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Bemerkungen zur Problematik der baltischen Ortsnamen westlich der Weichsel

Darius Ivoška

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208 Acta Linguistica Lithuanica LXXIV DARIUS IVOŠKA Lietuvių kalbos institutas Wissenschaftliche Forschungsrichtungen: Onomastik, Baltisch-deutsche Sprachkontakte. BEMERKUNGEN ZUR PROBLEMATIK DER BALTISCHEN ORTSNAMEN WESTLICH DER WEICHSEL Keletas pastebėjimų dėl baltiškų vietovardžių į vakarus nuo Vyslos problematikos ANNOTATION Die Frage der Grenzen des Wohnareals der Balten ist immer noch ein Thema, das die Fachleute verschiedener Wissenschaften, besonders Historiker, Sprachwissenschaftler und Archäologen zur Diskussion vereinigt. Die Versuche einer genauen Identifizierung des exakten ehemaligen Siedelgebietes der baltischen Völker, fußen nur auf der Erforschung der bescheidenen Sprachdenkmäler, der archäologischen Funde und auf einer ständigen Überprüfung und Neueinschätzung der zahlreichen in Betracht kommenden wissenschaftlichen Werke. Das Bestreben des Beitrags besteht darin, neue onomastische Tatsachen bzw. neue Oikonyme und unbekannte Varianten der bereits gebuchten Ortsnamen vorzulegen, die wertvolle Informationen für weitere Untersuchungen auf dem Gebiet der Erforschung des Wohnareals der baltischen Völker westlich der Weichsel liefern. SCHLÜSSELWÖRTER: Onomastik, Ortsname, Personenname, Flurname, Etymologie. ANNOTATION The question of the boundaries of the area inhabited by the Balts remains the topic which brings the specialists of different areas, especially historians, linguists and archaeologists, into a discussion. The attempts to identify the exact borders of the non-existing Baltic tribes are only based on modest language testimonials of the nation and archaeological findings by interpreting and evaluating the abundance of scientific works related to them. The article aims at presenting original facts of onomastics, in other words, new Straipsniai / Articles 209 Bemerkungen zur Problematik der baltischen Ortsnamen westlich der Weichsel oikonyms as well as new variants of the already discussed toponyms which can provide new information for the research related to the area inhabited by the Baltic nations westwards from the Vistula river. KEYWORDS: onomastics, place name, personal name, field name, etymology. EINLEITUNG Mit der Bedeutung der ON bei der Feststellung der Siedlungsgebiete von Völkern hat man sich schon relativ häufig auseinandergesetzt, es ist, soweit bekannt, kein Zweifel daran zum Ausdruck gebracht worden. Die Siedlungsgebiete der Völker sind seit langem ein Forschungsschwerpunkt von Historikern, Archäologen, Geographen und Sprachwissenschaftlern. Wie vom Autor des Beitrags bereits erwähnt wurde1, sind die zuverlässigste und wichtigste Quelle des Ortsnamenbestandes der verstorbenen Sprachen die handschriftlichen Urkundensammlungen. Die Aufmerksamkeit wird wieder auf den OF 105 gelenkt. Das Ziel des vorliegenden Beitrags ist nicht, die bereits mehrmals behandelten Gewässerund Siedlungsnamen anzugeben, sondern neue Tatsachen vorzulegen, die hoffentlich bei der Festlegung der westlichen Grenze der baltischen Völker behilflich sein könnten. Der OF 105 enthält umfangreiches und wichtiges Material an Eigennamen, die neue Daten über die von Preußen bewohnten Territorien und deren Grenzen liefern, was immer noch der Gegenstand für Diskussionen unter Sprachwissenschaftlern, Ortsnamen-, Geschichtsforschern und Archäologen ist. 1. DIE WESTLICHE GRENZE DER BALTEN IN DEN FORSCHUNGEN DES 20. JH.S Traditionell galt das gesamte Gebiet zwischen dem Oberlauf und dem Zufluss der Weichsel als westliche Grenze der baltischen Besiedlung. Im 4. 