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Textgrammatik und frühneuhochdeutsche Gebrauchstexte aus tschechischen und slowakischen Archiven (Urbar, Satzung, Kirchenlied): Analyse und Versuch der Didaktisierung

Albrecht Greule

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Straipsniai / Articles 29 ALBRECHT GREULE Universität Regensburg Wissenschaftliche Forschungsrichtungen: Textgrammatik, Theolinguistik und geistliches Lied, Onomastik, historische Syntax. TEXTGRAMMATIK UND FRÜHNEUHOCHDEUTSCHE GEBRAUCHSTEXTE AUS TSCHECHISCHEN UND SLOWAKISCHEN ARCHIVEN (URBAR, SATZUNG, KIRCHENLIED): ANALYSE UND VERSUCH DER DIDAKTISIERUNG Teksto gramatika ir ankstyvieji naująja vokiečių aukštaičių kalba parašyti tekstai iš Čekijos ir Slovakijos archyvų (kadastrai, potvarkiai, bažnytinės giesmės): analizė ir bandymas pritaikyti didaktiškai ANNOTATION Drei frühneuhochdeutsche Texte, die in Tschechien (Böhmen und Mähren) und der Slowakei entstanden sind, werden textgrammatisch analysiert. Auf diese Weise soll beschrieben werden, wie in diesen Texten des 15. und 16. Jahrhunderts, die zu verschiedenen Textklassen gehören, die Textkohärenz für den Rezipienten nachvollziehbar gemacht und er in die Lage versetzt wurde, das Thema des Textes zu erfassen. Bei der Analyse werden in der Hauptsache zwei Strategien eingesetzt: die Feststellung der Zentralen Textgegenstände durch Herausarbeitung von Koreferenz-Ketten und die Feststellung von Isotopie-Ebenen durch Extraktion von semantischen Merkmalen. Aus der Kombination ALBRECHT GREULE 30 Acta Linguistica Lithuanica LXXV der Zentralen Textgegenstände und der Isotopie-Ebenen kann das Thema der Texte erschlossen werden. In die Abhandlung sind auch Hinweise eingearbeitet, in welcher Weise die textgrammatische Analyse im sprachgeschichtlichen Unterricht genutzt werden kann. SCHLÜSSELWÖRTER: Sprachgeschichte, Historische Textgrammatik, Fachdidaktik, Urbarlinguistik, Hymnologie. ANNOTATION Three Early New High German texts which originated in the Czech Republic (Bohemia and Moravia) and Slovakia are analysed from a text-grammatical point of view. In this way there follows a description of how in these texts of the 15th and 16th centuries, which belong to different text classes, text coherence was made understandable for the recipient and how he was enabled to grasp the subject of the text. In the analysis two strategies are used for this central issue: the statement of the central text objects by the clarification of co-reference chains and the statement of isotopy-levels by the extraction of semantic features. From the combination of these central text objects and the isotopy-levels the subject of the texts can be classified. In this paper tips have been incorporated how text-grammatical analysis can be used in language history lessons. KEYWORDS: Language history, historical text grammar, subject didactics, cadastral linguistics, hymnology. 1. EINLEITUNG UND ZIELSETZUNG Mit den folgenden Überlegungen setzen wir ein Projekt fort, dessen Aufgabe darin besteht, die Aussagekraft eines an Zeitungstexten der Gegenwart erprobten textgrammatischen Modells auf sprachhistorische Texte zu testen (vgl. Greule, Kolbeck 2014). Mit Blick auf die Didaktik des Deutschen als Fremdsprache und die Rolle, die sprachgeschichtliche Texte dort spielen könnten, wählen wir dazu frühneuhochdeutsche Texte aus, die aus tschechischen und slowakischen Archiven stammen bzw. in Böhmen, Mähren und der Slowakei im 15. und 16. Jahrhundert entstanden sind. Es handelt sich um die Satzung des Rats der Stadt Kaschau/Košice von 1404, das Urbar des Fürstentums Jägerndorf von 1531 und das Kantional (Kirchengesangbuch) der Böhmischen Brüder von 1531. Alle