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„Emigrantai: kalba ir tapatybė“

Laima Kalėdienė

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LAIMA KALĖDIENĖ Institut für Litauische Sprache Forschungsschwerpunkte: Soziolinguistik, angewandte Linguistik, Dialektologie, Onomastik, Phonetik und Phonologie, Computerlinguistik. EMIGRANTEN: SPRACHE UND IDENTITÄT Kollektivmonografie Wissenschaftliche Herausgeberin: Meilutė Ramonienė; die Karten wurden von Viktorija Baranauskienė erstellt; Autorinnen: Viktorija Baranauskienė, Eglė Gudavičienė, Kristina Jakaitė-Bulbukienė, Dovilė Krupickaitė, Meilutė Ramonienė, Loreta Vilkienė Vilnius: Vilniaus universiteto leidykla, 2015, 232 p. ISBN 978-609-459-543-1 Die Emigration ist ein aktuelles Thema im heutigen Litauen, ein derzeit ablaufender dynamischer Prozess, dessen Ausmaß noch zunehmen kann. Daher ist die Erforschung der mit diesem Prozess verbundenen Phänomene nicht nur notwendig, sondern auch unvermeidlich. Wissenschaftlerinnen der Universität Vilnius, Sprachwissenschaftlerinnen und Geografinnen, entwickelten mit Unterstützung von Soziologen ein soziolinguistisches Projekt, das von der Staatlichen Kommission für die litauische Sprache gefördert wurde und das sie 2011–2013 durchführten: Emigrantų kalba (Leiterin: Meilutė Ramonienė). Im Rahmen des Projekts wurden bei Erhebungen in Deutschland, Amerika und Tasmanien zahlreiche Daten anhand von Tiefeninterviews gesammelt; außerdem gingen online unzählige Antworten auf Fragen ein – es wurden 2026 Fragebögen ausgefüllt, eine standardisierte Befragung mit 61 Fragen (S. 209–221). Ein großer Vorteil der untersuchten Daten ist, dass sie nahezu zeitgleich, innerhalb von zwei Jahren, erhoben wurden. Straipsniai / Articles 305 LAIMA KALĖDIENĖ Der durchdachte Einsatz quantitativer und qualitativer soziolinguistischer Methoden ist eine Garantie für den Erfolg dieses Projekts. Die Projektleiterin hatte bereits umfangreiche Erfahrung mit dieser Art von Arbeit gesammelt1, auf die sie sich gemeinsam mit Dovile Krupickaite bei der Darstellung der Methodik zur Erforschung der Sprache von Emigranten stützt (S. 19–40). Bereits ganz am Anfang, auf S. 19, wird deutlich, worin die Achillesferse der gesamten Untersuchung besteht – im Begriff des Emigranten. Als Emigranten gelten hier alle „Personen, die mindestens drei Jahre nicht in Litauen gelebt haben“ (S. 19). Dazu zählen also sowohl die aus Litauen Ausgewanderten als auch ihre Kinder und Enkel, die sich zur litauischen Identität bekennen und sich mit Litauen verbunden fühlen (wie im Programm Globalios Lietuvos). Genau hier liegt der schwierigste Ausgangspunkt: Wie stark fühlen sie sich selbst mit Litauen verbunden, welche Beziehungen pflegen sie oder an welche fühlen sie sich gebunden? Zweifellos war es bei der Befragung von mehreren Tausend Emigranten besonders schwierig, eben diese Bindungen an das Litauische festzustellen, mitunter sogar unmöglich. Dabei hing die Zuverlässigkeit der Antworten weitgehend davon ab, ob die Emigranten mit Litauen in Verbindung gebracht werden wollten oder nicht. Darauf weist auch D. Krupickaitė in ihrem Beitrag hin (S. 26), in dem sie die Auswanderungswellen und -richtungen unter diesem Gesichtspunkt ausführlich untersucht. Die Wissenschaftlerin begründet die Wahl des Untersuchungsgebiets und die Grundsätze für die Erstellung der Stichprobenmatrix mit den Datenlücken und der mangelnden Zuverlässigkeit der Daten (S. 27–28). M. Ramonienės Beitrag „Quantitative und qualitative Untersuchungen zur Sprache von Emigranten“ (S. 31–40) ist im besten Sinne des Wortes ein geradezu klassischer Überblick über die Methodik zur Verbindung quantitativer und qualitativer