Simas Karaliūnas. „Baltų etnonimai“
Full text
DALIA PAKALNIŠKIENĖ
Universität Klaipėda
Forschungsschwerpunkte: Baltistik, Geolinguistik, Geschichte des Verbs.
SIMAS KARALIŪNAS
BALTISCHE ETHNONYME
Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 2015, 620 p.
ISBN 978-609-411-150-1
Klassische Etymologien der Namen baltischer Stämme und Völker, die meist mit der Hydronymie1 in Verbindung gebracht wurden, begann man in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aktiv zu überprüfen. Einer der prominentesten „Revisoren“ des baltischen Onomastikons ist der berühmte Baltist Simas Karaliūnas2, der seit mehreren Jahrzehnten die Problematik der Ethnonyme „aufwirbelt“.
In der Monografie werden die baltischen Ethnonyme in einem sehr weiten historisch-vergleichenden Kontext behandelt. Ein Thema, das über viele Jahre äußerst sorgfältig erforscht wurde und der wissenschaftlichen Gemeinschaft Litauens und der Welt durch Konferenzvorträge, Artikel3 und das opus magnum „Die baltische Vergangenheit in historischen Quellen“4 bekannt ist, wird hier grundlegend-
1 Kazimieras Būga, Janis Endzelynas, Antanas Salys, Jerzy Nalepa, Kazimieras Kuzavinis, Jonas Kabelka, Bronys Savukynas, Vilius Pėteraitis, Zigmas Zinkevičius und andere.
2 Über die Monografie wurde geschrieben, als der hochgeschätzte Autor noch lebte. In der Erinnerung der weltweiten Gemeinschaft der Linguisten lebt er bis heute fort.
3 Karaliūnas S. Zur Bedeutung und Herkunft des preußischen Ethnonyms. – Baltistica, 13(2), 1977, 372–373; Karaliūnas S. Die Aisčiai und ihr Name (Eine kritische Übersicht linguistischer Forschungen). – Mokslas ir Lietuva, 1991, Nr. 2(3), 4–12; Karaliūnas S. Die Herkunft des Namens Litauens. – Lietuvių kalbotyros klausimai 35, 1995, 55–99; Каралюнас С. Zur Problematik der Entstehung baltischer und slawischer Ethnonyme. – Slavistika Vilnensis [= Kalbotyra 47(2)], 1998, 7–28; Каралюнас С. Ethnonyme im sogenannten polnisch-jatwingischen Wörterverzeichnis. – Полутропон. Zum 70. Geburtstag von Wladimir Nikolajewitsch Toporow, Moskau, 1998, 154–156; Karaliūnas S. Die Herkunft des Ethnonyms gudai. Aus der Geschichte der baltisch-germanischen und baltisch-slawischen Kontakte. – Darbai ir dienos 10(19), 1999, 7–54; Karaliūnas S. Ethnonyme auf dem Gebiet Lettlands. – Internationaler Baltistenkongress „Die baltischen Sprachen im Wandel der Jahrhunderte“. Abstracts der Vorträge. Riga, 2000, 125–129; Karaliūnas S. Zur Herkunft und Bildung der Bezeichnung Aismarės. – Probleme der Lexikografie und Lexikologie. Zum 100. Geburtstag von Antanas Salys. Konferenzabstracts, Vilnius, 2002, 7–8; Karaliūnas S. Dainava. Bedeutung, Geschichte und Herkunft des Namens. – Baltistica 41(1), 2006, 103–117.
4 Karaliūnas S. Baltų praeitis istoriniuose šaltiniuose 1, 2. Vilnius: Lietuvių kalbos instituto leidykla, 2004, 2005.
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weit ausgebaut und durch neue Forschungen ergänzt. In 14 Kapiteln werden die Historiografie der Ethnonyme, die areale Verteilung der Varianten und ein kritischer Überblick über sämtliche Etymologien systematisch dargestellt sowie neue, originelle Hypothesen zur Herkunft der Ethnonyme vorgelegt.
