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Was man aus Dialekt-Sprachführern für die Laiendialektologie und Laienlinguistik lernen kann

Klaus Geyer

Abstract

    Phrase books for travellers or merchants have been typically oriented towards standard varieties and good language use. Dialectal phrase books are a relatively young phenomenon, at least as far as German is concerned. They seem to fulfil a different purpose than regular phrase books do: They are not made (and bought) for easing communication with people, whose language one does not master sufficiently, but merely for entertainment. This article examines, how dialectal phrase books on a macro scale as well as in detail make use of folk linguistic attitudes and believes to fulfil this function.

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248 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII KLAUS GEYER Süddänische Universität in Odense Forschungsschwerpunkte: Sprachvariation, Substandardvarietäten, Digitale Pragmatik, Medienlinguistik, Genderlinguistik, Deutsch als Fremdsprache, Fachkommunikation, audio-visuelle Translation. DOI: doi.org/10.35321/all83-12 WAS MAN AUS DIALEKTSPRACHFÜHRERN FÜR DIE LAIENDIALEKTOLOGIE UND LAIENLINGUISTIK LERNEN KANN Ko galima išmokti iš tarmiškų pasikalbėjimų žinynų, priskiriamų nemokslinei dialektologijai ir kalbotyrai ANNOTATION Phrase books for travellers or merchants have been typically oriented towards standard varieties and good language use. Dialectal phrase books are a relatively young phenomenon, at least as far as German is concerned. They seem to fulfil a different purpose than regular phrase books do: They are not made (and bought) for easing communication with people, whose language one does not master sufficiently, but merely for entertainment. This article examines, how dialectal phrase books on a macro scale as well as in detail make use of folk linguistic attitudes and believes to fulfil this function. KEYWORDS: phrase books, dialectal phrase books, folk dialectology, folk linguistics, German dialects. ANOTACIJA Pasikalbėjimų žodynėliai keliautojams ar prekeiviams paprastai būdavo parašyti bendrine ir taisyklinga kalba. Tarmiškų pasikalbėjimų žinynai yra gana naujas reiškinys, ypač vokiečių kalboje. Atrodytų, kad ir jų tikslas būtų kiek kitoks nei įprastų pasikalbėjimų knygelių, nes pirmieji nėra leidžiami (ir parduodami) tam, kad palengvintų bendravimą su Straipsniai / Articles 249 Was man aus Dialekt-Sprachführern für die Laiendialektologie und Laienlinguistik lernen kann žmonėmis, kurie nepakankamai gerai įvaldę kalbą, jie labiau orientuoti į teigiamą skaitytojo emocinę būseną. Šiame straipsnyje analizuojama, kaip makrolingvistiniu aspektu tarmiškų pasikalbėjimų žinynuose išsamiai pasinaudota liaudies kalbinėmis nuostatomis, tikintis, kad jos atliks minėtą funkciją. ESMINIAI ŽODŽIAI: pasikalbėjimų žodynėliai, tarmiškų pasikalbėjimų žinynai, liaudies (nemokslinė) dialektologija, liaudies lingvistika, vokiečių kalbos tarmės. 1. EINLEITUNG Sprachführer für Reisende und Kaufleute gibt es schon seit vielen Hundert Jahren, aber erst mit dem Aufkommen und der Entwicklung des Bildungsund Freizeittourismus haben sie sich zu einer stabilen Textsorte entwickelt – deren Grundstrukturen und Themengestaltung sich jedoch von heute bis zu den frühe(re)n Vorbildern zurückverfolgen lassen. Moderne Sprachführer orientieren sich in aller Regel an Standardvarietäten. Umgangssprache oder Slang wird nur ausnahmsweise aufgenommen. Eine besondere Gruppe von Sprachführern sind DialektSprachführer, die von einigen wenigen Verlagen seit ein paar Jahren auf den Markt gebracht werden. Die Dialekt-Sprachführer scheinen auf den ersten Blick den bekannten Standardvarietäten-Sprachführern sehr ähnlich zu sein, allerdings kristallisiert sich bei näherer Untersuchung ein wesentlicher Funktionsunterschied heraus: Während Standard-Sprachführer in erster Linie als Verständigungshilfen dienen, scheinen Dialekt-Sprachführer vor allem zu unterhalten. Es lässt sich eine ganze Reihe von Aspekten identifizieren, weshalb die Textsorte Dialekt-Sprachführer als ein lohnender Untersuchungsgegenstand laienbzw. wahrnehmungsdialektologischer bzw. insgesamt laienlinguistischer Forschung erscheint. Diesem Beitrag liegt ein breites Verständnis von Laienlinguistik zu Grunde.1 Laien und Laiinnen sind dem Konzept von Folk Linguistics von Niedzielski, Preston (2000: viii) zufolge zu verstehen als „those who are not trained professionals in the area under investigation“ – für die Sprache als Gegenstand heißt das: die überwiegende Mehrheit einer Sprachgemeinschaft. Dabei ist Sprache in besonderem Maße zur Beschäftigung durch Lai:innen prädestiniert, denn sie ist unmittelbar und ohne Spezialausrüstung oder Spezialkenntnisse recht gut zugänglich und quasi allgegenwärtig. Die Mitglieder