Heimat und Ausbreitung indogermanischer Stämme im Lichte der Namenforschung
Full text
JÜRGEN UDOLPH
Zentrum für Namenforschung – Leipzig
Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
Wissenschaftliche Forschungen: Historische Linguistik, Gewässernamen, Ortsnamen, Familiennamen.
HEIMAT UND AUSBREITUNG INDOGERMANISCHER STÄMME IM LICHTE DER NAMENFORSCHUNG
Indoeuropiečių genčių tėvynė ir plitimas vardyno tyrimo šviesoje
ANNOTATION
Wenn man die Heimat und Ausbreitung der Indogermanen beschreiben will, ist es zunächst notwendig, die ursprünglichen Siedlungsgebiete der einzelnen indogermanischen Stämme zu ermitteln. Aufgrund der Gewässer- und Ortsnamen und auch aufgrund der guten und ertragreichen Böden, die eine kontinuierliche Besiedlung ermöglichen, lassen sich die Slawen am Nordhang der Karpaten lokalisieren, die Germanen nördlich des Harzes und die Kelten am Westrand der Alpen. Gewässernamen, die der Alteuropäischen Hydronymie zurechnen sind, zeigen weiter, dass von fast allen Siedlungsgebieten aus alte Beziehungen zum Baltikum und zu den baltischen Sprachen nachweisbar sind. Das Baltikum ist somit das Zentrum der indogermanischen Namen und es spricht nichts dagegen, es als Ausgangsbereich und Heimat der indogermanischen Expansion anzusehen. Eine Heimat außerhalb der Alteuropäischen Hydronymie, sei es in Südßland, in Kleinasien oder am Kaukasus ist ausgeschlossen.
SCHLÜSSELWÖRTER: Indogermanen, Gewässernamen, Slawen, Germanen, Kelten, Balten, Alteuropäische Hydronymie, Urheimat.
ANNOTATION
If one wishes to characterize the home and expansion of the Indo-European people, it is first and foremost essential to identify the original areas of settlement of the specific Indo-European tribes. On the basis of river and place names and also because of good and
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fertile soils which enabled a continuous settlement, one can localize Slavic settlement on the northern slope of the Carpathian Mountains, Germanic settlement north of the Harz and Celtic settlement on the western edge of the Alps. In addition, river names which can be attributed to the Old European hydronymy show that old relations to the Baltic countries and the Baltic languages can be attested. Thus, the Baltic countries are the center of Indo-European names and not much opposes the idea of this area as the exit area and home of Indo-European expansion. A home outside of the Old European hydronymy, be it in Southern Russia, in Asia Minor or in the Caucasus Mountains, can be ruled out.
KEYWORDS: Indo-Europeans, Hydronyms, Slavs, Germanic peoples, Celts, Balts, Old European Hydronymy, Original homelands.
EINLEITUNG
Fragt man nach Heimat und Ausbreitung indogermanischer Stämme, so fragt man in jedem Fall nach Siedlung, nach Besiedlung und nach Wanderungsbewegungen. Beides, Siedlung und Wanderung, findet auf dem Boden, auf der Erde statt. Eine Siedlung ist nach allgemeiner Definition ein Ort, wo Menschen, zumeist in Gebäuden oder gebäudeähnlichen Einrichtungen zum Zwecke des Wohnens und Arbeitens zusammen leben. Wenn Menschen in entsprechenden Einrichtungen zusammen leben, zwingt die Notwendigkeit, sich in der Umwelt zu orientieren, dazu, diese zu benennen. Das Benennen erfüllt einen funktionellen Aspekt und es gibt bemerkenswerte Studien wie etwa die von Horst M. Müller und Marta Kutas (1997), die zu dem Schluss kommen, dass die Ursprünge der Propria älter sind als die der Sprache.
Aus anderem Blickwinkel haben dieses schon früh auch Gottfried Wilhelm Leibniz und Jacob Grim erkannt. Aus einem mehr allgemeinen Blickwinkel heißt es bei J. Grimm: „Es gibt ein lebendigeres Zeugnis über die Völker, als Knochen, Waffen und Gräber, und das sind ihre Sprachen“ (1848: 5) und an anderer Stelle: „Ohne die Eigennamen würde in ganz frühen Jahrhunderten jede Quelle der deutschen Sprache versiegt sein, ja die ältesten Zeugnisse, die wir überhaupt für diese aufzuweisen haben, beruhen gerade in ihnen [...]. Eben deshalb verbreitet ihre Ergründung Licht über die Sprache, Sitte und Geschichte unserer Vorfahren“ (1848: 133), und konkret zu den Gewässernamen äußert G.W. Leibniz „Et je dis en passant que les noms de rivieres, étant ordinairement ceux de la plus vieux langage et les anciens habitans, c’est pourquoy ils meritent une recherche particulaire“ (1882: 264).
Wenn man nach Heimat und Ausgliederung der indogermanischen Sprachen fragt, so ist meiner Meinung nach die Berücksichtigung der geographischen Namen unerlässlich. Es sind vor allem die folgenden Punkte, die die
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besondere Bedeutung der Namen für die Fragen früher Siedlungen und Wanderungen ausmachen:
1) Ortsnamen entstehen erst durch längere Siedlung. Im Allgemeinen führen nicht momentanes Geschehen oder ein besonderes Ereignis zur Festlegung des Namens, sondern eine allmählich wachsende, stillschweigend sich entwickelnde und sich erst langsam herausbildende Übereinkunft zwischen den Sprechern eines Dialektes (und zwar dessen, der an dem Ort zur Zeit der Namenentstehung lebendig gewesen ist). Das hat mehrere Konsequenzen.
2) Kurzzeitige Eroberung und Besetzung eines Landes führen nicht zur Bildung von Ortsnamen aus der Sprache der Eroberer und Besetzer. Erobernde oder nomadenhaft lebende Völkerschaften wie Hunnen und Mongolen hinterlassen nur sehr selten Namen, so gut wie nie Gewässernamen.
3) Das gilt sogar für die römische Besatzung und Besiedlung Süd- und Westdeutschlands. Aus dem Lateinischen können zwar etliche Ortsnamen wie Köln und Koblenz (Confluentes) erklärt werden, aber lateinische Gewässernamen findet man kaum.
4) Gewässernamen sind langlebig und zäh. Vor allem bei ihnen beobachtet man eine Erscheinung, die für die Frage, welche Völker früher einmal in einem bestimmten Gebiet gewohnt haben, von höchster Bedeutung ist: bei einem Bevölkerungswechsel verschwinden sie in der Regel nicht, sondern werden durch die Sprache der neuen Siedler verändert und an das neue Idiom angepasst. Sie erhalten sich oft mit außerordentlicher Zähigkeit, wobei bedeutsam ist, dass es zumeist die bäuerlich siedelnden Menschen sind, die die Namen tradieren.
5) Durch ihre Langlebigkeit enthalten geographische Namen oft Appellativa, die aus den lebenden Sprachen schon längst verschwunden sind. Das ist zwar eine Erscheinung, die aus der Geschichte sämtlicher Sprachen bekannt ist, aber im Vergleich zu den Appellativen bietet der Nachweis in den Namen entscheidende Vorteile, denn dadurch kann das ursprüngliche Verbreitungsgebiet eines Wortes wesentlich genauer bestimmt werden.
6) Es ist davon auszugehen, dass auch zur Zeit der Entstehung des Indogermanischen und in der Zeit der Entfaltung und der Expansion Gewässernamen entstanden sind. Diese aufzuspüren ist eine Aufgabe der Indogermanistik.
Eine weitere Aufgabe der Indogermanistik ist bekanntlich der Versuch, durch den Vergleich einander entsprechender Wörter, Formen und Syntagmen indogermanischer Einzelsprachen eine sprachhistorisch möglichst überzeugende Rekonstruktion einer indogermanischen Grundlage zu ermitteln. Man geht – und das ist gar nicht anders möglich – von den indogermanischen Einzelsprachen aus.
1 Immer wieder betont von Hans Krahe und Wolfgang P. Schmid.
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Genau diesen Weg muss man dann aber auch gehen, wenn man sich auf die Suche nach den mutmaßlich ältesten Siedlungsgebieten indogermanischer Stämme machen will: ausgehend von einem Blick in die Gewässernamenschichten indogermanischer Einzelsprachen muss versucht werden, von dort aus den Weg in die früheren Namenschichten zu finden. Da geographische Namen auch als Indizien für Wanderungen ausgewertet werden können (Udolph 2008), verspricht dieses Verfahren durchaus, zu Fortschritten zu führen. Ich beginne beim Slavischen und werde dann einen Blick auf das Germanische, Baltische und Keltische werfen.
VERBREITUNG INDOGERMANISCHER EINZELSPRACHEN IM LICHTE DER NAMEN
1. DAS SLAVISCHE
Die Bemühungen, mit Hilfe der geographischen Namen Näheres über die ältesten Siedlungsgebiete der Slaven zu gewinnen, basieren im Wesentlichen immer noch auf der „Ausschlussmethode“ von Max Vasmer. Ihm gelang es, das ursprünglich slavische Gebiet dadurch einzugrenzen, indem er alle Territorien aussonderte, in denen sich in Ortsnamen ein ugrisches, iranisches oder baltisches Substrat finden lässt (Vasmer 1971: 101–202, 203–249, 251–534), später ergänzt durch Vladimir N. Toporov, Oleg N. Trubačev (1962) und O. N. Trubačev (1968). So konnte M. Vasmer mit der bis heute gültigen Ausgrenzungsmethode zeigen, dass sich das Slavische wahrscheinlich im Raum südlich des Pripet’ und westlich des Dnjepr herausgebildet haben musste.
Den entscheidenden Fortschritt, der über diese Methode M. Vasmers hinausgeht, verdanken wir den Forschungen H. Krahes, obwohl dieser sich kaum mit slavischem Namenmaterial befasst hatte. Aber er erkannte, worin die Grundprinzipien der Benennung von Gewässern liegen – und diese Erkenntnis betrifft nicht nur die von H. Krahe bevorzugt behandelten voreinzelsprachlichen Namen, sondern die Gewässernamen ganz allgemein und in allen Sprachen: „Hinsichtlich der Semasiologie und Etymologie geht die urtümliche und zweifellos älteste Namenschicht von sog. ‘Wasserwörtern’ aus, das heißt von Bezeichnungen für ‘(fließendes) Wasser’, ‘Quelle’, ‘Bach’, ‘Fluß’ (bzw. ‘fließen’), ‘(Wasser)-lauf’ (bzw. ‘laufen’ u. dgl., mit zahllosen feineren und
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feinen Bedeutungsschattierungen, wie sie dem frühen Menschen bei seiner genauen Naturbeobachtung in reichem Maße zu Gebote standen [...]“ (1964: 4). Und ergänzend dazu heißt es bei H. Krahe zur Frage, wie man die früheren Wohnsitze eines Volkes näher bestimmen kann: „Denn wo Ortsnamen einer bestimmten Sprache in größerer Zahl sich finden, da muß auch die betreffende Sprache selbst gesprochen worden sein, da müssen Angehörige des diese Sprache sprechenden Volkes gelebt haben“ (1949–1950: 25)
K A T E 1. Rußland in den letzten Jahrhunderten vor Chr. (M. Vasmer2)
Setzt man diese Gedanken für die Frage nach Heimat und Expansion der slavischen Stämme um, so kommt man zu klaren und meines Erachtens
2 Vasmer 1971: 96–97.
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eindeutigen Antworten. Die folgenden Ausführungen habe ich schon an mehrfachen Stellen publiziert3, ich biete im Folgenden daher nur eine Auswahl von umfangreichen Sammlungen und Kartierungen.
Zuvor noch eine Bemerkung über die Frage, ob man aus archäologischer Sicht etwas zu Heimat und Ausbreitung der Slaven gewinnen kann. Dieses Problem hängt zusammen mit einer weiteren Frage, nämlich der, inwiefern man für die Zeit um Christi Geburt und davon schon von slavischen Stämmen sprechen kann. Woran kann man sie erkennen bzw. wie definiert man „Slaven“, „slavisch“ für diese Zeit? Wenn ich die Untersuchung von Sebasian Brather (2004) richtig verstanden habe, dann ist es aus archäologischer Sicht äußerst schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, einen Völkerstamm, eine Ethnie mit Hilfe der materiellen Kultur zu fassen bzw. deren Wohnsitze und Wanderungen zu finden oder zu beschreiben. Und auch aus Sicht der Sprachwissenschaft muss man bedenken, dass es eigentlich unmöglich ist zu beschreiben, wo slavische Stämme vor der Zeitenwende siedelt haben. Das liegt daran, dass es vor Christi Geburt noch keine Sprache gab, die wir als „slavisch“ bezeichnen könnten. Das „Slavische“, d.h. die gemeinsamen sprachlichen Züge einer Sprachgemeinschaft, die sich aus einem vermutlich indogermanischen (oder indoeuropäischen) Dialektgebiet herausbildete, musste erst entstehen. Das war ein Proces, der mit Sicherheit einige Jahrhunderte andauerte. Ich sehe daher mit großer Skepsis auf Versuche, aus archäologischer Sicht, mit Hilfe der Genforschung, der Volkskunde oder der Geschichtswissenschaft etwas für ein Volk ermitteln zu können, das man letztlich nur mit Hilfe der Sprache definieren kann. Kurz gesagt: aus meiner Sichtweise1 heraus kann man sich etragreich der Frage nach Heimat und Expansion slavischer Stämme nur unter Berücksichtigung sprachlicher, sprachwissenschaftlicher und vor allem namen-kundlicher Argumente nähern. Anders ausgedrückt: die Heimat slavischer Stämme ist dort zu suchen, wo sich in einem Dialektbereich indogermanischer Sprecher in einem Jahrhunderte lang dauernden Proces sprachliche Übereinstimmungen entwickelt haben, die nur diesem Dialektgebiet eigen waren. Und ich folge damit einer alten Auffassung von M. Vasmer der davon überzeugt war, dass „die slavische Urheimat in erster Linie [...] durch gründliche Lehnwörter- und Ortsnamenforschungen und möglichst vollständige Berücksichtigung aller alten historischen und geographischen Quellen [gefördert werden kann“ (1971: 71 [Nachdruck von 1930!]).
Zurück zu den „Wasserwörtern“ H. Krahes aus slavischer Sicht. Wie kann man denn aus dem ehemaligen und heutigen slavischen Siedlungsgebiet, das ein großes Territorium umfasste bzw. umfasst, dasjenige Gebiet herausarbeiten,
3 Zuletzt Udolph 2016, 2016a.
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KARTE 2. Synoptische Zusammenfassung von 37 Verbreitungskarten slavischer Wasserwörter (nach Udolph 1979: 322, Karte 40)
das der Ausgangspunkt der slavischen Expansion, deren Größe schon die byzantinischen Geschichtsschreiber erstaunte, sein könnte? Die von Fachleuten und von Zeitgenossen beobachtete große Ausbreitung der Slaven (nach einer byzantinischen Quelle sollen im Jahr 577 100.000 Slaven in Thrakien und Illyrien einfallen sein) muss ja irgendwo ihren Ausgang genommen haben. Das kann nur nördlich der Karpaten geschehen sein, also in einem Bereich, der den antiken Quellen nicht ohne weiteres bekannt gewesen ist.
Eine zusammenfassende Kartierung von vier Dutzend slavischen Wasserwörtern und den Vorkommen in Gewässer-, Orts- und Flurnamen (Karte 2) macht deutlich, dass sich das Gebiet doch recht gut eingrenzen lässt: da das Gebiet südlich der Karpaten und Beskiden nach übereinstimmender Ansicht ausscheidet4, sind die Häufungen in der Ukraine und in Polen von besonderer Bedeutung.
4 Zur These von O.N. Trubačev, wonach auch Pannonien in Frage kommt, vergleiche Udolph 1988.
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Es besteht weithin die Meinung, dass die slavische Hydronymie eine gewisse Einförmigkeit zeigt. Da sich Bau und Bildung der slavischen Gewässernamen nach denselben Kriterien wie im Wortschatz entwickelt haben, ist das durchaus verständlich, denn in diesen Sprachen herrscht die Ableitung in hohem Maße vor, also die Bildung mit Suffixen. In den Gewässernamen sind die folgenden Elemente weit verbreitet (zu den Einzelheiten s. Udolph 1979: 539–599): Bildungen mit *-(j)-ač-, erweitert mit Hilfe von -ov- oder -in-, vgl. Vod-ač, Il-ač, Gnil-ov-ač, Il-in-jač; *-(j)ak, auch als -ъn-ak-, -in-ak- u.a., liegt z.B. vor in Solot-in-ak, Gnil-ak, Bagn-ak, Glin-ak, Vod-n-jak, -at-, oft erweitert als -ov-at-, z.B. in Il-ov-at, Schyl-ov-at, Hlin-ov-at; typisch für die slavische Hydronymie ist -ica, häufig auch erweitert als -av-ica, -ov-ica, -in-ica, -sk-ica, zahlreich sind Bildungen mit -(ь)n-ica, vgl. Bar-ica, Glin-ica, Kal-ica, Vod-ica, Vir-ica, Topolica, Blat-n-ica, Dubr-ov-n-ica, Lis-n-ica, Izvor-st-ica; relativ häufig ist auch -ik-, z.T. erweitert als -(ь)n-ik-, -ov-ik-, z.B. in Brn-ik, Bar-n-ik, Brus-n-ik, Glin-ik, Il-n-ik, Jam-n-ik, Lip-n-ik, Il-ov-ik; zumeist adjektivischer Herkunft sind Bildungen mit -in-, -ina-, -ino-, etwa in Berlin, Schwerin, Genthin, die z.B. auch in Gewässernamen begegnen: Ozer-in, Bolot-in, Vod-in-a, Bar-n-in, Bab-in-a, Dobr-in, Radot-in-a, Slatina, mit -ev- und -ov- erweitert in Bobr-ov-a, Buk-ov-a, Dub-ov-a, Kalin-ov-a, Lip-ov-a, Vugr-in-ov-o, u.a. Gewässernamen mit -isk- finden sich fast ausschließlich im Westslavischen: Wodz-isk-a, Bagn-isk-a, Zdro-isk-o, sonst herrscht *-iskjo vor, ostslavisch als -išč-, sonst auch als -išt- erscheinend: Ples-išče, Zleb-išče, Ric-išče, Gnoj-išča, Bar-ište, Lokv-išta; -ev-/-ov- begegnet gelegentlich auch als top onymisches Bildungsmittel, z.B. in Duna-ev, Il-ov, Borl-ov, Sopot-ov-i, Bagn-iev-o u.a. sehr häufig ist *-ьc-, z.T. erweitert mit -in-, -ov-, -a- und anderen Elementen, vgl. Izvor-ec, Strunin-ec, Jezer-ec, Blat-ce, Bar-in-ec, Mor-in-cy, Il-ov-in-ce, Hlin-ov-ec, Strug-ov-ec, Brnj-av-ac; ähnliches gilt für -ъk-/-ьk-, vgl. Potoc-ek, Vir-ok, Dunaj-ek, Ozer-ok, Bagn-ko, Bolot-ki, Vod-n-ev-ka, Il-av-ka, Ozer-ov-ka, Bar-ov-ka, Sigl-in-ka, Zvor-n-ky, Hnoj-en-ki, Klucz-ev-at-ka, Gnil-ič-ko, Kal-n-ic-ki, Reč-ul-ka; auch adjektivische Bildungen mit *-ъn-, -na, -no sind häufig: Bar-na, Brez-na, Les-na, Sol-na, Sopot-na, Svib-no, Slatin-ny, Rzec-ny, Hnoj-ny, Il-na, Glin-na, Kal-ne, Zdro-no.