Im ersten Kapitel werden die Belege für die ersten Erwähnungen baltischer Ethnonyme in mehreren wichtigen historischen Quellen untersucht: in Claudius Ptolemaios’ „Geografie“ (2. Jh., Γαλίνδαι καὶ Σουδινοί, Βορούσχοι), in Adam von Bremens „Hamburgischer Kirchengeschichte“ (11. Jh., Churland, Chori, Semland, Sembi vel Pruzzi), in skandinavischen Quellen (11.–14. Jh., SæimgaliR, Kūrland, Vitland, Sámland, Ermland, Lifland), in dänischen Quellen (12. Jh., Pruscia, Prycia, Prussia, Samland, Semlandia, Sembi, Kurland, Semigalia), in Alberichs „Weltchronik“ (13. Jh., Prutia, Curlandia, Lethovia, Withlandia et Sambia), im „Anfang der Weltbeschreibungen“ eines unbekannten Autors (13. Jh., Pruscia, Prutheni, Jetwisia, Ituesi, Zambia, Curlandia, Samoitia, Lectauia, Lectaui und Nalsani) sowie in Peter von Dusburgs „Chronik des Preußenlandes“ (14. Jh., Sudowia, Galindia).
Das zweite Kapitel widmet sich der Problematik der Galinder. Anhand von Dokumenten des Deutschen Ordens und anderer geografischer sowie historischer Quellen, gelegentlich auch archäologischer Daten, werden ihr Siedlungsgebiet und historische Fakten lokalisiert; untersucht werden die Belege für Varianten des Namens und deren Zuverlässigkeit sowie die Beziehungen zu Anthroponymen, Toponymen und Appellativa und die Beziehungen zwischen West- und Ostgalindern. S. Karaliūnas verwirft die bestehenden Etymologien als unzureichend begründet und schlägt eine neue Hypothese vor. Für die Formen des galindischen Ethnonyms *Galindā / *Gelindā, *Galendā / *Gelendā oder *Galandā / *Gelandā, *Gilandā wird eine alte Bedeutung ‘Bewohner der fernen Umgebung, eines abgelegenen Landes als ungeteiltes Ganzes’ angenommen, aus der sich die Bedeutung des Landschaftsnamens ‘ferne Umgebung, abgelegenes Land’ entwickelt habe. Die Motivation dieses Toponyms wird mit dem vergleichenden historischen Befund zu Bezeichnungen für Eingeweide (Magen, Darm) in baltischen, griechischen und slawischen Sprachen derselben Wurzel begründet, der die semantische Entwicklung der Sememe ‘Bauch, Magen; Eingeweide’, ‘Innereien; Darm’ und ‘tiefer Ort, Senke’, ‘Tiefe, Abgrund’, ‘Boden (eines Gefäßes, des Meeres usw.)’, ‘Erde, Boden, Erdreich; Fundament, Grundlage …’ expliziert.
Das dritte Kapitel der Monografie ist den Sudauern gewidmet. Nach sorgfältiger Untersuchung der Quellenbelege und der Reflexe des Namens der Sudauer in preußischen und litauischen Oikonymen sowie einer Erörterung möglicher Etymologien der Sudauer legt der Autor erneut eine neue Hypothese zur Herkunft dieses Ethnonyms vor. Er rekonstruiert das baltische Adjektiv *sūd̄as ‘füllig, üppig, fruchtbar; dick, rundlich (von einem Mann, einem Kind, einem Mädchen); fest, dicht, kompakt (von Leinwand, Garn, Schussfäden)’ (neben lit. sūd̄ras / sūd̄rūs) als Ableitung des Verbs sūd̄yti ‘Salz streuen, salzen, durch Salzen haltbar machen …’ und leitet daraus das Ethnonym sowie die Landschaftsnamen Sūdava und Sūduva ab. Als semantisch-typologische Parallele für eine solche Motivierung führt der Autor die Herkunft von Ethnonymen anderer Völker an: den Ausdruck des sibirischen Volkes der Enzen, der Verwandten der Nenzen, моду погой незва ‘mein Stamm ist dick (das heißt zahlreich, groß)’, sowie das alttürkische Substantiv türk ‘Stammesverband’ neben dem Adjektiv türk ‘stark, fest, mächtig; zahlreich’.
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Ergänzt werden außerdem Deutungen zur Herkunft der von Peter von Dusburg erwähnten Namen sudauischer Gebiete Pokima, Kymenov und Kisrnovia.
