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Jano Otrębskio „Gramatyka języka litewskiego“ (III – 1956, I – 1958, II – 1965): istorija ir dabartis

Jūratė Pajėdienė

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JŪRATĖ PAJĖDIENĖ Institut für Litauische Sprache Forschungsschwerpunkte: Geschichte der litauischen Schriftsprache, Syntax und Semantik des älteren und des heutigen Litauischen. JANO OTRĘBSKIO GRAMATYKA JĘZYKA LITEWSKIEGO (III – 1956, I – 1958, II – 1965): ISTORIJA IR DABARTIS Jan Otrębski’s Gramatyka języka litewskiego (III – 1956, I – 1958, II – 1965): History and Today ZUSAMMENFASSUNG Der Artikel behandelt den Schreib- und Publikationsverlauf der von Jan Otrębski verfassten Gramatyka języka litewskiego (I, II, III), den Inhalt der grammatischen Beschreibung und ihre Darstellungsweise. Die klassische Grammatik der litauischen Sprache von J. Otrębski, die sich auf die Gruppierung von Daten statt auf theoretische Fragen konzentriert, besticht durch die Fülle des Anschauungsmaterials und die Fähigkeit, es zu beherrschen. Eine der von J. Otrębski geplanten, jedoch nicht mehr ausgeführten Aufgaben dieser Grammatik war die Erstellung eines Indexes der Wortformen. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten ließe sich dies mit doppeltem Nutzen realisieren: Ein elektronisches Verzeichnis der in der Grammatik verwendeten Wortformen mit ihren polnischen Entsprechungen würde sowohl einen Index der Wortformen des OGI als auch ein hervorragendes litauisch-polnisches Wörterbuch ermöglichen. SCHLÜSSELWÖRTER: Jan Otrębski, Grammatik, litauische Sprache, Morphologie, Wortbildung. ANNOTATION Der Artikel erörtert den Schreib- und Publikationsprozess von Gramatyka języka litewskiego (I, II, III) von Jan Otrębski sowie den Inhalt der grammatischen Beschreibung und ihre Darstellungsweise 200 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Jano Otrębski Gramatyka języka litewskiego (III – 1956, I – 1958, II – 1965): istorija ir dabartis Was die Darstellung betrifft, fasziniert Otrębskis klassische Grammatik der litauischen Sprache, die sich eher auf die Gruppierung der Daten als auf theoretische Fragen konzentriert, durch die Fülle des Anschauungsmaterials und die Fähigkeit, damit umzugehen. Eine der von Otrębski geplanten, aber nicht ausgeführten Aufgaben war die Erstellung eines Wortformenregisters. Unter Nutzung der heutigen technischen Möglichkeiten ließe sich dies mit doppeltem Nutzen bewerkstelligen: Ein elektronisches Verzeichnis der in der Grammatik verwendeten Wortformen mit ihren polnischen Entsprechungen würde sowohl ein Wortformenregister zu Otrębskis Grammatik als auch ein ausgezeichnetes litauisch-polnisches Wörterbuch ermöglichen. SCHLÜSSELWÖRTER: Jan Otrębski, Grammatik, litauische Sprache, Morphologie, Wortbildungsmorphologie. 0. EINLEITENDE BEMERKUNGEN Žymaus lenkų kalbininko Jano Otrębskio (1889–1971) nuopelnus lituanistikai vainikavo trỳs XX a. 6–7 dešimtmetyje pasirodę lietuvių kalbos gramatikos Gramatyka języka litewskiego (toliau – OGJL) tomai. Praėjus 50 metų nuo paskutinio šios gramatikos tomo išleidimo pravartu pažvelgti į J. Otrębskio parengtą lietuvių kalbos gramatiką. Ar ji sietina vien su pagarba mokslo ir kultūros paveldui, ar vis dar yra ir gali būti aktuali? Šie klausimai lemia ir straipsnio struktūrą: OGJL ypatybės aptariamos vertinant J. Otrębskui rūpėjusius gramatinio aprašo klausimus, išnašose pateikiant nuorodų apie OGJL autoriaus gramatinių nuostatų vertinimus ir apie ryškesnius skirtumus bei sąsajas su kitais gramatiniais lietuvių kalbos aprašais1. Straipsnyje daugiausia dėmesio skiriama trečiajam OGJL tomui Nauka o formach – ne tik dėl neabejotino jo originalumo, bet ir siekiant aktualizuoti turimą šio tomo vertimo į lietuvių kalbą2 publikavimo klausimą. 1 Etwas mehr Aufmerksamkeit gilt dem Vergleich von OGJL mit der Grammatik der litauischen Gegenwartssprache (im Folgenden DLKG). 2 Die von Juozas Balčikonis angefertigte Übersetzung von OGJL3 wurde nie veröffentlicht: Das Übersetzungsmanuskript mit dem Titel „Prof. Jonas Otręmbskis // Grammatik der litauischen Sprache // Band III // Morphologie // autorisierte Übersetzung“ wird in der Handschriftenabteilung der Bibliothek der Universität Vilnius aufbewahrt (Signatur F178). Straipsniai / Articles 201 JŪRATĖ PAJĖDIENĖ 1. PUBLIKATIONSVERLAUF UND SCHREIBBESONDERHEITEN VON OGJL Von 1956 bis 1965 veröffentlichte der staatliche Warschauer Wissenschaftsverlag drei Bände von OGJL: Nauka o formach (1956), Wiadomości wstępne. Nauka o głoskach (1958) und Nauka o budowie wyrazów (1965). Der Verfasser hatte außerdem geplant, einen vierten, der Syntax des Litauischen gewidmeten Band3 zu verfassen und im fünften die Sach- und Wortformenregister aller vier Grammatikbände vorzulegen. Die geplante Struktur von OGJL entsprach nicht der Reihenfolge des Verfassens und Druckens (III, I, II); daher überraschte OGJL3, der ohne jegliche Einleitung zuerst erschien, die Leser einigermaßen4. Erläuterungen zu Zweck und Aufbau des Werks folgten erst mit dem Erscheinen des ersten Grammatikbandes (siehe OGJL1 XII). Da J. Otrębski sich an Leser mit elementaren philologischen Kenntnissen wandte, konnte er auf Beschreibungen grammatischer Klassen oder Kategorien verzichten (eine Ausnahme bilden lediglich die grammatischen Unterklassen, die Besonderheiten der litauischen Sprache aufzeigen5) und sich auf die Ausdrucksformen des behandelten Gegenstands konzentrieren – auf die Klassifizierung der Daten und Merkmale sprachlicher Kategorien / Klassen / Unterklassen sowie auf ein möglichst vielfältiges Panorama von Beispielen. OGJL präsentiert litauische Sprachdaten auf mindestens drei Ebenen: Theoretische Themen werden nicht nur durch Beispiele aus der litauischen Literatursprache jener Zeit (sowohl geschriebener als auch gesprochener), sondern auch aus den Dialekten und dem älteren Litauisch veranschaulicht. Die Auswahl eines breiten Spektrums an Anschauungsmaterial begründet J. Otrębski damit, dass es ohne die Auswertung des Materials aus dem älteren Litauisch und den Dialekten schwierig wäre, die Rätsel der litauischen Literatursprache sowie die Schwankungen in Phonetik, lexikalischen Varianten und Syntax zu verstehen (ebd., VIII). Das litauische Sprachmaterial wird in OGJL häufig mit Daten anderer indoeuropäischer Sprachen verglichen6. Litauische Beispieltexte sind mit Akzenten versehen und ins Polnische übersetzt. 3 Vgl. die Hinweise auf eine ausführlichere Darstellung bestimmter Fragen im geplanten Syntaxband (OGJL3 274) sowie die Einleitung, in der die Ziele des Werks vorgestellt werden (OGJL1 IX, XI, XII). 4 In seiner Rezension von OGJL3 brachte Pranas Skardžius eine solche Darstellung ohne Quellenangaben mit dem Ziel in Verbindung, „ein ausführliches Lehrbuch der litauischen Grammatik zu verfassen“ (Skardžius 1998a: 702). 5 Litauischen Spracherscheinungen, die keine vergleichbaren Entsprechungen in anderen indoeuropäischen Sprachen haben, widmet J. Otrębski mehr Aufmerksamkeit. Vgl. die Beschreibungen des habituellen Präteritums (OGJL3 221–224) oder der pronominalen Adjektive (ebd., 121). 6 Būta nuomonių, kad tie lyginimai nepakankami, plg. Skardžius 1998a: 702. 202 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Jano Otrębskio Gramatyka języka litewskiego (III – 1956, I – 1958, II – 1965): istorija ir dabartis 2. SACHLICHER INHALT DES OGJL 2.1. 