Sucht man im slavischen Gewässernamenbestand nach Bildungen mit diesen Elementen, so erkennt man auch schon bei den damit gebildeten und häufig und allgemein bekannten Wasserwörtern der slavischen Sprachen unterschiedliche Verbreitungen, allerdings bilden sich auch Zentren, die der Interpretation bedürfen. Hier einige Beispiele:
Um aus der Fülle slavischer Gewässernamen ältere Typen herauszufiltern, lassen sich, wie in den letzten Jahren erkannt werden konnte (Udolph 1997,
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KARTE 3. Verbreitung von Ortsnamen, die slavisch reka ‘Fluss’ enthalten. Schwarz ausgefüllte Kreise unmittelbare Bildungen; weiße Kreise suffigierte Bildungen; in der Größe der Symbole gestaffelt nach Gewässer-, Orts- und Flurnamen (nach Udolph 1979: 257, Karte 26).
1998), mehrere Kriterien ermitteln, die für alte und ältere Bildungen charakteristisch sind.
1) Sie enthalten altertümliche Suffixe, die heute nicht mehr produktiv sind.
2) Sie besitzen dann höheres Alter, wenn sie von heute unproduktiven Appellativen abgeleitet sind.
3) Sie gehen auf unterschiedliche Ableiterschichten zurück, deren Areale sich aber z.T. überschneiden.
4) Sie sind mit slavischen Suffixen von vorslavischen, d.h. alteuropäischen Hydronymen abgeleitet.
Ausgehend von der heutigen Verbreitung slavischer Sprachen und den oben gezeigten Verbreitungskarten slavischer Gewässernamen (Karten 2–4) sind dabei vor allem Teile Russlands und Weißrusslands, die Ukraine, die Slovakei und Polen interessant.
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KARTE 4. Verbreitung von Ortsnamen, die slavisch pok ‘Bach’ enthalten. Schwarz ausgefüllte Kreise unmittelbare Bildungen; weiße Kreise suffigierte Bildungen; in der Größe der Symbole gestaffelt nach Gewässer-, Orts- und Flurnamen (nach Udolph 1979: 251, Karte 25)
Zu den einzelnen Punkten biete ich in Folgenden weiteres Material einschließlich von Kartierungen.
1) Die Namen enthalten altertümliche Suffixe, die heute nicht mehr produktiv sind. Hier ist zunächst das typische hydronymische Suffix -ava, -awa zu nennen, das uns z.B. in Vir-ava, Vod-ava, Il-ava, Glin-awa, Breg-ava, Lut-awa, Mor-ava, Orl-awa und anderen Namen begegnet. Es ist wohl das typische alteinlüche slavische Suffix in der Hydronomie und besitzt deutliche Verbindungen zur voreinzelsprachlichen, indogermanischen Namenbildung (Lupawa, Mora-March-Mähren, Orava, Widawa). Gelegentlich ist eine sichere Trennung nicht möglich (zu den Einzelheiten der Materialsammlung s. Udolph 1979: 555–558).
Eine Kartierung dieser Namen (s. Karte 5) zeigt, dass auch die Streuung dieser alten Namen vor allem den Raum nördlich der Karpaten umfassen, eben genau das Territorium, das schon durch pok, reka (Karten 2 und 3) aufgefallen ist.
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KARTE 5. Verbreitung der mit dem Suffix -ava gebildeten slawischen Gewässernamen (nach Udolph 1997: 51, Karte 3).
Hochertümliche slawische Wörter und Namen sind sogenannte -ū-Stämme, die zumeist als -ev- oder -va (nicht als -ava) erscheinen. Aus dem an anderer Stelle ausführlich diskutierten Bestand (Udolph 1997: 35–47) nenne ich hier nur Buga, Moka, Golva, Mosta, Polka, Branev/Brnev, Maia Padava/ Malapane. Zu erwähnen ist dabei, dass diese Namen oft mit slawischen Wörtern verbunden werden können, aber ein Teil auch nicht, d.h. es gelingt kein Anschluss an den slawischen Wortschatz. Das bedeutet, dass sie zum Teil älter sein dürften. Dafür spricht auch, dass im baltischen Gewässernamenbestand Bildungen mit ganz ähnlich gelagerten Suffixen wie -uv-, -iv- und -(i)uvē, -(i)uvis begegnen, ich nenne hier nur in aller Kürze Daug-uvā, Lank-uvā, Alg-uvā, Ān-uvā, Gārd-uvā, Lat-uvā, Mīt-uvā, Ring-uvā, Týt-uvā, Vad-uvā, Vārd-uvā, Gil-uvē, Aud-uvīs, Med-uvīs, Dit-uvā.
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KARTE 6. Verbreitung slavischer Gewässer- und Ortsnamen; ● = sogenannte (alter- (zeitliche) -ū-Stämme in geographischen Namen; ○ = slavisch Ponikla, Ponikva, Po-nikiew u. ä. ‘verschwindender, unterirdischer Fluss’.
Die Streuung der Namen (die baltischen blieben fern) zeigt (Karte 6), dass erneut ein von Westen nach Osten reichendes Band von Mittelpolen aus über Südpolen bis in den Raum östlich von Kiew reicht, wobei die Karpaten nach Süden hin nicht überschritten werden.
In die Karte mit aufgenommen habe ich die von slavisch ponik, ponikva ‘verschwindender Fluss, unterirdischer Wasserlauf’ (ausführlich behandelt bei Udolph 1979: 239–245) abgeleiteten Namen, die zwar auch einen -ū-Stamm reflektieren, aber doch wesentlich jüngeren Ursprungs sind. Das dokumentiert auch die Kartierung, denn im Zentrum stehen die altertümlichen -ū-Bildungen (zum Teil etymologisch durchsichtig), während ponik(va) deutlich in von Slaven jünger erreichten Gebieten wie Slovenien (hier ist es ein Terminus der Karstlandschaft), Mittel- und Westpolen und Weißrussland zu finden ist. Erneut erweist sich das Nordkarpatengebiet als alter slavischer Siedlungsraum.
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KARTE 7
KARTE 8
KARTE 7. Verbreitung von Ortsnamen, die slavisch bagno' ‘Morast, Sumpf’ enthalten; schwarz ausgefüllte Kreise = unmittelbare Bildungen; weiße Kreise = suffigierte Bildungen; in der Größe der Symbole gestaffelt nach Gewässer-, Orts- und Flurnamen (nach Udolph 1979: 334, Karte 42).
2) Slavische Gewässernamen besitzen dann ein höheres Alter, wenn sie von heute unproduktiven Appellativen abgeleitet sind. Das bedeutet mit anderen Worten, dass die Sprache, aus der die entsprechenden Gewässernamen geschaffen wurden, das in den Namen verborgene Wort noch besessen haben muss. Es handelt sich also zweifelsfrei um ältere slavische Namen. Aus den zahlreichen vorliegenden Fällen habe ich einige ausgewählt.
Eindrucksvoll ist hier die Streuung von Namen wie Bagno, Bahnec, Bagie-nice, Bagienek, dazu auch der Familienname Baginski, der auch in Deutschland belegt werden kann, die mit ukrainisch bahno, polnisch bagno ‘Sumpf, Moor, Morast’ usw. zu verbinden sind. Das Wort fehlt schon lange im Südslavischen, es scheint schon früh aus diesem Bereich verschwunden zu sein (zu den Einzelheiten, dem Wortbestand in den slavischen Sprachen und den davon abgeleiteten Namen s. Udolph 1979: 324–336). Entsprechende Namen finden sich, wie Karte 7 zeigt, vor allem im westslavischen Gebiet.
Umso bemerkenswerter ist die Ausstrahlung nach Südosten, deutlich abgelehnt an den Nord- und Osthang der Karpaten (vgl. Karte 8), bis dann, etwa im heutigen Süden Rumäniens, das Wort aus dem aktiven Wortschatz verschwindet und die letzten damit gebildeten Namen am Eisernen Tor ihre Spuren hinterlassen haben. Diese Ausbreitung zeigt deutlich einen der Einfallswege der späteren Südslaven auf dem Balkan.
Eine weitere wichtige und für die Frage nach den alten Wohnsitzen slavischer Stämme entscheidende Beobachtung hängt damit zusammen, dass das
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slavische Sprachgebiet heute durch Österreich, Ungarn und Rumänien getrennt ist: Zwischen West- und Ostslaven im Norden und den Südslaven im Süden gibt es seit Jahrhunderten keine engen Kontakte mehr. Die Trennung zwischen beiden slavischen Wohngebieten führte natürlich dazu, dass sich südslavische Eigentümlichkeiten herausbildeten, die den slavischen Sprachen nördlich der Karpaten unbekannt geblieben sind. Es gibt Fälle, in denen diese Diskrepanz im Wortschatz deutlich erkennbar ist, jedoch der Namenbestand ein anderes Bild zeigt.
Es gibt Appellativa und darunter auch Wasserwörter, die nur dem Südslavischen eigen sind, aber – und das ist das Entscheidende – auch in Namen nördlich der Karpaten vorkommen. Bevor ich zu einer Interpretation dieser Erscheinung greife, biete ich das entsprechende Material.
Die lange umstrittene Grundform der slavischen Sippe um altserbisch brna ‘Kot, Erde’, bulgarisch-kirchenslavisch brъnije ‘Kot, Lehm’, altkirchenslavisch brъna ‘Kot’, slovenisch brn ‘Flußschlamm’ usw. löst sich unter Einbeziehung des onomastischen Materials einwandfrei auf (zu den Einzelheiten s. Udolph 1979: 499–514; Udolph 1987: 473–479). Oft wird ein Ansatz *bъrn- vorgeschlagen, jedoch sprechen westslavische und vor allem ostslavische Gewässernamen wie Brynica, Brenica, Branica und Bronica, Bronica, Brono dagegen. Hinzu kommt, dass sich im Namenschatz nördlich der Karpaten neben dem genannten Ansatz *bъrn- < *brъn- auch die Ablutvariante *bъyn- < *brъn- nachweisen lässt (Brynica, Brynówka, Brynec). Slavisch *bъyn- verlangt einen Ansatz *b(h)rūn- und trifft sich problemlos mit germanisch *hrūn- in niederdeutsch brūn-, hochdeutsch braun.
Dieses Beispiel ist in doppelter Hinsicht von Bedeutung. Zum einen wird deutlich, dass es sich um eine südslavische Wortgruppe handelt, die zwar im slavischen Wortschatz nördlich der Karpaten fehlt, jedoch dort im Namenbestand ihre deutlichen Spuren hinterlassen hat. Es gibt zwei Möglichkeiten, das zu erklären. Zum einen kann man annehmen, dass sich die Wortsippe im Südslavischen gesondert entwickelt hat und danach südslavische Gruppen nach Norden gezogen sind und dort ihre südslavischen Eigentümlichkeiten in den Namen hinterlassen haben. Das ist eine überaus komplizierte Annahme, vor allem angesichts der Tatsache, dass die brn-, bron-, bryn-Namen auch nördlich der Karpaten weit verbreitet sind. Die zweite Möglichkeit besteht darin, dass man die Existenz der Namen nördlich der Karpaten als Beweis dafür nimmt, dass die zugrunde liegenden Wörter dem Wortschatz der dort siedelnden Slaven bekannt waren und aus ihnen heraus die Namen geschaffen wurden. Daraus kann man nur folgern: die nördlich der Karpaten nachweisbaren Namen entstammen keiner einzelnen slavischen Sprache – auch nicht dem Südslavischen – sondern
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KARTE 9. Verbreitung slawischer Namen, die brn- < *brъn- und bryn- < bьrъn- (‘Sumpf, Morast, Schlamm’) enthalten; die Symbole zeigen die unterschiedliche Entwicklung in den heutigen slawischen Sprachen (brn-, brьn-, bron-, bryn-), in der Größe der Symbole gestaffelt nach Gewässer-, Orts- und Flurnamen. Die Umrandung umreißt den Bereich, in dem die Langekonvariante brn- begegnet (nach Udolph 1997: 58, Karte 8).
einer Vorstufe aller slawischen Sprachen, also dem Ur- oder Gemeinslawischen selbst.
Das wird nachhaltig bestätigt durch die Tatsache, dass die Ansätze *brъn- und *bьrn- Reflexe eines alten Ablauts sind (weitere Beispiele folgen unten), der ebenfalls nur einer alten slawischen Sprachstufe entstammen muss.
Nimmt man jetzt noch die Streuung der Namen hinzu und erkennt, dass beide Ablautvarianten im Namenbestand nebeneinander nur in einem bestimmten Raum der slawischen Sprachen vorkommen, so gewinnt man ein weiteres sicheres Argument dafür, dass hier – grob gesprochen: in Südpolen und
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Westukraine (in Böhmen, Mähren, der Slovakei und in Slovenien findet sich nur eine Variante) – die Heimat und der Ausgangsbereich der slavischen Expansion gesucht werden muss.
3) Altertümliche slavische Gewässernamen kann man weiterhin ermitteln, indem man den Spuren des Ablauts nachgeht. Ablauterscheinungen gibt es in fast allen indogermanischen Sprachen, ich nenne hier nur sing – sang – gesungen, bieten – bot – geboten; englisch sing – sang – sung; litauisch žìas ‘grün’ – žõle ‘Gras’; griechisch lego – logos; slavisch tek- ‘fließen’ – tok ‘Strom’ (auch in potok, s. oben).
Allerdings sind Spuren des Ablauts im Slavischen – im Gegensatz etwa zum Germanischen – nur noch in geringem Maße nachzuweisen, so dass auch in der Hydronymie nur mit wenigen Relikten zu rechnen ist. Diese jedoch sind dann von ganz besonderem Wert und daher sollte ihr Vorkommen und ihre Verbreitung in besonderem Maße beachtet werden. Auf *brъn- > brъn-, *brъn- > byrn- bin ich oben schon eingegangen. Hier folgen weitere wichtige Fälle.
Für das Urslavische darf ein Wort *jbz-vorъ etwa mit der Bedeutung ‘Quelle, Niederung, Bachtal, Born, Strudel’ angesetzt werden, das unter anderem in altrussisch izvor ‘Quelle’, ukrainisch izvir ‘kleiner Gebirgsbach’, serbisch, kroatisch izvor ‘Quelle, Born, Strudel’ fortlebt. Dieses Wort enthält eine altertümliche Komposition, denn das Slavische kennt zwar das Verbum vьrěti ‘sprudeln’, aber kein selbständiges *vor- (zum Wort- und Namenmaterial s. Udolph 1979: 163–170, vgl. auch Schmid 1994: 260f.).
Daher ist die Streuung der Namen (Karte 10) von besonderer Bedeutung. Die Annahme, es könne sich bei dem Vorkommen im Karpaten- und Beskidengebiet um Ausläufer einer jüngeren, südslavischen Namen gebung handeln, verbietet sich angesichts des aus der indogermanischen Vorstufe ererbten Ablauts. Die im Dnjestr- und San-Gebiet liegenden Namen entstammen vielmehr einer Sprachstufe, die das zugrunde liegende Appellativum noch kannte. Das kann nur eine Vorstufe der slavischen Einzelsprachen gewesen sein, d.h. mit anderen Worten, eine gemeinsame oder urslavische Sprachschicht.
Diese Karte zeigt zudem im Vergleich mit der Streuung der Bagno-Namen (Karte 7), dass die späteren Südslaven nicht nur in einen Weg entlang dem Karpatenbogen nutzten (vgl. Karte 8), sondern auch auf verschiedenen Wegen über das heutige Rumänien hinweg den südlichen Balkan erreichten.
Ähnlich wie bei *brъn-/*byrn- sind Namen verbreitet, die deutlich erkennbare Spuren eines alten Ablauts in sich tragen. Es geht um weißrussisch krynica ‘kleiner See; Wasserlauf, der aus der Erde dringt, Quelle’, ukrainisch krynica ‘Quelle’, polnisch krynica, krenica ‘Quelle, Brunnen’, die eine Grundform *krъnica fortsetzen (zu den Einzelheiten s. Udolph 1994: 367–374). Es liegt eine sogenannte Dehnstufe vor, die in ukrainisch (dialektal) krynycja, kenýc’a ‘Quelle’,
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Heimat und Ausbreitung indogermanischer Stämme im Lichte der Namenforschung
KARTE 10. Verbreitung von Ortsnamen, die slawisch *jьz-vorb ‘Quelle, Brunnen’ enthalten; Kreise und Dreiecke symbolisieren die unterschiedliche Entwicklung in den slawischen Sprachen (izvor bzw. zvor), in der Größe gestaffelt nach Gewässer, Orts- und Flurnamen (nach Udolph 1994: 169, Karte 13).
altpolnisch krnica ‘rius’, slowenisch krnica ‘tiefe Stelle im Wasser, Wasserwirbel, Flustiefe’ ihre kurzvokalische Entsprechung *krūn- besitzt. Betrachtet man sich das Vorkommen der krnica-Namen, die ein weites Gebiet umfassen, und konfrontiert dies mit der Streuung der kurzvokalischen Ablutvariante (Karte 11), so wird ein Bereich deutlich, in dem beide Varianten nebeneinander auftreten. Das sich dadurch herauskristallisierende Territorium ist mit Sicherheit als altes slavisches Siedlungsgebiet zu betrachten.
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KARTE 11. Verbreitung von Ortsnamen, die slawisch *krun > krьn- bzw. *krūn > kyn (ableitende Formen) ‘Quelle, Brunnen, Bach’ enthalten; schwarze ausgefüllte Kreise = unmittelbare Bildungen; weiße Kreise = suffigierte Bildungen; in der Größe der Symbole gestaffelt nach Gewässer-, Orts-, Flurnamen. Die Schraffierung kennzeichnet den Bereich, in dem nur die kurzvokalische *krŭn-/krьn-Variante begegnet (nach Udolph 194: 169, Karte 13)
Versuche, die Ethnogenese des Slavischen in das Oka-Gebiet (Gołąb 1992), nach Asien (Kustmann 1996) oder auf den Balkan (Trubačev 1983, dagegen Udolph 1988, 1999) zu verlegen, müssen an diesen Verbreitungen scheitern. Es wäre nötig, sich intensiver mit diesen Fakten auseinander zu setzen, zumal sich ähnliche Erscheinungen auch für die Frage nach Germanenheimat und -expansion nachweisen lassen (dazu s. unten). Ganz ähnlich liegt der nächste Fall.