Forschungsmethoden in der angewandten Linguistik – für Studierende und Promovierende dieses Fachgebiets sowie für alle Interessierten. Zugleich bietet er eine detaillierte Darstellung der klugen Projektleitung. Im zweiten Teil des Buches, „Sprache und Spracheinstellungen in der Emigration“, wird die zentrale Forschungsfrage analysiert: der Sprachgebrauch in der Emigration. Eglė Gudavičienė gelangt in ihrem Beitrag „Allgemeine Tendenzen des Sprachverhaltens und der Spracheinstellungen von Emigranten“ (S. 43–58), gestützt auf die Daten der quantitativen Befragung, zu geradezu banalen Schlussfolgerungen: „Mit der Zeit wird es schwieriger, die litauische Sprache unverändert zu bewahren“ und „Kinder – besonders wenn es mehr als eines gibt – [werden] schwieriger in der elterlichen Muttersprache zu unterrichten“. Sie leitet diese Schlussfolgerung jedoch aus den Antworten auf die Fragebogenfragen ab und erklärt, warum dies geschieht: „Ganze 90 Prozent der Befragten möchten, dass ihre Kinder sowie auch ihre Enkelkinder und 1 Diese Erfahrung begann M. Ramonienė in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Universität Tilburg in den Niederlanden zu sammeln, als die von den Niederländern entwickelte Methodik quantitativer Untersuchungen erstmals erfolgreich in Litauen zur Erforschung der Sprachen in Familien und Schulen der Großstädte eingesetzt wurde (Ramonienė M., Extra G. Multilingualism in Lithuanian Cities. Languages at home and school in Vilnius, Kaunas and Klaipėda. Vilnius/Tilburg, Klaipėda: Verlag der Universität Klaipėda, 2011, 92 S.). M. Ramonienė leitete zwei weitere groß angelegte Untersuchungen, in denen nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Forschungsmethoden zum Einsatz kamen: Miestai ir kalbos, wiss. Hrsg. M. Ramonienė. Vilnius: Verlag der Universität Vilnius, 2010, 312 S.; Miestai ir kalbos 2. Sociolingvistinis Lietuvos žemėlapis, wiss. Hrsg. M. Ramonienė. Vilnius: Verlag der Universität Vilnius, 2013, 318 S. 306 Acta Linguistica Lithuanica LXXV Emigrantai: kalba ir tapatybė. Kolektyvinė monografija die Urenkel die litauische Sprache beherrschen würden, und erklärt, wie wichtig dies ist; dennoch bemühen sich nur 66 Prozent der Eltern der ersten Auswanderergeneration darum, dass die Kinder zu Hause Litauisch sprechen, 31 Prozent der zweiten und 10 Prozent der dritten Generation“ (S. 58). Daher und nicht nur deshalb erscheint E. Gudavičienės Annahme ziemlich fragwürdig, dass „[E]s sein kann, dass die litauische Sprache für Auswanderer umso wichtiger wird – als Garant für den Erhalt der Identität –, je länger man im Ausland lebt und je stärker die Muttersprache beeinflusst wird“ (S. 57). Denn der Artikel zieht auf Grundlage der Umfragedaten den Schluss, dass „gerade die zweite und dritte Generation nicht die Haltung aufweist, die Nationalität mit der litauischen Sprache gleichzusetzen – nur ein Drittel der befragten Personen vertrat die Ansicht, dass ein Litauer Litauisch beherrschen müsse“ (S. 52). Die Fragebögen enthielten zahlreiche Angaben zu den Muttersprachen und Sprachkenntnissen von Kindern, die in gemischten Familien geboren wurden, in denen ein Elternteil ein litauischer Auswanderer ist. In diesem Artikel wurden nur sehr wenige davon verwendet; die wohl wichtigsten sind, dass in gemischten Familien 74 Prozent der Kinder Litauisch als Muttersprache haben, wenn die Mutter Litauerin ist, und 54 Prozent, wenn der Vater Litauer ist (S. 66). Die didaktisch anmutenden Überlegungen, dass „[D]ie Beherrschung der im Wohnsitzland verwendeten Sprache kein Gefühl der Zugehörigkeit gewährleistet“ oder dass „[E]s ebenso falsch ist anzunehmen, gute oder sehr gute Kenntnisse der Sprache des Wohnsitzlandes