1956: der dritte Band Formenlehre (Nauka o formach)7 Der Verfassungs- und Publikationsprozess des OGJL begann mit dem der Formenlehre8 gewidmeten Band, der eine darstellende und/oder flektierende Beschreibung der grammatischen Klassen (oder Wortarten) enthält. OGJL3 beschreibt folgende Wortarten: Substantiv, Adjektiv, Pronomen, Numerale, Verb, Adverb, Präpositionen und Postpositionen, Konjunktionen und Partikeln sowie Interjektionen. Die Kapitel und Unterkapitel sind auf Polnisch oder Lateinisch betitelt9. Das Kapitel zum SUBSTANTIV beginnt mit kurzen einleitenden Bemerkungen über den Ausdruck dieser Wortart durch die grammatischen Kategorien Kasus, Numerus und Genus. Im einleitenden Abschnitt werden die sieben Kasus10 sowie die Unterschiede zwischen der Deklination im Litauischen und im Polnischen kurz vorgestellt (OGJL3 1). J. Otrębski zufolge ist das in den damaligen praktischen Grammatiken des Litauischen etablierte und aus Danielius Kleins Grammatica Lithuanica (1653) nahezu unverändert übernommene Modell mit fünf Substantivdeklinationen oberflächlich und unzureichend (ebd., 6); deshalb verknüpft er die Flexionsparadigmen mit den historischen Flexionsstämmen des Substantivs11: -o- (vyras, svečias); -ā- / -iā- (jūra, giria); -(i)ē- (upė); -i- (ausis); -u- (sūnus) und konsonantischer Stamm (duktė, -ers; akmuo, -ens)12. In der Flexionsparadigmentabelle jeder Deklination 7 Zu OGJL3 siehe Skardžius 1998a: 701–708, 741–745. 8 In J. Balčikonis’ litauischer Übersetzung wurde für den Bandtitel der Begriff Morphologie gewählt. 9 Eine Ausnahme wird nur beim einzigen Adverb des Typs būdinys gemacht; siehe OGJL3 244. 10 Bei der Erörterung des historischen Zustands des Litauischen vergisst J. Otrębski auch den schwindenden oder bereits ausgestorbenen Illativ, Allativ und Adessiv nicht (OGJL3 76–81). 11 Ähnlich ist auch die von Jānis Endzelīns vorgelegte Beschreibung der Substantive anhand der Stämme –(i)o–, –iā–; –(i)ē–; –i–; –u– sowie des konsonantischen Stamms (vgl. Endzelīnas [übersetzt aus der Ausgabe von 1948] 1957: 104–130). 12 Auch DLKG bietet eine Beschreibung der Deklination nominaler Wörter nach Flexionsstämmen mit fünf Deklinationen (i)a, (i)u, (i)o, ē, i (und einer noch etwas feineren Unterteilung in 12 Paradigmen); siehe DLKG 68–69. In der Enzyklopädie der litauischen Sprache schlägt Vytautas Ambrazas eine noch stärker vereinfachte Beschreibung der Deklinationseigenschaften anhand der Flexionsstämme vor, vgl. LKE 328–329. Das von DLKG wie auch von LKE vorgeschlagene Deklinationsmodell ordnet die Substantive mit altem konsonantischem Stamm dem i-Stamm zu; siehe DLKG 69, LKE 329. Straipsniai / Articles 203 JŪRATĖ PAJĖDIENĖ Auch die Vokativform13 wird angegeben14 (dies ist für Leser nützlich, die nach vollständigen Deklinationsparadigmen suchen15); außerdem werden Akzentuierungsbesonderheiten und die Tendenz erörtert, zur Bildung des Vokativs Kurz- oder Koseformen zu wählen (ebd., 1–2). OGJL3 enthält viele praktische Hinweise, vgl. etwa den Hinweis auf mögliche Schwierigkeiten bei der Bestimmung des Genus von Substantiven mit i-Stamm und auf die in diesem Fall hilfreiche Endung des Dativs Singular (–iai oder –iui) sowie auf Feinheiten der Kennzeichnung von Kurzformen16. J. Otrębski zufolge sind einige Wörter mit i-Stamm ein Erbe des alten Neutrums – aufgrund des Vergleichs mit anderen indoeuropäischen Sprachen rechnet er diesem Erbe die Substantive akìs und širdìs zu (ebd., 37). Bei der Darstellung der Genuskategorie des litauischen Substantivs unterscheidet J. Otrębski zwischen grammatischem und natürlichem Genus (RODZAI NATURALNY), etwa bei vyras, žmona17. Zur letztgenannten Kategorie merkt er an, dass es im Litauischen (wie auch in anderen Sprachen) Substantive gibt, mit denen Personen beider natürlichen Geschlechter bezeichnet werden können – diese Substantive haben eine feminine Form und können Personen beider natürlichen beziehungsweise „natürlichen“ Geschlechter bezeichnen18, z. B.: bliūva „Heulsuse“, tvýla „jemand, der schweigsam und in sich gekehrt ist“, nenúopena „unersättlich“, radvilà „Findelkind“, vėpla „Tölpel“ und Ähnliches (ebd., 3–4, 5, 24, 37). J. Otrębski unterstreicht die besondere Bedeutung der Akzentuierung und legt die Grundlagen der Substantivakzentuierung dar19 (ebd. 13 Zur Möglichkeit, die durch Vokativformen ausgedrückten pragmatischen Funktionen nicht als Kasus, sondern als eigene grammatische Kategorie zu betrachten, siehe Judžentis 2012: 72–73. 14 Nachdem J. Otrębskis Aufmerksamkeit für die Vielfalt der Vokativformen erwähnt wurde, ist auch festzustellen, dass in einer Paradigma manchmal eine Variante fehlt (vgl. die Formen vėji (OGJL3 17) und vėjau (DLKG 71)). 15 Der mit dem Nominativ Plural übereinstimmende Vokativ ist nicht in die Deklinationsparadigmen des Substantivs in der DLKG aufgenommen (siehe DLKG 71, 73). 16 Vgl. die Anmerkung zu den mit dem Buchstaben f. (femininum) gekennzeichneten Feminina mit i-Stamm (OGJL3 4, 37) zusammen mit der Erklärung, dass dies die einzige Substantivgruppe ist, deren Hauptmerkmal (der Stammschluss) kein hinreichender Indikator für das grammatische Genus ist – dieses wird anhand der Dativendung im Singular bestimmt (ebd., 36–37). 17 Vgl. J. Otrębskis Beispiele für die Diskrepanz zwischen grammatischem (heute morphologischem) und natürlichem Genus, etwa Daukšà, dailìdė, tėtė, dėdė oder das nur in Dialekten verwendete gražùs pamer-gỹs, die Substantive aus älteren Schriftzeugnissen pelùs, žmonės in den Verbindungen tomis pelùmis, žmones savàs (OGJL3 4–5). Eine andere Auffassung vom „natürlichen Genus“ findet sich bei Skardžius 1998a: 702. 18 Apie hibridinius (substantiva communia) daiktavardžius daugiau žr. Judžentis 2012: 34–36. 19 J. Otrębski hielt eine umfassende Beschreibung des Zustands und der Entwicklung des Akzentuierungssystems der litauischen Substantive für eine sehr schwierige Aufgabe, die über die Ziele seiner Grammatik hinausging (OGJL3 65). In seiner Rezension von OGJL3 erwähnt Skardžius, dass er J. Otrębski hinsichtlich der Akzentuierung etwas vorzuwerfen habe, äußert sich dazu aber „aus fachlichen Gründen“ nicht; siehe Skardžius 1998a: 708. Einige der in OGJL3 vorgeschlagenen abweichenden Akzentuierungen könnten mit unterschiedlichen dialektalen Akzentvarianten zusammenhängen, vgl. etwa gėiba (OGJL3 23) und den Beleg geibà im LKŽ; ferner Ableitungen mit anderen Endungen (vgl. veidmainỹs (OGJL3 70) und das heutzutage für uns geläufigere veidmainis) und Ähnliches. 