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Dėl žodžių darybos teorijoje vartojamų terminų ir darybinių elementų klasifikacijos

Dalius Jarmalavičius

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DALIUS JARMALAVIČIUS Universität Vilnius Forschungsschwerpunkte: synchrone und diachrone Wortbildung, historische Morphologie der germanischen Sprachen, wortbildungsbezogene Untersuchungen baltischer zweisprachiger handschriftlicher Wörterbücher. ZU DEN IN DER WORTBILDUNGSTHEORIE VERWENDETEN TERMINI UND ZUR KLASSIFIKATION DER WORTBILDUNGSELEMENTE Zu den verwendeten Termini und zur Klassifikation der Wortbildungselemente in der Wortbildungstheorie ZUSAMMENFASSUNG Bei der Analyse handschriftlicher zweisprachiger Wörterbücher der baltischen Sprachen aus dem 17.–18. Jahrhundert stößt man nicht nur auf das Problem, die Wortbildungstypen deutscher Substantivkomposita zu interpretieren, sondern auch auf ihre Kategorisierung. Auffällig ist zudem, dass die Auffassungen von Wortbildungsforschern zu Wörtern früherer Epochen stark variieren; zur Erklärung komplexerer Fälle werden verschiedene Termini geprägt, wodurch die Analyse diachroner Phänomene zusätzlich erschwert wird. Dieser Beitrag möchte auf aktuelle problematische Aspekte der Bildung von Substantivkomposita aufmerksam machen, eine kritische Sicht auf die Zweckmäßigkeit der verwendeten Termini zum Ausdruck bringen und diskutierbare Wortbildungstypen erörtern; all dies wird anhand empirischer Beispiele veranschaulicht. Zur Verdeutlichung des Problems werden zwei Worttypen herangezogen: Die einen sind komplexe Wörter mit semantisch nicht motivierten Bestandteilen, die aus synchroner Sicht nicht als Komposita gelten; die anderen nehmen aufgrund der Eigenschaften ihrer Bestandteile eine Zwischenstellung zwischen Komposita und Derivaten ein. SCHLÜSSELWÖRTER: Wortbildung, Substantivkomposita, Derivate, unikale Morpheme, Affixoide. ANNOTATION Die Analyse zweisprachiger handschriftlicher Wörterbücher der baltischen Sprachen offenbart ein Klassifikationsproblem bei einigen Wortbildungstypen nominaler Komposita. Die Autorin behandelt außerdem Straipsniai / Articles 75 DALIUS JARMALAVIČIUS das Problem der unterschiedlichen Terminologie zur Beschreibung ähnlicher Begriffe in der synchronischen Wortbildungstheorie sowie die unterschiedlichen Positionen der Forschenden zu Fragen der Diachronie. Daher ist es schwierig, die erzielten Analyseergebnisse zu interpretieren und zu bestimmen, welche Wörter als Wortbildungen analysiert werden sollten und welche außerhalb der Grenzen der Derivationsanalyse bleiben sollten. Dieser Artikel enthält Kommentare und Vorschläge zur Präzisierung der Begriffe und erörtert die Definition des unterschiedlichen Status komplexer Wörter. Das Problem wird anhand der Auswahl zweier Typen komplexer Wörter veranschaulicht: Der erste Typ umfasst Wörter mit semantisch demotivierten Konstituenten, die synchronisch nicht als Komposita gelten, während der zweite Typ Wörter umfasst, die eine Zwischenstellung zwischen Komposita und Derivaten einnehmen. SCHLÜSSELWÖRTER: Wortbildung, nominale Komposita, Derivate, Pseudomorpheme, Affixe. 0. EINLEITUNG Der Artikel behandelt ein Problem, das sowohl für die synchronische als auch für die diachronische Wortbildungsforschung relevant ist. Bei der Beschäftigung mit der Fachliteratur stößt man zunächst auf eine übermäßige Terminologie, die zur Beschreibung bestimmter Worttypen verwendet wird und die Arbeit der Wortbildungsforschenden zweifellos erschwert. Andererseits verhindert das Fehlen einer einigermaßen einheitlichen Definition des Phänomens der Derivate in den Quellen eine zuverlässige Interpretation der Ergebnisse der Untersuchung deutscher Komposita. Mitunter ist es nicht leicht zu entscheiden, ob ein Wort noch wortbildungsmorphologisch analysiert werden kann oder als einfaches Wort gelten muss. Zur Verdeutlichung des Problems konzentriert sich der Artikel auf zwei Typen komplexer Wörter: zum einen solche, deren Bestandteile keine ausreichende semantische Grundlage haben, und zum anderen solche, die Elemente aufweisen, welche in der Wortbildung eine Zwischenstellung zwischen Kompositionsgliedern und Wortbildungsformanten einnehmen. Bei der Frage der wortbildungsmorphologischen