1 OF 105 enthält zahlreiche ON und PN und gehört zu den allerwichtigsten Quellen für die Erforschung der baltischen Eigennamen. 1925 hat Reinhold Trautmann in seinem Werk Die altpreußischen Personennamen (S. 3) bemerkt, dass es sehr kompliziert ist, die Pergamente des OF 105 zu lesen. Vielleicht sind deswegen viele ON von Georg Gerullis außer Acht gelassen und sind nicht in sein berühmtes Buch Die altpreußischen Ortsnamen aufgenommen worden (Ivoška 2015). DARIUS IVOŠKA 210 Acta Linguistica Lithuanica LXXIV Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts fing man an, über die Balten westlich der Weichsel zu sprechen. Zur Diskussion schlossen sich Sprachwissenschaftler und Archäologen zusammen. Der Sprachwissenschaftler Friedrich Lorentz2 legte 1933 in seinem Beitrag „Preuβen in Pommerellen“ die Liste der ON westlich der Weichsel vor, die seiner Meinung nach preußischer Her kunft sein könnten. Seine Behauptungen begründete der Autor mit der Annahme, dass es in den Gebieten, die direkt an das von Preußen besiedelte Territorium gegrenzt hatten, auch einzelne Niederlassungen von Preußen gegeben haben könnte (Lorentz 1933: 53–58). 1939 führte der Archäologe Lothar Kilian3 8 ON – den Flussnamen Persante, die Oikonyme Saulin, Labehn und Labuhn, Powalken, Straduhn, Rutzau, Karwen 2 Friedrich Lorentz (geboren am 28. Dezember 1870 in Güstrow, Mecklenburg, gestorben am 27. April 1937 in Zoppot, Freie Stadt Danzig) war ein deutscher Privatgelehrter und Slawist. Er studierte Indogermanistik und Slawistik an der Universität Leipzig, 1894 promovierte er mit der Dissertation Über das schwache Präteritum des Germanischen und verwandte Bildungen der Schwestersprachen. Einer seiner Lehrer war Eduard Sievers gewesen. Nachdem er eine Zeitlang in Wismar gelebt hatte, zog er nach Karthaus um, in eine Gegend mit einem hohen kaschubischen Bevölkerungsanteil und widmete sich hauptsächlich der Erforschung der kaschubischen Sprache. Die Petersburger Akademie der Wissenschaften, die den Wert seiner Untersuchungen erkannt hatte, förderte den Druck seiner Arbeiten. Mit seinen Werken rettete er eine vom Aussterben bedrohte Mundart zumindest für die Wissenschaft. Über die Erforschung von Ortsnamen wuchs sein Interesse an der Geschichte und der Volkskunde der betreffenden Länder. Sein Großes Kaschubisches Wörterbuch mit 2747 eng beschriebenen Seiten blieb unvollendet und reicht nur bis zum Ende des Buchstabens „P“. Lorentz war seit 1927 auch tätiger Mitarbeiter am Ostland-Institut in Danzig und korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften zu Leningrad. Zu den bedeutendsten Werken Lorentz’ zählt man: Großes Kaschubisches Wörterbuch, Slovinzische Gramamtik und Slovinzisches Wörterbuch, Kaschubische Grammatik, Deutsche und polnische Namen der wichtigsten Ortschaften Westpreußens links der Weichsel und zahlreiche Beiträge, die der Erforschung der Volksgeschichte und -kultur des pommerschen Gebietes gewidmet sind (https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Lorentz). 3 Lothar Kilian (1922–2000) wurde in Nidden, im damaligen Memelland geboren. 1939 hat er seine Dissertation über die Schnurkeramik an der Königsberg Universität verteidigt. Kurz danach wurde er in den Kriegsdienst einberufen, während des 2. Weltkrieges geriet in Kriegsgefangenschaft und ist erst 1949 freigelassen worden. 