von Sprachgemeinschaften haben ihre eigenen Ideen und Meinungen zu Sprache und Sprachen, mögen diese auch mancherorten durch starke, schulisch vermittelte Normund Korrektheitsvorstellungen geprägt sein. Dessen ungeachtet stellen die Konzeptionen 1 Ausführlicher hierzu Geyer 2021. KLAUS GEYER 250 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII von Lai:innen zum Gegenstand Sprache einen äußerst relevanten Forschungsbereich für die Linguistik dar. Laienlinguistik im hier verwendeten Sinne umfasst zweierlei: Einerseits ist dies die bzgl. Daten, Methoden, Hypothesen, Analysen und Interpretationen nicht den geltenden sprachwissenschaftlichen Standards genügende, oft mehr von einer Bewertungsals von einer Erkenntnisabsicht getragene Sprachbetrachtung durch Laiinnen und Laien – und in der Regel für Laiinnen und Laien. Andererseits umfasst die Laienlinguistik aber auch die Erforschung dieser Sprachbetrachtung durch die (wissenschaftliche) Linguistik. Das Konzept der Volksetymologie beispielsweise, worin „die historische Sprachwissenschaft mit einem Quäntchen Überheblichkeit […] das laienhafte falsche Etymologisieren im Gegensatz zur wissenschaftlichen Etymologie ausdrückt“ (Augst 2002: 144), ist somit als ein genuin laienlinguistisches zu verstehen.2 Zu nennen sind auch die zahlreichen Namenbücher, die Eltern bei der Wahl eines passend erscheinenden Vornamens – oft auf der Basis der „eigentlichen“, also historischen, Bedeutung – für ihr Kind unterstützen sollen (z. B. Weitershaus 2004). Der wohl prominenteste laienlinguistische Themenbereich für das Deutsche sind aber Aspekte von Sprachkontakt, Sprachvariation und Sprachwandel und ihre Bewertung. Dazu gehören beispielsweise die Diskussionen zu Anglizismen, etwas zurückliegend zur Reform der Rechtschreibung, und, aktuell, zum sprachlichen Gendern. Veränderungen werden dabei in der Regel negativ bewertet. Neben vielfältigen Kommunikationsund Stilratgebern3 spielen Anleitungen zu Sprachrichtigkeit und ihren Grenzen, zu vermeintlicher Sprach„logik“ oder zu populären Sprach„irrtümern“ eine große Rolle in der Laienlinguistik. Auf der Seite der Erforschung der Sprachbetrachtung durch Lai:innen sind neben der für das Deutsche grundlegenden Untersuchung von Antos (1996) vor allem die Arbeiten von Preston (seit 1982) zur Laienoder Wahrnehmungsdialektologie zu nennen, darunter insbesondere die beiden wegweisenden Bände des Handbook of Perceptual Dialectology (Preston 1999 und Long, Preston 2002). Zum Deutschen hat Hundt (1992) schon früh einen inspirierenden Beitrag geleistet. Die Laiendialektologie hat mittlerweile auch kleinere Sprachgemeinschaften erreicht, vgl. zum Beispiel Aliūkaitė et al. (2017) für das Litauische. Die Laiendialektologie stellt somit einen zentralen Bereich der Laienlinguistik dar.4 2 Dass die sogenannte Volksetymologie linguistisch durchaus aufschlussreich ist und ihren Stellenwert im Rahmen einer „synchronen Etymologie“ hat, diskutiert Augst (1975, 2002). 3 Vgl. auch die Untersuchung von Strauss (2018) zu Rhetorik-Ratgebern. 4 In den letzten Jahren sind weitere sprachwissenschaftliche Disziplinen auf ihre laienlinguistischen Konzepte hin untersucht worden, vgl. Albury (2014) zur Sprachplanung und Sprachenpolitik, die Beiträge in Hardy, Herling & Patzelt (2015) zu laienlinguistischen Diskursen über Sprache im Straipsniai / Articles 251 Was man aus Dialekt-Sprachführern für die Laiendialektologie und Laienlinguistik lernen kann Dialekt-Sprachführer scheinen allerdings bislang noch nicht aus laienlinguistischer Perspektive untersucht worden zu sein, obwohl dies, wie im Folgenden gezeigt wird, ein durchaus lohnendes Unterfangen darstellt. Der Artikel ist folgendermaßen strukturiert: Im folgenden Abschnitt 2 wird die Textsorte Sprachführer beleuchtet. Abschnitt 3 wendet sich den Kauderwelsch-Dialektführern des Reise Know-How-Verlages zu, die die Datenbasis der Analyse bilden. Sie werden aus laiendialektologischer Perspektive untersucht (Abschnitt 4). Eine exemplarische Mikroanalyse eines ausgewählten Dialektführers („Fränkisch – Das Deutsch der Franken“) erfolgt in Abschnitt 5. Abschnitt 6 schließlich resümiert die Ergebnisse und unternimmt einen Ausblick. 