Interpretation von Wörtern mit komplexer Struktur besteht das Ziel darin, die Kriterien zu präzisieren, anhand derer sich zuverlässiger beurteilen lässt, welche deutschen Substantive den Komposita oder Derivaten zuzuordnen sind und welche Wörter außerhalb der Wortbildungsforschung bleiben sollten. Zur Erreichung dieses Ziels werden folgende Aufgaben gestellt: 1. Erkenntnisse zur Genauigkeit und Zweckmäßigkeit der in der Fachliteratur synonym verwendeten Wortbildungsterminologie vorlegen; 2. Unter stärkerer Berücksichtigung der Diachronie die Begründetheit der Klassifikation wortbildender Elemente komplex strukturierter Wörter beurteilen. Zunächst behandelt der Artikel Wörter mit unikalen Elementen und stellt insbesondere die Sichtweise der Vertreter der synchronischen Wortbildung auf diese Wörter dar, deren Struktur nicht hinreichend klar ist. Nach einem Überblick über die Fachliteratur 76 Acta Linguistica Lithuanica LXXVI Dėl žodžių darybos teorijoje vartojamų terminų ir darbinių elementų klasifikacijos Da in der Literatur zur Beschreibung von Wörtern mit einer solchen Struktur recht unterschiedliche Terminologien verwendet werden, sollen einige Anmerkungen und Vorschläge zur Präzisierung der Termini unterbreitet werden. Der nächste Teil dieses Beitrags ist der Interpretation von Bildungen mit Elementen1 gewidmet, die in der Wortbildungsforschung auch als Affixoide bezeichnet werden und eine Zwischenstellung zwischen den Bestandteilen von Komposita und den Wortbildungsformanten von Derivaten einnehmen. Anhand von Beispielen werden die Grenzen zwischen Synchronie und Diachronie herausgearbeitet, das heißt, es wird konkretisiert, wann ein Wort noch als Kompositum und wann bereits als Derivat zu gelten hat. Das empirische Untersuchungsmaterial besteht aus deutschen Wörtern, die aus folgenden Wörterbüchern des 17.–18. Jahrhunderts gesammelt wurden: Clavis Germanico – Lithvana (einem handschriftlichen deutsch-litauischen Wörterbuch des 17. Jahrhunderts) (im Folgenden Clavis), Lexicon Lithuanicum (einem handschriftlichen deutsch-litauischen Wörterbuch des 17. Jahrhunderts) (im Folgenden Lex), Nīcas un Bārtas mācītāja Jāna Langia 1685, gada latviski-vāciskā vārdnīca ar īsu latviešu gramatiku (einem handschriftlichen lettisch-deutschen Wörterbuch von Janis Langius aus dem Jahr 1685) (im Folgenden L) und Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum (einem handschriftlichen deutsch-litauischen Wörterbuch des 17. Jahrhunderts von Jakob Brodowski) (im Folgenden B). 1. KOMPOSITUM ODER EINFACHES WORT? Wie Peter O. Müller anmerkt, gehört zu den Prozessen, die sich im Laufe der Sprachgeschichte vollziehen, die Herausbildung unikaler Morpheme (Pseudomorpheme) aus Wörtern, die einst selbstständig waren und eine eigenständige Bedeutung hatten (Müller 1993: 412). Als unikale Morpheme (dt. unikale Morpheme) bezeichnet man Wortbestandteile, die nicht als selbstständige Wörter existieren und in keinen anderen Bildungen vorkommen, z. B.: L 22 Himbeeren [Himbeeren] ‚Himbeere‘ (das Erstglied Him- wird mit dem im Althochdeutschen verwendeten Wort hinta ‚Hirschkuh‘ in Verbindung gebracht + Beere ‚Beere‘), L 281 Maul=beeren [Maulbeeren] ‚Maulbeeren‘ (das Glied Maul- geht auf lat. mōrum ‚Maulbeere‘ zurück + Beere ‚Beere‘), Lex 19a Bräutigam ‚Bräutigam‘ (Braut ‚Braut‘ + das Glied -gam, das mit ahd. gomo ‚Mann‘ in Verbindung gebracht wird; das Kompositum bedeutete ursprünglich ‚junger Mann‘), B 58 Birnstein [Bernstein] ‚Bernstein‘ (Birn- ist wahrscheinlich eine Variante des Verbs brennen ‚brennen, lodern‘ + Stein ‚Stein‘). Wörter mit ähnlichen Bestandteilen finden sich in den handschriftlichen Wörterbüchern des 17.