1951–1954 hat Kilian als Assistent an der Universität Bonn gearbeitet und die Grabungen im alten Lübeck unternommen. Seit 1957 arbeitete er als Kustos im Landesmuseum zu Trier. Nachdem Kilian Rentner geworden war, zog er nach Swisttal bei Bonn. Kilian hat viel zum Thema Steinzeit geschrieben. Er hat sich viel mit der Indoeuropäistik befasst, die Monographien Zum Ursprung der Indogermanen und Zum Ursprung der Germanen geschrieben. Zu seinem Interessengebiet gehören auch der Ursprung der Balten und deren Sprachenrelikte in den westeuropäischen Sprachen. Zu diesem Thema hat Kilian ungefähr 70 Beiträge veröffentlicht. Besonders wichtig sind die Monographien Haffküstenkultur und Ursprung der Balten (1955) und Zu Herkunft und Sprache der Prußen (1980) sowie Straipsniai / Articles 211 Bemerkungen zur Problematik der baltischen Ortsnamen westlich der Weichsel vor, und betitelte den Beitrag vorsichtigerweise „Baltische Ortsnamen westlich über zwanzig Beiträge, die der baltischen Archäologie gewidmet sind. Kilian betonte, dass „die Lebensdauer einer Kultur und ihre Wandlung kein Kriterium für ihre Existenz ist. Auch eine sehr kurzlebige Kultur, die gar keine Zeit hat, sich zu wandeln, bleibt deswegen eine Kultur. Es ist also nicht förderlich, den Dauerund Wandlungsbegriff in die Definition einer Kultur oder Kulturprovinz aufzunehmen. […] Aber die Quantität allein hat keine Beweiskraft: ein Fundtyp braucht nicht in seinem Ursprungsgebiet am häufigsten zu sein. Maßgebend muss die auf einen beschränkte Verbreitung bleiben. Dabei braucht sich die Zahl der Fundtypen in einer Provinz ABB. 1. Abbildung aus dem Beitrag „Zum Aussagewert von Fundund Kulturprovinzen“ (Kilian 1960: 47) DARIUS IVOŠKA 212 Acta Linguistica Lithuanica LXXIV der Weichsel?“ mit einem Fragezeichen (Kilian 1939: 67–68). Anschließend deutete im Jahr 1943 der berühmte Sprachwissenschaftler und Autor des Begriffs Alteuropa, Hans Krahe, auf die Verbreitung der baltischen ON in dem umstrittenen Gebiet in seinem Beitrag „Baltische Ortsnamen westlich der Weichsel“ hin. Krahe betonte, dass der Flussname Persante poln. Persęta zur alteuropäischen Schicht gehört und rekonstruierte seine Urform *Persanta (Krahe 1943: 43–44). Im Jahr 1966 gab Vladimir Toporov in seinem Beitrag „K voprosu o toponimičeskich sootvetstvijach na baltijskich territoriach i k zapadu ot Vistly“ zwei Behauptungen bekannt: 1) die ON westlich der Weichsel können nur aufgrund baltischer sprachlicher Tatsachen gedeutet werden; 2) die aus dem Gebiet zwischen der Weichsel und der Elbe stammenden ON können mithilfe baltischen und slawischen Sprachgutes gedeutet werden (Toporov 1966: 103–104). 1980 trat der polnische Namenforscher Hubert Górnowicz auf, der sich in seiner Monographie Toponimia Powiśla Gdańskiego auch mit diesem Schwerpunkt befasst hatte, und später führte seine Behauptungen in dem ersten Band Gewässernamen im Flussgebiet der unteren Weichsel der Serie Hydronymia Europea an. Der Autor behauptet, dass die in den Unterlagen des Deutschen Ordens bis zum 13. Jh. gebuchten Eigennamen auf dem Hintergrund des ganzen polnischen Toponymiesystems archaisch sind, was sich nicht über die preußischen Eigennamen auf dem Hintergrund der anderen baltischen Gebiete sagen lässt. Da werden 8 patronymische ON als Belege angeführt: Gorowicy, Miedzicy, Mirowicy, Pirzchlicy, Połkowicy, Rucicy, Strzeszewicy, Wadkowicy, die bis zum 13. Jh. gebucht worden sind, und 6 weitere – Bolewice, Czekanice, Preiterowice, Raszewice, Wojsławice und Wojszewice, die nach dem Jahr 1300 gebucht worden sind. Im preußischen Eigennamengut fand der Autor nur archetypische Gewässernamen, die mit der Hydronymie und Toponymie aller baltischen Völker verbunden sind: *Audūnē, *Balawō, *Baldrapē, *Draudwajō, *Gil(ū)wē, *Sarijē, *Tūjā, *Urkuž, *Zirgūns und die Choromyme *Algems, *Pamedē, *Rezijā. Die in den Urkunden des Deutschen Ordens gebuchten preußischen ON haben nach Górnowiczs Meinung eine sehr „junge“ Struktur. Es muss bemerkt werden, dass in neun von vierzehn Fällen der oben genannten ON (Gorowicy, Pirzchlicy, Połkowicy, Rucicy, Strzeszewicy, Wadkowicy, Bolewice, Preiterowice, Wojszewice) der Autor