Im vierten Kapitel wird das Ethnonym der Jatwinger untersucht. Mit unermüdlicher Beharrlichkeit inventarisiert der Autor alle Etymologien des Namens der Jatwinger und zeigt ihre Schwachstellen auf. Eine Verbindung des Ethnonyms der Jatwinger mit den Flussnamen Jatfa, Jotupis, Jotija, Jotūlė wird verworfen; das Ethnonym und die Hydronyme seien unabhängig voneinander aus derselben Verbalwurzel *jā- ‘gehen, fahren, reiten’ gebildet worden. Auf Grundlage von Kazimieras Būgas Hypothese über die Verwandtschaft des Namens der Jatwinger mit den Appellativa russ. ямба́, я́мбо ‘großer Fischschwarm’, bulg. я́мо ‘Reihe, Kette, Haufen’, serb.-kroat. jàto ‘Gruppe, Schwarm (von Fischen, Vögeln); Herde (von Schafen, Rindern, Pferden)’, slowen. játo, játa ‘große Gruppe, Schwarm derselben Art von Lebewesen (Fische, Vögel usw.), die schwimmen oder fliegen’, rekonstruiert S. Karaliūnas jatwingisch *jātvā ‘Krieger, Kriegerschar’ und leitet alle Appellativa von derselben Verbalwurzel ab wie die Hydronyme. Nach Ansicht des Wissenschaftlers wurden in den baltischen Sprachen aus *jā- ‘gehen, fahren, reiten’ Substantive mit i- und u-Stämmen gebildet, nämlich *jāti- und *jātu- mit den Bedeutungen ‘Gruppe, Herde (von sich bewegenden Lebewesen)’ und ‘berittene Krieger, Reiterheer’. In der jatwingischen Sprache habe die u-Stammform *jātu- das Kollektivsuffix *-ā (< ide. *-aH) erhalten; aus der u-Stammform sei hingegen *jā́tv-ingas ‘zu den Jatwingern gehörig’ gebildet worden.
Die Herkunft der Namen Dainava und Dainavier wird im fünften Kapitel behandelt. Der Autor schlägt vor, die Belege in historischen Quellen nicht mit den litauischen Oikonymen Dainava, Dainiai und den entsprechenden Hydronymen im baltischen Sprachgebiet in Verbindung zu bringen. Ausgehend vom Gebrauch und der Semantik der litauischen Adjektive dieni ‘trächtig, kurz vor dem Abfohlen, erwartend (von einer Stute)’ und dienė ‘geschwollen, bald abfohlend (von einer Stute)’ sowie von Entsprechungen in den indo-iranischen Sprachen nimmt der Linguist eine baltische Wurzel *dēi-n- an und rekonstruiert die litauischen Substantive *diena, *dienė ‘Kuh’, die auf der ursprünglichen etymologischen Bedeutung ‘die säugt, die ein säugendes Junges hat’ beruhen. So bringt er die Bezeichnung der Bewohner *dainiai ‘Dainavier’ mit dem baltischen Substantiv Femininum *dáinē, *dēinā, *dēinē ‘kalbende Kuh; junge, gemolkene Kuh’ und dem Adjektiv Femininum *dēinī ‘trächtig, kurz vor dem Abfohlen, erwartend (von einer Stute)’ in Verbindung. Die suffixalen Formen Dainavà, Dainuvà könnten die kollektive Bedeutung der gesamten Sippe ausgedrückt haben. Die semantische Motivation des Ethnonyms *dainiai aus dem Substantiv *dáinē ‘Kuh’ wird mit der Bedeutung ‘zu den Kühen gehörig, mit Kühen verbunden, d. h. Hirten, Viehhirten’ erklärt.
Im sechsten und siebten Kapitel wird die Thematik der Jatwinger fortgeführt: Erörtert werden Sprachrelikte, die in den Dialekten und im Namenbestand Südlietuvas und Weißrusslands, insbesondere in der Hydronymie, belegt sind. Anhand historischer Dokumentation und archäologischer Funde wird versucht, das Siedlungsgebiet der Jatwinger zu lokalisieren; außerdem werden neue Hypothesen zur Herkunft der Polesie und der slawischen Ethnonyme вельняне, древляне, dregoviči, Pollexiani vorgelegt. Untersucht werden die Namen der linken Nebenflüsse des Prypjat, die belegen, dass das Gebiet vom Neman im Norden bis zum Prypjat und seinen linken Nebenflüssen im Süden seit ältester Zeit baltisch geprägt war. Aktualisiert
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die Problematik der baltisch-slawischen Beziehungen5: Fragen der Chronologie des slawischen Ethnos, seiner Urheimat und Migrationen, die übrigens erheblich mit neueren archäologischen Untersuchungen dissonieren6.