204 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Jano Otrębskio Gramatyka języka litewskiego (III – 1956, I – 1958, II – 1965): istorija ir dabartis ebd., 7–10). Anstelle der in den damaligen litauischen Grammatiken und Wörterbüchern etablierten Gruppierung der Akzentklassen nach der Position des festen Akzents und der Intonationsqualität der Silbe (ebd., 8) habe sich der Verfasser von OGJL für das von Kazimieras Jaunius vorgeschlagene, auf phonetischen Grundlagen beruhende Modell der Akzentklassen entschieden (ebd., 9); der Lesbarkeit halber werde er zwei oder drei erforderliche Formen anführen20, z. B.: jūra, (jūr)-os, ranką, (rañk)-os, rañką (ebd., 10). Es ist wichtig hervorzuheben, dass OGJL3 den Gebrauch litauischer Substantive nicht nur im Rahmen der damaligen geschriebenen Literatursprache behandelt (indem auch der Gebrauch in der gesprochenen Sprache berücksichtigt wird21), sondern auch unter historischem Gesichtspunkt22. Die Adjektivparadigmen werden mit den Formen beider Genera angegeben23. In diesem Kapitel widmet J. Otrębski dem Adjektiv dīdis, dīdi besondere Aufmerksamkeit: Er behandelt dessen Flexion, Herkunft und Gebrauch in den Dialekten und älteren Schriftzeugnissen (ebd., 85; 88; 92; 93–94; 117–118, 119; 120; 142) sowie seine Wortbildungsvarianten – das Deklinationsparadigma von dideli s, -ė (ebd., 108). Außerdem führt er interessante Beispiele für den Gebrauch der dualischen Formen von pronominalen Adjektiven mit nachgestelltem Zahlwort an, z. B.: kietuojudu, geruojudu; kietiejidvi, geriejidvi (ebd., 122). Bei der Beschreibung der Adjektive im Neutrum – dafür verwendet er die Termini rodzaj nijaki ir neutrum (ebd., 124, 127) – zählt er das Wort pawoiu dazu, das im Satz aus der Postille von Mikalojus Daukša (im Folgenden DP) vorkommt: Regí kaip pawoiu yr būt geriufę DP 27211 (wie auch jedes andere Beispiel aus DP wird dieser Satz in J. Otrębskis Grammatik zusammen mit dem polnischen Gegenstück aus Jakub Wujeks Postille zitiert, vgl.: Widźiß iako niebiepieczno ieft być w rofkoby.) (ebd., 125). Bei der Erörterung der Adjektive mit dem Stamm -io-, feminin -ė-, weist J. Otrębski auf den möglichen substantivischen Gebrauch zusammengesetzter Adjektive hin und führt minkštaširdis24 an, das sowohl eine adjektivische als auch eine substantivische Funktion erfüllen kann (doch nur der substantivische Gebrauch solcher Zusammensetzungen … 20 Bemerkenswert ist, dass J. Otrębski für die Bestimmung der Akzentklasse nicht den wichtigeren Dativ und Akkusativ Plural heranzieht, obwohl er die Bedeutung dieser Kasus für die Ermittlung der Akzentstelle hervorhebt und betont, dass Litauer in Zweifelsfällen selbst anhand dieser Formen die Akzentuierungsmöglichkeiten eines Substantivs überprüfen (OGJL3 9, 64–65). Zu diesen Kasus als Kriterium für die Bestimmung der Akzentklasse siehe Laigonaitė 1978: 35–36; zum Akzentgesetz des Dativs und/oder Genitivs Plural, das sich gut zum Erlernen der Akzentuierung eignet, siehe außerdem Stundžia 1995: 14. 21 Vgl. die Belege für Kurzformen des Lokativs Singular (valdžioje: valdžioj, gerklėje: gerklėj) sowie des Instrumentals Plural (valdžiomis: valdžiōms, katėmis: katėms) und ähnlicher Formen (OGJL3 32, 35). 22 Vgl. J. Otrębskis besondere Aufmerksamkeit für den Dual des Substantivs (z. B. dvi dukteri, du sūnu), der bereits im damaligen Litauischen ungewöhnlich gewesen sein könnte (OGJL3 2, 81–85). 23 Plg. J. Endzelīno pateiktą tik vyriškos giminės būdvardžių paradigmą (Endzelynas 1957: 130–136). 24 Vgl. die auf benachbarten Seiten dargestellten adjektivischen und substantivischen Paradigmen mit unterschiedlichen Formen des Dativs und Lokativs Singular (OGJL3 107, 108). Straipsniai / Articles 205 JŪRATĖ PAJĖDIENĖ ordnet den Vokativ zu25). Der Autor von OGJL betrachtet die sogenannten Adjektive, die einen unvollständigen oder übermäßigen Grad einer Eigenschaft bezeichnen und mit den Präfixen apý-, pó- sowie den Suffixen -ókas, f. -óka26 gebildet sind, als nahe an einem absoluten Gebrauch des Komparativs (OGJL3 129), vgl.: apý-dykis, f. apý-dykė ‚fast leer, unvollständig‘, pó-žalis, pó-žalė ‚etwas zu roh; nicht durchgebacken‘, gerókas, geróka ‚ziemlich gut; recht ordentlich‘27. Er erörtert außerdem die Möglichkeit, Gradformen von gradierbaren Ableitungen nichtadjektivischer Herkunft wie vyrèsnis, vyríausias, šunèsnis, pirmèsnis, pirmíausias usw. aus möglicherweise ausgestorbenen Adjektiven zu bilden (ebd., 133)28. Im Kapitel über Pronomen erläutert J. Otrębski die Herkunft der behandelten Pronomen, widmet dem Dual große Aufmerksamkeit und erwähnt interessante dialektale Formen wie vẽ-du, vẽ-dvi oder nuo-du (ebd., 139). In diesem Kapitel findet sich nicht das Wort támsta29, das J. Otrębski als Substantiv betrachtet, das beide natürlichen Geschlechter bezeichnen kann (ebd., 5). Interessante Beispiele veranschaulichen den Gebrauch von niekas, etwa unter dem Einfluss einer zweiten Negation – niekuo nedėtas ‚unschuldig; ohne Mängel, tadellos‘ – oder in der Verbindung niekai mergaitė ‚nichtsnutziges Mädchen‘ (ebd., 147). In der Beschreibung finden sich Verbindungen indefiniter Pronomen mit der entlehnten Partikel by: by kas; by kuris; by kóks30 (ebd., 158). 25 In Band I der LKG wird der Vokativ von Adjektiven mit dem Stamm -ia, -ė sowohl in den Paradigmen des Maskulinums als auch des Femininums angegeben, z. B.: auksini, -e; mažuti, -e; apýgeri, -e; baltažiedi, -e (LKG I 486, 487); DLKG gibt die Paradigmen der Adjektive mit (i)o-Stamm auf zweierlei Weise an: mit Vokativ (allerdings nur bei einigen maskulinen Adjektiven, z. B.: medinis, apýmažis, baltakāklis) und ohne Vokativ (z. B.: gerèsnis, gerèsnė, medìnė, apýmažė, baltakāklė) (DLKG 180, 184)). 26 Der Gebrauch von Gradformen ohne Vergleichskonstruktionen, wenn eine Eigenschaft lediglich expressiv bezeichnet wird, wird als absoluter Gebrauch von Gradformen bezeichnet; siehe Judžentis 2012: 88–89. „Den absolut gebrauchten Adjektivgraden sind die Ableitungen mit dem Suffix -okas und den Präfixen apý-, po- synonym“ (ebd., 89). Siehe dazu auch DLKG 195, 196, 224–226. 27 Die Bedeutungen solcher Adjektive werden in DLKG ebenfalls im Abschnitt zur grammatischen Kategorie des Grades erörtert, vgl.: „Keine Gradformen haben solche qualitativen Adjektive, die bereits durch ihre Wortbildungsbedeutung einen bestimmten Grad einer Eigenschaft ausdrücken“ (DLKG 173); hier wird auch darauf hingewiesen, dass vorkommende Komparativformen von Ableitungen mit den Präfixen po-, apy- zeigen, dass „die Bedeutungen der Ableitungen dieser Gruppe den Bedeutungen der grammatischen Gradformen nahekommen“ (DLKG 225). 28 Diskusiją šiuo klausimu žr. Skardžius 1997: 433–439; 1998a: 706. 29 DLKG bezeichnet tamsta als Personalpronomen der Höflichkeitsanrede (DLKG 257, 259), Albertas Rosinas hingegen als partizipiales Pronomen subjektiver Bewertung (Rosinas 1996: 38–44). Zu den Gründen, weshalb die Lehnübersetzung tamsta als Substantiv aufgefasst werden kann, siehe ebd., S. 44. 30 Diese Unbestimmtheit ausdrückenden zusammengesetzten Pronomen mit bi / by sind in den Dialekten verbreitet (vgl. LKG I 692–693) und gewinnen in jüngster Zeit auch in der gesprochenen Standardsprache wieder an Verbreitung. 206 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Jano Otrębski Gramatyka języka litewskiego (III – 1956, I – 1958, II – 1965): istorija ir dabartis Einige Leser von OGJL3 könnte das Kapitel über ZAHLWÖRTER überraschen, in dem die Wörter abù, abi; abùdu, abìdvi31 den Kardinalzahlen zugeordnet werden32 (ebd., 164), keleri, kėlerios; abeji, abejos den Kollektivzahlen (liczebniki zbiorowe) und keli, kelios den interrogativen indefiniten Kollektivzahlen33 (ebd., 172, 173). Im Kapitel über Zahlwörter wird auch der Gebrauch von Wörtern erörtert, die als Kollektivsubstantive bezeichnet werden, etwa penketas, šešetas usw. sowie keletas34 (ebd., 174). Beschrieben werden hier außerdem von Zahlwörtern abgeleitete Wörter mit den Suffixen -opas, -okas, -eriopas, -gubas, -linkas, -lypas, -ergas usw., die als Adjektive gelten (nicht nur dve-jópas, trejópas, vieneriópas, vienókas, sondern auch tūleriópas, -a ‚verschiedenartig, mannigfaltig‘, dvigubas, dvilinkas, dvilýpis, ketvérgis usw. (ebd., 175–176)) sowie Adverbien numerischen Ursprungs wie dviese, añtra, dvėja tiek, antraip, dvėj aip, dùkart, dùsyk usw. (ebd., 177–178). Die Beschreibung des VERBS besticht durch die Vielfalt des Materials: Wie in der gesamten Grammatik werden hier nicht nur Daten der heutigen litauischen Sprache, sondern auch interessante Fakten aus dem Alt-Litauischen und den Dialekten angeführt (vgl. etwa góti, gója, gójo ‚schnell gehen‘ (ebd., 214)); besondere Aufmerksamkeit gilt dem Dialekt von Tverėčius (so wird etwa die Neigung dieses Dialekts, kurze Verbformen zu verwenden, vgl. išėjo: išė, anhand eines vollständigen Konjugationsparadigmas illustriert: padabójau: padabáu, padėjau: padéu (ebd., 217)). In OGJL3 wird ohne Hinweis auf dialektalen Gebrauch das Konjugationsparadigma des Verbs gręsti ‚drohen, abschrecken‘ angegeben, das im Litauischen der Standardsprache als intransitiv gilt: grėsiau, grėsei, grėsė, grėsėme, grėsėte (ebd., 216). J. Otrębski erörtert eingehend die Modelle des Vokalwechsels im Verbalstamm, vgl.: málti: mãla, mãlė und dialektal mãlo sowie lėisti: léidžia: léido und dialektal léi-dė (ebd., 208–209)). Der Autor von OGJL interpretiert auf eigene Weise das heutige Litauische 31 DLKG ordnet abu, abi, abejì, abejos den positiven Sammelpronomen zu (DLKG 257). 