Neben dem bekannten russischen Appellativ grjaz ‘Schmutz, Kot, Schlamm’, das unter anderem in weißrussisch hrjaz ‘aufgeweichte Stelle auf einem Weg, Sumpf, Schmutz’, ukrainisch hrjaz ‘Sumpf, Pfütze, Schlamm’ und slovenisch grẽ̂ ‘Moor, Schlamm’ Entsprechungen besitzt, und einen urslavischen Ansatz *grěz- voraussetzt, kennt das Slavische auch die Abtönung *grǫz-, zum Beispiel in ukrainisch hruz ‘Sumpf, Moor, Morast’, weißrussisch hruzá-la, hruzalo ‘schmutziger Ort, sumpfige Stelle’, polnisch grąz, -grzęzu ‘morastiger Sumpf’ (ausführliche Diskussion bei Udolph 1994: 142–152). Dabei ist bereits zu beachten, dass das Südslavische die Abtönung *grǫz- nicht kennt, also an dieser urslavischen Ablautvariante keinen Anteil hat.
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Heimat und Ausbreitung indogermanischer Stämme im Lichte der Namenforschung
KARTE 12. Verbreitung von Ortsnamen, die slawisch *gręz-/*grǫz- (ablaufende Formen) ‘Schlamm, Morast, Sumpf’ enthalten; Vierecke = *gręz-; Dreiecke = *grǫz-; in der Größe der Symbole gestaffelt nach Gewässer-, Orts- und Flurnamen; die Schraffierung kennzeichnet den Bereich, in dem nur die *grǫz-Variante begegnet (nach Udolph 1997: 59, Karte 9).
Dem entspricht die Verbreitung in den Namen durchaus (Karte 12): die Namen sind weit gestreut, eine besondere Produktivität ist im Ostslavischen zu beobachten, das Südslavische hat nur mit der *gręz-Variante Anteil.
Eine Heimat des Slavischen auf dem Balkan schließt sich damit einwandfrei aus (es geht hier um urslavische Ablutvarianten, deren Produktivität und Wirkung lange vor dem Eindringen auf den Balkan anzusetzen ist). Das Slavische kann sich auf Grund dieser Fakten nur nördlich der Karpaten entfaltet haben.
Dafür sprechen – zusammenfassend gesagt – nicht nur das oben behandelte Wortpaar grązъ/hr̥z, sondern nachhaltig auch die zuvor behandelten Gruppen um izvor/vorъti, krynica und vor allem auch brъn-/brъn-, das durch die sichere Verbindung mit einem germanischen Farbwort im urslavischen Wortbestand zusätzlich verankert ist.
4) Die Entdeckung, dass sich unter einer einzelsprachlichen Schicht von Gewässernamen in Europa (dabei ist es gleichgültig, ob es um das Germanische, Keltische, Slavische oder Baltische geht) ein Netz von voreinzelsprachlichen = alteuropäischen = indogermanischen Namen befindet, ergibt neue
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Möglichkeiten für die Bestimmung desjenigen Bereichs, in dem sich eine indogermanische Sprache entwickelt hat.
Im slavischen Territorium kann man das vor allem an wenigen, aber wichtigen Fällen erkennen: es geht um altertümliche slavische Suffixe, die an vorlavische, indogermanische Wurzeln, Namen oder Basen angetreten sind. Wichtig und entscheidend ist dann, wo sind derartige Namen befinden.
Der größte Fluss Polens, die Wisła, deutsch Weichsel, trägt einen eindeutig vorlavischen Namen, gleichgültig, wie man ihn auch erklären mag (dazu zuletzt Udolph 1990: 303–311; Babik 2001: 311–315; Bijak 2013: 34). Für die Frage, die uns hier und jetzt beschäftigt, ist der Nebenfluss des San Wisłok, ca. 220 km lang, und der ca. 165 km lange Nebenfluss der Weichsel, die Wisłoka, von erheblicher Bedeutung.
Mit demselben Suffix sind gebildet Sanok, Ort am San südwestlich von Przemyśl; Sanoka, heute nicht mehr bekannter Gewässername, 148 per fluvium Sanoka, bei dem Ort Sanok und mit einem Diminutivsuffix zu -ok-, der ein Nebenfluss des San, der Sanoczek heißt (zu den Einzelheiten s. Rymut, Majtán 1998: 222; Udolph 1990: 264–270). Auch beim San ist man sich sicher, dass es sich um einen vorlavischen Namen handelt. Daran ändert auch die unterschiedliche Auffassung der Etymologie nichts (dazu zuletzt knapp zusammenfassend B. Czopek-Kopciuch 2016: 48, in: Nazwy miejscowe Polski 13, Kraków). Mit der Suffixvariante -oč gehören hierzu auch Liwocz und Liwoczka, Flussnamen bei Krakau; auch ein Gebirgszug der Beskiden wird bei Długosz als Lywocz erwähnt.
Alle Namen liegen im Süden bzw. Südosten Polens, genau in dem Gebiet, das sich durch die bis jetzt schon behandelten slavischen Wörter und Namen deutlich als ein Teil des urslavischen Siedlungsgebietes abgezeichnet hat. Nach dem Urteil des Słownik Prasłowiański (1974: 92) stellt das Suffix -ok- einen urslavischen Archaismus dar. Es begegnet appellativisch zum Beispiel in swědok, snъbok, vidok, edok, irok, inok u.a., seine Altertümlichkeit zeigt sich aber unter anderem auch darin, dass es an archaische athematische Stämme antritt. Man muss deutlich darauf verweisen, dass – wie früher vielfach angenommen – die Existenz vorlavischer, alteuropäischer Namen im mutmaßlich alten oder ältesten Siedlungsgebiet slavischer Stämme spricht nicht gegen die Annahme, dass dieses sich dort befunden hat, sondern die notwendige Konsequenz aus der Tatsache ist, dass sich die indogermanischen Einzelsprachen nicht aus einem luftleeren Raum entwickelt haben, sondern sich auf einer breiten indogermanischen Basis aus einer Schicht alteuropäischer Namen herausbildeten, ja man darf sagen, herausbilden mussten.
Da es sich nun bei -ok- um ein archaisches Suffix handelt, können die hier genannten Namen einer älteren Stufe zugewiesen werden. Sie sind daher mit
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Heimat und Ausbreitung indogermanischer Stämme im Lichte der Namenforschung
KARTE 13. Expansion slavischer Stämme im Lichte der geographischen Namen (Entwurf)
hoher Wahrscheinlichkeit als Bindeglied zwischen alturopäischer und slavischer Hydronomie anzusehen.
Resümee – Heimat slavischer Stämme
Mein Resümee der Untersuchung von Gewässernamen für die Frage nach den ältesten Siedlungsgebieten slavische Stämme fällt wie folgt aus: die für die Frage, aus sprachlicher, sprachwissenschaftlicher und namenkundlicher Sicht geforderten Prämissen werden von den alle untersuchten Orts- und Gewässernamen im Hinblick auf ein mögliches Areal in einem ganz bestimmten Bereich erfüllt: es ist das Vorkartengebiet. In einer einfachen Kartierung habe ich die Ergebnisse der Namenverbreitung von slavischen Wasserwörtern und Gewässernamen zusammenfasst (Karte 13). Kern der Expansion ist ein Gebiet nördlich der Karten, etwa zwischen Krakau und der Bukowina. Dabei muss aber mit aller Deutlichkeit gesagt werden, dass die Grenzen nicht so klar
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und deutlich angeben können, wie es die Karte zu erwecken scheint. Es ist der Versuch, den Kern der Kartierungen in einfacher Form darzustellen. Jede Kartierung eines Orts- oder Gewässernamens variiert, es gibt kaum zwei Karten, die sich in ihren Zentren oder Peripherien decken. Aber dennoch halte ich diese Kartierung für sinnvoll. Dieses deshalb, weil es einen weiteren Aspekt gibt, den ich bisher neben Archäologie, Genforschung, Sprachwissenschaft und Namenkunde sowie Geschichtswissenschaft noch nicht angesprochen habe: ich meine die Bodenkunde.
Bodenkunde, Bodenqualität und die Verbreitung geographischer Namen
Ich hatte zu Beginn dieses Artikels betont, in erster Linie aus sprachlicher und namen kundlicher Sicht einen Beitrag zu leisten. In den letzten Jahren hat sich aber – nicht nur bei der Sammlung und Deutung der slawischen Namen – immer deutlicher gezeigt, dass es einen weiteren Aspekt gibt, der anscheinend nichts mit geographischen Namen zu tun hat, der aber für frühe Siedlungen meines Wissens nach von entscheidender Bedeutung ist: die Bodenqualität.
Schon in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat man versucht, bestimmte Ortsnamen mit der unterschiedlichen Qualität des Bodens in Verbindung zu bringen. Eigentlich hat es seitdem immer wieder Publikationen gegeben, die sich dieser Thematik gewidmet haben. Ich verzichte hier auf eine Auflistung der einschlägigen Literatur und erwähne nur die Arbeit von Otto Schlüter (1952–1958). In jüngster Zeit bin ich wieder auf Äußerungen gestoßen, die deutlich machen, dass ein Zusammenhang zwischen der Bodenqualität und bestimmten slawischen Ortsnamentypen als gesichert angesehen werden muss. Ich habe darauf in Besprechung nachhaltig hingewiesen (Udolph 2015) und zitiere hier einige Sätze von Walter Wenzel: „In der Oberlausitz konnten wir feststellen, dass diese vier [Ortsnamen]typen nur in den zentralen Lößgebieten mit den fruchtbarsten Böden vorkamen, wo sich die Einwanderer zuerst niedergelassen hatten [...]. Der Gang der Besiedlung hängt in entscheidendem Maße [auch von] [...] der Bodenqualität ab, die in der Niederlausitz auch auf kürzere Entfernungen recht unterschiedlich sein können“. Und an anderer Stelle noch deutlicher: Dies lässt sich „mit konkreten Bodenwertzahlen aus dem Atlas zur Geschichte und Landeskunde von Sachsen bestätigen [...]. Vergleicht man die Verbreitung dieses Namens [...] mit der Bodenkarte von W. Stams [(1998)], so ist der ursächliche Zusammenhang zwischen Bodenqualität und Namen typ nicht zu übersehen“ (Wenzel 2014). Die angesprochene Karte liegt mir vor und es ist beeindruckend zu sehen, wie sich der durch fruchtbaren Boden ebene Landstrich von Kamenz über Bautzen bis Görlitz mit Kartierungen alter slawischer Ortsnamen in Deckung bringen lässt. Dabei spielt
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Heimat und Ausbreitung indogermanischer
Stämme im Lichte der Namenforschung
KARTE 14. Lössverbreitung in Ostpolen und der Ukraine. Mi. = Minsk, Ki. = Kiew, dunkelgrau = Löss über 5 m Stärke (nach Haase u. a. 2007).
auch eine wichtige Rolle, ob die betreffenden Böden leicht oder schwer zu bearbeiten sind. Zufälle sind hier ausgeschlossen.
Versuchen wir diese keineswegs neuen Erkenntnisse auf die Böden Polens und der Ukraine zu übertragen. Als besonders hilfreich erweist sich hier ein im Jahre 2007 publizierter „Löss-Atlas“ (Haase et al. 2007), aus dem ich hier einen Ausschnitt biete.
Es macht keinerlei Mühe, die Verbreitung des Lösses im Vorkartengebiet mit der in diesem Beitrag zusammengetragenen alten slavischen Gewässernamen in Kongruenz zu setzen.
Dabei muss man natürlich noch einbeziehen, dass Lössböden nicht immer leicht zu bearbeiten sind. Mein vorsichtiger Versuch, Erkenntnisse der Altlandforschung für diese Frage einzubeziehen, brachte mich zu einigen Studien, aus denen ich nur einige wenige Passagen herausgreifen möchte. Als Laie auf dem Gebiet der Bodenforschung empfiehlt es sich, hier sehr vorsichtig zu sein. Aber die folgenden Bemerkungen stützen schon im Wesentlichen meine Gedanken. So heißt es bei Fritz Scheffer (1978: 16–17): „Seit dem Neolithikum hat in Mitteleuropa eine erhebliche Einengung der damals für Siedlungszwecke
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bevorzugten Scherzde-Areale [..] stattgefunden [..]. Bis zur Gegenwart wurden die schweren Böden der Lößgebiete, der jungen Grundmoränen-Landschaften, der Marschen und des Mittelgebirgs-Raumes als standortgünstiger für die landwirtschaftliche Produktion angesehen als die leichten Bodenarten, da sie höhere Vorräte an Pflanzen-Nährstoffen besitzen [..]“. Und wenige Seiten weiter meint Brunk Meyer (198: 119), dass schwere K[alium]-reiche Böden trotz schwerer Belastbarkeit in den mittelalterlichen Rodungsperioden bevorzugt wurden.
Dennoch möchte ich hier noch einen damit zusammenhängenden Gedanken äußern, den ich einer mit Kirstin Casemir (Göttingen/Münster) geführten Diskussion um Lößböden und Alter der Ortsnamen entnehme. Man kann bei genauerer Betrachtung der Ortsnamenverbreitung (z.B. im östlichen Niedersachsen, dazu aus namenkundlicher Sicht einschlägig: Casemir 2003) zu dem Schluss kommen, dass sich die ältesten germanischen Ortsnamen, also etwa die Suffixbildungen, „nicht in den Kerngebieten der Lößmulden, den fraglos ältesten Siedlungsräumen, [..] sondern an deren Rändern“ lagen (Casemir 2003: 40 nach Müller 1952: 144). In ähnliche Richtung geht eine Meinung von Gerhard Obeck (zitiert nach Casemir 1997: 49, Anm. 12), wonach die Bevorzugung qualitativ schlechterer Böden bei Siedlungen höheren Alters mit den ‘technischen’ Möglichkeiten der Siedler bei der Bodenbearbeitung zusammenhänge. Die fruchtbaren, aber gleichzeitig schweren Böden, wie sie bei den meisten -būtel-Orten zu finden sind, können erst mit verbessertem Gerät bearbeitet werden. Aus diesem Grund seien die besseren Böden zunächst kaum genutzt und erst zu einem späteren Zeitpunkt besiedelt worden.
Wenn wir das auf die Lößverbreitung in der westlichen Ukraine und des südöstlichen Polens übertragen, so fällt schon sehr auf, dass das Zentrum der altslavischen Namen in dem Bereich findet, in dem die Lößverbreitung allmählich „ausfranst“ (Abb. 14), d.h. etwa in dem Gebiet westlich von Kiew zwischen Krakau im Westen und Winn ycja und Moldawien im Osten.
Um es kurz zu machen: die Verbreitung der guten Böden deckt sich mit der der altertümlichen slavischen Namen. Wenn das richtig ist, können wir im Vorkarpatenland von einer Keimelle – besser wohl: von einer Kernlandschaft – slavischer Siedlung ausgehen. Die Existenz von vorslavischen, aber indogermanischen Namen und von Gewässernamen, deren Struktur darauf verweist, dass sie aus einer indogermanischen Basis heraus entstanden sind, dann aber auch slavische Eigentümlichkeiten entwickelt haben, 1 kann nun – wie oben schon gesagt – nur so verstanden werden, dass sich hier in einem Jahrtausend langen Prozess aus einem indogermanischen Dialektgebiet heraus diejenige Sprachgruppe herausgebildet hat, die wir heute slavisch nennen.
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Da offenbar der gute Boden dabei eine Role gespielt haben können, möchte ich die folgende Überlegung zur Debatte stellen: gute Böden führen zu besseren Ernten, minimieren die allgemeine Mortalität und die Kindersterblichkeit und führen zu einem Bevölkerungsüberdruck, der nur durch eine allmähliche Ausbreitung der Siedlungstätigkeit gemindert werden kann. Gleiches kann man bei der Frage nach Heimat und Expansion germanischer Stämme feststellen, zu der ich gleich kommen werde.
Die intensive Untersuchung der geographischen Namen Ost- und Mitteleuropas führt zu der Erkenntnis, dass sich das Slavische aus einem indogermanischen Dialekt heraus (die alteuropäische Hydronomie und baltisch-germanisch-slawische Übereinstimmungen spielen dabei eine Rolle) in einem relativ begrenzten Raum zwischen oberer Weichsel und Bukovina entfaltet haben muss, eine balto-slawische Zwischenstufe nicht bestanden haben kann, es zu frühen, kaum abreißenden Kontakten mit baltischen und germanischen Stämmen gekommen ist, und durch eine starke Expansion die späteren Wohnsitze ost-, west- und südslavischer Völker erreicht werden. Ganz ähnliche Ausbreitungen sind bei keltischen und germanischen Stämmen beobachtet worden, allerdings ging diese der slavischen Expansion voraus.
2. HEIMAT UND EXPANSION GERMANISCHER SIEDLER NACH AUSWEIS DER NAMEN
Die Entwicklung des germanischen Sprachstammes aus einer indogermanischen Vorstufe muss wohl zeitlich eher als im Fall des Slavischen angesetzt werden. Um 500 n. Chr. lassen sich innerhalb des Germanischen bereits deutliche Unterschiede in den Sprachstrukturen, etwa zwischen Ostgermanisch (Gotisch), Nordgermanisch (Runen, Urnordisch) und Westgermanisch erkennen. Nach Auffassung der meisten Sprachwissenschaftler darf man die Entfaltung des Germanischen als eigenständigen Zweig, zu beobachten u.a. an der Wirkung der ersten (germanischen) Lautverschiebung, etwa in die Zeit um 500 v. Chr. ansetzen. Diese hat in ihren Auswirkungen – entgegen etwa den Ergebnissen der zweiten (hochdeutschen) Lautverschiebung – offenbar sehr einheitlich und ohne große Differenzen alle germanischen Sprachzweige erfasst. Ich vertrete die Auffassung, dass sich dieser Prozeß in einem relativ kleinen geographischen Gebiet abgespielt haben muss, denn andernfalls wären sicherlich größere Unterschiede in den Reflexen der Lautverschiebung entstanden. Offenbar ist das nicht der Fall. Es fragt sich, ob sich die These, dass die germanische
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„Urheimat“ in einem relativ kleinen geographischen Gebiet zu finden sein muss, mit Hilfe der altertümlichsten germanischen Orts- und Gewässernamentypen bestätigen lassen.
Wenn man sich mit altgermanischen Ortsnamen und deren Bildung beschäftigt, so wird man bald zu einem alten, aber immer noch gültigen Wort von Jacob Grimm (1826: 403) geführt. Er hatte vor fast 200 Jahren betont: „Es ist die unverkennbare Richtung der späteren Sprache, die Ableitungen aufzugeben und durch Kompositionen zu ersetzen“. Mit anderen Worten ausgedrückt: Ableitungen, d.h. Suffixbildungen, sind auch in den germanischen Ortsnamen zumeist ältere Bildungen als Komposita oder Kompositionsbildungen. Eine Untersuchung, die den älteren Wohnsitzen germanischer Stämme gewidmet ist, sollte sich also vor allem – wenn auch nicht ausschließlich – den suffixalen Bildungen zuwenden.
In einer umfassenden Untersuchung über Gewässer-, Orts- und Flurnamen germanischer Herkunft (Udolph 1994) habe ich mich diesem Themenkomplex in seiner Gesamtheit zugewendet; Ableitungen standen wenig später im Zentrum weiterer Beiträge (Udolph 2004, 2010). Für Niedersachsen sind auch Studien von Reinhold Möller (1992, 2000) zu beachten.