–18. Jahrhunderts in mehreren Dutzend Belegen (weitere Beispiele siehe Jarmalavičius 2014: 48–49, 75–76, 114–115). Wie bereits erwähnt, wird in der deutschen Wortbildungstheorie zur Bezeichnung dieser vereinzelten Elemente meist der Terminus unikale Morpheme verwendet, obwohl, 1 Unter Berücksichtigung der besonderen Struktur dieser Wörter und der unterschiedlichen Betrachtungsweisen unter synchronem und diachronem Aspekt vermeidet der Autor im einleitenden Teil des Beitrags den Terminus Komposita. Straipsniai / Articles 77 DALIUS JARMALAVIČIUS Elkes Donalies zufolge können die Bestandteile auch anders bezeichnet werden: als geblockte Formen, Quasi- oder Pseudoformen sowie als Pleme2 (Donalies 2005: 41). Vincas Urbutis schlägt angesichts der strukturellen und semantischen Besonderheiten dieser Wörter vor, solche „Bildungen“ in der Wortbildungstheorie als Scheinbildungen mit gebundenem Stamm zu bezeichnen. Dabei weist er darauf hin, dass diese keine klare Struktur aufweisen und keine neuen Bildungen hervorbringen; daher sollten Wörter mit solchen Elementen außerhalb des Untersuchungsbereichs der Wortbildung bleiben (Urbutis 2009: 143–144). Eine ähnliche Position vertritt P. O. Müller: Die in einzelnen Wörtern vorkommenden Elemente seien Relikte früher Sprachperioden, deren lexikalische Bedeutung bereits verblasst sei und sich zumindest teilweise nur etymologisch erklären lasse. Daher würden Bildungen mit diesen Morphemen aus synchronischer wortbildender Sicht als einfache Wörter aufgefasst (Müller 1993: 412). Vertreter der Transformationsgrammatik zählen selbst eine Bildung wie blackberry ‚Brombeere‘ aufgrund des nicht greifbaren semantischen Zusammenhangs zwischen dem Wort und seinen Bestandteilen zu den morphologisch nicht segmentierbaren lexikalischen Einheiten. Ähnliche Bildungen gehörten ihrer Auffassung nach daher in die diachrone Sprachtheorie und nicht in den Bereich der synchronischen Wortbildung (vgl. Benczes 2006: 22). Es wäre wohl zu gewagt, dt. Himbeere, Maul=beeren, Bräutigam, Birnstein als Simplizia zu betrachten. Es lässt sich auch erklären, warum die genannten Wörter nicht als einfache Wörter behandelt werden sollten. So werden die scheinbaren Determinativkomposita dt. Fledermaus und lit. šikšnosparnis von heutigen Muttersprachlern als ‚irgendeine Maus oder etwas, das Flügel hat‘ verstanden. Daraus folgt, dass die Unikalität der Bestandteile in Wörtern dieser Struktur, ihr Vorkommen nur in einzelnen Belegen und die Möglichkeit, ihre Bedeutung ausschließlich etymologisch zu erklären, ein wesentliches Merkmal darstellen, anhand dessen sie sich von anderen in die wortbildungsbezogene Untersuchung einbezogenen lexikalischen Einheiten unterscheiden lassen. Sprachliche Fakten aus früheren Zeiträumen lassen sich jedoch auch synchronisch analysieren. Daher sollte der Forscher nicht außer Acht lassen, dass ein Bestandteil einer Bildung noch als selbstständiges Wort existieren und somit formal wie semantisch erklärt werden kann, z. B.: Lex 63a Nachtgal [Nachtigal] ‚Nachtigall‘ (Lexer: das Glied gal bedeutete im Mittelhochdeutschen ‚Gesang, Lied‘, und das Verb galen ‚singen‘) oder L 264 Schorn=stein [Schornstein] ‚Schornstein‘ (im DW finden sich einige etymologisch verwandte Wörter, die allerdings nur selten verwendet werden: das Substantiv Schore(n), 2 In deutschen Nachschlagewerken finden sich noch vielfältigere Bezeichnungen für diese Elemente, z. B. Pseudo-plem, Himbeermorphem (Glück 2005: 707). In der englischsprachigen Literatur finden sich folgende Bezeichnungen für Wörter mit wortbildungsmorphologisch unmotivierten Bestandteilen: cranberry-words oder cranberry-compounds (vgl. Wälchli 2005: 100, 126, 147, 155), cranberry morphemes (Booij 2007: 30). In der Wortbildungstheorie sollte man jedoch Termini vermeiden, die jeweils auf Grundlage eines einzelnen unikalen Elements oder Wortes geprägt wurden. Sonst ließe sich jede unikale lexikalische Einheit eigens bezeichnen, etwa dt. *Schornsteinmorphem, *Nachtgalmorphem oder lit. *šikšnosparnio, *titnago-Morphem und Ähnliches. 78 Acta Linguistica Lithuanica LXXVI Dėl žodžių darybos teorijoje vartojamų terminų ir darbinių elementų klasifikacijos was ‘steile Felswand’ bedeutet, sowie das Verb schoren in der Bedeutung ‘herausragen, hervorragen’ + Stein ‘Stein’) usw. Kai kurie mokslininkai, kaip antai Geertas Booij (2007: 30), darbiškai nemotyvuotiems žodžiams taip pat priskiria darinius su pirmuoju dėmeniu Stief- ir Schwieger-, pvz.: Stiefvater ‘patėvis, Stiefsohn ‘posūnis’, Schwiegereltern ‘uošviai’. Supatinti anksčiau minėtų tipų žodžius, regis, nėra visiškai tikslu. Reikėtų pastebėti, kad vokiečių kalbos elementus Stief-, Schwieger- ir Schwa- ger- tyrėjai yra linkę priskirti afiksoidams³ (Stepan 2009: 102), ir konfiksams (Fleischer, Barz 1995: 122), t. y. darybos formatams⁴. Pastaruosius struktūrinius elementus reikėtų aptarti plačiau, kad