DARIUS IVOŠKA
Institut für litauische Sprache
ORCID id: orcid.org/0000-0003-3898-0000
Wissenschaftliche Forschungsrichtungen: Onomastik, Baltisch-slawisch-deutsche Sprachkontakte.
DOI: doi.org/10.35321/all83-06
ZUR FRAGE DER BALTISCHEN
EIGENNAMEN DES GEBIETES
RAGNIT UND TILSIT IN DEN
ORDENSDOKUMENTEN DES
14.–15. JAHRHUNDERTS
Del baltiškų Ragainės ir Tilžės srities tikrinių vardų XIV–XV a. Ordino dokumentuose
ANNOTATION
Der vorliegende Aufsatz befasst sich mit den Schwerpunkten von den Eigennamen zweier ausgewählter Gebiete des Preußisch-Litauens Ragnit und Tilsit. Der Ausgangspunkt der Arbeit war die Erforschung der baltischen Personenund gegebenenfalls auch der Ortsnamen, mit besonderem Hinblick auf deren eventuelle bislang unbekannte Erwähnungen sowie Etymologie. Im Gange der Analyse von dem empirischen Material musste das Vorhaben durch Behandlung der Erforschungsproblematik von historischen Eigennamen im Allgemeinen erweitert. Daraufhin wurde versucht, die Fragen der Reichweite von Forschungen der historischen Eigennamen, Zielsetzungsaspekte, Wahl und Bestimmung der angemessenen Forschungsquellen und des Forschungsmaterials, u.a., anzugehen.
SCHLÜSSELWÖRTER: historische Onomastik, historische Eigennamen, Ordensfolianten.
ANNOTATION
The article examines proper names in two selected areas of Prussian Lithuania, i.e. Ragainė and Tilžė. The primary aim and objective of the research was to examine personal names as well as place names (in case any would have been identified in the course of the
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Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII
Zur Frage der baltischen Eigennamen des Gebietes Ragnit und Tilsit in den Ordensdokumenten des 14.–15. Jahrhunderts
research) with key focus exclusively on their possibly unknown mentions and etymology. However, in the course of the research, the aims and objectives had to be expanded by supplementing them with an attempt to answer questions related to the problems of Historical Onomastics in a broad sense, its research scope, main objectives, the selection of appropriate research sources and materials, etc.
KEYWORDS: Historical Onomastics, historical proper names, German Order folios.
1. EINFÜHRUNG, ZIELSETZUNG UND WAHL DES FORSCHUNGSGEGENSTANDES
Die Erforschung der baltischen historischen Eigennamen hat im Laufe der letzten Jahrhunderte eine vertrauliche und auf einer gut strukturierten Methodologie beruhende Tradition entwickelt. Viele fundamentale Forschungen sind durchgeführt und zahlreiche Werke sind verfasst worden¹. Die Untersuchungen der baltischen historischen Eigennamen werden heute fortgesetzt und fallen in mancherlei Hinsicht leichter als vorher. Der freie Zugang zu den zur Verfügung stehenden historischen Dokumenten in den Archiven und Bibliotheken sowie Online, die zugrundeliegenden Arbeiten der Vorgänger, die besseren Bearbeitungsmöglichkeiten von empirischen Materialien durch gegenwärtige Technologien bilden günstige Umstände für den gegenwärtigen Namenforscher zu einer effizienten Arbeit. Der Verfasser des vorliegenden Beitrages gehört eben zu der Generation der Namenkundler, der die genannten Umstände erlaubt hatten, mit den hochwertigsten Quellen der baltischen historischen Eigennamen
Die ersten Versuche verschiedener fachkundigen Gelehrten und von der Geschichte und Namenkunde begeisterten Vertreter unterschiedlicher Fachbereiche, Eigennamen zu registrieren und sie zu deuten, mögen von dem Standpunkt heutiger Onomastik als nicht ausreichend oder mangelhaft betrachtet werden, sind trotzdem von hohem Wert. Das gilt besonders für die Forschungen der baltischen und insbesondere der prußischen Ortsund Personennamen. Spräche man zum Beispiel von Caspar Hannenbergers (1595: 156) im 16. Jh. volkstümlich geprägten Deutungen mancher Siedlungsnamen oder von dem Karthauser Priester Wilhelm Reinhold Brauers im Jahr 1983 veröffentlichten und umstrittenen „Preußische Siedlungen westlich der Weichsel. Versuch einer etymologischen Deutung heimatlicher Flurnamen“ (mehr dazu s. Ivoška 2016: 213), würde man vielleicht dazu viel vorwerfen können, das gesamte von ihnen vorgeführte empirische Material ist aber sogar für die gegenwärtige Namenkunde interessant und wichtig. Die Namen William Pierson, Georg Heinrich Ferdinand Nesselmann, Adalbert Bezzenberger, Ernst Lewy, Georg Gerullis, Reinhold Trautmann, Rozalia Przybytek und Grasil da Blažienė und deren Werke, auf denen die ganze gegenwärtige historisch-baltische Namenkunde beruht, bedürfen hier keiner Vorstellung und genauer Besprechung.
1 Die ersten Versuche verschiedener fachkundigen Gelehrten und von der Geschichte und Namenkunde begeisterten Vertreter unterschiedlicher Fachbereiche, Eigennamen zu registrieren und sie zu deuten, mögen von dem Standpunkt heutiger Onomastik als nicht ausreichend oder mangelhaft betrachtet werden, sind trotzdem von hohem Wert. Das gilt besonders für die Forschungen der baltischen und insbesondere der prußischen Ortsund Personennamen. Spräche man zum Beispiel von Caspar Hannenbergers (1595: 156) im 16. Jh. volkstümlich geprägten Deutungen mancher Siedlungsnamen oder von dem Karthauser Priester Wilhelm Reinhold Brauers im Jahr 1983 veröffentlichten und umstrittenen „Preußische Siedlungen westlich der Weichsel. Versuch einer etymologischen Deutung heimatlicher Flurnamen“ (mehr dazu s. Ivoška 2016: 213), würde man vielleicht dazu viel vorwerfen können, das gesamte von ihnen vorgeführte empirische Material ist aber sogar für die gegenwärtige Namenkunde interessant und wichtig. Die Namen William Pierson, Georg Heinrich Ferdinand Nesselmann, Adalbert Bezzenberger, Ernst Lewy, Georg Gerullis, Reinhold Trautmann, Rozalia Przybytek und Grasil da Blažienė und deren Werke, auf denen die ganze gegenwärtige historisch-baltische Namenkunde beruht, bedürfen hier keiner Vorstellung und genauer Besprechung.