Das achte Kapitel der Monografie ist der Problematik des Ethnonyms Prussen und der Namen prussischer Gebiete gewidmet. Die preußische Thematik wird sinnvollerweise mit Belegen für das Lexem Prusse in alten litauischen und lettischen Wörterbüchern, anderen Schriften und Dialekten sowie in der Folklore eingeleitet. Die Entwicklung der Bedeutung des Ethnonyms (vom alten baltischen Stamm bis zum Deutschen in Ostpreußen oder einem Vertreter einer Konfessionszugehörigkeit) und seine formale Struktur werden ausführlich erläutert. Nach einer detaillierten Analyse der historischen Quellen wird der Schluss gezogen, dass die Prussen eine Gruppe mit sozialem Prestige gewesen sein müssen, eine Art Witinge, berittene Krieger, die mit Pferden sowie deren Zucht und Abrichtung verbunden waren, jedoch nicht mit einem bestimmten Gebiet oder Land. Die Hypothese wird durch in germanischen und slawischen Sprachen belegte Lexeme mit der Wurzel prus- gestützt, die die Bedeutungen ‚Prusse; Pferd, Ross, Hengst‘ haben. Nachdem S. Karaliūnas sämtliche Deutungen zur Herkunft des Ethnonyms Prussen kritisch bewertet hat (auch seine frühere eigene7), arbeitet er die Semantik des rekonstruierten zugrunde liegenden Verbs *prus- ‚spritzen, schleudern, spritzen; (von Pferden) schnauben‘ heraus, aus dem die mit dem Ethnonym verbundenen Nomina hergeleitet werden, insbesondere dessen Bezug zum Ausgießen von Wasser, der sich in altind. pruṣṇóti ‚er besprengt, spritzt, träufelt, befeuchtet‘, serb.-kroat. prskām, prskati ‚spritzen‘, lit. praūšti (–ia, –ė) ‚mit Wasser reinigen, sich waschen, das Gesicht waschen; Hände, Füße, den Kopf oder den ganzen Körper waschen, baden; Wäsche oder Geschirr waschen‘ usw. Unter Rückgriff auf typologische Parallelen in germanischen, indo-iranischen, anatolischen und anderen indogermanischen Sprachen schlägt der Wissenschaftler eine neue Etymologie vor: Die ursprüngliche Bedeutung des Ethnonyms Prussen könnte ‚Befeuchtende, Spritzende, Samen ausgießende (semina emittentes)‘, das heißt ‚Männer‘, gewesen sein.
Im Folgenden wird die Herkunft der in der Chronik Peters von Dusburg aufgeführten Namen prussischer Gebiete neu gedeutet. Für die als fremden Ursprungs angesehenen Kulm und Löbau werden baltische Etymologien vorgeschlagen. Die Verbindung von Löbau mit lit. liubėti ist jedoch nicht überzeugend, da dieses Verb im LKŽ nur durch einen einzigen Satz belegt und aus einer einzigen Präsensform erschlossen ist; das damit verbundene liūbyti gilt zudem als Slawismus8. Nach S. Karaliūnas’ Auffassung wurde die Benennungsmotivation der prussischen Gebiete meist durch Beruf und Tätigkeit der Bewohner bestimmt (Liubavas, Varmė, Notanga, Semba, Nadruva, Barta, Skalva), seltener durch physiografische oder topografische Merkmale (Kulmas, Pamedė, Pagudė). Das in anderen Quellen erwähnte Gebiet Sasna wird, nachdem eine hydronymische und eine „hasenbezogene“ Herkunft verworfen worden ist,
5 Siehe die ausführliche und weiterhin aktuelle Veröffentlichung: Karaliūnas S. Kai kurie baltų ir slavų kalbų seniausiųjų santykių klausimai. – Lietuvių kalbotyros klausimai 10, 1968, 7–100.
6 So datiert beispielsweise Eugenijus Jova die Entstehung der Slawen ins 5. Jahrhundert (Jova E. Aisčiai. Kilmė. Vilnius: Edukologija, 2012, 44–55).
