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Zur textuellen Grundlage des altpreußischen „Enchiridions“ bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar

Pietro U. Dini

Abstract

    Wichtige mit Vaters Ausgabe des „Enchiridions“ (1821) verbundene Aspekte sind bis heute nur unzureichend erhellt worden. Dies gilt insbesondere für das Verhältnis zwischen dem von Vater veröffentlichten Text und einer bisher unbekannten, in dem Band Ms. boruss. fol. 462. (Berlin) enthaltenen handschriftlichen Abschrift dieses Sprachdenkmals. A. E. Hennig hat diese Abschrift auf der Grundlage eines unvollständigen Originaldrucks des Enchiridions angefertigt, das ihm als Privateigentum gehörte. Seit Nesselmann (1845) gilt dieses Exemplar als verschollen. Dieses gedruckte Exemplar hat der Abschrift Hennigs und damit auch der Ausgabe von Vater zugrundegelegen, wie dies sowohl textinterne als auch textexterne Argumente bezeugen. Ihm fehlten die Seiten 126–134. Seltsamerweise ist der Text in der Ausgabe Vaters fast zwei Seiten kürzer als derjenige der Abschrift. Aufgrund einer Vergleichung unterschiedlicher Materialien lassen sich bestimmte Züge des verschollenen Exemplars ermitteln. Ich würde vorschlagen, dieses Exemplar des altpreußischen Enchiridions als „HV“-Exemplar zu bezeichnen.

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PIETRO U. DINI Universität Pisa ORCID id: orcid.org/0000-0002-9063-1783 Fields of research: Diachronic linguistics, Linguistic historiography, History of Baltic languages, Prussian, Lithuanian and Latvian philology and linguistics. DOI: doi.org/10.35321/all86-01 ZUR TEXTUELLEN GRUNDLAGE DES ALTPREUßISCHEN ENCHIRIDIONS BEI VATER (1821) ODER ZU DEM VERSCHOLLENEN „VH“-EXEMPLAR* Vaterio prūsiškojo Enchiridiono (1821) pirminio teksto, arba prarastojo „HV“ egzemplioriaus, klausimu Anlässlich des zweihundertsten Jahrestages des Erscheinens der Ausgabe Johann Severin Vaters: 1821–2021 ANNOTATION Wichtige mit Vaters Ausgabe des „Enchiridions“ (1821) verbundene Aspekte sind bis heute nur unzureichend erhellt worden. Dies gilt insbesondere für das Verhältnis zwischen dem von Vater veröffentlichten Text und einer bisher unbekannten, in dem Band * Ich bin Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Lehfeldt (Göttingen) sowohl für einen Gedankenaustausch über das hier erörterte Thema als auch für seine Hilfe bei der Entzifferung einiger Passagen wie auch für eine Durchsicht des deutschen Textes dieses Beitrages sehr verpflichtet. Straipsniai / Articles 11 PIETRO U. DINI Ms. boruss. fol. 462. (Berlin) enthaltenen handschriftlichen Abschrift dieses Sprachdenkmals. A. E. Hennig hat diese Abschrift auf der Grundlage eines unvollständigen Originaldrucks des Enchiridions angefertigt, das ihm als Privateigentum gehörte. Seit Nesselmann (1845) gilt dieses Exemplar als verschollen. Dieses gedruckte Exemplar hat der Abschrift Hennigs und damit auch der Ausgabe von Vater zugrundegelegen, wie dies sowohl textinterne als auch textexterne Argumente bezeugen. Ihm fehlten die Seiten 126–134. Seltsamerweise ist der Text in der Ausgabe Vaters fast zwei Seiten kürzer als derjenige der Abschrift. Aufgrund einer Vergleichung unterschiedlicher Materialien lassen sich bestimmte Züge des verschollenen Exemplars ermitteln. Ich würde vorschlagen, dieses Exemplar des altpreußischen Enchiridions als „HV“-Exemplar zu bezeichnen. SCHLAGWORTE: Altpreußisch, Enchiridion, Johann Severin Vater, Abraham Ernst Hennig, Karl Faber. ANNOTATION Some important aspects of the edition Vater (1821) are still not very clear, particularly the relationship between the text published by Vater and the manuscript copy of the Old Prussian Enchiridion kept in the volume Ms. boruss. fol. 462. (Berlin), which has been unknown until now. The copy was carried out by A. E. Hennig on the base of an incomplete printed copy of the Enchiridion, which was his own property. Since Nesselmann (1845), this copy of the OPr. Enchiridion has been considered lost. Both internal and external arguments show that the lost incomplete printed copy was the starting point for Hennig’s manuscript and consequently also for Vater’s edition. The incomplete copy was lacking pages 126–134. Oddly enough, the text published by Vater is two pages shorter than Hennig’s manuscript copy. A comparison of different data allows us also to restore some features of the lost copy. I would propose calling this copy the “HV”-copy. KEYWORDS: Old Prussian, Enchiridion, Johann Severin Vater, Abraham Ernst Hennig, Karl Faber. EINLEITUNG Die Prussisten haben der Ausgabe des altpreußischen dritten Katechismus, des sogenannten Enchiridions, von Johann Severin Vater aus dem Jahr 1821 bisher nur geringe Aufmerksamkeit geschenkt. Bestenfalls wird sie heute als bloße historiographische Seltenheit angesehen. Ihr Wert für die Erforschung des Altpreußischen ist hingegen bislang kaum gewürdigt worden. Aus den folgenden Darlegungen wird sich erweisen, dass die Vatersche Ausgabe in der altpreußischen Philologie einen Sonderfall darstellt. Wichtige mit dieser Edition verbundene Aspekte sind bis heute nur unzureichend erhellt 12 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar worden, etwa und ganz besonders das Verhältnis zwischen dem von Vater veröffentlichten Text und einer Abschrift des Enchiridions, die Dr. Marie-Luise Heckmann im Jahr 2019 in Berlin wiederaufgefunden und damit gleichsam wiederentdeckt hat. Der Hauptzweck der vorliegenden Arbeit ist es, dieses Verhältnis näher zu untersuchen. Es soll hier nicht darum gehen, Vaters Bedeutung als Prussist zu bewerten. Ferner wird hier nicht die Absicht verfolgt, das Verhältnis zwischen dem von Vater veröffentlichten Text des Enchiridions und den anderen bekannten Exemplaren¹ dieses Sprachdenkmals zu erforschen. Auf dieses Thema soll an dieser Stelle nur am Rande eingegangen werden, weil es verdient, Gegenstand einer eigenständigen, gründlicheren Analyse zu werden (siehe 7.). Vielmehr gedenke ich, mich auf die Entstehung der Ausgabe von Vater zu konzentrieren, unter besonderer Berücksichtigung von deren Verhältnis zu der oben genannten Abschrift. Dieser Schritt ist unerlässlich, wenn man die philologische Überlieferung des wichtigsten altpreußischen Sprachdenkmals möglichst umfassend und erschöpfend rekonstruieren möchte. 1. HENNIG UND VATER IN KÖNIGSBERG Zu Anfang des 19. Jahrhunderts lernten sich in Königsberg zwei gleichaltrige Gelehrte kennen, Johann Severin Vater und Abraham Ernst Hennig. Ihre Freundschaft und Zusammenarbeit sollten eine wichtige Frucht für die Erforschung des Altpreußischen zeitigen, die erste Ausgabe des altpreußischen Enchiridions auf der Grundlage eines Originaldrucks aus dem 16. Jahrhundert. 1.1. Johann Severin Vater Johann Severin Vater ist oftmals als vielseitig tätiger Gelehrter dargestellt worden, der unterschiedliche Fachgebiete kultiviert habe. Götz von Selle (1965) verwendet eine treffende Definition: »Vater hat entschiedene Züge eines Polyhistors alten Stils.« Selle verweist auch auf einige über Vater gefällte Urteile, ¹ Aufgrund eigener Erkundungen (vgl. Verf. 2019) darf ich feststellen, dass gegenwärtig in deutschen Bibliotheken folgende Exemplare des altpreußischen „Enchiridions“ aufbewahrt werden: das „B1“-Exemplar, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (Haus Nr. 1, Unter den Linden), Signatur: Lib. impr. rar. Quart. 182; das „B2“-Exemplar, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (Haus Nr. 2, Berlin-Dahlem), Signatur: 60, 17; das „D“-Exemplar, Staatsund Universitätsbibliothek Dresden, Signatur: Lit. Slav. 51. Straipsniai / Articles 13 PIETRO U. DINI so auf dasjenige Wilhelm von Humboldts (Haym 1894), der Vater zwar für einen guten Bibliothekar, hingegen für einen schlechten Linguisten hielt. Zu diesem Punkt vertrat Kuhn (1895) noch eine andere Meinung, die ich auch für angemessener halte. Kuhn schreibt: »Seine [Vaters] linguistische Werke verdienen, vom Standpunkt ihrer Zeit betrachtet, alles Lob.« Tatsächlich gilt es hier daran zu erinnern, dass das berühmte linguistische Werk Franz Bobps erst 1816 und dessen Beitrag zur Erforschung des Altpreußischen, die Abhandlung „Über die Sprache der alten Preußen“, erst 1853 veröffentlicht wurden. Wie auch immer die Urteile über Vater ausfallen mögen, so ist jedenfalls unbestreitbar, dass sein Werk „Die Sprache der alten Preußen: Einleitung, Ueberreste, Sprachlehre, Wörterbuch“ (gedruckt in Halle, aber veröffentlicht in Braunschweig, 1821) ungeachtet aller seiner Mängel als bahnbrechend anzusehen ist² J. S. Vater wurde 1771 in Altenburg geboren. Die wichtigsten Stationen seines Studiums und seiner Laufbahn sind folgende: 1790–1794 Studium in Jena und in Halle; Erwerb der venia legendi 1795 in Halle und 1796 in Jena; 1799 Berufung als ordentlicher Professor der Theologie und der morgenländischen Sprachen nach Halle; 1809 Übersiedlung nach Königsberg, Aufenthalt dort bis 1820. In dieser Zeit Zusammenarbeit mit A. E. Hennig, der sehr wahrscheinlich Vaters Interesse für das Altpreußische geweckt hat. Vater hat sich auch mit den semitischen Sprachen, besonders mit dem Hebräischen beschäftigt, hat J. Chr. Adelungs „Mithridates“ fortgesetzt und dabei Alexander von Humboldts Erkenntnisse über das Baskische und das Kantabrische berücksichtigt. 1820/1821 kehrte er nach Halle zurück, und in diesen Jahren erschien auch seine Studie über das Altpreußische. In Halle widmete sich Vater intensiv der Kirchengeschichte und den slavischen Sprachen. Nach Meinung einiger Forscher war er der Gründer und erste Vertreter der Halleschen Slavistik (Bernhagen 1964; Fleckenstein 1997). 