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Eduard Berend und die Anfänge der deutschen literarischen Onomastik

Volker Kohlheim

Abstract

    Im Jahr 1942 publizierte der Herausgeber von Jean Pauls Werken, Eduard Berend, aus dem Schweizer Exil einen Aufsatz über Jean Pauls Namengebung, der als Gründungstext der modernen wissenschaftlichen Literarischen Onomastik gelten darf. Er zeigt darin nicht nur auf, wie Jean Paul zu seinen sehr oft exzentrischen Namen kam, sondern charakterisiert detailreich die poetische Namengebung des Dichters. Dadurch entwirft er teils explizit, teils implizit die Methodik einer künftigen wissenschaftlichen Literarischen Onomastik.

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220 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIV VOLKER KOHLHEIM Bayreuth Wissenschaftliche Forschungsrichtungen: Literarische Onomastik, Namentheorie, Anthroponymie, Hodonymie. DOI: doi.org/10.35321/all84-10 EDUARD BEREND UND DIE ANFÄNGE DER DEUTSCHEN LITERARISCHEN ONOMASTIK Eduardas Berendas ir vokiečių literatūrinės onomastikos ištakos ANNOTATION Im Jahr 1942 publizierte der Herausgeber von Jean Pauls Werken, Eduard Berend, aus dem Schweizer Exil einen Aufsatz über Jean Pauls Namengebung, der als Gründungstext der modernen wissenschaftlichen Literarischen Onomastik gelten darf. Er zeigt darin nicht nur auf, wie Jean Paul zu seinen sehr oft exzentrischen Namen kam, sondern charakterisiert detailreich die poetische Namengebung des Dichters. Dadurch entwirft er teils explizit, teils implizit die Methodik einer künftigen wissenschaftlichen Literarischen Onomastik. SCHLÜSSELWÖRTER: Eduard Berend, Jean Paul, Literarische Onomastik, Methodologie, komparatistische Literarische Onomastik, Phonosemantik, Silbenzahl, Sozioonomastik, redende Namen, antithetischer/gebrochener Name. ANNOTATION In 1942, the editor of the works of the German poet Jean Paul (Richter), Eduard Berend, published from his Swiss exile an article on Jean Paul’s poetical naming practices. This article can be considered as the founding text of scientific literary onomastics. Berend not only shows how Jean Paul found his names, but gives a detailed analysis of his naming practice. Thus, partly explicitly, partly implicitly, Berend devises a methodology of future scientific literary onomastics. KEYWORDS: Eduard Berend, Jean Paul, literary onomastics, methodology, comparative literary onomastics, phonosemantics, number of syllables, socioonomastics, talking/cratylic names, antithetic/ broken name. Straipsniai / Articles 221 Eduard Berend und die Anfänge der deutschen literarischen Onomastik 1. EIN PHILOLOGENLEBEN FÜR JEAN PAUL Es ist sicher nicht ganz falsch, den Beginn einer wissenschaftlichen deutschen Literarischen Onomastik auf das Jahr 1942 zu datieren. In diesem Jahr erscheint in der amerikanischen Zeitschrift Publications of the Modern Language Association of America in deutscher Sprache der umfangreiche Aufsatz Die Namengebung bei Jean Paul von Eduard Berend. Schon jetzt sei gesagt, dass dieser Aufsatz weit mehr enthält, als der Titel verspricht, und zwar nicht weniger als einen vorausweisenden Entwurf der bis dahin noch nicht existierenden Literarischen Onomastik, ausgeführt anhand einer musterhaften Darlegung der Namengebungstechniken des Dichters Jean Paul (Richter) (1763–1825). Wer aber war Eduard Berend? 