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Bemerkungen zur Problematik der baltischen Ortsnamen westlich der Weichsel

Darius Ivoška

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DARIUS IVOŠKA Lietuvių kalbos institutas Wissenschaftliche Forschungsrichtungen: Onomastik, Baltisch-deutsche Sprachkontakte. BEMERKUNGEN ZUR PROBLEMATIK DER BALTISCHEN ORTSNAMEN WESTLICH DER WEICHSEL Keletas pastebėjimų dėl baltiškų vietovardžių į vakarus nuo Vyslos problematikos ANNOTATION Die Frage der Grenzen des Wohnareals der Balten ist immer noch ein Thema, das die Fachleute verschiedener Wissenschaften, besonders Historiker, Sprachwissenschaftler und Archäologen zur Diskussion vereinigt. Die Versuche einer genauen Identifizierung des exakten ehemaligen Siedelgebietes der baltischen Völker, fußen nur auf der Erforschung der bescheidenen Sprachdenkmäler, der archäologischen Funde und auf einer ständigen Überprüfung und Neueinschätzung der zahlreichen in Betracht kommenden wissenschaftlichen Werke. Das Bestreben des Beitrags besteht darin, neue onomastische Tatsachen bzw. neue Oikonyme und unbekannte Varianten der bereits gebuchten Ortsnamen vorzulegen, die wertvolle Informationen für weitere Untersuchungen auf dem Gebiet der Erforschung des Wohnareals der baltischen Völker westlich der Weichsel liefern. SCHLÜSSELWÖRTER: Onomastik, Ortsname, Personenname, Flurname, Etymologie. ANNOTATION The question of the boundaries of the area inhabited by the Balts remains the topic which brings the specialists of different areas, especially historians, linguists and archaeologists, into a discussion. The attempts to identify the exact borders of the non-existing Baltic tribes are only based on modest language testimonials of the nation and archaeological findings by interpreting and evaluating the abundance of scientific works related to them. The article aims at presenting original facts of onomastics, in other words, new 208 Acta Linguistica Lithuanica LXXIV Bemerkungen zur Problematik der baltischen Ortsnamen westlich der Weichsel oikon yms as well as new variants of the already discussed toponyms which can provide new information for the research related to the area inhabited by the Baltic nations westwards from the Vistula river. KEYWORDS: onomastics, place name, personal name, field name, etymology. EINLEITUNG Mit der Bedeutung der ON bei der Feststellung der Siedlungsgebiete von Völkern hat man sich schon relativ häufig auseinandergesetzt, es ist, soweit bekannt, kein Zweifel daran zum Ausdruck gebracht worden. Die Siedlungsgebiete der Völker sind seit langem ein Forschungsschwerpunkt von Historikern, Archäologen, Geographen und Sprachwissenschaftlern. Wie vom Autor des Beitrags bereits erwähnt1, sind die zuverlässigste und wichtigste Quelle des Ortsnamenbestandes der verstorbenen Sprachen die handschriftlichen Urkundensammlungen. Die Aufmerksamkeit wird wieder auf den OF 105 gelenkt. Das Ziel des vorliegenden Beitrags ist nicht, die bereits mehrmals behandelten Gewässer- und Siedlungsnamen anzugeben, sondern neue Tatsachen vorzulegen, die hoffentlich bei der Festlegung der westlichen Grenze der baltischen Völker behilflich sein könnten. Der OF 105 enthält umfangreiches und wichtiges Material an Eigennamen, die neue Daten über die von Preußen bewohnten Territorien und deren Grenzen liefern, was immer noch der Gegenstand für Diskussionen unter Sprachwissenschaftlern, Ortsnamen-, Geschichtsforschern und Archäologen ist. 1. DIE WESTLICHE GRENZE DER BALTEN IN DEN FORSCHUNGEN DES 20. JH.S Traditionell galt das gesamte Gebiet zwischen dem Oberlauf und dem Zufluss der Weichsel als westliche Grenze der baltischen Besiedlung. Im 4. 1 OF 105 enthält zahlreiche ON und PN und gehört zu den allerwichtigsten Quellen für die Erforschung der baltischen Eigennamen. 1925 hat Reinhold Trautmann in seinem Werk Die altpreußischen Personennamen (S. 3) bemerkt, dass es sehr kompliziert ist, die Pergamente des OF 105 zu lesen. Vielleicht sind deswegen viele ON von Georg Gerullis außer Acht gelassen und sind nicht in sein berühmtes Buch Die altpreußischen Ortsnamen aufgenommen worden (Ivoška 2015). Straipsniai / Articles 209 DARIUS IVOŠKA Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts fing man an, über die Balten westlich der Weichsel zu sprechen. Zur Diskussion schlossen sich Sprachwissenschaftler und Archäologen zusammen. Der Sprachwissenschaftler Friedrich Lorentz2 legte 1933 in seinem Beitrag „Preußen in Pommerellen“ die Liste der ON westlich der Weichsel vor, die seiner Meinung nach preußischer Herkunft sein könnten. Seine Behauptungen begründete der Autor mit der Annahme, dass es in den Gebieten, die direkt an das von Preußen besiedelte Territorium gegrenzt hatten, auch einzelne Niederlassungen von Preußen gegeben haben könnte (Lorentz 1933: 53–58). 