7 Karaliūnas S. Zur Bedeutung und Herkunft des preußischen Ethnonyms. – Baltistica 13(2), 1977, 372–373.
8 Fraenkel E. Litauisches Etymologisches Wörterbuch 1. Heidelberg: Winter; Göttingen: Vandenhoec & Ruprecht, 1962, 378.
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wird ebenfalls neu gedeutet – das rekonstruierte Lexem pr. *sasnā ‚Baumbast; Kiefer‘ wird mit sl. *sosna ‚Kiefer‘ verbunden.
Das in historischen Quellen erwähnte Vitland verbindet S. Karaliūnas mit der Bezeichnung Witinge als sozialer Gruppe, die er von *vītā (oder vītia- ‚Verfolgen, Verteidigen, Vertreiben, Wegjagen …‘) und dem Suffix -ing- herleitet: vitingai – ‚zu den vytas gehörig, Männer der vytas‘.
Der Name Litauens und das Ethnonym Litauer werden im neunten Kapitel unter Heranziehung der Untersuchungen des Historikers Artūras Dubonis zu den leičiai und ihren sozialen Funktionen sowie von in historischen Quellen erwähnten Fakten über wahrscheinliche Dienstleute des litauischen Herrschers erklärt. Gerade diese beruflich-soziale Kategorie könnte den Litauern als Ethnos ihren Namen gegeben haben. Karaliūnas weist Zigmas Zinkevičius’ Argument zum Akzentunterschied zurück, der eine Verbindung von leitį und Litauen ausschließen soll, und hält ihn für unerheblich: Es handle sich um eine reguläre Erscheinung des Ablauts im litauischen Wurzelvokalismus und des Intonationssystems, die einer gemeinsamen Wurzel dieser Bezeichnungen nicht entgegenstehe. Ferner werden strukturelle Analogien angeführt, vgl. vienas, vič-vienas und vič-veinėlis, šiekštas und šeíkštis, príemenė und preímenė, miélas und meīlas usw.
Lit. *leitīs wird vom Autor von der idg. Wurzel *leit- ‚gehen, fahren, reisen; begleiten‘ hergeleitet (wie auch got. ga-leiban ‚(fort)gehen, (fort)reisen‘, altisl. líða ‚(vorüber)gehen, (fort)reisen; verschwinden, vergehen, zugrunde gehen‘, altengl. (ze)līðan ‚(fort)gehen, (fort)reisen, (fort)ziehen; segeln‘, altsächs. līthan, līðan ‚gehen, fahren‘, altfries. lītha ‚(er)dulden, widerwillig zulassen‘, ahd. ga-līdan ‚(fort)reisen‘ usw.). Die Form lit. *leit-(i)jai entwickelte sich in einigen litauischen Dialekten zu leičiai ‚Dienstleute des Herrschers, Pferdefütterer‘, in anderen zu *liečiai ‚Litauer‘. In einzelnen litauischen Dialekten entstand durch qualitativen Wechsel der Wurzelvokale *leit(i)jai > *leit(i)jai, woraus mit dem Suffix -uv- lit. Lietuvà als Bezeichnung des Kollektivs hervorging (vgl. bernavà ‚Gruppe junger Männer, Burschen‘, brolavà, broliavà ‚Bruderschaft, Brüder und ihre Kinder‘).
Der zehnte Teil behandelt die Problematik der Ethnonyme Letten und Latgallen und gliedert sich in drei Abschnitte: Belege in historischen Quellen und die Interpretation der überlieferten Formen, die Herkunft der Ethnonyme sowie die Begründung des baltischen Charakters des Appellativs lata.
Der Wissenschaftler vertritt die auf dem VII. Internationalen Baltistenkongress in Riga vorgeschlagene Hypothese zur Herkunft des lettischen Ethnonyms9, die durch die Appellative lett. lata ‚Grundstücksgrenze; Feld, Acker‘ und late ‚Teil eines Ackers, Pfluglands oder Feldes‘ gestützt wird. Der Name latuvā ‚Letten‘, *latā ‚Letten‘ bedeutete etymologisch ‚Menschen des Landes‘. Als typologische Parallelen aus demselben Areal werden angeführt: estn. marahvas ‚Menschen des eigenen Landes (die Leute (unseres) Landes)‘, Semgallen (zemgali), Žemaiten (žemaiši).