32 Beide hielt A. Rosinas Zuordnung zu den Zahlwörtern für unbegründet: „Die semantische Analyse dieser Wörter zeigt, dass sie die Bedeutung ‚alle‘, d. h. eine pronominale Bedeutung, haben und verwendet werden, wenn eine Menge aus zwei Elementen besteht“ (Rosinas 1995: 47). Nach der Beobachtung dieses Forschers ordnet in grammatischen Beschreibungen des Litauischen nur selten ein Sprachwissenschaftler beide den Pronomen zu; unter den wenigen, die dies tun, nennt er K. Būga und P. Skardžius (Rosinas 2001: 101). Und tatsächlich finden wir beide den Zahlwörtern zugeordnet nicht nur in früheren Arbeiten (vgl. etwa Jonikas 1939: 63, Endzelynas 1957: 142, Senkus 2006: 245, 248, Senn (1966: 214), sondern auch in aktuellen Arbeiten zur litauischen Sprachwissenschaft, vgl. Smoczyński 2007: 2, Stundžia 2009: 84; 254, Dini 2014: 149. 33 DLKG betrachtet keleri, kėlerios als indefinite Pronomen, keli, kelios dagegen als Interrogativ- und Relativpronomen (DLKG 257). Rosinas beschreibt die Pronomen keli, keletas, keleri, keliolika als definite zählbare Pronomen (Rosinas 1996: 120). 34 DLKG bezeichnet das Pronomen keletas als indefinites unbestimmtes Pronomen (DLKG 257); Rosinas ordnet es den definiten Pronomen zu, die „die Zahl der abgegrenzten Elemente sehr unbestimmt angeben“ (Rosinas 1996: 119). Straipsniai / Articles 207 JŪRATĖ PAJĖDIENĖ das Paradigma des Futurs35 (ebd., 205) sowie den Ursprung des Präteritums Frequentativum36 (ebd., 222–224). In OGJL3 werden die Vielfalt und der Ursprung der Formen des Konjunktivs (OPTATYVUS)37 sowie dessen syntaktischer Ausdruck (CONDITIONALIS) ausführlich beschrieben (ebd., 230–234). Bei der Beschreibung reflexiver Konstruktionen (das Reflexivpartikel si wird als Pronomen38 bezeichnet) konzentriert sich OGJL3 auf den Gebrauch reflexiver Konstruktionen im Litauischen und Polnischen (ebd., 236, 237) sowie in anderen indoeuropäischen Sprachen (ebd., 239). J. Otrębski achtet auf verschiedene Modifikationen in der Standardsprache und in den Dialekten sowie auf die Erklärung der Wortherkunft (vgl. die Bemerkungen zum Wandel von –si- zu –s- oder –z-, z. B.: pazbārā, ačigulė, oder die Feststellung, dass ähnliche Modifikationen in der litauischen Literatursprache bisweilen nicht mehr unmittelbar miteinander in Verbindung gebracht werden, vgl. stvėrti neben tvėrti ‚ergreifen‘ hinsichtlich der Herkunftsbezüge zu *nu-s(i)-tverti-s(i) und dem in den Randgebieten gebrauchten nustvėrtis oder susizgribti ‚sich ergreifen, sich bewusst werden‘, das sich wahrscheinlich von *su-s(i)-gribti-s(i): griebti ‚ergreifen‘ ableitet (ebd., 238)). Der Autor von OGJL betont, dass der Supin (SUPINUM) nur in den Dialekten verwendet wird (ebd., 243–244). Für die Beschreibung der Būdini wählt er einen litauischen Terminus, erläutert dessen Bedeutung (und weist darauf hin, dass die andere Bezeichnung INFINITIVUS II nicht mehr gebräuchlich ist), hebt den verbalen Ausdruck der Form hervor (und merkt an, dass sie nicht mit einem Präfix, einer Negation oder einem Reflexivsuffix verschmilzt) sowie ihre adverbialen Funktionen39 (ebd., 244–245). Im Kapitel zum Verb behandelt J. Otrębski das PARTICIPIUM NECESSITATIS, bezeichnet es als Passivpartizipien40 und weist darauf hin, dass einige Bildungen mit dem Suffix –inas ihre partizipiale Bedeutung verloren und eine adjektivische Bedeutung angenommen haben (vgl. būtinas, dirbtinas) (ebd., 273–274). Bei der Beschreibung der Neutrum-Partizipien – PARTICIPIA W FORMACH NEUTRUM – verweilt der Autor von OGJL auch bei der angeblichen Partikelbedeutung „angeblich, als ob, gleichsam“41, vgl.: Ji, esą, to nežinanti. ‚Ona jakoby tego nie wie.‘ (ebd., 274). 35 Zu Jonas Kazlauskas’ Auffassung, dass J. Otrębski sie als „Mischung mehrerer unterschiedlicher indoeuropäischer Kategorien“ betrachtet, siehe Kazlauskas 1968: 366. 36 Aldona Paulauskienė widerspricht J. Otrębski, der das Suffix des Präteritums Frequentativum -dav „von derivationalen Iterativa im Präteritum mit dem Suffix -av und dem eingeschobenen Konsonanten d“ herleitet (siehe Paulauskienė 2006: 61–62, 84). 37 Šį aiškinimą Kazlauskas pavadino neįtikinėtinu (žr. Kazlauskas 1968: 399). 38 Dies ist in Arbeiten zur Sprachgeschichte üblich, vgl.: „Der Reflexivpronominalform nach gab es zwei Varianten: s(i) und se“ (Palionis 1967: 140). 39 Die Būdini werden in DLKG recht ähnlich behandelt (wobei die für Adverbien typischen Funktionen und der verbale Ausdruck der Form hervorgehoben werden), jedoch nicht im Kapitel zum Verb, sondern im Adverbienkapitel (DLKG 413–414). 40 Am Anfang des der Beschreibung des Partizips gewidmeten Kapitels in DLKG findet sich der Hinweis, dass Grammatiken neben den Passivpartizipien eine verbale Notwendigkeitsform ansetzen; ihrer Bedeutung nach „bilden solche Formen jedoch einen Gegensatz zu allen Partizipien“ (DLKG 354–355). 41 Zum zu einem Satzadverb (Partikel) gewordenen esą(s), das als Kennzeichnung der Wiedergabe fremder Worte dient, siehe Holvoet 2004: 113–114. 208 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Jano Otrębski Gramatyka języka litewskiego (III – 1956, I – 1958, II – 1965): istorija ir dabartis Adverbien werden ausführlich und knapp, nach Wortbildungs- oder Herkunftsnestern behandelt; dabei werden auch Beispiele selteneren Gebrauchs angeführt. Zur Veranschaulichung der Bedeutung wird häufig nicht nur eine Einwortübersetzung gewählt (vgl. die pronominale Herkunft von vis ‚hierher‘; die Wiedergabe von vis dėlto mit ‚jedoch‘ und von konè, kuonè mit ‚kaum (noch)‘), sondern auch eine Illustration durch eine Wortgruppe oder einen Satz (siehe ebd., 297–298). Präpositionen und Präfixe werden gemeinsam beschrieben42 (ebd., 308–357). J. Otrębski gibt verschiedene polnische Entsprechungen derselben Präposition an, z. B.: Kaip dur-nius su̇ grandele ‚Jak dureń z kółeczkiem (ogniwiem)‘; Gimė eriukai su̇ šešiomis kojomis ‚Urodziły się jagnięta o sześciu nogach‘ (ebd., 340). Hier werden auch interessante Fälle von Reduplikation behandelt, die in den Dialekten vorkommen (z. B.: papanurińko, papa-grįžo) (ebd., 357). Der Gebrauch der Präpositionen in den baltischen und slawischen sowie den litauischen und polnischen Sprachen wird verglichen; dabei wird die Tendenz des Litauischen bemerkt, präpositionale Verbindungen zu vermeiden, wobei nur iš po, iš už, iš anapus erwähnt werden (ebd., 356). Ferner wird erwogen, dass der gegenüber den slawischen Sprachen seltenere Gebrauch von Präpositionen auf den präpositionslosen Dativ und Lokativ des Litauischen zurückzuführen sein könnte (ebd., 357). Konjunktionen und Partikeln werden im Kapitel SPÓJNIKI I PARTYKUŁY behandelt (ebd., 358–370), Interjektionen und Lautmalereien43 hingegen im Kapitel WYKRZYKNIKI (siehe ebd., 371–377). 