1.2. Abraham Ernst Hennig Forstreuter (1955: S. 48) lässt seine Wertschätzung Abraham Ernst Hennigs erkennen, wenn es bei ihm heißt, dieser sei »der eigentliche Organisator des Staatsarchivs Königsberg«. Er hebt hervor: »Hennig genoß, wie bei den Behörden, so auch bei der wissenschaftlichen Welt hohes Ansehen« (ibid., S. 50). Außerdem erwähnt er, »[z]u seinen Förderern gehörten J. S. Vater, ² Ein Zeugnis dafür sind Besprechungen dieses Buches nicht nur in Deutschland (vgl. Mone 1821; Grimm 1822), sondern auch in Warschau (vgl. Linde 1822). 14 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar der verdienstvolle Erforscher der altpreußischen Sprache, und der Historiker A. Huhlmann« (ibid., S. 50). A. E. Hennig wurde 1771 in Tharau (Ostpreußen) geboren. Er studierte in Königsberg und an anderen deutschen Universitäten zunächst Theologie, dann Geschichte. Die Hauptstationen seiner Laufbahn sind die folgenden: 1799 Lehrer am Friedrichskolleg in Königsberg; 1800 Pfarrer in Schmauch; 1805 Promotion zum Doctor philologiae an der Universität Königsberg; 1806–1808 Lehrer an der Kreisschule in Goldingen [Lett. Kuldig̦a], Kurland; 1810 Direktor des Geheimen Preußischen Staatsarchivs Königsberg; 1811 Professor der historischen Hilfswissenschaften und Bibliothekar der Königlichen und Wallenrodtschen Bibliothek3. Hennig interessierte sich sehr für die baltische Geschichte, besonders für die Altertumskunde Altlivlands und Kurlands. Er veröffentlichte eine Topographisch-historische Beschreibung der Stadt Insterburg (Königsberg, Kanter), Die Statuten des Deutschen Ordens (Königsberg, 1806), eine Geschichte der Stadt Goldingen (Mitau [Lett. Cēsis], 1809) sowie die Preußische Chronik Lukas Davids (Königsberg, 1812–1817; bis Band 7.). 1796–1797 schrieb er auch zahlreiche historische, statistische und sprachwissenschaftliche Arbeiten, insbesondere über das Lettische. Hier sei darauf hingewiesen, dass Hennig auch Bibliophile war. Vater spricht davon, dass Hennig stolz darauf gewesen sei, dass er in seiner privaten Bibliothek ein Unikum aufbewahren konnte, und zwar einen Originaldruck des apr. Enchiridions. 1.3. Notiz in Adelungs Mithridates (1809) Man findet Hennigs Namen zum ersten Mal in Verbindung mit dem apr. Enchiridion in Johann Christoph Adelungs und Johann Severin Vaters Mithridates oder allgemeine Sprachkunde (1806–1817). Bekanntlich veröffentlichten die Verfasser in diesem mehrbändigen und berühmten Werk den Text des Vaterunsers in vielen Sprachen der Welt. Hennig wird in folgendem Auszug aus dem zweiten Teil des Buches erwähnt4: »Die richtige Formel [des Vaterunsers] ist die letzte aus dem höchstseltenen Enchiridion oder Kirchen-Agende in Alt-Preußischer Sprache, Königsberg, 1561, 3 Ausführlicher darüber vgl. Forstreuter (1955: S. 47–61); Lehnert (1974: S. 296). 4 Adelung (1809: S. 702). Es ist mir nicht klar, weshalb hier das Enchiridion als „Kirchen-Agende“ bezeichnet wird. Straipsniai / Articles 15 PIETRO U. DINI kl. 4, welche der Herr Prediger Hennig besitzet. Diese und der Katechismus sind vermutlich die einzigen ächten Ueberbleibsel dieser Sprache». So erfährt man interessante Daten, die an anderer Stelle eine nähere Beachtung erfahren sollen. Für den vorliegenden Zweck können wir uns auf diejenigen Daten beschränken, die sich auf Abraham Ernst Hennig und dessen Exemplar des Enchiridions beziehen. Es ergibt sich, dass: (1) sich dieses Exemplar des Enchiridions im Besitz des Predigers Hennig befand; (2) das Enchiridion schon 1809 als „höchstseltener“ galt; (3) den Verfassern des Mithridates damals lediglich ein Originaldruck bekannt war. 1.4. Das Altpreußische in dem Index (1815) Vaters Der Stand von Vaters Kenntnis der baltischen Sprachen vor und bis zu seiner Zusammenarbeit mit Hennig ist gut zu erkennen in seinem Werk Linguarum totius orbis Index alphabeticus, quarum Grammaticae, Lexica, collectiones vocabulorum recensentur, patria significatur, historia adumbratur oder Litteratur der Grammatiker, Lexica und Wörtersammlungen aller Sprachen der Erde nach alphabetischer Ordnung der Sprachen, mit einer gedrängten Uebersicht des Vaterlandes, der Schicksale und Verwandtschaft derselben (1815) (siehe 8. Abbildung N. 33). Dort findet man in deutscher und in lateinischer Sprache eine kurze Information über das Lettische und das Litauische. Was die genealogische Zugehörigkeit dieser Sprachen anbelangt, so hielt Vater sie für eine Mischung von Elementen von zum größten Teil slavischer und zu einem anderen beträchtlichen Teil germanischer Herkunft. Hier wird das Altpreußische kurz im Zusammenhang mit dem Litauischen betrachtet, und zwar bei den litauischen Mundarten, so dass man sich nicht des Eindrucks erwehren kann, dass der Autor das Altpreußische eben für einen Dialekt des Litauischen gehalten hat, obwohl er das nicht ausdrücklich sagt. Speziell zum Altpreußischen heißt es⁵: »...und das Altpreußische, von dem wenige, aber zum Theil reinere, der gemeinsamen Beschaffenheit dieser verwandten Sprachen nähere, Ueberbleibsel erhalten sind. ...tum veteris Prussicae, cujus pauca, quae etiamnum extant, monumenta ad communem harum dialectorum formam propius accedere videntur». ⁵ Vater (1815: S. 133–134). 16 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar In dem Auszug spricht Vater nur von vagen Überbleibseln des Altpreußischen, so, als hätte er noch keine Ahnung von der Existenz eines Exemplares des Enchiridions gehabt. Natürlich kann das nicht der Fall gewesen sein, weil dieses Exemplar ja bereits im Mithridates (1809) erwähnt worden war. Es ist auffällig, dass Vater hier dasselbe Wort – „Ueberbleibsel“ – wie im Mithridates verwendet. Dies ist also so zu verstehen, dass er mit diesem Ausdruck auch das größere altpreußische Sprachdenkmal, eben das Enchiridion, bezeichnet hat. 2. VATERS VORWORT (1821) Vaters Studie wurde ein Vorwort vorangestellt, das in schönem altertümlichem Deutsch mit zahlreichen komplexen syntaktischen Konstruktionen verfasst ist. Am Ende steht die Angabe: »Halle, den 15. Oct.[ober] 1820«. Um das Verhältnis zwischen Vaters Ausgabe und der neuentdeckten Abschrift des Enchiridions zu erhellen, wird es von Nutzen sein, einige Passagen aus dem Vorwort hervorzuheben und zu kommentieren. 2.1. Ein einziger Originaldruck? Hennig wird in dem Vorwort eine wichtige Rolle zuerkannt. Zuerst wird er als Forscher und Freund der Geschichte Nordeuropas eingeführt und wird sein Interesse am Altpreußischen geschildert: »[...] die Erhaltung der noch einzig übrigen Quelle genauerer Bekanntschaft mit dieser alten Sprache, [...], haben wir jenem forschenden Freunde der Geschichte des Nordens, Hennig, zu verdanken. Er hat schon im Mithridates Bd. II: S. 702. auf jenen ausführlicheren Katechismus aufmerksam gemacht, den er allein noch besaß; versicherte auch, ungeachtet aller vieljährigen Nachfrage und seiner Bekanntschaft über ganz Preußen, nicht ein zweites Exemplar aufgefunden zu haben, woraus der in jenem fehlende Beschluß des Ganzen zu ergänzen sey. (Spätere Versuche der Art habe ich ebenso vergeblich gemacht.)« (S. VIII–IX). Hier betont Vater, dass Hennig als Kenner der altpreußischen Altertümer anerkannt gewesen sei und dass er zu dem Mithridates die Fassung der Angabe über das apr. Enchiridion beigetragen habe (siehe 1.3.). Danach trägt er die wichtigsten Informationen über einen Originaldruck des apr. Enchiridions aus dem XVI. Jahrhunderts vor: Straipsniai / Articles 17 PIETRO U. DINI Erstens. Hennig hatte einen Originaldruck des Enchiridions in seinem Privateigentum. Die Information „den er allein noch beſaß“ steht in engem Zusammenhang mit der Fassung der fraglichen Stelle des Mithridates und war schon um 1809 bekannt gewesen. Zweitens. Hennig „versichert“, ihm sei kein weiterer Originaldruck bekannt – „nicht ein zweites Exemplar“ –, obwohl er lange und gezielt nach einem solchen Exemplar gesucht habe. In einem Klammer­satz informiert Vater darüber, dass auch er erfolglos nach einem anderen Originaldruck des Enchiridions gesucht habe. Drittens. Zum Schluss trägt Vater seinen Lesern einen Wunsch vor: Sollte sich doch noch irgendwann ein weiteres Enchiridionexemplar anfinden, dann sollte es hoffentlich möglich werden, eine Lücke zu schließen, die aus dem Fehlen des abschließenden Teils in dem – damals als einzigen anerkannten – Exemplar von Hennig resultiert. Weiter erfährt man aus Vaters Bericht (1821: S. IX), dass Hennig so sehr an seinem Originaldruck des Enchiridions gehangen habe, dass er es auf eine Reise von Königsberg nach Bad Pyrmont mitgenommen habe, und zwar mit der Absicht, es unterwegs zu studieren: »Aber gerade diesem einzigen Denkmale drohte selbst von der Seite seines wackern Erhalters die größte Gefahr der Vernichtung. In der Hoffnung, welche erschöpfende Abzehrung zu nähren pflegt, nahm er dasselbe, um, wie er mir sagte, die Alt-Preußische Sprache nun daraus recht zu erforschen, mit sich auf die Reise nach Pyrmont, blieb aber bald auf einem Dorfe an der Warte liegen und starb daselbst«. Dann äußert Vater seine Freude darüber, dass Hennigs Enchiridionexemplar gerettet worden war. Da Hennig offenbar ohne Begleitung unterwegs gewesen und in Zanzhausen (im Kreis Landsberg an der Warthe) am 23. Mai 1815 unerwartet verstorben war, habe die Gefahr bestanden, dass ein solches „Büchlein“ verlorengehe. »Wie leicht mochte in solchem, von keines Freundes Hand beschützten Nachlaße ein kleines unscheinbares, unvollständiges Büchlein unbeachtet verloren gehen, und in ihm alle nähere Kunde von der Sprache der alten Preußen.