2. DIE TEXTSORTE SPRACHFÜHRER Sprachführer sind als eine relativ junge Textsorte zu betrachten, die sich erst in Verbindung mit Reisführern (z. B. Baedeker) während des aufkommenden Tourismus Mitte des 19. Jahrhunderts zu etablieren beginnt – und als eine, die durch Übersetzungs-Apps und ähnliche Hilfsmittel, wie Nadobnik (2019: 415) mutmaßt, vielleicht bald schon wieder überflüssig werden könnte. Ein kurzer Blick auf historische Vorläufer offenbart eine erstaunliche strukturelle Kontinuität. Die Dunhuang-Manuskripte aus dem späten 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung enthalten nach Shaik (2014) eine Konversationshilfestellung für Reisende auf der Seidenstraße und für (buddhistische) Pilger mit den Sprachen Chinesisch, Sanskrit und Sakisch (eine ostiranische Sprache). Sogar noch ein wenig älter sind die Kasseler Glossen vom Anfang des 9. Jahrhunderts mit dem Sprachenpaar Latein und Althochdeutsch im bairischen Dialekt. Sie enthalten beispielsweise die folgende, aus heutiger Sicht landeskundliche, Passage (Glück 2002: 68): Stulti sunt romani sapienti sunt paiori modica est sapienti in romana plus habent stultitia quam sapientia tole sint uualha spahe sint peigria luzic ist spahe in uualhum mare hapent tolaheiti denne spahi ‘Dumm sind die Welschen, klug die Bayern. Klein ist die Klugheit bei den Welschen, sie haben mehr Dummheit als Klugheit’ (frankophonen) Internet oder Cruz-Ferreira (2011) bzw. Pasquale (2011) und Pasquale & Preston (2013) zu laienlinguistischen Vorstellungen zum Erstbzw. Fremdsprachenlernen und -lehren. KLAUS GEYER 252 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Vom Ende des 9. Jahrhunderts wiederum stammen die Altdeutschen Gespräche, „eine Art Gesprächsbüchlein, das deutsche Wirtshausdialoge mit Übersetzungen ins Lateinische enthält“ (Glück 2002: 68). Eine zentrale Rolle für die Entwicklung der Textsorte Sprachführer spielt das immer wieder genannte (z. B. Hendricks 2014: 29; Gernentz et al. 1988: 21–23) italienisch-deutsche Sprachbuch Liber in volgaro von Georg von Nürnberg, der damit auch der erste namentlich bekannte DaF-Lehrer ist, wie Eder (2010: 57) betont. Geschrieben für italienische Kaufleute im Kontakt mit dem Hochdeutschen, besteht es aus drei Teilen: Am Anfang stehen nach Sachgebieten geordnete Wörter und Wendungen, gefolgt von einer Liste von Verben mit bestimmten Flexionsformen und zuletzt zwei „Handelsdialoge“ (Pausch 1972: 37). Spätere, bereits gedruckte Werke zum Erlernen des Deutschen orientieren sich durchaus an der Struktur von Georg von Nürnbergs Sprachführer (vgl. Glück 2002: 419f.). In modernen Zeiten steht der Name Baedecker ab dem 19. Jahrhundert stellvertretend für eine beginnende Demokratisierung des Reisens. Sie schafft einen ganz neuen Bedarf an Reiseführern, wodurch auch Hilfen zur sprachlichen Verständigung an Bedeutung gewinnen. Im Baedeker-Verlag wird 1836 erstmals The Traveller’s 2019 Manual of Conversation in English, German, French and Italian veröffentlicht, 1864 folgen Ausgaben für Deutschund Französischsprachige sowie 1883 ein Kurzer Leitfaden der russischen Sprache nebst Gesprächssammlung und Vocabular (frz. Ausgabe Manuel de langue russe 1893, engl. Manual of the Russian Language 1914) (vgl. Hinrichsen 1983, 1991). Es bleibt eine Besonderheit des Baedeker Reiseführers Schweden und Norwegen nebst den wichtigsten Reiserouten durch Dänemark; Handbuch für Reisende von 1879, von Anfang an einen Abschnitt „Zur dänisch-norwegischen und schwedischen Sprachlehre: Grammatik, Redewendungen, Wortverzeichnis zum Reisegebrauch“ zu enthalten, so wie dies bei modernen Reiseführern bis heute zumeist der Fall ist. Spezialisierte Sprachführer sind jedoch nicht nur eine relativ junge Textsorte, sie sind bislang auch kaum erforscht, zumindest aus linguistischer Perspektive. Eine Ausnahme bildet die jüngst erschienene Arbeit von Nadobnik (2019), die zwar einen Vergleich deutscher und polnischer Sprachführer im Fokus hat, dessen ungeachtet aber auch eine ganze Reihe wesentlicher Beobachtungen zur Textsorte allgemein anstellt. Unter Einbeziehung digitaler technischer Möglichkeiten definiert Nadobnik den Sprachführer übergreifend als ein hauptsächlich für die Reise (oder zu anderen Kommunikationszielen, auch zum autonomen Lernen) geeignetes Nachschlagewerk (am häufigsten als Taschenbuch, aber auch in Form von Datenund / oder Tonträgern wie etwa einer iPhone-App oder einer Straipsniai / Articles 253 Was man aus Dialekt-Sprachführern für die Laiendialektologie und Laienlinguistik lernen kann MP3-Datei) mit Mustern für das sprachliche Handeln in typischen Alltagssituationen (nebst anderen Angaben u. a. zur Aussprache, Grammatik, Landeskunde, auch mit Wortlisten bzw. einem Wörterbuch versehen) für alle, die über keine oder geringe Fremdsprachenkenntnisse verfügen (Nadobnik 2019: 141). Unabhängig von der medialen Materialität können, in Anlehnung an Nadobnik (2019: 135), die folgenden als konstitutive Elemente eines Sprachführers gelten: 1) ein einleitender Teil mit Einleitung und Inhaltsverzeichnis, sowie 2) Muster kommunikativer Handlungen (Mustersätze, Dialogsequenzen, Dialoge) als Kernelement. Als weitere zentrale Elemente sind zu betrachten 3) ein Wörterverzeichnis in Form von Wortlisten oder kleinen Wörterbüchern (in Schrift und ggf. auch in Bild), sowie 4) eine kurzgefasste Grammatik und 5) Angaben zur Aussprache, die a) als Umschreibung der Lautung mittels Transliteration oder durch phonetische Transkription vermittelt und / oder b) mittels Tonträgern wie Audio-Kassetten, CDs, MP3-Dateien demonstriert werden. Hinzu kommen 6) graphische Elemente wie beispielsweise Landkarten, Abbildungen, Fotos, Tabellen und Bildtafeln zum Zeigen einerseits, und 7) sonstige Elemente wie z. B. Mustertexte für Briefe oder landesund kulturkundliche Informationen andererseits. Im folgenden Abschnitt werden nun die Kauderwelsch Sprachund Dialektführer präsentiert. 