Das elfte Kapitel beginnt mit einer Analyse der Lokalisierung, ethnischen Zugehörigkeit und Angaben historischer Quellen zu den Selen. Anstelle der traditionellen Herleitung des Ethnonyms von entsprechenden Hydronymen wird eine neue Herkunftshypothese vorgeschlagen, die Ptolemäus’ Σάλοι mit den Appellativen lit. salà ‚Dorf‘ und lett. sala ‚dasselbe‘ verbindet; nach Auffassung des Autors,
VII Starptautiskais baltištu kongress 1995. g. 13.–15. jūnijā. Referātu tēzes, Rīga, 1995, 47–49.
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eine kollektive Pluralform gewesen sein könnte *salā ‘Dorf als unteilbares Ganzes’, später wurde der Name auf dessen Bewohner übertragen. Die genannten Appellativa werden mit lit. salà ‘von allen Seiten von Wasser umgebene Landfläche; höher gelegenes, trockenes Fleckchen Land in einem Sumpf, Moor...’, lat. solum ‘Erde, Boden; Fußboden, Dielen (eines Zimmers); (Fuß-)Sohle; Fundament; Grund; Unterseite’, ahd. sal Mask. ‘Wohnung; Behausung, Wohnstätte; Saal’, aksl. selo ‘Ackerboden, Feld; Weide; Dorf, Siedlung’, russ. село ‘Dorf, Kirchdorf; Wohnung, Behausung, Wohnstätte; Siedlung, Dorf; Feld, Ackerland, Grundstück’ usw. in Verbindung gebracht, die auf die verbale idg. Wurzel *sel- ‘wohnen, sein’ zurückgehen. In den zahlreichen Hydronymen und Toponymen Lettlands, Litauens und Kurlands (Sēlnieki, Sēļi, Sēlietis, Sēļu muiža, Sēļēķi, Sēlis, Sēles, Sēļi, Sēļa purvs, Sēlieši, Sēliškas, Sēlieši, Sēļi, Sēleši, Sēlieši, Sēlaiši, Sēlas, Sēlēki, Sēliupis, Sēliupỹs, Sēlē, Sēliškes) erkennt S. Karaliūnas kein Ethnonym der Selonen, sondern rekonstruiert ein baltisches Appellativ *sėlā ‘Insel; Erhebung, Hügel im Sumpf; Wald-, Forstland; Sumpf, Moor usw.’; die quantitative Ablautvariation der Stammvokale steht in Zusammenhang mit lit. *selā, *selio-, *seliā- ‘Dorf’, aksl. selo ‘Ackerboden, Feld; Weide; Dorf, Siedlung’. Seiner Ansicht nach „können das Ethnonym der Selonen in den historischen Quellen, lat. Selones, dt. Sēlen und der lettische Oikonym Sēlpils sowohl auf die baltische Vorform *sēl(i)iai zurückgehen, die mit dem Zugehörigkeit ausdrückenden Suffix *-(i)ia- wahrscheinlich von *sėlā bzw. *sēl(i)iā ‘Insel; Erhebung, Hügel im Sumpf; Sumpf, Moor usw.’ abgeleitet ist, als auch auf balt. *sėlā Nom. Pl. Neutr. ‘die Selonen als unteilbares Ganzes’.
Die Erörterung der Sēlen-Thematik schließt mit einem kurzen Abschnitt über die Überreste der Sprache der Sēlen, die im Übrigen aus anderen Untersuchungen bekannt sind.
Der zwölfte Teil der Monografie behandelt die Herkunft des Ethnonyms der Semgallen. Der Wissenschaftler nimmt an, dass das etymologische Gegenstück zum Namen des semgallischen Gebiets das Oikonym Žemýgala aus der Umgebung von Raseiniai sein könnte; der Name des semgallischen Gebiets setzt sich demnach aus lit. žẽmė, lett. zeme und gãlas, lett. gals ‚Gebiet, Landstrich‘ zusammen – Semgallen also ‚Menschen des Landes‘. Da die Wörter lit. žẽmė, lett. zeme und lit. žiemiai ‚Norden‘, lett. ziemeļi ‚Norden‘ wegen ihres ähnlichen Klangs im Bewusstsein der Sprachgemeinschaft zusammenfielen, könnte der Name des semgallischen Stammes und Gebiets als ‚im Winter, im Norden gelegen‘ umgedeutet worden sein. Als typologische Parallelen werden die Ethnonyme žemaitis, *latuvā, *latā bei *talavā angeführt, die sich nach demselben semantischen Muster aus den Appellativa žẽmė, *lat(av)ā, *talavā für Land (Boden, Feld) gebildet haben könnten.