1883 in Hannover geboren, entstammte er einer gut situierten, bürgerlichen jüdischen Familie1. Sein Vater, Emil Berend (1846–1920), war Rechtsanwalt und Notar und brachte es bis zum Geheimen Justizrat. Schon in seinem Studium faszinierten den jungen Eduard Berend die Schriften Jean Pauls, sodass er 1907 sein Studium mit der Promotion im Fach Deutsche Philologie mit einer Dissertation über das Thema Jean Pauls Ästhetik abschloss2. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs war Berend Privatgelehrter in München, fasste aber in dieser Zeit schon den Plan einer Gesamtausgabe der Werke Jean Pauls, unterstützt durch den Literaturwissenschaftler Julius Petersen. Nach dem Ende des Kriegs, an dem Berend als Freiwilliger teilgenommmen hatte, besorgte er zunächst eine Ausgabe der Briefe Jean Pauls; 1927 beauftragte ihn die Preußische Akademie der Wissenschaften mit der Herausgabe der Werke Jean Pauls, eine Mammutaufgabe, der er bis 1938 nachkam, als man ihm mitteilte, er habe Deutschland sofort zu verlassen. Es gelang ihm zwar, in die Schweiz auszureisen, doch die erhoffte Übersiedlung in die USA erreichte er nicht. Nach Kriegsende forderte ihn die Deutsche Akademie der Wissenschaften auf, die Herausgeberschaft der noch fehlenden Bände der historisch-kritischen Jean-Paul-Ausgabe zu übernehmen, doch erst 1957 konnte er seine Tätigkeit in Marbach am Neckar fortsetzen. Vor seinem Tod im Jahr 1973 erhielt Eduard Berend noch zahlreiche Ehrungen, unter anderem wurde ihm 1957 vom Land Baden-Württemberg der Titel „Professor“ verliehen, 1963 erhielt er die Ehrendoktorwürde von der Freien Universität Berlin. Es dürfte aus dieser biografischen Skizze hervorgegangen sein, dass Eduard Berend, als er zu Beginn der 40er-Jahre des 20. Jahrhunderts in seinem Schweizer Exil einen Aufsatz über Jean Pauls Namengebung verfasste, 1 Die biografischen Daten nach Knickmann (1994/1995). 2 Erschienen 1909 im Verlag Duncker, Berlin. VOLKER KOHLHEIM 222 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIV bestens darauf vorbereitet war. Nicht nur kannte er als Herausgeber der Werke Jean Pauls diese wie kein zweiter, er war auch vertraut mit der großen Menge an Aufzeichnungen und Exzerpten, die in den Kladden und Heften des Schriftstellers erhalten waren (hierzu Müller 1988). Dass er sich nun gerade mit Jean Pauls Namengebung befasste, lag wahrscheinlich einerseits daran, dass, im Gegensatz etwa zum „namenscheuen Goethe“ (824), Jean Paul eine Unzahl an Personenund Ortsnamen verwendet, andererseits wohl auch daran, dass Jean Paul ihm gewissermaßen den Weg gewiesen hatte, war er doch „einer der ersten gewesen, die sich über die Frage der dichterischen Namenwahl theoretisch geäussert haben“ (822)3. Diese Äußerungen finden sich in §74 der zweiten Auflage seiner Vorschule der Ästhetik von 1804 und beginnen mit dem Aphorismus: „Sogar die Kleinigkeit des Namen-Gebens ist kaum eine“ (Jean Paul 2015: 175). Doch wenden wir uns zurück zu dem Aufsatz von Eduard Berend und fragen uns, was er über die Literarische Onomastik mitzuteilen hat. 2. ENTWURF EINER ZUKÜNFTIGEN LITERARISCHEN ONOMASTIK Berend entwirft zu Beginn seines Aufsatzes visionär die Zukunft der Literarischen Onomastik: Zwar wünschenswert, aber überaus schwierig zu verwirklichen sei es, „die Frage, nach welchen Rücksichten und Prinzipien die Dichter ihre erfundenen Personen getauft haben, im weitesten zeitlichen und räumlichen Umfange zu beantworten; die Unterschiede der Zeiten, der Völker, der Sprachen würden sich in diesem Spiegel klar auffangen lassen“ (820). Für Berend selbst war das ein utopisches Projekt, insbesondere, da er