1939 führte der Archäologe Lothar Kilian3 8 ON – den Flussnamen Persante, die Oikonyme Saulin, Labehn und Labuhn, Powalken, Straduhn, Rutzau, Karwen 2 Friedrich Lorentz (geboren am 28. Dezember 1870 in Güstrow, Mecklenburg, gestorben am 27. April 1937 in Zoppot, Freie Stadt Danzig) war ein deutscher Privatgelehrter und Slawist. Er studierte Indogermanistik und Slawistik an der Universität Leipzig, 1894 promovierte er mit der Dissertation Über das schwache Präteritum des Germanischen und verwandte Bildungen der Schwestersprachen. Einer seiner Lehrer war Eduard Sievers gewesen. Nachdem er eine Zeitlang in Wismar gelebt hatte, zog er nach Karthaus um, in eine Gegend mit einem hohen kaschubischen Bevölkerungsanteil und widmete sich hauptsächlich der Erforschung der kaschubischen Sprache. Die Petersburger Akademie der Wissenschaften, die den Wert seiner Untersuchungen erkannt hatte, förderte den Druck seiner Arbeiten. Mit seinen Werken rettete er eine vom Aussterben bedrohte Mundart zumindest für die Wissenschaft. Über die Erforschung von Ortsnamen wuchs sein Interesse an der Geschichte und der Volkskunde der betreffenden Länder. Sein Großes Kaschubisches Wörterbuch mit 2747 eng beschriebenen Seiten blieb unvollendet und reicht nur bis zum Ende des Buchstabens „P“. Lorentz war seit 1927 auch tätiger Mitarbeiter am Ostland-Institut in Danzig und korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften zu Leningrad. Zu den bedeutendsten Werken Lorentz’ zählt man: Großes Kaschubisches Wörterbuch, Slovinzische Grammatik und Slovinzisches Wörterbuch, Kaschubische Grammatik, Deutsche und polnische Namen der wichtigsten Ortschaften Westpreußens links der Weichsel und zahlreiche Beiträge, die der Erforschung der Volksgeschichte und -kultur des pommerschen Gebietes gewidmet sind (https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Lorentz). 3 Lothar Kilian (1922–2000) wurde in Nidden, im damaligen Memelland geboren. 1939 hat er seine Dissertation über die Schnurkeramik an der Königsberg Universität verteidigt. Kurz danach wurde er in den Kriegsdienst einberufen, während des 2. Weltkrieges geriet in Kriegsgefangenschaft und ist erst 1949 freigelassen worden. 1951–1954 hat Kilian als Assistent an der Universität Bonn gearbeitet und die Grabungen im alten Lübeck unternommen. Seit 1957 arbeitete er als Kustos im Landesmuseum zu Trier. Nachdem Kilian Rentner geworden war, zog er nach Swisttal bei Bonn. Kilian hat viel zum Thema Steinzeit geschrieben. Er hat sich viel mit der Indoeuropäistik befasst, die Monographien Zum Ursprung der Indogermanen und Zum Ursprung der Germanen geschrieben. Zu seinem Interessengebiet gehören auch der Ursprung der Balten und deren Sprachenrelikte in den westeuropäischen Sprachen. Zu diesem Thema hat Kilian ungefähr 70 Beiträge veröffentlicht. Besonders wichtig sind die Monographien Haffküstenkultur und Ursprung der Balten (1955) und Zu Herkunft und Sprache der Prußen (1980) sowie 210 Acta Linguistica Lithuanica LXXIV Bemerkungen zur Problematik der baltischen Ortsnamen westlich der Weichsel Abb. 1. Abbildung aus dem Beitrag „Zum Aussagewert von Fund- und Kulturprovinzen“ (Kilian 1960: 47) vor, und betitelte den Beitrag vorsichtigerweise „Baltische Ortsnamen westlich über zwanzig Beiträge, die der baltischen Archäologie gewidmet sind. Kilian betonte, dass „die Lebensdauer einer Kultur und ihre Wandlung kein Kriterium für ihre Existenz ist. Auch eine sehr kurzlebige Kultur, die gar keine Zeit hat, sich zu wandeln, bleibt deswegen eine Kultur. Es ist also nicht förderlich, den Dauer- und Wandlungsbegriff in die Definition einer Kultur oder Kulturprovinz aufzunehmen. [...] Aber die Quantität allein hat keine Beweiskraft: ein Fundtyp braucht nicht in seinem Ursprungsgebiet am häufigsten zu sein. Maßgebend muss die auf einen beschränkte Verbreitung bleiben. Dabei braucht sich die Zahl der Fundtypen in einer Provinz Straipsniai / Articles 211 DARIUS IVOŠKA der Wechsel?“ mit einem Fragezeichen (Kilian 1939: 67–68. Anschließend deutete im Jahr 1943 der berühmte Sprachwissenschaftler und Autor des Begriffs Alteuropa, Hans Krahe, auf die Verbreitung der baltischen ON in dem umstrittenen Gebiet in seinem Beitrag „Baltische Ortsnamen westlich der Weichsel“ hin. Krahe betonte, dass der Flussname Persante poln. Persęta zur alteuropäischen Schicht gehört und rekonstruierte seine Urform *Persanta (Krahe 1943: 43–44). Im Jahr 1966 gab Vladimir Toporov in seinem Beitrag „K voprosu o toponimičeskich sootvetstvijach na baltijskich territoriach i k zapadu ot Vistly“ zwei Behauptungen bekannt: 1) die ON westlich der Weichsel können nur aufgrund baltischer sprachlicher Tatsachen gedeutet werden; 2) die aus dem Gebiet zwischen der Weichsel und der Elbe stammenden ON können mithilfe baltischen und slawischen Sprachgutes gedeutet werden (Toporov 1966: 103–104). 1980 trat der polnische Namenforscher Hubert Górnowicz auf, der sich in seiner Monographie Toponimia Powiśla Gdańskiego auch mit diesem Schwerpunkt befasst hatte, und später führte seine Behauptungen in dem ersten Band Gewässernamen im Flussgebiet der unteren Weichsel der Serie Hydronymia Europea an. Der Autor behauptet, dass die in den Unterlagen des Deutschen Ordens bis zum 13. Jh. gebuchten Eigennamen auf dem Hintergrund des ganzen polnischen Toponymiesystems archaisch sind, was sich nicht über die preußischen Eigennamen auf dem Hintergrund der anderen baltischen Gebiete sagen lässt. Da werden 8 patronymische ON als Belege angeführt: Gorowicy, Miedzicy, Mirowicy, Pirzchlicy, Połkowicy, Rucicy, Strzeszewicy, Wadkowicy, die bis zum 13. Jh. gebucht worden sind, und 6 weitere – Bolewice, Czekanice, Preiterowice, Raszewice, Wojsławice und Wojszewice, die nach dem Jahr 1300 gebucht worden sind. Im preußischen Eigennamengut fand der Autor nur archetypische Gewässernamen, die mit der Hydronymie und Toponymie aller baltischen Völker verbunden sind: *Audūnē, *Balawō, *Baldrapē, *Draudwajō, *Gil(ū)wē, *Sarijē, *Tūjā, *Urkūž, *Zirgūns und die Choronyme *Algems, *Pamedē, *Rezijā. Die in den Urkunden des Deutschen Ordens gebuchten preußischen ON haben nach Górnowiczs Meinung eine sehr „junge“ Struktur. Es muss bemerkt werden, dass in neun von vierzehn Fällen der oben genannten ON (Gorowicy, Pirzchlicy, Połkowicy, Rucicy, Strzeszewicy, Wadkowicy, Bolewice, Preiterowice, Wojszewice) der Autor seine Theorie über deren polnische Herkunft verteidigte und die frühere alternative Deutung für eine Preußifizierung/Verpreußung hielt (pln. prutenizacja) (Górnowicz 1980: 11–12). nicht mit der anderen zu decken, und sie wird es im allgemeinen auch nicht tun“ (Kilian 1960: 45–47). 