Sammlungen und Verbreitungskarten von germanischen Wasserwörtern wie hor ‘Sumpf, Morast’. mar(sk) ‘Binnensee, Sumpf’, Riede ‘Bach, Fließ’, von Suffixbildungen mit -ithi-, -ing-/-ung-, -st-, -str- und von Ortsnamengrundwörtern wie -hude ‘Furt, Anlegeplatz am Wasser’, *-sējanez/-sēt[j]ōz ‘Siedler’, kot ‘Siedlung’, tun ‘Stadt, Siedlung’, tie ‘Versammlungs-, Gerichtsplatz’, sel(e) ‘Wohnung, Dorf, Siedlung’, klint ‘Hügel, Abhang’, wedel ‘Furt’ und viele andere mehr zeigen in eindeutiger Weise, dass sich das Germanische im kontinentalgermanischen Raum, genauer: im südlichen Niedersachsen, im westlichen Sachsen-Anhalt und in Teilen Thüringens aus einem gut erkennbaren indogermanischen Substrat heraus kontinuierlich entwickelt hat.
Um diesen Beitrag im Rahmen zu halten, habe ich nur einige wenige Verbreitungskarten ausgewählt und mit einem kurzen Kommentar versehen.
Dabei lassen sich von diesem zentralen Raum aus frühe Beziehungen sowohl nach Westen (Westfalen, Flandern, Nordfrankreich, England) wie auch nach Norden (Dänemark, Schweden, weiter nach Norwegen) erkennen. Dazu hier einige Beispiele, zunächst für die Beziehungen nach Westen.
a) germ. *fani/-ja ‘Sumpf, Moor’
Eine alte Bezeichnung für ‘Sumpf, Moor’, aber auch für ‘tief liegendes Grasland’ liegt in der germanischen Sippe um gotisch fani ‘Schlamm’ vor, zumeist wird *fanja angesetzt. Es gibt Hunderte von Fenn-Namen; in Deutschland etwa Ackerfenne, Fanhusen, Fehn, Fehnhusen, Venusberg in Bonn, auch Venusbruch und Venushügel bei Wernigerode, Vienenburg, 1306 Datum Vineburch. Auch
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KARTE 15. Germ. *fanja in Orts- und Flurnamen5
morphologisch ältere Typen wie Finne in Thüringen, 1106 in silva Vin usw.; Vining und Vineberg bei Lüneburg; -r-Ableitung in Fiener Bruch bei Genthin, 1178 in palustri silva, que Vinre dicitur; Vinnen (Hümmling), um 1000 Vinum, Finnum; mit -str-Forms: Vinster (Oberlahnkreis), 893 (Abschrift 122) Veneter, Wenestre, Uenestre, 1312 u.ö. Vinstern, gehören hierher.
Häufig sind Entsprechungen auch in den Niederlanden, Belgien und Nordfrankreich: Bakeveen; Berken; Diepenveen, darunter apa-Namen Venep, um 960 Vanapan, Venapen, Venep, 1138–53 Uene, 1144 Vene; vergleiche auch Venlo.
Ebenso zahlreich sind Belege in England: Blacken, Broadans, Bulphan, Coven, Fambidge, Fan, Fanns, Fann’s, Fen, Fenn, Fennes, Fulfen, Gladen, Orsett Fen, Redfern’s, Stringock Fen, Vange, Fencote, häufig sind Ortsnamen des Typus Fenton, 1086 Fentone usw.
5 Aus Udolph 194: 315, Karte 31.
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KARTE 16. *hor- in Ortsnamen auf dem Kontinent und in England6
Die Karte zeigt starkes Vorkommen in Nordwestdeutschland, am Niederrhein, in Flandern und England. Schleswig-Holstein und Jütland sind nur wenig beteiligt. Erneut zeigt sich, dass die Landnahme westgermanischer Stämme über den Kanal hinweg erfolgt sein muss.
b) Bisher wenig beachtet wurde ein Wort, das im Deutschen, Niederländischen und Englischen gut bezeugt ist: althochdeutsch hor ‘Schlamm, Brei, Schmutz, Kot, Erde’, mittelhochdeutsch hor, hore ‘Sumpfboden, kotiger Boden, Kot, Schmutz, Schlamm’, altsächsisch hor ‘Kot, Schmutz’, altfriesisch hore ‘Schlamm, Kot’, mittelniederländisch hore, hor ‘lutum; Moder’, altenglisch hoh, horu ‘filth, dirty’.
6 Aus Udolph 1994: 328, Karte 32.
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KARTE 17. *mar- und *mar-sk- in Orts- und Flurnamen des Kontinents und in England7
Deutsche Ortsnamen wie zum Beispiel Haarbach, Haarhausen, Hamke, Horbach, Harbrücken, Harburg bei Hamburg, Horb, Horburg, Horchheim, Hordorf enthalten das Wort.
Aus den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und Frankreich gehören hierher: Althorn bei Saargemünd, 783 Horne; Hoerenkreek (Zeeland); Hoorebeke bei Oudenaarde, Ostflandern, 1090 Horenbeca; Horsik in Gelderland u.v.a.m.
England hat hohen Anteil an den Vorkommen in Ortsnamen: Harborne; Harlick; Hamers; Harpole, 1086 Harpol; Harwood Gate; Harton, 1249 Horton; Hawley; Hollowmoor; Holyport, 1220 Hoport; Horbling, 1086 Hebeling; Horbury, 1086 Here; Horcott, −feld, −wod; Le Hornede; Horemestel; Horeput; Horfield, 1086 Horefele; Horham, ca. 950 Horham; Horish (Wood); Horley, 1374 Horlawene; Great, Little Horned, 1086 Hornede; 1243–64 Horne, mit Flurn. Horits und Horyt; Horlake; Horel; Horsell, alt Horse, Horsel, zu ae. horsela; Horwell; Horwood, 1086 Horewode; Warpole; Whaley; Worley’s Fm. Zahlreich sind Komposita mit −ton in Horton, 1086 Hortune; 1086 Hortona; 946 (Kopie 13. Jh.) hore tunge, sind auf der Karte mit einem besonderen Symbol gekennzeichnet.
7 Aus Udolph 1994: 375, Karte 33.
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Die Verbreitungskarte zeigt, dass die entscheidenden Verbindungen vom Niederrhein nach England über die südlichen Niederlande und Belgien sowie über den Kanal laufen.
c) Ein altes germanisches, in Ortsnamen verborgenes Wort mit Entsprechungen und Verwandten in anderen indogermanischen Sprachen ist -mar-, verwandt mit lateinisch mare, slavisch more (Pomore/Pomern), bezeugt auch in keltischen Ortsnamen wie Aremorica. Es steht im Ablaut zu deutsch Meer < *mari und deutsch Moor < *mōra (eine sogenannte Vṛddhi-Bildung); in Deutschland findet es sich in zahlreichen nord- und mitteldeutschen Ortsnamen wie Behmer, Betmar, Bleckmar, Bothmer, Dilmar, Ditmer, Eschmar, Fletmar, Friemar, Geismar, Gelmer, Gittmar, Görmar, Hadamar, Heumar, Hörstmar, Horsmar, Horstmar, Homar, Hükesmere, Koor, Leitmar, Lohmar, Ostmar, Palmar, Rethmar, Rettmar, Riethmar, Ringmar (vgl. engl. ON. Ringmer, alt Hringara), Rottmar, Schötmar, Schöttmar, Vellmar, Villmar, Versmar, Voßmar, Wechmar, Weidmar, Weimar, Weitmar, Wethmar, Wichmar, Widmar, Wiedemar, Wismar, Wißmar, Wismar, Wittmar, Wolmar, Wudmar, Wymeer. Man vergleiche die Verbreitung auf Karte 17.
Westlich von Deutschland finden wir das Wort in Aalsmeer, Alkmaar, Alsmar, Bederme, Bommer, Dossmer, Echemi, Gaasmeer (132 Germ.), Hetere, Hoeme, Homee, Purmer, Schermer, Spilmeri, Wormer, Zonnemere, 119 Sutmera.
In England ist es ebenfalls sehr häufig: Badesmere, Blakemere, Boldmere, Bradmore, Bulmer, Colmere, Cuckmere, Dodmore, Falmer, Grasmere, Holmer, Homer, Keymer, Marton, Minsmere, Ringmer, Rugmere, Sledmere, Stanmer.
Die Verbreitung zeigt, dass zwei große Gebiete miteinander über den Kanal hinweg miteinander verbunden sind: Norddeutschland, die Niederlande und Flandern auf der einen Seite, England auf der anderen Seite. Schleswig-Holstein spielt keine Rolle.
d) Ein in Verbreitung und Etymologie schon des Öfteren behandeltes nordseegermanisches Wasserwort ist Riede, in niederdeutsch ride, rīde, ren ‘natürlicher Wasserlauf, kleiner Fluß, Rinnsal auf dem Watt’, mittelniederdeutsch rīde, rē, rīge (ride, rije, rige) ‘Bach, kleiner Wasserlauf, Graben’, altsächsisch ritha, rithe ‘Wasserlauf, kleiner Bach’; friesisch riede ‘Gracht, kleiner Fluß im Watt’, ryt, ryd(e) ‘brede grepel’, nordfries. rīde, riet; altfriesisch red ‘kleiner Bach’ und rīth ‘Bach’; niederländisch rijt ‘water-loop’, rijt, riet ‘geul in buitendijkse gronden’, ‘binnendijks water in de zeekleilanden dicht bij de kust’, mittelniederländisch rijt f., anfrk. rīth ‘tornes’.
Sehr früh begegnet es im Englischen, schon altenglisch rīd, rīde ‘kleiner Fluß’, rīde ‘Bach, langgezogene, schmale Niederung, altes Bachbett’, rīd, rīde,
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K A R T E 18. Riede, ride, rithe, riet, rid in geographischen Namen8
rīdġ ein kleiner Fluß, englisch rithe, ride ‘kleiner Fluß, durch Regen veranlaßt’, rigat ‘a small channel from a stream made by rain’, rithe, ride ‘a small stream’.
In Deutschland gibt es zahlreiche, zum Teil auch junge Namen wie Achel- riede, Aschriehe, Bargriede, Bassriede, Bickenriede, Bleckriede, Bollriede, Borgrie, Boterriede, Brandriehe, Bruchriehe, Brunriehe, Diekriehe, Eilenriehe, Ellerie, Jachelriehe, Janien, Midel Rie (Midels Rie), Exerie, Feldriehe, Feldrie, Flehmanns Rieh, Flamischen Rie, Weckenlands Rie, Fliesenrie, Fluthrie, Fohlenrien, Fuhlenrie, Fuhenrie, Fule Rie, Die Große Rie, Grotr, Haferrie, Hauenrie, Holtrie u.v.a.m.
Ältere Typen sind 726 (Kopie um 122) Aride (bei Köln), Brücher bei Ebe- len, 876 Boratrie, 1290 Bruchrie, auch Burchtrie, Borntrie; Corveyer Beleg von ca. 826–876 Hrihem (mit unorg. H-).
In den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und Nordfrankreich fand ich Bruggerijt, Dieprijt, het Dikke Riet, Munnikenzijlster, Ekkersrijt, Houtrijt, Jutesriet, Peelrijt, Pieperij, Riet, Rijit, Segerijd u.a.; z.T. junge Bildungen.
8 Nach Udolph 1994: 393, Karte 34.
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England besitzt zahlreiche und zum Teil sehr alte Namen wie Aberd; Be- verley Brook, 693 (Kopie 11. Jh.) beferdi; Blackrith; 972 (Kopie 1050) Bordrödig; Chaureth, 1086 Ceuride; Childrey; Coldrey, 973/4 (Kopie 12. Jh.) (to) coride; Coleread; Cropredy; Cotered, 1086 Clodre; 1228 Ealdnereth; Eelrthe, 680 ad Aelrithe; Efferdy; Erith; Fingrith, 693 Gewässername Fuglerdie; Fulredy; Ful- rithe; Goosery; Henred, 984 Henna rid; 774 Hwelridig; Landrith; Shotery, 699–709 (K. 11. Jh.) Scottärd u.v.a.m.
Die Kartierung (s. Karte 18) zeigt, dass diese Namen vor allem in Norddeutschland, in den Niederlanden, Belgien und in England begegnen. Offenbar sind die Siedler über den Kanal nach England eingewandert.
e) Ein altes Wort, das vor allem Norddeutschland und England verbindet, ist deutsch Hude. Ein deutscher Sprecher kennt dieses nur noch aus Ortsnamen, vor allem aus Buxehude, Fischerhude, Harvstehude und dem Steinhuder Meer. Die Bedeutung dieses Wortes bleibt einem heutigen Sprecher aber unbekannt. Hude begegnet in Norddeutschland vor allem in Siedlungsnamen, die an Gewässern liegen; im Mittelniederdeutschen ist es noch bezeugt als hūde ‘Holzlagerplatz, Stapelplatz an einer Wasserverbindung, Fährstelle’. Auch im heutigen Englischen ist es unbekannt, aber im Altenglischen ist es noch bezeugt: hyð ‘Platz, der das Schiff bei der Landung aufnimmt, ein passendes niedriges Ufer, ein kleiner Hafen’.
Interessant ist die Streuung der Ortsnamen. Aus Deutschland habe ich u.a. gesammelt: Altenhude; Aschenhude; Billerhude; Dockenhuden, 1184 Dockenhude; Dodenhude; 1346 Eckhude; Fischerhude, 1124 Wicheshude; Flemhude; Frauenhude; Grönhude; Harnhude; Harvstehude; Heenhude; Huden bei Meppen, 1037 -huhun in dem Beleg Hlaresuhun; Hodenhagen, 1168 (Kopie 18. Jh.) de Hode u.ö.; Hude (häufig), auch mit Umlaut Üde; Huen, um 920 Huhun; Huda; Hudemühlen; Kayhude; Nedernhude, Obenhude; Pahlhude; Ritterhude; Stapelhude, 1258 in loco qui dicitur Stapelhude; Steinhude am Steinhuder Meer, 2.H. 14. Jh. To der Steinhude; Tespehude; Winterhude.
Auch die Niederlande kennen Ortsnamen: Oude Hide in Seeland; Coxde, 1270 de Coxhde; Coxde (Koksie); Hude, 1405 Hude; Hude dries; Hudestra- te; 1359 le Hyde bei Dün kirchen; Nieuwe Yde bei Nieuwpoort/Oostduinkerke, 1277 Noua Hide; Raversijde, 1401 Wilraues hyde; Lombartside, 1408 Lombardsyde; Yde, 1331 in die Hide.
Wichtig und alt sind die Ortsnamen in England: Adreth, 1169–1172 Alre- heð(a), -hūda; Bablok Hythe; Bladeney, 712 (K. 14. Jh.) ad portam que dicitur Bladenithe; Bolney, 1086 Bolhede; Bulverhythe; Chelsea, 785 Cealchyð, Celchyð, 801 Caelichyð; 1275 Colleshethe; Claythe; Coweithe; Creek- sea, 1086 Criceseia; Downham Hythe, 1251 Dunham hythe; Earith, 124 Her- heth; Erith, 695 Eardhy; Fishythe; Frecnythe; Glanty, 675 (K. 13. Jh.) Glenthe;
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Acta Linguistica Lithuanica LXXVI
Heimat und Ausbreitung indogermanischer Stämme im Lichte der Namenforschung
KARTE 19. dt. hude, engl. hyð usw. in Ortsnamen9
Greenhithe; Heath (mehrfach); Hidden, 984 (K. um 1240) (innan) Hydene; Hithe Bridge; Hive, 959 (K. um 1200) Hyðe; Hive, 1306 atte hethe; Horsith, 1249 Horsyth(e); Hyde, 1333 atte Hithe; Horseway, 1238 Hors(e)hythe; Hullasey, 1086 Hunlafesed; Huyton, 1086 Hitune; Hythe (Surrey), 675 (K. 13. Jh.) huþe; Hythe (Cambridge), 1221 Hethelod; Hythe (Kent), 1052 (on) Hype; Hythe (Hampshire), 1248 (la) Huthe; Knaith, 1086 Cheneide, < cneoyþ; Lakenheath, um 945 æt Lacingahið; Lambeth, 1041 Lambhyð; Maidenhead, 1202 Maideheg; Prattshide, um 1250 Pratteshithe; Rackheath, 1086 Racheitha; Rotherhithe, um 1105 Rederheia; Sawtry, 974 Saltrei’am; Small Hythe, 13. Jh. Smalide; Stepney, um 1000 Stybbanhyþe; Swavesey um 1080 Suauesheda; Welshithe, angeblich 675 Weales hūðe.
Die Verbreitung der Namen (s. Karte 19) zeigt deutlich, dass nichts dafür spricht, dass Siedler aus Schleswig-Holstein oder Jütland nach England gekommen sind. Vielmehr müssen die Ortsnamen in Flandern beachtet werden, die offenbar die Brücke zwischen den deutschen und englischen Namen bilden.
Bereits vor hundert Jahren hatte Hermann Jellinghaus erkannt, dass die -hude-Namen „ein starkes Zeugnis für die Herkunft des Stammes der südenglischen Bevölkerung aus der niederdeutschen Ebene“ sind10.
9 Nach Udolph 1994: 472, Karte 44.
10 In: Anglia 20 (1898) 290.
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KARTE 20. Verbreitung von hauga- in geographischen Namen (aus Bischoff 1975, Beilage)
Die Verbreitungskarten innerhalb der Germania zeigen, wie ich oben schon bemerkte, auch deutliche Beziehungen nach Norden. Diese sind früher fast immer als Expansionen germanischer Stämme aus ihrer nordeuropäischen Heimat in Richtung Süden interpretiert worden. Es lässt sich aber deutlich zeigen, dass weit eher von einer ursprünglichen Heimat im Kontinentalgermanischen auszugehen ist (dazu ausführlich Udolph 1994: 830–918).
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Acta Linguistica Lithuanica LXXVI
Heimat und Ausbreitung indogermanischer Stämme im Lichte der Namenforschung
KARTE 21. Verbreitung von klint in geographischen Namen11
a) Einer Studie von Karl Bischoff (1975; vgl. auch Udolph 1994: 859–863) verdanken wir genauere Kenntnis über die Verbreitung des Wortes *haugaz im Germanischen, das u.a. bezeugt ist in anord. haugr ‘Hügel, Grabhügel’, man beachte ferner in ähnlichen Bedeutungen isl. hau gur, fär. heyggjur, heygur, norw. haug, schwed. hög, altdän. høgh, dän. høj. Es findet sich aber auch in Ortsnamen Deutschlands, eine Verbreitungskarte bietet Bischoff (1975: Beilage).
b) Ganz ähnlich gestreut ist klint, ein Wort, das als Appellativum vor allem im Norden bezeugt ist:
Dän. klint ‘steiles Meeresufer’, schwed. klint ‘Gipfel eines Hügels’, assimilierte Nebenform in schwed. dial. klett, norw. dial. klett ‘Bergkuppe, steiles Meeresufer’, schon anord. klettr ‘freistehende Klippe’, Ablaufform in norw. dial. klant ‘Klippenrand, Berggipfel’ und dän. klunt ‘Klotz, Klumpen, klotzige Person’.