būtų išvengta terminų painiojimo. Konfiksai, kaip ir unikalios morfemos, kalbos istorinėje raidoje susiformavo iš kadaise savarankiškų leksemų, dar aptinkamų tik tam tikruose žodžiuose. Pagrindinis skirtumas tarp jų yra tas, kad konfiksas, nors ir nėra produktyvus žodžių darybos elementas, egzistuoja žodžių grupėse. Tuo tarpu unikalios morfemos, pvz.: Him-, Maul-, -gam, Bern- [Bern-], aptinkamos tik pavieniuose žodžiuose (Himbeere, Maulbeere, Bräutigam ir Bernstein). Su Stief- ar Schwieger- faktiškai įmanoma sudaryti naujadarų⁵, su unikalia elementu šis procesas neįmanomas. Taigi, nors unikaliesiems dvikamių žodžių elementams ir mini- niems konfiksams būdingas savarankiškos leksinės reikšmės pradimas, tačiau pastarieji, tiesa, nepasižymintys darbiniu produktyvumu, atlieka žodžių darybos formatų funkciją. Zusammenfassend lässt sich zu den bisher dargelegten zweigliedrigen Wörtern, die V. Urbutis und P. O. Müller nicht in den Bereich der Wortbildungsforschung einbeziehen, sagen, dass der letztgenannten Auffassung zuzustimmen ist. Zunächst muss man sich davon lösen, dass ein als Derivat eingestuftes Wort nicht nur formal, sondern auch semantisch motiviert sein muss; sein produktives Potenzial ist zu berücksichtigen. Bei zusammengesetzten Wörtern ist hervorzuheben, dass die Bedeutung der einzelnen Bestandteile nicht von der Gesamtbedeutung des Derivats abweichen sollte. Im genannten Fall ist die Beziehung zwischen den Bestandteilen der zweigliedrigen Wörter verblasst, und einer von ihnen ist wortbildungsmäßig nicht motiviert. Daher ist es nicht mehr sinnvoll, sie aus wortbildungsbezogener Sicht als etwas Besonderes und Ausgefallenes zu betrachten, das heißt, die Arbeit zu duplizieren, die den Vertretern der Etymologie obliegt. Betrachtet man diese lexikalischen Einheiten andererseits ausschließlich formal, wird sich die Wortbildungslehre nicht aus dem Bereich der Morphologie befreien können, denn im Gegenteil – wenn man sich ausschließlich auf 3 Die Zuordnung der deutschen Elemente Stief- und Schwieger- zu den Affixoiden ist nicht ganz zutreffend, da Affixoide wortbildungsmäßig besonders produktiv sind, während die Erstglieder Stief- und Schwieger- nur in einer kleinen Wortgruppe vorkommen, also nicht produktiv sind. 4 Darauf wird im nächsten Teil dieses Artikels ausführlicher eingegangen. 5 Der in Grammatiken der deutschen Sprache zitierte Neologismus Woche, der in der Ausgabe von 1999 belegt ist, Stieffamilie (DUDEN 4 2005: 667). Straipsniai / Articles 79 DALIUS JARMALAVIČIUS Bei der Analyse der Struktur der Bestandteile besteht die Gefahr, sich in die überflüssige Bildung parallel verwendeter Termini zu verstricken, die zur Erklärung einzelner Fälle erforderlich sind. Dies erschwert lediglich die diachrone Wortbildungsforschung. Nach einem Überblick über die Merkmale zweigliedriger Wörter, bei denen einer der Bestandteile wortbildungsmäßig nicht motiviert ist, scheint der von V. Urbutis vorgeschlagene Begriff der scheinbaren Zusammensetzungen mit verbleibenden Stämmen am besten zu ihrer Beschreibung geeignet. Da diese lexikalischen Einheiten jedoch nicht zum Forschungsbereich der Wortbildung gehören und erst recht nicht als Komposita gelten können, wäre es am besten, sie als Wörter komplexer Struktur mit wortbildungsmäßig nicht motiviertem Stamm oder als wortbildungsmäßig nicht motivierte Wörter komplexer Struktur zu bezeichnen. 2. KOMPOSITUM ODER DERIVAT? In der Wortbildungstheorie wird auch ausführlich über Elemente diskutiert, die eine Zwischenstellung zwischen Kompositionsgliedern und Affixen einnehmen und in der wissenschaftlichen Literatur auch Affixoide genannt werden. Affixoide sind Wortbildungselemente, die eine Zwischenstellung zwischen einem Wort (Lexem) und einem Wortbildungsaffix einnehmen. E. Donalies bezeichnet diese Elemente als nicht mehr Wörter (dt. Nicht-mehr-Wort), aber noch nicht Affixe (dt. Noch-nicht-Affix) und weist darauf hin, dass die Herausbildung von Affixen aus einzelnen Wörtern ein typisches Phänomen der deutschen Sprache ist. Eine ähnliche Auffassung, der zufolge Wortbildungsaffixe sich im Laufe der Sprachgeschichte aus Kompositionsgliedern entwickeln, vertritt auch Damaries Nübling (2010: 73). Dieses Phänomen ist jedoch auch anderen Sprachen nicht