drei Quellen sind aus textlinguistischer Perspektive „Großtexte“, die jedoch auf unterschiedlichen Hierarchiestufen in „Kleintexte“ aufgegliedert sind (Greule 2012: 81–86). Auf drei ausgewählte Kleintexte der genannten Quellen Straipsniai / Articles 31 Textgrammatik und frühneuhochdeutsche Gebrauchstexte aus tschechischen und slowakischen Archiven (Urbar, Satzung, Kirchenlied): Analyse und Versuch der Didaktisierung beziehen sich die folgenden Analyseversuche. Zuvor wird jeweils auf die kulturgeschichtliche Besonderheit der Quellentexte eingegangen und die Frage der Didaktisierung der historischen Textgrammatik angeschnitten. 2. TEXTGRAMMATISCHE ANALYSE Es geht bei der textgrammatischen Beschreibung der vorliegenden frühneuhochdeutschen, im 15. und 16. Jahrhundert entstandenen Texte um den Nachweis der Textkohärenz. Es geht um eine Antwort auf die Frage, mit welchen sprachlichen Mitteln der Ausdrucksund der Inhaltsseite die Textkohärenz für den Rezipienten des Textes nachvollziehbar gemacht ist und er in die Lage versetzt wird, das Thema des Textes und seine Entfaltung zu erfassen. Dazu kommen in der Hauptsache zwei Strategien infrage: die Feststellung der Zentralen Textgegenstände (ZTG) durch Herausarbeitung von Koreferenzketten und die Feststellung von Isotopie-Ebenen durch Extraktion von sich im Textverlauf wiederholenden semantischen Merkmalen, den Klassemen. Es ist unverkennbar, dass für die Analyse der Aspekt der Quantifizierung von sich wiederholenden Elementen sowie das Operieren auf der Satzebene die Hauptrolle spielen. Darüber hinaus besteht der Verdacht, dass das Modell bei der Anwendung auf Textexemplare unterschiedlicher Textsorten entsprechend adaptiert und revidiert werden muss und es besteht hinsichtlich sprachhistorischer Großtexte erheblicher Handlungsbedarf (ausführlich Greule 2011: 24–26; Greule, Kolbeck 2014). Akzeptiert man darüber hinaus die Vorstellung, dass Grammatik die Kombinationslehre ist, die von unten nach oben ansteigend immer größer werdende Zeichenkomplexe nach spezifischen Regeln kombiniert, dann kann man die komplexen „Großtexte“ als Kommunikate definieren, die aus mehreren Kleintexten bestehen, zwischen denen ebenfalls textgrammatische Relationen erschließbar sein müssen. 3. URBAR DES FÜRSTENTUMS JÄGERNDORF (1531) Das Urbar des Fürstentums Jägerndorf/Krnov o.Bruntál von 1531 liegt als Originalhandschrift, zusammen mit anderen unter der Regierungszeit der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach verfassten Urbaren, im Landesarchiv Troppau (Zémsky archiv v Opavé). Es wurde 2010 von Siegfried Hanke und Rainer Vogel ediert (Hanke, Vogel 2010: 18–100). Markgraf Georg von ALBRECHT GREULE 32 Acta Linguistica Lithuanica LXXV Brandenburg ließ das Urbar in deutscher Sprache und in enger Anlehnung an ein vorausgehendes, in alttschechischer Sprache verfasstes Urbar von 1523 anlegen. In den Urbaren sind die liegenden Güter, Gerechtsame und Abgaben einer geistlichen oder weltlichen Grundherrschaft verzeichnet; sie werden deshalb den „domanialen Textsorten“ zugerechnet. Über die Urbargenese wissen wir recht gut Bescheid. Ursprünglich ist davon auszugehen, dass die Güter und Gerechtsame vor Ort durch Befragung der Zinspflichtigen erhoben und danach in der fürstlichen Kanzlei in einem Urbar schriftlich fixiert wurden. Daraus ergibt sich für die Urbarlinguistik, dass in den in einer der Volkssprachen verfassten Urbaren eine Mischung aus Sprechund Schreibsprache vorliegt, die nicht in so perfekter „Orthographie“ festgehalten wurde, wie wir sie heute erwarten würden (Greule 2003: 58–61). Urbare gelten unter funktionalen Aspekten als Verzeichnisse mit Appellfunktion: In ihnen werden Güter und Rechte sowie