3. KAUDERWELSCH SPRACHUND DIALEKT FÜHRER 3.1. Kauderwelsch Sprachführer Die Kauderwelsch Sprachführer des Reise Know-How Verlages sind im Kontext des aufkommenden individuellen Rucksack-Tourismus der 70er Jahre zu sehen, als Reisende mit kleinem Budget, aber großem Interesse für die Menschen und die Alltagskultur – und eben nicht primär für die hochkulturellen Sehenswürdigkeiten – der bereisten, vermeintlich exotischen Länder die Unbrauchbarkeit herkömmlicher Reiseund Sprachführer feststellen mussten. KLAUS GEYER 254 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Nach einigen Vorläufern in der Autorengruppe „Globetrotter schreiben für Globetrotter“ wird 1981 der ersten Reiseführer und wenig später ab 1983 auch mit dem Band „Indonesisch (Bahasa Indonesia)“ der erste Kauderwelsch Sprachführer auf den Markt gebracht. Die Wahl der Bezeichnung Kauderwelsch für die Reihe mag dabei zunächst überraschen, geben doch beispielsweise das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (dwds.de) als Bedeutung von Kauderwelsch ‘wirre und unverständliche, fehlerhafte Sprache’ und das Duden Online-Wörterbuch (duden.de) ‘aus mehreren Sprachen gemischte, unverständliche Sprache, Sprechweise’ an; die negative Deund Konnotation (dwds.de: „abwertend“) wird in der Verlagsreihe jedoch ins Positive gewendet im Sinne von: ‘Das sprachliche Ergebnis des Versuchs, sich mit Personen zu verständigen, deren Sprache man nicht kann’.5 Aktuell (Juli 2020) umfasst die Reihe der Sprachführer 248 Bände, die als Taschenbücher im A6-Format mit einem Umfang von 120-160 Seiten zu Preisen von meist unter 10 Euro angeboten werden. Die Sprachführer sind auch elektronisch im Pdf-Format erhältlich und werden großenteils durch AudioBegleitmaterial, bestehend aus Tondateien der schriftlich gegebenen Beispielwörter und -sätze, ergänzt. Nach Verlagsangaben umfasst die Reihe 137 „Amtssprachen“ (s. kauderwelsch sprachführer), wobei für plurizentrische Sprachen mit großen Sprachgemeinschaften ein stark diversifiziertes Angebot besteht: 18 Titel für Spanisch, 14 für Englisch, 12 für Arabisch, 7 für Französisch; erhältlich sind ferner 18 Sprachführer für Deutsch als Fremdsprache, 11 Slang-Sprachführer, einige kulinarische Sprachführer und eben auch die Reihe Dialekt – für Dialekte des Deutschen. Die Kauderwelsch Sprachführer verstehen sich, wie der Einleitung zu den Bänden zu entnehmen ist (hier als Beispiel Bd. 54 Litauisch von 1999), als „Sprechführer“, mit deren Hilfe man „wirklich“ die Sprache der „Leute auf der Straße sprechen und verstehen“ lernen kann (Jähnert 1999: 6). Betont wird, dass wenig Wert auf die Vermittlung bzw. Formulierung grammatischer Regeln gelegt wird. Grammatische Phänomene werden mittels der aus der deutschen Grundschuldidaktik bekannten, eingedeutschten Termini benannt: 1., 2. usw. Fall (für Nominativ, Genitiv usw.), Vorund Nachsilben (wo Präund Suffixe gemeint sind), Verhältniswörter (für Präpositionen), Mittelwörter (für Partizipien) 5 Die Etymologie von Kauderwelsch ist nicht eindeutig geklärt: Das zweite Kompositionsglied -welsch für ‘romanisch’ ist dabei unproblematisch, im Gegensatz zu kauder-. Als mögliche Bedeutungen hierfür werden das Rätoromanische der Bevölkerung von Chur (oberdeutsch Kauer), die für ihre Tätigkeit als fahrende Händler und Hausierer bekannt gewesen sei, oder aber kaudern in einer Bedeutung ‘undeutlich sprechen, kollern (wie ein Truthahn)’, angeboten (vgl. Kluge 1989; Duden 2014). Straipsniai / Articles 255 Was man aus Dialekt-Sprachführern für die Laiendialektologie und Laienlinguistik lernen kann usw., eine Praxis, die nur vordergründig die Gegenstände einfacher zugänglich macht. Die Vermeidung vermeintlich schwieriger Fremdwörter wird erkauft mit konzeptionellen Verwirrungen wie beispielsweise von Tempus und Zeit oder Genus und Geschlecht usw. Eine bemerkenswerte linguistische Besonderheit der Sprachführer stellen die Wort-für-Wort-Übersetzungen der gegebenen Beispielphrasen und -sätze dar: Die Ausgangssprache wird in Halbfettdruck ohne Segmentierung von Einheiten unterhalb der Wortgrenze dargestellt, darunter folgt eine Zeile mit lexikalischen und grammatischen Glossierungen der Wörter und zuletzt eine Zeile mit einer idiomatischen Übersetzung ins Deutsche, vgl. das folgende Beispiel aus Jähnert (1999: 74):6 Ar gãlima rūkýti? FW möglich rauchen? Darf ich rauchen? Diese Verdeutlichung von sprachlichen Strukturen ohne explizite metasprachliche Information z. B. in Form grammatischer Regeln soll es den Benutzer:innen der Sprachführer ermöglichen, selbständig mit Hilfe des Wörterverzeichnisses neue Sätze nach bestehenden Mustern zu bilden. 