Ausführlich werden die Reflexe der semgallischen Sprache in den Dialekten und im Namenmaterial behandelt: Anaptyxe, Entwicklung tautosyllabischer Verbindungen mit n, Fortsetzungen von balt. š, ž und den palatalisierten k, g usw.
Im dreizehnten Kapitel wird die Problematik des letzten baltischen Ethnonyms – der Kuren – vorgestellt. Das Ethnonym wird mit dem Appellativ *kuršā- verbunden, vgl. lit. kuršas ‚Haken (Haken)‘. Die Bedeutungen des hypothetischen Grundworts kuršas ‚Keil, Haken‘, ‚Pfahl, Stock; Pfosten‘ werden aus der Bedeutung der Verbalwurzel ‚spalten; sich spalten‘ hergeleitet; demnach bedeutet kuršas ‚das Abgespaltene, Abgebrochene‘, ‚das Abzweigende‘. Diese Bedeutung könnte die Grundlage für die Entstehung der Bedeutungen ‚Menschenmenge, Gruppe‘, ‚Sippe, Stamm, Generation (von Menschen)‘, ‚Volk‘ gebildet haben.
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(Generation von Menschen)‘, ‚Stamm‘. Aus balt. *Kuršā ‚der Stamm der Kuren als unteilbares Ganzes‘ (rekonstruiert anhand von Belegen wie Kursa Dunika, Volksliedern; tamnisch Kuorsa ‚Kurenland (Kurland)‘) könnten Bewohnerbezeichnungen gebildet worden sein: lit. kuršiai, kuršai, lett. kursi. Die neue Etymologie wird reichlich mit typologischen semasiologischen Parallelen aus indogermanischen und finno-ugrischen Sprachen illustriert, die den Übergang zwischen den Bedeutungen ‚abgespalten, Haken‘, ‚Pfahl, Stock; Pfosten‘ und ‚Menschenmenge, Gruppe‘, ‚Sippe, Stamm, Generation (von Menschen)‘, ‚Volk‘ erklären. Zudem werden die Hypothesen von Jonas Kazlauskas und Max Vasmer auf eigenständige Weise miteinander verknüpft; dabei wird behauptet, dass lit. kuršas ‚Haken‘ und sl. *kъrchъ (< idg. *ḱr̥so-) ‚gebogen, gekrümmt, krumm‘ (> ‚links, linkshändig‘) etymologisch verwandte Wörter sind.
Zwei Namen kurischer Gebiete werden neu etymologisiert – Ceklis und Vannenia.
Der kurze vierzehnte Abschnitt ist den livischen Nachbarn der Balten, den Liven, gewidmet. Die Ethnonyme und Landschaftsnamen liv. līva, lība, est. liivi, liivilane ‚Liven‘, finn. liivi, Liivinmaa ‚Livland‘, liiviläinen ‚Liven‘ werden mit den Appellativa est. liiv, finn. liiva ‚Sand; Schlamm, Morast‘ u. a. in Verbindung gebracht, die im etymologischen Wörterbuch des Finnischen als Baltismen gelten10; vgl. lett. glūve ‚grüner Schleim auf dem Wasser, Schlamm; Farbe‘ (ME I 628) und lit. glyvas (unbetont) ‚Schleim?‘ (LKŽ III 428). Die Konsonantenverbindung gl wurde aufgrund der phonotaktischen Regeln der finno-ugrischen Sprachen zu l vereinfacht. Zu diesem Abschnitt würde auch eine andere, im Kapitel über die Kuren erwähnte Etymologie passen, die das livische Ethnonym mit den Appellativa lett. līvis (līve, līvens) ‚Schleppnetz, Zugnetz zum Fischen in flachem Wasser (ein Stossnetz); dreieckige Reuse (eine dreieckige Garnreuse); viereckiges Netz‘ (ME II 491), slīvo ‚ebenso‘ (Rauna – ME II 937), lit. nu-leiŏvėti, su-lei-vėti (-lėvi, -ėjo) ‚schwächer werden, verfallen, matschig werden‘ (< *‚sich beugen, sich krümmen‘) (LKŽ VII 297), (iš-)làiveti (-ėja, -ėjo) ‚(über Roggen) auseinanderfallen, sich lagern‘, iš-laivoti (-ója, -ójo) ‚Biegungen machen (Biegungen machen)‘ (LKŽ VII 74), russ. dial. ливый ‚geneigt, schräg, abfallend‘, aksl. левъ ‚links, linkshändig‘, lat. laevus ‚links, linkerhand‘ (auch ‚krumm, gebogen, nach unten geneigt‘), gr. λαίός ‚links, linkerhand‘ verbindet. Der Autor meint, dass est. līv ‚Netz‘ ein Lehnwort aus dem Lettischen sein könnte (wie auch lit. dial. lyvas ‚Verbindung mehrerer Zugnetze (Netze, die an einer Stange befestigt werden) zum Fischen in flachem Wasser‘ (LKŽ VII 631)), das die Grundlage für die Entstehung von liv. līva, lība, est. liivi und des von A. Breidaks rekonstruierten Namens eines westfinnischen Stammes im Nordosten Lettlands leivi gebildet habe.