aus ihnen fließende Einkünfte verzeichnet, die aufgrund der schriftlichen Aufzeichnung als Leistungen der Zinspflichtigen eingefordert werden können. (Greule 2003: 63) Das Urbar des Fürstentums Jägerndorf ist als Großtext untergliedert in die Erfassung der Abgaben von zehn Ortschaften im Fürstentum; diese Textkomplexe zerfallen pro Ort selbst in Kleintexte, die unter thematischen Überschriften die Abgaben im jeweiligen Ort verzeichnen. Analyse: Teiltext/Kleintext „Mayerhoff“ (Hanke, Vogel 2010: 18f.) Sowohl was die sprachwissenschaftliche Analyse als auch die Didaktisierung eines solchen Textes anbelangt, ist es erforderlich vor dem Hintergrund der kommunikativen Funktion seine syntaktischen Strukturen und sein lexikalisches Potenzial (Spezialwortschatz) aufzuarbeiten. Die Analyse der syntaktischen Strukturen manifestiert sich in der folgenden Auflistung der 24 Minimalen Texteinheiten (MTE). Überschrift/Supratext: Mayerhoff 1: Vnndter(m) schlos Lobenstain ist ain mayerhoff, wol zuer wirtschaft gelegen, der gleichen wol aufgebaut, Vnd hat dartzue viel acker Vnd guet zuegericht, Vff weliche Ecker auffen winter IX malter Vnd auffen Sommer gleich sovil Inn der Zeit mehr Vnd weniger bauen mag. 2: Zue dem selben schlos seint viel gutte wysn, wie dann Vndten Vortzaichent, schaff VIc Vnd ryndviech ain schock, tzwen wagenn Zug, Reytpferd viel, 3: diesem allem ein gebürliche nodturfft geben mag. Straipsniai / Articles 33 Textgrammatik und frühneuhochdeutsche Gebrauchstexte aus tschechischen und slowakischen Archiven (Urbar, Satzung, Kirchenlied): Analyse und Versuch der Didaktisierung 4: [item] die Gerten zue diesem schlos sein gut, 5: In denn mag man In die Kuchen manicherley Zuemuße ein sehenn. 6: [item] Ein grosser vnd nutzpar bawmgarten, Der sich mit obist vnd gras lassen gebrauchen. 7: [item] der nider Baumgarten, Inn welichem viell Bewme seint, 8: denn selben garten mag mann mit obist vnd gras genissenn. 9: [item] Der drytte baumgarten ist Hinder dem mayerhoff vndterm plancken, 10: der sich auch mit obist vnd gras lasset genissenn. 11: [item] Der fierde bawmgarten vmb das schlos auffen plancken new gebaut, welichen (man) mit obist vnd gras mag genissenn. 12: [item] Der selben fier bawm garten Jerlich mag genossen werden bey den XXf, In der tzait mehr vnnd weniger. 13: [item] Zue dem schlos sein schwartze vnd anndere weld zuvorkauffen, 14: der selbenn den nutz Hie gesetzt, ain Jar Zuem andern gesetzt XXf, Zaiten mehr oder weniger. 15: [item] Inn denn selben welden seint pynbeuten von drayen Holtzern, 16: giebt man ain messel mehd Konnektor: vnd 17: soliche messel helt Inn siech IIII quart med. 18: Dietzs mag man Jerlich genissen ain gulden tzaiten mehr vnnd weniger. 19: [item] Vndterm schlos seint zway wasser, Im welchem seint fahren, grundln vnd Herlitzen, 20: der selben mag man genissen Jerlich auff III gulden Zue Zaiten mehr vnd weniger. […] 21: [item] Ein guetter vnd nutzpar bach vndterm schlos, Im welichem seint faren, Eschenn vnd ander wasser viesch zuer nodturfft gebrauchen, 22: denn selben mag man genissen Jerlich VI gulden Inn der Tzait mehr vnd weniger. 23: [item] Vndter dem schlos seint grosse wiesn 24: auff den selben mag man IXc wagen hew machen Inn der Zait vnd weniger. Die MTE sind dadurch gewonnen worden, dass nach dem syntaktischen Kriterium 20 einfache und komplexe Verbalsätze, also solche Äußerungen, die ein oder mehrere Prädikate aufweisen, abgetrennt wurden. Lediglich vier Äußerungen (MTE 5, MTE 6, MTE 10, MTE 21) enthalten kein Hauptsatzprädikat und werden als so genannte Setzungen gewertet. Das – auch didaktisch – weitere Vorgehen setzt ein Verstehen des Textes voraus, wozu auch die Gliederung in kleinste syntaktische