Aber im Namenbestand, dem „Friedhof der Wörter“, begegnet es auch in nicht geringem Maße im kontinentalgermanischen Bereich, wie Karte 21 zeigt. Dabei ähnelt die Streuung in hohem Maße der von hauga-
11 Nach Udolph 1994: 868–881, mit Karte 68.
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JÜRGEN UDOLPH
KARTE 22. Verbreitung von –leben/–lev in geographischen Namen12
Hierher gehört auch das oft behandelte und viel zitierte Grundwort –leben, nordgerman. –lev, das in ca. 200 Ortsnamen bezeugt ist, z.B. in Uhrsleben, Erxleben, Eilsleben, Eimersleben; Aschersleben, Oschersleben, Eisleben, Barleben, Roßleben, und in Dänemark und Südschweden als Bindslev, Jerslev, Roslev, Falslev, Tinglev u.a.12
Zugrunde liegt got. laiba ‘Überbleibsel, Rest’, ahd. leiba, asä. lēva ‘Rest, Erbe, Nachlaß’, afries. lāva ‘Hinterlassenschaft, Erbe, Erbrecht’, altengl. lāf ‘Hinterlassenschaft, Erbe’, altnord. leif ‘Überrest’, adän. kununglef ‘Krongut’. Im 1. Teil steht immer ein Personenname im Genitiv Singular13.
12 Nach Udolph 1994: 503, Karte 47.
13 Dazu zuletzt Winkler 2009.
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Acta Linguistica Lithuanica LXXVI
Heimat und Ausbreitung indogermanischer Stämme im Lichte der Namenforschung
KARTE 23. Verbreitung von –wedel–/*wadil– in geographischen Namen 14
Die ungewöhnliche Streuung der Namen (vgl. Karte 22) ist oft diskutiert worden, wobei aber das große und umfassendste Buch zu diesen Namen fast keine Berücksichtigung fand (Bathe). Bezieht man dieses ein, spricht mehr für eine Süd–Nord-Wanderbewegung als die umgekehrte Richtung, (vgl. Udolph 1994: 497–513).
Und ein letztes Beispiel für die Namenverbindungen zwischen dem Kontinent und dem skandinavischen Norden: in norddeutschen Ortsnamen vermutet man mittelniederdeutsch wedel, altsächs. widil ‘Furt’, das verwandt ist mit ano. vadhell, vadhall, vadhill ‘seichte Stelle im Fjord zum Hinüberwaten’, norweg. val, vaul ‘seichte Fjordstelle’, in Ortsnamen auch Voil, Veel, dän. vedel, vejl 16. Jh.,
14 Nach Udolph 1994: 892–906, mit Karte 71.
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JÜRGEN UDOLPH
KARTE 24. Skandinavi-sche Wörter in deut-schen Ortsnamen
Ortsnamen Veile, Veilby, Veielgaard, Veilö, Faareveile, die Bedeutung in Dänemark ist vor allem ‘Durchgang durch mooriges Gelände’.
Die hier knapp skizzierten Verbindungen mit dem skandinavischen Norden sind auch in einer Besonderheit zu finden, die darin liegt, dass ausschließlich im Nordischen bezeugte Appellativa auch in Namen des kontinentalgermanischen Bereichs zu finden sind (ausführlich behandelt und interpretiert bei Udolph (2000, 2004, 2011). Wir kennen inzwischen mehr als drei Dutzend derartiger Fälle, dazu gehören u.a. die Namen Braunlage, Dorstadt/Dorestad, Kösen/Coesfeld15, Ohrum, Oerie, Rhön16, Scheuen, Scheie.
Sie können nur einer alt-, gemein- oder urgermanischen Periode entstammen und zeigen, dass die zugrunde liegenden Appellativa dieser alten Schicht angehört haben müssen.
Kartiert man diese Ortsnamen (s. Karte 24), so zeigt sich, dass es ein Zentrum dieser nur mit Hilfe von skandinavischen Wörtern erklärbaren Ortsnamen gibt: es ist das östliche Niedersachsen mit den angrenzenden Gebieten in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Nordhessen. Ein ganz ähnliches Bild ergibt sich,
15 In: Korsmeier 2016: 90–94.
16 In: Ascher 2015: 203f.
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Acta Linguistica Lithuanica LXXVI
Heimat und Ausbreitung indogermanischer Stämme im Lichte der Namenforschung
wenn man Appellativa, die nur in Skandinavien und im alemannischen Bereich zu finden sind17, in Ortsnamen des Kontinents sucht18.
Suffixbildungen
Es ist bekannt, dass in der germanischen Sprachgeschichte in der Bildung der Substantiva ein wichtiger Wandel stattgefunden hat: während heute vor allem Komposita genutzt werden, vgl. deutsch Hand-tuch, Auto-reifen, Haus-wand, engl. main door, forrest path, car tyre, norwegisch hovud dør, skov vej, bildæk, bildete man in frühgermanischer Zeit neue Wörter vor allem mit Suffixen, also als Ableitung: *gab-lo- ‘Gabel’, *ham-ipja- ‘Hemd’. Bei der Suche nach altertümlichen germanischen Ortsnamen sind daher die Suffixbildungen besonders wichtig. Diese sind für die Bestimmung der ältesten Siedlungsgebiete germanischer Stämme von entscheidender Bedeutung. Aus Platzgründen wähle ich hier nur wenige Beispiele aus.
a) -s-Bildungen.
Das Germanische hat in alter Zeit -s-Bildungen in seinem appellativischen Bestand z.T. ererbt, z.T. aber auch noch neu gebildet. Erinnert sei etwa an alte Erbwörter wie got. aiz, bariz-eins, rimis sowie z.T. Neubildungen (die auch auf alten s-Stämmen beruhen können) wie got. aqizi, jukuzi, ahd. chuburra. Für das Germanische sind weiterhin kennzeichnend Weiterentwicklungen des Suffixes -sa/-sō-, so Bildungen mit Mittelvokal wie ahd. bilisa, elira, felis(a). Hans Krahe und Wolfgang Meid (1967: 137) geben auch eine knappe Zusammenstellung von „Altgerm. Namen mit s-Suffix“. Darin werden neben Personennamen wie Gabso, Hariso, Aliso, Thoriso auch Flußnamen wie Ems und Effze erwähnt, die mit Recht in eine Beziehung zu außergermanischem Material gesetzt werden. Entsprechende Bildungen im Namenbestand haben R. Möller (2000) und J. Udolph (1994: 199–218) untersucht und zusammengestellt. Dabei übergehe ich hier die Tatsache, dass -s-Bildungen auch schon unter den voreinzelsprachlichen Gewässernamen der alteuropäischen Hydronymie begegnen (kurz angesprochen bei Udolph 1994: 199–201).
Unter anderem gehören hierher: Wüstung Blekisi, 826–876 in Blekisi, Wüstung Degese, 1196 Degese, Devese, Gebesee bei Erfurt, 802–815 Gebise; Heerse < Herisi, Hünxe, 1092 Hungese, WgN. Ilse bei Boffzen, 1031 Ilisa, Ilvese, 1096 Hil-vise, Klings bei Bad Salzungen, 869 Clingison, Leisa an der Eder, 8. Jh. Lehesi, Lihesi, FlurN. 1692 im Letse, ON. Linse bei Bodenwerder, 1.H. 9. Jh. Linesi, Meensen bei Göttingen, 990 Manisi, Resse bei Recklinghausen, 10. Jh. Redese, Reese bei
17 Zum Thema s. Kolb 1957 und Alemannien und der Norden 2004.
18 Vgl. Udolph 2004a; Kartierung der entsprechenden und ergänzten Namen bei Udolph 2010b: 153.
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KARTE 25. –s-Suffixe in geographischen Namen Mitteleuropas19
Stolzenau, 11. Jh. Raedese, Schlipps bei Freising, zwischen 851 und 1130 Slipfes, Slipphes, Sliphës, Schl ipfs, Seelze bei Hannover, 1160 Selessen, 1187 Seles se, FlurN. Sötz, Sumpfwald bei Goslar, alt Sotisse, Vielshof bei Salzkotten, Vita Meinwerci Vilisi.
Die Kartierung (Karte 25) zeigt ein Bild, das wir jetzt auch schon aus anderen Verbreitungskarten kennen: Kernbereich sind Südniedersachsen, das westliche Sachsen-Anhalt, Nord- und Westthüringen, Nordhessen und Westfalen.
b) –st-Bildungen
Vor allem im Baltikum gibt es zahlreiche Bildungen mit einem –st-Suffix, mir sind u.a. bekannt geworden: in Lettland Līlaste, Lubasts, Lubešta, Mùrmasta, aus dem übrigen Baltikum Ab-istà, Akn-ystà, Arv-õstas, Avin-úostas, Debr-estis, Grab-uostà, Iẽž-esta, Lam-istas, Lauk-ystà, Lok-ystà, Malk-esta, Pekļ-ystà, Sav-istas, Taur-ósta, Uol-astà, Varn-úostas, Ým-asta, aus Österreich Aist < *Agist(a), aus Frankreich Autisse < *Altīssa < *Altīstā, aus Dalmatien Bigeste, Ladesta, Triest, Palaeste, Segest-(ica), Penestae, aus Venetien Este < Ateste.
19 Nach Udolph 1994: 199–218, mit Karte 25.
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Heimat und Ausbreitung indogermanischer Stämme im Lichte der Namenforschung
Neben den beiden Zentren, die sich hier abzeichnen, nämlich das Baltikum und die Gebiete rund um die Adria, gibt es aber noch einen weiteren Bereich, der erheblichen Anteil an dem Suffix im Namenbestand hat: Mittel- und Nordeuropa. Eine genauere Verbreitung zeigt Karte 26, in der u.a. aufgenommen worden sind:
866 Alesta, ON b. Charleroi, Alst, 12. Jh. Alest, Aalst, ON. in Flandern, 866 Alost, Aalst, ON. b. Hasselt, 1107 Alost, Alste; Aalst in Gelderland, um 850 Halo-sta, Alst b. Leer, 12. Jh. Alst; FlN. Apfelstädt, auch ON., 775 Aplast; Arzbach b. Gotha, 1049 Arestbach; Beverst b. Tongern, 1314 Beverst; Vita Meinwerci: Bilisti; FlN. Burdist, 755 Burdist (z. Rhein); *Agist- evtl. in Eekst b. Assen; Ehrsten b. Kassel, alt Heristi, Herste; Elst b. Nimwegen, 726 Helistê; Ennест b. Olpe, 1175 En-nest; Ergste b. Schwerte, 1096 Argeste; Euelste b. Pattensen, 1246 in Evelste; Exten b. Rinteln, 896 Achreste; ON. Forst b. Holzminden, *Farista; Haste b. Osnabrück, 1146 Harst; Harste b. Göttingen 1141 Herste, Harste; FlurN. Idesten od. Itesten b. Emden; Innerste, alt Indrista; WgN. 1106 Lammeste b. Hannover; ON. Landas b. Lille, alt Landast; Leueste b. Hannover, 1229 de Leueste; ON. Pretitz b. Zingst, 9. Jh. Bridasti; ON. Ranst b. Antwerpen, 1140 Ramst, 1148 Ranst; Riemst b. Tongern, 1066 Reijmost; Rumst b. Antwerpen, 1157 Rumeste; Selsten b. Geilenkirchen, *Salist; Thüste b. Hameln, 1022 (F.) Tiuguste, Thiuguste; Villigst b. Ergste, 1170 Vilgeste; Zingst bei Nebra, 1203 Cindest.
Zu dieser Sammlung aus dem Jahr 1994 sind inzwischen, vor allem durch die umfassende Untersuchung der Ortsnamen Niedersachsens und Westfalens, zahlreiche weitere Parallelen hinzugekommen.
Dabei gilt es zu beachten, dass die Ortsnamen mit st-Suffix in ihrem präfixalen Element die unterschiedlichsten Varianten zeigen. Mit einiger Sicherheit läßt sich -est- nachweisen in Al-est, Ar-est, Id-est-, Lameste, Tind-est-; -ast- erscheint offenbar in Ap-l-ast, Har-ast-, Landast und Bredh-asti; sehr häufig ist -ist-: Bil-ist, Burd-ist, El-ist-, Am-ist-, An(d?)-ist-, Arg-ist-, Agr-ist-, Far-ist-inda, Har-ista, Lev-ista, Ram-ista, Sal-ist-, Far-ist, Felg-ist.
Die Vielfalt des Suffixes stimmt vollkommen mit den Beobachtungen im appellativischen Bestand überein. Vor allem im Germanischen und Baltischen läßt sich Entsprechendes leicht nachweisen. Für die meisten der zusammengestellten Ortsnamen werden dabei die germanischen Verhältnisse verglichen werden können, das gilt z.B. für die folgenden Ortsnamen, die recht überzeugend mit Hilfe von germanischem Wortmaterial erklärt werden können: Awist, Beverst, Eext, Ehrsten, Idesten/Itzstedt, Landast, Riemst, Selsten/Zelst/Zeelst, Thüste, Villigst, Zingst.
Während sich Namen mit -st-Suffix auch im nichtgermanischen Siedlungsraum finden lassen, ist das bei dem folgenden Bildungselement anders.
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KARTE 26. –st-Suffixe in geographischen Namen Mitteleuropas.
● Gewässernamen, ○ Orts-/Siedlungsnamen20
c) –str-Suffix
Ein entsprechendes Bildungsmittel findet sich nur in den germanischen Sprachen, so im appellativischen Bereich etwa in got. awistr, norw. naustr, Laster < *lah-stra-, Polster < *bulh-stra-, anord. mostr < *muh-stra-, ae. helustr, heoloster, got. hulistr ‘Hülle’, ae. gilister, geoloster ‘Geschwür’. Und auch die damit gebildeten Namen sind auf das (ursprünglich) germanische Siedlungsgebiet beschränkt
20 Nach Udolph 1994: 218–243, mit Karte 26.
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KARTE 27. –str–Suffixe in geographischen Namen Mittel-, Nordeuropas und Englands. ● Gewässernamen, ○ Orts-/Siedlungsnamen
(Karte 27). Hierher gehören nach einer Aufstellung aus dem Jahr 1994 z.B. Alster, Elster, Alstern, Alsterån; FlN. Ballestre in England, 940 Ballestran; FlN. Beemster b. Alkmaar, 1083 Bamestra; Beuster, Nfl. d. Innerste, 1305 Bostere, 1308 Botestere; Emster b. Bran-denburg, alt Demster od. Emster; norw. FlN. Imstr; Falster; Finster im Oberlahnkreis, vor 893 Veneter, Wene-stre, Venestre; Fløstr, skand. InselN.; Gelster, Nfl. d. Werra, 1246 inter Gelstram; norw. GNN. Jølstra, *Jøstra; Kelsterbach, Orts- und FlN. b. Groß Gerau, 830–850 De Gelsterbach; FlN. Lister
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i. Westerwald, 1532 in der Lyster; engl. FlN. Medestre, 940 (on) Medestran; Fjordname Ørstr; Seester(au), alt. Name d. Krückau z. Elbe, 1141 iuxta fluu ium Ciestere, mit ON. Seester, Seesterau; Susteren, ON. i. d. Niederlanden; 1277 Rususteren, < FlN. Suster, 714 Svestra; Ulster, FlN. i. d. Rhön, 819 Ulstra, schwed. SeeN. Vänstern, norw. FlNN. Vinstr, Vinstra, engl. FlN. Winster, 1170–84 (K.) Winster, Wilster → Medem, Wilster Au (Wilsterau) → Stör, Zester, abg. FlN. im Alten Land, 1197 iuxta Szasteram, mit abgeg. ON. Zesterfleth, Sestersvlete.
Fast alle dieser Namen – inzwischen sind weitere hinzugekommen – lassen sich aus germanischem Wortmaterial heraus erklären. Aber es gibt Ausnahmen, z.B. Alster, Elster und Wilster. Hier ist das einzelsprachliche, germanische Suffix an eine vorgermanische Grundlage *el-/*ol- bzw. *wil- angetreten, was für diese geographischen Bereiche für eine gewisse Kontinuität von indogermanischer zu germanischer Siedlung spricht.
d) Das Suffix -ithi
Dieses Suffix wurde schon mehrfach behandelt (Udolph 1991, 1994: 258–288; Möller 1992; Casemir 2003: 438–446). Es ist ein hochaltertümliches Bildungselement, das vor allem in der Namenbildung deutliche Spuren hinterlassen hat. Es ist heute nicht mehr produktiv und ist uns aus den älteren germanischen Sprachen nur noch in wenigen Wörtern bekannt: got. avithi ‘Schafherde’, angelsächsisch gesylhbe ‘Joch Ochsen’, altenglisch winterfylled ‘Oktober’, althochdeutsch winithi ‘Weideland’, juhhidi ‘Gespann’ und einige andere.
Während es appellativisch kaum noch zu erkennen ist, was auf relativ hohes Alter schließen lässt, ist es in nord- und mitteldeutschen Ortsnamen bestens bekannt. Hierher gehören um die 200 Namen, darunter recht bekannte. Hier nur eine kleine Auswahl: Birgte, 1088 Bergithi; Bleckede an der Elbe; Bünde, 853 (Fälschung) Buginithi; Dingden bei Bocholt, 1163 Tingethe, zu ahd. thing, ding „allgemeine Volksversammlung“; Döhren, Ortsteil von Hannover, um 990 Thurnithi; Essen, 9. Jh. Astnide; Geesthacht, 1216 in Hachede; Gimbte, 1088 Gimmethe; Grohnde, (1237–47) in Gronde; Helle bei Wiedenbrück, Ende 12. Jh. Helethe; Huckarde, Ortsteil von Dortmund, 947 Hucrithi; Hü sede, 12. Jh. Husithi; Lengede, 1151 Lencethe; Mengede, Ortsteil von Dortmund, 10. Jh. Megnithi, Mengide; Meschede, 913 Meschede, 1015–25 Meschethi; Sarstedt, (1046–1056) Scersteti, Scerstete, 1196 Scardethe; Sehnde, 1147 Senethe; Sömmerda, 876 Sumiridi item Sumiridi.
Westgermanische Siedler, die seit dem 5. Jh. nach England übersetzten, nahmen das Bildungselement mit und schufen, wie Karte 28 deutlich zeigt, noch einige wenige Ortsnamen auf der Insel, bevor das Suffix unproduktiv wurde und aus der Sprache verschwand. Zu diesen Ortsnamen gehören u.a.: in Kent z.B. The Brent, Brent Lane, spätes 14. Jh. Bremthe; Wüstungsname 13. Jh. Bremthe; Wüstungsname 1286 Bremthe; 4. Brent Cottages, 1359 Brencche; 1206 La Brenithe
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KARTE 29. Aufgrund von altertümlichen germanischen Ortsnamentypen anzunehmendes ältestes Siedlungsgebiet altgermanischer Siedler
Unter dem dichten Netz einzelsprachlich-germanischer Orts- und Gewässernamen lassen sich in Nord- und Mitteldeutschland vorgermanische Hydronyme in großer Anzahl erkennen, etwa in der Studie von Kettner (1972; man vergleiche jetzt auch Greule 2014); durch Hinweise auf die entsprechende Literatur können diese auch durch die Reihe Hydronymia Germaniae ermittelt werden.