fremd. V. Urbutis hat die Herkunft des lettischen Suffixes -uzis ausführlich beschrieben, das die abstrakte kategorielle Bedeutung ‘Ort, an dem sich das durch das Grundwort Bezeichnete befindet’ hat, z. B.: lett. pelūzis ‘Schuppenlager’, sierūzis ‘Käserei’ oder vārūzis ‘Tor mit einem darüber befindlichen Dach’ (Urbutis 1993: 84 ff.). Das genannte Wortbildungsmorphem entstand aus einem bestimmten Kompositum des Mittelniederdeutschen mit dem Zweitglied -hūs (dt. Haus), z. B.: bakūs (lett. bakūzis) ‘Backstube, Gebäude mit einem Backofen’, mīnhūs (lett. minūzis) ‘Münzgefängnis’ usw. Später, wie V. Urbutis bemerkt, kann das Formans -uzis anders als -hūs, da es nicht neben einem Grundwort steht, nicht mehr als lexikalische Einheit, sondern nur noch als Wortbildungsaffix aufgefasst werden (Urbutis 1993: 92–95, 98). Affixoide mit lexikalischer Bedeutung (wenn auch mehr oder weniger verallgemeinerter) unterscheiden sich also von Wortbildungsaffixen, ähneln ihnen jedoch aufgrund ihrer Funktionen und ihrer begrenzten Selbstständigkeit in Wortverbindungen. Für die meisten Wortbildungsforscher ist die Bezeichnung Affixoide für Wortbildungselemente, die eine Zwischenstellung zwischen Kompositionsgliedern und Derivaten einnehmen, die überzeugendste. Obwohl Affixoide in der germanistischen Literatur, wie Julia Stepan anmerkt, auch anders bezeichnet werden können, zum Beispiel als Affixmorpheme, Affixoidbildungen, Kompositionsaffixe, relationale Affixe oder 80 Acta Linguistica Lithuanica LXXVI Dėl žodžių darybos teorijoje vartojamų terminų ir darbinių elementų klasifikacijos tarsi afiksais (Stepan 2009: 102). Kaip teigia P. O. Müller, keblumų kyla ir dėl afiksoidų priskyrimo žodžių darybos tipams, nes tiriant kalbą diachroniniu aspektu, ne visada lengva atskirti dūrinius ir vedinius (Müller 1993: 40). Affixoide werden gewöhnlich in zwei Gruppen unterteilt: 1) Präfixoide, die die Funktion von Präfixen erfüllen; 2) Suffixoide, die die Funktion von Suffixen erfüllen und meist für Substantive oder Adjektive charakteristisch sind. Hans Altmann nennt in seinem Überblick über die Wortbildung des Gegenwartsdeutschen folgende Suffixoide: -gut, -gram, -kreise, -leute, -material, -reich, -volk, -welt, -werk, -wesen, -zeug. Zu den Präfixoiden zählt er: Alt-, Ex-, Ko-, Maxi-, Mini-, Miss-, Mit-, Nicht-, Vize- (Altmann 2011: 74–76). Diese Liste ließe sich erweitern, wenn wir auch jene Wortbildungselemente einbezögen, die J. Stepan ebenfalls als Affixoide interpretiert, z. B.: -frau, -mutter, -nonne, -weib, Groß-, Stief-6 (Stepan 2009: 101–102). Konfixe, die ihrer Herkunft nach den Affixen recht nahestehen, wurden bereits in diesem Artikel erwähnt. W. Fleischer unterscheidet sie in zwei Arten: nichtheimische (dt. nicht heimische) und heimische (dt. heimische) (Fleischer 1995: 62). Zur ersten Gruppe gehören die auch als nichtklassische Konfixe bezeichneten Elemente, z. B.: Bio-, Euro-, Mini-. Zur zweiten Gruppe gehören die bereits erwähnten Stief- und Schwieger-. Der wesentliche Unterschied zwischen heimischen und fremden Konfixen besteht in der Wortbildungsproduktivität der mit ihnen gebildeten Wörter: Mit den fremden, insbesondere im Gegenwartsdeutschen, werden zahlreiche Wörter gebildet, während heimische Konfixe in der Wortbildung selten sind (Elsen 2006: 138). Konfixe sollten jedoch nicht mit Affixen gleichgesetzt werden, da Letztere auch als selbstständige Wörter vorkommen, während Konfixe nur in bestimmten Wortgruppen existieren (Schu 2006: 259). Zwar lassen sich mit Stief- und Schwieger- neue Wörter bilden, doch sind diese Elemente in der deutschen Wortbildungspraxis völlig unproduktiv. In handschriftlichen zweisprachigen Wörterbüchern der baltischen Sprachen aus dem 17.