2.2. 1958: der erste Band Einleitende Bemerkungen. Lautlehre (Wiadomości wstępne. Nauka o głoskach) Im Vorwort zu diesem Band werden dem Leser nicht nur die Ziele von OGJL1, sondern auch die der Anlage und Konzeption der gesamten Grammatik dargelegt; außerdem werden Erläuterungen zum zuvor erschienenen Band OGJL3 gegeben, die wichtigsten sprachwissenschaftlichen Quellen genannt, die in OGJL44 herangezogen werden, und denjenigen gedankt, die zum Verfassen der Grammatik angeregt und dabei geholfen haben (darunter auch seiner Frau Helena Otrębska) sowie den Personen, die den Band OGJL3 rezensiert haben (OGJL1 XI–XII). Die litauische Sprache wird als Quelle wichtiger Daten für die Erforschung der indoeuropäischen Sprachen und die Rekonstruktion der indoeuropäischen Ursprache beschrieben und hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Indogermanistik dem Sanskrit, dem Altgriechischen, dem Lateinischen und dem Gotischen gleichgestellt (ebd., VII). In seiner Erörterung der bis dahin 42 In den einleitenden Bemerkungen zu OGJL2 werden die Gründe für diese Entscheidung erörtert – die gegenwärtige und historische funktionale Ähnlichkeit von Präpositionen und Präfixen sowie die funktionale Ähnlichkeit von Adverbien und Präpositionen (siehe OGJL2 IX). 43 Die heute in Beschreibungen des Litauischen übliche Unterscheidung von nicht einer, sondern zwei Wortarten (also nicht nur der Interjektionen) lässt sich auf den Einfluss der Grammatik von Jonas Jablonskis zurückführen; vgl. seine dortige Anmerkung zu den „Vergangenheitsbildwörtern“ – den Lautmalereien (Jablonskis 1997: 189). 44 J. Otrębski hebt ausdrücklich J. Endzelīns’ Ievads baltu filoloģijā (Riga, 1945) und E. Fraenkels Die baltischen Sprachen [...] (Heidelberg, 1950) als Werke hervor, die ähnlichen Zielen dienen. Straipsniai / Articles 209 JŪRATĖ PAJĖDIENĖ Bei der Erörterung der bis dahin erschienenen Grammatiken des Litauischen (der deskriptiven Grammatiken von Friedrich Kurschat, Kazimieras Jaunius und Jonas Jablonskis sowie der für die prußische Sprachvarietät bestimmten Werke von August Schleicher, Oskar Wiedemann und August Leskien) betont J. Otrębski den Bedarf an einer wissenschaftlichen Grammatik des Litauischen. Er merkt an, dass auch sein ursprünglicher Plan eine deskriptive Grammatik des heutigen Litauischen gewesen sei, der Verfasser im Laufe der Arbeit jedoch erkannt habe, dass auch Daten aus den litauischen Dialekten und der alten Schriftüberlieferung einbezogen werden müssten. Dieser Band besteht aus zwei Teilen: „Einleitende Bemerkungen“ und „Lautlehre“. In den „Einleitenden Bemerkungen“ werden der Ursprung des Namens Litauen beschrieben, die nötigsten Informationen zu den Dialekten gegeben (ihre wichtigsten Merkmale erörtert, Entsprechungen einiger dialektaler Wörter in der Literatursprache genannt45, Entwicklungstendenzen der Dialekte und der Literatursprache prognostiziert (ebd., 25–27)) sowie die wichtigsten alten litauischen Schriften vom Katechismus von Martynas Mažvydas (1547) bis zum Gesangbuch und den Gebetbüchern von Danielius Kleinas (1666) vorgestellt (ebd., 28–38). Ferner wird das Verhältnis des Litauischen zu anderen Sprachen untersucht (ebd., 39–71) und werden die wichtigsten Arbeiten über das Litauische präsentiert (Grammatiken, Wörterbücher und weitere bedeutende allgemeine und spezielle Studien) (ebd., 72–100). Im Teil „Lautlehre“ behandelt J. Otrębski Schriftzeichen und Rechtschreibung (ebd., 101–110) sowie die Aussprache von Vokalen und Konsonanten, die Intonation und den Wortakzent (ebd., 110–148). Dieser Teil enthält umfangreiche und breit angelegte Grammatikkapitel zum Vokalismus (ebd., 149–255) und zum Konsonantismus (ebd., 256–394). Darin zeigt sich die außergewöhnliche Fähigkeit des Verfassers, Varianten zu erkennen. Das illustrative Material wird hier auf mindestens drei Ebenen präsentiert – der Literatursprache, der Dialekte und der alten Sprache – und häufig zusätzlich durch vergleichende Beispiele aus anderen indoeuropäischen Sprachen ergänzt. 2.3. 1965: der zweite Band Wortbildung (Nauka o budowie wyrazów)46 Der zuletzt erschienene Band OGJL2 ist der Wortbildung gewidmet. Im Vorwort dieses Bandes findet sich erneut der Dank des Verfassers an H. Otrębska für ihre große Hilfe beim Verfassen der Grammatik; hervorgehoben wird die Bedeutung der von ihr beigesteuerten sprachlichen Fakten des Litauischen (OGJL2 VII)). Hier räumt J. Otrębski ein, dass der große Umfang des Untersuchungsmaterials, die Arbeit mit den Quellen und weitere Verpflichtungen sogar zehn Jahre in Anspruch nahmen. 45 Vgl. Gegenüberstellungen entsprechender Wörter des Samogitischen und der Literatursprache: apgerbti – aptvarkyti, vėpūtinis – pusnis, kampas – lankas usw. (OGJL1 13–15). 46 Zu OGJL2 siehe Skardžius 1998a: 843–851. 210 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Jano Otrębskio Gramatyka języka litewskiego (III – 1956, I – 1958, II – 1965): istorija ir dabartis zur Ausarbeitung von OGJL2. J. Otrębski betont, dass er sich beim Verfassen von OGJL2 ständig auf zwei frühere Beschreibungen der Wortbildung im Litauischen stützte – A. Leskiens Die Bildung der Nomina im Litauischen (1891) und insbesondere P. Skardžius’ Lietuvių kalbos žodžių daryba (1943) –, und erklärt, dass er in dieser Darstellung der Wortbildung seine Aufmerksamkeit auf den Zustand der behandelten Sachverhalte in der modernen litauischen Literatursprache zu konzentrieren suchte und anhand zahlreicher Belege aus älteren Schriften (insbesondere aus dem DP) die Verbindung zwischen den Fakten der heutigen Literatursprache und älteren Sprachdaten aufzeigen wollte. Im Vorwort zu OGJL2 hofft der Verfasser, der Leser werde selbst erkennen, worin sich seine Arbeit von dem Werk P. Skardžius’ unterscheidet, auf das sie sich stützt (ebd., VII). Und tatsächlich zeigt sich selbst bei einem flüchtigen Vergleich der Arbeiten von P. Skardžius und J. Otrębski, dass zwar der größte Teil des Tatsachenmaterials in beiden Werken übereinstimmt, die Gesamtstruktur von OGJL2, die zusätzlichen Interpretationen und Hypothesen den Leser jedoch dazu berechtigen, dem Werk J. Otrębskis den Vorrang einzuräumen. OGJL2 besteht aus drei Teilen: Der erste behandelt reduplikative Bildungen (z. B.: pilpinỹtėlis, saussausỹtėlis, gergeris, mažmožis, skan(s)konis, kryžkryžiais, priešpriešais), Zusammenbildungen und Komposita (ebd., 1–28), der zweite die Suffigierung von Substantiven und Adjektiven (ebd., 29–306), der dritte die Verbbildung (ebd., 307–416). Bei P. Skardžius ist die Gewichtung etwas anders verteilt: Allgemeines (siehe Skardžius 1996: 13–25), Wortbildung nominaler Stämme (ebd., 26–392), Wortbildung nominaler Komposita (ebd., 393–456), Wortbildung von Verbalinfinitivstämmen (ebd., 457–555) und Natürliche Wortbildung und Neubildungen (ebd., 556–606). J. Otrębskis Darstellung ist stringenter und informativer und belastet den Leser weniger mit aus dem Zettelkatalog des LKŽ übernommenen Dialektangaben. Auch Beispiele aus älteren Schriften werden aus der Arbeit P. Skardžius’ in OGJL2 übernommen47, doch werden ihnen häufig neue hinzugefügt. Bei der Gruppierung des Tatsachenmaterials zu Wortbildungsmodellen bemühte sich P. Skardžius, dem alphabetischen Prinzip zu folgen, während J. Otrębski ein thematisches Prinzip wählte, das semantische Nuancen hervortreten lässt48. Der größte Teil der Bildungen beider Autoren 47 Zum Beispiel Verweise auf das Wörterbuch von K. Sirvydas, gelegentlich sogar Belege aus dem DP (OGJL2 231, 233; vgl. auch die Darstellung von akmenyčia bei J. Otrębski (ebd., 258) und P. Skardžius (Skardžius 1996: 357)). Die von J. Otrębski selbst beobachteten Belege aus älteren Schriften stammen meist aus dem DP; die Häufigkeit der Beispiele aus dieser Quelle zeigt sich sogar in der Änderung der Quellenangabe: Ab der Mitte des OGJL2-Bandes wird statt des vollständigen Quellenverweises die Kurzform „w PD“ verwendet. Auch aus anderen älteren Schriften werden Belege angeführt, die P. Skardžius nicht aufgenommen hatte; vgl. die Anmerkung zum Wort Pl. atū́oriečiai ‚pszenica jara‘, das bereits im Wörterbuch von K. Sirvydas belegt ist (OGJL2 19). 