Versucht man nun, die Streuungen altgermanischer Namen kartographisch darzustellen, so ist nach meiner Meinung der entscheidende Punkt darin zu sehen, dass es gelingen muss, sowohl für die nach Westen ausgreifenden Namenstypen (etwa Bildungen mit den Suffixen -ithi, -st- und mit den Appellativen hor, mar-, Riede, Hude, (h)lar u.a.m.) wie auch für die den kontinentalgermanischen Raum mit Skandinavien verbindenden Suffixe und Wörter eine gemeinsame geographische Basis zu finden. Ich habe diese zu beschreiben versucht (Udolph
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KARTE 30. Ertragsmesszahlen der Böden in Niedersachsen
1994: 925ff.) und füge dem heute eine Kartierung bei, die ungefähr dasjenige Gebiet umreißt, das ich auf Grund der geographischen Namen als Heimat und Expansionsraum altgermanischer Sprecher ansehen muss (Karte 29).
Es ist mir bewusst, dass diese Kartierung Kritik herausfordert. Ich möchte aber nochmals betonen, dass die Gewässer- und Ortsnamen durchaus für diesen Raum sprechen. Und es gibt – wie schon oben bei der Diskussion um das Slavische angesprochen – ein weiteres, wichtiges Argument, das von Historikern und Agrarwissenschaftlern durchaus immer wieder herangezogen wird: ich meine die Bodengüte, die Bodenarten. Kartierungen, z.B. der Bodenarten in Niedersachsen, zeigen nämlich eine fast komplette Deckung der besten Böden mit den oben angesprochenen altertümlichen germanischen Namen und deren Verbreitung. Ich habe dazu eine Karte Niedersachsens ausgewählt, die
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KARTEN 31, 32. Verbreitung der -ithi-Ortsnamen und der Ertragsmesszahlen der Böden in Niedersachsen
die Ertragsmesszahlen des Landes zeigen – die besten Böden erscheinen in dunklen Färbungen (Karte 30)22.
In der Quelle, aus der diese Kartierung stammt, heißt es noch erläuternd: „Nur an der Küste und südlich des Mittellandkanals überwiegen gute Böden. Im Sandmeer von Geest und Heide schwimmen ein paar ‘Fettaugen’ mit guten, lehmigen Böden, wie wenige Fettaugen auf einer kargen Suppe (Uelzen; Lüchow; Weser-, Leine-, Allertal; Artland; Hoya-Syke-Goldenstedt)“23.
Die Übereinstimmung zwischen Bodenqualität und altertümlichen Ortsnamen macht die folgende vergleichende Kartierung, die sowohl die Verbreitung der -ithi-Ortsnamen in Niedersachsen wie die Ertragsmesszahlen der Böden Niedersachsens zeigt, besonders deutlich (Karten 31, 32).
Wir können daher dieselben Schlussfolgerungen wie schon bei der Diskussion um die slavische Heimat ziehen: es ist klar erkennbar, dass sich die Verbreitung der besten Böden Mittel- und Norddeutschlands mit den altgermanischen Gewässer- und Ortsnamen übereinstimmt. Es ist bekannt, dass die Börden (Soester Börde, Calenberger Lössbörde, Hildesheimer Börde, Magdeburger Börde) im norddeutschen Altmoränengebiet am Rande der Mittelgebirge Schwarzerdeböden besitzen, die zu den besten Böden Deutschlands gehören. Jeder Landwirt weiß, was es bedeutet, wenn von 80 und mehr Bodenpunkten
22 Entnommen aus: http://www.nls.niedersachsen.de/Tabellen/Landwirtschaft/internetseite2002/hochschulen.pdf.
23 S. Anm. 27.
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gesprochen wird. Wie ich oben bei der Diskussion um das Slavische schon angeführt habe, führt ein guter Boden im Allgemeinen zu guten und besseren Ernten als schlechtere Böden. Die Folge ist eine geringere Kindersterblichkeit und eine höhere Lebenserwartung. Die Bevölkerung nimmt zu, was wiederum zu einer gewissen Überbevölkerung, Abwanderung und Ausbreitung der Sprache der Sprecher dieser Region führt. Aufsehenerregende Funde wie die in der Lichtensteinhöhle bei Osterode und die Erkenntnis, dass die dort vor 3.000 Jahren lebenden Menschen noch heute Nachkommen in diesem Raum haben (nachgewiesen durch DNA-Analysen; aufgegriffen und aus onomastischer Sicht behandelt und ergänzt von Udolph 2009), zeigen, dass von einer Siedlungskontinuität im Umkreis des Harzes mit Sicherheit ausgegangen werden kann.
3. DAS KELTISCHE
Aus Zusammenfassungen über den Stand der keltischen Ortsnamenkunde lässt sich entnehmen, dass man sich darüber einig ist, dass das Inselkeltische durch Übersiedlung vom Kontinent entstanden ist24. Die Ursprünge sind also im mittleren oder westlichen Europa zu suchen. Für die festlandkeltischen Gewässernamen sind die Untersuchungen von Pierre-Henry Billy (1993), Xavier Delamarre (2003), Alexander Falileyev (2006/7), Ranko Matasović (2009) und Patrick Sims-Williams (2006) von besonderem Wert. Die folgende Karte basiert vor allem auf archäologischen Forschungen, entspricht aber in hohem Maße auch den Annahmen der Sprachwissenschaft.
Den entscheidenden Schritt aber machte – das ist meine Überzeugung – Peter Busse (2007) in einem kleinen Beitrag einer Keltologen-Tagung, wobei diese Gedanken nur erste Ansatzpunkte eines größeren Projektes sind. Er betont mit Recht, dass die Bearbeitung der Hydronyme zwingend notwendig ist, da diese „im Hinblick auf die Frage keltischsprachiger Besiedlung bis jetzt nicht eingelöst wurde“ (Busse 2007: 89), denn im Gegensatz zu Untersuchungen indogermanischer, slavischer und germanischer Gewässernamen wurden im Keltischen so gut wie keine Studien auf diesem Gebiet unternommen. Fast alle Forscher nach seiner Auffassung, dieses Thema zu umgehen.
Mit Recht fragt P. Busse danach, ob bei der Frage nach einer „Keltizität“ von Siedlern archäologische Argumente eine Rolle spielen können oder sollen. Als Hauptvertreter eines „Keltoskeptizismus“ nennt er Simon James (1999)
24 Zum Folgenden vgl. ausführlich Udolph 2009/2011.
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KARTE 33. Wanderungen, Landnahmen und Einfluss der Kelten bis ins 1. vorchristliche Jahrhunderte25
und John Collis (2003), „wobei letzterer ernstzunehmende Einwände gegen die Identifikation von archäologischer Evidenz und ethnischer Zuordnung liefert“. Dieses deckt sich in hohem Maße mit der modernen Forschung in Deutschland, wobei vor allem auf S. Brather (2004) zu verweisen ist.
P. Busse zieht daraus den einzig vernünftigen Schluss: Wenn man aus sprachwissenschaftlicher Sicht nach Kelten sucht, dann kann dieses nur mit sprachlichen Argumenten geschehen. Aber wenn man das tut, dann muss man – und das ist absolut zwingend – die geographischen Namen nicht nur einbeziehen, sondern ihnen einen ganz hohen Stellenwert zubilligen. Unter diesen kommt den Gewässernamen besondere Bedeutung zu.
Für die Frage nach den ältesten Wohnsitzen keltischer Sprecher ist nach seiner Ansicht nach etwas wichtig geworden, das anhand des Slavischen und Germanischen schon versucht worden ist: da die Entfaltung einer indogermanischen Sprachfamilie aus einem indogermanisch-voreinzelsprachlichen
25 Aus: http://www.timediver.de/Keltenwelt_am_Glauberg.html (Zugriff: 9.6.2017).
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Dialektgebiet ein langer Prozess gewesen ist – man muss mit Sicherheit mit Jahrhunderten rechnen – so sind in diesem Gebiet nicht nur Gewässernamen einer Einzelsprache, etwa Keltisch, Baltisch, Germanisch, sondern auch indogermanisch-voreinzelsprachliche Relikte zu erwarten. Die Entfaltung muss sich in den Hydronymen widerspiegeln, oder, anders gesagt, ein Gebiet, in dem es nur einzelsprachliche, etwa nur keltische Namen gibt, kann nicht das Gebiet der keltischen Urheimat sein.
Busses Projekt, das er nur in Grundzügen bietet, „beabsichtigt, unter Verwendung und Bündelung der Ergebnisse bisheriger Untersuchungen und Projekte zum Thema ‘Keltizität’ [...] eine Antwort auf die Frage zu finden, inwiefern die Hydronymie ein aussagekräftiges Bild über die frühe Besiedlungsgeschichte keltischsprachiger Bevölkerungsgruppen zulässt“ (Busse 2007: 91f.). Dabei geht es, H. Krahe folgend und völlig richtig, in erster Linie um Gewässernamen, denen Wörter für „Wasser, Fluss, fließen“ usw. zugrunde liegen. Unter Berücksichtigung von Studien aus dem germanischen, baltischen und slavischen Bereich entwickelt er folgende Kernfragen:
• Ist ein Gebiet einer „keltischen Hydronymie“ identifizierbar, das als Nukleus einer keltischen Expansion, also als Urheimat gelten kann?
• Inwiefern deckt sich dieser Nukleus mit der Ausdehnung der Hallstatt- bzw. La Tène-Kultur?
Um darauf Antworten zu finden, behandelt er zum einen Gewässernamen, die auf keltischem Gebiet liegen, aber vorkeltischer Herkunft sind, zum anderen keltische Namen. Einbezogen werden u.a. Ainos, Aenus, Dubis fl./Doubs, Douglas und Verwandtes, Devy/Devon, Devoke Water, altirisch dobur mit nfrz. Douvre (1128 Dobra), Douvres (ca. 380 Dubris), Verdouble a. 79 Verno-dubrum usw.; span. Dobra u.a.m., dt. Tauber, engl. Dover; die Sippe um Glanis, Glanum, Glanon, Glan, Glene, Glane; bava < *gweh₃w- ‘Fango’, vgl. kymr. baw ‘Schmutz, Dreck’; borṃ-/borw-/borb- <*bher- ‘aufwallen, wallen, gären, kochen’ in Borbro (Bourbre), Borvo(n) ‘Quellgott’, Formio, in Frankreich Bormane (Ain), Bourbonne (Aube), La Bourbre (Isere) u.v.a.; brig- < *bhrgh- zu *bh̉eregh- ‘hoch, erhaben’, vielleicht in der Bedeutung ‘Oberlauf’ in Brigia (Braye = Loir), Brigulos (Saône → Rhône) u.v.a.m.; esk-/isk- <*peisk-, mittellir. esc ‘Wasser’ mit Esca/Escia/Hisca (Isch → Saar) u.a.; fruta- <*s(w)rutu-, cf. kymrisch ffr-wd, irisch sruth ‘Sturzbach’, in Frudis, Fluss in Belgica u.a.m.
In der Schlussfolgerung werden die Ergebnisse unter Einbeziehung einer Verbreitungskarte zusammen gefasst: „Als erstes vorläufiges Ergebnis lässt sich unter Einbeziehung des Kartenmaterials folgendes festhalten: Die keltische Hydronymie verteilt sich auf einen Raum, der sich am nördlichen Alpenraum entlang der Donau, des Ober und Mittellaufes des Rheines und der Rhône erstreckt, unter Einbeziehung der Nebenflüsse. Das Ausgangsgebiet der
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Hallstattkultur ist nicht mit diesem Gebiet deckungsgleich, allerdings sind die wichtigsten Westhallstatt- und frühen La Tène-Funde in diesem Gebiet zu finden“ (Busse 2007: 97). Nur am Rand vermerke ich hier, dass bereits der polnische Indogermanist Jan Rozwadowski (z.T. abgedruckt in Rozwadowski 1948) in seinen Forschungen, die bis in die ersten Jahre des 20. Jhs. zurück gehen, auffallende Übereinstimmungen zwischen den Gewässernamen des Baltikums und des Rhône-Gebiets wie etwa Visentia, Saane, Brenne, Divonne, Isara, Drome, Ivarus u.a. festgestellt hat.
Dieses hat sich inzwischen noch weiter festigen lassen. So sind wichtige Namenparallelen in Frankreich (W.P. Schmid 2004) und im Gebiet der Mosel ermittelt worden (W.P. Schmid 1988), und eindeutige Übereinstimmungen zwischen alteuropäischen Gewässernamen im Polen bzw. dem Baltikum und den Britischen Inseln, Nord- und Südfrankreich haben gezeigt (Udolph 1990, zusammenfassend 332ff.), dass fast der gesamte keltische Siedlungsraum (weniger sicher: die Iberische Halbinsel) ein Substrat voreinzelsprachlicher indogermanischer Gewässernamen enthält.
Versucht man, die bisherigen Untersuchungen zu den Gewässernamen Europas und den Versuch von P. Busse zum Keltischen gegeneinander abzuwägen, so lassen sich meines Erachtens die folgenden gemeinsamen Punkte herausarbeiten:
Die Gewässernamen sind die ältesten Zeugen menschlicher Sprache in Europa. Ihre Untersuchung ist für Fragen der Ur- und Frühgeschichte unerlässlich.
Im Bereich der ehemals keltischen Besiedlung auf dem Festland (vor allem in Norditalien, Frankreich und Teilen der Schweiz) fehlt es an umfassenden Untersuchungen der Hydronymie.
Archäologische Ergebnisse können – leider – nur bedingt für die Frage nach der ethnischen Gliederung des frühen Europa herangezogen werden (Brather 2004).
Da die Gewässernamen im Wesentlichen aus sogenannten „Wasserwörtern“ gewonnen werden, ist eine umfassende Untersuchung der geographischen Terminologie aller keltischer Sprachen ein dringendes Desiderat (das gilt übrigens auch für den Bereich der germanischen Sprachen, während es im Slavischen vorbildliche, sogar auf die Gewässerbezeichnungen beschränkte Studien gibt).
P. Busse hat in einer Kartierung diejenigen Gewässernamen einzutragen, die für eine Bestimmung der ältesten Siedlungsgebiete keltischer Stämme seiner Ansicht nach von Bedeutung sind.
Basierend auf der Untersuchung von P. Busse und in Anlehnung an entsprechende Forschungen auf dem Gebiet des Germanischen und des Slavischen
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KARTE 34. Kartierung alteuropäischer und keltischer Namen26
darf man sagen: Es spricht sehr viel dafür, dass die Herausbildung des Keltischen dort geschehen ist, wo wir eine gewisse „Verdickung“, eine erhöhte Konzentration alteuropäischer Gewässernamen beobachten können. Von entscheidender Bedeutung ist dabei die Existenz von Parallelen im Baltikum und den dort angrenzenden Regionen, auf die bereits J. Rozwadowski (1948) hingewiesen hat. Somit gilt auch für die Frage nach den urkeltischen Wohnsitzen ein Wort, das schon für Fragen nach der Heimat der germanischen Stämme eine Rolle gespielt hat: Ex oriente lux27. Dieses einbezogen spricht bereits jetzt viel – und man darf P. Busse im Wesentlichen folgen – für den Raum westlich der Alpen. Die Forschung in den ehemals von Kelten besiedelten Ländern täte gut daran, sich intensiver als bisher den Gewässernamen zuzuwenden.
26 Aus Busse 2007: 97.
27 Udolph 1981; Udolph 1985.
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4. DAS BALTISCHE AUS NAMENKUNDLICHER SICHT
Von Sprachwissenschaftlern und Namenforschern wird immer wieder die Kontinuität in der Besiedlungsgeschichte des Baltischen betont. Größere Wanderungsbewegungen lassen sich kaum erkennen, dagegen jedoch ein Prozess, der eine erhebliche Verkleinerung des ehemals baltischen Siedlungsgebietes erkennen lässt (eine auf den Publikationen von M. Gimbutas beruhende, im Einzelnen zu korrigierende Karte bietet W.P. Schmid (Karte 35).
KARTE 35. Verbreitung baltischer Gewässernamen28
Im Wesentlichen sind es slavische Stämme, die das Baltische von Osten, Süden und Südwesten aus assimiliert haben, deutlich erkennbar in Teilen Nordwestrusslands, in Weißrussland und in Nordostpolen. Aus hydronymischer Sicht ist dabei eine Verbreitungskarte von Gewässernamen interessant, die nach Meinung von J. Rozwadowski (1948) als „slavisch“ bezeichnet werden
28 Schmid 1976: 15 nach Gimbutas 1963: 30f.
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KARTE 36. Von J. Rozwadowski (1948) behandelte „slavische Gewässernamen“
können (Karte 36). Es handelt sich dabei aber keineswegs um slavische, sondern um voreinzelsprachliche, indogermanische Gewässernamen. Das machen schon die Überschriften einzelner Abschnitte seiner Studien deutlich, so etwa „dreu- (Drwęca, Drawa [...])“, „Isa“, „Isana“, „Isara“, „Oła i jej grupa: pierwiastek el-“ deutlich, die z.T. fast identisch mit den viel späteren Untersuchungen von H. Krahe sind und in großen Teilen mit Krahes Untersuchungen und Ergebnissen übereinstimmen. In Westeuropa blieben sie vollkommen unbeachtet.
Ähnliches zeigt in Ansätzen auch eine Karte aus einer neueren Publikation (Karte 37), denn auf dieser ist eine deutliche Zunahme vorslavischer Gewässernamen in den an das ehemals baltische Siedlungsgebiet im Nordosten Polens angrenzenden Territorien deutlich zu erkennen, die sich zweifellos in den angrenzenden baltischen Siedlungsgebieten fortsetzt.
Inzwischen hat sich weiterhin gezeigt, dass die von J. Rozwadowski für slavisch gehaltenen Gewässernamen anders interpretiert werden müssen: zu einem geringen Teil gehören sie zum baltischen Substrat in Russland, Weißrussland,
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KARTE 37. Älteste Gewässernamen in Polen nach Z. Babik29
der nördlichen Ukraine und in Nordostpolen, zum weitaus größeren Teil aber zu dem Bestand der seit H. Krahe so bezeichneten Alteuropäischen Hydronymie, einem Netz von Gewässernamen, das voreinzelsprachlicher, indogermanischer Herkunft ist (Krahe 1949–1965, 1964; Schmid 1994; Udolph 1990).29
Und noch eine weitere, wichtige neue Erkenntnis konnte gewonnen werden: Innerhalb der alteuropäischen, voreinzelsprachlichen, indogermanischen Gewässernamen in Europa besitzt das Baltische eine Sonderstellung, die W.P. Schmid (1994: 175–192, 226–247) herausgearbeitet hat. Die Hydronymie im ehemals und jetzigen baltischen Siedlungsgebiet zeichnet sich zum einen durch eine große Dichte voreinzelsprachlicher Namen aus, zum anderen ist
29 Babik 2001: 92.
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KARTE 38. Baltisches Zentrum in der Hydronymie30
eine Stetigkeit und Kontinuität in der Bildung der Gewässernamen von frühester indogermanischer Zeit bis in die einzelsprachliche baltische Periode erkennbar und schließlich gibt es innerhalb der Alteuropäischen Hydronymie nur im Baltikum Gewässernamen, die Entsprechungen in vielen europäischen Regionen haben. Beispiele sind etwa Atešys, Atesė, Gewässernamen in Litauen: Etsch/Adige (in der Antike überliefert als Atesis, Athesis), Eisa : Aisė, Limena : Limenė in Litauen u.a.m., Kartierung s. Karte 38.