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vertraut zu werden. Nach der gründlichen aber immer noch nicht vollendeten Durchsuchung des Ordensfolianten Nr. 105 (im Weiteren – OF 105), woraus die Dissertation „Baltische Eigennamen in den Dokumenten des Deutschen Ordens“ resultiert hatte, wurden auch andere für die baltisch-historische Onomastik wesentliche Ordensfolianten analysiert und die Problematik der litauischen Personennamen in manchen Beiträgen sowie Konferenzen behandelt. In dem vorliegenden Beitrag hat der Verfasser seine Aufmerksamkeit auf noch einen Ordensfolianten eben Nr. 131 (im Weiteren – OF 131), der noch als „Das grosse Zinsbuch des deutschen Ritterordens (1414–1438)“ (im Weiteren – GZB) bekannt ist und als Grundbuch des Deutschen Ordens in Fachliteratur bezeichnet wird (s. dazu Thielen 1958: XXXII), gelenkt. Der OF 131 ist ein eigenartiges Register, das in sachlicher und chronologischer Hinsicht in zwei Teile gegliedert werden kann, der erste von denen als Handbuch von Tressler gelten darf und Auskünfte über die Höhe der Außenstände, die Zahl der Dienste und bäuerlicher Hufen (Haken) in den landesherrlichen Dörfer sowie Inventare der Waffen, Lebensmittelvorräte u.a. verfügt; der zweite Teil enthält die Daten über die Zahl der besetzten und wüsten Hufen in den landesherrlichen Ortschaften, die Aufteilung der Gemarkungen an Schulzen, Kretschmer, Pfarrer und Zinsbauern, die Höhe und Art von der Zinseeinkünfte, die Rechtstellung und Leistungsnormen der Dienstgüter, die Bevorratung und Besetzung der Ordenshäuser und -höfe. Es wurde durch die Ordenskanzlei zu der Zeit der durch kapitulierende Niederlage des Deutschen Ordens zu Tannenberg im Kampf gegen die litauisch-polnischen Kräfte verursachte wirtschaftliche sowie politische Krise, angelegt. Das Register musste zur strikten Kontrolle und verantwortungsvollen Sammlung der Einkünfte sowie Verzeichnung der Schulden dienen. Durch die verantwortungsvolle Verwaltung von finanziellen Mitteln und anderem Vermögen zielte der Orden auf den Neuaufbau der wirtschaftlichen und militärischen Macht. Die Verzeichnisse von dem OF 131 enthalten zahlreiche Ortsnamen, darunter die von den zinshaften Städten, Dörfern und Höfen sowie Personennamen der Eigentümer von zinshaftigem Besitz: der Krüger, Schulzen, Grundbesitzer u.a. Der OF 131 liefert darunter auch eine Menge an sehr wichtiger Information über die landeswirtschaftlichen Vorgänge, kulturelle und Sozialverhältnisse, Lebensumstände sowie Lebensweise im Preußenland der 1. Hälfte des 15. Jhs., die ein aussagekräftiges Bild von den Eigentumsund Rechtsverhältnisse des ganzen Ordenslandes der Neuzeit bieten2.
Als Vorhaben dieser Untersuchung war die Analyse zweier preußisch-litauischer Gebiete Ragnit und Tilsit mit dem besonderen Hinblick auf die baltischen Personennamen gedacht, nach deren Durchführung konstatiert werden musste,
2 Thielen 1958: XXX–XXXIV.
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dass es keine baltischen Personennamen in dem OF 131 um Jahr 1437/1438 dokumentiert sind. Ein solches Ergebnis der sich auf die baltisch benannte Ortschaft³ beziehenden Untersuchung war unerwartet. Es handelt sich im Fall Ragnit-Tilsit-Gebiet um das historisch-schalwische Areal, das ursprünglich von den baltischen Völkern bewohnt⁴ und auch im späten Mittelalter vorwiegend baltisch geblieben sein musste. Der Schwerpunkt und die Aufgabe des vorliegenden Beitrags wurde daher auf die Behandlung der Litauerund Prußenfrage in dem Zeitabschnitt zwischen dem späten Mittelalter und Anfang des Herzogtums Preußen und deren Erwähnungen in den Dokumenten des Deutschen Ordens gesetzt. Wenn die Litauer und Prußen jahrhundertelang vor der Tanneberger Schlacht und danach gewohnt hatten, warum kommen ihre Spuren in den Hauptdokumenten der Ordenskanzlei nicht vor?
2. GEBIETE RAGNIT UND TILSIT VON DEREN ERSTEN ERWÄHNUNGEN IN HISTORISCHEN QUELLEN BIS IN DAS HERZOGTUM PREUSSEN
Ragnit und Tilsit galten in der Geschichte Europas bis zur Tilgung des Preußischen Reiches aus den Karten Europas nach dem 2. Weltkrieg als Gebiete des Preußisch-Litauens. Dass in diesem Gebiet außer Litauern auch Polen, Prußen und Deutsche zu den Ordenszeiten 1231–1525 und danach im Herzogtum Preußen 1525–1701 gewohnt hatten, ist auch gut bekannt (Diehlmann 2008: 9*, 18*–20*). Ein sehr interessanter Abschnitt in der Geschichte der behandelten Gebiete ist die Periode der 2. Hälfte des Mittelalters und Anfang der Neuzeit zwischen der Gründung von dem Ordensstaat und Anfang des Herzogtums Preußen. Ragnit und Tilsit werden in den Geschichtsquellen relativ früh erwähnt. Peter von Dusburg beschreibt die Gründung von einer Siedlung auf einer Hügel an dem Memel-Fluss, die er von dem Eindrang des Bruders Meneko in die heidnische Landschaft Schalwen am Tag des heiligen Märtyrers Georg
³ Die ersten Siedlungen sind auf den archäologischen Daten basierend von der Eiszeit bekannt. Eine von ihnen, die von den deutschen Geschichtsschreibern als Landeshutte erwähnt wurde, wird im Jahr 1289 in den SRP I 151 die Burg Raganita genannt, deren Name auf den Flussnamen lit. Ragnytė zurückgeht und mit lit. rãgas ‘ein spitzförmiger, sich in das Gewässer erstreckende Landesstück, eine vorspringende Landesitze’ verbunden wird (Pēteraitis 1997: 323; MLE III 824, 835).