212 Acta Linguistica Lithuanica LXXIV Bemerkungen zur Problematik der baltischen Ortsnamen westlich der Weichsel Der Karthäuser Priester Wilhelm Reinhold Brauer4 veröffentlichte 1983 sein Büchlein Preußische Siedlungen westlich der Weichsel. Versuch einer etymologischen Deutung heimatlicher Flurnamen und legte seine Bemerkung wegen der „verwandten Wurzel“ in den Flussnamen Persante, Peresna und dem Toponym Pirsna vor, deren Basis die vier Konsonanten PRSN bildeten. Der Autor nimmt an, dass sie alle baltischer Herkunft sein könnten. Einen besonderen Akzent legte er auf den scheinbar preußisch-baltischen Namen tragenden Werder Pirsna (poln. Pyrcaw), der dann zu einer Brücke zwischen Ost und West, bzw. zu einem fehlenden Hinweis („missing link“) werden sollte, der das Begreifen der gesamten ursprünglichen Ausdehnung der baltischen Völker- und Sprachenfamilie erleichtern könnte (Brauer 1983: 22-24). 1988 erschien sein anderes Büchlein – Baltisch-Preußische Siedlungen westlich der Weichsel, in dem (S. 21) der Autor seine Behauptungen nochmals wiederholte. Seine Werke erregten das Interesse von Toporov und Jürgen Udolph, das sich weiter zu einer heftigen Diskussion entwickelte und immer mehr Teilnehmer angezogen hat. Der deutsche Slawist, Kaschubologe und Baltist Friedhelm Hinze hat Brauers Büchlein Opusculum genannt und sehr scharf kritisiert. Hinze warf Brauer Mangel an Kenntnis der namenkundlichen Terminologie und onomastischen Methode, Gleichgültigkeit beim Etymologisieren und Abwesenheit von Folgerichtigkeit vor (Hinze 1989: 129). Ungeachtet dessen ist das Werk wegen des vorgelegten empirischen Materials bedeutsam. Als eines der Beispiele gilt die Deutung der Herkunft des Flussnamens Persante (poln. Parsęta), über den man sich nicht einigen konnte, obwohl sehr viel diskutiert wurde. Alteuropäische Herkunft des Flussnamens versuchten Krahe und Udolph zu beweisen, indem sie die Urformen *Persanta und *Persantā rekonstruierten. Udolph ging davon aus, dass die Etymologie des Flussnamens 4 Der Theologe und Pfarrer Wilhelm Reinhold Brauer (1902–1988) wurde in Karthaus in Westpreußen geboren. Als Pfarrer wirkte er in Posen (1928–1933) und Obornik (1933–1945). Nach dem Zweiten Weltkrieg u. a. von 1956 bis 1960 als Leiter der Berliner Stadtmission und von 1961 bis 1970 als Pfarrer zu St. Lorenz in Lübeck. Im Ruhestand widmete er sich der historischen Forschung und wurde zu einem der aktivsten Mitglieder der Copernicus-Vereinigung zur Pflege der Heimatkunde und Geschichte Westpreußens. Ausgehend von Forschungen zu seinem Heimatdorf widmete er sich dann der Frühgeschichte der Preußen und ihrer Missionierung. Anknüpfend an Erkenntnisse der 30-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ging es Brauer um den Nachweis, dass die Preußen in bisher nicht angenommener Stärke auch westlich der Weichsel siedelten. Seine sprachgeschichtlichen Untersuchungen reichen bis in eine Zeit zurück, dass sie nicht mehr nur die Preußen, sondern vielmehr überhaupt baltische Sprachen und Völker zum Gegenstand haben. Seine wichtigsten und wertvollsten Werke sind zwei Büchlein – „Prußische Siedlungen westlich der Weichsel“ (1983) und „Baltisch-preußische Siedlungen westlich der Weichsel“ (1988). (http://ub-goobi-pr2.ub.uni-greifswald.de/viewer/fulltext/PPN559838239_NF_75/151/) Straipsniai / Articles 213 DARIUS IVOŠKA völlig von der Erklärung der Schwankungen in dessen Überlieferung abhängig ist. Bei der Buchung des Flussnamens, angefangen mit der ältesten Form 1159 „trans fluu ium parsandi“ bis zu den späteren Formen des 14. Jh.s (1333) „trans persantam“, lassen sich zweierlei Schwankungen bemerken: Vokalismus in der Wurzelsilbe a zu e und Konsonantismus im Suffix -nd- zu -nt-. Krahe hat beides für rein graphische Wechselfälle gehalten und deutete dabei auf identische Wechsel in den ostpreußischen Namen. Udolph bezweifelte aber die Richtigkeit der frühesten, aus den päpstlichen Urkunden entnommenen Überlieferungen des Flussnamens und bemerkte, dass als vertrauenswert nur dessen von den Deutschen niedergeschriebene Varianten ab dem 13. Jh. gelten können (Udolph 1990: 234–237). Wolfgang P. Schmid behauptete, dass der Flussname Persante sicher weder germanisch noch slawisch sei, dürfe aber für baltisch gehalten werden. Der Autor unterstrich die Parallelen zwischen den Gewässernamen Peresuta in Pripjet-Gebiet und Pērse in Lettland und zwischen den Landschaftsnamen Pirsna in Pommern und Peresna in Dnepr-Gebiet, die eventuell für Balten in Pommern sprächen. Er betonte, dass die ursprüngliche Namengebung keine Benennung, sondern eine Bezeichnung gewesen war und deswegen kann hinter einem Namen auch nach einem Appellativum gesucht werden. So ließen Persante und Peresuta auf keinerlei Wanderbewegungen schließen, die nur im Fall der Namenübertragungen in Rechnung gestellt werden könnten (Schmid 1994: 274, 276–277). Diesen Behauptungen trat der polnische Sprachwissenschaftler Zbygniew Babik entgegen und im Jahr 2001 bemerkte er in seiner Dissertation Najstarsza warstwa nazewnicza na ziemiach polskich, dass die von Udolph rekonstruierte Urform *Persantā absurd sei. Der Autor