3.2. Kauderwelsch Dialektführer Für die Reihe der Kauderwelsch Dialektführer7 gelten im Grunde dieselben Strukturund Gestaltungsprinzipien wie für die Sprachführer; lediglich auf die Glossierung wird verzichtet, wohl weil sie nicht für erforderlich gehalten wird. Als Zielgruppe werden „Zugereiste“ genannt, denen „fremdartig klingende Laute und Ausdrücke“ der Dialekte erschlossen werden sollen. Dass es weniger um ein Hilfsmittel bei der Kommunikation mit den Alteingesessenen geht als vielmehr um ein Medium mit Unterhaltungsfunktion, wird vor allem durch die mehrmalige Referenz auf die Begriffe „Humor“, „sprachliche Leckerbissen“ und „bilderreiche Sprache“ / „Sprache als Weltsicht“ deutlich, vgl. 6 FW in der Glosse steht für ‘Fragewort’ (Fragepartikel); die Diakritika  und ´ werden normalerweise nicht geschrieben; sie zeigen den Ort und die Art des Wortakzentes an. 7 Ausdrücklich sei darauf hingewiesen, dass auch andere Verlage ähnliche Produkte anbieten vgl. z. B. die Reihen „Langenscheidt humorvolle Sprachführer: [X] für Anfänger“ (mit [X] = Bairisch, Schwäbisch, Ruhrpott, Sächsisch, Fränkisch, Kölsch, Badisch); „Meine ersten 270 Wörter auf [X]“ (mit [X] = Saarländisch, Bairisch, Hessisch, Schwäbisch, Fränkisch, Schweizerdeutsch, Kölsch, Trierisch) aus dem Anaconda-Verlag Köln; „Polyglott Dialektführer: [X]“ (mit [X] = Bairisch, Schwäbisch) aus dem Verlag Gräfe und Unzer, München. KLAUS GEYER 256 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII die laiendia lektologisch aufschlussreiche Beschreibung der Reihe (exemplarisch von kauderwelsch bairisch, der Internetinformation zu Kölbl 2009): Kauderwelsch Dialekt stellt deutsche Dialekte und Mundarten vor. Die originellen Wörter, Redensarten, Wortspiele und Sprüche, die es in jeder Mundart gibt, der speziellen Humor der Menschen und ihre Art zu reden – all das macht eine Region bunt und interessant. Dank der einfachen Lautschrift kann man auch als Ungeübter fast jeden Dialekt erlernen. Ein Dialekt ist allerdings nie nur eine andere Art zu sprechen, sondern er spiegelt auch eine andere Art zu denken, zu fühlen und zu leben. Deshalb konzentrieren sich Kauderwelsch Dialektführer nach einer kurzen Einführung in lautliche und grammatikalische Besonderheiten direkt auf regionaltypische Floskeln und Redewendungen. Die lockeren Sprüche und sprachlichen Leckerbissen zeigen den Charme dieser meist bildreichen Umgangssprache. Die Reihe Kauderwelsch Dialekt umfasst derzeit 13 Bände (Stand Juli 2020). Diese decken große Teile des deutschen Sprachgebiets ab. Sie verwenden im Titel teils die in der Dialektologie geläufigen (z. B. Sächsisch, Bairisch), teils laienlinguistische Bezeichnungen (z. B. Ruhrdeutsch), letzteres insbesondere dann, wenn auf eine Dialektregion über die Bezeichnung des urbanen Zentrums Bezug genommen wird (z. B. Kölsch, Berlinerisch); die Grenzen zum Urbanolekt sind dabei allerdings nicht immer eindeutig. Dabei kommt es – aus dialektologischer Perspektive – fast zwangsläufig zu Ungenauigkeiten: So beschäftigt sich der Band 106 „Bairisch“ lediglich mit dem Bairischen in Bayern, nicht mit dem Bairischen im dialektologischen Sinne, das im Osten und Süden weit über Bayern hinausreicht; Wienerisch (Bd. 78) zählt ebenso zum bairischen Dialektraum wie das Tirolerische (Bd. 236). Band 186 „Fränkisch“ hat das Ostfränkische, also den Dialekt in der als Franken bekannten Region im Norden Bayerns zum Inhalt, jedoch kein Rheinoder Moselfränkisch, Mittelfränkisch, Niederfränkisch. Band 116 nennt Elsässisch das „Deutsch der Alemannen“, wobei auch die Bände 71 „Schwiizertüütsch“ und 127 „Schwäbisch“ alemannische Dialektregionen zum Inhalt haben. Dennoch sind die Bezeichnungen für die Dialekte als laienlinguistisch salient zu verstehen, wie im folgenden Abschnitt 4 diskutiert wird. Die Bezeichnung Kölsch lässt sich für die meisten Sprecher:innen des Deutschen sicherlich besser lokalisieren und mit einer Vorstellung verbinden als dies für die (fach)dialektologische Bezeichnung Ripuarisch möglich wäre. Aus der Rezeptionsperspektive interessant ist, welche Dialekte als erste in der Reihe erschienen und welche später hinzugekommen sind. Dies mag sicherlich auch mit Zufällen wie der Verfügbarkeit geeigneter Autor:innen in Straipsniai / Articles 263 Was man aus Dialekt-Sprachführern für die Laiendialektologie und Laienlinguistik lernen kann (R3) AK1 18. Juni 2014 Ein wenig Kauderwelsch … ... in Franken schadet nie. Übrigens, Franken das ist das andere Bayern – die Region, die sich immer m. E. grundlos benachteiligt fühlt! Das Büchlein soll mich den „Oberbayern“ auf fränkische Augenhöhe bringen. Allmächd na! ;-) (R4) D17. Januar 