⁴ Mehr dazu s. Kapitel 2.
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und der Einrichtung der Burg Landeshute, die laut Dusburg⁵ schon zu der Zeit um 1289 Raganita genannt wurde, beginnt⁶. In dem Preußischen Urkundenbuch (im Weiteren – PUB) PUB I 363 wird im Jahr 1291 unter den Zeugen des Verleihungsaktes von 10 Hacken an einen litauischen Flüchtling „frater Conrad Stange comptur in Landeshute⁷“ erwähnt. Es ist glaubwürdig, dass eine der ersten, wenn nicht die erste direkte Erwähnung des Burgnamens Ragnitie in den auf Latein verfassten Dokumenten von dem Jahr 1300 zu finden ist⁸. Der Name variiert in unterschiedlichen auf Deutsch verfassten Dokumenten: in der im PUB befindlichen Handfeste von dem Jahr 1302, auf Grund deren dem Samländer Walgune ein Teil Feldes Gryndin durch den Landmeister des Deutschen Ordens Konrad Sack verliehen wurden, wurde bei der Nennung von den Zeugen „brudir Walrod von Lydelow kumpthur zcu Rang[nit]“ miterwähnt. In anderen Dokumenten von 1302 und 1307 folgen auch weitere Aufzeichnungen von dem Komtur Walrod von Lydelow, wobei der Name Rangnith und Rangnithe variiert PUB I 483, 554; in den Scriptores Rerum Prussicarum (im Weiteren – SRP) unter den Eintragungen in den „Annales Pelplinenses“ findet man Ragenitien⁹, weiterhin in der „Kurzen Reimchronik von Preussen“ wird Rangnîten¹⁰ notiert. Der Gebiet und die Stadt Ragnit wurden auch oft in dem OF 105 erwähnt, insbesondere in den Grenzbeschreibungen der prußischen Landschaften 1352 hus
⁵ Die Chronik des Preußenlandes von Peter von Dusburg steht auch in einer Ausgabe auf litauischer Sprache (lit. Petras Dusburgietis. Prūsijos žemės kronika), herausgegeben von Romas Batūra zur Verfügung. Die Ausgabe enthält auch die Erklärungen, Ergänzungen und kritische Kommentare des Herausgebers, die eine genauere Übersicht nicht nur über die geschichtlichen Ereignisse sondern auch zusätzliche Auskunft über die Erwähnungen der Ortschaften und Persönlichkeiten liefern muss. Die Herausgabe eines solchen Werkes konnte aber viel hilfreicher und gebrauchsgünstiger sein, wenn es nicht nur komplett übersetzt, sondern auch mit den Originaltexten neben der Übersetzung versehen worden wäre.
⁶ Anno Domini MCCLXXXIX idem frater Meniko cupiens summo desiderio Cristianorum fines et terre Prussie angustias dilatare, cum omni potencia pugnatorum venit in die beati Georgii martiris ad terram Saclowitarum, et ad laudem dei et gloriam ad quodam montem supra Memelam edificavit castrum Landeshute, quod sonat in Latino custodia terre, sed nunc dicitur communitur Raganita ... (SRP I 151).
⁷ Auf Grund der Handfeste von dem 1. Mai 1291 wurde dem aus Litauen geflohenen Syrgele und seinen Erben 10 Hoken Land im Lande Wangen (s. Blažienė 2000: 168, Wangen, Kr. Labiau, Kirchspiel Caymen) auf dem Feld Mynxtrym (s. Blažienė 2000: 95, Mynxtrym, wüste Ortschaft im Lande Wangen, Kr. Labiau) verliehen.
⁸ In der Urkunde über den Tausch von dem Landbesitz in Grindes (Blažienė 2000: 45–46, Gründen, Kr. Labiau, Kirchspiel Legitten) Wilchytien (Wilkietihen, Gerullis 1922: 201) wird unter den Zeugen „frater Ludewicus de Libencelle commendator in Ragnitie“ erwähnt PUB I 463.
⁹ Da Ragenitien, tufent zweihundert nun und achczec jar (SRP I 271).
¹⁰ Uber ein jâr darnâch was den Littowen gâch: si begunden umme Rangnîten herren unde rîten vil gar vaste hîr und dar SRP II 8.
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Zur Frage der baltischen Eigennamen des Gebietes Ragnit und Tilsit in den Ordensdokumenten des 14.–15. Jahrhunderts
Rangnithen (OF 105 2ᵛ, 39ʳ, 39ᵛ, Ragnittin (OF 105 12ᵛ) und in den Handfesten 1342 fideli nostro Henconi de Rgnithen (OF 105 245ʳ) sowie um 1370–1400 Ragniten (OF 105 169ʳ, 208ʳ). Weiterhin findet man in der Chronik Wigands von Marburg – Ragneta¹¹, in vielen litauischen Wegeberichten unter häufigen Variierungen ist in der Wegbeschreibung Nr. 12 schon um 1393 auch die Form Ragnit¹² vorhanden. Der Name wurde auch in der Dokumentensammlung „Die Türkensteuer im Herzogtum Preußen 1540¹³⁴“ unterschiedlich vermerkt ...furm schlos Rangenit, ...ampt Rangnidt (Diehlmann 2008: 129, 130). In der Beschreibung des Schalaulerlandes im Jahr 1584 erwähnt Caspar Hennenberger¹⁴ (1584: 38–40) Ragnit mehrmals schreibt aber ihn auch als Ragnit und Rangit auf. Christophorus Hartknoch (1684: 409–410 beschreibt Ragnit als einen großen Amt, Stadt und Schloss. Eben das Schloss muss laut ihm um die Zeit „eines von den besten Schlössern im Herzogthum Preußen“ gewesen sein.