« 18 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar 2.2. Die Entstehung von Hennigs Abschrift Anscheinend hat zwischen den beiden gelehrten Freunden vor Hennigs Aufbruch nach Bad Pyrmont ein Gespräch stattgefunden, in dessen Verlauf Vater Hennig gegenüber eine Mahnung äußerte, die sich als für das Schicksal des „Büchleins“ entscheidend erweisen sollte. Vater (1821: S. IX–X) berichtet davon mit den folgenden Worten: »Als der Befitzer über jene weite Reiße und ſeinen Plan der Beſchäftigung auf derſelben mit mir, ſeinem Freunde, geſprochen, und mir dabei jenes Denkmal vorgezeigt hatte: beſchwor ich ihn, im Namen der Wiſſenſchaft: daß er durchaus dieſes, wie er ja verſicherte, ganz einzige Denkmal auf einer, bei ſeiner Hin fälligkeit ſo bedenklichen Reiße anders mit ſich nehmen dürfe, als daß er vorher eine ganz genaue Abſchrift fertigen und dieſe zurück laſſe«. In diesem Auszug wird noch einmal beider Überzeugung wiederholt, dass Hennig das einzige existierende Exemplar des apr. Enchiridions besitze. Außerdem erfahren wir, dass, bevor Hennig seine Reise antrat, er „eine ganz genaue Abschrift“ hatte anfertigen sollen oder hatte anfertigen lassen. Dann fährt Vater (ibid.) fort: »Der Ernſt, mit dem ich dabei als Sprachforſcher geſprochen hatte, verbunden mit meiner herzlichen Fürſorge für die Art ſeiner Reiſe, mußten den Eindruck auf ihn gemacht haben, daß er, wie ich hernach vom Hn. geh. Archivar Faber erfuhr, eine ſolche Abſchrift: ſchon [...] geſchriebene, genaue Abſchrift jenes Katechiſmus, und zwar verſiegelt mit Aufſchrift: daß, wenn er von der Reiſe nicht zurückkäme, ich dieſelbe zum Andenken und Eigenthum erhalten ſolle, in F’s Händen zurück ließ«. Hennig hatte also den Rat seines Freundes befolgt und vor der Abreise von seinem eigenen Exemplar des Enchiridions eine Abschrift angefertigt. Auf diesem Wege war eine Abschrift des Originaldrucks zustandegekommen und in Königsberg in den Händen des Archivars Karl Faber zurückgelassen worden, und zwar mit der Maßgabe, dass dieser im schlimmsten Fall zugunsten von Vater als Testamentvollstrecker auftreten sollte. Straipsniai / Articles 19 PIETRO U. DINI 2.3. Die Entstehung von Vaters Ausgabe (1821) So gelangte nun Hennigs Abschrift des Exemplars des apr. Enchiridions in die Hände von Vater. Über die Umstände der Übergabe lesen wir bei Vater (1821: S. X): »So bekam ich dieselbe, als den schönsten Lohn für meine Fürsorge für die Kunde der Alt-Preußischen Sprache. Aber das Original war damit noch nicht gesichert; und daß es werde, mußte ich wiederholt bei den höheren Behörden einkommen. Es dauerte länger als ein Jahr nach dem Tode H’s, bis es zu der Bibliothek des Geheimen Archivs kam, in welcher es nun für immer verwahrt bleibt, und welcher, da sie indessen den litterarischen Nachlaß H’s gekauft hatte, diese dabei gar nicht einmal angegebene Hauptseltenheit gehörte«. Hier erfahren wir, dass die „Hauptseltenheit“ – das heißt der Originaldruck des Enchiridions aus Hennigs Besitz – um das Jahr 1816/1817 in die Bestände der Bibliothek des Geheimen Archivs in Königsberg gelangt war. Zwei Aspekte sind hier hervorzuheben: Erstens wird noch einmal unterstrichen, dass die „Hauptseltenheit“ ein Unikum war, und zweitens, dass der Originaldruck der genannten Bibliothek „für immer“ überlassen wurde. Die erste Behauptung trifft jedoch nicht zu. Es gab schon damals in Königsberg mehr als einen Originaldruck des Enchiridions (siehe 5.). Und was den zweiten Punkt betrifft, so ist das dem Geheimen Archiv überlassene Exemplar dort leider nicht „für immer“ aufbewahrt geblieben. Sein Schicksal sollte sich noch sehr abenteuerlich gestalten. Auf jeden Fall stand das „Büchlein“ seit seiner Übergabe an das Geheime Archiv Vater zur Verfügung und konnte dieser es dort benutzen. Noch in Königsberg begann Vater mit der Arbeit an seiner Studie zum Altpreußischen, zumal er dort auch sehr viel weiteres Material finden konnte⁶. Über das von ihm befolgte redaktionelle Verfahren berichtet Vater (1821: S. X–XI) Folgendes: »Aus derselben habe ich erst in diesem Jahre die genaue Abschrift noch einmal mit dem Originale verglichen, und daraus hier unter meinen Augen abdrucken lassen, und von meinem gütigen Freunde, Hn. Geh. Archivar Faber, die nochmalige genaue Vergleichung meines Abdrucks mit dem Urdruck erhalten (woraus die am 6 Außerdem gibt Vater (1821: S. XVII–XXI) in der Einleitung zu seiner Studie auch einen ersten Hinweis auf ein apr. Sprachcorpus an: (a) zwei Kleine Katechismen aus dem Jahr 1545; (b) ein Exemplar des Enchiridions aus dem Jahr 1561; (c) andere einzelne Überreste; vgl. Verf. (2014: S. 92). 20 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar Ende dieſer Schrift angegebenen Berichtigungen gefloſſen ſind); jene Abſchrift aber, welche doch beſonders nach ſolcher wiederholter Durchſicht die Stelle des Originals vertreten kann, in der Königl. Bibliothek zu Berlin zu mehreren dort nun verwahrten, vorher mir zugehörigen linguijiſchen Seltenheiten niedergelegt«. Zu diesem Auszug sind einige Kommentare angebracht, weil nicht alle in ihm erwähnten Einzelheiten unmittelbar ganz klar sind. Der Anfang mit der Formulierung „Aus derſelben“ bezieht sich auf die davor erwähnte „Hauptſeltenheit“ d.h. auf dem Originaldruck des Enchiridions aus Hennigs Besitz (auch „Büchlein“ genannt). Das mit dem Ausdruck „in dieſem Jahre“ Gemeinte können wir näher bestimmen: Es muss das Jahr 1820 sein, und zwar früher als der 15. Oktober, weil (1) Vater damals noch in Königsberg gelebt und die „Hauptſeltenheit“ im Geheimen Archiv hatte benutzen können und (2) er sein Vorwort (vgl. Vater 1821: S. XI) am 15. Oktober 1820 beendete und zu diesem Zeitpunkt bereits nach Halle umgesiedelt war. Worauf genau bezieht sich die Präposition „daraus“ in der Formulierung: „und daraus hier unter meinen Augen abdrucken laſſen“? Woraus geschah der Abdruck? Wir können uns folgende Situation vorstellen: Zuerst verglich Vater die von Hennig hergestellte Abschrift mit dem Originaldruck des Enchiridions. Dann ließ er sie unter seiner Aufsicht abdrucken, und zuletzt verglich er das Ergebnis der von Karl Faber durchgeführten Vergleichung seines Abdrucks mit dem Originaldruck – dem „Urdruck“ – des Enchiridions (siehe 3.4.). Als durch diese Vergleichung sichergestellt worden war, dass der „Urdruck“ und der neue Abdruck vollkommen übereinstimmten, wurde Hennigs Abschrift – „jene Abſchrift“ – nach Berlin gegeben, gewissermaßen als Ersatz für den „Urdruck“, falls diesem ein Unglück widerfahren sollte. Vater schließt seinen Bericht wie folgt (1821: S. XI): »Erſt in dieſem Jahre konnte ich daran denken, mich mit dieſem Denkmal der Alt-Preußiſchen Sprache zu beſchäftigen; aber da ich, wie ich pflege, wenigſtens für die Hülfsmittel dieſer Beſchäftigung vorher eifrig geſorgt hatte, ſo iſt es mir zu meiner Freude möglich geworden, nun ſchon die Ergebniſſe der Erforſchung derſelben mitzutheilen, ohne daß etwas Weſentliches, was dieſelbe weiter fördern könnte, dazu noch hätte erwartet werden müſſen«.⁷ ⁷ Das Übrige aus dem Vorwort (vgl. Vater 1821: S. XI–XII) betrifft nicht mehr die Überlieferung des Enchiridions und wird hier deshalb nicht weiter berücksichtigt. Straipsniai / Articles 21 PIETRO U. DINI Also „[e]rßt in diesem Jahre“, d. h. 1820 – wie oben bereits präzisiert – fing Vater damit an, das apr. Enchiridion zu untersuchen und zu bearbeiten. Schon ein Jahr später konnte er dann die Ergebnisse seiner Forschungen zum Altpreußischen in der bereits mehrmals erwähnten Studie veröffentlichen (siehe 8. Abbildung N. 34). 2.4. Struktur und Charakteristik von Vaters Ausgabe Vaters Studie aus dem Jahr 1821 besteht aus zahlreichen unterschiedlichen Teilen: (1) einem Vorwort (vgl. 2.1.–2.3.); (2) einer Einleitung; (3) dem Text des Enchiridions; (4) einer Grammatik der altpreußischen Sprache; (5) einem Wörterbuch der altpreußischen Sprache; (6) drei Beilagen: I. Namen altpreußischer Männer auf Samland, II. einem Teil aus der Preußischen Schaubühne von M. Prätorius über Stücke des Enchiridions, III. der Zusammenstellung der altpreußischen, der altlitauischen und der altlettischen Übersetzung; (7) den Verbesserungen und Zusätzen (2.5.; siehe 8. Abbildung N. 35). Im Folgenden sollen einige Aspekte der Ausgabe näher erörtert werden. In der Einleitung legt Vater (1821: S. XIX) eine – fehlerbehaftete – Abschrift des einzigen ihm bekannten Drucks des Enchiridions vor: »Euchiridion: der kleine Catechismus Dr. Martin Luthers, Teutsch und Preußisch (gedruckt zu Königsperg in Preußen durch Johann Deubnern, MDLXII)«. Angesichts grober Fehler – wie Euchiridion statt Enchiridion und Deubnern statt Daubman(n) – fragt man sich, ob Vater tatsächlich den Originaldruck eingesehen hatte. Untersucht man die Ausgabe von Vater in Vergleichung mit den späteren Ausgaben desselben Sprachdenkmales (z. B. Nesselmann 1845; Trautmann 1910; Mažiulis 1966), stellt man viele kleinere und größere Unterschiede fest. Besonders in der graphischen Gestaltung des Textes und bei der Wiedergabe der langen Vokalgrapheme gibt es viele Besonderheiten. Ich habe mindestens 755 Mikrounterschiede ermittelt, die sich auf bestimmte Gruppen verteilen lassen: 22 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar a) Zunächst wird bei Vater <i> regelmäßig als <y> wiedergegeben (z. B.: dygi, mylan, powyštin, Rikǝyan u.s.w.). Manchmal fehlen bei Vater die Längezeichen bei <ā> und <ē>, die bei den späteren Herausgebern deutlich vorhanden sind. Fälle von Umstellungen der Längezeichen (z. B.: gürins statt gurins bzw. ſchλαits statt ſchλαits) sind sehr selten; b) Ein besonderer Fall ist bei Vater die unterschiedliche Behandlung von <i ~ ī> in Vergleichung mit den späteren Ausgaben. Das ist verblüffend, weil Vater (1821: S. X) versichert, er habe »die genaue Abschrift noch einmal mit dem Originale verglichen«. Tatsächlich ist die Setzung von <i> oder <ī> oft unmöglich bzw. willkürlich, und in dieser Hinsicht weichen die Entscheidungen der Herausgeber des Enchiridions recht stark voneinander ab. Besonders schwer lesbar sind die Schreibungen von <ī> nach <∫>; c) Auffällig sind Univerbierungen wie etwa madlinkai statt madlin kai, eʃʃetennan statt eʃʃe tennan, neiʃmuʃubʃai statt ne iʃmu ʃubʃai, rikinpo statt rikin po, u.s.w. sowie falsche Trennungen, z. B.: Jum praw an, panʃadau mannien, praka wīdans u.s.w.) sind auffällig. Eine allgemeine Eigenschaft von Vaters Ausgabe besteht darin, dass der Herausgeber sowohl mit dem deutschen wie auch mit dem apr. Text sehr „freizügig“ umgeht. Bei dem deutschen Text weicht Vater sehr stark von der Vorlage ab. Offenbar war es sein Ziel, diesen Text in einer den Lesern verständlichen Form zu präsentieren. Deshalb überarbeitete er den Luther­schen Originaltext recht stark und modernisierte ihn. Tatsächlich sind die Unterschiede zwischen dem von ihm vorgelegten Text und dem Begleittext des Enchiridions so zahlreich und so auffällig, dass es sich an dieser Stelle erübrigt, auch nur ein einziges Beispiel anzuführen. Leider ist Vater im Umgang mit dem apr. Text nicht weniger unzuverlässig gewesen. Er verwendet hier ein eigenes Schreibsystem, das oft als fragwürdig oder als zweifelhaft bewertet werden muss. Aufgrund dieses Sachverhaltes sind beide Texte für philologisch-sprachwissenschaftliche Zwecke nur unter Vorbehalt und mit großer Umsicht verwendbar. 2.5. Verbesserungen und Zusätze Laut dem Vorwort (vgl. Vater 1821: S. X) ließ der Herausgeber nach dem Druck seiner Studie eine letzte Schlussvergleichung durchführen. Tatsächlich konnte es passiert sein, dass es bei der Herstellung der Druckvorlage zu (Druck)Fehlern gekommen war. Um diese Möglichkeit auszuschließen, ließ der Herausgeber Vater eine zusätzliche Vergleichung seines Abdruckes mit dem „Urdruck“ durchführen (vgl. 3.4.). Diese Schlussvergleichung verdanken Straipsniai / Articles 23 PIETRO U. DINI wir aber sehr wahrscheinlich Karl Faber, der in Königsberg tätig war, wo auch der Originaldruck aus Hennigs Besitz aufbewahrt wurde. Vater (1821: S. XI) erinnert daran, dass: »von meinem gütigen Freunde, Hn. Geh. Archivar Faber, die nochmalige genaue Vergleichung meines Abdrucks mit dem Urdruck erhalten (woraus die am Ende dieser Schrift angegebenen Berichtigungen geflossen sind)«. Tatsächlich finden sich am Ende von Vater (1821: S. 183) die von dem Herausgeber gesammelten Verbesserungen und Zusätze (siehe 8. Abbildung N. 35). 3. MS. BORUSS. FOL. 462 Es lohnt sich nun, in die Erörterung dieser Frage auch das Ms. boruss. fol. 462. mit einzubeziehen. Hierbei handelt es sich um einen erst vor wenigen Jahren von Marie-Luise Heckman (2019) in Berlin wiederentdeckten Band, der folgendermaßen beschrieben wird (Heckman 2019: S. 31–33): Ms. boruss. fol. 462: Johann Severin Vater: Enchiridion. Der kleine Catechismus Doctor Martin Luthers, Teutsch und Preussisch. Gedruckt zu Königsberg in Preussen durch Johann Daubmann. M. D. LXI (Abschrift) Faber: Collatio der Abschrift an Druck, 64 Bl., Halle, um 1821. Braun melierter Pappband, auf dem Rücken grünes Schildchen mit der Aufschrift Ms. Boruss. fol. 462. Preussischer Catechismus. Abschrift des gedruckten v. 1561. Darunter rotes Schild mit gültiger Signatur, 30 x 20. Papier, BR 32,5 x 19,5. Zwei Faszik el: I: Bl. 1r–62v, Blattpaginierung mit verzierter Bordüre, in Tinte, Zeilenzahl schwankt, Kurrentschrift, eine Hand, Reklamanten. II: Bl. 63r–64v Größeres Format: 36,5 x 22, gefaltet, beidseitig beschrieben. Weitere Hand. Der Band besteht aus drei Teilen im Umfang von insgesamt 64 Blättern: 1. Von der Karte 2a bis 61b – eine Abschrift mit Titelblatt auf der Karte 2a (siehe 8. Abbildung N. 36). 2. Karte 62a – eine Bemerkung von Vater (siehe 8. Abbildung N. 37). 3. Von der Karte 63a bis 64b – ein von Karl Faber erstelltes Verzeichnis von Formen des Enchiridions (siehe 8. Abbildung N. 38). Es sieht so aus, dass die in dem Ms. boruss. fol. 462. enthaltene Abschrift eines unbestimmten Exemplars (bzw. des Originaldruckes) des apr. Enchiridions Vater zugeschrieben wird. Eine solche Zuschreibung scheint aber durchaus fragwürdig zu sein. 24 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar Die oben (siehe 2.) durchgeführte Analyse des Vorwortes zu Vater (1821) lässt, wie mir scheint, folgende Feststellung zu: (a) Die in dem Ms. boruss. fol. 462. enthaltene Abschrift ist gerade „jene Abschrift“, die Hennig in Befolgung eines Ratschlags Vaters vor seiner Abreise aus Königsberg nach Bad Pyrmont angefertigt hat (siehe 2.2.); (b) Auf der Grundlage von Hennigs Abschrift und unter Berücksichtigung bestimmter Korrekturen in dem Verzeichnis von Faber (vgl. 3.4.) bereitete Vater seine Studie vor und veröffentlichte sie dann 1821. 3.1. Der Vermerk Für die Zuschreibung der Autorschaft der Abschrift an Hennig, stellt ein Vermerk auf der Rückseite des Einbanddeckels (Karte 1b) kein wirkliches Hindernis dar: ABBILDUNG N. 1 Ms. Bor. In Fol. N. 462. P. Joh. Severin Vater’s die Sprache der alten Preußen Braunschweig 1821. Vorr. S. X. XI. Vermutlich wurde dieser Vermerk von einem Bibliothekar – laut Heckmann (2019: S. 33) von S. Josef Sauer – zu einem leider nicht genau zu bestimmenden späteren Zeitpunkt hinzugefügt. Man kann sich folgende Situation vorstellen: Alle heutzutage in Ms. Bor. In Fol. N. 462. zusammengebundenen Materialien – die Abschrift Hennigs, die Bemerkung Vaters und das Verzeichnis Fabers – wurden von Vater in Berlin eingereicht. Bald darauf veröffentlichte Vater seine Studie über das Altpreußische. Es ist daher keine Überraschung, dass ihm auch die Autorschaft des ganzen Bandes Ms. Bor. In Fol. N. 462. zugeschrieben wurde. Die Analyse von Vater (1821) Vorwort macht es nunmehr möglich, die Autorschaft der Abschrift (wie auch die des Verzeichnisses) genau zu bestimmen. Straipsniai / Articles 25 PIETRO U. DINI 3.2. Der Besitzerstempel Sowohl am Anfang (auf der Karte 2b) als auch am Ende (auf der Karte 62b) des Bandes von Ms. Bor. In Fol. N. 462. wie auch in dem Verzeichnis ist ein roter Besitzerstempel mit doppelter Außenlinie angebracht. Dieser Stempel kennzeichnet diejenigen Bände, die in der Zeitspanne zwischen 1795 und 1840 in die Bestände der Königlichen Bibliothek zu Berlin gelangt sind8. Aus dem Vorwort zu Vater (1821) wissen wir bereits (vgl. 2.3.), dass die Überbringung von Hennigs Abschrift zusammen mit anderen Materialien nach Berlin um das Jahr 1820 stattgefunden hat. Abschrift 2b Abschrift 62b Verzeichnis 64. ABBILDUNG N. 2 ⁸ Vgl. Verf. (2020a: S. 327–328) mit Bibliographie. 26 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar 3.3. Die Bemerkung Vaters Das Ms. boruss. fol. 462. enthält auch eine undatierte Bemerkung von Vater (siehe 8. Abbildung N. 37). Sie ist in demselben Band unmittelbar nach der Abschrift mit dieser zusammengebunden worden. Der Vollständigkeit halber sei ihr Text hier angeführt: Bemerkung des Herrn Doctor Vater zu Halle. So weit reicht das Original, welches sich in dem, so viel man weiß noch einzigem Exemplare, gedruckt in dem geheimen Archive zu Königsberg befindet und in Vaters Sprache der alten Preußen wieder abgedruckt ist. In vorstehender Abschrift stehet soviel auf jeder Seite, wie im Originale. Jener Abdruck ist nochmals mit dem Originale verglichen, und die Abweichungen in Accenten und Interpunction finden in dem nachfolgenden Verzeichniß von Hn. Geh. Archivar⁹ Faber zu Königsberg angezeigt; so daß die Vergleichung der vorstehenden Abschrift damit und mit dem Abdrucke das Original ersetzen könnte. In dieser Bemerkung beschreibt Vater den Stand seiner Kenntnis über das altpreußische Enchiridion, den er zusammen mit Hennig erzielt hatte und von dem in dem vorliegenden Beitrag bereits die Rede war. Danach gab es nur einen einzigen Originaldruck des apr. Enchiridions. (a) Dieses Exemplar wurde im Geheimen Archiv in Königsberg aufbewahrt. (b) Es ist in Vater (1821) abgedruckt und veröffentlicht worden. (c) Die Abschrift ist Seite für Seite nach dem Originaldruck buchstabengetreu erstellt worden. (d) Sie ist noch einmal mit dem Originaldruck verglichen worden. (e) Einige – vor allem graphische – Abweichungen sind in dem sog. Verzeichnis Fabers zusammengestellt worden. (f) Diese Materialien – Abschrift, Verzeichnis und Abdruck – können den Originaldruck ersetzen. ⁹ Es ist nicht eindeutig „Archivar“ zu lesen; an der Stelle steht wahrscheinlich „Archivon“ oder „Archivan“, was wohl ein Schreibfehler ist. Straipsniai / Articles 27 PIETRO U. DINI Die Bemerkung weist die Präzisierung „zu Halle“ auf, die als Angabe der Hauptarbeitsstelle des Verfassers der Bemerkung zu verstehen ist. Ein Datum ist leider nicht angegeben. Aber da sich Hennig erst im Jahr 1815 auf die Reise machte und seine Abschrift schon früher angefertigt und Faber übergeben hatte, darf man vermuten, dass Vater diese Bemerkung erst nach diesem Datum, und zwar zwischen 1815 und 1820, niedergeschrieben hat, als er auch in Königsberg noch tätig war. Will man auch dem Ausdruck „in