2014 Bin selbst Franke und es brachte mich zum Lachen -ein super Geschenk -tolle ausflüge in die vielen regionen frankens -das „frängisch“ ist zum Tränenlachen -fast alles ist genau so wie im Buch beschrieben!!! (R5) M 27. August 2013 gut recherchiert, im kleinen Format und ein tolles Geschenk Das Büchlein, es hat nämlich ein kleines Taschenformat, ist gut aufgebaut und hält wirklich viele Fränkische Redensarten bereit und dürfte für viel Schmunzeln sorgen. Ich war wirklich überrascht wie viele bekannte Redensarten ich darin gefunden habe. Darüber hinaus beinhaltet das Buch interessante Informationen über Franken und hält sogar Liedgut parat. Besonders Freunde aus anderen Regionen werden mit dem Buch viel Spaß haben oder es als eine unverzichtbare Hilfe ansehen;) Der Preis ist wirklich fair und das gut recherchierte Büchlein ist jeden Cent wert. Es ist ein tolles Geschenk für überregionale Freund oder Verwandtschaften. (R6) TS 13. November 2012 Tolles Geschenk für Nicht-Franken Ich habe das Buch als „Gag“ für meine neuen Bekannten gekauft. Sie kommen aus dem Norden und ich aus Oberfranken, das gibt es hier und da noch ein paar „Verständigungsschwierigkeiten“ :), kam super an als Geschenk! (R7) A19. September 2011 „gute Geschenkidee für Zugereiste“ „wir“ = meine Kollegen und ich haben dieses Büchlein einer kürzlich nach Nürnberg gezogenen, neuen Kollegin, aus Dortmund zum Geburtstag geschenkt! Sie hat sich tierisch gefreut und auch schon eifrig darin gelesen! Aber auch für einen Franken ist es eine sehr amüsante Lektüre:-) (R8) SW 18. Januar 2007 Fünf Sterne Plus + Hätte nicht gedacht, dass man so unterhaltsam über unsere fränkische Mundart informiert werden kann ! Der Autor versteht es, die Franken und ihren Dialekt mit der optimalen Portion Satire vorzustellen !! Daher: Fünf Sterne Plus + KLAUS GEYER 264 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Drei Beobachtungen fallen bei der Auswertung besonders auf: Die eigentliche Funktion eines Sprachführers, d. h. die Hilfestellung bei der Kommunikation, wird nur in R6 („Verständigungsschwierigkeiten“ mit „neuen Bekannten“ – allerdings iroinisiert,wie das Simley :) anzeigt) und R7 („kürzlich nach Nürnberg gezogene[…], neue[…] Kollegin, aus Dortmund“) thematisiert sowie in R2 („Herausforderung für Nicht-Franken“) und R5 („Freunde aus anderen Regionen“) am Rande erwähnt. Im Vordergrund steht offenkundig der humoristische Gehalt, vgl. R2 „lustige Lektüre“, R4 „zum Tränenlachen“, R5 „viel schmunzeln“, R6 „‘Gag’“, R7 „sehr amüsant“, R8 „Portion Satire“; auch die Verwendung des (stereo)typischen fränkischen Dialektausdrucks „Allmächd na!“ (‘Ach du liebe Zeit’, R3) geschieht in humoristischer Weise, wie das Zwinkersmiley ;-) verdeutlicht. Darüber hinaus wird der Dialektführer offenbar weniger zur eigenen Lektüre, sondern als Geschenk verwendet (R4, R5, R6, R7) und dabei in dieser Eigenschaft sehr positiv evaluiert, vgl. „super“ (R4, R5), „toll“ (R5). Der Dialekt-Sprachführer erscheint somit als eine hybride Textsorte, bei der die Unterhaltungsfunktion im Mittelpunkt steht, ergänzt um kulturelle und sprachliche Informationen. Dies entspricht weitgehend der Selbstbeschreibung auf dem Klappentext (Hervorhebung im Original): Fränkisch ist mehr als eine Sprache – viel mehr! Trotz aller regionaler Unterschiede in der Sprache haben die Franken eine Eigenheit gemeinsam: Sie bringen immer direkt zum Ausdruck, was sie wollen und meinen – und das oft eher deftig und direkt. Fernab von Klischees unternimmt hier ein waschechter Franke einen Streifzug durchs Land der Bocksbeutel, das sich auch „Bayerns bessere Hälfte“ nennt. Über 1000 Wörter und Redewendungen aus dem fränkischen Alltagswortschatz, praxisnah geordnet und anschaulich erläutert, lassen Verständnisprobleme schwinden und bieten einen amüsanten Einblick. (Sobisch 2007, Klappentext) Der „amüsante Einblick“ wird im Wesentlichen durch eine Strategie oder besser, da dies nicht unbedingt bewusst erfolgt, durch Praktiken konstituiert, die als Alienierung (vgl. Maas 1989; Geyer 2013) bzw. Exotisierung bezeichnet werden können und die unter anderem auf der Ebene der Graphie wirksam sind. Wie es für Dialekte des Deutschen die Regel ist, existiert für das Fränkische (Ostfränkische) keine etablierte oder gar normierte Graphie. Dialektautor:innen, Kolumnenschreiber:innen, Liedermacher:innen und andere Interessierte müssen deshalb ihre eigenen Graphien für den jeweiligen Dialekt entwickeln. Da es vor allem darum geht, die phonetischen Besonderheiten zu pointieren, trifft man in der Regel auf sogenannte flache, d. h. stark an der Lautung orientierte Graphien (vgl. Seifart 2006). Sobisch verwendet in seinem Dialektführer Straipsniai / Articles 265 Was man aus Dialekt-Sprachführern für die Laiendialektologie und Laienlinguistik lernen kann Fränkisch als Zeicheninventar das des