Einheiten dienen soll. Dieses hängt sowohl von der kommunikativen Funktion (Registrierung ALBRECHT GREULE 34 Acta Linguistica Lithuanica LXXV der Güter und ihren Ertrag für den Landesherrn) als auch vom Verständnis der Lexeme, besonders der Fachlexeme wie malter, schock, Zuemuße, genissenn, pynbeuten, messel mehd, fahren, grundln, Herlitzen, Eschen ab. Sie können über das der Edition von Hanke/Vogel beigegebene Glossar leicht ermittelt werden. Es bleiben aber die das Textverständnis erschwerenden Schreibweisen, die nicht nur von der heutigen deutschen Orthographie erheblich abweichen, sondern auch die zeitgenössische Satzstruktur nur wenig stützen. Deshalb lässt sich hier eine sprachhistorisch lohnende Übung anschließen, die darin besteht, die Schreibweise von 1531 der heutigen Orthographie, so gut es geht, anzupassen. Durch diese Übung wird vor allem der kommunikative Wert der Großschreibung und der Doppelschreibungen erkennbar. Einen ersten Schritt zur Feststellung der Isotopie-Ebenen, die den semantischen Hintergrund des Textes bilden, stellt die Klassifikation der Prädikate dar, die zuvor am besten durch Unterstreichen herausgehoben werden. Quantifiziert man die sich wiederholenden Prädikate unter semantischem Aspekt, ergeben sich aufgrund der Häufigkeit folgende Isotopien mit den Klassemen ‘Existenz’ (seint, hat) und ‘bekommen/den Nutzen haben’ (mag geniessenn, mag genossen werden, lasset geniessenn, seint…zuer nodturfft gebrauchen, den nutz…gesetzt, geben mag, giebt). Außerdem ist die durch das häufige Modalverb mag ‘kann’ ausgedrückte potentielle Modalität bemerkenswert. Ferner sind bei den Existenzprädikaten zwar die „Existenzträger“ genannt, nicht jedoch bei den Nutzungsprädikaten der/die Nutznießer, es sei denn durch das verallgemeinernde Pro-Nomen man. Letzteres verwundert nicht, da der Nutznießer der das Urbar veranlassende Grundherr war, der nicht (mit allen Titeln) immer wieder genannt zu werden braucht. Ab MTE 12 wird der jeweilige Nutzen in (Geld-) Summen angegeben. Zum Thema des Textes im Sinne einer Kurzinhaltsangabe, die auch als Überschrift fungierten könnte, gelangen wir durch die Feststellung der ZTG, die sich aus der Folge sich wiederholender Referenz ergeben: mayerhoff (1) – Hinder dem mayerhoff (9) Schloss Lobenstain (1) – Zue dem selben schlos (2) – zue diesem schlos (4) – vmb das schlos (11) – Zue dem schlos (13) – Vndterm schlos (19) – vndterm schlos (21) – Vndter dem schlos (23) Viel gutte wysn (2) – grosse wiesn (23) !! – auff den selben (24) die Gerten (4) – In denn (5) – Ein…bawmgarten (6) – der nider Baumgarten (7) - dennselben garten (8) – Der drytte baumgarten (9) – der (10) – Der fierde bawmgarten (11) – Der selben fier bawm garten (12) Weld („Wälder“) (13) – der selbenn (14) – Inn denn selben welden (15) pynbeuten („Honigertrag) (15) - ain messel mehd (16) – soliche messel (17) – Dietzs („davon“) (18) Straipsniai / Articles 35 Textgrammatik und frühneuhochdeutsche Gebrauchstexte aus tschechischen und slowakischen Archiven (Urbar, Satzung, Kirchenlied): Analyse und Versuch der Didaktisierung zway wasser (19) – der selben (20) – Ein…bach (21) – denn selben (22). Aus der Kombination der Klasseme (Isotopien) mit den ZTG kann das Textthema wie folgt erarbeitet und formuliert werden: „Von den zum Meierhof unterhalb von Schloss Lobenstein gehörenden Wiesen, Gärten, Wäldern, Honigerträgen und Gewässern ist folgender (im einzelnen spezifizierter) Nutzen/ Ertrag möglich“. Dass das Thema in dieser Formulierung nicht als Überschrift (Supratext) steht, hängt damit zusammen, dass die Lokalität Schloss Lobenstein in der Hauptüberschrift und der Meierhof in der Überschrift genannt sind. Der Rest des Themas käme in der Überschrift einer Textgliederung gleich, und die Funktion des Textes, die Güter und ihren Nutznieß zu benennen, ist aus der Funktion des Urbars klar und bekannt. Die späte Wiederaufnahme der Kategorie „Wiesen“ in MTE 23 lässt auf einen Nachtrag schließen, der durch ein Versehen des Schreibers erklärt werden kann. In seiner Funktion unklar bleibt letztlich das textgrammatisch als Gliederungs-Konnektor spezifizierbare item (siehe auch unten 4.) 