–18. Jahrhundert finden sich am häufigsten die Suffixoide -werk, -wesen, -zeug, -gut sowie das Präfixoid Haupt-; daher sollten sie eingehender behandelt werden. Die lexikalische Bedeutung des Wortes Werk ist „Herstellungsort“ (dt. Produktionsort) (warum nicht die Bedeutung „Arbeit, Produkt“ o. Ä.? – Anm. d. Verf.), Wesen bedeutet „Lebewesen, Geschöpf“ (dt. Geschöpf), Zeug „Material, Gerät“ (dt. Stoff, Gerät), Gut „Vermögen“ (dt. Vermögen) und Haupt „Kopf“ (dt. Kopf). Wie D. Nübling anmerkt, bilden sich bereits in der frühneuhochdeutschen Periode (dt. Frühneuhochdeutsch) neue Suffixe zur Bildung von Kollektivsubstantiven aus Werk, Wesen, Zeug und Gut (Nübling 2010: 78). Frederic Hartweger und Klaus Peter Wegera stellen fest, 6 Dieses Element sollte den heimischen Konfixen zugeordnet werden, da Stief- im Gegensatz zu Affixen kein produktives Wortbildungsmorphem ist. Straipsniai / Articles 81 DALIUS JARMALAVIČIUS dass diese Bestandteile in den genannten Sprachperioden eine stark verallgemeinerte lexikalische Bedeutung annehmen, die sich in Wortverbindungen von der ursprünglichen entfernt, und sehr produktiv werden. Besonders seit dem 17. Jahrhundert nimmt die Zahl solcher Wörter zu. Die Tendenz, Kollektivsubstantive mit dem Element Werk zu bilden, zeichnet sich am frühesten seit dem 16. Jahrhundert ab (Hartweg, Wegera 2005: 199); anderen Forschern zufolge setzt sie noch früher, bereits im 14. Jahrhundert, ein (Soling 2012: 45). D. Nübling weist darauf hin, dass die Bedeutungen von -werk und -wesen in Wortverbindungen meist abstrahiert sind, weshalb diese Suffixoide eine ihnen gemeinsame Wortbildungsbedeutung annehmen: „Ansammlung dessen, was im Erstglied bezeichnet wird“ oder „Gesamtheit dessen, was zum Erstglied gehört“, z. B.: Laubwerk „Blätter der Bäume“, Fischereiwesen „Fischereiwirtschaft“. Das Affixoid -zeug hat die kollektive Bedeutung „alles, was für das im Erstglied Bezeichnete verwendet wird“, z. B.: Nähzeug „Nähutensilien“ (Nübling 2010: 78). Die Bedeutung des Suffixoids -gut kann unterschiedlich sein, je nach Wortart des Erstglieds: In Verbindung mit einem Verb bedeutet dieses Element „Material, das für einen Arbeitsprozess oder eine Verarbeitung benötigt wird“; mit substantivischen Abstrakta bezeichnet es Komplexe immaterieller Art (Fleischer, Barz 1995: 143–144), z. B.: Mahlgut „Mahlgut“, Gedankengut „Gedanken“. Die Affixoide -werk, -wesen, -zeug, -gut sind mit Erstgliedern verschiedener Wortarten unterschiedlich produktiv. D. Nübling zufolge können sich alle genannten Elemente mit einem substantivischen Glied verbinden; in Verbindung mit einem verbalen Glied kommt jedoch am häufigsten -zeug vor, während -werk deutlich seltener ist. Die Affixoide -wesen und -gut verbinden sich meist mit Substantivstämmen und bezeichnen Eigenschaften substantivischer Objekte (Nübling 2010: 79). Das Erstglied von Komposita Haupt- erlangte den Status eines Präfixoids vermutlich im 18. Jahrhundert. Ludwigs M. Eichinger erwähnt in seinem Überblick über die nominale Wortbildung in Teiltexten dieser Periode, dass das seit dem 16. Jahrhundert verwendete Lexem Haupt „einen Körperteil – den Kopf“ (dt. Kopf) bezeichnete, diese Bedeutung als Erstglied zunehmend verliert und eine andere annimmt, die eine „zentrale Stellung“ oder eine „höchste Position in einer Hierarchie“ bezeichnet; damit erfüllt dieses Glied eine für Präfixe typische Funktion (Eichinger 2002: 350). Es ist darauf hinzuweisen, dass unter den Forschern der synchronischen Wortbildung keine Einigkeit über den Status der beschriebenen Suffixoide und Präfixoide besteht. Jörg Meibauer (2002: 30), Michael Lohde (2006: 15, 112–113), W. Fleischer und I. Barz (1995: 145) ordnen die Wortbildungselemente -werk, -wesen und Haupt-, die in Wörtern ihre ursprüngliche lexikalische Bedeutung verloren haben, den Wortbildungsaffixen zu. Die Komponenten -gut und -zeug hingegen zählen sie zu den Zweitgliedern zeitgenössischer Wortbildung (Fleischer, Barz 1995: 143–144). Gisela Zifonun zufolge gehören sie zur Kategorie der Halbsuffixe (Zifonun 2012: 131), während Johannes Erben die Wortbildungselemente -werk und -wesen meist als Suffixoide auffasst (Erben 1975: 143); gelegentlich werden sie auch als Wortbildungsmittel für Kollektivsubstantive bezeichnet (Erben 2001: 105). 