Vater’s Sprache der alten Preußen wieder abgedruckt ist“ Glauben schenken, dann würde das bedeuten, dass Vater die Bemerkung frühestens nach der Veröffentlichung seiner Studie, d. h. im Jahre 1821, angebracht hat. Auf alle Fälle ist unschwer einzusehen, dass Vater nicht behauptet, der Verfasser der Abschrift gewesen zu sein. 3.4. Das Verzeichnis Fabers Am Ende des Ms. boruss. fol. 462. sind noch drei mehrfach gefaltete Karten (63a–64b) größeren Format ohne Titel hin zugebunden. Diese Karten sind als Verzeichnis Fabers bekannt (siehe 8. Abbildung N. 38). Seit 1808 war Karl Faber in Königsberg als Archiv­ar tätig. Dort war er 1773 geboren, und dort starb er auch im Jahr 1853. Seine zahlreichen Veröffentlichungen zeugen davon, dass er ein lebhaftes Interesse an historischen Themen hegte10. Auf Ersuchen Vaters – wie schon in 2.5. angedeutet – führte Faber anhand des Königsberger Originaldrucks eine Kontrolle der Abschrift durch. Das Ergebnis dieser Kontrolle ist eben das Verzeichnis, das die von Faber ermittelten Abweichungen der Abschrift Hennigs von dem Originaldruck aufführt. Hier werden ungefähr 90 Abweichungen aufgeführt. Interessanterweise sind unter anderem gerade alle diejenigen Fälle unterstrichen, die später in den Verbeßerungen und Zuſätzen Vaters (1821: S. 183) gesammelt werden sollten. Es ist nicht schwer, anzunehmen, dass Vater selbst der Autor dieser Unterstreichungen gewesen ist, auf die er sich dann in dem Abschnitt Verbeßerungen und Zuſätze in seiner Studie stützte. Es ist gewiss möglich, durch eine gründlichere Untersuchung von Fabers Verzeichnis weitere Formen und Züge des Königsberger Originaldruckes des apr. Enchiridions zu ermitteln. Das ist aber auch eine Aufgabe, deren Verwirklichung zu einem späteren Zeitpunkt unternommen werden soll. 10 Über Faber vgl. Krollman (1974); Forstreuter (1955: S. 47–48). 28 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar 4. DATENSAMMLUNGEN: EINE VERGLEICHENDE ANALYSE Um in die Textgrundlage von Vaters Ausgabe einen konkreteren Einblick zu gewinnen, kann man unterschiedlichen Arten von Hinweisen nachgehen. Meines Erachtens lohnt es sich insbesondere, eine vergleichende Analyse von drei zusammengebundenen Datensammlungen durchzuführen, und zwar der Abschrift Hennigs, von Vaters Verbesserungen und Zusätzen und dem Verzeichnis Fabers. Dabei ergeben sich 23 Berichtigungen (hinzu kommen noch zwei andere, die aber nur den modernisierten deutschen Text von Vater betreffen), die hier gemäß der Vaterschen Reihenfolge aufgeführt werden:11 1. (Abschr. 12a,5 : Vater 2,12 : Verz. 63). ABBILDUNG 3 Obwohl Hennig in der Abschr. die Form schon als <dinkauimai> geschrieben hatte, ließ Vater sie als <dinkauma> drucken. In den Verbess. stellte er aber die korrigierte Schreibung <dinkauimai> wieder her, genau so, wie sie im Verz. (und vermutlich auch in dem Originaldruck) belegt ist. 11 In den folgenden Kurzkommentaren verwende ich folgende Abkürzungen: Abschr. – die handschriftliche Abschrift des apr. Enchiridions von Hennig; Vater – dessen Ausgabe von 1821; Verz. – die von Faber zusammengestellten Berichtigungen; Verbess. – die Verbesserungen und Zusätze von Vater (1821: S. 183; siehe 8. Abbildung 35). Originaldruck (bzw. Urdruck) nenne ich ein unbekanntes, heute verschollenes Exemplar des apr. Enchiridions, das Hennig gehört hat und das dieser für eine Schlussvergleichung verwendet hat. Straipsniai / Articles 29 PIETRO U. DINI 2. (Abschr. 12a,7 : Vater 2,16 : Verz. 63). ABBILDUNG N. 4 Dieser Fall ist kompliziert. Schon in der Abschr. wurde die Form zu <Länkina> mit <n> am Ende verbessert. Vater ließ sie zuerst als <Länkina> drucken, später aber, in den Verbess., korrigierte er sie zu <Länkinan>. Das Verz. zeigt hingegen <Länkinan> ohne Längezeichen, so dass die Korrektur <Länkinan> mit einem Längezeichen nur anhand des Originaldrucks hatte vorgenommen werden können. 3. (Abschr. 13a,12 : Vater 4,2 : Verz. 63). ABBILDUNG N. 5 30 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar In Fall von <ſeggen> las Vater zuerst wie in der Abschr., aber später korrigierte er die Form zu <ſeggē>. Im Fall von <ſejſma> war schon bei Vater eine andere Form als in der Abschr. vorhanden, wo offensichtlich <ſejſmu> steht. Beide Formen, <ſeggē> und <ſejſmu>, sind richtig sowohl in den Verbess. als auch in dem Verz. belegt (so, wie es auch in dem Originaldruck sein sollte). 4. (Abschr. 17a,8 : Vater 9,2 : Verz. 63). ABBILDUNG 6 Vater ließ <Criſtianikas> drucken. Beobachtet man <Criſtianijſkas> in der Abschr., bemerkt man, dass die Form des zweiten <ſ> sich von derjenigen des ersten unterscheidet; und so verhält es sich auch in ähnlichen Formen in der Abschr., wie z. B. in den folgenden: Abschrift 55a, 13: <Crixtianiſkun>. Abschrift 60a, 1: <Crixtianiſkan>. Abschrift 60a, 3: <Krixtianiſkan>. ABBILDUNG 7 Straipsniai / Articles 31 PIETRO U. DINI Man muss deshalb zu der Annahme gelangen, dass in dem betrachteten Fall der Abschr. das zweite <> das Ergebnis einer späteren Hinfügung dieses Buchstabens ist. Hingegen war die Form <Crijtanjkas> ganz klar in den Verbess. und in dem Verz. (so, wie es auch in dem Originaldruck sein sollte). 5. (Abschr. 17a,9 : Vater 9,6 : Verz. 63). ABBILDUNG N. 8 Die Abschr. zeigt <lakut>, und so schrieb ursprünglich auch Vater. In den Verbess. korrigierte er seine Schreibung zu <laikut> durch zwei Korrekturen, die er nach dem Muster des Verz. (und vermutlich nach einer Vergleichung mit dem Originaldruck) vornahm. 6. (Abschr. 21a,1 : Vater 13,24 : Verz. 63). ABBILDUNG N. 9 32 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar In der Abschr. hat man <Butta>. Hier hat Vater zuerst die Form als <Buta> falsch drucken lassen, aber nach einem Vergleich mit dem Verz. (bzw. mit dem Originaldruck) korrigierte er sie zu <Butta>; so ist es auch in den Verbess. 7. (Abschr. 24a,13 : Vater 17,26 : Verz. 63). ABBILDUNG N. 10 Aufgrund der in der Abschr. vorliegenden Schreibung ließ Vater <Taukan> drucken. Es ist jedoch zu erkennen, dass der Unterschied zwischen <L> und <T> in dem Verz. klar ist. Vater korrigierte später in den Verbess. die Form zu <Laukan>, entsprechend dem Verz. (und vermutlich auch dem Originaldruck). 8. (Abschr. 25a,17–18 : Vater 19,19–20 : Verz. 63). ABBILDUNG N. 11 Straipsniai / Articles 33 PIETRO U. DINI An dieser Stelle weisen sowohl die Abschr. als auch Vater eine und dieselbe falsche Schreibung auf: <epkieckan ikai>. Später, in den Verbess. korrigierte Vater die Formen zu <epkiekan. Beh ikai>, also mit <k> statt <ck> und unter Hinzufügung von <Beh> nach dem Muster des Verz. (und vermutlich auch des Originaldrucks). 9. (Abschr. 26a,13 : Vater 20,22 : Verz. 63). ABBILDUNG N. 12 Sowohl in der Abschr. als auch bei Vater liest man <titet>, weshalb die Korrektur zu <titat> in den Verbess. erst nach der Vergleichung mit dem Verz. (und vermutlich mit dem Originaldruck) geschehen konnte. 10. (Abschr. 27a,11 : Vater 21,26 : Verz. 63). ABBILDUNG N. 13 Zuerst las Vater fälschlich <m> statt <n>. Er korrigierte später, in den Verbess. die Form zu <pogūnans>, so wie in dem Verz. (und vermutlich auch in dem Originaldruck). 34 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar 11. (Abschr. 29a,11 : Vater 24,8 : Verz. 63). ABBILDUNG N. 14 Infolge einer falschen Lesung — <r> statt <e> — ließ Vater zuerst <turri> drucken, aber in den Verbess. korrigierte er später die Form zu <turei>, wie sie in dem Verz. (und vermutlich auch in dem Originaldruck) belegt ist. 12. (Abschr. 31a,5 : Vater 26,14 : Verz. 63). ABBILDUNG N. 15 Vater ließ zuerst die Schreibung <feggūns>, so wie in der Abschr., drucken. In den Verbess. aber eliminierte er das Längzeichen und korrigierte die Form zu <feggiuns>. In diesem Fall konnte das nur nach der Vergleichung mit dem Originaldruck geschehen, weil die Lage im Verz. eine andere ist. Tatsächlich war die Form dort von Faber zuerst falsch als <feggin[n]s> gelesen und dann zu <feggūns> korrigiert worden. Straipsniai / Articles 35 PIETRO U. DINI 13. (Abschr. 32a,18 : Vater 28,34 : Verz. 63). ABBILDUNG N. 16 Auch in diesem Fall las Vater fälschlich <m> statt <n> und korrigierte erst später, in den Verbess., zu <pertenniums>. Das konnte vermutlich nach der Vergleichung mit dem Originaldruck geschehen, denn in dem Verz. ist <pertenniūns> mit einem Längzeichen belegt. 14. (Abschr. 32a,19 : Vater 28,36 : Verz. 63). ABBILDUNG N. 17 Zuerst las Vater <guit> und ließ diese Form auch so drucken. In den Verbess. korrigierte er dann die Form zu <zuit>, wie in dem Verz., und begründete sein Verfahren wie folgt: »(welches aber im Originale wohl Druckfehler ſtatt guit iſt, da ſonſt kein z vorkommt)«. Tatsächlich ist schon in der Abschr. <zuit> deutlich zu erkennen. 36 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar 15. (Abschr. 33a,12 : Vater 29,30 : Verz. 63). ABBILDUNG N. 18 Vater las fälschlich <n> statt und ließ <andaſei> ausdrucken. In den Verbess. korrigierte er die Form in <audasaɪ> zum Teil nach dem Muster des Verz. wo <audaſai> mit <ʃ> belegt ist (und vermutlich war es so auch in dem Originaldruck). 16. (Abschr. 35a,12 : Vater 32,6 : Verz. 63). ABBILDUNG N. 19 Man erkennt in der Abschr. wie auch bei Vater die Schreibung <etwerpſenniem>, die erst später, in den Verbess., zu <etwerpſenniem> korrigiert wurde. Hier ist wieder eine falsche Schreibung Vaters zu konstatieren, denn in dem Verz. (und vermutlich auch in dem Originaldruck) ist offensichtlich <etwerpſenniŋn> belegt. Straipsniai / Articles 37 PIETRO U. DINI 17. (Abschr. 