Ich habe Ähnliches auch bei der Untersuchung der vorslavischen Namen in Polen feststellen können (Udolph 1990, zusammenfassend: 331ff.). Auf dieser Studie, speziell auf den Zusammenstellungen der Namenentsprechungen zwischen Polen und verschiedenen Regionen in Europa (z.B. Britische Inseln, Westeuropa, Norditalien usw., S. 332–338) basiert eine Kartierung, die ich hier vorlege (Karte 39).
Das alles sind keine Zufälle. Der baltische Namenschatz zeigt, wie ältere und auch jüngere Studien deutlich gemacht haben, Entsprechungen in einem Kranz
30 Nach Schmid 1994: 184f.
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KARTE 39. Namenentsprechungen zwischen Gewässernamen Polens und europäischen Parallelen31
von Regionen, der von den Britischen Inseln, Frankreich, die Iberische Halbinsel, Italien, Schweiz und Österreich, dem Balkan bis nach Osteuropa reicht. In jüngster Zeit sind diese Gemeinsamkeiten vor allem mit dem Germanischen verstärkt ermittelt worden, aber es gibt auch Gemeinsamkeiten zwischen mehreren indogermanischen Sprachen, so vor allem zwischen dem Baltischen, Germanischen und Slavischen.
5. ÜBERGREIFENDE GEMEINSAMKEITEN IM NAMENBESTAND ZWEIER ODER MEHRERER EINZELSPRACHEN
Wie sich in den letzten Jahren immer deutlicher abgezeichnet hat, sind die drei indogermanischen Sprachgruppen Baltisch, Germanisch und Slavisch untereinander im Namenbestand unterschiedlich eng miteinander verbunden. Es handelt sich dabei zum einen um alteuropäisch-indogermanische Relikte, die
31 Das Material steht bei Udolph 1990: 332–338.
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sich innerhalb der Alteuropäischen Hydronymie durch Besonderheiten (Morphologie, Wortschatz) abheben, zum andern um Übereinstimmungen zwischen zwei der drei Sprachzweigen. Ich biete das Material im Folgenden in aller Kürze und verweise besonders auf die bei den einzelnen Abschnitten genannte Literatur.
a) Slavisch-Germanisch
Für diesen Bereich habe ich versucht, den Stand der Forschung vor einigen Jahren zu umreißen (Udolph 2005a). Aus sprachlicher Sicht lassen sich Übereinstimmungen auch im Namenbestand nachweisen, erste überzeugende Versuche hat M. Vasmer vorgelegt. In den Beziehungen zwischen germanischen und slavischen Sprachen sind zwei Perioden zu unterscheiden: 1) In einer jüngeren Phase kommt es etwa seit dem 2. Jh. n. Chr. zu intensiveren Berührungen, die vor allem durch die Expansion germanischer Stämme im östl. Mitteleuropa ausgelöst wurden. 2) Die Phase germanischer Expansion wird etwa seit dem 5. Jh. abgelöst durch slavische Siedlungsbewegungen, die ein ursprünglich von germanischen Stämmen besiedeltes Gebiet in Besitz nehmen.
Erst in den letzten Jahren hat die Forschung bei Ortsnamen im altgermanischen Siedlungsgebiet Spuren eines weitaus älteren Kontaktes ermittelt, die in die Zeit der Entfaltung der germanischen und slavischen Sprachen aus einem indogermanischen Dialektgebietes reichen. Es geht um die auffällige Erscheinung, dass sich offensichtlich germanisch gebildete Namen nur mit Hilfe von slavischen Wörtern etymologisieren lassen (die folgenden Beispiele stehen bei Kirstin Casemir 2003 u.a.), genannt seien hier Empelde bei Hannover, alt Amplithi, vgl. slav. *obl- in polab. wûmbal ‘Brunnen’, bulg. vumbel, vubel, vubel’, vôbel, ubel ‘Brunnen oder Quelle in einem Tal’ u.ä.; Hude ‘Holzlagerplatz, Stapelplatz an einer Wasserverbindung, Fährstelle, Hafen’, in zahlreichen Ortsnamen Norddeutschlands belegt, wohl nordseegerm. *hūth- und älteres *hunþ-, das dazu im Ablaut stehende slaw. Wort *kǫtъ in russ. kut ‘Ende eines tief in das Land hineinreichenden Flußarms’ usw.; Ilfeld, Ilten, Ilde, Ilsede gehen auf *Il-feld, *Il-tun, *Il-ithi, *Il-is-ithi zurück, auffallend ist der salzhaltige Boden bei Ilten und Ilsede. Eine germ. Deutung fehlt. Es bietet sich zwanglos slaw. il ‘Lehm, Schlamm’ an, z.B. weißruss. il ‘dünner Schmutz organischer Herkunft im Wasser, auf dem Boden eines Wasserloches, sumpfiges, graues oder weißfarbiges Land’, verwandt mit altgriech. ἰλύς ‘Schlamm, Kot’.
Mit diesem toponymischen Material stößt man in eine Frühzeit sprachlicher Kontakte, die belegen, daß sich das Germanische in relativer Nachbarschaft nicht nur zum baltischen, sondern auch zum slavischen Sprachgebiet aus einem indogermanischen Dialektkontinuum entfaltet haben muss.
Diese Beobachtungen zwingen auch dazu, bei der Herausbildung des Germanischen
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in den Beziehungen des Germanischen zum Slavischen (und Baltischen) ältere und frühere Beziehungen als mit dem Keltischen zu sehen. Diese Tatsache wird auch noch heute vielfach nicht beachtet. Aus namenkundlicher Sicht gibt es keine Gemeinsamkeiten zwischen dem Germanischen und dem Keltischen.
b) Slavisch–Baltisch
Die engen Beziehungen zwischen dem Slavischen und dem Baltischen sind seit mehr als einem Jahrhundert Gegenstand heftiger und kontroverser Debatten (eine der letzten Zusammenfassungen der Diskussionen bietet Pietro U. Dini (2005). Nur wenig Beachtung fand aber bisher die eindeutige Tatsache, dass es im Bereich der Hydronymie und Toponymie – anders als im Wortschatz – kaum alte Übereinstimmungen oder Kontakte gegeben hat. Das Baltische ist als deutliches Zentrum der Alteuropäischen Hydronymie in ganz anderer Weise als das Slavische in das Netz der indogermanischen Gewässernamen eingebunden, die Verhältnisse sind kaum vergleichbar. Aus onomastischer Sicht besitzt das Baltische viel engere alte Beziehungen zum Germanischen als zum Slavischen.
c) Baltisch–Germanisch
Die Erkenntnis, dass zwischen diesen beiden Sprachzweigen besonders enge Beziehungen bestanden haben müssen, ist keineswegs neu. Schon 1863 betonte Ernst Förstemann (1863: 258, 331 ): „Kein Sprachgebiet ist uns, wenn wir unsere alte Sprach- und Volksgeschichte reconstruiren wollen, von grösserer Bedeutung, als das der sogenannten baltischen Sprachen, die [...] dem Germanischen besonders nahe stehn [...].“ „[...] weil in der Tat das Litauische unter allen Sprachen genealogisch der nächste Verwandte des Germanischen ist“. Eine zusammenfassende Auswertung mit Einschluss der Forschungsgeschichte steht bei Udolph 2000, 2005a, ferner ist zu verweisen auf Casemir, Udolph 2006; Schmid 1994: 334–357; Udolph 1999a; Udolph 2011b; Udolph 2015a.
Von besonderer Bedeutung sind dabei Orts- und Gewässernamen in Nord- und Mitteldeutschland, die aus dem germanischen Wortschatz heraus nicht erklärt werden können, sondern nur mit Hilfe des Baltischen gelöst werden können. Ich erwähne hier nur in aller Kürze Ihme, Gewässername in Hannover, nach 1124 in occidentali ripa Himene fluminis, 1351 supra aquam dictam Ymene usw., < *Eimena, vgl. balt. GN. Eimūnis, Ejmenis (Varianten Eymenis, Eimenys) und lit. eimenà, -õs, eimenas ‘das Fließ, der Bach’.
Als eine der wichtigsten Konsequenzen ergibt sich aus diesen auffallenden Gleichungen, dass sich das Germanische in relativer Nähe zum Baltischen entwickelt haben muss (W.P. Schmid).
d) Baltisch–Slavisch–Germanisch
Die nähere Verwandtschaft des Baltischen, Slavischen und Germanischen innerhalb der indogermanischen Sprachen ist seit Jahrzehnten diskutiert
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worden (dazu zuletzt: Dini 2005). Ich beschränke mich in den folgenden Ausführungen auf die Welt der Namen und referiere in aller Kürze Beobachtungen und Erkenntnisse, die ich an anderer Stelle schon mehrfach näher diskutiert habe (Udolph 2005, 2011b, 2015).
Es gibt Appellativa, die nur in den drei Sprachkreisen nachgewiesen werden können, manchmal auch nur in einer oder zwei dieser Sprachgruppen. Aber davon abgeleitete Namen finden sich auch außerhalb des entsprechenden Sprachkreises und markieren – besser als Appellativa – denjenigen Bereich in Europa, in dem sich das Baltische, Slavische und Germanische aus einem indogermanischen Dialektgebiet herausgebildet haben. Die meiner Meinung nach überzeugendsten Beispiele sind die Folgenden.
Balge und Verwandtes: niederdeutsch balge, balje ‘niedriger, sumpfiger Ort, Wasserlauf’, balge ‘Priel, kleiner Graben, Rinnsal im Watt’ usw., als Name u.a. bezeugt in Balg, 1288 du dru Balge; 1166 Balga; Balge, um 1080 Balga, usw., z.T. auch mit Suffixen davon abgeleitet: 1375 Balghede < *Balg-ithi. Spuren finden sich auch in den Niederlanden, Holland und England. Damit verwandt sind osteuropäische Orts- und Gewässernamen wie Bloga, Nfl. d. Pilica, mit ON. Blogie Stare, Szlacheckie; Blogie, Sumpf im ehem. Kreis Radom; slovak. Flussname Blh, ungar. Balog, 1244/1410 Balogh usw.; Balge, ON. und Name eines Teils des Frischen Haffs (aus dem Deutschen?); Balga, FIN. in Lettland, dort auch ON. Piebalga; Bologoe, Orts- und Seenamen in Nordwestrußland, auch im schlesischen Gewässernamen Osobloga/ Osoblaha/ Hottzenplotz.
*dhelbh- in poln. dłubać ‘höhlen, meißeln’, čech. dlub ‘Vertiefung’, ahd. bi-tel-ban ‘begraben’, ae. (ge)delf ‘Steinbruch’, ndl. delf, dilf ‘Schlucht, Graben, Gracht’, lit. délba, dálba ‘Brechtstange’ ist in zahlreichen Namen in Nord- und Mitteleuropa bezeugt, u.a. in Delf, 1328 in loco Delf nominato; 1238 locum qui Delue dicitur; Delfen; Delft, Delft heide; Delvenau, Anf. 9. Jh. Delbende (Ortsname); Thulba (Schwundstufe), 9. Jh. Tulba(m), Dulba; Delft, 1083 Delf, in Osteuropa: Delbenen, Dílbas, Dílbi, Dílbene pl., Dłubnia, Dłubina, Dłubała, *Dolobsk- u.a.m.
Die Verbreitungskarte der von *dhelbh- abgeleiteten Namen (Karte 40) entspricht in der Streuung der Namen der von weiteren baltisch-slavisch-germanischen Parallelen.
Ein weiterer, wichtiger Fall liegt in Ortsnamen vor, die im germanischen Altsiedelgebiet liegen, aber nur mit Hilfe von baltischen und slavischen Appellativen geklärt werden können. Hier sind vor allem die folgenden Ortsnamen zu nennen: Ilfeld, ON. nördl. Nordhausen, 1154 Ilevelt; Ilde bei Bockenem (Kr. Hildesheim), 1065 ad villam Illidi (*Il-ithi); Ilsede bei Peine, 1053 Ilisede, < *Il-is-ithi; Miele bei Hermannsburg, 14. Jh. Yle, 1378–79 van deme Yle; Ilten bei Hannover, (1225–1247) usw. Ilthene, *Il-tūnā.
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KARTE 40. Orts- und Gewässernamen, die auf *dhelbh- beruhen
Die einzige überzeugende Erklärung findet sich im Slavischen und Baltischen: altruss., altpoln. ilb ‘Lehm, Schlamm’, ukrain. il ‘Schlamm, Letten, Ton, Lehm’, weißruss. il ‘dünner Schmutz organischer Herkunft im Wasser, auf dem Boden eines Wasserloches, sumpfiges, graues oder weißfarbiges Land’, russ. il ‘Schlamm’ usw., vielleicht verwandt mit lett. īls ‘stockfinster’, sicher aber mit altgriech. ἰλύς ‘Schlamm, Kot’, εἰλύς · μελαν (Hesych).
Dabei ist auffällig, das bei fast allen niedersächsischen Namen Salzvorkommen, z.T. in bis an die Oberfläche reichenden Salzstöcken, nachgewiesen werden kann.
Somit lässt sich durch die Namen und ihre Verbreitung nachweisen, dass das in der Hydronymie erkennbare vorgermanische, aber indogermanische Substrat eng mit der baltischen Gewässernamenlandschaft verbunden ist, eine Erscheinung, die wir auch schon im Falle des Slavischen beobachten konnten. Wenn man eine Datierung wagen darf: die erste Lautverschiebung und weitere Prozesse, die aus einem indogermanischen Dialekt die Grundlagen für das Germanische geschaffen haben, können in die Zeit um 500 v. Chr. datiert werden. Im Zentrum der Germania anzutreffende Namen, die mit dem Slavischen und vor allem mit dem Baltischen enge Verbindungen aufweisen, müssen davor zurück
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gesetzt werden. Da diese aber wiederum alteuropäische, voreinzelsprachliche Gewässernamen überlagert haben, kann von einer Kontinuität bis mindestens 1.000 v. Chr. ausgegangen werden.
Es ist ein Glücksfall für die Wissenschaft, dass sich diese hypothetischen Ansätze offenbar bestätigen lassen. Die Funde in der Lichtensteinhöhle bei Osterode am Harz, die DNA-Analysen an den 3.000 Jahre alten Skeletten und an heutigen Bewohnern der Umgebung haben gezeigt, dass von einer Kontinuität der Besiedlung seit 1.000 v. Chr. ausgegangen werden darf. Durch die Untersuchung der Familien- und geographischen Namen, vor allem der Gewässernamen Sieber, Oder, Rhume und Söse, konnte wahrscheinlich gemacht werden (Udolph 2009), dass diese Annahme auch aus onomastischer Sicht bestätigt werden kann. Der Westharzrand kann somit aus genetischer und onomastischer Sicht als Teil des germanischen Altsiedellandes angesprochen werden.
Die Alteuropäische Hydronymie und die Heimat der Indogermanen
Die vor allem von H. Krahe betriebenen Forschungen zu den Gewässernamen Europas und deren Einordnung in die bis dahin angestellten Überlegungen zu der Vorgeschichte der indogermanischen Sprachen hat W.P. Schmid einer strengen Kritik unterzogen und hat entscheidend zu strengeren Kriterien bei der Frage, wie ein Gewässername beschaffen sein muss, damit man ihm das Prädikat „alteuropäisch“ verleihen kann, beigetragen. Seit dem gelten die folgenden Bedingungen:
1) Es handelt sich um einen Gewässernamen.
2) Der Name kann aus derjenigen Sprache, die heute am Ufer gesprochen wird, nicht erklärt werden.
3) Er enthält ein Lexem mit einer indogermanischen Wurzelstruktur und der Bedeutung ‘Wasser, fließen o.ä’.
4) Er muss aus der Gesamtheit des indogermanischen Wortschatzes und seiner Morphologie, zumeist gebildet mit altertümlichen Suffixen, erklärt werden (Anpassungen an einzelsprachliche Struktur- und Wortelemente sind zu erwarten).
5) Er wird dann als „alteuropäisch“ bezeichnet, wenn er in Europa mindestens einen altertümlichen wurzel- und strukturverwandten Namen als Entsprechung hat.
6) Die Namen zeigen die Struktur indogermanischer Substantiva, Adjektiva und Partizipien, d.h., sie sind stets von der Wurzel, nicht von einem Wort, abgeleitet.
7) Die Alteuropäische Hydronymie setzt die Einheit aller indogermanischer Sprachen voraus (das beweisen u.a. ostindogermanische Appellativa in europäischen Gewässernamen)
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Aus diesen Überlegungen heraus ergibt sich, dass an einer Schicht oder einem Netz voreinzelsprachlicher, indogermanischer Gewässernamen in Europa nicht gezweifelt werden kann. Die immer wieder aufflammende Kritik entzündet sich zumeist an einzelnen Namen, beschädigt aber das Faktum als solches in keiner Weise. Wer das Konzept der Alteuropäischen Hydronymie attackieren oder sogar ablehnen möchte (die in letzter Zeit erschienenen zahlreichen Beiträge von Harald Bichlmeier mit ihrer heftigen Kritik ändern nichts an den oben genannten Grundsätzen), muss allerdings in einem Punkt überzeugen: er muss das Material kennen, das die Grundlage für die Überlegungen von H. Krahe, W.P. Schmid und von mir bildet. Das ist bei keinem einzigen der Kritiker der Fall.
Das gilt für fast alle bisher vorgebrachten Argumente und auch für einige neuere, die ich hier in aller Kürze nenne.
• In letzter Zeit beginnt bei der Zuweisung eines Gewässernamens in Deutschland das Keltische unmerklich wieder an Boden zu gewinnen, so etwa auch in dem umfassenden Buch zu den Gewässernamen Mitteleuropas von Albrecht Greule (2014)32. In Anbetracht der Tatsache, dass osteuropäisches Vergleichsmaterial in zu geringem Maße herangezogen wurde und wird, ist Zurückhaltung bei der Zuweisung zum Keltischen geboten.
• Vorindogermanisches lässt sich in weiten Bereichen nicht finden. Das gilt auch für die Versuche von Theo Vennemann, Baskisches bzw. Vaskonisches als vorindogermanisches Stratum nachzuweisen (dazu zuletzt die Beiträge in Udolph 2013).