kritisierte die Haltung Udolphs hinsichtlich der Überlieferungsqualität der Ony me in den päpstlichen, von den Italienern geschriebenen und in den von den Deutschen verfassten Urkunden. Solche Schlussfolgerungen führen, so Babik, in die Irre und lehnen die in päpstlichen Urkunden gebuchten frühesten Flussnamenvarianten bei der Rekonstruierung der Urform ab, wodurch die von Udolph rekonstruierte *Persantā nicht überzeugend wirkt (Babik 2001: 217). Die Frage der westlichen Grenze der von Balten besiedelten Territorien wurde auch mehrmals auf Konferenzen von Grasilda Blažiene behandelt. Im Jahr 2006 haben Kirstin Casemir und Jürgen Udolph die Rolle des Baltischen und Slawischen bei der Deutung der niedersächsischen ON akzentuiert. Die Autoren unterscheiden dreierlei Klassen der ON in Niedersachsen, bei deren zuverlässiger Herkunftsdeutung das Material der baltischen Sprachen in Betracht gezogen werden soll. Zu der ersten Gruppe gehören die auf Gewässernamen beruhenden ON, die der alteuropäischen Hydronymie oder einer ihr 214 Acta Linguistica Lithuanica LXXIV Bemerkungen zur Problematik der baltischen Ortsnamen westlich der Weichsel nahestehenden Namenschicht angehören. Hier bestehen die baltisch-germanischen Beziehungen darin, dass entsprechend gebildete Namen sowohl im Baltikum wie in Niedersachsen vorkommen. Die zweite Gruppe machen ON aus, deren Basen oder Elemente nicht aus dem Germanischen erklärbar sind, weisen aber genaue Parallelen zum Baltischen auf. Eine dritte Gruppe von Namen schließlich enthält Basen, deren Verwandte zwar im Germanischen nachweisbar sind, aber dennoch, um zu einer überzeugenden Deutung zu gelangen, des Baltischen bedürfen (Casemir, Udolph: 2006). 2. NEUE EINSICHTEN ZUR FRAGE DER ONYME WESTLICH DER WEICHSEL In dem vorliegenden Beitrag werden zwei ON aus dem Weichselgebiet angeführt und untersucht, die im OF 105 belegt sind. 2.1. ON Pipingisse Aufgrund der am 4. Mai 1352 von dem Hochmeister des Deutschen Ordens Winrich von Kniprode unterschriebenen Urkunde wurde das dem Thorner Hospital gehörende Dorf Pippingisse von Litauerreisen und den damit verbundenen Kostenbeiträgen befreit. In der Urkunde ist der ON Pippingisse gebucht worden: 1352 Eximimus villam Pippingisse pertinentem ad hospitatem in Thorun a faciendis Reysis Lytthowiensibus (OF 105, 236v), und in den PUB werden auch dessen Varianten Popingisehe und Pipingsee erwähnt (PUB V 27). Die in der Urkunde erwähnte Befreiung des Thorner Hospitals von den Litauerreisen5 ist eine der Tatsachen der Haltungsveränderungen des Deutschen 5 „Litauerreisen“ wurden gut geplante, kurzfristige und heimtückische Angriffe des Deutschen Ordens gegen das litauische Großfürstentum genannt. Der Anfang dieser Kriegsreisen ist auf das Ende des 13. Jh.s zurückzuführen. Litauische Historiker meinen, dass nach den erfolglosen Angriffen zu Soule (lit. Šiaulai) und zu Kuwერწlant (lit. Durbė) die Ritter des Deutschen Ordens die Kampftaktiken der litauischen Heere gut erforscht und sich auf die langfristigen Züge verzichtet haben mögen. Durch kurzfristige Züge und plötzliche Angriffe gegen die an der Grenze mit dem Ordensstaat liegenden litauischen Burgen und Dörfer wollte der Deutsche Orden die Macht der Litauer allmählich brechen und sie anschließend annektieren. Die Litauerreisen wurden häufig ab Ende des 13. bis Ende des 14. Jh.s besonders während der Regierungszeit des Hochmeisters des Deutschen Ordens Winrich von Kniprode 1351–1382 unternommen (LKSK 1964: 189–190). Die Änderungen in der kriegerischen Taktik beschreibt auch Antanas Kučinskas in seinem Buch Kęstutis und als Beispiel dazu führt er die misslungene Planung eines Straipsniai / Articles 215 DARIUS IVOŠKA Ordens, die größtenteils von zwei wesentlichen Ereignissen beeinflusst worden sind: 1) den Folgen der Pestpandemie, die ca. sechs Jahre gedauert hatte und 2) den großen Verlusten, die während der Angriffe gegen das heidnische Litauen im Jahr 1352 erlitten worden sind. Dadurch hat der Deutsche Orden die Hoffnung verloren, das litauische Großfürstentum zu besiegen und zu taufen. Der deutsche Historiker Johannes Voigt betont in seinem Werk Geschichte Preußens von den ältesten Zeiten bis zum Untergange der Herrschaft des Deutschen Ordens, dass die Hauptsorge des Hochmeisters Winrich von Kniprode nicht nur die Stärkung der militärischen Macht des Deutschen Ordens und Gewährung der Ordnung in Ordensburgen gewesen war, sondern auch der Wiederaufbau und die Entwicklung des stark verwüsteten Ordensstaates. Nach der großen europäischen Pestpandemie 1347–1353, die rund 25 Millionen Todesopfer raschen Eindringens in das litauische Großfürstentum im Jahr 1345 an, der durch einen Betrug ruiniert wurde. Die Ereignisse vom Januar 1345 werden von Kučinskas und von Augustinas Janulaitis in seiner Monographie Lietuvos Didysis Kunigaikštis Kęstutis beschrieben. Kučinskas bemerkt, dass der Deutsche Orden an seinen raschen Sieg geglaubt habe. Große auswärtige Heere sind eingeladen worden. Zum Zug haben sich die mächtigen Kräfte Europas versammelt: der tschechische König Johann mit seinem Sohn Karl, der ungarische König Ludwig mit seinen Begleitern, der holländische Graf Wilhelm IV, der Graf Gunter von Schwarzburg und viele andere, insgesamt ca. 200 verschiedene Fürsten. Als der Angriff geplant war und bald unternommen werden sollte, erhielt der Hochmeister eine Nachricht über das Vorhaben der Litauer mit einer großen Armee Samland bald zu stürmen. Der Hochmeister des Deutschen Ordens Ludolf König von Wattzau ist dann mit allen