35a,12 : Vater 32,8 : Verz. 63). ABBILDUNG N. 20 Hier ließ Vater zuerst <Iſprettinge> drucken, so wie in der Abschr. Dann, in den Verbess., korrigierte er die Form zu <Iſprettingi> ohne Längezeichen. In dem Verz. steht aber offensichtlich <i>, was Vater nicht berücksichtigt hat. 18. (Abschr. 38a,8 : Vater 36,4 : Verz. 63). ABBILDUNG N. 21 Vater ließ zuerst <eſſei>, so wie in der Abschr., drucken. Dann, in den Verbess., korrigierte er die Form zu <aſſei>, so wie in dem Verz. (und vermutlich auch in dem Originaldruck). 38 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar 19. (Abschr. 43a,3 : Vater 42,32 : Verz. 63). ABBILDUNG N. 22 Anders als <feititentiis> wie in der Abschr. schlug Vater in den Verbess. vor, die Form zu »<feititēntis> (so geteilt)« zu korrigieren. Diese Form ist in dem Verz. belegt, und vermutlich entsprach diese Teilung auch dem Originaldruck. 20. (Abschr. 43a,5 : Vater 43,6 : Verz. 63). ABBILDUNG N. 23 Hier las Vater falsch <-u> statt <-n> und ließ zuerst die Form <abſergiſnau> drucken. In den Verbess. korrigierte er sie aber sie zu <abſergiſnan>. In der Abschr. steht <abſergīnan>. In dem Verz. (und vermutlich auch in dem Originaldruck) steht aber <abſergīnan> ohne Längezeichen und zweimal mit <ſ>. Straipsniai / Articles 39 PIETRO U. DINI 21. (Abschr. 48a,14 : Vater 51,12 : Verz. 63). des wegen wird ein steffe paggan wirft ains ABBILDUNG N. 24 Vater korrigierte hier einen typischen Fall von saut du même au même, der schon in der Abschr. von Hennig vorhanden ist: Beim Abschreiben des Enchiridions ließ Hennig – und in seiner Nachfolge auch Vater – einen ganzen Satz ausfallen, und zwar innerhalb von zwei Wiederholungen von <ſteffe paggan>. Vater erklärt hierzu in den Verbess.: »<ſteffe paggan> iſt hinzuzusetzen: <kai tenna eſſe wyrau imta aſt, ſteffe paggan>«. Der Fall war schon auch in dem Verz. bemerkt worden, wo man liest: »Daſelbst nach paggan, fehlt: / kai tenna eſſe wyrau imta aſt, / Steffe paggan / Im deutſchen: darum daß ſie vom / Manne gewesen iſt«. 40 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar 22. (Abschr. 50a,7 : Vater 53,26 : Verz. 63). ABBILDUNG N. 25 Vater las fälschlich <r> statt <e> und ließ die Form <niturri> drucken. In den Verbess. korrigierte er sie aber zu <niturei>, so, wie es offensichtlich in dem Verz. (und vermutlich auch in dem Originaldruck) der Fall ist. 23. (Abschr. 57a,20 : Vater 65,24 : Verz. 64). ABBILDUNG N. 26 Ursprünglich ließ Vater so, wie in der Abschr., <Nofeilin> drucken. Später, in den Verbess., korrigierte er die Form zu <Nofeilien>, nach dem Muster des Verz. (und vermutlich auch des Originaldrucks). 4.1. Synopsis I Stellt man alle Beobachtungen zu den Datensammlungen zusammen, ergibt sich folgende Synopsis: Straipsniai / Articles 41 PIETRO U. DINI In sieben Fälle ist ein wichtiger Unterschied zwischen Verbess. und Verz. festzustellen. Im Vergleich mit dem Verzeichnis zeigen Vaters Verbesserungen und Zusätze folgende Unterschiede: einmal Vorhandensein des Längezeichens (vgl. 2.), hingegen dreimal dessen Fehlen (vgl. 12., 13., 17., 21.), und schließlich zwei unterschiedliche Schreibungen (vgl. 15., 20.). Im Einzelnen: Zu 2.: <Länkinan> lässt erkennen, dass die Korrektur mit dem Längezeichen nicht nur nach dem Muster des Originaldrucks, sondern auch nach der Abschrift hätte geschehen können. 42 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar Zu 12.: <ʃeggiuns>. Die Korrektur – d. h. die Eliminierung des Längzeichens – konnte nur nach der Vergleichung mit dem Originaldruck geschehen. Zu 13.: <pertenniuns>. Die Korrektur – d. h. die Eliminierung des Längzeichens – konnte nur nach der Vergleichung mit dem Originaldruck geschehen. Zu 15.: <audafai>. Man merkt <ʃ> statt <s>; diese Veränderung kann schon als falsche Nachschreibung der Form in Verz. erklärt werden (siehe oben 4.). Zu 17.: <lʃprettingi>. Die Korrektur – d. h. die Eliminierung des Längzeichens – konnte nur nach der Vergleichung mit dem Originaldruck geschehen. Zu 20.: <abſergiʃnan>. Die Eliminierung des Längzeichens und auch das Vorhandensein von <ʃ...s> statt <ʃ...ʃ> hat nur nach der Vergleichung mit dem Originaldruck geschehen können. Zu 21.: In diesem Fall ist <y> statt <ÿ> hervorzuheben. Die wenigen Fälle, in denen die eine Verbesserung bzw. ein Zusatz Vaters in Fabers Verzeichnis keine Bestätigung findet, sind logisch nur so zu verstehen, dass der Herausgeber direkt in dem Originaldruck nachgeschaut hat. Ich habe aber schon darauf aufmerksam gemacht, dass (1) der Originaldruck in Königsberg aufbewahrt wurde und (2) die Schlussvergleichung nicht von dem Herausgeber, sondern von Faber durchgeführt worden war. Außerdem (3) kann man nicht mit Sicherheit ausschließen, dass Vater keine neuen Fehler unterlaufen sind. Die neue Zusammenstellung in 4.2. könnte dazu dienen, möglicherweise Gegenbeweise zu ermitteln. 4.2. Synopsis II Wenn wir annehmen, dass die Formen in Vaters Verbesserungen und Zusätze auf tatsächlich in dem Originaldruck vorhandene Formen zurückgehen, dann wäre es für die Untermauerung dieser Hypothese angebracht, auch die drei anderen Exemplare des Enchiridions in die vergleichende Analyse der fraglichen Fälle mit einzubeziehen. Zusammenfassend ergibt sich folgende Synopsis: Vater (1821) Exemplare des Enchiridions Verbess. B1 B2 D 2. <Länkinan> <Länkinan> <Länkinan> <Länkinan> 8. <epkjekan. Beh ikai> <epkjеckan. Bhe ikai> <epkjеckan. Bhe ikai> <epkjеckan. Bhe ikai> 12. <ʃeggiuns> <ʃeggiuns> <ʃeggiuns> <ʃeggiuns> 13. <pertenniuns> <pertenniuns> <pertenniuns> <pertenniuns> Straipsniai / Articles 43 PIETRO U. DINI Vater (1821) | Exemplare des Enchiridions | Verbess. | B1 | B2 | D 15. | <audəsai> | <audaʃei> | <audaʃei> | <audaʃei> 20. | <abʃergiʃnan> | <abʃergiʃnan> | <abʃergiʃnan> | <abʃergiʃnan> 21. | <kaj tenna eʃʃe wyrau imtā aʃt, ʃteʃʃe paggan> | <kaj tenna eʃʃe wijrau imtā aʃt, Steʃʃe paggan> | <kaj tenna eʃʃe wijrau imtā aʃt, Steʃʃe paggan> | <kaj tenna eʃʃe wijrau imtā aʃt, Steʃʃe paggan> Aufgrund der Vergleichung mit den anderen Exemplaren des Enchiridions ergeben sich folgende Feststellungen: Zu 2.: Verbess. <Lānkīnan> mit Längezeichen auf dem ersten <a> entspricht B1, B2 und D. Zu 8.: Verbess. <epkiekan. Beh ikai> entspricht B1, B2 und D <epkiečkan. Bhe ikai> nicht. Zu 12.: Verbess. <ʃeggiuns> entspricht B1, B2 und D. Zu 13.: Verbess. <pertenniuns> entspricht B1, B2 und D. Zu 15.: Verbess. <audəsai> entspricht B1, B2 und D <audaʃei> nicht. Zu 20.: Verbess. <abʃergiʃnan> ohne das Längzeichen auf <i> entspricht B1, B2 und D nicht. Zu 21.: Mit <wyrau> befolgt Vater seine typische Schreibung mit <y> statt <ii> wie in B1, B2 und D. Außerdem steht bei Vater <wijrau> wie auch in den anderen Exemplaren des Enchiridions. Diese Form muss aber überall zu <wijran> korrigiert werden. Nur in drei Fällen (2., 12., 13.) stimmt Vater in den Verbesserungen und Zusätzen mit B1, B2 und D überein, in drei Fällen (8., 15., 20.) hingegen nicht. Ein Fall (21.) ist unklar. Daher ist es nicht gestattet, anzunehmen, dass Vater nur nach Einblick in den Originaldruck die Formen verbessert habe. Es bleibt deshalb die Vermutung, dass Vater gerade in der Sektion Verbesserungen und Zusätze neue Fehler unterlaufen sind. 4.3. Bindefehler Bestimmte Stellen in dem Text der Abschrift und bei Vater sind eindeutige Leitfehler, die klar zeigen, wie genau Vater der Abschrift Hennigs gefolgt ist. Dies sind Fälle falscher Lesungen, die auch nach der letzten Vergleichung mit dem Originaldruck, die von Faber durchgeführt worden war, geblieben sind. 44 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar Ein makroskopisches Beispiel wird ausreichen, um diesen Sachverhalt zu verdeutlichen: (Absch. 21a,1 : Verz. Ø : Vater 13,23). ABBILDUNG N. 27 Der Fall ist klar: Zu konstatieren ist eine falsche Lesung sowohl in Abschr. als auch bei Vater, die beide hier <Wou̯ſon> bzw. <Vou̯ſon> statt Nou̯ſon »unser« lesen. Eine Vergleichung mit den anderen Exemplaren des Enchiridions zeigt unzweifelhaft, dass nur Nou̯ſon belegt ist: B1, S. 24a. B2, S. 236. D, S. 19a. ABBILDUNG N. 28 Straipsniai / Articles 45 PIETRO U. DINI Die Vergleichung zeigt darüber hinaus nicht nur, dass bekanntlich Noūfon die richtige Form ist (dies entspricht unserer Kenntnis der altpreußischen Sprache), sondern auch, dass zwischen der Abschrift und Vaters Veröffentlichung (1821) ein eindeutiger Bindefehler zu konstatieren ist. 4.4. Zwischenfazit Nach erneuter Zusammenstellung und Vergleichung ist das sich ergebende Gesamtbild keineswegs eindeutig. Statt den Nebel zu lichten, wirft die Analyse neue Fragen auf. Ist es, zum Beispiel, überhaupt denkbar, dass so viele Unterschiede ausschließlich auf das Konto von Vaters Nachlässigkeit gehen? Bedenkt man die bereits oben in 2.4 festgestellten (Druck)Fehler, scheint eine solche Vermutung allerdings durchaus plausibel. Im Anschluss an diese Feststellung kann man ferner spekulieren: 1820/1821 beendete Vater seine Studie in Halle und Berlin, und in Berlin stand ihm nur das Material des Bandes Ms. boruss. fol. 462. zur Verfügung, weil das „Büchlein“ bzw. der Originaldruck in Königsberg verblieben war. Aufgrund sowohl von textinternen als auch von textexternen Beweisen dürfen wir begründeterweise vermuten, dass Vater nicht nur den Originaldruck in Wirklichkeit nicht selbst eingesehen hat, sondern auch, dass er das Verzeichnis von Faber sehr nachlässig benutzt hat. 5. DAS SCHICKSAL DES „HENNIG-VATER“-EXEMPLARS Nach dem Gesagten bin ich davon überzeugt, dass es gelungen ist, Hennigs und Vaters Bemühungen um die Rettung eines Exemplars