noch davon ausgeht, dass ein einzelner Forscher diese Aufgabe in Angriff nimmt. Doch ohne diesen Begriff schon zu verwenden, hat Berend hier bereits eine globale komparatistische Literarische Onomastik entworfen, ein Konzept, das durch die gegenwärtigen computertechnischen Möglichkeiten in greifbare Nähe gerückt erscheint. Zu verweisen ist hier auf die Arbeiten der niederländischen Sprachwissenschaftlerin Karina van Dalen-Oskam, die Computerprogramme entwickeln ließ, die in der Lage sind, Namen in digitalisierten Texten weitgehend korrekt zu erkennen und auch nach bestimmten Gesichtspunkten zu klassifizieren. Mittels dieser so genannten named entity recognition and classification tools lassen sich große Mengen von digitalisierten Texten hinsichtlich 3 Wohnhaft in Genf, wendet E. Berend die schweizerische Orthografie an, die schon damals kein „ß“ kannte. Straipsniai / Articles 223 Eduard Berend und die Anfänge der deutschen literarischen Onomastik Namenverwendung und Namenfunktion analysieren und vergleichen (van Dalen-Oskam 2016). Im Folgenden stellt Berend Forderungen an den Interpreten literarischer Namen auf. Es komme bei der poetonomastischen Untersuchung „nicht so sehr auf den direkten Sinn und Klang des Namens an als vielmehr auf die mannigfachen Nebentöne, die dabei mitschwingen, auf die näheren oder ferneren Assoziationen, die sich daran knüpfen“ (820). Wenn Berend hier einerseits von den „mannigfachen Nebentöne[n]“ spricht und andererseits von den „näheren oder ferneren Assoziationen“, so darf man darin wohl bereits dieselbe Differenzierung erkennen, die später unter einem systemtheoretischen Gesichtspunkt zur Unterscheidung von „innersystemischen“ und „außersystemischen Valeurs“ des poetischen Namens führte: Zu den „innersystemischen Valeurs“ gehört die phonologische Ebene, gehört die Klangsymbolik der Namen, alles, was man als Phonosemantik bezeichnen kann, gehören stilistische Mittel wie Namenwiederholung und Parallelismus, Opposition und Alliteration, gehört schließlich auch die Semantik der „redenden Namen“ (Kohlheim V. 2019: 32–36). Dagegen sind als „außersystemische Valeurs“ die intertextuellen und interkontextuellen Beziehungen zu fiktionalen oder realen Personen oder Orten anzusehen (Kohlheim V. 2019: 36–40). In diesem Zusammenhang berührt Berend auch translatorische Fragen, indem er auf die Schwierigkeiten hinweist, vor die sich der Übersetzer von redenden, also semantisch durchsichtigen Namen gestellt sieht (821; vgl. Kohlheim V. 2019: 291–309). Interessant ist auch, dass Berend in seiner poetonomastischen Abhandlung bereits gattungstheoretische Aspekte berührt: Er stellt fest, dass einerseits „zwischen ernsten und komischen, zwischen idealistischen und realistischen Dichtungen unterschieden werden“ müsse, „und wohl auch zwischen epischen und dramatischen Werken; denn in beiden unterliegen die Namen doch sehr verschiedenen Bedingungen“ (821). Während auf der Bühne der äußere Eindruck der Person und ihr Verhalten maßgeblich sind und der Name nur eine untergeordnete Rolle spielt, trägt „in der Erzählung dagegen [...] der Name sehr wesentlich dazu bei, von dem Träger eine bestimmte Vorstellung zu erwecken“ (321). Es fällt auf, dass Berend hier zwar Epik und Dramatik erwähnt, nicht jedoch die Lyrik. Sicher gibt es Gedichte, die keine Eigennamen enthalten (Mörike: Im Nebel ruhet noch die Welt, /Noch träumen Wald und Wiesen ...), doch können andererseits Namen die gesamte Atmosphäre eines Gedichts prägen (Mörike: Wie heißt König Ringangs Töchterlein? / Rohtraut, Schön-Rohtraut ...)4. 