Fürsten zum Schluss gekommen, in Preußen zu bleiben, um das Samland zu verteidigen. Zur selben Zeit drangen die litauischen Heere in Livland ein, dessen Orden sich mit der Schwächung des Widerstands der Esten auf der Insel Ösel beschäftigt hatte. Der livländische Orden fühlte sich ganz geborgen und sicher, dass ihm keine Gefahr vom Westen drohte, weil das vom Deutschen Orden versprochen worden war. Die Litauer verbrannten zuerst die Burg Dobeln, dann marschierten sie Richtung Riga. Unterwegs verbrannten sie alle Mühlen, Dörfer, anschließend überfielen sie Neuermühlen (Novum Molendinum), beraubten alle Dörfer unterwegs, nahmen viele Männer und Frauen in Gefangenschaft und kehrten zurück. Der Deutsche Orden war völlig entsetzt, als er das Samland erreichte, und keine Feinde dort gefunden hatte (Kučinskas 1988: 40–43). Janulaitis schildert die Ereignisse von 1345 mit gewissen Details. Er behauptet, dass der Hochmeister des Deutschen Ordens unterwegs nach Litauen von einer Frau benachrichtigt worden war, dass der litauische „König“ sich für den Zug ins Samland bereitete. Der Hochmeister hätte Angst bekommen und alle aufgefordert, nach Preußen zurückzukehren, um sich zu beraten, was dagegen unternommen werden konnte. (Janulaitis 1998: 68–69). Nach dem Unglück des Deutschen Ordens 1345 wurden die Reisen nach Litauen mindestens zweimal im Jahr organisiert – einmal zu Lichtmess (2. Februar) und einmal zu Mariä Himmelfahrt (15. August) (Kučinskas 1988: 46). 216 Acta Linguistica Lithuanica LXXIV Bemerkungen zur Problematik der baltischen Ortsnamen westlich der Weichsel gefordert hatte, damit ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung, stand sehr viel Land besitzlos6. Die abgenommene Anzahl der Bevölkerung, besonders der kriegspflichtigen Männer, löste ein anderes Problem aus. Der Deutsche Orden war nicht im Stande, Kriege gegen das litauische Großfürstentum zu führen. Wegen des Beginn des Jahres 1352 durch den Judenmord während der Wallfahrten ins Heilige Land auf sich herangezogenen Zorns stellte der Deutsche Orden die Reisen nach Osten ein und zog gegen die Heiden, die volens nolens getauft werden sollten. Der seit einigen Jahren stillstehende Kampf gegen Litauen sollte erneuert werden7. Nach dem Tod des Hochmeisters des Deutschen Ordens Heinrich Dusemer im Jahr 1351 wurde der Großkomtur Winrich von Kniprode zum neuen Hochmeister erwählt und regierte 31 Jahre lang. Er rüstete sein Heer und, nachdem er Nachrichten aus Litauen erhielt, dass ungeachtet der heftigen Angriffe der Litauer auf Polen, zahlreiche Heere noch zum Raubzuge in den Ordensstaat in Litauen bereitstünden, stürmte er am 21. Februar 1352 die Gebiete des östlichen Samaiten und besiegte sie schnell bei Widukeln. Bei der Rückkehr des Heeres nach Preußen zwangen das schnell eintretende Tauwetter und starker Regen das Heer über Pastow und Ragnit. Das geraubte Vieh sollte zurückgelassen werden, viele Krieger starben aus Hunger, andere ertranken in den Gewässern, bedeckt mit brüchigem Eis. Tief betrübt kehrte der Hochmeister mit dem Rest des Heeres nach Preußen zurück. Einen noch größeren Schaden fügte das Eindringen der litauischen Heere ins Samland im Februar 1352 zu, wo die litauischen Fürsten Olgerd und Kynstutte zusammen mit dem Smolensker Fürsten Patirke Labiau, Schaaken und Powunden, Caymen und Gebiete bis zur Deime hin eroberten und plünderten. Die Dörfer wurden 6 Es war sein erstes Bemühen, die durch Pestkrankheit besitzlos gewordenen Lehenerbe, mit neuen Besitzern zu versehen und ihnen durch mancherlei Begünstigungen und Befreiungen in der schweren Zeit ihr Aufkommen und Gedeihen so viel als möglich zu erleichtern. So erhielten manche Begnadigungen im Erbrechte, andere freie Marktgerechtigkeit bei Verkauf ihrer Erzeugnisse, andere wieder Befreiung von den Kriegsreisen nach Litthauen u.s.w. (Voigt 1832: 96). 7 Dieser Kampf mit den Litthauern hatte einige Jahre geruht, denn die Waffen der Großfürsten waren in einem Kriege mit König Kasimir von Polen beschäftigt gewesen, der Anfangs im Siegerglücke sich bedeutender Länderstrecken, als des westlichen Volhyniens, Podoliens und anderer Gebiete, die den Litthauern durch den König selbst überlassen waren, bemächtigt hatte, bis diese sich wieder ermannen, ihre Macht durch Verbindung mit Russischen Fürsten verstärkend, nachdem sie den König von Polen, wie selbst den Papst durch vorgebliche Bereitwilligkeit zur Annahme des Christentums über ihre Ansichten eine Zeitlang getäuscht und dann deren Bemühungen für ihre Bekehrung gänzlich vereitelt hatten, die entrissenen Lande nicht nur wieder eroberten und die Polen überall vertrieben, sondern mit Tataren verbunden Polen selbst weit und breit überschwemmten und furchtbar verwüsteten (Voigt 1832: 91). Straipsniai / Articles 217 DARIUS IVOŠKA verbrannt, alle Männer getötet, Frauen und Kinder in Gefangenschaft genommen und nach Litauen gebracht. Der Kampf des Smolensker Fürsten Patirke (der Sohn Kynstuttes), der einen der Haufen gegen die Heere des Deutschen Ordens an der Deime geführt hatte, nahm ein böses Ende. Der Komtur Henning Schindekopf hat die Krieger bis an die Deime gejagt, einen Teil davon geschlagen, ein anderer ist in den Fluss eingestürzt und ertrunken. Nur der Fürst ist vom Komtur selbst vor dem Ertrinken gerettet und später freigelassen worden, um mit seiner Hilfe dem Großfürsten Kynstutte die traurige Botschaft über ihre Niederlage mitteilen zu können. Fürst Patirke sei der Einzige, der den Kampf überlebt hatte (Voigt 1832: 92–95). Der Litauische Historiker