Standarddeutschen, lediglich erweitert um das Zeichen <å>, das einen Kardinalvokal 6 /ɔ/ repräsentiert. Das prominenteste lautliche Kennzeichen des Ostfränkischen ist die Abwesenheit von Fortis-Plosiven, mit Ausnahme von /k/ im Wortanlaut vor Vokal (z. B. Kerwa ‘Kirchweih’). Es finden sich also weitestgehend nur Lenisbzw. lenisierte Plosive, geschrieben als <b, d, g>, gern in – aus standarddeutscher Perspektive – ungewohnter Häufung. Die Kürze eines Vokals wird dabei wie im Standraddeutschen durch (mindestens) zwei folgende Konsonantenzeichen, darunter auch Geminaten, in der Silbenkoda angezeigt, und zwar gelegentlich, allerdings nicht durchgehend auch in Lehnwörtern, die im Standarddeutschen nicht diesem Muster folgen, vgl. Babbriga ‘Paprika’. Die Lenisschreibung wird gerade auch im Silbenkopf nach <s> /ʃ/ angewandt. Dies beinhaltet im Vergleich zum Standarddeutschen keine zusätzliche oder abweichende Lautinformation, da auch dort kein Fortisplosiv vorkommt, bewirkt aber – insbesondere in Kombination mit dem Trigraphen <sch> für /ʃ/ – eine graphematische Verfremdung: Schdern ‘Stern’, schbilld ‘spielt’. Mag also das graphematische Zeicheninventar auch weitgehend mit dem Standarddeutschen übereinstimmen, die Zeichenkombinatorik tut dies nicht und auch die Phonem-Graphem-Zuordnung weicht immer wieder ab. Dies wird insbesondere bei Assimilationen und Elisionen deutlich, die gleichsam ausbuchstabiert werden – erneut ein Hinweis auf eine flache Graphie; vgl. z. B. Semf ‘Senf’, schdriggn ‘stricken’ (allerdings nicht schdriggng mit velarem Plosiv <ng>) oder gfalln ‘gefallen’; anders dagegen Jammerlabbn (und nicht Jammerlabbm ‘Jammerlappen’) ohne assimiliertem bilabialen Plosiv <m> im Auslaut (103). /ŋ/ wird in zumeist und insbesondere auch im Kontakt mit velaren Obstruenten mit dem Digraphen <ng> wiedergegeben, z. B. lachng ‘lachen’, dringgng /ŋgŋ/ ‘trinken’ (hier mit offensichtlicher Fehlschreibung <nngng>, 22). Ein weiteres Beispiel für alienierende Schreibung sind Abkürzungen mit ausbuchstabierten silbischen Buchstabennamen wie z. B. Be-Dse ‘PC’; hier wäre Peh-Zeh standarddeutsch ebenfalls merkwürdig. Zu erwähnen ist schließlich die weder laut-, noch normgerechte Schreibung <äöü> für den Diphthong <eu> in Wörtern wie Lüchebäöüdl ‘Lügenbeutel’ oder Schbordsfräöünd ‘Sportsfreund’. Neben der graphematischen soll als eine weitere Form die eher stilistisch basierte Alienierung Erwähnung finden. Sie besteht darin, eine dialektale Wendung in der Übersetzungszeile in einem gehobenen Stil wiederzugeben. Durch die stilistische Diskrepanz wird eine Vorstellung (vermeintlicher) Umgangssprachlichkeit oder besonderer Derbheit des Dialekts erzeugt. Das folgende Beispiel illustriert stellvertretend für eine ganze Reihe ähnlicher Wendungen das Phänomen; eine adäquate Übersetzung wäre beispielsweise ‘Wenn der Trompeter spielt, meinst du, es jault ein Hund.’: KLAUS GEYER 266 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Wenn der Blechschbodser schbilld, maansd es jauld a Hund. Die Kunst dieses Trompeters erinnert an einen jaulenden Hund. Auf der inhaltlichen Ebene fällt die starke Stereotypisierung in Richtung einer Folklorisierung auf, die der beispielsweise im Klappentext angesprochenen Humorisierung dient. Gerade bei den thematischen Kapiteln findet sich eine überproportionale Ausrichtung auf die Themen oder Situationen Wirtshaus und Kartenspiel sowie Schimpfwörter und Flüche. Die Makrostruktur des Dialektführers folgt insgesamt jedoch dem konventionellen Muster der Textsorte und weist bei den thematischen Kapiteln im Grunde sogar eine beachtliche Überschneidung mit denen im ersten Teil von Georg von Nürnbergs Sprachführer von 1424 auf. Der Band beginnt mit einer Einleitung über die Sprache bzw. den Dialekt mit Informationen darüber, wo und von wie vielen Personen der Dialekt gesprochen wird und wie es sich mit der Binnengliederung verhält. Daran schließt ein Kapitel zu Schrift bzw. Schreibung und zur Aussprache an, gefolgt von einem Überblick über die Grammatik, verstanden als Morphosyntax. Alle diese Kapitel tragen Überschriften im Dialekt (z. B. Kadde vo Frangn ‘Karte von Franken’, Wie mer’s schbrichd ‘Wie man’s spricht’). Den Hauptteil machen thematische Kapitel wie zu Begrüßung und Verabschiedung, zu Familie und Verwandtschaft, zu Zahlen und Wochentagen, zu den Themen Arbeit, Unterwegssein, Der Körper, Einkaufen, Essen und Trinken, Wetter usw. aus. Diese thematischen Kapitel sind ebenfalls mit Überschriften im Dialekt versehen (z. B. Sävus! Un Adele ‘Servus! Und Ade’ für Begrüßung und Verabschiedung, Di buggliche Bagaasch ‘Die bucklige Bagage’, für Verwandtschaft). Sie enthalten jeweils kurze dialogische Frage-Antwort-Sequenzen und kleine Wortlisten; hinzu kommen oft humorige (inter-)kulturelle Informationen und Betrachtungen. Am Ende des Büchleins finden sich zwei