des altpreußischen Enchiridions gebührend zu würdigen. Es hat sich darüber hinaus gezeigt, dass dasjenige Exemplar, auf dessen Grundlage sowohl die Abschrift von Hennig als auch die Studie von Vater (1821) angefertigt worden sind, ein damals im Geheimen Archiv in Königsberg aufbewahrter und unvollständiger Originalurdruck gewesen ist. Die Lage kann schematisch wie folgt dargestellt werden: 46 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar ABBILDUNG N. 29 Knapp 25 Jahre nach dem Erscheinen von Vater Studie (1821) ist dieses Exemplar von Nesselmann (1845: S. XIX) in folgendem Zusammenhang berücksichtigt worden: »Von dieser ebenfalls sehr seltenen und lange Zeit für verloren gehaltenen Uebersetzung [ins Altpreußische des „Kleinen Katechismus“ von M. Luthers] sind zwei vollständige Exemplare in der hiesigen Königlichen Bibliothek, ein unvollständiges, in welchem die letzten drei Blätter fehlen, in der Bibliothek des hiesigen Geheimen Archivs vorhanden«. In diesem Zitat sind insbesondere folgende Worte hervorzuheben: »ein unvollständiges [Exemplar], in welchem die letzten drei Blätter fehlen, [ist] in der Bibliothek des hiesigen Geheimen Archivs vorhanden«. Anschließend führt Nesselmann (1845: S. XX) noch eine weitere wichtige Nachricht an: »Dieser Katechismus ist nur einmal, aber nach dem unvollständigen, früher dem Professor und Director des Geheimen Archivs zu Königsberg, A. E. Hennig, seit dessen Tode dem Geheimen Archiv angehörigen Exemplare abgedruckt worden in dem unten näher zu beschreibenden Werke von Vater«. Tatsächlich ist die Ausgabe von Vater (1821) – wie bekannt – die erste Ausgabe eines Exemplars des Enchiridions überhaupt gewesen. Es ist aber nur zum Teil richtig, mit Nesselmann zu behaupten, Vater habe sich unmittelbar auf den Originaldruck von Hennig gestützt. Ich hoffe, oben gezeigt zu haben Straipsniai / Articles 47 PIETRO U. DINI (vgl. 3.), dass Vater s Ausgabe vielmehr auf Hennigs Abschrift des Originaldrucks beruhte. Zu unterstreichen ist einmal mehr, dass sowohl Hennig als auch Vater fest davon überzeugt waren, dass „ihr“ Exemplar des Enchiridions der einzige existierende Originaldruck, also ein Unikum gewesen sei. Hingegen wusste bereits Nesselmann, dass in Königsberg noch zwei andere Exemplare aufbewahrt wurden, so dass er Vater gegenüber den Vorwurf erhob, sich in Königsberg nicht genügend umgesehen zu haben¹². Dreißig Jahre nach Nesselmanns Erwähnung – also ein halbes Jahrhundert nach Vater (1821) – findet man noch ein ähnliches Zeugnis. Adalbert Bezzenberger (1874: S. 1231) schrieb damals: »Ein drittes, unvollständiges Exemplar des „Enchiridions“ war weiterhin im Geheimen Archiv zu Königsberg vorhanden«. Hier ist besonders bemerkenswert, dass dieses Exemplar nach Bezzenbergers Formulierung zu dem Zeitpunkt, zu dem er seine Arbeit verfasste, im Geheimen Archiv zu Königsberg gewesen „war“, was ja wohl bedeutet, dass es damals, 1874, dort nicht mehr vorhanden war. Noch in der Vorkriegszeit heißt es bei Trautmann (1910: S. XXVII): »eins [d.h. ein Exemplar] im Kgl. Staatsarchiv zu Königsberg, dem am Schluß 3 Blätter (S. 129–134)¹³ fehlen (nach einer Notiz am Schlusse war das schon 1823 der Fall)«¹⁴. Hingegen haben sich in der Nachkriegszeit alle Spure dieses Exemplars allmählich verloren. Seine einstige Existenz war noch Mažiulis (1966: S. 38) bekannt. Er erwähnt einen unvollständigen Originaldruck des Enchiridions aus dem Geheimen Königlichen Archiv in Königsberg aber nur en passant, und zwar desjenigen Exemplars, das nicht die letzten Seiten aufgewiesen haben ¹² Darüber vgl. Verf. (2021). ¹³ Das ist sehr wahrscheinlich zu 126–134 zu korrigieren; siehe unten die letzte Fußnote dieses Beitrages. ¹⁴ Da Trautmann eine „Notiz am Schlusse“ nennt, könnte man sogar vermuten, dass er den Originaldruck noch gesehen hat. Leider behauptet er dies nicht ausdrücklich, und deshalb muss dieser Punkt offenbleiben. Auf der anderen Seite konnte Trautmann diese Information nicht von den vorigen Herausgebern bekommen haben, weil niemand von ihnen darüber etwas geschrieben hat. 48 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar soll15. Damals konnte er über das Schicksal dieses Exemplars weiter nichts mehr in Erfahrung bringen. 5.1. In cauda venenum... Wie immer es auch gewesen sein mag, so sind jedenfalls die Herausgeber aus der Vorkriegszeit einig in der Feststellung, dass dem „Büchlein“ von Hennig bzw. dem Originaldruck des Enchiridions die letzten drei Blätter gefehlt haben. Im Fall der Ausgabe von Vater bleibt diesen Punkt aber unklar und schwer zu lösen. Vergleicht man den bei Vater (1821: S. 68) veröffentlichten Schlussteil des Textes mit den letzten Karten in der Abschrift von Hennig, dann stellt man folgenden makroskopischen Unterschied fest: Die Seite 68 bei Vater (siehe 8. Abbildung N. 39) entspricht nicht dem Ende der Abschrift von Hennig (siehe 8. Abbildung N. 40). Betrachtet man die Seite 68 bei Vater noch genauer, dann bemerkt man, dass sie den Text der Karte 60a in der Abschrift und auch das Anfangsteilchen der Karten 60b (altpreußisch) und 61a (deutsch) enthält. Noch konkreter endet die Seite 68 mit der „Behauptung der Widersage“: ABBILDUNG N. 30. Ende von Seite 68 bei Vater (1821) Man sieht, dass das letzte Wort (Atträiti.) aus der drittletzten Zeile der Seite 68 und die gesamten zwei letzten Zeilen dem Anfangsteil der darauffolgenden Karte 60b (deutsch) und 61a (altpreußisch) in der Abschrift entsprechen: 15 Vgl. Mažiulis (1966: S. 38): buvusio Karaliaučiaus Valstybiniame archyve egzemplioriaus (be 129–134 p.), likimas nėra man žinomas »Aber das Schicksal dieses Exemplars wie auch das des Exemplars im [Geheimen] Staatsarchiv Königsberg (ohne die Seiten 129–134) ist mir nicht bekannt«; vgl. Verf. (2020a: S. 319–320); siehe unten die vorletzte Fußnote dieses Beitrages. Straipsniai / Articles 49 PIETRO U. DINI ABBILDUNG N. 31. Anfang der Karte 60b (deutsch) in der Abschrift ABBILDUNG N. 32. Anfang der Karte 61a (altpreußisch) in der Abschrift Wie es hatte geschehen können, dass Vater (1821) am Ende seiner Seite 68 gerade den Anfangsteil und nicht den Rest des Textes in der Karte 60b und 61a wiedergeben konnte, bleibt gegenwärtig ohne irgendeine plausible Erklärung. Aber noch wichtiger ist, dass der Text der Abschrift fast zwei Seiten länger als derjenige ist, der bei Vater (1821) belegt ist. Ich unterstreiche das Wort „fast“, da die ersten zwei Zeilen – wie bereits dargelegt – auch bei Vater aufgenommen wurden. Tatsächlich bleiben die drei weiteren Karten in der Abschrift (d. h. 60b – deutsch, 61a – altpreußisch und 61b – deutsch) bei Vater ohne Entsprechung (siehe 8. Abbildungen N. 41, 42, 43). Bedauerlicherweise bleibt die Frage nach den Gründen für die Weglassung des Textschlusssteils (fast zwei Karten) der Abschrift von Hennig, die in Vater (1821) nicht veröffentlicht wurde, ohne Antwort. Alle diese Beobachtungen und Überlegungen führen wieder zu der Frage, inwieweit und nach welchen Kriterien Vater die Abschrift von Hennig benutzt hat, und auch, ob er den Originaldruck überhaupt jemals eingesehen hat. 50 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar 6. DAS VERSCHOLLENE UNVOLLSTÄNDIGE „VH“-EXEMPLAR Am Ende dieser Erörterungen ist unsere Kenntnis von der Überlieferungsgeschichte eines heute verschollenen Exemplars des altpreußischen Enchiridions hoffentlich etwas erweitert und verbessert worden. Auf diesem Wege hat Hennigs „Büchlein“ etwas an textueller Substanz gewonnen und ist nicht mehr nur eine inhaltslose bibliographische Angabe. Ich schlage vor, das vierte, unvollständige, heute verschollene Exemplar des altpreußischen Enchiridions als „HV“-Exemplar zu bezeichnen. Dieses Exemplar ist heute in zwei Varianten bekannt: (1) als handschriftliche, längere Variante, die in der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (Haus Nr. 1, Unter den Linden) unter der Signatur: Ms. boruss. fol. 462. – aufbewahrt wird, und (2) eine gedruckte, kürzere Variante, die von Vater (1821) veröffentlicht worden ist. Es soll hier aber noch einmal hervorgehoben werden, dass der Text der längeren Variante bzw. der Abschrift von Hennig insgesamt um neun Karten kürzer ist – inklusive des am Ende gleichfalls fehlenden preußischen Wappens mit der Überschrift: IVSTVS EX FIDE VIVIT – als derjenige Text, der in den anderen bekannten Exemplaren (B1, B2 und D) und auch bei den späteren Herausgebern des altpreußischen Enchiridions vorhanden ist. Noch präziser gesagt: Der Text endet in der Abschrift mit der Karte 60b, die der Seite 240 der Ausgabe von Mažiulis 196616 entspricht. (und auf Seite 77.27 der Ausgabe von Trautmann 1910)17 entspricht. 