• Aus ganz anderer Sicht votiert Zbigniew Babik (2001) gegen Alteuropäisches in Osteuropa, speziell in Polen. Er glaubt, dass die Alteuropäische Hydronymie eine ganz Europa umfassende, einheitliche Schicht sei, wozu die polnischen Gewässernamen nicht passen würden. Es gebe entscheidende phonetische, morphologische und flexivische Differenzen. Über die alten Gewässernamen lasse sich in Polen nur sagen, sie seien „alt und europäisch“ (stare i europejskie). Hier wird eine Auffassung vertreten, die Vertreter der Alteuropa-These schon längst überwunden haben: wir wissen, dass sich verschiedene Suffixe, unterschiedliche Ablautstufen und morphologische Besonderheiten in der Hydronymie beobachten lassen, dass es eine „Einheitlichkeit“ im Sinne eines monolithischen Blocks gar nicht gibt.
Um die Heimat der Indogermanen zu finden, ist es zwingend geboten, zunächst einmal die ältesten Siedlungsgebiete der einzelnen indogermanischen
32 Man vergleiche dazu meine ausführliche Rezension in Beiträge zur Namenforschung, Neue Folge 52 (2017), S. 81–105.
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Heimat und Ausbreitung indogermanischer Stämme im Lichte der Namenforschung
KARTE 41. Älteste Siedlungsgebiete (Slavisch, Germanisch, Keltisch, Baltisch) nach Auskunft der Namen
Sprachfamilien zu bestimmen. Es ist meine klare Meinung, dass die Suche nach alten Sitzen indogermanischer Stämme wie bei der (Re-)Konstruktion indogermanistischer Grundlagen von den Einzelsprachen auszugehen ist.
Ich wage es, die bisherigen Ausführungen zu den Heimaten der germanischen, slavischen, baltischen und keltischen Stämme in einer Kartierung zusammenzufassen (Karte 41).
Was können wir zu dem Zeitraum sagen, in dem sich die einzelnen indogermanischen Sprachgruppen aus einer indogermanischen Vorstufe entwickelt haben?
Das Slavische hat sich in einer Zeit ab ca. 500 v. Chr. am Nordhang der Karpaten entwickelt. Ältere Gewässernamen weisen auf engere Zusammenhänge mit dem Germanischen und Baltischen, z.T. auch nur auf das Baltische hin. Diese Namen müssen folglich in eine frühere Zeit datiert werden, etwa 1.000–500 v. Chr.
Das Germanische lässt sich anhand der Namen einem Gebiet nördlich, östlich und auch zu geringem Teil südlich des Harzes zuweisen. Aufgrund der 1. Lautverschiebung und weiterer Prozesse darf seine Entstehung aus einem
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indogermanischen Dialektgebiet etwa in die Zeit um 500 v. Chr. datiert werden. Vorgermanische Namen müssen ein höheres Alter besitzen und sind in eine Zeit von ca. 1.000–500 v. Chr. zu setzen.
Die Entfaltung des Keltischen aus einem indogermanischen Dialekt heraus dürfte im Westalpengebiet erfolgt sein, erste Ansätze können – ich weiß, wie strittig diese Datierungsvorschläge sind – für die Zeit um 1.000 v. Chr. angenommen werden.
Das Baltische hat die geringsten geographischen Verschiebungen durchgemacht, allerdings schrumpfte das ursprüngliche Siedlungsgebiet durch slawische Expansionen beträchtlich. Durch den Vergleich mit Gewässernamen in ganz Europa können wir aber annehmen, dass wir für für die Datierung der vorbaltischen Relikte mindestens bis 500–1.000 v. Chr. zurückgehen müssen.
Fassen wir diese Ergebnisse zusammen, so kommen wir – ich denke, das ist keine Überraschung – auf eine indogermanische geprägte Gewässernamenschicht, die in die Zeit um 1.000 v. Chr. in Mitteleuropa nachgewiesen werden kann und die mit einiger Sicherheit den Osten Frankreichs, Mittel- und Norddeutschland und das östliche Mitteleuropa geprägt hat. Es scheint aber möglich, noch einen Schritt weiter zurückzugehen.
Wir kennen in Europa Namen, die nur unter Zuhilfenahme ostindogermanischer Appellativa (Indisch, Iranisch, Tocharisch) erklärt werden können und die beweisen, dass die Alteuropäische Hydronymie keiner westindogermanischen „Zwischenstufe“ angehört (so zeitlebens vertreten von H. Krahe und oft auch noch heute so aufgefasst). W.P. Schmid (1994: 129ff.) hatte dieses erkannt und anhand von Parallelen wie sindhu–/*sindhnā – Sinn, Shin, Shannon, indu– – Indura, Indus (Baltikum), vār(i)–, vār–, vairi– – Vara, Vaire, Verna, Warme, War-menau, Wörnitz < *Varantia u.a.m., adu – Adda, Oder, Attersee, -gau, dānu– – Don, Donau u.a.m. mit Recht gefolgert: „Die von der alteuropäischen Hydronymie vorausgesetzte einheitliche Gemeinsprache ist nichts anderes als das Indogermanische selbst“ (Schmid 1994: 129). Da die zugrunde liegenden Appellativa u.a. dem Altindischen und Altiranischen bekannt sind, diese aber den europäischen Sprachen fehlen, muss angenommen werden, dass der Wortschatz, aus dem die europäischen Gewässernamen geschaffen wurden, den Schöpfern der indogermanischen Namen noch bekannt gewesen sind. Damit kommen wir bei einigen dieser Namen mit Sicherheit in das 2. vorchristliche Jahrhundert. Der Unsicherheitsfaktor liegt darin, dass wir nicht wissen, wann die einmal lebendigen Wörter und Wurzeln aus den damaligen indogermanischen Dialekten ihre Produktivität aufgegeben haben. Es sei nochmals daran erinnert, dass dieses Verhältnis zwischen ostindogermanischen Wörtern und europäischen Namen seine Parallelen in nordgermanischen Appellativa in kontinentalgermanischen
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Namen und in südslavischen Wörtern, die in Namen nördlich der Karpaten zu finden sind, hat.
Alles zusammengefasst darf daraus gefolgert werden, dass große Teile West-, Mittel- und Osteuropas von einem Netz indogermanischer Gewässernamen bedeckt sind, an denen auch durch die appellativischen Entsprechungen die außer- und südeuropäischen indogermanischen Sprachen Anteil haben. Nicht übersehen darf man dabei, dass die Existenz eines Gewässernamens, der aus indogermanischer Zeit stammt, die ununterbrochene Besiedlung an den Ufern des Gewässers voraussetzt. Siedlungsunterbrechungen führen zu Namenverlust und zu Brüchen, wie wir sie im Süden Russlands und im Südosten der Ukraine beobachten können, wo sogar die größten Ströme dieses Gebietes wie Dnjepr, Dnestr, Südlicher Bug, Don und Wolga ihren Namen wechselten – vor allem im Unterlauf, also im Gebiet der Steppe und Halbsteppe. Die Frage nach den Rändern der Alteuropäischen Hydronymie bleibt offen, jedoch kann eine Beurteilung der indogermanischen Gewässernamen Europas nicht von ihrer Peripherie aus vorgenommen werden (in diese Richtung gehen Überlegungen von Untermann 2009). Die Peripherie kann erst dann bestimmt werden, wenn die Verhältnisse im Zentrum durchschaubar sind.
Für die Frage nach alten Siedlungsgebieten indogermanischer Stämme ergibt sich daraus vor allem, dass diese nur innerhalb des Verbreitungsgebietes der Alteuropäischen Hydronymie gesucht werden kann. Aus der einzelsprachlichen Zeit, die wir hydronymisch und toponymisch besser beurteilen können, kennen wir kein Beispiel, dass sich eine indogermanische Sprachengruppe entfaltet hätte, ohne dass dieser Prozess nicht Spuren in der Namenlandschaft hinterlassen hätte. Das bedeutet für Thesen, die von einer indogermanischen Heimat etwa in Südrussland und der Ukraine (Gimbutas; Kurgan-Kultur) oder im Kaukasus ausgehen, dass Spuren einer von dort ausgehenden Wanderung des indogermanischen Kernvolkes nach Europa oder Kleinasien Spuren in der geographischen Nomenklatur hinterlassen haben müsste. Wie Jeder weiß, ist das nicht der Fall. Vielmehr weise ich erneut auf den sicheren Nachweis von ostindogermanischen Appellativen und Wurzeln in den Gewässernamen Europas hin: ein klarer Beweis dafür, dass die Wurzeln der in Europa und Asien beheimateten indogermanischen Stämme in Europa zu suchen sind. Ich wiederhole: die Nomenklatur Europas spricht dafür, dass die Ausbreitung indogermanischer Stämme von diesem Kontinent ausgegangen ist.
Um diese aus geographischen Namen gewonnenen Thesen sicherer zu machen und die von mir für wahrscheinlich gehaltene Heimat des Germanischen, Keltischen und Slavischen auch aus anderer Richtung zu bestätigen, bietet sich eine Disziplin an, die in der gesamten Diskussion um die indogermanische Heimat bisher nicht die geringste Rolle gespielt hat: ich meine die Bodenforschung.
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KARTE 42. Lössverbreitung in Mitteleuropa33
Ich hatte die Erkenntnisse der Bodenkunde bereits oben bei dem Vergleich zwischen den germanischen -ithi-Namen und den Ertragsmesszahlen Niedersachsens (Karten 29–32) herangezogen. Eine vor zehn Jahren publizierte Verbreitungskarte der Lössböden in Asien und Europa (Haase et al. 2007), die ich oben bei der Frage der Heimat slavischer Stämme schon erwähnt hatte, lässt erkennen, dass sich ein breiter Lössbodengürtel von China bis hin nach Frankreich quer durch Asien und Europa zieht. Wie ist dieser nun in Europa, speziell in dem Gebiet, in dem ich die alten Wohnsitze germanischer, slavischer und keltischer Stämme vermute, verbreitet?33
Dafür nutze ich eine ältere Karte der Lössgebiete in Europa, die aber im Ergebnis mit der neueren von 2007 übereinstimmt. In diese habe ich die nach meiner Ansicht nach ältesten Wohnsitze der germanischen, keltischen und slavischen Sprecher eingetragen (Karte 42).
33 Quelle: http://www.geographie.uni-stuttgart.de/seminare/lehrpfad/Pleistozän/Loessseite.htm.
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Heimat und Ausbreitung indogermanischer Stämme im Lichte der Namenforschung
Deutlich erkennbar sind die Löss-Bereiche des Leipziger Tieflands, der Magdeburger, Hildesheimer und Soester Börder sowie der Goldenen Aue südlich des Harzes. Es ist genau derjenige Bereich, der sich bei einer detaillierten Untersuchung altgermanischer Orts- und Gewässernamen (Udolph 1994) als das Kontinuitätszentrum germanischer Namengebung herauskristallisiert hat. Die Funde in der Lichtensteinhöhle korrespondieren damit.
Ähnliches zeigt die Karte auch für den Grenzbereich Polens und der Ukraine. Auch hier, am Nordhang der Karpaten, decken sich Löss und älteste slavische Siedlungsgebiete in auffallender Weise. Die Bodenforschung stützt somit die namenkundlichen Ergebnisse.
Weniger eindeutig ist der Befund im Westalpenraum, wo wir keltische Altsiedellandschaften vermuten, aber bei der mutmaßlichen Heimat slavischer wie germanischer Stämme ist die Deckung mit guten Böden evident.
Daraus resultieren auch Gedanken zu der Frage, wie eigentlich die gewaltigen Expansionen – in dieser zeitlichen Reihenfolge – von Kelten, Germanen und Slaven zu erklären und zu verstehen sind. Da wir älteste geographische Namen mit guten und besten Böden in Verbindung bringen können, spricht vieles für die folgende These: gute Böden führen bei den vor 2.000–3.000 Jahren lebenden und auf Ackerbau, Viehzucht, Fischfang und Jagd angewiesenen Menschen zu besseren Ernten, minimieren die allgemeine Mortalität und die Kindersterblichkeit und führen zu einem Bevölkerungsüberdruck, der nur durch eine allmähliche Ausbreitung der Siedlungstätigkeit gemindert werden kann. Durch die sich ausweitende Bevölkerung, die eine bestimmte Sprache, z.B. Urslavisch, Urgermanisch, Urkeltisch bzw. entsprechende Dialekte derselben, spricht, wird diese Sprache durch die höhere Bevölkerungszahl auf angrenzende Gebiete mit deren Bewohnern übertragen. Entsprechende Vorgänge sind durch den Vergleich mit bekannten Ausbreitungen und Überlagerungen von Sprachen auf andere leicht zu verstehen, man denke an die deutsche Ostsiedlung mit Überlagerung westslavischer Stämme und deren Sprachen, der Slavisierung finnugrischer Stämme in Rußland und die Besiedlung Amerikas durch europäische Siedler mit deren Sprachen.
Von hier aus wage ich es erneut, die Bedeutung onomastischer Untersuchungen für die Frage nach den ältesten Siedlungsgebieten zu unterstreichen und meine, dass diesem Zweig der Sprachwissenschaft wesentlich mehr Aufmerksamkeit zukommen sollte als bisher geschehen.
Ergebnisse der Untersuchung
1) Es gibt Gewässernamen, die in die Zeit der Entstehung und Entfaltung der indogermanischen Sprachen datiert werden können. Sie liegen in Europa.
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2) Die entscheidenden Prozesse der Entfaltung und Ausbreitung der indogermanischen Sprachen haben sich im Wesentlichen im Bereich der Alteuropäischen Hydronymie abgespielt. Dafür sprechen u.a. ostindogermanische Appellativa in europäischen Gewässernamen. Entsprechende Parallelen im Slavischen und Germanischen sind vorhanden.
3) Eine vorindogermanische Schicht ist in den Namen Mitteleuropas nicht nachzuweisen. Das ist überraschend, haben doch sicher schon Menschen dort gesiedelt, die keine indogermanische Sprache gesprochen haben. Ob dieses mit der Sesshaftigkeit indogermanischer Stämme, etwa im Gegensatz zum Nomaden- oder Halbnomadentum der früheren Bevölkerung zusammen hängt, wage ich nicht zu beurteilen.
4) Die Siedlungen auch indogermanischer Stämme in den letzten Jahrtausenden vor Christus stehen in Verbindung mit guten und besten Böden. Dieses deckt sich – und das ist von erheblicher Bedeutung – mit der Streuung der alten Namen.
5) Die Rekonstruktion indogermanischer Grundformen basiert auf der Kenntnis der bekannten indogermanischen Einzelsprachen. Indogermanische Gewässernamen sind aber auch in den „Lücken“ zwischen den indogermanischen Einzelsprachen bezeugt. Es ist daher zu erwarten, dass es zwischen den Grundformen der Namen und den Grundformen der indogermanischen Rekonstruktion Differenzen gibt.
6) Die alteuropäischen Gewässernamen besitzen ein eindeutiges Zentrum im Baltikum und in den baltischen Sprachen. Es spricht sehr viel dafür, darin nicht nur ein Kontinuitätszentrum (W.P. Schmid), sondern auch ein Ausstrahlungszentrum zu sehen.
7) Die Heimat der germanischen Stämme liegt innerhalb des germanischen Siedlungsgebietes, die Heimat der Slaven innerhalb des slavischen Siedlungsgebietes, die Heimat der Kelten innerhalb des historisch bezeugten keltischen Siedlungsgebietes. Es spricht alles dafür, dass dieses auch im Fall der mutmaßlichen Heimat der indogermanischen Stämme anzunehmen ist. Daraus folgt:
8) Der Ansatz einer Urheimat der indogermanischen Sprachen in Südrussland, Kleinasien oder im Kaukasus ist aus namenkundlicher Sicht entschieden abzulehnen. Die Heimat kann nur innerhalb der Alteuropäischen Hydronymie gesucht werden. Diese ist klar auf Europa begrenzt. Alles zusammen genommen spricht alles für das Baltikum als Heimat und Ausgangsbereich der indogermanischen Expansion.
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Indoeuropiečių genčių tėvynė ir paplitimas vardyno tyrimo šviesoje
SANTRAUKA
Jürgenas Udolphas, remdamasis onomastikos duomenimis, studijoje apibendrina per daugelį metų sukauptus indoeuropiečių genčių ir jų protėvynių tyrimų rezultatus. Jis daro svarbias išvadas, kurioms galima pritarti ar nepritarti, bet nepaisyti jų nederėtų. Autoriaus nuomone, Europoje telkiasi vandenvardžiai, datuotini indoeuropiečių kalbų radimosi ir vystymosi laikotarpiu. Lemtingi indoeuropiečių kalbų vystymosi ir plitimo procesai iš esmės vyko Senosios Europos hidronimijos ribose. Be kitų dalykų, tai rodo ir rytų indoeuropiečių kalbų apeliatyvai, glūdintys Europos vandenvardžiuose. Slavų ir germanų kalbose atitinkamų paralelių nesama. Vidurio Europos vardai nepaliudija pirmykščio indoeuropietiškojo sluoksnio. Tai tikrai stebina, nes, be abejo, ten jau gyveno žmonės, nekalbėję jokia indoeuropiečių kalba. Autorius nesiryžta spręsti, ar tai susiję su indoeuropiečių genčių sėslumu, palyginti su ankstesniųjų gyventojų klajokliškumu arba pusiau klajokliškumu. Pirmaisiais tūkstantmečiais prieš Kristų indoeuropiečių gyvenviečių radimasis glaudžiai susijęs su žemės kokybe. Tai akivaizdžiai patvirtina ir senųjų vardų paplitimas. Autentiškų
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Acta Linguistica Lithuanica LXXVI
Heimat und Ausbreitung indogermanischer Stämme im Lichte der Namenforschung
indoeuropiečių lyčių atstatymas remiasi žinomų pavienių indoeuropiečių kalbų faktais. Indoeuropietiški vandenvardžiai paliudyti pavienėse indoeuropiečių kalbose. Todėl tikėtina, kad tarp autentiškų vardų lyčių ir indoeuropietiškų autentiškų lyčių rekonstrukcijos esama skirtumų. Senosios Europos vandenvardžių centras vienareikšmiškai yra Pabaltijys ir baltų kalbos. Daug faktų byloja, kad ten būta ne tik kontinuuumo (Wolfgangas P. Schmidas), bet ir vardų išplitimo centro. Tėvynės gali būti ieškoma tik Senosios Europos hidronimijos žemėse, kurios yra Europoje. Germanų genčių tėvynė yra ten, kur gyveno germanai, slavų tėvynė ten, kur gyveno slavai, keltų tėvynė ten, kur istorijos paliudyta gyvenus keltų. Darytina išvada, kad indoeuropiečių kalbų protėvynės susidarymas Pietų Rusijoje, Mažojoje Azijoje ar Kaukaze onomastikos požiūriu tikrai atmestinas. Apibendrinant galima teigti, kad indoeuropiečių ekspansijos tėvynė ir sklidimo sritis yra Pabaltijys.
Įteikta 2017 m. birželio 12 d.
JÜRGEN UDOLPH
Zentrum für Namenforschung – Leipzig
Peterssteinweg 3, D-4107 Leipzig
Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
Arbeitsstelle Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im europäischen Raum
Robert-Koch-Str. 40, D-48149 Münster
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