4 Zu Mörikes Schön-Rohtraut s. Schildberg-Schroth 1995: 183-142. Zu Eigennamen in der Lyrik s. Gottschalk 2009. VOLKER KOHLHEIM 224 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIV Sogar produktionsästhetische Gesichtspunkte bringt Berend zur Sprache, freilich ohne diesen Terminus schon zu verwenden. So kritisiert er Missgriffe, „die manchen Schriftstellern bei der Wahl fremdländischer Namen untergelaufen sind“, z.B. Carlyle, der dem Helden seines Romans Sartor Resartus (1834) „den unmöglichen Namen Teufelsdröckh“ gegeben hat (820). Wichtiger ist Folgendes: Wenn er feststellt, Jean Paul sage „einmal nicht ganz ohne Grund, die Heldinnen und Helden seiner Romane könnten ohne ihre köstlichen Namen gar nicht existieren“ (821), kommt er der Auffassung, dass es eigentlich der Name ist, der die Figur konstituiere (Kohlheim V. 2019: 25–28), schon sehr nahe. 3. JEAN PAULS ZUKUNFTSWEISENDE NAMENWAHL Um Jean Pauls Namenwahl in ihrer Originalität zu würdigen, setzt er sie zunächst von den literarischen Namengebungsgebräuchen seiner Zeitgenossen ab und liefert hiermit selbst erste Hinweise für eine Literaturgeschichtschreibung „vom Namen her“. So herrschte zu Jean Pauls Zeiten, schreibt Berend, „noch vielfach die alte Sitte oder Unsitte, Personenoder Ortsnamen nur mit einzelnen Buchstaben, meist den Anfangsbuchstaben, oder mit Sternchen zu bezeichnen, z.B. in Gellerts Geschichte der schwedischen Gräfin von G.“ (823). Andere, z.B. Goethe, gaben statt des Namens oft nur einen Beruf oder den Familienstand an: „der Architekt, der Hauptmann; die Mutter, der Oheim“ (823). Dagegen war Jean Paul Anonymität unsympathisch, auch im wirklichen Leben: „Wenn ich von einem ungekannten Wesen,“ zitiert Berend den Dichter, „nur den Namen weiss, so ist’s mir individueller und meinem Herzen näher als ohne diesen“ (824). Hiermit gesteht Berend dem Dichter eine namentheoretische Erkenntnis zu, die sich erst langsam durchzusetzen scheint, dass nämlich nicht die Identifizierungsfunktion die Hauptfunktion des Eigennamens ist, sondern die Individualisierungsfunktion (vgl. Windberger-Heidenkummer 2011: 20, Fußn. 1). Auch den damals üblichen Brauch, möglichst wenig auffallende, jedoch poetisch klingende Namen wie „Waldheim, Sternheim, Hohenthal“ zu vergeben, mied Jean Paul (825). Auch beteiligte er sich kaum an der zeitgenössischen Mode, Romanfiguren mit zu ihren Tätigkeiten passenden Berufsübernamen zu benennen, also einen Schuster Pech oder Pfriem zu nennen oder einen Kaufmann Pfeffer (826) – eigentlich auch nur eine Art von Anonymität. Überhaupt hatte Jean Paul einen Widerwillen gegen Namen, die direkt „reden“: „Hiess’ ich Vater oder Kind oder Gutsmuths, längst hätt’ ich diese Namen abgelegt“, zitiert Berend aus Jean Pauls autobiografischen Notizen, dem sog. Vitabuch (826). Berend sieht hier Jean Paul als Innovator literarischer Namengebung, doch ist Straipsniai / Articles 225 Eduard Berend und die Anfänge der deutschen literarischen Onomastik ihm das 19. Jahrhundert in der Ablehnung redender Namen nicht gefolgt: Die Literatur des Realismus – nicht nur die deutsche – ist voll davon. Insofern war Jean Paul seinem Jahrhundert weit voraus; erst das 20. Jahrhundert begann, die plakativ redenden Namen abzulehnen. Als Beispiel sei der Schriftsteller Hans Bender zitiert, der sich 1991 brieflich auf eine Anfrage hin äußert: „Ich mag nicht die malerischen, ironischen, komischen Namen. [...] Sie geben dem Leser vor, wie er sich die Gestalten vorstellen muß: gesprächig, dickbäuchig, eitel, schäbig usw.