48 Vgl. beispielsweise die Beschreibung der Ableitungen mit dem Suffix –ena, die ein verendetes Lebewesen bezeichnen (dvėsena, gaišena, puolena, stipena), oder mit diesem Suffix samt dem zusätzlichen Morphem –el- (dvėselena, stipelena, merlena), sowie die Beschreibung von Wörtern mit der Bedeutung der Abtrennung von Teilen eines Gegenstands lūženos, pjūvenos, sviltenos in OGJL2 (177–178) mit der Darstellung entsprechender Ableitungen bei P. Skardžius (Skardžius 1996: 228, 232). J. Otrębski hebt die semantischen Merkmale stärker hervor. Eine Darstellung der Substantivbildung nach Bezeichnungen für Sachgruppen anhand eines ähnlichen Modells findet sich auch in LKG und DLKG. Straipsniai / Articles 211 JŪRATĖ PAJĖDIENĖ In den Arbeiten werden sie ähnlich bewertet und beschrieben; manches wird von J. Otrębski ausführlicher behandelt⁴⁹ (zum Beispiel die Präfixbildung⁵⁰), häufig durch neue Daten ergänzt und eigenständig interpretiert⁵¹. 3. BESONDERHEITEN DER GRAMMATISCHEN BESCHREIBUNG IN OGJL 3.1. Terminologie Den Eindruck von Einfachheit und Universalität der grammatischen Beschreibung verstärkt OGJL durch eine lateinische Terminologie, die allgemeinste Sachverhalte bezeichnet, z. B.: neutra, dat. sg., passivum, participium necessitatis, futurum, futurum exactum, genetivus auctoris (zur Bezeichnung der Kasus wird ausschließlich die lateinische Terminologie herangezogen) usw. Selbstverständlich werden in dieser Grammatik auch polnische Bezeichnungen für grammatische Gegebenheiten verwendet (zum Beispiel für die Wortarten: rzeczownik, przymiotnik, zaimek usw.), die bisweilen abwechselnd mit lateinischen verwendet werden (vgl. rodzaju żeńskiego,go, das durch das lateinische feminina oder dessen Kürzel f. ersetzt wird). Die Eigenart einiger litauischer grammatischer Erscheinungen wird sogar durch einen litauischen Begriff hervorgehoben, der als Kapitelüberschrift gewählt wurde; vgl. das bereits zuvor erwähnte BŪDINĮ (ebd., 244). Einige in litauischen grammatischen Beschreibungen verwendete Fachbegriffe ersetzt J. Otrębski durch ihm genehmere; so wird etwa der Begriff geidžiamoji nuosaka, der ‘tryb życzenia’ entspricht, durch PERMISSIVUS ersetzt, tariamoji nuosaka ‘coniunctivus’ durch CONDITIONALIS usw. (ebd., 263). Bei der Beschreibung der Wortbildung stützt sich J. Otrębski auf die in der indogermanistischen Tradition verwendete Terminologie der Wortzusammensetzung, die er kurz erläutert (vgl. die Behandlung des Typs dwandwa-m bahuvrīhi (OGJL2 8–9, 23)) oder im Titel auch eine litauische Veranschaulichung des Wortbildungsmodells anführt (vgl. žodženia typu aki-pleša (NOMINA AGENTIS), žodženia typu aki-mirka (NOMINA ACTIONIS) (ebd., 11, 13)). 49 Zum Beispiel wird keršas in den Arbeiten beider Autoren als Adjektiv mit dem Suffix -š- beschrieben (vgl. Skardžius 1996: 315; OGJL2 223), doch behandelt J. Otrębski es neben den Reduplikationsbildungen als aus zwei bedeutungsähnlichen einfachen Wörtern zusammengesetzt. Manches wird unterschiedlichen Wortbildungstypen zugeordnet, vgl.: geležis, mundartlich gelžis behandelt J. Otrębski neben den Reduplikationsbildungen als interessante Bildungen aus zwei bedeutungsähnlichen einfachen Wörtern (OGJL2 4), während P. Skardžius es im Abschnitt zu den Bildungen auf -is behandelt (Skardžius 1996: 51). 50 Die meisten Bildungen dieses Typs, die in OGJL2 vorkommen, finden sich nicht im Werk von P. Skardžius; vgl. Ableitungen aus Präpositionalverbindungen, z. B. įnamys, ančtelis ‘brzeg drogi’ usw. (OGJL2 19). 51 Vgl. zum Beispiel die ergänzende Erläuterung zu den Ableitungen auf -bas, -ba zu šlubas (:klubas) (OGJL2 230). 212 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Jano Otrębskio Gramatyka języka litewskiego (III – 1956, I – 1958, II – 1965): istorija ir dabartis 3.2. Art der Veranschaulichung Die Eigenart von OGJL beruht auf der breiten Auswahl an Beispielen: Häufig werden Beispiele aus der damaligen offiziellen litauischen Literatursprache neben Beispielen aus der gesprochenen Sprache angeführt, die Unterschiede im Sprachgebrauch erkennen lassen52. Zur Veranschaulichung dienen auch Belege aus Dialekten5354 (aus Tverečius und Pagramantis55, seltener auch aus anderen Orten56), die die sprachliche Variation veranschaulichen, sowie aus der älteren litauischen Schrifttradition (OGJL lässt sich auch als eine Grammatik der Sprache von Daukšas Postilė (1599) bezeichnen); die Belege werden meist mit einer genauen Quellenangabe versehen57. J. Otrębski scheut sich nicht, Erscheinungen des grammatischen Ausdrucks im Litauischen vor dem breiteren Hintergrund der indogermanischen Sprachen zu betrachten58. 3.3. Verhältnis zur Tradition der grammatischen Beschreibung der litauischen Sprache Das zuerst erschienene OGJL3 gab keinerlei Auskunft über die allgemeinen Grundsätze dieser Grammatik und überraschte selbstverständlich durch die geringe Zahl früherer grammatischer Arbeiten 52 Vgl. Voll- und Kurzformen – den Vokativ brālau und brā (OGJL3 1) oder den Lokativ kelyjė / kelý, rugiuosė / rugiuõs (ebd., 21). 53 Vgl. die zweifachen Varianten der Adjektive: lipnus / lipus, prašnūs / prašūs, kalbnus / kalbus, skaudrus / skaudus, skubrus / skubus oder die dreifache Präsensform des Verbs kosėti: kosti, kosi, kosėja (OGJL2 61, 363). 54 Vgl. die Erörterung der Vokativformen in OGJL3 (S. 15), die Erläuterungen zur Aussprache von māmā (ebd., 25) oder die Varianten der Vokativformen des Substantivs velnias in der Literatursprache – velnė, vel’ne – sowie die dialektalen Formen velnỹ (ebd., 21). 55 Apie šį žemaičių dūnininkų tarmės plotą žr. Jonikas (1939: 2–7). Kad Pagramančio tarmės duomenų šaltiniu J. Otrębškiui buvo P. Joniko Pagramančio tarmė, rodo joje ir OGJL3 aptariamų kalbos vartojimo faktų sutapt ys, pavyzdžiui, sangrąžos dalelytės nukėlimą į žodžio galą konstrukcijose su neiginiu demonstruojantis nemuškias ‘nesimušk’, žr. Jonikas 1939: 66 ir OGJL3 237. Vėliau pasirodžiusiame OGJL1 J. Otrębskis nurodo, kad žemaičių tarmės pavyzdžius (tik kiek supaprastinęs rašybą) teikia remdamasis minėtuoju P. Joniko darbu (OGJL1 13). 56 Vgl. beispielsweise die angeführten Dialektdaten aus den Kreisen Alytus und Seinai (OGJL2 61), Dieveniškės, Ramygala, Debeikiai u. a. (OGJL3 14). 