Bei der Zusammenfassung seiner Methodologie und Praxis der Etymologisierung baltischer Ethnonyme stützt sich S. Karaliūnas auf die Theorie des kulturellen Kapitalismus des berühmten französischen Soziologen Pierre Bourdieu, die eine Erklärung der funktionalen und strukturellen Beziehungen zwischen Ethnonymen ermöglicht: „Das Kapital, über das die ursprüngliche patriarchalische Gemeinschaft verfügte, war ihr Land, das Mutterland, das nährende Land, das die verschiedenen baltischen Gemeinschaften mit unterschiedlichen Namen bezeichneten. Der Habitus solcher Gemeinschaften habitą
Suomen sanojen alkuperä. Etymologisches Wörterbuch 2. Helsinki, 1995, 75, 76.
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Sie wurden durch das von ihnen beherrschte Land und dessen Beschaffenheit geprägt. Dieses Habitat wurde durch die Eigentumsverhältnisse innerhalb der Stammesgemeinschaften sowie durch die Beziehungen innerhalb der Familie und zu anderen Familien, durch Kultur (Religion) und Sprache als Mittel der gegenseitigen Kommunikation und Verständigung erweitert und vertieft; das Wort, das das beherrschte Land oder Patrimonium bezeichnete, wurde in vielen Fällen zugleich zum Namen des Stammes.“ Allerdings spiegeln längst nicht alle in der Monografie behandelten baltischen Ethnonyme dieses Modell wider.
Die akademische Gemeinschaft Litauens verspürte schon lange das Bedürfnis nach einem umfassenden Verzeichnis der baltischen Ethnonyme. Die in Einführungen in die baltischen Sprachen und in sprachwissenschaftlichen Lehrbüchern angeführten Hypothesen zur Herkunft der Ethnonyme sowie die in Aufsätzen und Vortragsthesen verstreuten Bemerkungen können kein Gesamtbild vermitteln und erlauben keine Beurteilung der Zuverlässigkeit einzelner Etymologien. In S. Karaliūnas’ Monografie werden sämtliche Forschungen präzise zusammengetragen und überprüft. Die Fülle der Bibliografie und der Quellen zeugt von der Vollständigkeit und Tiefe der Untersuchung. Der Wissenschaftler widmet der internen Rekonstruktion große Aufmerksamkeit und zieht einen breiten historisch-vergleichenden Kontext sowie die Typologie heran; dabei schlägt er neue, kühne Etymologien vor, die das vorherrschende Modell einer hydronymischen Herkunft der Ethnonyme verwerfen: „<...> den verfügbaren Daten zufolge gibt es kein einziges baltisches Ethnonym hydronymischen Ursprungs.“ Es liegt im Ermessen der Wissenschaft und der breiten Öffentlichkeit, die neuen Etymologien anzunehmen oder abzulehnen.
Diese Monografie wird zweifellos zu einem Habitus der Gesellschaft werden, der auf das Feld unserer Kultur einwirkt. Dafür möchte ich dem hochgeschätzten Autor Simas Karaliūnas herzlich danken.
Eingereicht am 30. September 2016.
DALIA PAKALNIŠKIENĖ
Klaipėdos universitetas
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