Die früheste indirekte Erwähnung von Tilsit scheint die in den SRP II 85 in der Chronik Hermanns von Wartberg im 14. Jahrhundert dokumentiert zu sein: Eoderm anno [1365] circa Valentini Letwinit tria castra expugnarunt in Prussia, scilices Schalwitarum in Ragnithen, Kaustriten et Splitter omnibus hominibus obductis... Die Schalwenburg wird von den Verfassern der SRP als spätere Tilsiter Burg identifiziert.
Das Schloss Tilsit ist erst 1407–1408 auch auf dem Platz der ehemaligen schalauerischen Burg erbaut. Die an dem Fluss Memel neuerbaute Burg muss laut Lucas David (1813: 86) „nicht so groß noch stark als die erste“, verbrannte, gewesen sein, die war aber zur Wehr gegen die ständigen Anfälle von Feinden
¹¹ Tandem eoderm anno [1347] idem rex venit propre Ragnetam, ubi 3 diebus stetit et multos perturbavit igne et rapina etc. SRP II 509.
¹² Desen weg haben gegaggen Zada von Laukirken, Wilkyn von Labiow, Gedekant ond Waynigede von Ragnit SRP II 673. Diese Wegbeschreibung steht dem mit der litauischen Sprache vertrauten Leser auch auf Litauisch in „Kraštas ir žmonės: Lietuvos geografinių ir etnografinių aprašymai (XIV–XIX a.)“, herausgegeben von Juozas Jurginis und Algirdas Šidlauskas, 1988 zur Verfügung. Die Überlieferungen von Ortsund Personennamen sind in dieser Ausgabe teils lituanisiert, teils nicht, angegeben, der Originaltext der Wegeberichte aus den SRP ist parallel nicht angegeben. Das beeinträchtigt den Wert und die Nutzbarkeit der Publikation auf solchem Ausmaß, dass in mancher Hinsicht sie kaum als zuverlässige Quelle für wissenschaftliche Zwecke gebraucht werden darf.
¹³ Druckausgabe „des Ostpreußischen Folianten“ 911a (im Weiteren – Ostpr. Fol. 911a) von Hans Heinz Diehlmann, 2008.
¹⁴ In seinem Werk „Kurtze vnd warhafftige Beschreibung des Landes zu Preussen“ (1584).
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notwendig gewesen. Der zeitgenössische Chronist Johann von Posilge15 berichtet von dem Bau zweier Häuser „eyn hus uff Mymmel die Tylsat genannt, und eyn hus zu Samaythin Vredeborg16 genannt“, die beiden im Chronikkapitel „Huser wordin gebuwet zcu Sameythin“ eingefügt sind (SRP III 291).
Der erste Pfleger von Tilsit ist seit 1436 bekannt17. Eine weitere Burg in der Komturei Ragnit wurde von dem Hochmeister Winrich von Kniprode um das Jahr 1360 am rechten Ufer des Memel-Flusses errichtet und Neuhaus18 genannt. Nahe Tilsit lagen die Häuser Splittern19 und Caustritten20, beide zuerst im Jahr 1365 erwähnt. Sechs Meilen oberhalb Ragnit hatte Hochmeister Karl von Trier im Jahr 1313 die Burg Christmemel21 gegründet, die um 1409 auch einen Vogt gehabt hatte. In Jahren 1259–1260 wurde die Georgenburg22 angelegt, die später vernichtet und erst 1336 wiedererbaut wurde23. Im selben Jahre wurde
15 Johann von Posilge / de Pुसilie, war ein Geschichtsschreiber, der um 1340 in Posilge (poln. Żuławka bei Marienburg, dem ehemaligen Westpreußen, jetzt Wojewodschaft Kujawien-Pommern) geboren und am 14. Juli 1405 gestorben sein muss. Im Jahr 1372 war Propst in Deutsch-Eylau (poln. Iława, Wojewodschaft Ermland-Masuren), seit 1376 agierte als Offizial des Bistums Pomesanien in Riesenburg (poln. Prabuty, Wojewodschaft Pommern) und Propst in Ladekopp (poln. Lubieszewo bei Danzig) (Zugang: http://www.geschichtsquellen.de/autor/3337 [abgerufen am 10.10.2020]; SRP III 31–38).
16 Nach der Belagerung von Welun (lit. Veliuōna) im durch den Deutschen Orden Jahr 1328 und deren totalen Vernichtung im Jahr 1333, errichtete Herzog Heinrich von Bayern einen neue Burg, die Friedenburg genannt wurde (Kviklys 1965: 339).
17 Den Ortsnamen Tilsit führt Pėteraitis (1997: 406) auf den Flussnamen lit. Tilžė zurück und verbindet ihn mit lit. tilžti ‘nass, durchweicht werden’, tilžūs ‘aufgeweichter und nasser Boden’. Den Ortsnamen behandelt auch Daiva Deltuvienė (2006: 216) bedauerlicherweise notiert sie aber die frühesten Erwähnungen von Tilsit nicht, sie gibt als erste Tilse / Tilsit von 1785 an. Es wäre aber sinnvoll in einer den Ortsnamen des 14.–18. Jhs. gewidmeten wissenschaftlichen Arbeit, die früheste bekannte Bekundung des historischen Ortsnamens anzugeben.
18 Die Burg Neuhaus (lit. Naujieji Namai, Naujoji pilis) muss in eine Steinburg um 1404–1409 umgebaut worden sein (Kviklys 1968: 728; MLE IV 524).