Kučinskas beschreibt die Kämpfe Kinstuttes und seiner Alliierten im Februar 1352 in seinem Buch Kęstutis. Er bezweifelt die Annahme von Voigt, dass der Fürst Patirke wirklich Kynstuttes Sohn gewesen war (Kučinskas 1988: 62). Die gespannten politischen Verhältnisse zwischen dem Deutschen Orden und dem litauischen Großfürstentum in der 1. Hälfte des 14. Jh.s und die oben beschriebenen Ereignisse führten zum Vorrang des inneren Wiederaufbaus des Ordensstaates gegenüber dessen Expansion nach Osten. Das Dorf Pippingisse war eines der Begünstigten, dessen Einwohner nach der Abkehr von den Kriegsreisen und der damit zusammenhängenden Gebühren befreit worden waren. Die Verfasser der PUB behaupten, dass das besprochene Dorf bis 1449 Pipingsee genannt wurde8, danach – Pigrza, und seit 1878 Ernstrode. Heute heißt es Pigża, und befindet sich im Gebiet Thorn, in der Wojewodschaft Lubianka. Alle genannten Varianten des ON werden in dem ausführlichsten polnischen Ortsnamenregister Nazwy miejscowe Polski angeführt (NMP VIII 457–458). Die in einer anderen Quelle erwähnten PN des noblen Preußen Pipinus und der Seenname lacus Pipini sind eine der am frühesten gebuchten preußischen Eigennamen: 1231 Tercium castrum habuit quidam nobilis Prutenus, sed Christianus multum infestus Pipinus nomine in quodam lacu, qui hodierna die dicitur lacus Pipini (SRP V 596). In den Scriptores Rerum Prussicarum im Teil „Cronica Prussyia, Fortsetzung der Danziger Chroniken“ wird die Expansion des DO in Preußen in Jahren 1226–1231 dargestellt9. Die Quelle schildert Ankunft der Brüder des Deutschen 8 Auch Popingisehe; Pipingsee zuletzt 1449 genannt (vgl. Weber, Preußen vor 500 Jahren S. 392), dann Pigrza, seit 1878 Ernstrode, Kr. und nw von Thorn (PUB V 27). 9 Habita ergo deliberacione te maturo consilio missus fuit frater Conradus de Landisberg, cum alio fratre versus Cuiaviam ad predictum ducem, qui statim de consilio militum suorum et episcoporum et pleno consensu ducisse et filiorum suorum Boleslai, Cazimiri et Semouiti concessit eis et ordini ordine eorum 218 Acta Linguistica Lithuanica LXXIV Bemerkungen zur Problematik der baltischen Ortsnamen westlich der Weichsel Ordens in der Stadt Thorn, die Einrichtung der Burg Vogilsank und einer anderen Festung zu Nessau (lat. Nessouia) mit einer Siedlung am westlichen Strand der Weichsel. Vogilsank war die erste Burg des Deutschen Ordens hinter der Weichsel, deren Gründer und Herr Bruder Konrad (Conradus de Landisberg SRP V 596) war. Bisher hatten die Brüder des Deutschen Ordens keinen Besitz in Preußen, deswegen baten sie den polnischen Fürsten ihnen eine Burg zu bauen. Der Fürst war sehr fromm und deswegen war er der Bitte der Brüder entgegengekommen. Die neugebaute Burg wurde Vogilsank (lat. cantus avium) genannt, weil dort die Ordensbrüder zusammen mit ihren Kriegern leidenschaftliche und sehnsüchtige Gesänge vor den Kämpfen gegen die Heiden gesungen hätten (Dusburgietis 1985: 81). Nach der Gründung der Burg Vogilsank bat Bruder Konrad den gottesfürchtigen Hochmeister Hermann von Salza, mehr Brüder und Krieger nach Vogilsank zu senden. Der Hochmeister ordnete als Marschall Bruder Dietrich von Bernheim nach Vogilsank ab. Ihm zur Hilfe folgten vier andere Brüder mit Waffenträgern und vielen Pferden. Sie bauten sich die Nessau-Burg auf einem Hügel direkt gegenüber der Stadt Thorn. (Dusburgietis 1985: 82). Nessau ist anno Domini m°ccxxi. terram Culmensen et Luyhaviensem iure hereditario perpetuo libere possidendam et se murum opponerent pro defensione Christianitatis contra paganos memoratos. Predictus ergo frater Conradus auxilio ducis in litore Wisle opposito, ubi nunc ciuitas Thorun sita est, in quodam monte presidium fecit, quod appellauit Vogilsank; et de hoc exercere cepit inimicias contra Prutenos. Postquam autem predicto magistro fratri Hermano de Zalcza factum innotuit, missit eis fratrem Hermanum dictum Balke cum aliijs quinque fratribus et armigeris pluribus; qui cum pariter conuenissent in Vogilsank, de consilio predicti ducis et militum eius castrum Nessouiam construxerunt. Postea anno Domini m°ccxxij cum predicto duce Conrado et aliijs fidelibus peregrinis fratre Hermanus Balke prouincialis magister et suis fratres transierunt Wislam ad partem Colmensen et iuxta ripam Wisle supra unam frondosam quercum edificauerunt propugnacula et circumfoderunt eam, eandem munitionem Thorun appellant et oppidum eusdem nomini ibidem fecerunt. Sed postea in breui ab eo loco castrum cum oppido ad locum, ubi nunc stat Thorun, transtulerunt. Eodem tempore Pruteni construxerant castrum quoddam Rogon nomine iuxta Wislam ultra Thorun et aliud inferius Thorun, ubi nunc est antiquum Culmen. Tercium castrum habuit quidam nobilis Prutenus, sed Christianis multum infestus Pipinus nomine in quodam lacu, qui hodierna die dicitur lacus Pipini. De hijs castris multa mala quasi cotidie paciebantur Christiani. Contigit autem quadam vice cooperante Deo, quod cruciferi cum Prutenos de primo castro conuenerunt ad pugnam et omnes occiderunt, excepto capitaneo, qui pro redimenda vita castrum tradidit et cruciferis adhesit; et in breui ipso duce castrum inferius per cruciferos fuit captum et insuper Pippinum sororium suum cruciferis tradidit, quem deleto castro suo taliter peremerunt.