4. SATZUNG DES RATES DER STADT KASCHAU/KOŠICE (1404) Schon die Beschreibung der Handschrift durch Ilpo Tapani Piirainen liefert wichtige Hinweise auf textgrammatische Strukturen, die an der Edition nachvollzogen werden können (Piirainen 1987: 239f.). Die Satzung des Rates der Stadt Košice/Kaschau von 1404 (kurz: Satzung) ist ein homogener, aus Kleintexten („Artickel“), die ausschließlich der Funktion der Rechtssetzung (Textsorte „Satzung“) dienen und deutlich voneinander abgegrenzt sind, bestehender komplexer Text. Außer den 47 Artikeln, den Kleintexten, umfasst der Gesamttext (die Handschrift) noch eine Einleitung, die jedoch den Umfang eines Kleintextes nicht überschreitet. Der Text der Handschrift ist in der Edition in einer diplomatischen, buchstabengetreuen Form abgedruckt. Dies betrifft vermutlich auch die Zeichensetzung, so dass die Setzung der Kommata als einzigen Satzzeichen in der Edition nur bedingt zur inhaltlichen Erschließung des Textstücks beiträgt. Gleiches gilt für die Versalien. Die für die textgrammatische Analyse wichtige Satzabgrenzung muss interpretatorisch durch den Analysator an den Text herangetragen werden. ALBRECHT GREULE 36 Acta Linguistica Lithuanica LXXV Analyse des 21. Artikels (Piirainen 1987: 246) Supratext: Der eynvndczvenczigste Artickel1 1: [Item] keyn vngebert eytelkeyt sprichwort vnnüczlich rawmen füstreten In siczenden rot sol nicht seyn, Konnektor: sunder 2: yder sey geschickt zw horen was zuhandlen ist, Das dy sach nicht störung habe noch hinderniß. Konnektor: Item auch 3: keyn vngeberd auswendig des rots mittenander sol seyn vor gemeynen leyten czu vormeyden ergerniß, Konnektor: Vnd auch 4: keyn ander sach sol eyngetragen werden dye selbe czeyt besunderlich uf sehen haben vf dy sach dy zu handlen ist, Konnektor: vnd 5: keynerley ander sach eyntragen noch beruren, wen dy men handelt czu der stünden Obwohl die MTE 5 eine mit der Infinitivkonstruktion in MTE 4 (besunderlich uf sehen haben…) koordinierte Infinitivkonstruktion ist, habe ich sie als selbständigen, allerdings elliptischen Satz, in dem „sol men“ zu ergänzen ist, abgetrennt. Koreferenz durch a) identische Repetition von Nomina: - Dy sach (2) - keyn ander sach, dy sach (4) - keynerley ander sach (5) - keyn vngebert (1) – keyn vngeberd (3) - in siczenden rot (1) – auswendig des rots (3) b) identische Repetition von Verben: - handlen (2) – handlen (4) - handelt (5) 1 Übersetzung: Ebenso soll es, wenn der Rat sitzt, kein ungebührliches Benehmen, keinen Müßiggang, kein „Sprichwort“ (Zwischenruf?), kein nutzloses Flüstern, Scharren mit den Füßen geben. Vielmehr soll jeder bereit sein zu hören, was zu verhandeln ist, damit die Sache weder gestört noch behindert werde. Ebenso soll es außerhalb des Rats kein ungebührliches Benehmen geben, um Ärgernis vor der Allgemeinheit zu vermeiden. Und es soll keine andere Sache gleichzeitig eingebracht werden, sondern man soll sich auf die Sache konzentrieren, die gerade verhandelt wird. Und (man soll) keine andere Sache einbringen oder berühren, außer der, die man behandelt. Straipsniai / Articles 37 Textgrammatik und frühneuhochdeutsche Gebrauchstexte aus tschechischen und slowakischen Archiven (Urbar, Satzung, Kirchenlied): Analyse und Versuch der Didaktisierung - eyntragen (4) – eyntragen (5) Koreferenz durch Kontiguität (‘Tätigkeiten des Rats’): siczenden rot (1) – handlen, dy sach (2) – sach eyntragen, handlen (4) – sach eyntragen, handelt (5) Strukturrekurrenz/syntaktischer Parallelismus: negiertes Modalprädikat: sol nicht seyn (1) – (keyn…) sol seyn (3) – (keyn…) sol eyngetragen werden (4) – (sol) eyntragen noch beruren (5, elliptisch). Vergleichbar sind das Zustandspassiv im Konjunktiv sey geschickt zw horen und die Passiversatzform nicht störung habe (2), die als Ausdrucksvarianten (statt sol seyn geschickt, sol nicht störung haben) verstanden werden könnten. Isotopie mit dem Klassem ‘(ungebührliches) Verhalten’: vngebert eytelkeyt sprichwort vnnüczlich rawmen füstreten (1) – störung…noch hinderniß (2) – vngeberd, ergerniß (3) - ander sach… eyntragen (4) - ander sach eyntragen noch beruren (5) Alle fünf MTE sind durch adversative und koordinierende Konnektoren miteinander verbunden. Möglicherweise ist dieser Befund der Textsorte geschuldet, die eine deutliche Gliederung verlangt. Versuchen wir aus diesen textgrammatischen Informationen, das Thema des 21. Artikels zu konstruieren, dann fällt zuerst ein in vier MTE vorhandenes negiertes Modalprädikat ins Auge, das fast stereotyp wie in den Zehn Geboten (z.B. „du sollst nicht stehlen“) formuliert ist. Lediglich in MTE2 wird das Verbot im Konjunktiv (sey, habe) etwas abgeschwächt ausgedrückt. Die Modalität, die Einstellung des Sprechenden/Schreibenden gegenüber dem Lesenden/Hörenden, bleibt die gleiche. Dabei fällt auf, dass kein Adressat (syntaktisch: kein Agens) genannt wird; yder ‘jeder’ in MTE 2 ist zu vage. Es tut sich hier eine Lücke auf, die entweder anaphorisch oder kataphorisch aus dem 20. oder dem 22. Artikel – in der Hoffnung, dass sich dort ein „Adressat“ findet – geschlossen werden kann und damit zu einem Problem der Grammatik des Großtextes wird. Das Thema des 21. Artikels kann aus dem Zusammenspiel der textgrammatischen Relationen heraus folgendermaßen formuliert werden: „Ein nicht genannter Verfasser X gebietet nicht genannten Adressaten Y, Störungen der Ratsversammlung zu vermeiden“. Ort und Zeit, wo dies zu geschehen hat, werden nicht genannt. Da sich der Inhalt von MTE 3 nicht auf das Verhalten in, sondern außerhalb der Ratsversammlung bezieht, kann er als Nebenthema, verstanden werden, das der Verfasser der Satzung in auffälliger Weise mit Item, einem koordinierenden Konnektor zu Beginn der Kleintexte, einleitet. Die Variablen X und Y in der Themaformulierung sollen die Unselbständigkeit des ALBRECHT GREULE 44 Acta Linguistica Lithuanica LXXV Teksto gramatika ir ankstyvieji naująja vokiečių aukštaičių kalba parašyti tekstai iš Čekijos ir Slovakijos archyvų (kadastrai, potvarkiai, bažnytinės giesmės): analizė ir bandymas pritaikyti didaktiškai SANTRAUKA Straipsnyje gramatiniu aspektu analizuojami trys ankstyvosios naujosios vokiečių aukštaičių kalbos tekstai iš Čekijos Respublikos (Bohemijos ir Moravijos) ir Slovakijos. Aptariama, kokiais būdais šiuose XV a. ir XVI a. tekstuose, priskiriamuose skirtingoms tekstų klasėms, adresatui perteikiama teksto koherencija ir jo tema. Šis pagrindinis klausimas analizuojamas pasitelkiant dvi strategijas: pagrindinių teksto objektų atpažinimą nustatant koreferencijos grandines bei izotopijos lygmenis išskiriant semantinius požymius. Tekstų temą galima klasifikuoti pagal šių pagrindinių teksto objektų ir izotopijos lygmenų kombinaciją. Straipsnyje pateikiamos rekomendacijos, kaip teksto gramatinę analizę galima pritaikyti dėstant kalbos istoriją. Įteikta 2014 m. gruodžio 15 d. ALBRECHT GREULE Universität Regensburg Institut für Germanistik, D-93040 Regensburg. Albrecht.[email protected]regensburg.de