seine Theorie über deren polnische Herkunft verteidigte und die frühere alternative Deutung für eine Preußifizierung/Verpreußung hielt (pln. prutenizacja) (Górnowicz 1980: 11–12). nicht mit der anderen zu decken, und sie wird es im allgemeinen auch nicht tun“ (Kilian 1960: 45–47). Straipsniai / Articles 213 Bemerkungen zur Problematik der baltischen Ortsnamen westlich der Weichsel Der Karthauser Priester Wilchelm Reinhold Brauer4 veröffentlichte 1983 sein Büchlein Preußische Siedlungen westlich der Weichsel. Versuch einer etymologischen Deutung heimatlicher Flurnamen und legte seine Bemerkung wegen der „verwandten Wurzel“ in den Flussnamen Persante, Peresna und dem Toponym Pirsna vor, deren Basis die vier Konsonanten PRSN bildeten. Der Autor nimmt an, dass sie alle baltischer Herkunft sein könnten. Einen besonderen Akzent legte er auf den scheinbar preußisch-baltischen Namen tragenden Werder Pirsna (poln. Pyrcaw), der dann zu einer Brücke zwischen Ost und West, bzw. zu einem fehlenden Hinweis („missing link“) werden sollte, der das Begreifen der gesamten ursprünglichen Ausdehnung der baltischen Völkerund Sprachenfamilie erleichtern könnte (Brauer 1983: 22-24). 1988 erschien sein anderes Büchlein – Baltisch-Preußische Siedlungen westlich der Weichsel, in dem (S. 21) der Autor seine Behauptungen nochmals wiederholte. Seine Werke erregten das Interesse von Toporov und Jürgen Udolph, das sich weiter zu einer heftigen Diskussion entwickelte und immer mehr Teilnehmer angezogen hat. Der deutsche Slawist, Kaschubologe und Baltist Friedhelm Hinze hat Brauers Büchlein Opusculum genannt und sehr scharf kritisiert. Hinze warf Brauer Mangel an Kenntnis der namenkundlichen Terminologie und onomastischen Methode, Gleichgültigkeit beim Etymologisieren und Abwesenheit von Folgerichtigkeit vor (Hinze 1989: 129). Ungeachtet dessen ist das Werk wegen des vorgelegten empirischen Materials bedeutsam. Als eines der Beispiele gilt die Deutung der Herkunft des Flussnamens Persante (poln. Parsęta), über den man sich nicht einigen konnte, obwohl sehr viel diskutiert wurde. Alteuropäische Herkunft des Flussnamens versuchten Krahe und Udolph zu beweisen, indem sie die Urformen *Persanta und *Persantā rekonstruierten. Udolph ging davon aus, dass die Etymologie des Flussnamens 4 Der Theologe und Pfarrer Wilhelm Reinhold Brauer (1902–1988) wurde in Karthaus in Westpreußen geboren. Als Pfarrer wirkte er in Posen (1928–1933) und Obornik (1933–1945). Nach dem Zweiten Weltkrieg u. a. von 1956 bis 1960 als Leiter der Berliner Stadtmission und von 1961 bis 1970 als Pfarrer zu St. Lorenz in Lübeck. Im Ruhestand widmete er sich der historischen Forschung und wurde zu einem der aktivsten Mitglieder der Copernicus-Vereinigung zur Pflege der Heimatkunde und Geschichte Westpreußens. Ausgehend von Forschungen zu seinem Heimatdorf widmete er sich dann der Frühgeschichte der Preußen und ihrer Missionierung. Anknüpfend an Erkenntnisse der 30-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ging es Brauer um den Nachweis, dass die Preußen in bisher nicht angenommener Stärke auch westlich der Weichsel siedelten. Seine sprachgeschichtlichen Untersuchungen reichen bis in eine Zeit zurück, dass sie nicht mehr nur die Preußen, sondern vielmehr überhaupt baltische Sprachen und Völker zum Gegenstand haben. Seine wichtigsten und wertvollsten Werke sind zwei Büchlein – „Prußische Siedlungen westlich der Weichsel“ (1983) und „Baltisch-preußische Siedlungen westlich der Weichsel“ (1988). (http://ub-goobi-pr2.ub.uni-greifswald.de/viewer/fulltext/ PPN559838239_NF_75/151/) DARIUS IVOŠKA 214 Acta Linguistica Lithuanica LXXIV völlig von der Erklärung der Schwankungen in dessen Überlieferung abhängig ist. Bei der Buchung des