19 Lit. Spitrė, die Burg wurde um die gleiche Zeit mit der Burg Caustritter errichtet, später zerstört und nie wiederaufgebaut (Kviklys 1968: 728; MLE IV 521).
20 Lit. Kaustrýčios, die Burg wurde nach der Vernichtung nie mehr in den Geschichtsquellen erwähnt. Sie muss 4 km östlich Tilsit auf der Hügel, die später Tilsiter Schloßberg genannt wurde, an dem Memel-Fluss gestanden haben (MLE IV 521).
21 Die hölzerne Burg Christmemel (lit. Skirsnemunė) wurde in einem Wald 55 km von Ragnit gegenüber litauischer Burg Bisena gebaut (Kviklys 1968: 594).
22 Die Georgenburg (lit. Jūrbarkas) gilt als eine der ältesten und am meisten in Geschichtsquellen erwähnten Burgen des Deutschen Ordens in Litauen (Vanagas 1996: 82).
23 Item nota quod homines nostri nunc coguntur victualia ducere in castrum Jurgenburg in terra litwinorum situm CDP III 1848: 123–124.
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auch die Marienburg24 auf der Insel Romayn25 und 1337 in der Nähe von Welun26, gegenüber der verfallenen Christmemel die Baierburg27 erbaut. Weiterhin im Jahr 1369, nachdem Großfürst Litauens die zerstörte Kowno-Burg28 auf der Insel Wyrgall29 gegenüber der Naweze30 neuerrichtet hatte, erbaute Winrich von Kniprode als Verteidigungsfestung die Gotteswerder31. Wenn es wahr ist, dass im Jahr 1389 zwei Häuser zu Gotteswerder auf der Stelle des zerstörten älteren gebaut wurden32, dann muss Goteswerder zu der Hauptstütze der Ordensherrschaft in Samaiten am Anfang des 15. Jhs. geworden sein. Marienwerder33 auf der Nerge34 war die am weitesten in das heidnische Litauen vorgeschobene
24 Zu Neuaufbau von Georgenburg und Gründung von Marienburgs s. auch Batūra „Piestvēs pilis Lietuvos gynyboje. Legendinės Lietuvos pradžios pilis“, 2003: 96.
25 Die Gründung der Marienburg wird von Voigt (IV 544) als ein eiliger Bau von einer Festung dargestellt, die vor den Anfällen des heidnischen Litauens schützen sollte. Die Burg stand auf der Insel Romain (lit. Romáinių salà), die sich am Zusammenfluss von den Flüssen Dubysa und Memel befand (Batūra 2003: 89).
26 Das sich 55 km nord-westlich von Kowno (lit. Kaūnas) befindliche Welun (lit. Veliuõna) gehört zu den ältesten und bedeutsamsten Siedlungen Litauens (Kviklys 1965: 338; Vanagas 1996: 82).
27 Die Baierburg, genannt nach dem Namen des bayerischen Herzogs Heinrich von Bayern (lat. Hinricus dux Bavariae) SRP II 501, war eine der strategisch wichtigsten und am weitesten von Preußenland entfernten Burgen. Die erste Baierburg wurde 1337 und die dritte und letzte 1387 gebaut, die schon an der Stelle der Georgenburg neuerrichtet und später auch so genannt wurde (Zabiela 2005: 163–164). Voigt (IV 545) bezeichnet sie neben der Marienburg (auf der Insel Romayn) als die zweite starke Burg an dem Memelstrom.
28 Die seit dem Jahr 1361 bekannte erste Burg von Kowno (lat. Kauwe, lit. Kaūnas) wurde 1362 am Palmsonntag zerstört SRP II 81.
29 Lit. Virgalės sala, auf dem Memelfluss am Zusammenflusse von Memel und Nawezo-Fluss (lit. Nevėžis) (Zugang: https://www.vle.lt/Straipsnis/Gotteswerder-26767 [abgerufen am 3.11.2020]).
30 Lit. Nevėžis, der rechte Nebenfluss von Memel.
31 Laut der Nachrichten von Lindenblatt / Posilie (1823: 31) muss die Burg Gotteswerder von Litauern erobert worden, aber später von dem Orden zurückgewonnen sein. Über die Gründung von Gotteswerder s. auch (Zugang: https://www.vle.lt/Straipsnis/Gotteswerder-26767 [abgerufen am 3.11.2020]).
32 Lindenblatt / Posilie (1823: 115) berichtet über den Bau von zwei Häusern anstelle des zerstörten, an dem einige Gebietige samt vieler baukündigen Leuten vier Wochen seit Pfingsten beteiligt waren. Die Stärkung von den Festungen in Ragnit und Gotteswerder erwähnt auch Voigt (VI 173, 193).
33 Über den Bau der Marienwerder im Jahr 1384 berichtet Wigand von Marburg SRP II 626.
34 Auch Wilia, lit. Neris, der zweitgrößte Fluss Litauens und der größte (rechte) Nebenfluss von Memel.
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Burg, die auf der Stelle des alten Kowno unter Konrad Zöllner von Rothenstein 1384 erbaut und in demselben Jahre von Witold zerstört wurde³⁵.