Wortregister (einmal Dialekt – Standarddeutsch und einmal Standarddeutsch – Dialekt), Literaturhinweise für die weiterführende Lektüre und eine Autorinformation (Der, wo’s gschriem håd ‘Der, wo es geschrieben hat’). Dass der Band eine Reihe von Inkonsistenzen, Widersprüchen und Fehlern aufweist, die seine laienlinguistische Provinienz unterstreicht, sei hier nur am Rande erwähnt (genauer dazu Geyer 2021). Zur Illustration mag die verwirrend inkonsistente Schreibung von ‘Wirt’ als Wed (24), Wädd (50) und schließlich Wärd (53) dienen. Straipsniai / Articles 267 Was man aus Dialekt-Sprachführern für die Laiendialektologie und Laienlinguistik lernen kann 6. ERGEBNISSE UND AUSBLICK Durch die vorliegende Untersuchung der Kauderwelsch Dialekt-Sprachführer generell sowie exemplarisch des Dialektführers „Fränkisch“ haben sich DialektSprachführer auf mehreren Ebenen als ein relevantes Studienobjekt für eine laienlinguistische Betrachtung erwiesen: Übergeordnet zeigt sich, dass die Auswahl sowohl der Dialekte als auch insbesondere der Dialektbezeichnungen für die Kauderwelsch Dialekt-Sprachführer deutliche Parallelen mit den Inventaren verschiedener wahrnehmungsdialektologischer Studien zur mentalen Strukturierung des dialektalen Raumes durch Mitglieder der deutschen Sprachgemeinschaft aufweist. Es werden also laienlinguistisch saliente Dialekte und Dialektbezeichnungen angesprochen. Bei der exemplarischen Analyse fällt inhaltlich eine humorige Stereotypisierung bzw. Folklorisierung des Dialekts auf. Darüber hinaus ist vor allem die Schreibung des Dialektes als einem nicht-normierten Bereich durch Praktiken der Alienierung bzw. Exotisierung gekennzeichnet. Auf der metasprachlichen Ebene wird die Ferne zur disziplinären Fachlichkeit bei gleichzeitigem Alltags-Expertentum explizit betont. Dies alles führt zu einer sehr positiven Bewertung des Dialekt-Sprachführers als einem Unterhaltungsmedium aus der Perspektive der Käufer:innen bzw. Rezipient:innen, wobei durchaus vorhandene fachlinguistische Unzulänglichkeiten der Dialektpräsentation wie Inkonsistenzen, Widersprüche und Fehler in der Darstellung in den Hintergrund treten. In diesem Beitrag konnte nur ein Dialektführer in einigen Details analysiert werden. Wünschenswert wäre zweifelsohne eine Verbreiterung der empirischen Basis beispielsweise im Sinne einer Ausweitung auf weitere Dialekte, auf ähnliche Produkte anderer Verlage und durchaus auch auf andere Medien. Neben dem Audiomaterial zu Dialekt-Sprachführern bieten sich hier z. B. Laienvideos auf YouTube an, um ein umfassenderes Verständnis der Wechselwirkung von Laiendialektologie bzw. Laienlinguistik und Dialekt-Sprachführern zu erhalten. LITERATUR Albury Nathan 2014: Introducing the Folk Linguistics of Language Policy. – International Journal of Language Studies 8(3), 85–106. Aliūkaitė Daiva, Mikulėnienė Danguolė, Čepaitienė Agnė, Geržotaitė Laura 2017: Kalbos variantiškumas ir jo vertinimas perceptyviosios dialektologijos požiūriu: variantų ir vietų vaizdiniai, Vilnius: Vilniaus universiteto leidykla. KLAUS GEYER 268 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Allensbach 2008 – Auch außerhalb von Bayern wird Bayerisch gern gehört: Die beliebtesten und unbeliebtesten Dialekte. Allensbacher Berichte 2008/4, Allensbach: Institut für Demoskopie. http://www.ifd-allensbach.de/uploads/tx_reportsndocs/prd_0804.pdf. amazon.de – www.amazon.de/Reise-Know-How-Sprachf%C3%BChrer-Fr%C3%A4 nkisch-Kauderwelsch-Sprachf%C3%BChrer/dp/3894164743/. Antos Gerd 1996: Laien-Linguistik. Studien zu Sprachund Kommunikationsproblemen im Alltag. 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Nors galimai visi vokiečių tarmių atstovai supranta vokiečių bendrinės kalbos normas ir visomis išgalėmis stengiasi kalbėti bendrine kalba su asmenimis, kuriems tam tikras dialektas yra svetimas, tačiau neaišku, ar jų komunikacinė paskirtis, kaip ir kitų pasikalbėjimų žodynėlių, yra tokia pati, t. y. ar jie palengvina keliautojų bendravimą su tam tikros kalbos (ar tarmės) atstovais. Dažniausiai nekvalifikuotų specialistų parengti tarmiškų pasikalbėjimų žinynai, kuriuose pateikiamos linksmos, nuotaikingos istorijos ir (arba) folkloro elementai, labiau orientuoti į tuos skaitytojus, kurie šią tarmę vartoja arba ją bent šiek tiek išmano. Ši prielaida straipsnyje ir aptariama plačiau, analizės pamatu pasirinkus tarmių charakteristikas, bendrąsias ir specifines teksto struktūras, kalbinius aspektus, tarmių pateikimo būdą, galiausiai kultūrinius elementus, būdingus atitinkamos tarmės plotui. Taip galima suvokti iš liaudies lingvistikos perspektyvos analizuojamos tarmės koncepciją ir idėjas, kurios perteikiamos tarmiškų pasikalbėjimų žinynuose. Įteikta 2020 m. rugpjūčio 17 d. KLAUS GEYER Institut für Sprache und Kommunikation Süddänische Universität Campusvej 55 DK-5230 Odense M klg[email protected]