82 Acta Linguistica Lithuanica LXXVI Dėl žodžių darybos teorijoje vartojamų terminų ir darbinių elementų klasifikacijos Somit gehen die Meinungen der Wissenschaftler über den Status von -werk, -wesen, -zeug, -gut und Haupt- stark auseinander. Um zu beurteilen, ob die besprochenen Elemente als substantivische Bestandteile von Komposita oder bereits als Affixoide verstanden werden können, ist nicht nur der Grad der Abstraktion ihrer Bedeutung und ihre Registrierung in Wörterbüchern als eigene Lemmata zu berücksichtigen, sondern auch ihre Position im Kompositum und ihre überlieferte Funktion. So werden in Wörterbüchern des 17. Jahrhunderts -werk [-werk] und -zeug sowohl als selbständige Wörter als auch in entsprechenden Komposita als Erst- und Zweitglieder aufgeführt, z. B.: Clavis IV-954 Werck ‘Darbas, Joba, Weikals, Padargai’, Clavis IV-1047 Zeug ‘Rykas’, Clavis IV-954 Werck=Tag ‘Dirbama Diena’, Clavis IV-955 Werck=Zeug ‘Rykledis, Rykas, Pripraw’, Clavis II-115 Kriegs=Zeug ‘Zalnieru Rykai’, Clavis III-464 Schmied=Werck ‘Kalwo Darbas’, Clavis IV-104 Zeug=Hauß ‘Szarwiniczia’. Allerdings kommen Komposita mit einer verallgemeinerten werkbezogenen Bedeutung dieser Bestandteile vor, z. B.: Clavis II-1162 Laubwerck ‘Lapai’, weshalb eine solche Bildung nicht den Komposita zugerechnet werden sollte. Als zweites Glied zusammengesetzter Substantive in Quellen des 17.–18. Jahrhunderts sollte auch das Element -Gut / Gutt gelten, das damals noch in der Bedeutung ‘Waren, Vermögen, Schatz, Hausrat oder Gut’ verwendet wurde (vgl. B 612 Gut, Güter, Lex 44a Güter), z. B.: Clavis II-1043 Kauff=Gutt ‘Towars’, B 795 Kirchen Gutt ‘Baznyczios Gerbe’. Als Wortbildungssuffix ist hingegen bereits im historischen Zeitraum das Zweitglied von Substantiven -wesen anzusehen, das in Komposita eine abstrakte Bedeutung erlangt hat. Obwohl die Wörter mit diesem Element in den untersuchten handschriftlichen Wörterbüchern, soweit sie erfasst werden konnten, nicht übersetzt sind (wahrscheinlich gelang es den Autoren jener Zeit nicht, dafür ein passendes litauisches Wort zu finden. -aut. Anmerkung), z. B.: Clavis II-868 Haußwesen ‘namų ūkis’ (Übersetzung des Verfassers), Kriegs Wesen B 823 ‘karyba’ (Übersetzung des Verfassers), ist die verallgemeinerte Bedeutung dieses Elements bereits aus den Erläuterungen zu den im DWG aufgeführten Wörtern mit -wesen ersichtlich. So wird das Wort Kriegswesen im Wörterbuch als ‘Kriegszustand, militärische Verhältnisse’ beschrieben, Hauswesen als ‘Eigentum’. Auch Wörter mit dem Erstglied Haupt-, das seine ursprüngliche Bedeutung ‘Kopf’ verloren hat und in Verbindung mit einem Substantiv ‘eine wichtige Person sowie einen wesentlichen Gegenstand oder Sachverhalt’ bezeichnet, sollten nicht den Komposita zugerechnet werden, z. B.: Lex 46a Haupt Mann ‘Pilonis, Szmintininkas’, Haupt=Stadt Clavis II-860 ‘Wyraus Miestas’, B 644 Haupt Lute ‘Wresnej, Wyrusiej’. Zusammenfassend lässt sich zu den genannten Strukturelementen sagen, dass Substantive aus früheren Epochen mit den Zweitgliedern -werk, -zeug ir -gut, abgesehen von einigen Wörtern, in denen die lexikalische Bedeutung dieser Elemente nicht mehr klar erkennbar ist, als Komposita einzustufen sind. Dass die Bestandteile -werk, -zeug ir -gut keine Affixe sind, zeigt auch, dass Komposita mit ihnen in den untersuchten Wörterbüchern des 17. und 18. Jahrhunderts ins Litauische ohne Abweichung vom Original übersetzt werden. Daraus lässt sich schließen, dass die damaligen Sprecher diese Elemente 7 Die Übersetzungen der Beispiele aus Wörterbüchern des 17. und 18. Jahrhunderts ins Litauische werden im Original wiedergegeben. Straipsniai / Articles 83 DALIUS JARMALAVIČIUS noch als selbstständige Wörter auffassten. Die Strukturelemente der Wörter –wesen und Haupt-, die eine festgelegte Bedeutung angenommen haben oder in Wortverbindungen von ihrer ursprünglichen Bedeutung abgewichen sind, sind hingegen als derivationelle Affixe anzusehen. Hinsichtlich des Status dieser Elemente im modernen Deutschen können wir jedoch den Forschern zustimmen, die dazu neigen, sie als Affixoide zu behandeln. 3. SCHLUSSFOLGERUNGEN 1. Wir schließen uns der Position der Vertreter der synchronischen Wortbildung an, wonach einzelne Wörter mit unikalen, aber derivationell nicht motivierten Bestandteilen nicht als Bildungen gelten. Es ist jedoch nicht ganz zutreffend, sie auch den einfachen Wörtern zuzuordnen – am besten lassen sich diese sprachlichen Erscheinungen als Wörter mit komplexer Struktur und derivationell unmotiviertem Stamm behandeln. 2. Aus wortbildungstheoretischer Sicht sollten Wörter mit indigenen Konfixen (z. B. dt. Stief-, Schwieger- oder lett. -uzis) nicht aus dem Untersuchungsbereich ausgeschlossen werden, da sich mit ihnen trotz ihrer geringen Produktivität tatsächlich neue Wörter bilden lassen. 