“ (Debus 2002: 130). So gelten auch für Jean Pauls Namengebung die prophetischen Worte, die Ludwig Börne in seiner Gedenkrede auf Jean Paul am 2. Dezember 1825 in Frankfurt am Main sprach: „Er aber steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme“ (Börne 1993: 184). 4. JEAN PAULS NAMENQUELLEN Wie aber fand Jean Paul seine zahlreichen Namen? Hierüber vermag Berend bestens Auskunft zu erteilen, ist er doch vertraut mit des Dichters hinterlassenen Arbeitsmaterialien. So berichtet er von einem wahrscheinlich schon 1789 begonnenen „Sammelheft“ Jean Pauls, das eine „sehr umfangreiche Liste von Ortsund Personennamen“ enthält (828). Aus dieser „schätzungsweise 2000 Ortsund Personennamen“ (832) enthaltenden Sammlung geht hervor, dass Jean Paul „jede sich ihm bietende Gelegenheit benutzt hat, seine Namen sammlung zu vermehren“ (833). Zunächst muss er sich zahlreiche Namen seiner oberfränkischen Heimat notiert haben: „Man braucht nur einmal in den Strassen von Hof oder Bayreuth spazieren zu gehen, so fällt einem alle Augenblicke auf einem Türoder Ladenschild ein aus Jean Pauls Werken vertrauter Name in die Augen“ (833). Und seine „Reiseerzählungen“ lassen sich auf der Karte genau nachvollziehen (Kohlheim V. 2015). Dann aber, so Berend, exzerpierte er Kalender, französische und englische Wörterbücher und Grammatiken. Altdeutsche Namen wie Theoda entnahm er dem 1800 erschienenen Buch Über deutsche Vornamen und Geschlechtsnamen von Tilemann Dothias Wiarda, Ortsnamen exzerpierte er aus den gängigen geografischen Handbüchern seiner Zeit (833f.). Frei erfunden hat Jean Paul seine teilweise doch recht auffallenden Namen nur sehr selten (834), wohl aber hat er vorgefundene Toponyme leicht abgeändert. Er hatte sich zu diesem Zweck Sammlungen von toponymischen Morphemen angelegt, wie „Ober-, Unter-, Mittel-, Alt-, Frei-, Kirch-, -berg, -thal, -rode, -hofen, -fingen, - weiler, -hagen, -stetten“ (835). Auch hat er gelegentlich mit realen Ortsnamen versehene Orte in andere Gegenden versetzt, VOLKER KOHLHEIM 226 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIV so in dem Roman Siebenkäs (1796) das sächsische Kuhschnappel nach Schwaben (vgl. Kohlheim V. 2019: 179–181). Berend weist auf eine weitere, wohl einmalige Besonderheit in Jean Pauls Namensammlungen hin, nämlich die Unterteilung in „gute“ und „schlechte“ bzw. „schlimme“ Namen, sowohl bei den Ortswie bei den Personennamen. Dabei handelt es sich, wie Berend erkannt hat, nicht nur um eine Trennung von moralisch guten und schlechten Figuren, sondern auch um eine soziale Trennung von Hoch und Niedrig, womit im traditionellen Sinne Ernst und Komik korrespondieren (830). „Bezeichnend ist dabei“, schreibt Berend, „dass unter den ‚guten‘ Namen die ausländischen stark überwiegen“, z.B. „Machy, Selis, Lorgna, Düchauffour, Ancillon, Almeria, le Baut, Davila [...]“ (830). „Schlimme“ Namen dagegen sind: „Streichert, Meuseler, Astmann, Stechmann, Bans pach, Beez, Franzen, Fokeln [...]“ (831). Den tieferen Grund für Jean Pauls Namenvielfalt sieht Berend in des Dichters Auffassung von Humor: Jean Paul, so Berend, „hatte [...] erkannt, [...] dass der Humor, weil er auf dem Kontrast der Sinnenwelt zur Idee beruht, alles bis ins kleinste hinab möglichst individualisieren muss“ (828). Durch diese Kunst der „humoristischen Individualisierung aller Personen und Zustände“ bereitet Jean Paul, so Berend, den späteren Realismus des 19. Jahrhunderts vor und antizipiert ihn zum Teil (828). 