\nVentrem ipsius circa umbilicum aperiri fecerunt et umbilicum arbori affixerunt et per circuitum arboris eum agitare preceperunt, quosque penitus euisceratus fuit; et sic qui multos Christianos impie necaerat crudeliter fuit et miserabiliter interemptus. Iste Pipinus reliquit unum filium post se, qui dictus suit Matta, sed factus Christianus appellatus fuit Hermannus. Hic omnino deuotus et bonus fuit, constans in fide, qui reliquit post se fideles filios et filias, nepotes et neptas et pronepotes et proneptas, qui hodierna die veri sunt Dei amatores et Christianae didei professores (SRP V 596–597). Straipsniai / Articles 219 DARIUS IVOŠKA heute auf zwei Dörfer Mała Nieszawka und Wielka Nieszawka 5,5 und 8 km südöstlich von Thorn, auf dem westlichen Ufer der Weichsel zurückzuführen. Die früheste Erwähnung des ON geht auf das Jahr 1230 Nissûe, Nessûeca in den PUB zurück (NMP VII 434). Die Etymologie des ON wird mit dem poln. PN Masz oder Miesz (von dem poln. PN Miesław, Mieczysław aufgrund der späteren Form 1388 Meszewo, 1402 Messzewo verbunden. Davon stammen die diminutiven ON Mała Nieszawka (Klien Nieszawka) und Wielka Nieszawka (Groß Nieszawka). Gleichzeitig gründeten die Preußen die Burg Rogow10 (auch Rogon11) östlich der Weichsel hinter Thorn und eine andere noch weiter von Thorn neben dem alten Kulm (SRP V 596). Rogow, das heutige Dorf Rogówko, ca. 13 km östlich von Thorn entfernt. Die Weichsel flussabwärts, ferner von der alten Burg neben dem See, der Pippin-See genannt wurde, gab es noch eine Burg, in der der noble Preuße Pippin mit seinen Gefährten wohnte und woher er häufig die Raubangriffe gegen Christen unternahm. Die Ordensbrüder haben die Rogow-Burg überfallen und erobert. Unter den Gefangenen war auch Pippins Onkel, der seinen Neffen verraten hatte. Pippin wurde an den Schwanz eines Pferdes gebunden, nach Thorn geschleppt und dort auf einem Baum erhängt12 (Dusburgietis 1985: 90). Den PN Pippin hat Trautmann behandelt, ohne dessen Herkunft anzugeben (Trautmann 1925: 77). Der PN ist wahrscheinlich baltischen Ursprungs, vgl. lit. PN. Pipinas, Pipinis, Pipinỹs, Pypinỹs, die alle auf lit. pypỹnė, pypinė, pipỹnė ‘Quer pfeife’ zurückgeführt werden (LPŽe; Zinkevičius 2008: 530). Die sich am lacus Pipini befindliche Ortschaft wurde später von den Deutschen Pipingese, Poppingsehe genannt, indem der PN Pipinus erhalten und lat. lacus ‘See’ ins Deutsch übersetzt wurden. In diesem Fall handelt es sich um einen hybriden ON. Solche ON sind von Gerullis nicht behandelt worden, haben aber die Aufmerksamkeit der Herausgeber der Serie Hydronymia Europaea (1985–2005) auf sich gezogen. Błažienė geht in dem Vorwort ihrem Faszikel Die baltischen Ortsnamen im Samland auf den Einfluss des Deutschen auf das preußische Namengut während dessen Buchung durch die Kanzlei des Deutschen Ordens ein13 und führt in ihrem Werk etliche Fälle der hybriden ON an: z. B. den ON 10 SRP I 55. 11 SRP V 596. 12 Die Hinrichtung von Pipinus ist genauer in SRP I 55 im Teil De destructione duorum castrorum et morte Pippini beschrieben. 13 Im Laufe der Zeit (die Überlieferung der Ortsnamen stammt aus verschiedenen Jahrhunderten) veränderte sich die Wiedergabe des ganzen Namengutes. Das samländische Namenmaterial 220 Acta Linguistica Lithuanica LXXIV Bemerkungen zur Problematik der baltischen Ortsnamen westlich der Weichsel in Kr. Labiau ᵡFriedlacken14, bestehend aus dem dt. PN Friede und dem preuß. Appellativum laucks ‘Acker’ (Blažienė 2000: 36); der ON in Kr. Fischhausen ᵡGallhöfen, dessen Grundwort ist das dt. Hof, und das Bestimmungswort ist auf den preuß. PN Gayle zurückzuführen (Blažienė 2000: 37); der ON in Kr. Fischhausen ᵡLinkenmühle, gebildet aus dem dt. Mühle und, möglicherweise, aus dem preuß. PN Lynce (Blažienė 2000: 85). 2.2. ON Potollen15 Es gibt noch einen interessanten und bemerkenswerten Fall der ON aus einem Gebiete Preußens westlich der Weichsel, gebucht im OF 105 in einer Urkunde, die am 7. Juni 1357 von dem Hochmeister des Deutschen Ordens Winrich von Kniprode unterschrieben worden ist. Aufgrund des Privilegs werden zwei Preußen, den Brüdern Nikel und Stanike 30 Huben und ein Teil des Sees im Kreis Karthaus, Dirsow (später Dirschau, poln. Tczew, lit. Tčevas) zu Potollen verliehen: 1357 Wir bruder Winrich von Knyprode homeyster [...] mit rate [...] verlyen Nikel und Staniken den brudern und erin rechtin erben und nachkomelingen drisik huben gelegen zu potollen16 binne den greniczen... teil des sees pyrtscho genant... (OF 105, 254ᵛ; PUB V 306–307). Die Herausgeber der PUB identifizieren den Pyrtscho-See als Patull-See: 1357 ...Teil des Sees Pyrtscho [Patull-See] (PUB V 307). ABB. 2. Ein Fragment des Pergamentes aus dem OF 105 S. 254ᵛ Gerullis hat (S. 132) einen ON 1351/82 Potollen (OF 105, 5ʳ) aufgeschrieben, das Dorf hat sich aber im Kr. Wehlau befunden. Den ON hat auch Blažienė in ihrem Faszik el Die baltischen Ortsnamen in Samland (2000: 114) behandelt. wurde mit germanisierten Formen durchgesetzt sowohl im Hinblick auf die Aussprache als auch auf den Formenbestand (Blažienė 2000: 8). 14 Mit einem hochgestellten ᵡ vor dem Lemma werden Neufunde und korrigierte Namen gekennzeichnet (Blažienė 2000: 8). 15 Als Ursprüngliche und bisher früheste Form des ON Potollen würde eventuell die im Jahr 1277 gebuchte Patelow gelten: ...dominum Leuoldum plebanum de Patelow... (PUB I 239). 