Flussnamens, angefangen mit der ältesten Form 1159 „trans fluuium parsandi“ bis zu den späteren Formen des 14. Jh.s (1333) „trans persantam“, lassen sich zweierlei Schwankungen bemerken: Vokalismus in der Wurzelsilbe a zu e und Konsonantismus im Suffix -ndzu -nt-. Krahe hat beides für rein graphische Wechselfälle gehalten und deutete dabei auf identische Wechsel in den ostpreußischen Namen. Udolph bezweifelte aber die Richtigkeit der frühesten, aus den päpstlichen Urkunden entnommenen Überlieferungen des Flussnamens und bemerkte, dass als vertrauenswert nur dessen von den Deutschen niedergeschriebene Varianten ab dem 13. Jh. gelten können (Udolph 1990: 234–237). Wolfgang P. Schmid behauptete, dass der Flussname Persante sicher weder germanisch noch slawisch sei, dürfe aber für baltisch gehalten werden. Der Autor unterstrich die Parallelen zwischen den Gewässernamen Peresuta in Pripjet-Gebiet und Pērse in Lettland und zwischen den Landschaftsnamen Pirsna in Pommern und Peresna in Dnepr-Gebiet, die eventuell für Balten in Pommern sprächen. Er betonte, dass die ursprüngliche Namengebung keine Benennung, sondern eine Bezeichnung gewesen war und deswegen kann hinter einem Namen auch nach einem Appellativum gesucht werden. So ließen Persante und Peresuta auf keinerlei Wanderbewegungen schließen, die nur im Fall der Namenübertragungen in Rechnung gestellt werden könnten (Schmid 1994: 274, 276–277). Diesen Behauptungen trat der polnische Sprachwissenschaftler Zbygniew Babik entgegen und im Jahr 2001 bemerkte er in seiner Dissertation Najstarsza warstwa nazewnicza na ziemiach polskich, dass die von Udolph rekonstruierte Urform *Persantā absurd sei. Der Autor kritisierte die Haltung Udolphs hinsichtlich der Überlieferungsqualität der Onyme in den päpstlichen, von den Italienern geschriebenen und in den von den Deutschen verfassten Urkunden. Solche Schlussfolgerungen führen, so Babik, in die Irre und lehnen die in päpst lichen Urkunden gebuchten frühesten Flussnamenvarianten bei der Rekonstruierung der Urform ab, wodurch die von Udolph rekonstruierte *Persantā nicht überzeugend wirkt (Babik 2001: 217). Die Frage der westlichen Grenze der von Balten besiedelten Territorien wurde auch mehrmals auf Konferenzen von Grasilda Blažiene behandelt. Im Jahr 2006 haben Kirstin Casemir und Jürgen Udolph die Rolle des Baltischen und Slawischen bei der Deutung der niedersächsischen ON akzentuiert. Die Autoren unterscheiden dreierlei Klassen der ON in Niedersachsen, bei deren zuverlässiger Herkunftsdeutung das Material der baltischen Sprachen in Betracht gezogen werden soll. Zu der ersten Gruppe gehören die auf Gewässernamen beruhenden ON, die der alteuropäischen Hydronymie oder einer ihr Straipsniai / Articles 215 Bemerkungen zur Problematik der baltischen Ortsnamen westlich der Weichsel nahestehenden Namenschicht angehören. Hier bestehen die baltisch-germanischen Beziehungen darin, dass entsprechend gebildete Namen sowohl im Baltikum wie in Niedersachsen vorkommen. Die zweite Gruppe machen ON aus, deren Basen oder Elemente nicht aus dem Germanischen erklärbar sind, weisen aber genaue Parallelen zum Baltischen auf. Eine dritte Gruppe von Namen schließlich enthält Basen, deren Verwandte zwar im Germanischen nachweisbar sind, aber dennoch, um zu einer überzeugenden Deutung zu gelangen, des Baltischen bedürfen (Casemir, Udolph: 2006). 