7. THESENARTIGE SCHLUSSBEMERKUNGEN Schließlich möchte ich versuchen, wenn auch nur thesenartig, einige Schlussfolgerungen vorzustellen. Man kann sehr wohl behaupten, dass ohne die vorläufige Bearbeitung von Hennig die Ausgabe Vaters nie erschienen wäre. Meines Erachtens enthält 16 Laut Mažiulis (1966) fehlen die Seiten 126–134 des Exemplars III und die Seiten 110–118 des Exemplars D. 17 Laut Trautmann (1910) fehlen die Seiten 126–134 des Exemplars K und die Seiten 111–118 des Exemplars D. Hier ist eine Ungenauigkeit mit der Beobachtung Trautmanns (1910: S. XXVII–XXVIII, wo die Seiten 129–134 angegeben sind) zu konstatieren (vgl. Verf. 2020). Straipsniai / Articles 51 PIETRO U. DINI der in Heckmann (2019: S. 31–33) abgeschriebene Band Ms. boruss. fol. 462. die Abschrift von Hennig – und nicht die von Vater selbst! – zusammen mit anderen Materialien. Anders und wahrscheinlich noch genauer gesagt: Die Ausgabe Vaters beruht auf der von Hennig angefertigten Abschrift des Enchiridions. Das kann man aufgrund sowohl von textinternen (vor allem den Zusammenstellungen von Datensammlungen) als auch von textexternen (vor allem der Analyse des Vorwortes von Vater 1821) Belegen mit Sicherheit behaupten. Dennoch zeigt die Ausgabe Vaters eine makroskopische Weglassung bzw. Abkürzung am Ende des Textes des Enchiridions im Umfang von fast zwei Seiten, die Gründe für welche weder ersichtlich noch nachvollziehbar sind. Diese Tatsache wie auch das Vorhandensein vieler anderer kleinerer und größerer Ungenauigkeiten unterschiedlicher Natur lassen die Ausgabe Vaters als nicht besonders zuverlässig erscheinen. Ein Originaldruck aus dem 16. Jahrhundert eines unvollständigen Exemplars des Enchiridions, das Hennig besessen und schriftlich wiedergegeben hat, ist den Prussisten immer bekannt gewesen, galt aber schon seit Nesselmann (1845) als verschollen, und so ist die Situation auch heute noch. Der Unvollständigkeit dieses Exemplars bestand darin, dass ihm die Seiten 126–134 (inklusive des preußischen Wappens am Ende) fehlten. Dieses verschollene Exemplar des Enchiridions ist der der Abschrift Hennigs und folglich auch der Vaterschen Ausgabe zugrundeliegende Originaldruck gewesen. Schließlich muss auch noch das Verhältnis zwischen dem „HV“-Exemplar und den anderen bekannten Exemplaren des Enchiridions (B1, B2, D) weiter erforscht werden. Die Lösung dieser Aufgabe soll einem anderen Beitrag vorbehalten bleiben. Hier habe ich dieses Verhältnis nur insofern untersucht, wie es für das Hauptziel dieses Beitrages nötig war. Es ist darüber hinaus möglich gewesen, bestimmte Züge des verschollenen Enchiridions zu ermitteln, und zwar aufgrund einer Vergleichung der Abschrift, der Ausgabe Vaters mit dessen Verbesserungen und Zusätze[n] und des Verzeichnisses von Faber. Theoretisch besteht zwar noch die Möglichkeit, dass eines Tages der Originaldruck unter den alten Borussica-Beständen aus den Königsberger Bibliotheken ans Tageslicht kommt. Hierzu erhoffen wir noch einen weiterführenden Beitrag aus der Feder von Frau Heckmann. 52 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar 8. APPENDIX. ABBILDUNGEN Abbildung N. 33. Titelblatt von Vater 1815. Abbildung N. 34. Titelblatt von Vater 1821. Abbildung N. 35. Verbesserungen und Zusätze aus Vater (1821: S. 183). Abbildung N. 36. Titelblatt der Abschrift (Karte 2). Abbildung N. 37. Die handschriftliche undatierte Bemerkung von Vater (Karte 62a). Abbildung N. 38. Verzeichnis von Faber (Karte 63 und 64). Abbildung N. 39. Letzte Seite von Vater (1821: S. 68). Abbildung N. 40. Blatt 60a der Abschrift. Abbildung N. 41. Blatt 60b der Abschrift. Abbildung N. 42. Blatt 61a der Abschrift. Abbildung N. 43. Blatt 61b der Abschrift. Rechts sieht man auch einen Teil der undatierten Bemerkung von Vater (Karte 62a). Straipsniai / Articles 53 ABBILDUNG N. 33. Titelblatt von Vater 1815 54 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar Die Sprache der alten Preußen Einleitung, Uebersetzte, Sprachlehre; Wörterbuch, aufgestellt von Johann Severin Vater, Prof. zu Halle, Mitgliede der Akad. d. Wiss. u. gel. Gesellsch. zu Berlin, München, Philadelphia, Warschau u. a. Braunschweig, in der Schul-Buchhandlung. 1821. ABBILDUNG N. 34. Titelblatt von Vater 1821 Straipsniai / Articles 55 PIETRO U. DINI ABBILDUNG N. 35. Verbesserungen und Zusätze aus Vater (1821: S. 183) 56 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar ABBILDUNG N. 36. Titelblatt der Abschrift (Karte 2a) Straipsniai / Articles 57 PIETRO U. DINI ABBILDUNG N. 37. Die handschriftliche undatierte Bemerkung von Vater (Karte 62a) 58 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar ABBILDUNG N. 38. Verzeichnis von Faber (mehrfach gefaltete Karten 63a–64b) Straipsniai / Articles 59 PIETRO U. DINI ABBILDUNG N. 39. Letzte Seite von Vater (1821: S. 68) 60 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar ABBILDUNG N. 40. Blatt 60a der Abschrift Straipsniai / Articles 61 PIETRO U. DINI ABBILDUNG N. 41. Blatt 60b der Abschrift 62 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar ABBILDUNG N. 42. Blatt 61a der Abschrift Straipsniai / Articles 63 PIETRO U. DINI ABBILDUNG N. 43. Blatt 61b der Abschrift. Rechts sieht man auch einen Teil der undatierten Bemerkung von Vater (Karte 62a) 64 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVI Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Vater (1821) oder zu dem verschollenen „VH“-Exemplar QUELLE UND SEKUNDÄRLITERATUR Adelung Johann Christoph, Vater Johann Severin 1809: Mithridates oder allgemeine Sprachenkunde: mit dem Vater Unser als Sprachprobe in bey nahe fünfhundert Sprachen und Mundarten, Theil 2, Europäische Sprachen, Berlin: Voss. Bernhagen Wolfgang 1964: Johann Severin Vater, ein vergessener Slavist des 19. Jahrhunderts. – Beiträge zur Geschichte der Slawistik, hrsg. von H. H. Belfieldt, K. Horálek Berlin: Akademie-Verlag, 162–170. Bezzenberger Adalbert 1874: Rezension zu Nesselmann 1873. – Göttingische Gelehrte Anzeigen 39, 1221–1250. Bopp Franz 1853: Über die Sprache der alten Preußen, Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 24. Mai 1849, am 25. Juli 1850 und am 24. Februar 1853. – Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin aus dem Jahre 1853, Berlin: F. Dümmler’s Verlags-Buchhandlung. Fleckenstein Christa 1997: Johann Severin Vater – ein Vertreter der Frühphase der halleschen Slawistik. – Beiträge zur Geschichte der Slawistik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Teil 1 (= Slavica Varia Halensia 2), hrsg. von Chr. Fleckenstein, H. Schmidt, Halle-Wittenberg: Universitätsverlag, 34–38. Forstreuter Kurt Hermann 1955: Das Preußische Staatsarchiv in Königsberg. Ein geschichtlicher Rückblick mit einer Übersicht über seine Bestände, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Grimm Jacob 1822: Rezension zu Vater 1821. – Göttingische gelehrte Anzeigen 121, 1201–1207. Götz von Selle 1965: Vater, Johann Severin. – Altpreußische Biografie 2, hrsg. von Chr. Krollmann, Marburg: Elwert, 755. Haym Rudolf, hrsg., 1894: Briefe von Wilhelm von Humboldt an Georg Heinrich Ludwig Nicolovius, Berlin: Verlag von Emil Felber. Heckmann Marie-Luise 2019: Prussica und Lithuanica in der Staatsbibliothek zu Berlin–Preußischer Kulturbesitz. – Acta Linguistica Lithuanica 81, 22–51. Krollmann Christian 1974: Faber, Karl. – Altpreußische Biographie 2, hrsg. von Chr. Krollmann, Marburg: Elwert, 172. Kuhn Ernst 1895: Vater, Johann Severin. – Allgemeine Deutsche Biographie 39, 503–508. Lehn erdt Joh. Max 1974: Hennig, Abraham Ernst. – Altpreußische Biografie 2, hrsg. von Chr. Krollmann, Marburg: Elwert, 286. Straipsniai / Articles 65 PIETRO U. DINI Linde Samuel B. 1822: O języku dawnych prusaków. Rozbior dzieła professora Vatera, w Warszawie w drukarne Xięży Pharów. Mažiulis Vytautas 1966: Prūsų kalbos paminklai 1, Vilnius: Mintis. Mažiulis Vytautas 1981: Prūsų kalbos paminklai 2, Vilnius: Mokslas. Mone Franz J. 1821: Rezension zu Vater 1821. – Heidelberger Jahrbücher der Literatur 5(31), 489–495. Ms. boruss. fol. 462: Johann Severin Vater: Enchiridion. 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Vater Severin Johann 1815: Linguarum totius orbis Index alphabeticus, quarum Grammaticae, Lexica, collectiones vocabulorum recensentur, patria significatur, historia adumbratur oder Litteratur der Grammatiken, Lexica und Wörtersammlungen aller Sprachen der Erde nach alphabetischer Ordnung der Sprachen, mit einer gedrängten Uebersicht des Vaterlandes, der Schicksale und Verwandtschaft derselben, Berlin: in der Nicolaischen Buchhandlung. Vater Severin Johann 1821: Die Sprache der alten Preußen: Einleitung, Ueberreste, Sprachlehre, Wörterbuch, Braun(schweig: in der Schul-Buchhandlung Halle, gedruckt in der Gebauer schen Buchdruckerei. Verf. 2014: Dėl prūsų kalbos tekstų švado susidarymo, eds. by T. Civjan, M. Zavjalova, A. Judžentis. – Baltai ir slavai: dvasinių kultūrų sankirtos, Vilnius: Versmė, 89–100. 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Verf. 2021: Zur textuellen Grundlage des altpreußischen Enchiridions bei Nesselmann (1845) und dessen Nachfolgern Uhlenbeck (1889) und Berneker (1896). – Baltistica 56(1), 107–120. Vaterio prūsiškojo Enchiridiono (1821) pirminio teksto, arba prarastojo „HV“ egzemplioriaus, klausimų SANTRAUKA Kai kurie svarbūs Vaterio leidimo (1821) aspektai vis dar nėra aiškūs. Ypač daug klausimų kelia Vaterio išspausdinto teksto ryšys su rankraštine prūsiškojo Enchiridiono kopija, saugoma Ms. boruss. tome, fol. 462 (Berlyne), kuri iki šiol nebuvo žinoma. Šios kopijos autorius A. E. Henigas ją padarė remdamasis jam priklausiusiu spausdintu, nepilnu Enchiridiono egzemplioriumi. Šis prūsiškojo Enchiridiono egzempliorius buvo laikomas prarastu jau Neselmano (1845) laikais. Tiek vidiniai, tiek išoriniai argumentai rodo, kad prarastasis spausdintas, nepilnas egzempliorius buvo Henigo rankraščio, taigi vėliau ir Vaterio leidimo, atskaitos taškas. Šiame egzemplioriuje trūko 126–134 puslapių. Įdomu tai, kad Vaterio išspausdintas tekstas yra dviem puslapiais trumpesnis nei Henigo rankraštinė kopija. Įvairių duomenų palyginimas leidžia atkurti kai kuriuos prarastojo egzemplioriaus požymius. Siūlyčiau šį egzempliorių vadinti „HV“ egzemplioriumi. Įteikta 2021 m. spalio 9 d. PIETRO U. DINI Pizos universitetas Via S. Maria 36, I–56126 Pisa, Italija [email protected] Straipsniai / Articles 67