57 In OGJL finden sich sowohl abstrakte Hinweise (zum Beispiel aus Knygos nobāžnystės, Margarita theologica, der von Bretkūnas übersetzten Biblijos (OGJL3 181, 224, 236)) als auch konkrete Belege aus alten Schriften (zum Beispiel aus Knygos nobāžnystės (OGJL2 156), der Postille von 1600 (ebd., 176), dem anonymen Katechismus von 1605 (OGJL3 181), Chylinskis NT (ebd., 187), dem Katechismus von Mažvydas, dem Katechismus von Daukša (ebd., 231), Sirvydas’ Dictionarium (ebd., 357, 361), Sirvydas’ Punktų sakymų (ebd., 361)). 58 Vgl. die Bemerkung, dass die litauischen Komparativformen auf -esnis, f. -esnė in anderen indoeuropäischen Sprachen keine genaue Entsprechung haben (OGJL3 127), oder die Bemerkung zum genetischen Zusammenhang zwischen den beiden slawischen Sprachen bei der Erörterung der Konjunktivformen butumbi, dotumbi (ebd., 231). Straipsniai / Articles 213 JŪRATĖ PAJĖDIENĖ Erwähnung59. In den Einleitungen zu den später verfassten Bänden nennt J. Otrębski seine bevorzugten Autoren – A. Leskien, P. Skardžius, J. Endzelin und E. Fraenkel –, erwähnt sie im eigentlichen Text jedoch nur sehr selten60. Dieses Modell ist in Grammatiken klassischen Zuschnitts recht üblich, die lediglich ein allgemeines Verzeichnis der verwendeten Literatur enthalten. Zwar konnte J. Otrębski ein solches Verzeichnis für die Leser nicht mehr erstellen, doch lässt sich ein großer Teil davon anhand des Überblicks über die litauistische Literatur in OGJL1 und der Anmerkungen in den Vorworten zu OGJL1 und OGJL2 erschließen. 4. BEWERTUNGEN VON OGJL UND MÖGLICHE KÜNFTIGE ARBEITEN OGJL lässt sich als eine recht moderne Grammatik im klassischen Stil charakterisieren, in der vielfältiges Faktenmaterial zur litauischen Sprache sowohl ausführlich als auch maßvoll dargestellt wird. Der rationale und unüberladene Stil der grammatischen Beschreibung sowie ihr hypothetischer und vorsichtiger Charakter haben dazu beigetragen, dass OGJL lesenswert und aktuell geblieben ist. J. Otrębski und sein OGJL erhielten sowohl Lob61 als auch Kritik62; wahrscheinlich führte ihr großer Umfang dazu, dass sie nie ernsthaft rezensiert wurde. OGJL wurde, wird und wird auch künftig je nach Bedarf gelesen. Die von J. Otrębski vorgelegten Daten zur älteren und modernen litauischen Sprache sowie ihre Beschreibung dienten als Grundlage für spätere Arbeiten63; seine Ideen und Erkenntnisse 59 Solche Erwähnungen finden sich im Band OGJL3 nur wenige: Es handelt sich um Verweise auf die Arbeiten von D. Klein, K. Jaunius und J. Jablonskis (OGJL3 6, 9, 253). 60 Vgl. den im Text von OGJL2 enthaltenen Verweis auf A. Leskien (OGJL2 387). 61 Antanas Salys beschrieb J. Otrębski als „einen guten, herausragenden Spezialisten für die litauische Sprache“ (siehe Salys 1985: 29 [die Einschätzung wurde vor 1965 geäußert]); Jonas Kazlauskas bezeichnete ihn als einen der bedeutendsten Baltisten des 20. Jahrhunderts (neben K. Būga, J. Endzelin, E. Fraenkel und Ch. Stang), vgl. Kazlauskas (1968: 108); Algirdas Sabaliauskas nannte OGJL eine wirklich beeindruckende Untersuchung der Struktur der litauischen Sprache (siehe Sabaliauskas 1982: 150). 62 P. Skardžius, einer der Gegner, die J. Otrębski und seiner Grammatik am meisten (wenn auch recht unsystematische und kleinliche) Vorwürfe machten, vermochte persönliche Kränkungen nicht immer zu verschweigen (vgl. Skardžius 1998a: 701–708, 741–745, 851) und auch seine Verbitterung nicht, die am deutlichsten im Schluss der 1972 in der Zeitschrift Lietuvių kalbos gramatikosDraugas veröffentlichten Rezension zum ersten Band zutage trat: „Somit ist diese gesamte Grammatik (d. h. Band I von LKG – J. P.), obwohl sie keine historische Forschungsgrammatik ist, ein sehr wichtiger grammatischer Beitrag zur Wissenschaft von der litauischen Sprache und zugleich zur Baltistik und zur vergleichenden indogermanischen Sprachwissenschaft; vor ihr verblasst auch die dreibändige Gramatyka języka litewskiego. von J. Otrębski erheblich.“ (Skardžius 1998: 540–541). 63 Vgl. die in Zigmas Zinkevičius’ Lietuvių kalbos istorinėje gramatikoje regelmäßig angeführten Verweise auf OGJL (Zinkevičius 1980, 1981). 214 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Jano Otrębskio Gramatyka języka litewskiego (III – 1956, I – 1958, II – 1965): istorija ir dabartis werden in früheren, aber auch in den neuesten grammatischen Untersuchungen zur litauischen Sprache und/oder ihren Überblicksdarstellungen erörtert64, bestritten65 und aufgezeigt66. Fünfzig Jahre nach dem Druck des zuletzt erschienenen OGJL-Bandes wäre es wünschenswert, über Wortformenregister zum OGJL zu verfügen. Die heutigen technischen Möglichkeiten erlauben es, den im OGJL dokumentierten Reichtum der litauischen Sprache besser zu nutzen, als J. Otrębski selbst es beabsichtigt hatte. Ein elektronischer zweisprachiger (litauisch-polnischer) oder sogar bidirektionaler Index der Wortformen (mit umgekehrter Suche nach der litauischen Wortform anhand des polnischen Äquivalents) würde eine effiziente Nutzung der im OGJL angebotenen Beschreibung ermöglichen67 und zugleich ein umfassendes zweisprachiges Wörterbuch darstellen68, das verschiedene Wortformen69 und Bedeutungen70 miteinander verknüpft und synonymische und/oder antonymische Beziehungen zwischen Wörtern sichtbar macht71. Neben der Aktivierung des gesamten Wortregisters des OGJL gibt es noch eine weitere Möglichkeit – die Veröffentlichung des OGJL3 auf Litauisch: Eine elektronische Publikation könnte zugleich die in der Bibliothek der Universität Vilnius aufbewahrte, von J. Balčikonis autorisierte litauische Übersetzung des OGJL3 sein. Allerdings fehlen in der von J. Balčikonis erstellten litauischen Fassung des OGJL3 den Beispielen die polnischen Entsprechungen. Dies veranlasste den Übersetzer mitunter zu kreativem Vorgehen; andererseits fehlen diese polnischen Entsprechungen sehr, wenn bestimmte Bedeutungen litauischer Wörter (insbesondere seltenere) beschrieben werden sollen. 64 Vgl. LKG I 487, Mažiulis 1970: 132, 185, Kazlauskas 1968: 127, 176, 198, Paulauskienė 1979: 141, 159. 65 Vgl. Kazlauskas 1968: 399, Mažiulis 1970: 54, 210, 220, 228. 66 Z. B.: Ambrazas 2006: 105, 283, 314, 353, 445, 481; Judžentis 2012: 36, 169; Arkadiev, Holvoet, Wiemer 2015: 21, 36. 67 Als Beispiel sei das Register zu P. Skardžius’ Rinktinių raštų genannt, das den Zugang zu den Arbeiten dieses Autors erheblich erleichtert (siehe Skardžius 2013). 68 Als Beispiel und Prototyp eines solchen Projekts sei der an der Abteilung für Digitale Philologie der Philologischen Fakultät der Universität Vilnius erstellte Thesaurus Latino-Lituanicus Jungtinis lotynų–lietuvių kalbų žodynas nuo XVII iki XXI amžiaus genannt; Näheres siehe http://www.thesaurus.flf.vu.lt/ 69 Zum Beispiel gibt J. Otrębski für das Wort vienintelis die Bedeutung ‚samiutki‘ an. Diese Bedeutung von vienintelis im Sinne von ‚einzig, allein‘ hebt er außerdem durch weitere Ableitungen von der Wurzel vien- hervor: vienui vienas ‚samiuteńki‘, vienintėlis, vienėtėlis, vienūtis, vienutėlis, vienutūkas, vienužis, vičvienas, vičvienaitis (OGJL3 131, 132). Vgl. auch das im Lietuvių–lenkų kalbų žodyno angegebene Äquivalent von vienintelis: ‚jedyny‘ (LLKŽ 540). 70 OGJL teikiami išsamūs lietuviškų pavyzdžių atitikmenys lenkų kalba, pvz.: graudūs, -i ‘kruchy, tkliwy, rzewny, gorzki’ (OGJL3 95); tuščias, -ia ‘próżny, pusty, bezużyteczny’ (ten pat, 93); nurodomos ne tik populiarios, bet ir retesnės (pvz.: bėrnas ‘młodzieniec; kawaler; parobek’ (ten pat, 11), pusėtinas, -a ‘porządny, przyzwoity’ (ten pat, 102)), nublukusios (pvz. šokis (ne vien ‘tanec’, bet ir ‘skok’ = ‘šuolis’ (ten pat, 19)), nykstančios žodžių reikšmės, pvz.: eidinėti ‘chodzić’, eidinińkas ‘dobry piechur’ (ten pat, 272); dial. pagáulūs, -i ‘pojętny’ (ten pat, 110); negeróji ‘nieszczęście’, kreivóji ‘linia krzywa’ ir pan. (ten pat, 111). 