2.1. Ragnit und Tilsit in dem OF 131
Ein genaueres und vollständigeres Bild über die historischen Ereignisse im ganzen Preußenland, in den hier behandelten und allen von baltischen Völkern bewohnten Gebieten stellen die historischen Dokumente dar, die von der Ankunft³⁶ des Deutschen Ordens und Bildung des Ordensstaates verfasst worden sind. Da die Sprachen der baltischen Stämme in der Vorordenszeit keine eigene Schrift hatten, beruht die Geschichte des Areals vorwiegend nicht auf den geschichtlichen Überlieferungen der einheimischen Chronisten. Handelt es sich um Geschichte des Prŭßenlandes oder der baltischen Völkern allgemein, so kann behauptet werden, dass sie ohne größere „Lücken“ in vielfältigen Werken wiedergegeben worden ist, sind aber genaue und forschungsspezifische sowie lokal eingeschränkte Daten nötig, so reichen dann meistens die rein historischen Werke nicht aus. Deswegen werden zur Erforschung von dem Schwerpunkt des vorliegenden Beitrages unter anderem auch die Ordenskanzleidokumente i.e. die aus dem OF 131 benutzt. Ende des 14. – Anfang des 15. Jhs. erscheinen die Namen Ragnit und Tilsit viel häufiger in den Geschichtsquellen, besonders in verschiedenen Urkunden der Ordenskanzlei, die dazu verhelfen, ein klareres Bild über die behandelten Gebiete Preußens zu gewinnen. Als Hauptquelle, die zur Hilfe bei der Durchführung der vorliegenden Untersuchung herangezogen wurde, dient OF 131. Eben dessen Einträge, die sowohl die Einkunftsverzeichnisse als auch Inventare der Waffen, Lebensmittelvorräte u.a. umfassen, liefern eine Menge an hochwertiger und ausführlicher Information über die Städte, Dörfer, deren Einwohner, Sozialverhältnisse u.a. Über welchen Besitz genau die Städte und Gebiete Ragnit und Tilsit Anfang des 15. Jhs. um Jahr 1419–1438 verfügt hatten kann man heute nicht ermitteln, die Einträge in dem OF 131 zeugen aber von einer gut entwickelter Verwaltung von dem Haushalt und der Beschaffung von Vorräten zur Deckung der Einwohnerbedürfnisse in der Stadt und in der Komturei:
³⁵ Lindenblatt / Posilie (1823: 55–56).
³⁶ Seit Anfang des 13. Jhs. (1226–1235) als die Eroberung der prußischen Stämme begann, fielen die einheimischen Völker unter die Macht eines neuen Reiches, in dem nicht nur die schriftkundigen Chronisten, sondern auch die Verwaltungsund Kanzleibeamten als gewisse Geschichtsschreiber gewirkt haben (Ivoška 2019: 7).
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Ragnite
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Iſe x ſteyn buchßen v̄ xxi lothbuchlen Iſe vij to pulȝ Iſe m schok pfiele vn uij schok armbroſt
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jC vnd lxx Jch maß
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Im kellir
Czum erJten xv faß byer daß faß
von zwey tonnen
Ite Im backhuße xiii Jecke pJtumeel
Ite ij trawetönen mit meel
In der kuche
Czum erJte Jcund x flick fleijch
Ite iiii ochßen Im pekrlfleijch
Ite i tone treug fleijch
Ite ii tonen moen
Ite iij tone grutze
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Ite j laJt erweij
Ite j faß lachß
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Ite iij tone dorJch
Ite viij tonën flumfijch
In dem OF 131 werden auch 9 zinshaftige kretczem in der Stadt labiau (Labiau)³⁷ und noch uffim lande 8 kruge, 33 garte (Gärten) und 2 molen <...> uffim lande dokumentiert. Die zur Komturei gehörigen Dörfer Gertlaucken³⁸ mit 26 belacȝ hube und 16 mŗg und 3 1/2 Jc., sowie dorff Pippeln³⁹ mit 28 huben und 132 mŗg 19 1/2 Jc., item do hat my̆ hŗ im camerampth zcu Labiau mit 116 besaczer huß item do hat my̆ hŗ irr camerampth zcu Laucken⁴⁰ geburJche besacȝer hoken müssen der Komturei Ragnit einen großen Beitrag an Zinsgebühren geleistet haben (OF 131 201–202). Hier sind It[em] jCˣj (121) frye dinJte In beyden kamerampten (i.e. in Kämmerämtern Ragnit und Labiau), It[em] ¹¹Jchoken xij (162 1/2) dy beJacȝt Jint, It[em] xxiv (24 1/2) wuJte hoken zu erwähnen, die von der schon in dem 14. Jh. durchgeführten Landesbesitzverleihung auf erblicher Grundlage zeugen (OF 131 75).
³⁷ Labiau, Kr. Labiau, Kirchspiel Labiau (Blažiene 2000: 75).
³⁸ xGertlauken, Alt und Neu Gertlauken, Kr. Labiau (Blažiene 2005: 64).
³⁹ Vielleicht Piplinn, Kr. Memel, Amts-Bezirk Heinrichswalde (Goldbeck 1785: 120).
⁴⁰ Vielleicht Lauken oder Woynothen, Kr. Insterburg (Goldbeck 1785: 84).
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Zur Frage der baltischen Eigennamen des Gebietes Ragnit und Tilsit in den Ordensdokumenten des 14.–15. Jahrhunderts
Tilsit kommt im Vergleich mit Ragnit nicht so häufig in dem OF 131 vor und die Einträge über die Zinshaftigen sind wesentlich geringer, vorwiegend die Gewehreund Ausrüstungseinheiten betreffend: 1419 ... vnd czur Thilȝad It[em] xiij (13) lodbuchȝen, It[em] / (1) steynbuchȝe. Tylȝad. It[em] iiij (4) steynbuchȝen, It[em] x (10) lotbuchȝen (OF 131 75).
In dem die Rüstungsbestände im Gebiet Ragnit auflistenden Abschnitt des OF 131 ist auch ein kurzes Register von Personen angegeben, die gewisse Rüstungsvorräte besessen hatten:
Diffe nochgeschreiben
hern łezn tƶcu
Ragnithe cƶu erȝtn
Ite h Ech art Kaneworff
hat ij pferde vȯn h[arnisch]
Ite h Kypolt hußkoptur
iij pferde vȯn h[arnisch]
Ite h johan vȯ ryßletey
iij pferde vȯn h[arnisch]
Ite h Erbert von
truxes pfleg czur
tiljeth iij pferde vȯn h[arnisch]
Ite h wirĵberger
Ite h andrewiß ſnellewalt
Schumeiſt
Ite h johan willemethe
ſmedemeiſt
Ite h apucȝ ſtange iij pferde
vȯn h[arnisch]
Ite h michel hellewayn iij
pferde harnisch
Ite h kylian iij pferde vȯn h[arnisch]
Ite h jurge prijſther
Ite her joßeß armbroſt
kuchmeiſt
Ite hr nicluſ priſt[er] h[er]
(OF 131 202).