5. FEINANALYSE VON JEAN PAULS NAMENGEBUNG Es folgt in Berends Abhandlung eine beispielhafte Feinanalyse von Jean Pauls literarischer Namengebung. So untersucht er die Silbenzahl der Eigennamen und stellt fest, dass bei Jean Paul unbedeutende Personen oder Orte einsilbige Namen erhalten („Kob, Kolb, Lind, Knef, Lerch, Stark, Fisch [...]“), während die Namen bedeutender Objekte mehrsilbig sind (837). Er hat damit wohl einen allgemein gültigen Sachverhalt erkannt. Berend selbst erwähnt noch Fontane, der ähnlich vorgegangen sei (836f.); darauf, dass auch im englischen Sprachbereich höhere Silbenzahl mit höherem sozialen Stand korreliert, deutet z.B. die Äußerung des Mr Chucks in Frederick Marryats Roman Peter Simple (1834): „When I was in good society, I [...] seldom bowed, Sir, to anything under three syllables“ (zit. nach Hengst, Sobanski 2000: 81). Berend geht auch auf den Konsonantismus von Jean Pauls Eigennamen ein und stellt fest, dass zahlreiche Namen auf [s] enden, was in Verbindung mit einem vorhergehenden Konsonanten „eine stark lautmalerische Kraft und meist eine mehr oder minder komische Wirkung hat“ (838). Als Beispiele zitiert Berend „Kuhpanz, Straipsniai / Articles 227 Eduard Berend und die Anfänge der deutschen literarischen Onomastik Renovanz, Veldenz [...]“ (839). Gern hängt Jean Paul die Diminutivendungen -lein oder die süddeutschen Verkürzungen -le und -el an seine Namen, was seinen Figuren „einen gemütlichen, harmlosen, unheldischen Anstrich verleiht. Daher gehören fast alle ‚Helden‘ von Jean Pauls Idyllen und Humoresken in diese Gruppe: Fixlein, Krönlein, Schmelzle, Fälbel, Freudel, Fibel, Vierneissel“ (839). Bedeutsam ist vor allem die Phonosemantik der Vokale.: „Unangenehme Personen haben häufig ein langes Ö in der Tonsilbe, z.B. Oefel, Oehrmann [...]“ (842). Negativ besetzt sind auch langes Ä und E: „Blaise, Flätz, [...] Egelkraut“ (842). Wenn Berend weiterhin feststellt, dass „langes I einen entschieden freundlichen Charakter“ trägt, langes A und O dagegen „edle, erhabene Gestalten, z.B. Albano, Cesara, Liane, Beata [...]“ kennzeichnen (842), befindet er sich hiermit in vollkommenem Einklang mit neuesten Forschungsergebnissen zur Phonosemantik, die besagen, dass mit dem Vokal [i] nahezu universell die Vorstellung des Kleinen verbunden ist, mit den Vokalen [o] und [u] aber die des Großen (Elsen 2015: 29). Berend diagnostiziert auch sozioonomastische Züge in Jean Pauls Namengebung, wenn er feststellt: „Personen der oberen Stände haben [...] häufig fremdländische Namen, auch wenn sie sonst nicht als Ausländer charakterisiert werden“. Französische Namen aber tragen „durchweg schlimme oder doch leichtfertige Charaktere“ (842). Darauf, dass Jean Paul redende, also semantisch durchsichtige Namen ablehnte, war schon hingewiesen worden. Allerdings konnte er sie, stellt Berend fest, bei ihrer großen Verbreitung nicht ganz ausschließen, „aber selten verwendet er sie so, dass sie eindeutig auf den Charakter oder Stand des Trägers hindeuten“. So lasse sich ein solcher Zusammenhang bei „dem Schulrat Stiefel, [...] dem Schultheissen Harnisch, dem Frühprediger Flachs“ und anderen „gar nicht oder doch nur sehr künstlich aufzeigen“ (846). Schließlich macht Berend auf eine onomastische Besonderheit Jean Pauls aufmerksam, die von den Schriftstellern des Realismus gern wieder aufgenommen wurde: der in sich widerspruchsvolle Name. Berend nennt hier Attila