71 Vgl. beispielsweise den Antonymenkontrast opus <->rambus, der aus der OGJL-Beschreibung hervorgeht: opùs, -i ‚wrażliwy, czuły; trudny do gojenia‘; […] rambùs, -i ‚nieczuły, niewrażliwy na bicie‘ (OGJL3 97). Straipsniai / Articles 215 JŪRATĖ PAJĖDIENĖ ZUSAMMENFASSUNG OGJL kann als wissenschaftlich weiterhin wertvoll eingeschätzt werden. Diese Grammatik macht denjenigen, die die heutige Sprache erforschen und insbesondere kodifizieren, deutlich, wie notwendig es ist, sich auf die Gesamtheit der lebendigen Sprache zu stützen und die allgemeine Kenntnis der Sprachgeschichte nicht zu vernachlässigen. Bei der Lektüre von J. Otrębskis „Grammatik der litauischen Sprache“ begleitet einen stets der Eindruck, dass sie mit dem Ziel verfasst wurde, Wissen zu teilen, und dass dies mit Freude geschah. Daher lässt sich OGJL als eine Grammatik bezeichnen, die mit Interesse und Vergnügen zu lesen ist. Die Modelle der linguistischen Beschreibung verändern sich ständig; über längere Zeiträume hinweg ändert sich auch die Sicht auf das beschriebene Material erheblich. Daher hat dieser Beitrag versucht, auf die Besonderheiten der von J. Otrębski verfassten Arbeit zum Zeitpunkt ihrer Entstehung aufmerksam zu machen und die auffälligeren Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Modellierung sowie in der Gruppierung und Zuordnung des Materials zu erörtern, die zwischen dieser und später veröffentlichten grammatischen Beschreibungen festgestellt wurden. Grammatiken sind keine Texte, die man linear liest. Gewöhnliche Leser suchen in Grammatiken meist nur nach Material zu einer sie interessierenden Frage. Daher erleichtern Sach-, Wortformen- und Eigennamenregister die Suche nach den in einer Grammatik enthaltenen Informationen und insbesondere nach dem Faktenmaterial. Für OGJL sind Register angesichts der Vielfalt und des Umfangs des Illustrationsmaterials besonders notwendig; die parallelen polnischen Entsprechungen zu den Beispielen lassen zudem an ein im virtuellen Raum verfügbares zweisprachiges Wörterbuch denken, das zugleich die fortdauernde Lebendigkeit von J. Otrębskis grammatischem Denken aktualisieren würde. Ein solches Register zusammen mit einem Faksimileausschnitt der entsprechenden Seite aus J. Otrębskis Grammatik könnte auch das Problem des Zugangs zum Text von OGJL lösen, der zu einer bibliografischen Rarität wird. QUELLEN UND LITERATUR Ambrazas Vytautas 2006: Lietuvių kalbos istorinė sintaksė. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas. Arkadiev Peter, Holvoet Axel, Wiemer Björn 2015: Introduction Baltic Linguistics: State of the Art. – Contemporary Approaches to Baltic Linguistics (Trends in Linguistics Studies and Monographs), ed. by Peter Arkadiev, Axel Holvoet & Björn Wiemer. Berlin, Boston: De Gruyter Mouton, 1–109. Prieiga internete: http://www.academia.edu/5617002/Baltic_linguistics_State_of_the_art http://www.researchgate.net/publication/281175671_Introduction._Baltic_linguistics_state_of_the_art Dabartinės lietuvių kalbos žodynas 2011: šeštas (trečias elektroninis) leidimas. Kompaktinė plokštelė / redaktorių kolegija: Stasys Keinys (vyr. redaktorius), Laimutis Bilkis, Jonas Paulauskas, Vytautas Vitkauskas. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 2006; internetinė versija http://dz.lki.lt 216 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Jano Otrębskio Gramatyka języka litewskiego (III – 1956, I – 1958, II – 1965): istorija ir dabartis Dini Pietro Umberto 2014: Foundations of Baltic Languages. Vilnius: Vilnius University. DLKG – Grammatik der litauischen Gegenwartssprache, vierte, überarbeitete Ausgabe, Hrsg. Vytautas Ambrazas. Vilnius: Institut für Wissenschafts- und Enzyklopädiewesen, 2006 (1994). Endzelīnas Jānis 1957 [1948]: Baltų kalbų garsai ir formos. Vilnius: Valstybinė politinės ir mokslinės literatūros leidykla. Holvoet Axel 2004: Evidencialumo kategorija. – Gramatinių kategorijų tyrimai, red. Axel Holvoet, Loreta Semėnienė. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 105–120, 168–169. (= Lietuvių kalbos gramatikos darbai 2.) 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Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla. Rosinas Albertas 2001: Mikalojau(s) Daukšos tekstų įvardžių semantinė ir morfologinė struktūra. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas. Sabaliauskas Algirdas 1982: Lietuvių kalbos tyrinėjimo istorija. 1940–1980 m. Vilnius: Mokslas. Salys Antanas 1985: Baltų kalbos, tautos ir kiltys. Vilnius: Baltos lankos. Senkus Juozas 2006: Kalbotyros darbai. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas. Senn Alfred 1966: Handbuch der litauischen Sprache 1: Grammatik. Heidelberg: Carl Winter, Universitätsverlag. Skardžius Pranas 1996 [1943]: Rinktiniai raštai 1. Lietuvių kalbos žodžių daryba. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla. Skardžius Pranas 1997: Rinktiniai raštai 2. Bendrinės kalbos dalykai. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas. Skardžius Pranas 1998: Rinktiniai raštai 3. Bendrinės kalbos kultūra. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas. Skardžius Pranas 1998: Rinktiniai raštai 4. Moksliniai straipsniai ir studijos. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas. Skardžius Pranas 2013: Rinktiniai raštai 7. Rodyklės ir bibliografija, par. Eglė Žilinskaitė-Šinkūnienė, Mindaugas Šinkūnas. Vilnius: Vilniaus universitetas. Smoczyński Wojciech 2007: Słownik etymologiczny języka litewskiego. Vilnius: Vilniaus Universitetas. Stundžia Bonifacas 1995: Lietuvių bendrinės kalbos kirčiavimo sistema. Vilnius: Vilniaus universiteto leidykla. Stundžia Bonifacas 2009: Bendrinės lietuvių kalbos akcentologija. Vilnius: Vilniaus universiteto leidykla. Zinkevičius Zigmas 1980: Lietuvių kalbos istorinė gramatika 1. Vilnius: Mokslas. Zinkevičius Zigmas 1981: Lietuvių kalbos istorinė gramatika 2. Vilnius: Mokslas. 218 Acta Linguistica Lithuanica LXXIII Jano Otrębskio Gramatyka języka litewskiego (III – 1956, I – 1958, II – 1965): istorija ir dabartis Jan Otrębski’s Gramatyka języka litewskiego (III – 1956, I – 1958, II – 1965): History and Today ZUSAMMENFASSUNG Der Artikel behandelt den Publikationsprozess einer dreibändigen litauischen Grammatik des berühmten polnischen Linguisten Jan Otrębski (1889–1971), den Aufbau der grammatischen Beschreibung, ihre Besonderheiten und Bewertungen. Die Anlage dieser Grammatik ermöglicht es, sowohl ein Verzeichnis der darin verwendeten Wortformen als auch ein Verzeichnis ihrer polnischen Entsprechungen zu erstellen. Ein modernes elektronisches Wörterverzeichnis der Wortformen würde die Wirkungskraft von J. Otrębskis grammatischem Denken stärken und wäre eine hervorragende lexikografische Quelle für die litauische und polnische Sprache sowie ein Lehrmittel. Ein solches Verzeichnis mit einem Faksimileausschnitt der einschlägigen Seite aus J. Otrębskis Grammatik würde außerdem zur Lösung des Problems beitragen, den Text dieser Grammatik zugänglich zu machen. Eingegangen am 22. Mai 2015. JŪRATĖ PAJĖDIENĖ Lietuvių kalbos institutas Petro Vileišio g. 5, LT-10308 Vilnius, Lietuva [email protected] Straipsniai / Articles 219