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In den behandelten die Ragnit und Tilsit Gebiete betreffenden Abschnitten des OF 131 wurde es auch nach den baltischen Personennamen gesucht, die Hauptgegenstand der Untersuchung werden mussten, sie sind aber darin fast nicht aufgezeichnet. Nur ein Herr – Apucz Stange – von 12 genannten Personen mag einen litauischen Namen getragen haben. Vgl. auch den Namen eines Litauers Apus, der im Jahr 1353 zusammen mit seinem Vetter Pomyne als Flüchtling41 aus Litauen, von dem Hochmeister des Deutschen Ordens Winrich von Kniprode und eren beyden ereben und nokomelingen czwene hoken Land zu Gauleden (Kreis Wehlau, Kammeramt Tapiau) verliehen erhalten hatte (OF 105 70r). Es ist sehr glaubwürdig, dass es sich im Fall Apucz Stange nur um eine unterschiedliche Aufzeichnungsart des Auslauts von dem Rufnamen handelt. Der lit. PN Apus wird als ein einst ämmiger lit. PN betrachtet, der auf lit. ãpušė ‘Espe, Zitterpappel’ zurückgeführt wird42.
Alle übrigen Personennamen in dem OF 131 erwähnten Ragniter Einwohner sind deutscher Herkunft. Verfolgt man aber die Namen der Bewohner von dem Ragnit-Tilsit Gebiet in späteren Dokumenten des Deutschen Ordens, so sind die baltischen Personennamen sehr häufig und zahlreich: 1539 Petraschs Budrei-tis, Jacob Nareickeitis, Michael Szadmantis, Gregoll Szadmantaitis; 1539 Dapkus; Wotickus Mantuteitis, Jacob Gailaitis (Diehlmann 2008: 16–17, 23); 1540 Mansche Darge; Johan Gedemyn; Waytkus Mergus, Peter Marge; Kyrkuth, Michell Sakuten (Diehlmann 2006: 25, 43, 49). Die hier zur Untersuchung und zum Datenvergleich herangezogene historische Quelle – Die Türkensteuer im Herzogtum Preußen 1540 – wurde wegen ihrer Ähnlichkeit mit dem OF 131 hinsichtlich der Ausführung und des Zwecks gewählt. Die Abwesenheit von baltischen Personennamen in den Ragnit und Tilsit betreffenden Abschnitten des OF 131 um 1419–1438 und deren staunende Häufigkeit in Ostpr. Fol. 911a um 1539–1540 bedürfen einer gründlichen Analyse und Suche nach Erläuterung, die Gegenstand eines anderen Beitrags werden muss. Voraussichtlich kann nur behauptet werden, dass es an einigen Faktoren liegen muss: es mag sein, dass Litauer und
41 Es handelt sich hier um eine Grundstücksverleihung an Flüchtlinge aus Litauen, die ihren Besitz in ihrem Heimatland verloren haben. Üblicherweise wurden solchen Personen und deren Erben aufgrund der Privilegien gewisse Grundstücke erbbrechtlich verliehen. Derartige Urkunden enthalten bestimmte Verleihungsbedingungen, unter denen auch, im Fall der Eroberung und Taufe Litauens, der Wiedergewinn des Besitzes vorgesehen wurde.
42 Mehr dazu s. Ivoška (2018: 38–39).
43 Die Entstehung eines solchen Registers veranlassten die Ausschreiben von 1529, 1532 und 1535, die an alle Ämter des Herzogtums Preußen ergehen wurden und durch Sammlung der „Türkensteuer“ zur Rüstung gegen den osmanischen Anfall aufforderte. Mehr dazu s. Diehlmann (1998: 15–21).
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Zur Frage der baltischen Eigennamen des Gebietes Ragnit und Tilsit in den Ordensdokumenten des 14.–15. Jahrhunderts
Prüßen um die behandelte Zeit über keinen steuerpflichtigen Besitz verfügt hatten oder es ist mit den objektiven Führungsumständen und dem –vorhaben des GZBs verbunden.
3. ZUR FORSCHUNGSPROBLEMATIK UND DER REICHWEITE VON DEM FORSCHUNGSGEGENSTAND IN DER HISTORISCHEN ONOMASTIK
Der vorliegende Beitrag und die dadurch behandelten Schwerpunkte mögen als ein treffender Beweis gelten, wie komplex und schwer voraussagbar die Erforschung eines gewissen gewählten Untersuchungsgegenstands sein kann. Würde es sich um die Analyse von historischen Quellen und in denen enthaltenes empirisches Material oder um Deutung von historischen Eigennamen handeln, wäre es nicht möglich zu erwarten, dass sowohl qualitativ als auch quantitativ ausreichende Daten unbedingt zur Verfügung stehen müssten. Hierzu muss kurz aber genau angegeben werden, was unter den zu erforschenden Quellen der historischen Namenkunde zu verstehen ist. Im Gegenteil zur gegenwärtigen Onomastik, darf sich der Forscher von historischen Eigennamen nicht auf den Namenregistern, -datenbanken, offiziellen Verwaltungsdokumenten (sei es Daten von dem Standesamt oder aus den Kirchenbüchern) die unter anderem auch regelmäßig und fast lückenlos gelieferte Angaben anbieten, beschränken. Die wertvollsten und wichtigsten Hauptquellen der historischen Eigennamen sind eben die Bestände von Archiven und Bibliotheken, die die ältesten und zuverlässigsten Überlieferungen der Eigennamen enthalten. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass solche Bestände größtenteils über Dokumente verfügen, deren Zweck nicht die Aufzeichnung von Ortsund / oder Personennamen gewesen war, sondern, entweder Geschichtsschreibung oder Sammlung und Aufbewahrung von exakter verwaltungsoder haushaltsbedingter Auskunft, z.B. Steuer-, Schulden- Vorräteregister, Verträge, Privilegien usw. Daher kennt die Forschungsreichweite der historischen Onomastik keine zeitlichen, räumlichen oder gegenstandssetzenden Abgrenzungen. Der Forscher von historischen Eigennamen lässt sich während der Behandlung des erwähnten Gegenstandes jedes Mal entweder durch erstaunliche Neufunde oder mangelnde für exakte Schlussfolgerung nötige Belege überraschen. Die Abwesenheit von erwarteten oder argumentiert vorhergesehenen Belegen der Eigennamen in den zur Verfügung stehenden Quellen muss nicht unbedingt als Misserfolg betrachtet werden, weil sie dann andere weitläufige Fragen zur tieferen wissenschaftlichen
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Diskussion stellt. Darüber hinaus muss auch unterstrichen werden, dass sich der Untersuchungsund Interessenbereich der historischen Namenkunde nicht nur mit den Eigennamen selbst begrenzt, sondern sich auch mit deren breiten Herkunfts-, Gebrauchsund Überlieferungskontext befasst.