16 In der Handschrift scheint der ON potollen niedergeschrieben zu sein, s. die Abb. 2. Straipsniai / Articles 221 DARIUS IVOŠKA Der im Kreis Karthaus in Dirsaw befindliche Flurname Patulen wurde im Jahr 1437/38 bei der Verleihung der Dienste an einheimische Einwohner erwähnt: 1437/38 Umbe den Bern. Polnische [dinste]. [...] Pyrczyw, Patulen (OF 131, 295). Brauer hatte den Gewässernamen Potullen erwähnt (1983: 23). Der PN 1397 Patulle ist von Trautmann (1925: 75) erfasst worden. Patulskie Jezioro hat auch der polnische Namenforscher Hubert Górnowicz in dem 1. Band der Serie Hydronymia Europea behandelt, wobei er die früheste Erwähnung des Gewässernamens von 1350 aufgeschrieben hatte: 1350 ...in unserem sehe Patulen... (PUB IV 570). Der Autor verbindet den Gewässernamen mit dem poln. PN Potula (vgl. poln. potulić ‘umarmen’), lehnt aber die Deutung Brauers17, dass der Seename auch preußischer Herkunft aus dem PN Patulle sein kann, nicht ab. Den hier behandelten und im Jahr 1357 in dem OF 105 auf der S. 254v gebuchten ON Potollen (heute Potuly) hat bislang nur Brauer behandelt. Der ON Potollen ist vielleicht auch auf Patols zurückzuführen. Laut Vytautas Mažiulis ist der pr. *Patəl̑s it dem pr. Subst. *pàtalas (‘derjenige, der beruhigt, schweigsam macht’) zu verbinden und kann ein Epitheton des Gottesnamen *Pikūlas (pr. Gott des Unterirdischen bzw. des Todes) sein18. SCHLUSSFOLGERUNGEN 1. Die im OF 105 im Jahre 1352 gebuchte Variante des ON Pippingisee ist bisher nicht erfasst und nicht behandelt worden. Sie ist der früheste jetzt bekannte Name des Dorfes Pigža, der in einer handschriftlichen historischen Quelle gefunden wurde. Hiermit kommen ein neuer Gewässername und der davon später gebildete ON in Betracht. Der hybride Bildungscharakter des ON ist bemerkenswert, weil solche altpr. ON bisher nicht genügend behandelt worden sind. 2. Im Fall des pr. ON Potollen kommen ein Oikonym und ein Hydronym in Betracht. Die früheste Variante des Gewässernamens 1350 Patulen ist von Górnowicz den gedruckten Quelle (den PUB) entnommen, die übrigen bekannten Varianten sind viel spätere Erwähnungen, als die 1357 Potollen, aus dem OF 105. Der ON gilt dagegen als die früheste Erwähnung. 3. Die angeführten Tatsachen bestätigen wieder, dass die Analyse der primären und zuverlässigsten Quellen – der Handschriften – viele wertvolle Daten liefern kann. Darunter sind sowohl die schon bekannten Fakten ergänzende 17 In dem Buch Preußische Siedlungen westlich der Weichsel. Versuch einer etymologischer Deutung heimattlicher Flurnamen (S. 26). 18 http://www.prusistika.flf.vu.lt/zodynas/paieska/ 222 Acta Linguistica Lithuanica LXXIV Bemerkungen zur Problematik der baltischen Ortsnamen westlich der Weichsel Informationen als auch die völlig neuen, bislang nicht gefundenen und nicht behandelten Belege zu verstehen, deren ausführliche Analyse zur Feststellung der westlichen Grenze der Balten führen könnte, wenn das überhaupt möglich ist. Der Autor des vorliegenden Beitrags hat sich nicht zum Ziel gesetzt, etwas Wesentliches und Unbestreitbares für die Erforschung des baltischen Namengutes oder der baltischen Ethnogenese darzubieten. Das Vorlegen des neuen Materials ist eher ein Versuch, die Aufmerksamkeit der Forscher darauf zu lenken, dass es immer noch viele wichtige und wertvolle, aber verhüllte Informationen gibt, die gefunden, enthüllt und erforscht werden müssen, um wichtige Hypothesen zu bejahen oder, zu verneinen. QUELLEN UND LITERATUR VERZEICHNIS Babik Zbigniew 2001: Najstarsza warstwa nazewnicza na ziemiach polskich. Kraków: Universitas. Blažienė Grasilda 2000: Die Baltischen Ortsnamen im Samland (Hydronymia Europea. Sonderband 2). Stuttgart: Franz Steiner Verlag. Brauer Wilhelm Reinhold 1983: Preußische Siedlungen westlich der Weichsel. Versuch einer etymologischen Deutung heimaltlicher Flurnamen. Siegen: J. G. Herder-Bibliothek Siegerland e. V. Brauer Wilhelm Reinhold 1988: Baltisch-preussische Siedlungen westlich der Weichsel. Münster: Nicolaus-Copernicus-Verlag. Casemir Kirstin, Udolph Jürgen 2006: Die Bedeutung des Baltischen für die niedersächsische Ortsnamenforschung. – Baltų onomastikos tyrimai. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas. Dusburgietis Petras 1985: Prūsijos žemės kronika. Vilnius: Vaga. Gerullis Georg 1922: Die altpreußischen Ortsnamen. Berlin und Leipzig: Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter & Co. Górnowicz Hubert 1980: Toponimia Powiśla Gdańskiego. 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Vilnius: Lietuvių kalbos institutas. Keletas pastebėjimų dėl baltiškų vietovardžių į vakarus nuo Vyslos problematikos SANTRAUKA Tautų gyvenamojo arealo problematika plačiai analizuojama mokslininkų, o dėl jos tyrimų reikšmės nekyla abejonių. Baltų gyventų teritorijų ribų paieškos vis dar yra istorikų, archeologų, geografų ir kalbininkų tyrimų objektas. Kaip jau anksčiau autoriaus užsiminta, patikimiausi ir svarbiausi mirusiųjų kalbų vietovardžių šaltiniai yra rankraštiniai dokumentai. Autoriaus dėmesys vėl krypsta į Vokiečių ordino foliantą Nr. 105 (OF 105). Šio straipsnio tikslas – ne pateikti naujus vandenvardžius ir vietovardžius, o aptarti naujus istorinius duomenis, susijusius su anksčiau užfiksuotais ir ne kartą analizuotais hidronimais ir oikonimais, galbūt pateiksiančiais vertingos informacijos, taip reikalingos baltų tautų gyvento arealo vakarinei ribai nustatyti. OF 105 gausu baltų vardynui labai reikšmingos medžiagos, liudijančios apie prūsų gyventas teritorijas ir jų ribas, tebekeliančias daug diskusijų ir plačiai tebeanalizuojamas kalbininkų, istorikų ir archeologų. Straipsnyje aptariami svarbiausi XX a. istorinio baltų arealo tyrimai ir pateikiami du oikonimai iš OF 105 dokumentų, fiksavusių XIV a. įvykius vakariniame baltų gyventų teritorijų paribyje. Įteikta 2016 m. gegužės 21 d. DARIUS IVOŠKA Lietuvių kalbos institutas Petro Vile išio g. 5, LT–2055 Vilnius, Lietuva [email protected] Straipsniai / Articles 225