würden einem Menschen in jedem Fall dabei helfen, sich in einem fremden Land anzupassen und zu integrieren“ (S. 47), sind daher durch keinerlei Daten der untersuchten Studie belegt; sie stützen sich lediglich auf Jim Cummins’ berühmte Interdependenz- oder Eisberghypothese. Dieser Aspekt der Untersuchung – der Einfluss gemischter Familien – ist außerordentlich wichtig und sollte daher in gesonderten Studien auf Grundlage des gesammelten Materials weiter untersucht werden. Davon ist vermutlich noch vieles in diesem Artikel nicht vorgestellt worden, doch wird darüber ausführlich im Artikel einer anderen Autorin dieses Sammelbandes, Kristina Jakaitė-Bulbukienė, gesprochen (S. 67–114). Ein weiterer Artikel im zweiten Teil des Buches über Sprachgebrauch und Spracheinstellungen widmet sich den Besonderheiten der Sprachkenntnisse und des Sprachgebrauchs von Auswanderern in den verschiedenen Weltregionen (Autorinnen D. Krupickaitė und V. Baranauskienė, S. 59–65). Er ist gleichsam Anschauungsmaterial zu Egidijus Aleksandravičius’ Karklo diegas (2013) – „dass Auswanderer der ersten Generation sich in Litauen häufig nicht als Litauer identifizieren, sich weniger an Gemeinschaftsaktivitäten beteiligen usw., zeigt, dass ihre Identifikation mit Litauen oder der litauischen Sprache nicht sehr ausgeprägt ist, und dies kann zu einem schnelleren Rückgang ihrer Litauischkenntnisse und ihres Sprachgebrauchs führen als bei Auswanderern früherer Generationen“ (S. 65). Es handelt sich wohl um eine verlorene Generation, die dennoch beharrlich die litauische Staatsbürgerschaft als zusätzliche Staatsangehörigkeit fordert. Im besprochenen Artikel von D. Krupickaitė und V. Baranauskienė wird besonders deutlich, woher die Antworten auf die Umfrage tatsächlich stammen und warum: „[V]on den 2026 Befragten leben mehr als die Hälfte (60,2 Prozent) in Ländern West- und Südeuropas, in die in den vergangenen 25 Jahren am intensivsten ausgewandert wurde (...). Die überwiegende Mehrheit, nämlich 78,5 Prozent der Befragten, gehört der ersten Auswanderergeneration an, d. h. die Befragten sind in Litauen geboren (...). Ein derart hoher Anteil von Befragten dieser Auswanderergeneration Recenzijos / Reviews 307 LAIMA KALĖDIENĖ ist deutlich höher als der ursprünglich für ihre Befragung vorgesehene Anteil. Eine ähnliche Situation zeigt sich auch in den mittel- und osteuropäischen Ländern“ (S. 59–60). Es wird erläutert, dass zwar relativ viele Auswanderer der zweiten Generation befragt wurden, längst aber nicht so viele der dritten. Auch aus Asien wurden nur wenige befragt (und zwar nur aus dem asiatischen Teil Russlands). All diese Hinweise spiegeln sich in den sehr informativen Karten wider („Staatsangehörigkeit der Befragten“, S. III, „Land, in dem die befragte Person aufgewachsen ist (bis zum Alter von 16 Jahren gelebt hat)“, S. X). Ein sehr interessanter Aspekt dieser Untersuchung war die Frage nach dem Befinden der Auswanderer in den Ländern, in denen sie leben, und in Litauen selbst: Es bestätigte sich schmerzlich, dass sich – anders als Auswanderer früherer Generationen, die oft auch aus politischen Gründen aus Litauen fortgingen – „ein großer Teil der Auswanderer der neuen Generation, die Litauen aus wirtschaftlicher Not verlassen haben, weder in Litauen noch in dem Land, in dem sie leben, zu Hause fühlt“ (S. 65). Somit ist die wissenschaftliche Prognose zwar traurig, aber fundiert: „Dies lässt darauf schließen, dass die Bedeutung des litauischen Sprachgebrauchs unter den Litauern der dritten Auswanderungswelle viel schneller abnehmen könnte als unter den Auswanderern der zweiten Welle und ihren Nachkommen“ (S. 65). Dies ist bereits eine auf wissenschaftlichen