4. SCHLUSSFOLGERUNGEN
Das Fazit des Beitrags ließe sich folgenderweise zusammenfassen:
1. Aufgrund der Belege ist zuverlässig nachgewiesen, dass die historisch-schalwischen Gebiete Ragnit und Tilsit von den ältesten bekannten Zeiten baltische Territorien, die auch vorwiegend von einheimischen Bewohnern baltischer Herkunft besiedelt waren, gewesen sind. Die in den Geschichtsquellen des 13.–14. Jhs. neben den litauischen Ortsbzw. Flussnamen Caustritten, Splittern, Romayn, Welun, Wyrgalle, Nawezo dokumentierten deutschen Ortsnamen Vredenburg, Christmemel, Georgenburg, Marienburg, Baierburg u.a., die sich der Zeit im Gebiet Ragnit-Tilsit befanden, zeugen von der Neubenennung der Orte, in denen der Deutsche Orden seine Niederlassungen gegründet hatte. Die mit den historischen Ereignissen verbundenen Tatsachen sind für die litauische Geschichtsforschung gut bekannt, die litauische Namenforschung ist mit den Ortsnamen gut vertraut und sie sind fast alle behandelt, obwohl die litauischen Editionen mancher historischer Geschichtsquellen bei deren Verwendung in der Namenforschung einer kritischen und verantwortungsvollen Betrachtung bedürfen und die m. E. unbedingt vorgenommen werden müsste. Darin sieht der Autor auch seine Aufgabe, um das rätselhafte Fehlen der abwesenden baltischen Eigennamen zu erklären.
2. Aus den zu erforschenden Schwerpunkten der historischen Namenkunde, den davon bedingten und auf vorherigen Forschungen beruhenden Aussichten sowie Zielsetzungen weiterer Untersuchungen resultieren in gewissen Fällen nicht hervorragende Entdeckungen und eindeutige Ergebnisse, sondern werden Voraussetzungen zur kontinuierlichen Quellenund Materialdisputation geschaffen. Der einzige Personenname des litauischen Einwohners aus dem Ragnit Gebiet Apucz Stange, der unter anderen Personen deutscher Herkunft in dem OF 131 mitgenannt worden ist, muss nicht unbedingt darauf hinweisen, dass dieses Gebiet um 1419–1438 von Litauern und Preußen nicht bewohnt war. Im Gegenteil – die ein hundert Jahre später geführten Steuerregister des Herzogtums Preußen, die zahlreiche baltische (preußische und litauische) Personennamen enthalten, verpflichten den gegenwärtigen Namenkundler, herauszufinden, warum die gesuchten Personennamen in den ein hundert Jahre früheren Dokumenten fehlen. Hierzu wird erforderlich sein, nach zusätzlichen, dasselbe
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Areal betreffenden Quellen und in denen eventuell dokumentierten Belegen zu suchen.
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DARIUS IVOŠKA
Dėl baltiškų Ragainės ir Tilžės srities tikrinių vardų XIV–XV a. Ordino dokumentuose
SANTRAUKA
Šio straipsnio autorius, ankstesniais savo tyrimais nagrinėjęs keletą lietuvių ir prūsų istoriniam vardynui svarbių šaltinių – Vokiečių ordino foliantų, šį kartą pasirinko dar vieną, iki šiol jo netirtą foliantą – Nr. 131, žinomą kaip „Vokiečių ordino didžioji činšo knyga 1414–1438“ („Das grosse Zinsbuch des deutschen Ritterordens (1414–1438)“). Šis Vokiečių ordino finansinių dokumentų rinkinys yra vienas svarbiausių istorinių šaltinių, kuriame vardyno tyrėjas činšo mokesčio mokėtojų, inventoriaus, nekilnojamojo ir kilnojamojo turto savininkų bei apmokestintų miestų ir kaimų registre randa gausybę vietovardžių ir asmenvardžių. Tyrimui buvo pasirinktos dvi Prūsijos Lietuvos sritys – Ragainė ir Tilžė. Pirminis tyrimo objektas buvo lietuviški ir prūsiški asmenvardžiai, neatmetant ir galimų naujų su vietovardžiais susijusių faktų. Tyrimo metu, aptikus tik vieną baltišką, veikiausiai lietuviškos kilmės, asmenvardį – Apucz Stange, iškilo klausimų, kurie šiame straipsnyje nagrinėjami pasitelkus istorinius šaltinius, apimančius tiriamojo arealo paliudijimus nuo Vokiečių ordino invazijos į prūsų žemes XII amžiuje iki 1540 metų, Prūsijos hercogystės laikotarpio. Straipsnyje ne tik pateikiamas istorinis Ragainės ir Tilžės kontekstas, trumpai nagrinėjama arealo gyventojų etninė sudėtis, socialiniai santykiai, bet ir sprendžiama istorinio vardyno tyrimų problematika: tyrimo objekto ribos, tirtinų šaltinių ir medžiagos atrankos aspektai, tyrimų pobūdis ir iššūkiai.
Įteikta 2020 m. lapkričio 15 d.
DARIUS IVOŠKA
Lietuvių kalbos institutas
Petro Vileišio g. 5, LT–10308 Vilnius, Lietuva
[email protected]
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