3. Wenn Fragen zur Selbstständigkeit der Wortbestandteile aufkommen und zu beurteilen ist, ob ein bestimmtes Wort eine Bildung oder den Derivaten zuzuordnen ist, sollten mehrere Kriterien berücksichtigt werden: das derivationelle Potenzial der Bestandteile, der Grad der Abstraktion der Bedeutung, die Erfassung als separates Lexem in Wörterbüchern, die Fähigkeit, eine bestimmte Position in einer Zusammensetzung einzunehmen, sowie die zugrunde liegende Übersetzung in den zweisprachigen Wörterbüchern älterer Zeit. A B K Ü R Z U N G E N lit. auf Litauisch lat. auf Lateinisch pl. Plural (Mehrzahl) ahd. Althochdeutsch mhd. Mittelhochdeutsch dt. auf Deutsch Q U E L L E N B – Lexicon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-Germanicum. Handschriftliches Wörterbuch aus dem 18. Jahrhundert. Dokumentarische Ausgabe mit Faksimile, Einleitung und Wortregister 1–2, hg. von Vincentas Drotvinas. Vilnius: Institut für die litauische Sprache, 2009. 84 Acta Linguistica Lithuanica LXXVI Dėl žodžių darybos teorijoje vartojamų terminų ir darbinių elementų klasifikacijos Clavis – Clavis Germanico–Lithvana. Handschriftliches deutsch-litauisches Wörterbuch des 17. Jahrhunderts 1. A–E (1995), 2. F–L, 3. M–S, 4. T–Z (1997), hg. von Vincentas Drotvinas. Vilnius: Institut für Wissenschafts- und Enzyklopädieverlagswesen, 1995–1997. DUDEN 7 – Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: Bibliographisches Institut, 2001. DUDEN – Deutsches Universalwörterbuch. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: Dudenverlag, 1996. DWB – Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm in 32 Teilbänden (1854–1961). Leipzig, 1972. Online verfügbar: http://woerterbuchnetz.de/DWB/ (abgerufen am 30.08.2016). 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Die in der Fachliteratur für analoge Wortbildungsbeispiele verwendete Terminologie könnte als überflüssige Terminologie bezeichnet werden. Dies gilt insbesondere für Wörter mit unikalen Morphemen wie in germ. Himbeere ‚Himbeere‘, Schornstein ‚Schornstein‘ oder lit. šiškńasparnis ‚Fledermaus‘, tinagas ‚Feuerstein‘. Um die demotivierten Bestandteile zu bezeichnen, die nur in einzelnen Wörtern vorkommen, finden sich in der Wortbildungstheorie verschiedene Termini wie Pseudomorphem, Pseudo-Plem, Himbeer-Morphem, Cranberry-Wort, Cranberry-Komposita, Cranberry-Morpheme usw. Präziser wäre es, solche lexikalischen Einheiten mit dem von V. Urbutis vorgeschlagenen Begriff der Quasi-Komposita mit Reststämmen (lit. tarsi duriniai su atliekomis kamienais) zu beschreiben. Wörter mit demotivierten Bestandteilen, die jedoch eine komplexe Wortstruktur aufweisen, lassen sich allerdings weder als Komposita noch als einfache Wörter klassifizieren; eine solche Definition bedarf der Präzisierung. Unter Berücksichtigung der in diesem Beitrag genannten Eigenschaften können lexikalische Einheiten wie germ. Himbeere oder lit. tinagas als komplexe Wörter mit demotivierten Stämmen (lit. kompleksinės struktūros žodžiai su nemotyvuotais kamienais) bezeichnet werden. Straipsniai / Articles 87 DALIUS JARMALAVIČIUS Darüber hinaus erörtert dieser Artikel den besonderen Status von Wörtern mit Elementen, die zwischen Kompositionsgliedern und Derivationsmorphemen stehen und in der synchronen Wortbildung als Affixoide bezeichnet werden. Es ist auch schwer zu entscheiden, ob beispielsweise germ. Werck=Tag ‚Arbeitstag‘, Werck=Zeug ‚Werkzeug‘, Kichen Gutt ‚Kirchengüter‘, Hauptmann ‚Hauptperson‘, Kriegswesen ‚Soldatenschiff‘ Komposita oder Derivate sind, da uns hinreichend klare Kriterien zur Unterscheidung dieser Wörter fehlen. Das oben erwähnte Problem besteht auch in der diachronen Wortbildung. Um in der historischen Wortbildung Elemente zwischen Komposition und Derivation zu bestimmen, sollte man folgende Kriterien berücksichtigen: Produktivität und Grad ihrer semantischen Abstraktion, ihre Aufnahme als freies Lemma in Wörterbüchern, ihre Fähigkeit, ihre Position innerhalb von Wörtern zu verändern, sowie die wortgetreue Übersetzung der Bestandteile in Wörterbüchern. Eingereicht am 12. Januar 2017. DALIUS JARMALAVIČIUS Vilniaus universitetas Institut für Fremdsprachen Lehrstuhl für deutsche Sprache Universiteto g. 5 LT- 01513, Vilnius, Lietuva [email protected] 88 Acta Linguistica Lithuanica LXXVI