Schmelzle und Amandus Katzenberger (848). Der Kontrast liegt hier in den unterschiedlich konnotierten Teilen des Gesamtnamens, dem Vorund dem Familiennamen. Attila Schmelzle aus der Erzählung Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz (1809) wird als ein fast pathologischer Fall von Ängstlichkeit dargestellt; hierauf verweist sein Familienname, der die Vorstellung des Schmelzenden, Weichen evoziert. Er selbst kommt sich jedoch äußerst mutig vor und sieht sich durch seinen Vornamen Attila, der als verkörpernder Name auf den hunnischen Heerführer, die „Geißel Gottes“, verweist, korrekt repräsentiert (vgl. Kohlheim V. 2019: 67–71). Auch bei dem kauzigen Mediziner Amandus Katzenberger aus der Erzählung Dr. Katzenbergers Badereise (1809) steht der Familienname für sein Wesen, das auf seine Mitbürger äußerst kratzig und widerborstig wirkt. VOLKER KOHLHEIM 228 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIV Sein Vorname Amandus aber, ein Gerundivum, bezeichnet einen, der, wie es E. T. A. Hoffmann (1995: 952) treffend formuliert, „da soll und muß“, nämlich lieben. Ob er es kann, steht dahin, doch evoziert sein Vorname einen Subtext, der wohl auch dazu beigetragen haben mag, „die Interpreten zu den entgegengesetztesten Deutungen“ zu verführen (Ueding 1993: 174). Für derartige Namen hatte Peter Demetz (1964: 197–201) den Terminus „antithetischer Name“ eingeführt und als Beispiel hierfür Theodor Fontanes Alonzo Gieshübler (Effi Briest, 1895) und Dr. Niels Wrschowitz (Der Stechlin, 1898) genannt (vgl. Kohlheim R. 2019: 176). Gunter Presch wiederum bezeichnete derartige Namen, in die „Widersprüche einwandern“ können (Presch 2002: 100), sodass sie „dies bedeuten und das Gegenteil“, als „gebrochene Namen“ (ibid., 5) und widmete ihnen eine ganze Monografie. Sein literarisches Beispiel war Thomas Manns Tonio Kröger – auch dies ein antithetischer Name ganz in der Nachfolge Jean Pauls. Berend beschließt seinen Artikel mit einer Gesamtwürdigung von Jean Pauls Namengebung. Schon den Zeitgenossen, berichtet er, waren die ungewöhnlichen Namen des Dichters aufgefallen. Nicht immer erhielten sie ihren Beifall. Charlotte von Kalb bewunderte Jean Paul, dennoch urteilte sie: „So sehr ich auch dem Halbgotte Jean Paul [...] ergeben bin, so bin ich mit seiner Namenswahl doch sehr unzufrieden“ (849). Berend gesteht den Kritikern zu, dass Jean Pauls Namenwahl zum Teil sehr „gesucht“ sei (850), doch gibt er zu bedenken, dass Jean Paul keine realistischen Romane schreiben wollte, sondern, „bei allem Realismus im einzelnen, doch nur eine romantische Phantasiewelt aufbauen wollte“ (850). Tatsächlich haben, sagt Berend zu Recht, „ausgesprochene Realisten [...] sich da manchmal weit mehr erlaubt, z.B. [...] Fontane mit Sahnepott, Thomas Mann mit Klöterjahn, Lobgott Piepsam; Sesemi Weichbrodt, besonders Raabe mit Namen wie Schlotterbeck, Ulebeule [...], Knackstert etc.“ (850). Und wenn Berend seinen wegweisenden Aufsatz mit den Worten beschließt: „Die grossen Meister der Erzählungskunst im 19. Jahrhundert [...] sind da doch alle seine direkten oder indirekten Schüler gewesen“ (850), so wird man über das Verhältnis von Berend und den literarischen Namenforschern ab der Mitte des 20. Jahrhunderts dieselbe Aussage treffen können. 6. ZUSAMMENFASSUNG: BERENDS AUFSATZ ALS GRÜNDUNGSTEXT DER LITERARISCHEN ONOMASTIK Das Voranstehende sollte aufzeigen, dass der im Jahr 1942 von Eduard Berend, dem Herausgeber der Werke Jean Pauls, publizierte Aufsatz mit dem