2. NEUE EINSICHTEN ZUR FRAGE DER ONY ME WESTLICH DER WEICHSEL In dem vorliegenden Beitrag werden zwei ON aus dem Weichselgebiet angeführt und untersucht, die im OF 105 belegt sind. 2.1. ON Pipingisse Aufgrund der am 4. Mai 1352 von dem Hochmeister des Deutschen Ordens Winrich von Kniprode unterschriebenen Urkunde wurde das dem Thorner Hospital gehörende Dorf Pippingisse von Litauerreisen und den damit verbundenen Kostenbeiträgen befreit. In der Urkunde ist der ON Pippingisse gebucht worden: 1352 Eximimus villam Pippingisse pertinentem ad hospitatem in Thorun a faciendis Reysis Lytthowiensibus (OF 105, 236v), und in den PUB werden auch dessen Varianten Popingisehe und Pipingsee erwähnt (PUB V 27). Die in der Urkunde erwähnte Befreiung des Thorner Hospitals von den Litauerreisen5 ist eine der Tatsachen der Haltungsveränderungen des Deutschen 5 „Litauerreisen“ wurden gut geplante, kurzfristige und heimtückische Angriffe des Deutschen Ordens gegen das litauische Großfürstentum genannt. Der Anfang dieser Kriegsreisen ist auf das Ende des 13. Jh.s zurückzuführen. Litauische Historiker meinen, dass nach den erfolglosen Angriffen zu Soule (lit. Šiaulai) und zu Kuwerlant (lit. Durbė) die Ritter des Deutschen Ordens die Kampftaktiken der litauischen Heere gut erforscht und sich auf die langfristigen Züge verzichtet haben mögen. Durch kurzfristige Züge und plötzliche Angriffe gegen die an der Grenze mit dem Ordenstaat liegenden litauischen Burgen und Dörfer wollte der Deutsche Orden die Macht der Litauer allmählich brechen und sie anschließend annektieren. Die Litauerreisen wurden häufig ab Ende des 13. bis Ende des 14. Jh.s besonders während der Regierungszeit des Hochmeisters des Deutschen Ordens Winrich von Kniprode 1351–1382 unternommen (LKSK 1964: 189–190). Die Änderungen in der kriegerischen Taktik beschreibt auch Antanas Kučinskas in seinem Buch Kęstutis und als Beispiel dazu führt er die misslungene Planung eines DARIUS IVOŠKA 216 Acta Linguistica Lithuanica LXXIV Ordens, die größtenteils von zwei wesentlichen Ereignissen beeinflusst worden sind: 1) den Folgen der Pestpandemie, die ca. sechs Jahre gedauert hatte und 2) den großen Verlusten, die während der Angriffe gegen das heidnische Litauen im Jahr 1352 erlitten worden sind. Dadurch hat der Deutsche Orden die Hoffnung verloren, das litauische Grußfürstentum zu besiegen und zu taufen. Der deutsche Historiker Johannes Voigt betont in seinem Werk Geschichte Preußens von den ältesten Zeiten bis zum Untergange der Herrschaft des Deutschen Ordens, dass die Hauptsorge des Hochmeisters Winrich von Kniprode nicht nur die Stärkung der militärischen Macht des Deutschen Ordens und Gewährung der Ordnung in Ordensburgen gewesen war, sondern auch der Wiederaufbau und die Entwicklung des stark verwüsteten Ordensstaates. Nach der großen europäischen Pestpandemie 1347–1353, die rund 25 Millionen Todesopfer raschen Eindringens in das litauische Großfürstentum im Jahr 1345 an, der durch einen Betrug ruiniert wurde. Die Ereignisse vom Januar 1345 werden von Kučinskas und von Augustinas Janulaitis in seiner Monographie Lietuvos Didysis Kunigaikštis Kęstutis beschrieben. Kučinskas bemerkt, dass der Deutsche Orden an seinen raschen Sieg geglaubt habe. Große auswärtige Heere sind eingeladen worden. Zum Zug haben sich die mächtigen Kräfte Europas versammelt: der tschechische König Johann mit seinem Sohn Karl, der ungarische König Ludwig mit seinen Begleitern, der holländische Graf Wilhelm IV, der Graf Gunter von Schwarzburg und viele andere, insgesamt ca. 200 verschiedene Fürsten. Als der Angriff geplant war und bald unternommen werden sollte, erhielt der Hochmeister eine Nachricht über das Vorhaben der Litauer mit einer großen Armee Samland bald zu stürmen. Der Hochmeister des Deutschen Ordens Ludolf König von Wattzau ist dann mit allen Fürsten zum Schluss gekommen, in Preußen zu bleiben, um das Samland zu verteidigen. Zur selben Zeit drangen die litauischen Heere in Livland ein, dessen Orden sich mit der Schwächung des Widerstands der Esten auf der Insel Ösel beschäftigt hatte. Der livländische Orden fühlte