2- mit einem labialen Element/Suffix nachzuweisen ist. Vergleicht man diese Etymologien, so geht aus dem Vergleich die auf ‘weiß’ basierende Etymologie als die wahrscheinlichere hervor, ohne dass die anderen beiden aber wirklich ausgeschlossen werden könnten. Die zu bevorzugende Etymologie stützt sich auf den klar definierten Wurzelkomplex uridg. *h2el-bh-, zeigt wahrscheinlich einen hysterodynamischen (weniger wahrscheinlich einen proterodynamischen) ih2-Stamm, der feminine Substantive und Adjektive bildet, und hat semantische Parallelen in zahlreichen ‘weißen’ Flüssen sowie in der Verwendung von Farbbezeichnungen allgemein bei der Benennung von Gewässern.
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DANKSAGUNG
Dieser Beitrag entstand mit Hilfe der finanziellen Unterstützung der Česká grantová agentura (Nr. P406/12/0655).
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HARALD BICH LMEIER, VÁCLAV BLAŽEK
Elbė: apie vieno hidronimo ištakas
SANTRAUKA
Straipsnio tikslas – apibendrinti svarbią istorinę informaciją, susijusią su hidronimu Albis / Elbe / Labe bei kitais hidronimais, padarytais su ta pačia šaknimi, aptarti žodžių darybos sunkumus ir galiausiai įvertinti įvairius etimologinius bandymus atsižvelgiant į semantinę tipologiją. Du sprendimai atrodo priimtinesni nei kiti: „baltoji“ etimologija, kurią pasiūlė Hansas Krahe, ir „lėtai tekanti“ etimologija, kurią pirmas pasiūlė, bet plačiau nei ištyrė Wolfgangas P. Schmidas.
Įteikta 2014 m. spalio 14 d.
HARALD BICH LMEIER
Sächsische Akademie der Wissenschaften
Arbeitsstelle Jena: Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen
Zwätzengasse 12, D-07743 Jena
[email protected]
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Orientalisches Institut, Seminar für Indogermanistik und Allgemeine Sprachwissenschaft
D-06099 Halle (Saale)
[email protected]
VÁCLAV BLAŽEK
Ústav jazykovědy a baltistiky,
Filozofická fakulta Masarykovy University
A. Nováka 1, CZ-60200Brno
[email protected]
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Acta Linguistica Lithuanica LXXI