Fakten beruhende Empfehlung an die Gestalter und Ausführenden der litauischen Außenpolitik. Der dritte Artikel im zweiten Teil des Buches ist der familiären Sprachpolitik und dem Sprachmanagement gewidmet (Autorin K. Jakaitė-Bulbukienė, S. 67–114). Auf der Grundlage quantitativer und qualitativer Daten – letztere nutzt sie besonders erfolgreich – zeigt K. Jakaitė-Bulbukienė, welche Einstellungen die Entschlossenheit von Auswanderern prägen, die litauische Sprache zu bewahren, insbesondere in den USA und in Deutschland. Gewisse banale Wahrheiten wie „Man möchte die litauische Sprache an die nächsten Generationen weitergeben“, „Litauisch zu sprechen wird als selbstverständlich angesehen“ und Ähnliches (S. 113) erklären die Gründe für den Erhalt der litauischen Sprache scheinbar nur wenig; doch genau darin bestehen die sogenannten subjektiven Einstellungen, deren Wirkung enorm ist. Bei genauerer Lektüre des Artikels wird deutlich, dass die meisten Daten dieser Art von denjenigen erhoben wurden, die besonders bereitwillig die Fragen des Fragebogens beantworteten – Auswanderern der Nachkriegswelle, ihren Kindern und Enkeln (S. 113). Das Bild ist also verzerrt: Das Ergebnis ist kein objektives Abbild, sondern das Bild eines Clubs der Begeisterten. Dies ist einer der methodischen Schwachpunkte der Studie – die Frage, wie sich die Auswahl der Befragten steuern lässt, bleibt weiterhin unbeantwortet. Der dritte Teil des Buches – „Identität und Spracherhalt“ (S. 117–185) – besteht aus drei Artikeln von Loreta Vilkienė über nationale, sprachliche und kulturelle Identität. Dieser Buchteil zeichnet sich durch die Fülle und Tiefe seiner theoretischen Überlegungen sowie durch die Erörterung der erhobenen Daten im breiteren internationalen und wissenschaftlichen Kontext aus. Die kritische Auseinandersetzung mit den erhobenen soziolinguistischen Daten steigert den Wert der Arbeit und eröffnet die Perspektive für anders ausgerichtete Untersuchungen: „Es sei daran erinnert, dass an den qualitativen Befragungen des Projekts „Sprache der Auswanderer“ nur sozial aktive Personen teilnahmen, denen ihre ethnische Identität wichtig ist; zudem ist anzunehmen, dass solche Personen auch die Fragebögen der quantitativen Erhebungen wesentlich eifriger ausfüllten. Man kann jedoch nicht davon ausgehen, dass ihre Meinung die Position aller im Ausland lebenden Litauer / Personen litauischer Herkunft widerspiegelt,“ 308 Acta Linguistica Lithuanica LXXV Emigrantai: kalba ir tapatybė. Kolektyvinė monografija Denn wie bereits erwähnt, wurde jener Teil der Litauerinnen und Litauer, der die Verbindungen zu Litauen und zum Litauertum bewusst abgebrochen hat, während der Projektuntersuchung vermutlich nur unzureichend oder vielleicht gar nicht erreicht. Daher gelten alle Verallgemeinerungen nur für einen Teil der im Ausland lebenden Litauerinnen und Litauer bzw. Personen litauischer Herkunft, denen das Litauischsein in unterschiedlichem Maße wichtig ist“ (S. 133). Besonders wertvoll sind die Anhänge, die aus 18 von V. Baranauskienė erstellten soziolinguistischen Karten bestehen; dem Fragebogen der „Untersuchung zum Sprachverhalten von Emigranten litauischer Herkunft“ mit 61 Fragen; Informationen zu 177 qualitativen Interviews und dem Leitfaden für qualitative Interviews des Projekts Emigrantų kalba. Die Analyse der Beiträge zeigt, dass die beschriebene Untersuchung der Sprache von Emigranten eine sehr komplexe Angelegenheit ist – vor allem aus methodologischer Sicht. Man bekommt, wonach man fragt. Eingegangen am 23. Dezember 2016. LAIMA KALĖDIENĖ Lietuvių kalbos institutas Petro Vileišio g. 5, Vilnius LT-10308, Lietuva [email protected] Recenzijos / Reviews 309