sich ganz geborgen und sicher, dass ihm keine Gefahr vom Westen drohte, weil das vom Deutschen Orden versprochen worden war. Die Litauer verbrannten zuerst die Burg Dobeln, dann marschierten sie Richtung Riga. Unterwegs verbrannten sie alle Mühlen, Dörfer, anschließend überfielen sie Neuermühlen (Novum Molendinum), beraubten alle Dörfer unterwegs, nahmen viele Männer und Frauen in Gefangenschaft und kehrten zurück. Der Deutsche Orden war völlig entsetzt, als er das Samland erreichte, und keine Feinde dort gefunden hatte (Kučinskas 1988: 40–43). Janulaitis schildert die Ereignisse von 1345 mit gewissen Details. Er behauptet, dass der Hochmeister des Deutschen Ordens unterwegs nach Litauern von einer Frau benachrichtigt worden war, dass der litauische „König“ sich für den Zug ins Samland bereite. Der Hochmeister hätte Angst bekommen und alle aufgefordert, nach Preußen zurückzukehren, um sich zu beraten, was dagegen unternommen werden konnte. (Janulaitis 1998: 68–69). Nach dem Unglück des Deutschen Ordens 1345 wurden die Reisen nach Litauen mindestens zweimal im Jahr organisiert – einmal zu Lichtmess (2. Februar) und einmal zu Mariä Himmelfahrt (15. August) (Kučinskas 1988: 46). Straipsniai / Articles 223 Bemerkungen zur Problematik der baltischen Ortsnamen westlich der Weichsel Informationen als auch die völlig neuen, bislang nicht gefundenen und nicht behandelten Belege zu verstehen, deren ausführliche Analyse zur Feststellung der westlichen Grenze der Balten führen könnte, wenn das überhaupt möglich ist. Der Autor des vorliegenden Beitrags hat sich nicht zum Ziel gesetzt, etwas Wesentliches und Unbestreitbares für die Erforschung des baltischen Namengutes oder der baltischen Ethnogenese darzubieten. Das Vorlegen des neuen Materials ist eher ein Versuch, die Aufmerksamkeit der Forscher darauf zu lenken, dass es immer noch viele wichtige und wertvolle, aber verhüllte Informationen gibt, die gefunden, enthüllt und erforscht werden müssen, um wichtige Hypothesen zu bejahen oder, zu verneinen. QUELLEN UND LITERATUR VERZEICHNIS Babik Zbigniew 2001: Najstarsza warstwa nazewnicza na ziemiach polskich. Kraków: Universitas. Blažienė Grasilda 2000: Die Baltischen Ortsnamen im Samland (Hydronymia Europea. Sonderband 2). Stuttgart: Franz Steiner Verlag. Brauer Wilhelm Reinhold 1983: Prußische Siedlungen westlich der Weichsel. Versuch einer etymologischen Deutung heimatlicher Flurnamen. Siegen: J. G. Herder-Bibliothek Siegerland e. V. Brauer Wilhelm Reinhold 1988: Baltisch-preussische Siedlungen westlich der Weichsel. Münster: Nicolaus-Copernicus-Verlag. Casemir Kirstin, Udolph Jürgen 2006: Die Bedeutung des Baltischen für die niedersächsische Ortsnamenforschung. – Baltų onomastikos tyrimai. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas. Dusburgietis Petras1985: Prūsijos žemės kronika. Vilnius: Vaga. Gerullis Georg 1922: Die altpreußischen Ortsnamen. Berlin und Leipzig: Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter & Co. Górnowicz Hubert 1980: Toponimia Powiśla Gdańskiego. Wrocław: Zakład Narodowy im. Ossolińskich. Hinze Friedhelm 1989: Rezension. W. Brauer „Preußische Siedlungen westlich der Weichsel. Versuch einer etymologischer Deutung heimatlicher Flurnamen“. – Zeszyty naukowe wydziału humanistycznego uniwersytetu Gdańskiego. Prace Językoznawcze 15, 129–140. DARIUS IVOŠKA 224 Acta Linguistica Lithuanica LXXIV http://ub-goobi-pr2.ub.uni-greifswald.de/viewer/fulltext/ PPN559838239_NF_75/151/ http://www.prusistika.flf.vu.lt/zodynas/paieska/ https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Lorentz Ivoška Darius 2015: Thesen des Vortrags des 12. internationalen Baltisten-Kongresses, den 30. Oktober 2015. Janulaitis Augustinas 1998: Lietuvos Didysis Kunigaikštis Kęstutis. Vilnius: Kardas. Kilian Lothar 1939: Baltische Ortsnamen westlich der Weichsel? – Altpreussen. 4. Jahrgang, Heft 3, 67–68. Kilian Lothar 1960: Zum Aussagewert von Fundund Kulturprovinzen. – Światowit 23, 41–85. Krahe Hans1943: Baltische Ortsnamen westlich der Weichsel. – Altpreussen 8(3). Kučinskas Antanas 1988: Lietuvos istoriografija. – Kęstutis. Vilnius: Mokslas. LKSK – Autorenkollektiv: Lietuvių karai su kryžiuočiais. Vilnius: Mintis, 1964. Lorentz Friedrich 1933: Preußen in Pommerellen. – Mitteilungen des Westpreußischen Geschichtsvereins. Der 32. Jahrgang, Heft 3. Hrg. Reysner. Druck: A.W. Rasemann GmbH, Danzig, 50–59. LPŽe – Lietuvių pavardžių žodynas, elektroninis variantas. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 2012–2015. NMP VII, VIII – Nazwy miejscowe Polski 7, 8. Wydawnictwo Pandit. Kraków, 2007–2009. Ordensfoliant Nr. 105. Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz. Berlin. PUB I, IV, V – Preussisches Urkundenbuch 1, 4, 5. Königsberg: Gräfe und Unzer, Marburg: Elwert, 1882–1986. Schmid Wolfgang P. 1987: Beiträge zur Bestimmung der baltischen Westgrenze. – Baltistica 33(1), 4–12. Schmid Wolfgang P. 1994: Linguisticae Scientiae Collectanea. Ausgewählte Schriften von Wolfgang P. Schmid anläßlich des 65. Geburtstages. Hrsg. Joachim Becker, Eckhard Eggers, Jürgen Udolph und Dieter Weber. Berlin. New York: Walter de Gruyter. SRP I – Scriptores Rerum Prussicarum 1. Leipzig: Verlag von S. Hirzel, 1861. SRP V – Scriptores Rerum Prussicarum 5. Frankfurt am Main: Minerva GmbH, 1874. Straipsniai / Articles 225 Bemerkungen zur Problematik der baltischen Ortsnamen westlich der Weichsel Toporov Vladimir Nikolaevic 1966: K voprosu o toponimičeskich sootvetstvijach na baltijskich territorijach i k zapadu ot Vistly. – Baltistica 1(2), 103–111. Trautmann Reinhold 1925: Die altpreußischen Personennamen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Udolph Jürgen 1990: Die Stellung der Gewässernamen Polens innerhalb der alteuropäischen Hydronymie. Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag. Voigt Johannes 1832: Geschichte Preußens von den ältesten Zeiten bis zum Untergange der Herrschaft des Deutschen Ordens 5. Königsberg: Verlag der Gebrüder Bornträger. Zinkevičius Zigmas 2008: Lietuvių asmenvardžiai. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas. Keletas pastebėjimų dėl baltiškų vietovardžių į vakarus nuo Vyslos problematikos SANTRAUKA Tautų gyvenamojo arealo problematika plačiai analizuojama mokslininkų, o dėl jos tyrimų reikšmės nekyla abejonių. Baltų gyventų teritorijų ribų paieškos vis dar yra istorikų, archeologų, geografų ir kalbininkų tyrimų objektas. Kaip jau anksčiau autoriaus užsiminta, patikimiausi ir svarbiausi mirusiųjų kalbų vietovardžių šaltiniai yra rankraštiniai dokumentai. Autoriaus dėmesys vėl krypsta į Vokiečių ordino foliantą Nr. 105 (OF 105). Šio straipsnio tikslas – ne pateikti naujus vandenvardžius ir vietovardžius, o aptarti naujus istorinius duomenis, susijusius su anksčiau užfiksuotais ir ne kartą analizuotais hidronimais ir oikonimais, galbūt pateiksiančiais vertingos informacijos, taip reikalingos baltų tautų gyvento arealo vakarinei ribai nustatyti. OF 105 gausu baltų vardynui labai reikšmingos medžiagos, liudijančios apie prūsų gyventas teritorijas ir jų ribas, tebekeliančias daug diskusijų ir plačiai tebeanalizuojamas kalbininkų, istorikų ir archeologų. Straipsnyje aptariami svarbiausi XX a. istorinio baltų arealo tyrimai ir pateikiami du oikonimai iš OF 105 dokumentų, fiksavusių XIV a. įvykius vakariniame baltų gyventų teritorijų paribyje. Įteikta 2016 m. gegužės 21 d. DARIUS IVOŠKA Lietuvių kalbos institutas Petro Vileišio g. 5, LT-2055 Vilnius, Lietuva [email protected]